(Robert Hot spaziert mit einer Flinte vor dem Palast auf und ab.)
(Es ist Nacht. In dem einen FlÜgel des Palasts schimmert hinter
einer roten Gardine ein Licht durch.)
ROBERT. Da steck ich nun im Musketierrock, ich armer Protheus. Habe
die Soldaten, und ihre Knechtschaft, und ihre Pünktlichkeit sonst
Ärger gehaßt, wie den Teufel.--Ha! was täte man nicht um dich,
Armida? Es ist kalt. Brennt doch ein ewigs Feuer in dieser Brust,
und wie vor einem Schmelzofen glüh` ich, wenn ich meine Augen zu
jenen roten Gardinen erhebe. Dort schläft sie, dort schlummert sie
jetzt vielleicht. O, der Kissen zu sein, der ihre Wange wiegt.--Wenn
der Mond, der so dreist in ihn Zimmer darf, sie weckte, wenn er sie
an's Fenster führte!--GÖtter!--Mein Vater kommt morgen an, mich
nach England zurückzuführen--Komm, schöne Armida, rette mich! Laß
mich dich noch einmal demütig anschauen, dann mit diesem Gewehr mir
den Tod geben; meinem Vater auf ewig die grausame Gewalt nehmen, die
er über mich hat. Mich nach England zurückzuführen! Mich zu den
öffentlichen Geschäften brauchen! Mich mit Lord Hamiltons Tochter
verheiraten! (schlägt auf sein Gewehr) Kommt nur! Eher möchtet ihr
mich mit dem Teufel verheiraten. (geht lange stumm auf und ab.) O wie
unglücklich ist doch der Mensch! In der ganzen Natur folgt alles
seinem Triebe, der Sperber fliegt auf seine Beute, die Biene auf ihre
Blume, der Adler in die Sonne selber--Der Mensch, nur der Mensch--Wer
will mirs verbieten? Hab ich nicht zwanzig Jahre mir alles versagt,
was Menschen sich wünschen und erstreben? Pflanzenleben gelebt,
Steinleben? Bloß um die törichten Wünsche meines Vaters auszuführen;
alle sterbliche Schönheit hintan gesetzt, und wie ein Schulmeister
mir den Kopf zerbrochen; ohne Haar auf dem Kinn wie ein Greis gelebt,
über nichts als Büchern und leblosen, wesenlosen Dingen, wie ein
abgezogner Spiritus in einer Flasche, der sich selbst verraucht. Und
nun, da ich das Gesicht finde, das mich für alles das entschädigen
kann, das Gesicht, auf dem alle Glückseligkeit der Erde und des
Himmels, wie in einem Brennpunkt vereinigt, mir entgegen winkt, das
Lächeln, das mein ganzes unglückliches, sterbendes, verschmachtendes
Herz umfaßt, und meinen ausgetrockneten, versteinerten Sinnen auf
einmal zuzuwinken scheint: Hier ist Leben, Freude ohne Ende,
Seligkeit ohne Grenzen--Ach! ich muß hinauf,--so wahr ein jeder
Mensch einen Himmel sucht, weil er auf Erden nicht zufrieden werden
kann.
(Er schießt sein Gewehr ab, das Fenster öffnet sich, die Prinzessin
sieht heraus.)
ROBERT. (kniet.) Sind Sie's, göttliche Armida?--O zürnen Sie nicht
über diese Verwegenheit! Sehen Sie herab auf einen Unglücklichen,
der zu sterben entschlossen ist, und kein anderes Mittel wußte, Sie
vor seinem Tod noch einmal zu sehen, Ihnen zu sagen, daß er für Sie
stirbt. Die Sonne zürnt nicht, wenn ein dreister Vogel ihr entgegen
fliegt und, von ihrem Glanz betäubt, sodann tot herab ins Meer fällt.
ARMIDA. Wer spricht dort mit mir?
ROBERT. Erlauben Sie mir, daß ich herauf komme, Ihnen meinen Namen zu
nennen, meine Geschichte zu erzählen. Das tote Schweigen der Natur,
und die feierliche Stille dieser meiner Sterbestunde flößt mir Mut
ein. Ich gehe zum Himmel, wenn es einen gibt, und einem Sterbenden
muß alles erlaubt sein.--(will aufstehen.)
ARMIDA. Verwegner! Wer seid ihr?
ROBERT. Ich bin ein Engländer, Prinzessin; bin der Stolz und die
Hoffnung meines Vaters, der Lord Hot, Pair von England. Auf der
letzten Maskerade bei Hof hab ich Sie gesehen, hab ich mit Ihnen
getanzt; Sie haben es vergessen, ich aber nicht. Ich kann und darf
nicht hoffen, Sie jemals zu besitzen, doch kann ich nicht leben ohne
diese Hoffnung. Morgen kommt mein Vater an und will mich nach
England zurückführen, und mit Lord Hamiltons Tochter verheiraten.
Urteilen Sie nun, wie unglücklich ich bin. Er darfs nicht wissen,
daß ich Soldat bin, sonst kauft er mich los; und wo denn Schutz
finden; was denn anfangen, wenn mich dieser heilige Stand vor ihm und
Lord Hamilton nicht mehr sicher stellen kann?--Bedauern Sie mich,
Prinzessin; ich sehe, ich sehe das Mitleid aus ihren schwarzen Augen
zittern; ich kann diesen süßen Seufzer mit meinen Lippen auffangen,
der ihren Busen mir so göttlich weiß entgegen hebt.--O in diesem
Augenblick zu sterben ist alle Glückseligkeit des Lebens wert.
ARMIDA. Mein Herr! ich sehe wohl, daß Sie was anders sind, als Sie zu
sein scheinen--daß Sie Bedauern verdienen--Sie sind damit zufrieden,
wenn ich Sie bedauere? Ist Ihnen diese Versicherung nicht genug, so
bedenken Sie doch, daß mehr verlangen, mein Unglück verlangen hieße.
ROBERT. Ach, schöne Prinzessin! Nichts als bedauern? Und wenn auch
das Sie nicht glücklich macht, so will ich den Urheber Ihres Unglücks
strafen. (springt auf, nimmt sein Gewehr wieder, und geht herum. Die
Runde kommt.)
ROBERT. Wer da?
RUNDE. Runde!