Der Oberamtsrichter von Neckarsulm 280

Über Verfasser und Inhalt.

Auch in der schweren Zeit des Weltkrieges soll dem guten deutschen

Humor eine bescheidene Stätte gewahrt bleiben: das Bedürfnis nach

vorübergehender Entspannung wird sich immer wieder und bei vielen, im

Felde und daheim, einstellen; weder ätzende Satire noch gewöhnliche

Kalauer sind jetzt angebracht, wohl aber die harmlose Fröhlichkeit,

deren Reich sich in diesem Bande von der Wasserkante nach Berlin, an

den Rhein und die Donau erstreckt.

Viele fühlten sich berufen, aber wenige sind auserwählt, in Reuters

Fußstapfen zu treten. ~Carl Beyer~, der Pfarrer a. D., der in

Rostock lebt, darf sich zu den wenigen rechnen; obwohl er durchaus

nicht immer Dialekt schreibt und in den größeren Werken meist

historische Stoffe behandelt -- Reuters Geist und Humor steckt in dem

Pfarrer, tiefes Gefühl und derbrealistische Darstellung verbinden

sich, ihn zum rechten Volksschriftsteller zu erheben. Ein gutes

Beispiel bietet die rührendkomische Gestalt des Stanislaus Wetterwetzer

aus »Stane und Stine«, trefflich ergänzt durch den derbkomischen

Kriegshelden von 1870, Wilhelm Pickhingst, den wir ein gut Stück

auf seiner Fahrt nach dem Glücke, d. h. nach dem Eisernen Kreuze,

begleiten. Auch ohne verbindenden Text wird sich der Zusammenhang

leicht ergeben. --

~Ilse Frapans~ »Undeert« aus der Novellensammlung »Zu Wasser und

zu Lande« schließt passend an. Die Hamburger Meisterin niederdeutscher

Kleinkunst verleugnet sich nicht: keine Staatsaktionen und Impressionen

wirken aufregend, kleiner Leute Geschick wird ruhig erzählt, ohne

aufdringlichen Witz mit stillvergnügtem behaglichen Humor unter

glücklichster Verwendung des Dialektes, besonders lebendig in den

Kinderszenen -- am Schlusse »kriegen« sie sich. --

Noch harmloser gibt sich die Erzählungskunst des Wieners ~Balduin

Groller~ in der noch nicht in Buchform erschienenen humoristischen

Novelle »Die Tante und der Onkel«. Es steckt Wiener Blut in der

alltäglichen Geschichte, deren Kunst und Wirkung ausschließlich auf

dem flotten Vortrage des burschikosen Schwerenöters beruht. Seine

knappe Skizze »Die Entlarvung« behandelt ein gar bekanntes Thema,

den Hochstapler und das ewig Weibliche, so gewandt, daß die Aufnahme

gerechtfertigt scheint. In diesem Bande harmlos köstlichen Humors soll

etwas leichtes Gepäck nicht fehlen.

Dazu gehört auch ~Wolfgang Lenburgs~ Skizzensammlung »Oberlehrer

Müller« -- unter dem Decknamen hat sich der weitbekannte Berliner

Verlagsbuchhändler Wolfgang Mecklenburg verborgen --, aus der hier eine

Reihe Skizzen zusammengestellt sind, die unter das Stichwort »Straße

27« fallen. Der Außenseiter steht dem Zünftler weder an scharfer

Beobachtung noch an lebendiger Wiedergabe des Geschauten nach. Die

leichte Satire des gebildeten, gemütvollen Berliners verletzt nicht,

der Oberlehrerton ist echt.

~Johannes Trojan~, der gelehrte Altmeister des Kladderadatsch, der

auch für »kleine Leute« Ohr und Herz hat, wird mit dem ihm angewiesenen

Platze zufrieden sein. Als Gelehrter geht er auf die Grundbedeutung

des Wortes humor zurück: »Feuchtfröhlich und gescheut« ist Trojan,

und so sind die Proben seines Humors, die den würdigen Schluß des

Bandes bilden. Aus der Sammlung »Das Wustrower Königsschießen und

andere Humoresken« wird namentlich der Triumph der Beredsamkeit: »Wie

man einen Weinreisenden los wird« des Beifalls sicher sein; unter den

Gedichten mag der Heldensang vom trunkfesten Oberamtsrichter manch

bravem Zecher ein verständnisvolles Schmunzeln entlocken, auch die

Hansimglückbearbeitung hat ihren Reiz, und die Moral des Liedes von der

Männertreue und vom Weiberkriege wird Kennern und Kennerinnen, auch

solchen, die es werden wollen, des Beifalls würdig scheinen.

Carl Beyer,

Stanislaus Wetterwetzer.

Aus Wilhelm Pickhingsts

Kriegsfahrten.

Mit Genehmigung des Verlages Fr. ~Bahn~ in ~Schwerin~ i.

Meckl. aus »~C. Beyer, Stane und Stine~«, gbd. M. 1.--, und aus

»~Wilhelm Pickhingsts Kriegsfahrten~«, kart. M. 1.--.

Stanislaus Wetterwetzer.

»Guten Tag, Herr Pastor! -- Da bin ich, Herr Pastor!«

Der Angeredete, der bei einer schwierigen Synodalarbeit beschäftigt war

und in Gedanken versunken herein gerufen hatte, ohne den Eintretenden

zu beachten, wurde in unwillkommener Weise aufgestört, zog schnell

noch einige Male kräftig an seiner Pfeife, so daß sie unten in dem

Schreibtischdunkel sichtbar glühte und gemütlich knisterte (es mußte

also wohl ziemlich viel Stengeltabak drin stecken), stieß mächtig Rauch

wie ein Dampfer aus und tauchte nun langsam und majestätisch aus Wolken

auf. Er musterte den kleinen Mann, der ihn so vergnügt ansah, als wären

sie alte Bekannte, und entdeckte auf den ersten Blick, daß er einen

echten Landstreicher vor sich hatte.

»Da sind Sie,« sagte er ruhig, paffte noch ein paarmal nachdrücklich

und stellte bedächtig seine Pfeife beiseite. »Jetzt würde es sich nur

darum handeln: Wer sind Sie und was wollen Sie?«

»O Herr Pastor,« der Landstreicher nahm seine ihm entfallene Mütze

wieder auf und sandte dabei halb verschämt, halb lächelnd einen Blick

von unten auf in das ruhige, feste Gesicht des Geistlichen. »Wissen Sie

noch, Herr Pastor? -- In Altstädt, Herr Pastor? -- Weihnachten, Herr

Pastor? -- Da bin ich, Herr Pastor.«

Jetzt kannte der Angeredete ihn. Nach Altstädt war er aus seinem

Dorfe von dem dortigen Geistlichen zur Hilfe bei der gehäuften

Weihnachtsarbeit gerufen worden und hatte einen Gottesdienst für die

Gefängnisinsassen abgehalten. Er sah damals ein Dutzend Gesichter sich

gegenüber, alte und junge, wettergehärtete und abgemagerte, weiche und

leichtsinnige, finstere und gedankenlose; dann hatte er gesprochen,

wie ihm zumute war, in Ernst und Bewegung, hatte die tief Gefallenen

erinnert an ihre Jugend, an Mutter und Vater und die Weihnachten ihrer

Kindheit, hatte ihnen erzählt, daß und wie die Gefangenen frei und los

und ledig sein sollten, und sie aufgefordert, sich in neuer Geburt

aufzurichten. Die Tat müßten sie selbst besorgen und nächst Gott sich

auf sich selbst verlassen und nicht auf andere, den Rat würden gern

andere (er selbst unter ihnen) geben, so gut man es vermöchte. Dem

Willigen würde sich die hilfreiche Hand schon bieten usw. Über einige

Gesichter war die Bewegung wie plötzliches Blitzezucken gegangen, die

meisten Gefangenen hatten Tränen in den Augen gehabt, einige hatten

die Fäuste fest zusammengeballt; der kleine Mann, der jetzt vor ihm

stand, war zappelnd hin und her gerückt und hatte die Beine in solcher

Unruhe geschlenkert, daß der Gerichtsdiener, der neben ihm stand, ihm

beruhigend die Hand auf die Schulter gelegt hatte. Vier Wochen waren

seitdem vergangen, jene kleine Gemeinde der Armen und Gefangenen, der

die Weihnachten das angenehme Jahr des Herrn nahe gebracht hatten,

war seitdem aufgelöst oder abgelöst, der eine war hierhin, der andere

dorthin gegangen, der letzte stand jetzt vor ihm.

Die Prüfung hatte wohl etwas lange gedauert; ein feines Erröten

glitt über das kleine, magere Gesicht, kurz und hastig wurde die

Mütze geschlenkert, endlich sagte der Fremde: »Arbeiten möchte ich,

Herr Pastor, bitt' schön. -- Auf mich selbst kann ich mich gar nicht

verlassen.« Es zuckte etwas von schmerzlicher Unruhe in seinen Zügen,

er sah ängstlich und bittend den Geistlichen an. Die Mütze wanderte

inzwischen von der rechten Hand in die linke, von dort hinten um

den Rücken herum zurück, verschwand in einer Rocktasche und kam

merkwürdigerweise aus einer Hosentasche wieder zum Vorschein.

Der Pastor, der inzwischen überlegte, mußte unwillkürlich lächeln, denn

offenbar hatte der Rock kein Taschenfutter. »Nehmen Sie bitte Platz,«

sagte er freundlich, denn er hatte seinen Entschluß gefaßt und griff

nun zu seiner Pfeife. »Sieh, sieh, sie ist doch ausgegangen,« murrte

er, zündete frisch an und schob dem Fremden einen Stuhl hin.

»Wollen Sie mir einen Einblick in Ihre Vergangenheit gönnen, das

heißt, nur soweit es Ihnen gut dünkt,« begann der Pastor, »und in der

Gewißheit, daß alles bei uns beiden allein bleibt?«

»Nichts zu verbergen, Herr Pastor, gar nichts Ehrenrühriges, Herr

Pastor, nicht ein einziges Mal, Herr Pastor.«

Dann sprudelte es heraus: Früh mutterlos -- gelernt beim Vater als

Kaufmann im Materialgeschäft -- nach dessen Tode hier und dort

beschäftigt, endlich dienstpflichtig -- gerade noch so eben das Maß

-- allzu krumme Knie, die nicht durchzudrücken waren -- stets Störung

einer tadellosen Front -- Strafen mit Nachexerzieren, -- schlecht

schießen, weil das Gewehr zu schwer -- Kugel suchen, Tornister mit

Steinen tragen -- »das war zu viel, Herr Pastor, das ließ ich mir nicht

gefallen, Herr Pastor, da ging ich weg, Herr Pastor.«

»Das heißt, Sie desertierten.«

»Herr Pastor, Herr Pastor, ich ging einfach weg, löste beim Pfandleiher

meine Zivilsachen wieder ein, zog sie an und ging weg, irgendwohin

auf ein Dorf, und fing an, als Hofgänger zu arbeiten. In zwei Tagen

hatten sie mich wieder. Natürlich steckten sie mich gründlich bei,

Herr Pastor. Und dann ging's wieder los, Herr Pastor; und das ließ

ich mir nicht gefallen und ging wieder weg -- nein, Herr Pastor,

nicht desertieren! Ich verkaufte meine Uhr und kaufte mir altes Zeug

vom Trödler, das gerade noch in den Nähten zusammenhielt, hütete

beim Bauern Schafe -- zwei Wochen nur, da saß ich hinter Schloß und

Riegel. Na, Herr Pastor,« der kleine Mann warf mit einer verächtlichen

Bewegung die Erinnerung an den strengen Arrest beiseite -- »als das

vorbei war, ging das andere wieder los. Da desertierte ich, bei einer

Felddienstübung an einem Waldrande, nahm alles mit, versenkte den

Tornister in einen Teich und steckte Gewehr und Säbel unter das Laub,

verschenkte den Rock an den ersten, der ihn haben wollte, und sodann

weg. Nach drei Tagen eingefangen. -- Fünf Jahre Zuchthaus, Herr Pastor!

Zwei Jahre sind mir nachher erlassen. Nirgends fand der Zuchthäusler

eine Stelle, Herr Pastor, lag auf der Landstraße, bettelte, wurde

eingesteckt -- dreimal -- Herr Pastor, Herr Pastor -- ~nur

dreimal~ in vier Jahren -- sonst kam ich immer durch -- und etwas

Ehrenrühriges, Herr Pastor? Nie, Herr Pastor! Da können sie bei allen

Gerichten herumfragen, Herr Pastor.«

»Und nun sind Ihnen die Augen aufgegangen über Ihre Lage?« fragte der

Pastor, der den Versuch zur Läuterung der sittlichen Anschauungen auf

später verschob.

»Seit Weihnachten, Herr Pastor. Ich hab's versucht mit der Tat -- das

ist nichts geworden, Herr Pastor, -- und nun komme ich um Rat, Herr

Pastor, bitt' schön.«

»Können Sie wohl einen Kuhstall ausdüngen?«

»Wird gemacht, Herr Pastor, wird gemacht,« sagte der kleine Mann,

indem er aufstand und seine Mütze aus dem Stiefelschaft herauszog.

Er war schon zur Tür hinaus und über den halben Pfarrhof, natürlich

in falscher Richtung, so daß der Pastor, der inzwischen seine Pfeife

bedächtig in die Ecke gestellt hatte, ihn abrufen mußte.

Beide gingen in das Viehhaus, wo zehn Kühe in zwei Reihen standen.

Ein warmer Dunst quoll ihnen entgegen, den der Kleine mit Wittern und

Schnüffeln begrüßte, als wäre er ihm höchst willkommen, dabei rieb

er sich äußerst vergnügt die Hände und stopfte dann beim Eintreten

seine Mütze hinter die Weste, als ob das die Höflichkeit vor den Kühen

erfordere.

»Stine!« rief der Pastor, indem er in der Tür stehend seinen Schlafrock

vorsichtig zusammennahm. »Dor bring ick di 'nen jungen Minschen, de

sall di hüt bi't Utmessen helpen. Lat de Dör ok nich tau lang apen,

dat de Käuh sick nich verküllen; tau Fierabend meld hei sick wedder bi

mi.« Mit diesen Worten ging er davon.

Die Gerufene, die offenbar beim Melken beschäftigt gewesen war,

tauchte hinter einer Kuh empor, und beide Arbeitsgenossen maßen sich

plötzlich mit weit aufgerissenen Augen. Stine war ein Mädchen im Anfang

der Dreißiger und hatte eine Größe, mit der sie den höchsten Mann in

der ganzen Gegend noch etwas überragte. Ihre Gestalt war ebenmäßig

und kraftvoll, nicht junonisch, nein, echt altgermanisch. So mochten

etwa die Zimbern-Weiber ausgesehen haben, die von der Wagenburg gegen

die anstürmenden Römer stritten, nur daß sie ihr gelbes Haar nicht

aufgelöst trug, sondern in dünnen Zöpfen und so aufgesteckt, daß es wie

ein zerdrücktes Sperlingsnest aussah; in den Händen hatte sie keinen

Wurfspieß und keinen Schild, sondern stützte sich auf eine nahestehende

Dunggabel und trug einen Milcheimer. Ihre Arme waren bis weit über die

Ellbogen zurück bloß, kräftig gerötet und im Umfange fast so stark wie

ein Mannsschenkel. Aus dem von Gesundheit strotzenden Gesichte starrten

ein Paar runde blaue Augen den Ankömmling an.

Der war in seiner Art auch sehenswert. Er war 27 Jahre alt und

dabei von Gestalt fein und zart wie ein Knabe, in allen Bewegungen

unglaublich geschmeidig und flink, jeden Augenblick Herr über alle

Gliedmaßen. Seine Haare waren glänzend schwarz, schwarz seine

lebendigen Augen und sein weicher Schnurrbart. Als er die mächtige

Frau, die Beherrscherin des Kuhstalls, so gebietend vor sich sah,

entfiel ihm fast das Herz. Endlich hörte er eine gutmütige Stimme: »Wo

heißt du denn, min Jung?«

»Stanislaus Wetterwetzer,« schoß es über seine Lippen.

»Woans?« Die höchste Verwunderung drückte sich in dem Gesichte der

Fragerin aus, denn ihr Mund stand etwas auf, so daß man die Zähne

schimmern sah, starke, gesunde, tadellos weiße, und ihre strotzenden

Wangen zogen sich in leisem Lächeln ein wenig breit.

»Stanislaus Wetterwetzer, zu dienen.«

»Na, Stane Zedienen, nimm den Dunghaken, un denn man tau. Du kannst di

'n por von min Tüffeln äwertrecken, süß versüpst du mi noch hier in den

Stall. Un mak de Dör achter di tau.«

Immer noch schüchtern rückte der Kleine vor. Als er aber die mächtigen

Pantoffel sah, die wenigstens zwei Finger dicke Holzsohlen hatten (das

Mädchen aber trug sie beim Schreiten über den schneebedeckten Hof

noch mit leichtem, federndem Gang), fand er seine muntere Stimmung

wieder. Er besah sie von allen Seiten, fuhr mit der Hand hinein, als

müßte er sie erst aufweiten, hob dann einen mit beiden Fäusten in die

Höhe, anscheinend unter großer Anstrengung, und -- wupp stülpte er ihn

sich über den Kopf und sah unter dem Helm so harmlos vergnügt zu der

Gebietenden empor, daß sie die Forke vor Überraschung fallen ließ, eine

Hand in die Seite stemmte und herzlich lachte. Der kräftige Körper

bewegte sich so, daß scheinbar die Stallwände erschüttert wurden.

Stanislaus schoß vor, glitt anscheinend unter einer Kuh durch und

überreichte mit einer hübschen Verbeugung die aufgehobene Forke. Stine

sah ihn wohlgefällig an und faßte ihre freundliche Überzeugung zusammen

in das Endurteil: »Einen dwatschen Hamel.« Damit wandte sie sich ab und

ging wieder an die Arbeit.

»Jung, dor in de Eck steiht de Dunghaken,« sagte sie über die Schulter

vom Melkeimer her, als der Kleine unschlüssig stand. Er schoß darauf zu

und schlug alsbald den Haken ein.

Nachdem Stine die Kühe ausgemolken hatte, sah sie sich wieder nach dem

Gehilfen um. Er rollte aus der äußersten Ecke des Stalles den Dung

allmählich auf und zog mühsam an dem geballten Haufen.

»Stane Zedienen, du büst woll katholsch?« sagte sie verwundert. »Du

fangst dat jo ganz bi't verkihrte Enn an.«

Er stand still, sein Atem ging hastig, seine Augen musterten unsicher

die Walze, die stetig unter seiner Anstrengung gewachsen war, dann fuhr

er wieder über die Arbeit her. »Wird gemacht, Fräulein, wird gemacht,«

versicherte er eifrig, spreizte seine kleinen Beine, spie in seine

Hände und zog mit Leibeskräften.

Stine schüttelte bedächtig den Kopf und sagte: »Einen unklauken

Bengel.« Dann zündete sie die zwei Laternen an, hängte sie hier und

dort an die Wand und fütterte und tränkte ihre Kühe weiter.

Der Geistliche hatte sich inzwischen an seinem vom milden Lampenscheine

beleuchteten Schreibtische wieder behaglich eingerichtet und schrieb

soeben den Satz nieder: »Der Gedanke, daß ein ohne seine Schuld

ungetauft gebliebener Mensch sollte wegen solchen Mangels in die Hölle

verstoßen werden, ist für ein Christengemüt geradeso unerträglich

wie der Gedanke, daß Gott sollte unter den Menschen willkürlich eine

Auswahl treffen, die einen taufen lassen, um sie zu retten, die andern

ungetauft lassen, um sie zu verderben.« Da kamen eilige Schritte über

den Hof, er kannte schon dieses Klappern der Pantoffel, gleich darauf

stürzte Stine, das Anklopfen vergessend, aber alter Gewohnheit gemäß

auf Socken -- die Pantoffel blieben stets an der Haustür stehen -- in

die Stube und rief: »Herr Paster, kamens blot fixing nah den Stall.

Uns' Jung will uns dod bliewen.«

Die Pfeife fiel zu Boden, und der flatternde Schlafrock schien sich in

Schwingen zu verwandeln, die den Pastor über den Hof trugen.

»Ick kiek mi üm -- dor liggt hei up sinen Hopen un rallögt,« berichtete

Stine, gleichfalls beschwingt. »Nu heww ick em up minen Hüker in ein

Eck sett, von de Kist föll hei mi enfach wedder run.«

Die Laterne, die das rasche Mädchen eiligst in der Nähe aufgehängt

hatte, bewegte sich noch und warf schwankende Lichter auf das blasse

Gesicht des kleinen Mannes, der nur durch die Ecke aufrecht gehalten

wurde; seine Hände hingen schlaff an jeder Seite herunter. Er sah den

Pastor und Stine, die hinter diesem aufragte, mit traurigem Blick an,

hob mühsam die Rechte und legte die ausgespreizten Finger an die Brust,

schüttelte langsam den Kopf und ließ die Hand wieder sinken. Er wollte

sichtlich sprechen, aber es gelang ihm nicht.

»Hier kann hei nich bliewen,« sagte der Pastor, »wi will'n em up min

Sofa rupdrägen.«

»Herr Paster,« fiel Stine ein, »ick heww em twors hin'n und vörn irst

awwischt, ihre ick em hensett heww, äwer up Sei ehren Sofa ...«

»Stine, dit is'n Minsch un dat is'n Ding. För den Minschen sorg ick hüt

abend, un du sorgst woll för dat Sofa morgen früh.«

»Na, denn man tau,« sagte Stine und hob den Ermatteten mit Leichtigkeit

auf. In der Nähe der Stalltür hing eine reine Schürze, die sie mit

raschem Griff im Vorübergehen sich aneignete. »Dat is man blot Hut und

Knaken, un so wat ward rute stött up de Landstrat,« murrte sie, als

sie über den Hof ging, trotz ihrer Last und der großen Pantoffel mit

federndem Schritte, und das Haupt des kleinen Mannes lag gegen ihre

Brust gelehnt.

Mit raschem Schwunge warf sie ihre große Schürze über das Sofa und

bettete dann ihren Pflegling darauf. »Wes' man nich bang -- ligg ganz

stilling,« tröstete sie und streichelte mit ihrer harten Hand ihm

sachte die Backe. »Uns' Herr Paster versteiht sick dorup, an den is'n

Dokter verluren gahn. -- Schad is't eigentlich dorüm,« setzte sie im

Weggehen hinzu, sie meinte aber das Sofa.

Der Pastor faßte den Puls des Kranken, prüfte, ob Anzeichen von Fieber

vorhanden wären, fragte nach Schmerzen, der Kranke antwortete mit

Kopfschütteln und legte seine ausgespreizte Hand -- nicht etwa wieder

auf die Brust, sondern etwas tiefer.

»Haben Sie heute schon etwas gegessen?« fragte der Pastor alsbald

verständnisvoll. Ihm antwortete Kopfschütteln. »Gestern aber haben Sie

doch gegessen?« Abermaliges Kopfschütteln. »Aber, Mann, warum haben

Sie mir das nicht gleich gesagt?« rief der Pastor erschrocken. Ein

Achselzucken und ein sprechender Blick, das hieß offenbar: »Dann hätten

Sie mich für einen Bettler genommen.«

»Er hat recht,« sagte der Pastor vor sich hin, als er zur Speisekammer

eilte. Dort fand er seine Frau, die das Abendbrot rüsten wollte.

»Sophiechen,« sagte er, während er hastig drei tüchtige Scheiben von

dem breiten feinen Landbrot abschnitt, »hast du noch etwas von der

Mettwurst?«

»Aber wir essen ja gleich Pellkartoffeln mit Grieben, dein

Lieblingsessen.«

»Am Verhungern -- und das in meinem eignen Hause,« murrte er im Zorn

gegen sich selbst und fuhr tief in den Buttertopf.

»Na, ich denke, du hast heute mittag in Grünkohl und Schweinskopf

keinen Kummer kommen lassen.«

»Ja, das ist es ja gerade. -- Und dabei seit zwei Tagen nichts

gegessen!« Er strich die Butter einen halben Finger dick auf.

Die Frau sah ihn erschrocken an, er schwang das Messer heftig in der

Luft, sie wich unwillkürlich langsam zurück nach der Tür.

»Wo ist die Mettwurst?« Also er, zornig gegen sich selbst.

»Dort hinten -- hängt sie -- an der Wand.« Sie flüsterte es mit

absterbender Stimme.

»Gib mir einen Liter Milch, aber schnell! -- Verhungert und verdurstet

bei meiner Arbeit!«

»Ja doch -- um Gottes willen ja --« Sie trat in die Küche zurück und

füllte in der Verwirrung einen Topf mit Wasser. Er sah es, als er ihn

in die Hand nahm, und schleuderte ihn ohne zu überlegen in die Ecke.

»Milch, sag' ich! Soll einem Verhungernden nicht einmal ein Tropfen

Milch gegönnt sein?« Er erhielt aus zitternder Hand das Begehrte und

schoß mit dem Topfe zunächst davon, weil er bedachte, daß flüssige

Nahrung einem Verhungerten zuerst zu reichen sei.

Die junge Schwägerin der Pastorin, die gerade zum Besuch im Hause war,

kam trällernd die Treppe herabgehüpft und tanzte in die Küche, um

zu helfen. Da stand die Pastorin und rang die Hände, und die Tränen

schossen ihr die Backen herab. »Kann so etwas sein?« flüsterte sie ganz

kurlos. »Ich habe ihm niemals etwas angemerkt.«

»Was ist denn geschehen?«

»Ach, Anna, es liegt doch nicht etwa in der Familie? hast du je

davon gehört?« Sie erzählte hastig, was Fürchterliches über sie

hereingebrochen war. Beide erörterten noch mit zagenden Lippen den

Fall, da kam der Pastor wieder aus seiner Stube herausgestürmt, und

die Frauen flüchteten unwillkürlich in den Verschlag, in dem die Besen

usw. aufbewahrt wurden. »Schändlich, empörend!« sagte er, während er

Brot, Butter und Messer sammelte. »Dabei kann sich einem das Herz

umdrehen. Aber so geht es. Wir strömen über von Nächstenliebe mit

Worten und predigen jeden Sonntag davon, und doch kann jemand unbemerkt

neben uns verhungern. -- Dieses halbe Brot wird noch in seinen Magen

versinken, so schlingt der Mensch.«

Die Hausfrau, die bei den ersten Worten angstvoll den Arm ihrer

Schwägerin umklammert hatte, atmete auf und lachte plötzlich vergnügt:

»Anna, er hat wieder einen eingefangen, den er futtert. Nun wollen wir

nur gleich auf die Dachkammer gehen und das Bett in Ordnung bringen. Er

behält ihn sicherlich während der Nacht hier.«

Stanislaus Wetterwetzer saß inzwischen auf dem Sofa und spürte

allmählich mit Behagen, wie frische Blutwellen ihn durchrieselten. Als

er satt war, rieb sich der Pastor die Hände und wanderte auf und ab,

freute sich offenbar, daß seine Prophezeiung eingetroffen war, das

Brot war verschwunden. Nach einiger Zeit machte der Fremde den Versuch

aufzustehen, fiel erst noch einmal zurück, stand dann und ging, nein,

schlich zur Tür.

»Wo wollen Sie denn hin?« fragte der Pastor erstaunt. »Wo ich her kam,«

lautete die Antwort, die mit trübseliger Stimme gegeben wurde. »Ich

bleibe doch nur ein Lumpenkerlchen.«

Da lachte der Pastor: »Ausdüngen können Sie nicht, das sieht jeder,

denn Sie tragen ja eine Stallschürze statt vorn auf dem Rücken. Aber

können Sie auf dem Kirchhofe graben?«

»Gruft graben, Herr Pastor? -- Totengräber, Herr Pastor?« Es machte den

Eindruck, als ob dem Entsetzten die Zähne klapperten.

»Würde Ihnen doch nur wieder einstürzen. Nein, wir halten es hier so,

daß die Nachbarn dem Verstorbenen die Gruft selber graben. Aber sehen

Sie nur aus dem Fenster. Dort hinten liegt der Kirchhof im Mondschein,

jener große Rasenplatz soll umgestochen und neu besamt werden, die

Arbeit kann sofort beginnen, weil der Boden offen ist.«

Stanislaus Wetterwetzer schnellte empor: »Wird gemacht, Herr Pastor,

wird gemacht!« Er drehte sich um sich selbst und suchte seine Mütze,

die er schließlich in einem Ärmel entdeckte, und schoß dann auf die Tür

zu. Sicherlich hatte er im Sinn, noch denselben Abend im Mondschein an

das Werk zu gehen.

Lächelnd faßte ihn der Pastor bei der Schulter und schälte ihn zunächst

aus der Hülle der Schürze, als hätte er eine große Zwiebel vor sich.

»Satt sind Sie, wenigstens bis morgen früh mag es wohl vorhalten. Nun

schlafen Sie auf Ihrer Dachkammer nur aus, und morgen fangen Sie mit

frischen Kräften an.« Er ging mit einem Lichte voran, und sein Gast

folgte, indem er vor Erstaunen den Hals fast ausreckte. Das Bett auf

der Dachkammer war fertig, der Pastor wies es an und drehte sich dann

rasch herum. »Diese Nacht muß ich Sie noch einschließen, denn ich kenne

Sie ja nicht genug. Aber lassen Sie es sich nur ohne Empfindlichkeit

gefallen.« Sprach's, verschwand und schloß die Tür schnell zu, froh,

daß er über eine unangenehme Erörterung rasch weggekommen war. Er stand

schon an der Treppe, da klopfte es drinnen, und Stanislaus Wetterwetzer

rief vergnügt: »Herr Pastor, Herr Pastor, das macht gar nichts. Ich

habe eben aus dem Fenster gesehen -- an der Dachrinne kann ich jeden

Augenblick hinabklettern, wenn Feuer kommt.«

Am nächsten Morgen gedachte der Pastor seinem Gefangenen nicht früh

aufzuschließen, sondern ihn erst ausschlafen zu lassen, und ging

in seinem Zimmer auf und ab. Da hörte er wiederholt einen Spaten

ausstoßen, trat an das Fenster und sah, daß Stanislaus Wetterwetzer

schon kräftig bei der Arbeit war. Unwillkürlich mußte er lächeln, und

als er hinausging, um sich nach ihm umzusehen, fand er Stine, wie sie

aus der Stalltür eifrig nach dem Kirchhof ausspähte. »Ick stah hüt

morrn in de Käkendör,« sagte sie, »dunn kümmt hei mit einmal von baben

an de Gat runmaracht, flink as 'n Kateiker. Ick denk, ick slah dreimal

verlangs hen. Äwer as ick nu losleggen will, Herr Paster, wat seggt

hei? ›Guten Morgen, Fräulein,‹ seggt hei, ›das machen Sie mal nach,‹

seggt hei. Denkens mal an, Herr Paster, wat hei mi anmoden is, un dorbi

so fidel as 'ne Maikatt. Ick wier as upn Mund slahn. Äwer Kaffee hett

hei all kregen. Un nu towt hei dor wedder los, dat ick all uppaß, ob

ick em nich wedder rin halen möt. Nimmt sön Jung äwer woll Vernunft

an? Das macht gar nichts, säd hei mi baw int Gesicht. Na, mie makt dat

nicks, äwer sön Jung kann einen doch duren in sinen Unverstand.«

»'N schönen Jung,« sagte der Pastor lächelnd.

»Nich wohr, Herr Paster? wat hett hei för swarte Ogen und wo glummen

sei em lustig in den Kopp, wenn hei einen von ünnen so ankickt, un sone

gnäterswarte Hor.«

»Stine, hei is all säbenuntwintig Johr olt, wat du woll glöwst.«

»Herr du meines Lewens, denn is dat jo woll 'n richtigen Mannsminsch?

Un de utverschamte Kirl mod mi tau, ick sall vör em de Gat

runklaspern?« Sie fuhr verlegen zurück und schloß die Stalltür

hinter sich, und der Pastor grüßte den fleißigen Arbeiter über die

Kirchhofsmauer hinüber. Der stieß den schweren Manns-Spaten in den

Grund und brach die Grassoden los, daß es aussah, als ob der Kirchhof

brannte und er sollte dem Feuer durch Abgraben wehren. Dabei lachte er

seelenvergnügt zu seinem Arbeitgeber hinüber, wenn er in die Luft oder

auf einen Stein stieß. Kopfschüttelnd ging der Pastor zurück und nahm

seine Arbeit auf. Als er nach einer halben Stunde zufällig aufhorchte,

war von Stanislaus Wetterwetzers Spaten nichts mehr zu hören. Besorgt

machte er sich auf, seinen Arbeiter aufzusuchen, und bemerkte, daß die

mütterliche Sorge Stine schon wieder getrieben hatte, durch die ein

wenig geöffnete Stalltür zu spähen. Aber den Fremden sah er nicht. Auf

dem Kirchhofe angelangt, entdeckte er ihn endlich hinter einer dicken

Linde, wie er mit jämmerlicher Miene seinen gekrümmten Rücken an dem

Stamme gerade zu biegen versuchte. Dabei zitterten die Hände, daß sie

den Spaten kaum halten konnten, auf den sie sich stützten.

»Das wird auch nichts, Herr Pastor,« sagte er, »so ein armes Luderchen

bin ich.« In seinen Augen blinkten Tränen.

»Nun, nun,« beruhigte ihn der Geistliche, »alles will gelernt sein, und

dazu gehört Geduld.«

»Ja, das ist es ja, Herr Pastor,« schluchzte Stanislaus, »meine Geduld

beim Arbeiten ist gerade so kurz und mürbe -- wie -- ein Regenwurm,

Herr Pastor. Wenn das nicht gleich geht, dann reißt sie ab, und ich

werde kratzbürstig, und aus ist es, Herr Pastor.«

»Einstweilen tragen Sie den Spaten wieder hin, wo Sie ihn hergeholt

haben, und dann kommen Sie dort hinten zu dem Buschhaufen, die Zweige

zu zerhacken, das ist etwas für Sie.«

»Wird gemacht, Herr Pastor, wird gemacht.« Stanislaus trottete noch

halb krumm, aber schon wieder getröstet ab und schwang bald ein

leichtes Beil am Haublock. Lange Zeit war noch nicht vergangen, da

sah der Pastor Stine über den Hof eilen und dann händeringend und

ratlos vor dem kleinen Mann stehen, der auf dem Haublocke saß. »De

unglücksel'ge Kretur hett sick jo woll de ganze Hand awhaugt,« rief

sie ihrem Hausherrn entgegen. So schlimm war es nun freilich nicht,

immerhin aber war die linke Hand zwischen Daumen und Zeigefinger drei

Zentimeter lang aufgespalten, und das Blut lief an der Rechten, die die

Wunde zusammenpreßte, in mehreren Rinnsalen herab.

»Das macht gar nichts, Herr Pastor,« versicherte Stanislaus und

versuchte krampfhaft zu lächeln, obwohl er ganz weiß aussah. »Der

Schulze gibt mir einen Schein an das Rostocker Krankenhaus mit, Herr

Pastor, denn eine Heimat habe ich nirgends, Herr Pastor. Wird alles

ersetzt, Herr Pastor.«

»Stine, segg Krischan, hei sall furts anspannen, wi führen nah'n

Dokter,« befahl der Pastor. »Sie kommen einstweilen in meine Stube,

Wetterwetzer, damit ich Sie, so gut es geht, verbinde. Sind Sie bei mir

krank geworden, so sollen Sie auch bei mir gesund werden.«

Stine wußte mit Pferden gerade so gut umzugehen wie ein Knecht, sie

schob den Wagen aus dem Schauer und half mit anspannen. Die Fahrt

ging ab, der Doktor nähte mit drei innern und fünf äußern Nadeln und

verhieß, da der Knochen nicht verletzt wäre, baldige Heilung. So war

Stanislaus einstweilen zur Untätigkeit verurteilt. Aber das war nicht

nach seinem Sinn. Am Nachmittage hörte die Pastorin ihre beiden Kinder,

einen Knaben von drei und ein Mädchen von zwei Jahren, auf dem Gange,

der das Haus der Länge nach durchzog, voll herrlichster Spiellust

jauchzen und schreien. Neugierig sah sie hinaus. Da hatte der Fremde

den Knaben auf seinem Nacken hocken, und dessen kleine Fäuste hatten

ihn gar kräftig bei den schwarzen Haaren gepackt, das Mädchen saß

im Wagen und lenkte ihr zweibeiniges Pferd am Zügel. »Hopp hopp --

hü hott.« Stanislaus sah in das verdutzte Gesicht der Mutter. »Frau

Pastor, Frau Pastor,« rief er eifrig, indem er den Wagen stehen ließ

und auf seinen Kopf mit der gesunden Hand zeigte, »ganz rein! ganz

rein! Hopp hopp -- hü hott!«

An der Gosse brauchte er am nächsten Morgen nicht mehr hinabzuklettern,

da er nicht mehr eingeschlossen wurde. Statt sich zu schonen, ließ er

sich vom Beschäftigungsdrange früh hinaustreiben. In der Küche war

große Unruhe. Die Hausfrau war in der Nacht von einem plötzlichen

Krankheitsanfall überwältigt, und wenn man auch die Ungefährlichkeit

kannte, so waren doch die Schmerzen groß, und das stillende Mittel,

das sonst Linderung brachte, war nicht mehr in der Hausapotheke, der

Knecht aber in der Morgenfrühe mit Korn abgefahren. Wer sollte nun zur

Nachbarstadt? -- Stanislaus Wetterwetzer, zu dienen. Er stand schon

in der Haustür, so daß der Pastor ihn zurückrufen und zum Essen durch

Befehl zwingen mußte. Mit einem Briefe und einigen Markstücken trabte

der kleine Mann dann ab.

Es verging die Zeit, die für gewöhnlich ein Fußgänger gebrauchte,

um den Weg hin und zurück zu machen, und er kam nicht. Die Pastorin

krümmte sich vor Schmerzen, der Hausherr wanderte, ingrimmig auf sich

selbst und seine Vertrauenswilligkeit in so ernster Sache zürnend,

von einem Zimmer in das andere, über den Hof auf die Landstraße, um

Ausschau zu halten, und zurück. Mittag war längst vorbei, da kam

der Erwartete endlich an. Das Mittel war in der Altstädter Apotheke

nicht vorhanden gewesen, selbst auf telegraphische Bestellung konnte

es erst am nächsten Tage ankommen; da hatte sich Stanislaus nicht

lange besonnen und war nach Rostock getrottet, drei Meilen hin und

drei Meilen zurück in sieben Stunden. Und das Mittel war da und half

sofort. »Herr Pastor -- mit meinen Beinen -- gar nicht tot zu kriegen!

Das kommt vom Wandern. -- Nur die Arme -- Regenwürmer -- mürbe --« da

taumelte er dem zuspringenden Pastor in die Arme. »Blutverlust, Herr

Pastor -- armes Luderchen --, Herr Pastor -- ich will -- ich kann --«

Sein Einreden half nichts, wieder mußte er zu Bett.

Drei Tage lag er danieder. »Dor spelunkt Stane Zedienen warraftig all

wedder rüm,« schalt dann Stine, die sich die Pflege nicht hatte nehmen

lassen. »Süll dat einer woll glöwen, dat dat'n Mannsminsch is, dei

sin por Sinn würklich tausamen hett? Inspunnen müßt man em.« Dabei

schüttelte sie ihn gelinde am Schopf, als wäre sie der große Nikolaus

und er der Kaspar, in der Nähe war eine eingegrabene Tonne, in der der

Aufenthalt gewiß nicht weniger angenehm gewesen wäre, als in einem

Tintenfasse. Er gab gar keine Antwort, sondern lachte sie von unten her

vergnügt und vertrauensvoll an, und vor solcher Art von Beredsamkeit

verstummte sie errötend.

Stanislaus Wetterwetzer hatte eine gute Haut zum Heilen und wurde

gerade dann leistungsfähig, als der Pastor den letzten Satz seiner

umfangreichen Arbeit geschrieben hatte: »Und so kommen wir zu dem

Schlusse, daß wir bei Versuchen zur Lösung der schwierigen Frage uns

stets in eine Sackgasse verrennen, also klug tun, die Lösung dem zu

überlassen, den sie im Grunde allein etwas angeht. Gott hat schon

ganz andere Schwierigkeiten gehoben, er wird auch wissen, wie seine

Gerechtigkeit und Heiligkeit mit seiner Liebe und Güte im Einklang

bleibt bei Behandlung der ohne ihre Schuld ungetauft verbliebenen

Heiden und Kinder.« Sein viele Bogen langes Werk, in dem er von Petrus

und Paulus an über Hieronymus und Augustinus, Luther und Chemnitz

mühsam hinweggeklettert war, betrachtete er mit schiefen Seitenblicken.

Denn so behaglich er sich unter den Kirchenvätern und Dogmatikern

befunden hatte, jetzt entließen sie ihn aus ihrer würdigen Gesellschaft

und wiesen ihn an die Reinschrift, das gefiel ihm sehr wenig. Da kam

ihm der Gedanke, den Fremdling, der mit seinem Arbeitsdrange wieder

allerlei Unheil anzurichten drohte, vor das Tintenfaß zu bannen, und

der gelang. Der Abschreiber konnte und mochte Kladde lesen, zierlich

und sauber schreiben, ja er brachte noch einige Fähigkeit Latein zu

erraten aus seiner Schulzeit her zum Vorschein, nur griechische Schrift

mißlang und sah aus, als ob ein Sperling mit Tintenfüßen über das weiße

Papier gelaufen wäre.

Zwei Monate saß Stanislaus Wetterwetzer an den Tisch in der

Studierstube festgebannt. Er war während dieser Zeit mit allerlei

zurechtgeschneiderten abgelegten Kleidungsstücken sauber ausstaffiert,

Stine hatte ihm von der Wolle, die ihr alljährlich zukam, drei Paar

Strümpfe gestrickt und zwar unter großer Mühe, denn wiederholt war

der Füßling zu lang geraten, hatte sie sich doch heimlich geschämt,

Kinderstrümpfe zu stricken. Als ihr Schützling wieder auf den Hof

gelassen wurde, begann er ein seltsames Treiben. Überall machte er sich

Beschäftigung, nagelte hier Latten, befestigte da Riegel, besserte den

Steindamm, kalkte den Hühnerstall und brachte neue Stiegen an. Die

Kinder wartete und hütete er mit Eifer. Jeder nutzte ihn, und jedem

diente er. Aber seine Unruhe steigerte sich sichtlich, er bewegte sich

nur noch laufend, stand dann plötzlich still und sah zum blauen Himmel

auf, an dem die Sonne lachte, hielt die Hand vor die Augen und ließ den

Schein rötlich durch die Finger dringen, seufzte, fuhr sich mit der

Hand durch die Haare, horchte auf Meisen und Finken und warf plötzlich

mit Steinen nach ihnen.

»Herr Paster, ick glöw, nu knippt hei uns nächstens ut«, sagte Stine,

die mit wachsendem Unbehagen und Mißtrauen dieses Gebaren begleitete.

»Hei ward sick häuden,« lautete die Antwort, »em prickeln blot dei

Wäldag.«

»Herr Paster, hei hett nülich sin oll Lumpen utwuschen un dunn heimlich

flickt, ick heww dat woll markt, dat ick dat nich sehn süll.«

Eines Morgens war Stanislaus Wetterwetzer verschwunden. Sein neu

angeschafftes Zeug lag sauber und ordentlich auf seiner Kammer, nur

die geschenkten Strümpfe und seine alte Wanderkleidung hatte er

mitgenommen.

Stine hatte mit ihm ihre sonst unverändert gute Laune verloren und

besann sich erst auf sich selbst, als sie entdeckte, daß sie ihrer

Lieblingskuh Maikranz, die beim Melken nicht still stehen wollte, einen

solchen Schlag mit dem Hüker versetzt hatte, daß er mitten durchbrach.

Da erschrak sie von Herzensgrund, weinte sich aus und wurde wieder gut

und freundlich, wie sie gewesen war.

Der Sommer verging, die Herbststürme brausten über Land, und der Winter

trat sein Regiment an. Als der Pfarrherr am Anfang Februar eines

Morgens in seine Studierstube getreten war und eben den Stand des

Thermometers am Fenster nachsah, kam Wetterwetzer gesprungen, er mochte

ihn hinter den gefrorenen Scheiben erkannt haben und schwenkte von

ferne seine Mütze. Im nächsten Augenblicke schoß er schon durch die Tür

und tanzte bald auf einem, bald auf dem andern Bein und rief: »Nun hab

ich eins. -- Nun hab ich eins, Herr Pastor, -- ein so Kleines -- so --

so -- so Kleines.« Er zeigte immer kleinere Maße, bis endlich etwa auf

Handlänge.

»Eins nur?« sagte der Pastor enttäuscht, denn er dachte an gewisse

Vorgänge im Schweinestall. »Ich hatte auf ein Dutzend gerechnet.«

Stanislaus lachte ganz übermäßig und schnellte in Freuden im Sprunge

fast bis an die Decke. »Herr Pastor -- Herr Pastor -- Herr Pastor!«

»Ja, Sie lachen, aber ein Spaß ist das gar nicht. Das Stück gilt

zwanzig Mark heute, sage ich Ihnen.«

Da stand der Kleine wie festgewurzelt: »Nein, das wird nicht verkauft,«

sagte er langgezogen.

»Natürlich wird es verkauft.«

»Ich will alles tun, was der Herr Pastor sagt, aber das tu' ich nicht.«

Er sah in diesem Augenblick geradezu bejammernswert aus. »Herr Pastor,

mein Fleisch und Blut ...«

Plötzlich sah der Pastor ziemlich bejammernswert aus, aber er fand sich

schnell in die Lage, schüttelte die Schulter des Kleinen und machte

dazu ein so drolliges Gesicht, daß Stanislaus bei jedem Ruck seine

glückliche Laune wieder näher kommen fühlte, sie fuhr beim letzten Ruck

in ihn hinein, jetzt lachte er schallend über den Scherz, dessen Tiefe

er freilich noch nicht verstand, jetzt wollte er seine Mütze irgendwie

ein abenteuerliches Exerzitium durchmachen lassen, aber er schleuderte

sie nur zwischen den Beinen durch, daß sie ihm von hinten gerade auf

den Kopf flog, ohne daß er es recht merkte.

»Ein so -- so -- so Kleines, Herr Pastor. -- Ich bitt' schön, Sie

müssen's mal sehen, Herr Pastor, -- o bitt' schön, kommen Sie mit, Herr

Pastor, -- und Frau Pastorin auch und die Kinder auch.« -- Er lief

schon voran, aber besann sich: »Kühe sind besorgt, Herr Pastor. -- Ich

hab' eins, ich hab' eins. -- Gemolken habe ich, Herr Pastor -- ein so

Kleines -- ein so Kleines -- Stine hat's mir in den letzten Wochen

gezeigt, Herr Pastor, ein so -- so -- so Kleines, Herr Pastor -- und

alle haben sie zu fressen -- Frau Pastorin und die Kinder -- -- --.«

Er war nur still, weil er bei einem Sprunge mit dem Kopfe gerade gegen

die Tür, die Frau Pastorin öffnete, gerannt war, daß es so dröhnte,

als wollte er die bei Geburt eines Prinzen üblichen Kanonenschüsse

nachahmen.

Ob der Pastor nun wollte oder nicht, er mußte mit seiner Frau alsbald

bei Stine einen Wochenbesuch machen. Auf dem Gange drehte Stanislaus

sich um das Paar gerade so, wie der Mond sich um die Sonne dreht,

voraus ging er rückwärts und zeigte sein volles Gesicht, dann kam

letztes Viertel an der Seite der Pastorin, Neumond hinten, und mit dem

ersten Viertel tauchte er an der Seite des Pastors wieder auf, und

auf dem kurzen Wege zum Pfarrkaten hatte er alle Phasen mindestens

zwanzigmal durchlaufen und noch lange nicht heruntergeschwatzt, was

sein Herz füllte.

Stine sah ihn erwartungsvoll an, als er eintrat. »Alles in Ordnung,

Stine,« sagte er. »Kühe bis auf den letzten Tropfen ausgemolken. Darf

ich sie 'reinbringen, Stine? Sie sind draußen, Stine.«

Die glückliche Mutter machte ein ängstliches Gesicht, als wenn sie

erwartete, daß der abenteuerlich veranlagte Mann ein paar Kühe als

Abgeordnete des Stalles anbringen würde, aber glückstrahlend sah sie

dann ihre Herrschaften eintreten.

»Wasch di de Hänn, Stane.« Sie wußte ja sofort, was erfolgen würde. Er

gehorchte, roch alsbald kräftig nach grüner Seife und übernahm nun so

die Erklärung, indem er das Kind vorsichtig aufhob. »Herr Pastor, sehen

Sie nur die Hände -- wie eine Haselnuß -- Frau Pastorin, die Füße -- da

-- da -- da -- akkurat wie ein Frosch -- und hier die Haare, oh, lang

wie ein Finger und schwarz, ganz wie der Vater, ganz wie der Vater,

das bin ich nämlich, Frau Pastorin, und doch ist es 'n Mädchen, Herr

Pastor, und das ist deins, Stine!« Er übergab es seiner Frau in sehr

zarter Weise, damit sie es neben sich bette. Die Pastorin nahm ihn

nun vor und bedeutete ihm, daß er die Tür hüten müßte und niemanden

einlassen, wer es auch wäre. »Tu' ich auch nicht, tu' ich auch nicht,

Frau Pastorin, aber ich meinte, daß das Kleine doch auch eigentlich

Ihnen mit gehörte, Frau Pastorin.«

»Nu knippt hei mi nich mihr ut, Herr Paster,« flüsterte Stine

inzwischen dem Seelsorger zu.

Stane schien sich zu verdoppeln. Er melkte und fütterte in Vertretung

seiner Frau, kochte Wochensuppen, obgleich freundliche Nachbarinnen im

Anfang soviel zuschickten, daß die größte Familie sich hätte sättigen

können, rechnete, besserte aus, lief, schrieb -- er war sogar des

Nachts mehr außerhalb des Bettes als darin.

Aber Stine entdeckte bald, daß ihn der Erfolg seiner Arbeit nicht

befriedigte. Er saß eines Abends und rechnete mit Zahlenreihen auf

einer Tafel, die seine Frau zum Andenken an ihre Schulzeit aufbewahrt

hatte, löschte aus, rechnete von neuem und seufzte, ohne es zu wissen.

»Du hest jo woll gor de Sorgenstütt ansett,« sagte sie freundlich,

indem sie sanft seinen Ellbogen schüttelte, »wat is di? is di nich

gaud?«

»Mir?« Stane fuhr sich durch die Haare und lachte gezwungen. »Ich

rechnete nur aus, wie viel ich in der kommenden Woche zusammenbringen

könnte.«

»Dat 's doch kein grot Stück Arbeit? Mi dücht, dat schält nich väl,«

sagte sie harmlos.

Er errötete und sah Stine mit unsicherm Blick an. »Bei Leppelt eine

Stube tapezieren und ölen, bei Ganzow das Staket vor dem Hause

anstreichen, das sind so Nebeneinnahmen --«

»Dat glöw ick woll, Stane, dat sei di wedder mal to'm Herümdwätern

bruken willen, äwer dat büdelt nich. Ick heww mi dat so äwerleggt, ick

gah tokamen Mandag wedder up Arbeit.«

»Was willst du?« Er schnellte von seinem Sitz empor und trat hart an

seine Frau heran, ohne daß diese von dem nahenden Unwetter etwas ahnte.

»Ick kann hier doch nich ümmertau rümmer sitten, Stane, un mi utfaudern

laten, as wir ick 'n Kind, wat 'n Lutschbüdel krigt? Dortau hew ick di

doch nich friegt.«

»Was nicht? Wozu nicht? Wozu denn? Sprich doch! Wirst du gleich?«

»Äwer, Stane, wat tast du so an mi rümmer? du büst doch 'n richtigen

Quirrbregen.« Noch nahm Stine alles von der gemütlichen Seite auf und

erlustigte sich innerlich an seinen vergeblichen Versuchen, sie durch

Rütteln zu erschüttern. »Wotau ick di friegt heww? du süst mi nich up

de Landstrat vermisquemen. As du dat letzte Mal wedder kemst, haddst du

all orig 'n Knick weg.«

»Und ich? Und ich? Und ich? Ich soll hier sitzen und mich von dir

ernähren lassen? Das soll ich, Stine? -- Soll ich das, Stine?« Er fuhr

einige Male wie ein Rammbock gegen sie an, ihre Standhaftigkeit machte

ihn nur wütender.

»Ja natürlich, Stane. Dauh doch nich so, as sühst mi woll, hier steiht

de Pump!« Unwillkürlich nahm Stine einen festern Ton an, denn es reizte

sie sein unvernünftiges Gebaren, und sie fühlte sich unerschütterlich

im Recht, wenn sie beanspruchte, ihren Mann zu ernähren. Aber im

nächsten Augenblick fuhr sie erschrocken zusammen. Ihr Stane war drei

Schritte zurückgeprallt, seine Augen schossen Blitze. Wütend schlug er

mit der Faust auf den Tisch und schrie: »Was soll ich, Stine? Meiner

Frau mein täglich Brot aus der Hand nehmen? Ein Kind in die Welt setzen

und seinen Unterhalt von mir abschieben? Ist das nicht so, als sollte

ich mit ihm um die Wette lutschen? -- Was soll ich, Stine? Mich vor

meiner eigenen Tochter schämen? Und alle Leute sollen mit Fingern

auf mich zeigen und sagen, daß ich ein Kerl sei, der sein Haus nicht

erhalten könnte? Ich sage dir, Stine, du bleibst zu Hause! -- Zu Hause

bleibst du! Weib, bin ich hier Herr im Hause oder du?«

Bei jeder Frage schien er zu wachsen, nach jedem Schlage auf den Tisch

schnellte er höher zurück, in seinen Augen loderte eine Glut, die

anscheinend alles um sich in Flammen setzen wollte. Stine sah das und

fiel immer kleiner und kleiner in sich zusammen.

»Äwer, Stane,« bat sie schließlich flehend, »so si doch nich so. Ick

bün jo ganz klicksch. Stane, ick bidd di um Gottes willen, ick dauh

jo allens, wat ick sall. Stane, min leiw Stane« -- die große Frau

schluchzte, und die Tränen rannen in Strömen über die Backen. Der so

dringlich Beschworene maß erst noch mit heftigen Schritten das Zimmer,

stand still, sah die Weinende an, ging wieder auf und ab, aber kam

allmählich näher, als ob ihn der Strudel unwiderstehlich anzöge, und

endlich glitt er in ihn hinein, und Stine war glücklich, daß sie ihren

Stane wieder hatte, und versicherte immer wieder von neuem, nun sei

alles wieder »will un woll«. Sie holte die Kleine herbei, damit diese

doch sähe, was für einen fleißigen Vater sie hätte; aber die Kleine

hatte auch schon ihren Kopf für sich, sah durchaus nicht auf den Vater,

sondern nur auf einen bestimmten Punkt an der Mutter; und als die

Mutter endlich auch von ihrer Tochter besiegt wurde, lachten die Eltern

schon einträchtig miteinander über ihr täglich sich erneuerndes Glück.

Stane ging wieder auf Arbeit und schonte sich nicht, aber er wurde

blaß und blasser, magerer, hinfälliger, so daß es allen Leuten auffiel.

Stine bat und flehte ihn an, sie arbeiten zu lassen -- nein, er sagte

bestimmt, er hätte eine Familie, und er als Mann müßte sie ernähren.

Da nahm sich der Schulze, der das Haus des Retters seines Sohnes nie

aus dem Auge verloren hatte, der Sache an. Er sprach eines Tages beim

Pastor vor und entwickelte den Plan, dem kleinen Mann eine für ihn

geeignete Arbeit zuzuweisen. Ein Kaufmann oder Händler wohnte noch

nicht in dem großen Dorfe, obwohl sich dort ein Geschäft recht gut

erhalten könnte, wenn es Stadtpreise für Ware nähme. Die Knechte würden

dann nicht mehr so oft sich im Stadtladen betrinken, die Mädchen nicht

am Abend spät noch mit dem Handkorb über die Landstraße gehen, das

Geld bliebe im Orte, jedermann wäre den beiden gut usw. Er wüßte, das

Stanislaus Wetterwetzer rechnen und schreiben könnte wie der Lehrer,

und Buch führen wie ein Kaufmann, und sich auf Waren gut verstände.

Darum wolle er, der Schulze, gern eine größere Summe für den Anfang

vorstrecken. Um die Zinsen und den Abtrag wäre ihm nicht bange. Die

Stube im Katen müßte allerdings zum Laden eingerichtet werden, aber es

ginge dem Sommer zu, da behülfen sich die Leute wohl, und Lagerraum

fände sich in der Nachbarschaft, wenn der Herr Pastor nur beim

Einrichten helfen wollte, dann müßte es gehen; aber die Schulzenfrau

dürfte ja nichts von dem Gelde wissen, nicht, als ob sie den beiden

Leuten nicht Vertrauen schenkte, aber die sollte ihr Gebiet frei haben

und mit Schweinsköpfen und Speckseiten und Würsten und Brot einstweilen

behaglich weiter an dem Glück des Paares bauen.

So wurde Stane ein Händler. Einige schlugen ihm als Firma vor

»Stanislaus Dasmachtgarnichts,« andere »Stane Wirdgemacht,« Stine

wollte am liebsten öffentlich den rechten Namen ihres Mannes

»Stanislaus Zedienen« auf dem Schilde anerkannt sehen.

Bald mußte ein größeres Haus bezogen werden, und in den dazugehörigen

Stallräumen quiekte und brummte es, dort hatte Stine das Regiment, vor

allem aber auch im Hause über die wachsende Kinderschar, über drei

Knaben, alle blond und groß wie die Mutter, so daß der älteste mit zehn

Jahren schon den Vater überragte, und zwei Mädchen, klein und zart und

schwarz wie der Vater. Und wer das Glück von Stane und Stine sehen

will, der muß sie besuchen, wenn der Vater die Kinder auf der Mutter

aufbaut, daß das Gebäude wie ein Turm dasteht. Stane lacht und Stine

lacht, dann aber fällt der Bau auseinander.

Aus Wilhelm Pickhingsts Kriegsfahrten.

Mit solchen Betrachtungen ging Wilhelm Pickhingst von dannen in die

Winternacht hinaus und kam diesmal in die rechte Richtung und gerade

auf den gesuchten Ort zu. Er forschte nach dem Oberst, fand ihn aber

nicht und hatte damit seine Schuldigkeit seiner Meinung nach reichlich

getan.

Doch nun, wohin in der Nacht? Dort lag eine Scheune; aber als er die

Tür öffnete, sah er den Raum vollständig gefüllt, wie die Heringe lagen

die Soldaten da nebeneinander und schliefen oder hockten Rücken an

Rücken, die Füße nach allen vier Winden gekehrt, und putzten oder aßen.

Sein erster Versuch einzudringen wurde mit einem heillosen Donnerwetter

abgewiesen. Nun denn -- um die Scheune herum, um im Notfalle sich mit

einem Hofhunde um seine Hütte zu balgen. Halt! Da stöhnt etwas! Wilhelm

Pickhingst stand wie angenagelt und horchte. Doch nein, er irrte sich

wohl nur. Abermals ein Stöhnen, recht wie ein Mensch in großer Not.

Dort ermordete man wohl jemanden, der Ton kam aus einem Winkel, der

durch zwei Gebäude und einen Schuppen ganz versteckt gehalten wurde.

Vorsichtig hinan, dort liegt Stroh, unter dem Stroh bewegt es sich

und stöhnt, am Ende ein kranker Kamerad, der hier hilflos liegt. Ein

Griff -- und das Stroh fliegt beiseite. »Ist hier jemand krank?« Keine

Antwort. Eine leise Mahnung mit dem Kolben: »Oui iii ok, ok, ok!« Ein

Schwein fuhr heraus und grunzte ihn mißmutig an. Mit einer Verwünschung

sprang er zurück, aber überlegte bald, ob er nicht das Lager mit dem

Tiere teilen sollte. O nein, das wäre doch zu würdelos; was würde man

sagen, wenn man ihn hier am nächsten Morgen träfe. Halt, plötzlich

durchzuckte ihn ein prächtiger Gedanke.

Er drängte das Schwein in eine Ecke und kitzelte es mit dem

Seitengewehre, daß es sofort seine Willigkeit zu allen Zumutungen

mit hallendem Ouiiiii bekräftigte. Auf dem Hofe blieb noch alles

still. Abermals etwas kräftig die Spitze angewandt. Ein entsetzlich

gellender Schrei, der nachdrücklich in die Länge gezogen wurde. Da

öffnete sich plötzlich die Scheunentür, und ein Dutzend Soldaten

sprang heraus und schaute neugierig über den Hof. Jetzt galt's! Das

Schwein schlug auf seine Ermunterung einen Triller nach dem andern.

Von allen Seiten stürzten Mannschaften herbei in der Annahme, daß hier

beim Schweineschlachten noch irgendein gutes Stück zu erschnappen

sei. Als sie suchend ihm nahe waren, ließ er das Tier los, es fuhr

wie aus dem Lauf geschossen über den Hof, und Wilhelm Pickhingst

drückte sich an den Wänden davon und suchte sich unter den leeren

Plätzen in der Scheune einen passenden aus, während nach einiger Zeit

die übrigen zurückkamen, murrend, daß die leichtfüßige Bestie ihnen

ins Feld entkommen sei. Anscheinend lag Wilhelm Pickhingst schon in

tiefem Schlafe und ließ sich durch einige redlich gemeinte Püffe nicht

ermuntern. »Ich habe Schwein gehabt«, dachte er vergnügt. »Jetzt mag

ich das Pech damit dauernd los geworden sein.«

Am nächsten Morgen machte er sich zunächst hinter die Mauer, wo er

allein war, und verzehrte seine Vorräte bis auf eine letzte Rinde,

denn wer konnte wissen, wann sich wieder die Gelegenheit zum Essen

fand. Dann meldete er sich bei dem Grenadierbataillon, da niemand mit

Sicherheit angeben konnte, wohin von Les Cohernieres aus zunächst sein

Bataillon gehen würde, und erhielt Erlaubnis, sich bis auf weiteres

anzuschließen. Lombron war schon geräumt, es ging nach St. Corneille

vorwärts. Unterwegs zogen sich die Marschierenden in langen Kolonnen

auseinander, weil es galt, sich zwischen den Hecken durchzuwinden. Als

bei dieser Gelegenheit sich einmal vorne irgendein Hindernis, eine

Barrikade oder ein Verhau zeigte, versuchte man Umgehung, und der Zug

erklomm infolgedessen den nächsten nördlichen Abhang.

Oben angekommen, ergab sich auch hier die Unmöglichkeit, weiter zu

rücken, man mußte sich also aufs Warten legen, bis das Hindernis

weggeräumt war. Da erblickte man in ziemlicher Entfernung einen

französischen Reiter, offenbar einen Kürassier, der unbeweglich still

auf seinem Platze hielt und fortwährend die Reihen musterte. Die

übrigen kümmerten sich nicht um ihn, aber Wilhelm Pickhingst hatte

auf die Reiter seit einem bestimmten unvergeßlichen Abenteuer bittern

Haß geworfen. Er drängte sich also zu dem Hauptmanne durch und bat um

Erlaubnis, den Burschen auf den Trab zu bringen. »Meinetwegen!« hieß

es. »Aber halten Sie sich nicht zu lange auf, es geht weiter, sobald

da vorne aufgeräumt ist.« Mit einigen Sprüngen nahm Wilhelm Pickhingst

vollends die Höhe und marschierte nun gerade auf seinen Gegner zu.

In Schußweite stellte er sich an und hob sein Gewehr und zielte. Der

Bedrohte rührte sich nicht. »Ha,« dachte Wilhelm Pickhingst, »der hat

am Ende das Schießen nur bei den Franzosen kennen gelernt, da soll er

einmal einen Mecklenburger sehen. Will ihm lieber noch etwas näher

rücken.« Abermals hielt er und zielte. Der andere dachte nicht an den

Rückzug. »Das scheint ein mutiger Bursche. Um den wäre es schade.

Ich will mir diesmal aber sicher einen Gefangenen greifen. Noch etwas

näher -- und dann dem Pferde, das ohnehin nur ein elender Schinder ist,

gerade auf den Kopf!« Getan, wie gedacht. Ein Knall. Der Gaul lag mit

dem Reiter am Boden. Jetzt fing Wilhelm Pickhingst an zu laufen, denn

der Kürassier zappelte gewaltig und sprang auf, und als er den Feind

sein Gewehr wieder laden und mutig anrücken sah, rückte er aus. Die

Treffsicherheit schien Eindruck auf ihn gemacht zu haben.

Nun war die Strecke, über die er fliehen mußte, vom Sturme der letzten

Tage ganz kahl geweht und, da es am Morgen stark geglatteist hatte,

sehr unsicher für den Fuß, er glitt aus und strauchelte und kam

schlecht fort. Das Pferd hatte gewiß mit geschärften Eisen besser

laufen können. Wilhelm Pickhingst konnte noch schwerer auf seinen

Holzschuhen vorwärts dringen, plötzlich warf er sie beiseite, alle

beide fast mit einem Wurfe, und nun ging es auf stumpfen Socken hinter

dem andern drein. Der erkannte seine Bedrängnis und strebte mit Hast

einer Hecke zu, die sich in seiner Nähe entlang zog, dachte wohl,

sich hinter ihr zu verbergen und am Ende gar durch eine Lücke sich zu

verteidigen. Plötzlich fuhr Wilhelm Pickhingst etwas durch den Sinn,

und er beflügelte seinen Fuß zu rasender Hast, daß er wie der Wind

dahin flog, hier war ja eine Gelegenheit -- der Kürassier war ein

baumlanger Kerl mit mächtigen Beinen -- sollte er ihn niederschießen?

Haben mußte er ihn jetzt, es koste, was es wolle -- doch nein, so

von hinten, das ging nicht an. Wenn der Kerl nur standhalten wollte,

Bajonett und Pallasch gegeneinander war ein ehrlicher Kampf. »Halt,

Feigling!« schrie er. Der andere sah sich um, Wilhelm Pickhingst drohte

ihm mit angelegtem Gewehre und brüllte: »Steh', du Hund!« Hui, hatte

der andere noch nicht gelaufen, so setzte er jetzt an. Nun kletterte er

den Wall hinauf, er glitt zurück, ein zweiter Anlauf brachte ihn besser

auf die Krone, nun kroch er in eine Lücke. Wilhelm Pickhingst machte

einen verzweifelten Sprung und packte mit beiden Fäusten die Hacken

der großen Stiefel und hielt sie wie mit eisernen Klammern fest und

stemmte sich mit der ganzen Leibeswucht gegen den Wall. Der andere aber

zog auch, nur nach entgegengesetzter Richtung, was er konnte. Da gab

es nur eine Vermittelung, die Stiefel übernahmen sie, sie ließen die

langen Beine frei. Wilhelm Pickhingst schoß rücklings auf dieser, der

Kürassier kopflings auf jener Seite vom Wall.

Aber die kostbaren Stiefel, das Ziel seines Angriffs, hatte Wilhelm

doch erobert, ein Blick, oh, sie hatten eine wunderbare Größe! Und

die Schäfte waren noch weit länger als an seinen unvergeßlichen

früheren Stiefeln, und so heil und ganz und so vorzüglich geschmiert!

Er vergaß in der Bewunderung völlig den Franzosen, nahm sein Gewehr

auf und ging davon, mit den Stiefeln immer liebäugelnd. Da weckte

ihn ein Ruf aus seiner Betrachtung. Jenseits auf der Höhe stand der

Kürassier, und diesseits stand er. Und der Franzose tanzte und sprang

auf seinen Socken, als wollte er sagen: Ȁtsch, ich bin doch noch

davon gekommen.« Und Wilhelm Pickhingst war so überglücklich, daß

ihn die Sache eigentlich freute, er nahm sein Gewehr in die eine und

beide Stiefel in die andere Hand und tanzte und sprang auch, als wenn

er sagen wollte: »Ätsch, ich habe doch deine Stiefel!« Den Franzosen

schien das zu ärgern, er machte allerlei höhnische Bewegungen, und den

Deutschen schien das zu reizen, denn er stellte seine Stiefel nieder

und nahm ihn aufs Korn. Der Franzose schämte sich wohl jetzt seiner

früheren Flucht, er schlug die Arme ineinander und schaute verächtlich

drein, und der Deutsche schämte sich, den Wehrlosen abzutun, obwohl er

ihn prächtig vor dem Rohre hatte, er setzte sein Gewehr bei Fuß. Der

Franzose hob die Faust und tat so, als wenn er jemanden durchdreschen

wollte, und der Deutsche winkte ihm, er sollte nur kommen. Der

Franzose schnallte seinen Pallasch ab, hob ihn hoch und legte ihn auf

den Boden, den Küraß dazu. Der Deutsche verstand ihn sehr schnell, hob

sein Gewehr und legte es nieder. Der Franzose nahm sein Messer aus der

Tasche, zeigte es und warf es fort; der Deutsche machte es mit seinem

Messer auch so. Jetzt schüttelte der Franzose die Hände und zeigte,

daß er nichts mehr habe und deutete auf seine Faust als einzige Waffe.

Der Deutsche machte es genau nach, dann gingen beide in angemessene

Entfernung von ihren Waffen, und als der Franzose sich erst überzeugt

hatte, daß er es mit einem ehrlichen Gegner zu tun hatte, da war er

auch schon wie der Blitz von seiner Höhe herunter und zurück durch die

Hecke und auf den freien Platz, den das Glatteis so schön deckte. Beide

waren auf Socken, und so standen sie fest, und die Bedingungen waren

gleich, nur daß der Kürassier einen Kopf länger war als der gedrungene

Deutsche. Jetzt maßen sie sich mit den Blicken, plötzlich fuhren sie

aufeinander zu wie zwei bissige Hunde. Im nächsten Augenblick hatte der

Franzmann den Boden unter sich verloren, ein Ruck, und er saß auf --

nun -- Wilhelm Pickhingst sah kaltblütig an seinen schmerzverzogenen

Lippen, daß er unter dem oberen Ende seiner Schenkelknochen durchaus

kein richtiges Polster hatte. Der Geworfene erwartete offenbar, daß

er erbärmlich durchgebläut würde, aber Wilhelm Pickhingst dachte in

seinem ehrlichen Gemüte gar nicht daran, seinen Sieg auszubeuten.

Ein brüllendes Gelächter aus mehreren hundert Kehlen erschallte, das

Bataillon konnte den Kampfplatz recht gut überschauen, kleinere Leute

kletterten größeren auf die Schulter, einige erstiegen Bäume, und alle

riefen und jauchzten vor Vergnügen. Da schnellte der lange Bursche mit

einer erstaunlichen Gewandtheit wieder in die Höhe, sprang hierhin und

dorthin und schüttelte mit dem Kopfe und schlenkerte mit den Armen und

gab durch sehr seltsame Stellungen zu verstehen, daß er noch einen

regelrechten Ringkampf begehrte. »Na, denn man zu, Kamerad!« sagte

Wilhelm Pickhingst und zog seinen Mantel aus, wobei der Franzose sehr

höflich ihm behilflich war. Beide traten sich noch einmal gegenüber,

der Franzose verneigte sich, und Wilhelm Pickhingst machte einen

Kratzfuß, und dann kamen sie mit angezogenen Ellbogen sich näher, oh,

Wilhelm Pickhingst war in diesen Dingen nicht unerfahren, er wußte, daß

sein Gegner auf seine Größe und seine unglaubliche Gewandtheit rechnete

und seinem Griffe möglichst ausweichen würde, er stellte sich also

fest und paßte scharf auf, und als der Kürassier nun plötzlich anfuhr,

duckte er sich, faßte dessen dürre Schenkel, ganz gleich, ob Hose oder

Haut, hob ihn mit seiner Bärenkraft, und hup -- da machte er ihm

einen regelrechten Hosenlupf und hatte ihn hoch und warf ihn auf den

Rücken, daß es krachte. Abermals tosender Beifall, der den Unterlegenen

auffallend schnell auf die Beine brachte.

»+Ah, grand respect! -- Une main vigoureuse! Dans le monde entier

on ne trouve pas son pareil+«[1], sagte er würdevoll grüßend,

nahm die mächtige, breite Faust in seine Rechte und betrachtete sie

staunend. Wilhelm Pickhingst schüttelte ihm die Hand und entgegnete:

»Na, Kamerad, darum keine Feindschaft nicht!« Wie es gemeint war, sagte

der treuherzige Klang, der Franzose verstand's genau, wurde plötzlich

wieder gelenkig, legte die Hand aufs Herz, schüttelte gleichfalls

dem Gegner seine Rechte, sprang wieder zurück und begann nun in der

genauesten Weise das Bild des Kampfes zu wiederholen, nur daß er

versuchte, seinen Gegner darzustellen, legte an, setzte ab, schüttelte

mit dem Kopfe, zum Schluß hob er seine langen Arme bewundernd hoch.

Er wußte also ganz genau, daß der Deutsche nur aus Großmut nicht

geschossen hatte. Plötzlich besann er sich und fragte etwas, was wie

+Cognac+ klang und sicher so wie +boire+. Wilhelm Pickhingst

spitzte die Ohren, zeigte durch Achselzucken, daß er nichts zu trinken

besaß. Der Franzose schob ihn in seinen Mantel zurück, gab ihm sein

Gewehr in die Hand, hob ihm das Messer auf, faßte ihn beim Arm und

trottete mit ihm ab, dorthin, wo das Pferd erschossen lag. An einer

Satteltasche hing eine bauchige Kürbisflasche unversehrt, die schwang

er triumphierend in die Luft, entkorkte sie, trank und reichte sie

dem Mecklenburger. O ja, das war ein Tropfen! Der Franzose sah ihn

erwartungsvoll an, und als Wilhelm Pickhingst nickte und sich die Brust

klopfte, lachte er vergnügt aus vollem Halse, trank und gab und gab

und trank, und im Handumdrehen war die Flasche, die sicherlich einen

Liter faßte, leer. Wilhelm Pickhingst mußte es dulden, daß ihm die

Flasche zur Erinnerung an seinen Riemen gehängt wurde. Nun aber, als

das Feuer durch die Adern rann, ward der Franzose springend lebendig;

Wilhelm Pickhingst saß, ehe er es sich versah, auf dem Gaul und mußte

es leiden, daß der andere ihm die Stiefel anzog. Er ließ es sich

gravitätisch gefallen wie ein Pascha von drei Roßschweifen, der über

zehn Sklaven zum Ankleiden verfügte; es war ihm ein unbeschreibliches

Wohlbehagen, als er die Stiefel an seinen Füßen fühlte und bemerkte,

daß sie paßten und gar nicht drückten. Aber er mußte zurückkehren zum

Bataillon, der Hauptmann wurde sonst ungeduldig; verlegen sah er auf

die Socken seines Gegners, da fielen ihm seine Holzschuhe ein; jetzt

faßte er den andern bei dem Arm und brachte ihn zu der Stelle, wo er

sie abgeworfen, und zog sie nun seinerseits ihm an. Hui, welche Freude

für den Kürassier! Er tanzte wahrhaftig mitten auf dem Feld, he, hup,

da hatte er beide Schuhe in den Händen, nachdem er sie mit geschickten

Würfen in die Luft geschleudert hatte, und klappte sie zusammen und

flötete eine lustige Melodie dazu. Wilhelm Pickhingst hatte aber keine

Zeit mehr, er bot ihm die Hand und sagte adieu. Ja, da kam er schön an!

»+Qu'est-ce que vous voulez? Moi, je suis votre prisonnier, monsieur!

Pourquoi pour moi cette honte? En face de votre bataillon?+«[2]

und dabei warf der Franzose sich in eine Haltung, als müßte er mit

seinen Blicken seinen stämmigen Gegner niederstrecken. Prisonnier! Das

eine Wort verstand Wilhelm Pickhingst, und das übrige dachte er sich

hinzu. Er nickte gemütlich und sagte: »+Eh bien, allons, camerade,

vous êtes mon prisonnier.+«[3] Der Franzose zog die Schuhe wieder

an, und so wanderten beide Arm in Arm dem Bataillon zu, bei dem man

sie mit dem tollsten Jauchzen begrüßte. Der Franzose neigte sich wie

ein Schauspieler, der gebührende Huldigungen entgegennimmt -- gleich

darauf ging der Zug vorwärts, er immer mitten drin, wie wenn er schon

lange in den Reihen der Deutschen gefochten habe. Nachdem nun aber

aus allen kleinen Gehöften am Wege die Marodeurs und entmutigten

Franzosen massenweise zusammengetrieben waren, sollten die Gefangenen

nach rückwärts geschafft werden, und der Kürassier mußte sich trennen,

umarmte den neuen Freund, schüttelte die Hände dutzendweise und

schied offensichtlich ungern. Wie ein Marschall ging er zwischen den

Jammergestalten seiner Landsleute und warf nur verächtliche Blicke um

sich.

St. Corneille und das davor liegende Schloß wurden gestürmt, und als

Wilhelm Pickhingst gerade in der besten Arbeit war, sah er seitwärts

sein Bataillon auftauchen. -- »Kiek mal, Wilhelm Pickhingst hett sin

Kriegsstäwel wedderfunn!« sagte Jochen Langpaap, der ihn zuerst gewahr

wurde, und verzog seinen Mund von einem Ohr zum andern, während er

lud und gleich darauf schoß. »Un ick segg: Wat tom Daler slagen is,

kann up dei Dur nich vörn Schilling utgäwen warrn.« -- Abermals ein

Schuß. Die Kunde pflanzte sich mit Windeseile fort, alle wollten

Wilhelm Pickhingst sehen, aber Wilhelm Pickhingst ging im Kampfe

nach vorne. Darum mußten alle folgen, und nicht eher fand man Muße,

sich seine Erfahrungen auftischen zu lassen, als bis man in einem

Chateau am späten Abend zur Ruhe kam. Einige Grenadiere konnten die

Wundergeschichte vom Erwerbe der Stiefel, die er erzählte, bestätigen,

und Wilhelm Pickhingst versicherte schließlich, getragen durch die

allgemeine Anerkennung, unermüdlich, nun stände es baumfest, daß sein

Pech endlich von ihm weichen werde, das Eiserne Kreuz sollte und mußte

sein werden.

Auf einer Grenzstation mußte der Zug halten und erst die sich

verzögernde Abfahrt eines andern abwarten. Wilhelm Pickhingst

kletterte mühsam aus dem Wagen und ging vor demselben auf und ab im

Sonnenschein, während aus dem andern Zuge Hunderte von neugierigen

Franzosengesichtern schauten. Dort gingen Gefangene zurück in die

Freiheit.

Am Zuge entlang marschierten Männer aus der Bedeckungsmannschaft,

offenbar mit geladenen Gewehren, um etwaigen feindseligen Ausbrüchen

der zügellosen Gesellschaft, die niemals freiwillig Gehorsam leistete,

nachdrücklich begegnen zu können. Spottreden über den kranken Prüssien

flogen hinüber, Schimpfworte, die Wilhelm Pickhingst wohl verstand,

aber nicht beachtete. Plötzlich wurde es an dem einen Wagen laut.

Mit flinkem Griff öffnete ein langer Franzose die Tür, sprang hinaus

und eilte, beide Arme hoch wie Mühlenflügel schwingend, auf Wilhelm

Pickhingst zu. »Halt!« und ein bedenklicher Anschlag des Gewehres

ertönte hinter ihm -- es kümmerte ihn nicht -- »Halt!« unmittelbar

darauf zum zweiten Male, die Franzosen schrien warnend aus dem Wagen

heraus. Wilhelm Pickhingst verstand den furchtbaren Ernst der Lage,

vergaß seine Schwäche, und mit der alten Behendigkeit stand er bei dem

Franzosen und wollte ihn aufhalten, als dieser ihm plötzlich um den

Hals fiel und küßte und küßte und klopfte und die Hand schüttelte. --

Mit Geistesgegenwart drängte ihn Wilhelm Pickhingst sofort so, daß er

ihn gegen eine nachgesandte Kugel, die das letzte Halt nur zu schnell

rufen konnte, deckte und winkte dann der Wache ab. Und nun ergab sich

ein lebendiger Vorgang. Der Franzose machte in einer Minute den ganzen

Kampf auf dem Felde draußen noch einmal durch, legte an und schoß das

Pferd tot, warf seine Holzschuhe aus (er trug sie immer noch) und

lief auf Socken, ergriff die Stiefel (Wilhelm Pickhingst hatte nicht

von ihnen gelassen, selbst nicht, als die Truppe neu eingekleidet

war) und zog sie aus, d. h. bildlich, eröffnete die Herausforderung

zum Ringkampf, ließ sich werfen, d. h. auch nur bildlich, denn

der Bahnsteig war hart gepflastert. Schließlich entdeckte er die

Kürbisflasche -- da wurden seine Augen hell, und jetzt hielt Wilhelm

Pickhingst, der sich vor Freude über seinen Gefangenen ganz gesund

fühlte, es an der Zeit, seinerseits in die Handlung einzugreifen. Er

trank ihm zu und gab die Flasche hin, und der andere trank sie mit

einem Zuge leer, schüttelte sich aber heftig; der eine gab, was er an

Zigaretten hatte, und das war nicht wenig, weil seine Kameraden ihn

beim Abschiede im letzten Liebesdienste versorgt hatten, und der andere

steckte alles ein. Inzwischen war einer aus der Begleitungsmannschaft,

die verwundert dem Schauspiele zugesehen hatte, herangekommen und

winkte dem Franzosen. Der tat, als ob er nichts sähe, sondern

schauspielerte weiter. Der Soldat faßte ihn bei der Schulter und drehte

ihn herum, aber der Franzose glitt, nachdem er kaum einige Schritte

gemacht hatte, unter der Hand weg, holte aus irgendeiner Tasche einen

schmutzigen Fetzen Papier und rief: »+Votre nom, votre nom, mon brave

camerade!+«[4] Wilhelm Pickhingst begriff ihn und schrieb Namen und

Adresse genau auf, dann ein rascher Abschied fürs Leben, der eine ging

hierhin, der andere dorthin, und die Züge dampften davon.

Auf der nächsten Station konnte Wilhelm Pickhingst nicht mehr

aussteigen, auf der dritten schüttelte ihn das Fieber, auf der vierten,

auf der ein Lazarett sich fand, wurde er zurückgelassen, weil er

phantasierte.

Mehrere Monate rang seine kräftige Natur gegen die Krankheit, bis er

endlich derselben Herr wurde und nun in die Heimat entlassen werden

konnte. -- In Schwerin mußte er kurzen Aufenthalt nehmen, und als er so

durch die Straßen ging, dachte er daran, wie er sich früher in Gedanken

seinen Einzug in die Residenz vorgestellt hatte und wie ihn eigentlich

alle seine Hoffnungen betrogen hatten. Die Begegnenden standen still

und sahen ihm nach, er trug seine hohen Stiefel und die Kürbisflasche

und den Schnurrbart, und er glaubte, daß alle ihm seine trüben

Erfahrungen von der Stirn lesen könnten. Endlich mußte das Unglück

ihm noch jenen guten Freund, den er einst beim Anfange des Krieges im

Garnisonsorte angetroffen hatte, in den Weg führen, und dieser konnte

es sich nicht versagen, mit etwas anzüglichem Tone zu fragen: »Na,

Wilhelm, wo ist denn das Eiserne Kreuz?«

Er sah den Mann an und sah um sich -- es war am Markte, und viele

Menschen standen in der Nähe -- am liebsten hätte er ihn durch das

Asphaltpflaster hindurch mitten in den Grund getrieben. »Du Hans

Narr,« zischte er grimmig, »das wartet wohl nur darauf, daß du deine

langen Ohren in ihrer natürlichen Größe ausreckst, um sofort daran

gehängt zu werden, denn die Dümmsten haben ja immer das größte Glück.«

-- Weg war er in die Seitengasse hinein und dann zum Bahnhofe und so

nach Hause.

Wenn er nun auch nicht durch bekränzte Pforten einzog, so doch durch

ein Spalier von glückseligen Mienen und offenen Armen. Und als er,

schon etwas sanfter gestimmt, seine Stube bezog, fand er dort zunächst

eine sehr große Kiste mit Kognak, die von seinem Kürassier-Freunde über

England geschickt war, und sodann einen dicken Brief vom Regimente, der

ihm, weil man nicht erfahren hatte, wo er unterwegs geblieben, hierher

nachgesandt war. Mit Befremden öffnete er ihn, da fiel ihm das Eiserne

Kreuz entgegen. Die Offiziere und seine ganze Kompagnie gratulierten.

Er aber fühlte, daß seine Knie zitterten, und setzte sich und küßte es

und zerdrückte eine Träne in seinem Auge.

Das ist die Geschichte von Wilhelm Pickhingst, und wer sie nicht

glaubt, der mag ihn selbst fragen (aber vorsichtig, denn der hat noch

heute allerlei empfindliche Stellen, und das nicht bloß an den Füßen).

Er kann sich die Siegeszeichen ansehen, aber mag ja nicht glauben, daß

noch etwas von dem Kognak übrig ist; ein gut Teil hat Jochen Langpaap

zugesandt erhalten. Und der Rest? Nun -- man frage sich selbst, wie man

es mit demselben an seiner Stelle würde gemacht haben.

Ilse Frapan,

Dat Undeert.

Mit Genehmigung der Verleger ~Gebrüder Paetel~ in ~Berlin~

aus ~Ilse Frapan~ »~Zu Wasser und zu Lande.~«

Geb. M. 5.50.

Dat Undeert.

»Hurra! hurra! hurra! das' recht, Mietje, schrei du man orrendlich mit!

Un nu mal op engelsch: +hep! hep! hep! hurrah!+«

»Nee, Hinrich, auf engelsch kann ich das nich,« riefen ein paar

Kleinkinderstimmen aus dem dicht am Gartenzaun zusammengedrängten

fröhlichen Haufen.

Der größte Junge beugte sich zu den kleineren Geschwistern: »Kannst es

nich, Mietje? kannst es nich, Jasper? Na, denn man wieder auf deutsch:

ein, zwei, drei, hurra! Mußt auch orrendlich deinen Hut schwenken,

Jasper! Süh, so gehört sich das! Und noch einmal: ein, zwei, drei,

hurra!«

Sechs weiße Strohhüte mit flatternden schwarzen Bandendchen wurden von

sechs hellen, rundlichen Flachsköpfen gerissen und im Kreise geschwenkt

und gedreht. Die drei Mädchen unter ihren sechs Brüdern streckten die

Puppen in die Höhe und salutierten damit hinaus auf die in hohlen

Wellen gehende blauschwarze Elbe, über die wie weiße Silberpunkte die

Möwen hin und her schossen. Ein starker Sturm aus Süd fegte über den

Blankeneser Strand, und unter dem grollenden grauen Gewitterhimmel

standen unbekümmert die hurraschreienden Kinder auf ihrem kleinen,

festuntermauerten Bollwerk über dem Fußweg.

»Und noch einmal! Und noch einmal!«

Die neun jungen Kehlen, zwischen zwölf und zwei Jahren, klangen

schon etwas rauh von Wind und Wetter und dem angestrengten Rufen. Es

galt, den lauten Zusammenhall von schlagenden Wellen und rauschenden

Bäumen und flirrendem Sand zu überschreien. Ein wuchtiges Klatschen

und Flügelschlagen klang über ihren Köpfen: das war die aufgezogene

Flagge vor dem Hause. Wer unten an dem Bollwerk vorüberging, sah nur

einen Augenblick verwundert auf die geputzte jubelnde Gruppe; dann,

mit einem verständnisvollen Lächeln schritt er weiter. Eben schob sich

der dicke Polizeidiener heran: die Hände auf dem Rücken gefaltet,

das behagliche Bäuchlein voraus, und vorn, im geöffneten Rocke,

allerlei bedeutungsvolle weiße Papiere, auf denen der unstet zuckende

Sonnenschein glänzte. Er blieb stehen, blickte lachend hinauf und

sagte: »Na, Vadder schall woll hüt opkamen, un ji wölt em herschreen,

wat?«

»Ja!« erwiderte der hellstimmige Chor, und Hinrich, der Sprecher und

Älteste, setzte hinzu: »Wir üben uns da nu 'n büschen auf ein; die

Kleinen können das je sonst nich.«

»Ja, Mietje hat woll vorig Jahr noch nich mitgerufen.«

»Nee! da war sie je man fünfviertel!«

»Na, Gören, denn gröhlt man nich to dull, -- sünst sünd ji an' Enn'

hesch[5], wenn't an't Klappen kummt! Wanneer[6] schall Vadder denn

opkamen?«

»Hüt Nahmiddag oder morgen fröh, mit de Tide[7].«

»Nee, nee, heut Nachmittag soll er kommen,« riefen die älteren Mädchen

und drängten sich heran, und Mietje schüttelte den großen weißlichen

Lockenkopf und wiegte mütterlich ihre unförmliche Plünnenpuppe[8] in

den dicken rotmarmorierten Ärmchen.

»Morgen früh släft sie noch, denn tann sie ihn nich dut'n Tag sagen.«

»Giev mi 'mal so'n lüttje Mettwust her,« scherzte Petersen und griff

nach dem Arm der Kleinen.

»Nee! Sie is mich andewachsen! Laß sie man gern los, sie tönnt man

leicht 'mal abreißen,« sagte Mietje ängstlich und versteckte sich

hinter dem Ältesten. Der schlug ihr seinen Jackenflügel übern Kopf und

drückte sie zärtlich an sich. »Dumme Mietje!« Und dann kommandierte er

ungeduldig von neuem: »Ein, zwei, drei --«

»Na denn man los, Gören! Aber die Flagge habt ihr 'n büschen zu früh

aufgezogen, die reißt noch entzwei bei dem Wind!«

All die neun Augenpaare flogen zu dem schlanken Fahnenschaft, der sich

palmengleich elastisch hin und her bog.

»Die deutsche Flagge reißt nich!« Hinrich steckte beide Hände in die

Hosentaschen und stellte sich breitbeinig auf. »Und wenn Sie die

Stange meinen, das 'n echten Bambus, den hat mein Onkel Hartig selbst

mitgebracht.«

Eins der Mädchen steckte den Fuß halb durch den Zaun: »Herr Petersen,

wir haben alle neue Stiefel an.«

»Und neue Hüte auf!« rief die Schwester.

Hinrich schob sie auf die Seite: »Ach was, die Deerns klöhnen immer

so'n Unsinn, -- nee, Herr Petersen, ich krieg' 'n kleinen wilden Hund

von Feuerland, wo die Lehmänner[9] wohnen!«

»Mama steckt reine Gardinen auf.«

»Ach, Anna immer mit ihrem Kram! Nee, Petersen, hören Sie 'mal, der hat

denn gar keine Haare.« Aber Anna ließ sich nicht abweisen. »Wir essen

denn Rochen mit Specksauce, das mag Papa so gern.«

»Dat glöw ick woll, ji könt woll lachen. Wie heißt denn dein Papa sein

Schiff, lütt Jung?«

»Maria da Gloria,« schrie blitzschnell der neunstimmige Chor, sogar

Mietje hatte keinen Augenblick gezögert, wenngleich der Name etwas

undeutlich herauskam.

Gewichtigen Schritts spazierte Petersen weiter, während die Kinder nun

zur Abwechselung ein Lied intonierten: »Ich hab' mich ergeben mit Herz

und mit Hand!«

»O, da kommt Fräulein Dehn, Hinrich, laß doch, i gitt[10], sei doch

'mal still, wir wollen doch Tante Manga guten Tag sagen.«

Es war ein schlankes junges Mädchen, das in einem hellblumigen

Musselinkleid und kleinem weißen Strohhut herangeflattert kam. Die

Kinder, voran Anna, die elfjährige, stürzten ihr so stürmisch entgegen,

daß sie sie fast umrannten. »Kommen Sie zu uns?«

»Tante Manga, kommst du zu uns?«

»Nein, ich will den Schirm tragen.«

»Und ich trag' die Tasche, nich?«

»Fräulein, Tante, Papa kommt heute auf!«

»Papa und Onkel Hartig!«

»Heute Nachmittag oder morgen früh!«

»Komm mit 'rein! Komm mit 'rein.«

»Nein, pfui, nich stehn bleiben, Tante Manga! Warum willst du denn nich

'rein kommen?« so rief und schwirrte es durcheinander.

Das junge Mädchen war stehen geblieben, eine plötzliche

Unentschlossenheit lag auf ihrem lieblichen, weichen Gesichtchen, das

ganz rot übergossen aussah.

»Nein, pfui, ich ruf' Mama, wenn du nich 'rein kommen willst!« Mit

eigensinnigem Kopfnicken lief Anna durch den Garten und ins Haus,

während sich die Gruppe der Kinder mit Manga Dehn in der Mitte langsam

der Gartentreppe zuschob.

Eine junge Frau in einem blauen Morgenkleide, dem man es ansah, daß es

für festliche Zeiten gespart ward, kam mit einem Hammer in der Hand

hinten ums Haus herum und blickte suchend und etwas ängstlich über den

Garten.

»Da steht sie, Mama, da unten, und nu will sie nich herein,« rief

Anna in angeberischem Ton. Die gesunden roten Backen der jungen

Frau erbleichten: »Fräulein Dehn, Sie bringen doch keine schlechten

Nachrichten?« Und hastig eilte sie auf die Plattform und blickte

hinunter.

»Ach Gott nein, wieso denn?«

Manga Dehn kam ihr nun schnell entgegen und schüttelte ihre Hand. »Ich

wollte nur 'mal mein Versprechen wahr machen und auf ein paar Tage

heraus kommen, aber jetzt -- und nun haben Sie gedacht -- o wie dumm

von mir.«

Frau Tönnies lachte schon wieder. »Wissen Sie, wenn ich jemand von der

Dampfergesellschaft seh', krieg' ich's immer mit der Angst, und weil

Ihr Vater doch nu der Inspektor is -- das geht uns Seemannsfrauen allen

so, 'n büschen bange is man doch immer.«

Das junge Mädchen entschuldigte sich mit herzlichen Worten. Auf der

Schwelle wollte sie nicht weiter.

»Die Kinder sagen, Ihr Mann kommt -- sehn Sie, Frau Tönnies, darum

wollt' ich gleich wieder umkehren. Ich komm 'n andermal.« Sie streckte

ihr die Hand hin. Die Kapitänsfrau errötete leicht, sie hatte ehrliche

dunkelblaue Augen, und die wurden ein bißchen unsicher.

»Ja, mein Mann kommt heute.«

»Denn will ich Sie auch gar nicht aufhalten.«

»Ach was, nu kommen Sie man 'rein, Sie kommen ja ganz von Altona,

nich?« Sie zog die schwach Widerstrebende hinter sich drein ins Haus

und gleich in die Stube, in der sie ohne viel Umstände flugs wieder die

Leiter bestieg.

»Setzen Sie sich man in die Ecke beim Ofen, da is es am kühlsten, ich

muß man noch oben die Falle an den beiden Fenstern aufstecken. Ja, was

glauben Sie woll, wie lange wir hier nu schon rein machen? Vierzehn

Tage sag' ich Ihnen! Aber nu is es auch pükfein. Alles abgeseift, bis

auf'n Boden! Nee, so'n Seemann is eigen, wissen Sie, und Mietje hat

noch miteins dazwischen die Wasserpocken gehabt -- na überhaupt, so

neun, das is 'ne kleine Horde!«

Plötzlich musterte sie von dem hohen Aussichtspunkt herunter den gelben

Fußboden, und Erschrecken flog über ihre Züge: »Herrjes, sind die Gören

das gewesen? Ich mein' die Tappsen[11] da bei der Tür und beim Sofa;

können Sie sie sehn, Fräulein Dehn? Wenn man eben meint, man hat nu

alles rein --«

»Kann ich das nicht aufwischen?« Dienstfertig stand das junge Mädchen

auf.

Die Frau lachte: »Je, Sie mit Ihren feinen Händen, und denn zu Besuch

gehn und Stuben fäulen[12]!«

»Ich tu' es furchtbar gern!« beteuerte errötend die Kleine, und ehe

eine Antwort kam, war sie schon draußen und kehrte mit Leuwagen[13] und

Fäuel[14] zurück.

Wohlgefällig blickte Frau Tönnies auf die nette zierliche Figur, die

entschlossen ihr Kleid aufschürzte und das feuchte Geschäft gewandt

beendete.

»Is mir aber wirklich unangenehm, und ich hätt' es auch nicht gelitten

-- bloß, weil mein Mann kommt --«

»Wie Sie sich wohl freuen!« rief das junge Mädchen mit leuchtenden

Augen. Frau Tönnies kam von der Leiter herunter und atmete tief auf.

»Oha!« sagte sie, »je das is wahr, das Kommen is immer schön, wenn man

das alte Weggehn nicht wär! Nu noch das andere Fenster.«

Plötzlich klopfte sie aufgeregt an die Scheibe. »Es regnet! Große

Tropfen. Hereinkommen!« Sie winkte den Kindern zu, die sämtlich ihre

rotkarierten Taschentücher gezogen und sie sich über die Hüte gebunden

hatten. »Herrjes, und sie haben alle neues Zeug an!« rief anteilsvoll

das junge Mädchen, »ich hol' sie!«

»Aber man ja nich in die Stuben! Sie können in die Küche gehn, da wird

zuletzt aufgescheuert«, schrie die geschäftige Hausfrau hinter ihr her.

Kathrin, die in der Küche an einem großen Grapen[15] klärte, war nicht

sehr erbaut über das Getrappel, das da auf einmal zur Tür herein kam.

»Ick kann se hier nich brucken! Se fat allens an! Kiek, Jasper het

all de Hann' an de Wichsschachtel swatt makt, un Mietje geiht an de

Watertünn! Wat schall ick denn egentlich? Schall ick hier klären, oder

schall ick Gören möten[16]?« fragte sie mürrisch.

»Und in die Stuben tragen sie zu viel Sand hinein!« sagte Manga

gedankenvoll und blickte auf die roten Klinker des Küchenbodens. Dann

auf einmal lachte sie und rief: »Zieht 'mal alle eure Stiefel aus!«

»~Was~ sollen wir?« Nur die älteren begriffen sofort den Grund

dieser Verordnung. Aber Friedje, Phitje, Jasper und Mietje wollten die

neuen Stiefel durchaus nicht hergeben und schrien und strampelten, als

Kathrin Gewalt anwendete.

»So, und jetzt 'mal alle ganz leise auf Strumpfsocken hinter mir her,

wir wollen Mama überraschen,« befahl Fräulein Dehn. Das sah schon

spaßhafter aus, und die Überraschung gelang fast nur zu gut, denn Frau

Tönnies wäre beim Anblick der geisterhaft leise heranschleichenden

Kinderschar fast von der Leiter gefallen. Aber Manga beruhigte sie und

versprach, auch die Kinder ruhig zu halten, indem sie ihnen Geschichten

erzähle. Die Frau war mit den Gardinen fertig geworden; sie kam heran

und drückte die Hand der Helferin. »Nu sehn Sie 'mal, wie sich das

alles so macht!« sagte sie. »Was hätt' ich bloß anfangen sollen, wenn

Sie nicht gekommen wären! Wußten Sie denn gar nicht, daß die Maria da

Gloria heute aufkommt? Ihr Vater hat doch gewiß auch 'ne Karte aus

Antwerpen gekriegt?«

Manga Dehn blickte zu Boden. »Ach, meinen Sie, daß Papa mir alle Karten

zeigt, die er kriegt? Aber nun muß ich weg, -- es wäre rücksichtslos --

wo Sie sich so lange nicht gesehen haben --«

»Nein, Tante Manga soll hier bleiben!« riefen die Kinder.

Die Kapitänsfrau nickte ihr zu: »Na, Sie können sich woll denken, daß

ich doch nich viel von meinem Mann hab'. Die vierzehn Tag', drei Wochen

sind immer gleich um, und die neun Gören lassen mich gar nicht an ihn

'ran.« Sie breitete ihre Arme aus, so weit sie reichten, die drei

Jüngsten und der Älteste gingen gerade hinein: »Wer sitzt woll auf Papa

sein Schoß?«

Hinrich rief: »Mietje!« Anna schrie: »Jasper!« Die übrigen sieben

riefen einfach: »Ich!«

Vom köstlichen Humor · 第 5 / 21 题