An einem schönen warmen Oktobertag saßen Renate und Luise un

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DEUTSCHE JUGEND IN SCHWERER ZEIT

Erzählung für die Jugend

von

JOSEPHINE SIEBE

Mit Bildern von Professor Ernst Liebermann

Dritte Auflage

[Illustration]

Verlag von A. Anton & Co. in Leipzig

~Printed in Germany.~

Alle Rechte vom Verlage vorbehalten

Otto Wigand'sche Buchdruckerei G. m. b. H., Leipzig.

1. Kapitel.

Im Herrenhaus zu Kloningken.

In das große Wohngemach des Herrenhauses zu Kloningken drang der

Duft der blühenden Holunderbüsche. Die Sonnenstrahlen lugten durch

das dichte Laub des Pfeifenkrautes, welches die Südwand des Hauses

umzog, sie malten große leuchtende Flecke auf den weißgescheuerten

Fußboden und sie flimmerten auf den steifen, weißlackierten Möbeln. Das

Zimmer war ganz in einen grüngoldenen Glanz getaucht, selbst die alte

Kastenuhr in der Ecke hatte noch etwas von dem Schimmer abbekommen. An

einem der weitgeöffneten Fenster saß eine schlanke Frau, die Herrin des

Hauses, Friederike von Seeheim. Die Frau trug ein schwarzes Gewand,

ein weißes Flortuch war um ihre Schultern geschlungen, und durch das

volle aschblonde Haar zogen bereits silberne Fäden. Wie ein schönes

steinernes Bild, so saß die Frau in all dem strahlenden Frühlingslicht,

selbst das leise Lachen, das mitunter wie Vogelgezwitscher durch das

Zimmer tönte, fand keinen Widerschein auf ihrem blassen, fast finsteren

Gesicht. Das Lachen kam von dem andern Fenster her, dort saßen mehrere

Kinder traulich beisammen. Ein Mädchen von vielleicht vierzehn Jahren

hatte den Platz vor einem zierlichen Nähtisch inne. Renate von Bergen,

so hieß die Kleine, trug ein weißes Kleid, das ihr bis auf die Knöchel

herabfiel und noch die in Kreuzbänderschuhen steckenden Füßchen sehen

ließ, eine schwarze Schärpe schlang sich dicht unter der Brust um das

Kleid. Dichte Zöpfe hingen ihr auf den Rücken herab und das Blondhaar

legte sich schlicht um ein sanftes liebliches Gesicht. Sie zeigte einem

jüngeren Mädchen einige Stiche an einer linnenen Decke, sie tat es mit

viel freundlicher Geduld, ohne daß es ihr gelang, die Aufmerksamkeit

der Gefährtin zu fesseln. Diese andere, die Tochter des Kloningkener

Pfarrers, Luise Flemming, war ganz das Gegenteil von Renate, dunkles,

lockiges Haar umkrauste eine niedrige Stirn und braune Schelmenaugen

blitzten unter langen Wimpern hervor. Sie schnitt allerlei Grimassen

zu zwei Knaben hinüber, ihrem Bruder Walter und Hans-Heinrich von

Seeheim, dem Sohn des Hauses. Beide Knaben saßen dicht nebeneinander,

sie lasen eifrig in einem Buch und sie achteten wenig auf das, was

um sie herum geschah. Luise konnte viel nicken und kichern, »die

Leseratten«, wie sie schmollend die beiden nannte, merkten nichts von

ihren Schelmereien. Desto mehr Beifall aber fanden diese bei ihrem

jüngeren Bruder, dem vierjährigen Fritz. Dessen rundes Apfelgesichtchen

strahlte, er fand alles was die Schwester tat sehr komisch, und immer

wieder durchtönte sein Lachen die Stille des Zimmers. Dann flog

jedesmal ein mißbilligender Blick der Hausfrau zu den Kindern hin und

Renate bat ängstlich: »Sei doch still, Luise!«

[Illustration]

Plötzlich wurde hastig die Tür geöffnet und eine dicke ältere Frau

trat rasch ein. Auf ihrem Haupte thronte eine weiße, mit feuerroten

Schleifen geschmückte Riesenhaube, und als die Frau den Kindern

zunickte, nickten die Schleifen mit, wie ein paar Mohnblumen im

Winde. Luise kicherte leise und Fritz lachte laut. Die Eingetretene

aber machte vor Frau von Seeheim eine sehr tiefe, sehr kunstvolle

Verbeugung und sagte: »Wollen die gnädige Frau Baronin nicht die Güte

haben hinauszukommen, der alte Barduwik aus Schönheide ist da, um etwas

zu bestellen. Er ist sehr embarrasiert von wegen seiner schmutzigen

Stiefel und wagt nicht, im Chambre der gnädigen Frau seine Devotion zu

machen.« --

Ein flüchtiges Lächeln huschte über das ernste Gesicht der Hausfrau,

sie legte sorgsam ihre Arbeit zusammen und ging, die Nachrichten zu

hören, die ihr ihre Verwandten sagen ließen. Jungfer Karoline oder,

wie sie sich lieber nennen hörte, Demoiselle Karoline, folgte in

zierlichem Tanzschritt ihrer Herrin nach. Die Jungfer war ein rechtes

Faktotum in Kloningken, sie vereinigte viele Ämter in einer Person und

war Wirtin, Gesellschafterin und Kammerzofe zugleich. Vor allem aber

war sie die Vertraute ihrer Herrin in vielen Dingen. Sie war in der

Jugend Frau von Seeheims Spielgefährtin gewesen und hatte die heiteren

Mädchenjahre mit ihr verlebt. Später hatte sie dann mehrere Jahre in

einem reichsgräflichen Hause als Zofe gedient und hatte dort, wie sie

stets betonte, feine Manieren und Sprache gelernt, durch die sie nun im

Dorf Kloningken und bei den übrigen Dienstboten in besonderem Ansehen

stand.

Kaum hatte Herrin und Dienerin das Zimmer verlassen, als Luise

aufsprang. »Uf,« rief sie, »gut, daß die Frau Pate hinausgegangen ist,

Renate, schilt nicht, ich kann nicht mehr arbeiten, ich bin schon

ganz steif von diesem ewigen Stillsitzen.« Sie warf die Leinewand, an

der sie gearbeitet hatte, hoch empor und fing sie lachend wieder auf.

»Kinder, hört, ich muß wirklich einmal in den Garten gehen.« Sie raffte

ihr Rosakleid zierlich zusammen und machte eine tiefe Verbeugung,

genau so wie vorher Jungfer Karoline, und sagte feierlich: »Wollen die

Demoiselle mich gnädigst entschuldigen, und wenn der Herr Junker und

der Herr Bruder mich gütigst begleiten wollen, möchte ich anjetzo eine

Promenade in den Park unternehmen!« --

»Ob du wohl jemals ernsthaft sein kannst, Luise,« sagte der ältere

der beiden Knaben etwas vorwurfsvoll. Er war ein hoch aufgeschossener

Jüngling von sechzehn Jahren, ebenso dunkelhaarig wie die Schwester,

mit feurigen, braunen Augen und einem trotzig ernsten Zug in dem

hübschen Gesicht. Sein Gefährte war kleiner und er sah, trotzdem er

nur einige Monate weniger zählte, viel jünger aus. Er glich im Schnitt

des Gesichtes, in Haar- und Augenfarbe der Dame des Hauses, nur lag in

seinen Zügen eine frohsinnige Heiterkeit, und er schien auch mehr Lust

zu haben, auf Luises Scherz einzugehen.

»Warum schiltst du mich, Walter?« schmollte diese. Sie verzog

weinerlich die roten Lippen, während große Tränen in ihre Augen traten.

Klagend sagte sie: »Sieh doch, wie die Sonne scheint, alles blüht

draußen, die Vögel singen, ach, es ist so schön, aber wenn ich mich

freuen will und lachen, dann werde ich scheel angesehen!«

Begütigend nahm Renate ihre Hand, »Walter hat es nicht böse gemeint,

lache du nur ruhig, wenn es dir danach zu Sinn ist. Nimm Fritz und gehe

mit ihm in den Garten, die Frau Tante wird nicht schelten, ich werde

rasch deinen Saum fertig nähen!«

»Renate hat recht, Walter! Laß Luise sich doch freuen, sie ist ja noch

ein Kind!«

Luise hob das Köpfchen und warf trotzig die Locken in den Nacken. »Pah,

ich bin kein Kind, ich werde im November zwölf Jahre alt und du bist

noch nicht mal sechzehn!«

Hans-Heinrich lachte. Er verbeugte sich sehr tief und sehr feierlich

und bat schelmisch: »Wollen Euer Gnaden mir gnädigst Verzeihung

gewähren, und darf ich die Ehre haben, die furchtbar alte Demoiselle in

den Garten zu geleiten?«

Von Luises Gesicht wich rasch alle Trauer. Sie hing sich lachend an

des Freundes Arm, nahm Fritz an die Hand, und die kleine Gesellschaft

verließ unter munterem Geplauder das Zimmer. Bald erschallten vom

Garten herauf ihre heiteren Stimmen, erst nah, dann fern und ferner,

zuletzt verhallten sie ganz und in dem Zimmer war es wieder still

geworden. Mit einem leisen Seufzer beugte sich Renate wieder über die

Arbeit und emsig flog die Nadel auf und ab. Walter las weiter in seinem

Buche. Er hatte alles um sich herum vergessen und er schrak ordentlich

zusammen, als leise die Tür klappte und Frau von Seeheim wieder das

Zimmer betrat. »Die andern sind in den Garten gegangen,« sagte Renate,

die den fragenden Blick der Tante verstand.

»Luise kann es nie bei einer Arbeit aushalten,« sagte diese ein wenig

mißbilligend. Sie nahm ihren Platz am Fenster wieder ein, sie nahm ihre

Arbeit aber nur lässig in die Hand. Der sorgenvolle Ausdruck auf ihrem

Gesicht hatte sich vertieft und immer wieder ruhten ihre Blicke auf

einem Bild, das ihr gegenüber an der Wand hing.

Es stellte einen Offizier in Kürassieruniform dar, einen schönen Mann,

mit einem heiteren, frohen Ausdruck im Gesicht, um den Rahmen aber

schlang sich ein schwarzes Florband.

Renate sah dies wohl. »Die Tante hat Sorgen,« dachte sie schmerzlich

bewegt, »vielleicht hat sie eine traurige Nachricht bekommen! Was mag

es sein?«

Fast beklemmend wurde die Stille im Zimmer, zuletzt ließ auch Renate

ihre Arbeit sinken und starrte hinaus in den vom Sonnenschein

überfluteten Garten. Draußen war es so schön und friedlich, trotzdem

stieg in dem Herzen des jungen Mädchens eine heiße Angst empor, sie

meinte in der Ferne ein dumpfes Dröhnen zu hören. Sie hatte ein Gefühl,

als käme ein Unheil näher und näher und bange lauschte sie.

[Illustration]

2. Kapitel.

Ungebetene Gäste.

Man schrieb das Jahr 1812. Seit sechs Jahren war Frau Friederike

von Seeheim, die Herrin von Kloningken, Witwe. Ihr Gatte war in der

unglückseligen Schlacht bei Jena gefallen und wenige Wochen später war

ihr ältester Sohn bei Eylau tödlich verwundet worden. Man hatte den

jungen Fähnrich nach Kloningken gebracht und dort war er nach etlichen

Tagen in den Armen seiner Mutter gestorben.

Seit jener Zeit hatte Frau von Seeheim das Gut nicht mehr verlassen.

Sie widmete sich ganz der Erziehung ihres jüngsten Sohnes

Hans-Heinrich, des einzigen, der ihr von vier Söhnen geblieben war. Die

anderen beiden waren schon im zartesten Alter gestorben. Tatkräftig,

mit starker Hand verwaltete Frau Friederike ihren Besitz, sie war nicht

milde und darum oft mehr gefürchtet als geliebt von ihren Untergebenen,

aber sie war gerecht. Freilich ihre Liebe konnte sie niemand geben,

die gehörte fast ausschließlich ihrem Sohn. Der war ihr Abgott, ihr

Liebstes auf der Welt, und im Herzen zitterte immer die heimliche

Angst, der Sohn könne eines Tages den Beruf des Vaters ergreifen

wollen. Im Äußeren glich Hans-Heinrich seiner Mutter, im Wesen seinem

Vater. Er besaß die gleiche heitere Liebenswürdigkeit und den sorglosen

Mut wie sein Vater, der am Morgen der Schlacht mit einem Lachen auf

den Lippen in den Kampf gezogen war. Wohl blieb der Ernst der Zeit

nicht ohne Einfluß auf den Knaben und er konnte mit blitzenden Augen

und heißen Wangen mit seinem Freunde Walter Flemming von Krieg und

Freiheit sprechen. Dann aber tollte er auch wieder übermütig durch den

Park und verschmähte es nicht, mit Luise und Fritz Flemming Ritter und

Räuber zu spielen oder auf dem See, der dicht bei dem Gute lag, lustige

Wasserfahrten mit ihnen zu unternehmen.

Walter Flemming war viel ernster als Hans-Heinrich, trotzdem er so

wenig älter war. Auf dem hochbegabten Knaben lastete die Stille von

Kloningken oft schwer, die Heimat erschien ihm oft so eng und klein,

und er sehnte sich hinaus in die weite Welt, in den Kampf. Er war vor

einem Jahre etliche Wochen in Königsberg gewesen und dort hatte er,

durch einen Vetter, einen Kreis junger Männer kennen gelernt, die alle

älter als er, eine Art Bund geschlossen hatten, der nur den einen Zweck

kannte, Befreiung von dem Joch der Fremdherrschaft. Alle diese jungen

Leute waren entschlossen, ihr Leben für die Freiheit des Vaterlandes

einzusetzen, sie alle hofften sehnsüchtig auf die Stunde, da der Krieg

gegen Frankreich losbrechen würde.

Seither lebte in Walters Seele ein leidenschaftlicher Haß gegen

Napoleon, gegen alles was französisch war. Seine Eltern sahen dies oft

mit Bangen, und sie versuchten es durch Güte und Strenge, das wilde

Wesen des Sohnes in ruhigere Bahnen zu leiten.

In Frau von Seeheims Hause hatte noch eine Nichte von ihr Aufnahme

gefunden, Renate von Bergen, eine Waise. Die Kleine war durch die

tiefen Schatten, die so früh die Sonne ihres jungen Lebens getrübt

hatten, still und ernst geworden. Sie war sehr sanft, aber von scheuem,

zurückhaltendem Wesen, und sie verstand es wenig, der Pflegemutter

Herz zu gewinnen. Mit großer Liebe aber hingen ihre Gespielen an ihr,

und »Mütterchen« Renate, wie sie sie oft nannten, war ihnen Hilfe und

Zuflucht in allerlei Kümmernissen des täglichen Lebens.

Wie um die Kinder, so schlang sich auch um die Eltern ein

Freundschaftsband, und der Verkehr vom Herrenhaus zum Pfarrhaus in

Kloningken war ein reger und kein Tag kam und verging, an dem es nicht

ein Hinundher zwischen beiden Häusern gab. Freilich war hier Frau

Friederike mehr die Nehmende, sie nahm alle herzliche Liebe und Treue,

die ihr Pfarrer Flemming und seine Frau Charlotte darbrachten, als

selbstverständlich an, ohne selbst viel Liebe zu geben.

Auch an diesem hellen Frühlingstag dachte Frau Friederike an die

Vergangenheit und sie merkte nichts von Renates wachsender Angst.

Aber plötzlich ließ Walter erschrocken sein Buch sinken und lauschte.

»Was war das nur?« Durch die Stille klang es wie ein fernes, dumpfes

Gewitterbrausen, es war als erzitterte der Boden unter den Füßen.

»Hörst du was, Renate?« flüsterte der Knabe.

Diese nickte beklommen und sah ängstlich zu ihrer Tante hin, auch Frau

von Seeheim horchte mit erblaßtem Gesicht. »Hans-Heinrich,« murmelte

sie erschrocken, denn in jeder Gefahr galt ihre erste Sorge dem Sohn.

Draußen erschallte auf einmal ein wildes Rufen und Schreien, man hörte

Jungfer Karolines jammernde Stimme und jäh riß Hans-Heinrich die Tür

auf und stürmte über die Schwelle. Ihm folgte weinend Luise mit dem

kleinen Fritz.

»Sie kommen, Mutter, sie kommen,« schrie Hans-Heinrich, und seine

grauen Augen blitzten in heftigem Zorn. »Hört ihr es denn nicht, wie es

dröhnt, wir haben auf der Erde im Garten gelegen, da hört man es noch

deutlicher. Vogt Schwarze sagt, vom Heuboden aus kann man sie kommen

sehen, ich will rasch hinaus laufen!«

»Sie kommen, sie kommen,« tönte von draußen das Jammergeschrei, und

einige Mägde stürzten verzweifelt in das Zimmer.

Frau Friederike griff entsetzt nach der Hand des Sohnes. »Du bleibst

hier,« stieß sie hervor, »ihr Kinder dürft das Haus nicht verlassen.«

Ein rascher, fester Schritt kam draußen über den Flur und Pfarrer

Flemming trat hastig ein. Sein freimütiges, kluges Gesicht trug den

Ausdruck hoher Erregung, sein Anzug und seine Schuhe waren bestaubt

und auf der Stirn perlten ihm große Schweißtropfen. »Ich komme von

Schönheide,« sagte er, »ich habe mich so beeilt, um Sie, teure

Freundin, vorzubereiten, die Franzosen kommen. Die Generale Regnier

und Gouvion St. Cyr sind auf dem Durchmarsch, im Dorf ist bereits eine

Abteilung eingetroffen, und sie verlangen Wagen und Pferde bis G.,

außerdem Lebensmittel. In wenig Minuten werden sie auch hier im Schloß

sein.«

»Um hier zu hausen wie eine Räuberbande,« unterbrach ihn Frau

Friederike empört. »Mögen sie alles fortschleppen, ihr aber, Kinder,

geht in das blaue Zimmer hinauf, eure Augen sollen das französische

Gesindel nicht sehen, das ich hasse, hasse wie --«

Der Pfarrer hatte die Hand der Frau ergriffen und sagte traurig:

»Hassen ist ein furchtbares Wort, liebe Freundin. Wenn Sie auf

diejenigen Ihren Haß werfen, die heute hier durchziehen, dann trifft

es unsere eigenen Landsleute, denn diese Armee besteht aus Sachsen und

Bayern. Die Leute sind Deutsche wie wir, auch kommen sie nicht als

Feinde, unser König, den Gott erhalten möge, ist der Verbündete des

Kaisers, wie die meisten deutschen Fürsten.«

»Deutsche, Deutsche,« murmelte Frau Friederike. »Deutsche an seinen

Siegeswagen gespannt, o mein Gott, deine Hand ruht schwer auf uns!«

Von draußen erklang jetzt lautes Sprechen und starke Schritte klirrten

auf dem Steinboden des Flurs. Man hörte Poltern und Schreien, Waffen

rasselten und dazwischen tönte die ängstliche Stimme der Jungfer

Karoline. Der Pfarrer öffnete schnell die Tür, und an ihm vorbei

drängten sich zwei Offiziere in das Zimmer, während mehrere Soldaten

draußen blieben. Der ältere der Offiziere trat auf Frau von Seeheim

zu. Er war klein und seine blitzenden, dunkeln Augen, die gebräunte

Gesichtsfarbe verrieten den Südländer. Er verneigte sich sehr höflich

vor der Hausfrau und sagte mit einem liebenswürdigen Lächeln: »Madame,

ick komme zu bitten für meine Soldaten, wir haben noch einen langen

Weg, wir brauchen Wagen, Pferde, wir sein hungrik, wir wollen essen,

verstehen, Madame?«

Als Frau von Seeheim schwieg und ihn finster ansah, fügte er ein wenig

drohend hinzu: »Wir sind Freunde von Ihre Könik, Freunde, verstehen

mir?«

»Ich verstehe schon, was an Vorräten vorhanden ist, können Sie

erhalten!«

»O, Madame sind liebenswürdik,« sagte er verbindlich, »kann nix for

Krieg, ist serr bös, ick verstehen!«

Der andere Offizier, ein junger hochgewachsener Mann, mit offenen

Zügen, hellblondem Haar und freundlichen blauen Augen, hatte der

Verhandlung wenig Aufmerksamkeit geschenkt, er war zu den Kindern

getreten, die sich auf ihrem Platz am Fenster zusammengedrängt hatten,

und richtete einige Fragen an sie. Seiner Sprache hörte man den

Süddeutschen an und Walter dachte erbittert: »Er ist ein Deutscher!«

Renate war die einzige, die Antwort gab. Fritz hatte ängstlich seinen

Kopf in ihren Schoß geborgen, Hans-Heinrich und Walter aber setzten

allen Fragen des Offiziers trotziges Schweigen entgegen; auch Luises

sonst so beredter Plaudermund war geschlossen und scheu sah sie zu dem

Offizier empor. »Wie ein richtiger Hasenfuß,« dachte Walter, der sich

über die Schwester ärgerte, doch auch Renates ruhige Antworten empörten

ihn, und er warf der Freundin einen zornigen Blick zu. Der Offizier

merkte wohl den Zorn des Knaben, er lächelte ein wenig spöttisch

und sagte mit leichter Neckerei: »Ei, ei, der junge Herr scheint

eifersüchtig zu sein.«

Walter sah wohl, wie seines Vaters Augen mahnend auf ihm ruhten, aber

er konnte nicht schweigen, heiße Glut stieg ihm ins Gesicht und seine

Stimme klang fast rauh vor zorniger Erregung, als er erwiderte: »Ich

bin ein Preuße und liebe mein Vaterland, soll ich lachen, wenn --

wenn!« Er stockte und fügte dann leise aber fest hinzu: »Die Feinde im

Lande sind.«

Renate war totenbleich geworden, sie preßte angstvoll die Hände

zusammen, aber doch ruhten ihre Augen stolz auf dem Freund.

Hans-Heinrich hatte sich straff emporgerichtet, und seine blauen Augen

blitzten und flammten, beinahe hätte er Bravo gerufen.

Von dem Gesicht des Offiziers war das Lächeln geschwunden, er war blaß

geworden. Einige Minuten sah er die Knaben fest an, nicht zornig, fast

traurig war sein Blick. Dann wandte er sich ohne Gruß ab und schritt

auf den Pfarrer zu: »Wer ist jener, mit dem dunkeln Haar?« forschte er.

»Mein Sohn,« gab der Gefragte ruhig zur Antwort.

»Tapferer Junge,« murmelte der Offizier. »Gott erhalte ihn, ich

gratuliere zu solchem Sohn.« Er trat rasch, ohne eine Entgegnung

abzuwarten, auf seinen Kameraden zu und drängte diesen beinahe schroff

zur Eile. Nach wenigen Minuten verließen denn auch die beiden Offiziere

das Haus, der Franzose mit höflichen Abschiedsworten, der Deutsche

stumm und finster.

Frau von Seeheim aber ging in Vorratskammer und Keller, um die Wünsche

der Offiziere zu erfüllen. Der alte Vogt ließ unter schweren Seufzern

das Vieh aus den Ställen treiben und die Wagen anschirren. Nach kaum

einer Stunde fuhr, von Soldaten eskortiert, ein hochbeladener Wagen

nach dem andern von Gut und Dorf Kloningken aus nach der eine halbe

Stunde entfernten Straße hin, auf der in endlosen Kolonnen die große

Armee Kaiser Napoleons nach der russischen Grenze zog.

Die heimlichen Flüche der Männer, das laute schmerzvolle Klagen der

Frauen folgte dem Heere. Das zog mit fliegenden Fahnen und klingendem

Spiel dahin und die Waffen und Uniformen blitzten im Sonnenschein.

Unabsehbar waren die langen Züge der Wagen und Kanonen, und manch

einem ergrauten Krieger wurde das Herz schwer, wenn er die unzähligen

Gepäckwagen sah, die das Fortkommen im feindlichen Lande sehr

erschweren mußten. Die Landleute wurden gezwungen, mit ihren Pferden

zu Hilfe zu kommen, sie mußten auch an Lebensmitteln geben, was sie

nur auftreiben konnten. Es waren ja nicht Feinde, Freunde sollten

es sein, die das Land durchzogen. Kaiser Napoleon hatte mit dem

tiefgebeugten König von Preußen ein Bündnis geschlossen, und die noch

zu zahlende Kriegsentschädigung der unglücklichen Jahre von 1806/07

war in Lieferungen von Schlachtvieh, Korn und anderen Lebensmitteln

umgewandelt worden. Außerdem durften die durchziehenden Truppen noch

Lebensmittel nach Bedarf einziehen.

»Als wäre, wie zu Moses Zeiten, ein Heuschreckenschwarm über das Land

gezogen,« so klagte Vogt Schwarze in Kloningken bei seiner Heimkehr. Er

ballte die Hände zur Faust, und über sein Gesicht liefen Tränen, die

ersten vielleicht, die er seit dem Tode des jungen Herrn geweint hatte.

»Seht, Jungfer Karoline,« sagte er zu dieser, »was einem geradezu das

Herz im Leibe umdreht, das ist, daß so viele Deutsche dabei sind,

Deutsch reden sie, Herrgott, möchten sie auch deutsch denken! Das

wurmt mich, wünschen möchte man, daß sie alle drinnen in Rußland ihren

Tod fänden; und dann erbarmt's einem wieder das Herz, wenn man an all

das ehrliche, deutsche Blut denkt, das da vergossen wird, für was?«

[Illustration]

Mit gebeugtem Haupt ging der alte Mann in seine Kammer, und vorsichtig

verschloß er hinter sich die Türe. Aus seinem Bettsack wühlte er ein

altes, etwas verrostetes Schwert heraus, damit hatte Anno 1758 sein

Vater bei Zorndorf unter dem alten Fritz gefochten. Mit finsterer Miene

wog der Vogt Erdmann Schwarze das Schwert in der Hand, und dreimal

hieb er zu, daß es sausend die Luft durchschnitt, ja er konnte es noch

führen. Dann faltete er seine harten Arbeitshände über dem Schwert

zusammen und wie ein Schrei brach es aus seiner Brust: »Herr Gott,

erbarme dich unserer Not!«

In jenen Tagen klang dieser Ruf aus Tausenden von Herzen angstvoll

zum Himmel empor. Bis in den Herbst hinein dauerten die Durchzüge der

Truppen, und bei dieser ungeheuren Masse von Soldaten wurde die Angst

wach, was wird geschehen, wenn der Siegeszug in Rußland beendet ist,

dann bewahre uns der Herr vor dem Übermut des Siegers! Traurig aber

sahen die Landbewohner auf ihre zerstampften Felder, in ihre verödeten

Ställe und leeren Vorratskammern, und sie dachten voll Sorge an den

kommenden Winter.

[Illustration]

3. Kapitel.

Eine kleine Heldin.

Die Sorge der Erwachsenen dämpfte auch die heitere Kinderlust etwas,

immerhin gab es auch in diesem harten Sommer manche frohe Stunde für

die Kinder in Kloningken. Die Winterangst lastete nicht allzu schwer

auf ihnen, und namentlich Hans-Heinrich, Luise und Fritzel fanden

immer neue Gründe zum Frohsein. Sacht wandelten sich die Sommertage

in Herbsttage und der Wald begann in bunten Farben zu schimmern.

Die schlanken Birken hatten ihr lichtgrünes Sommerkleid mit einem

goldgleißenden Prachtgewand vertauscht, und im Sonnenschein sah der

Wald aus wie der goldene Wald des Märchenlandes. In dem Kloningkener

Garten standen die Obstbäume fruchtbeladen und Jungfer Karoline hatte

es sehr eilig, den Vorrat von Obst in Sicherheit bringen zu lassen.

Die Angst, es könnten neue Truppen kommen und die Bäume plündern,

veranlaßte sie, mit allen ihr zu Gebote stehenden Kräften die Obsternte

zu halten. Sogar Vogt Schwarze half mit, er tat dies freilich etwas

widerwillig und er brummelte genug dabei, denn er dachte an die

verwüsteten Felder, die in diesem Sommer wenig genug Korn geliefert

hatten.

An einem schönen warmen Oktobertag saßen Renate und Luise unter einem

breitästigen Apfelbaum und Renate war eifrig damit beschäftigt, Obst

zu schälen, das zum Winterbedarf getrocknet werden sollte. Luise hatte

auch ein Messer in der Hand, aber statt zu schälen, biß sie soeben mit

ihren weißen Zähnen in einen großen, rotbäckigen Apfel; »wirklich,

Renate, er ist zu gut, um ihn zu trocknen,« versicherte sie. Renate

lachte, »ich glaube Luise, du hast schon etliche gefunden, die sich

besser zum Essen eignen, wenn du dich nicht eilst, werden wir bis zum

Vesperbrot nicht fertig mit unserer Arbeit.«

Seufzend begann Luise nun einen Apfel zu schälen, als sie den zweiten

ergriff, seufzte sie tiefer, beim dritten aber sank ihr das Messer

aus der Hand und sie klagte halb lachend, halb traurig: »Ich weiß gar

nicht, wie das kommt, Renate, dir fliegt jede Arbeit von der Hand, du

bist darin gerade wie meine Mutter, wenn die nur etwas anschaut, so

ist es schon fertig, aber mir gelingt nichts ordentlich. Nun sieh nur

einmal, du kannst jeden Apfel schälen, daß seine Schale ganz bleibt,

während es bei mir lauter kleine Stücke werden, es ist zum Verzagen,

wenn man so ungeschickt ist.« Ein Weilchen schälte sie wieder eifrig,

dann sprang sie plötzlich auf und rief stolz: »Da, jetzt habe ich auch

eine Schale ordentlich lang bekommen. Sieh nur wie fein! Nun werde ich

das Orakel fragen, wie mein künftiger Gemahl heißt.«

Sie trat einige Schritte vor und warf lachend die Schale hinter sich,

dann drehte sie sich blitzschnell um, und o weh -- die Schale baumelte

an einem Strauch.

Renate rief mit schelmischer Neckerei: »Keinen Mann bekommst du, wer

wird auch solchen kleinen Quirl zum Weibe nehmen!«

Luise war rot geworden, sie setzte sich schweigend wieder an ihre

Arbeit. »Bist du böse, weil ich dich neckte?« Renate bog sich vor und

sah forschend in das traurige Gesichtchen der kleinen Freundin.

Die schüttelte betrübt den Kopf. »Böse? Ach nein, ich bin nur

schrecklich traurig, weil ich so dumm und ungeschickt bin. Ach, Renate,

ich wollte, ich wäre wenigstens auch eine Johanna von Orleans, wie in

dem schönen Buch des Herrn Schiller, das uns Vater neulich vorgelesen

hat. Ich wollte, ich könnte auch so im Kampf voranziehen. Du lieber

Himmel, denke doch nur, Renate, wie wundervoll das wäre, wenn ich auch

mit einem goldenen Helm auf dem Kopfe ankäme und sagte: ›Jetzt ziehe

ich in den Krieg!‹ Nachher würde ich in Berlin einziehen und vor den

König hintreten und sagen: ›Gnädiger Herr König, ich habe den Bonaparte

gefangen genommen und alle Franzosen fortgejagt!‹ Hurra, das wäre mal

was!«

Luise war aufgesprungen. Die Äpfel, die sie auf dem Schoß gehabt

hatte, kollerten auf die Erde, und in ihrem Eifer warf die Kleine noch

einen gefüllten Obstkorb um. Sie achtete gar nicht darauf, sie stand

mit blitzenden Augen vor der Freundin und schrie: »Sieh, Renate, so

würde ich es machen!« Sie schwang in der erhobenen Hand drohend das

Obstmesser und rief laut: »Hurra, hurra, nieder mit den Feinden!«

»Bravo, bravo! Johanna von Kloningken!« rief da plötzlich eine

freundliche Stimme. Über den Gartenzaun blickte ein Reiter, der hatte

anscheinend die Mädchen schon lange beobachtet und er lachte nun

laut und herzlich über Luises kühne Haltung. »Sieh, sieh, was das

Mariellchen für ein Sprudelkopf ist, recht kriegerische Ansichten hat

sie für ein Pfarrtöchterlein!«

Luise war glühend rot geworden, sie vergaß ganz, den Reiter zu

begrüßen, Renate jedoch in ihrer ruhigen Art verbeugte sich mit

zierlichem Anstand und sagte: »Die Frau Tante ist im roten Zimmer, darf

ich vielleicht Ihr Kommen melden, lieber Onkel?«

Freiherr Franz von Seeheim auf Schönheide, ein Vetter Frau Friederikes,

reichte ihr über den Zaun herüber die Hand; »laßt euch nicht stören,

Mariellchens, ich reite durch den Hof und werde meine Base schon

finden!« Er trieb sein Pferd an und nickte noch einmal zu Luise hin.

Diese stand verlegen und kämpfte mit den Tränen der Scham, und Renate

mußte sie erst liebevoll trösten, ehe sie sich endlich wieder zu ihrer

Arbeit hinsetzte. Sie blieb nun wirklich einige Zeit dabei, freilich,

so viele Äpfel sie schälte, so viele Seufzer gab es auch. Als Jungfer

Karoline nach einer Weile nachsehen kam, da sagte sie unzufrieden:

»Vor eine künftige Hausfrau möchte ich dich noch nicht regardieren,

Luise. Ein Mädchen, das Äpfel schält, als hätte sie mit 'nem Pflug

die Schalen abgerippelt, das hat noch nicht die Qualitäten vor die

Hausfrauenschaft!«

Luise kicherte, trotz dieses vernichtenden Urteils, und Jungfer

Karoline bekam, sie wußte nicht wie ihr geschah, einen Kuß. Da war sie

rasch versöhnt, und sie selbst tröstete: »Was nicht ist, kann noch

werden, und mit die Tüchtigkeit ist das so, die kommt manchmal wie'n

Donnerwetter im Sommer!«

Frau Friederike saß in ihrem Arbeitszimmer an ihrem Schreibpult und

rechnete. Das Gemach, in dem sie sich befand, war mit altertümlich

geschnitzten Möbeln angefüllt, die Einrichtung stammte noch aus Frau

Friederikes Elternhause in Pommern; nicht recht zu dieser massigen,

gediegenen Pracht einer vergangenen Zeit paßten die Ölbilder, die an

den Wänden hingen und die einige Herren und Damen in der koketten,

zierlichen Tracht des verflossenen Jahrhunderts darstellten. Auf dem

Gesicht der Frau lag ein müder, sorgenvoller Ausdruck, und sie schrak

aus schwerem Sinnen empor, als draußen ein kräftiger Schritt erklang.

Ein kurzes Klopfen, und Herr von Seeheim trat in das Zimmer.

Die Hausfrau schob ihre Papiere zusammen und begrüßte freundlich den

eintretenden Vetter. »Hoffentlich zürnt mir meine liebe Base nicht,«

sagte dieser, auf seine hohen, mit Schlamm bespritzten Reiterstiefel

weisend, »daß ich so das Boudoir einer Dame betrete. Aber, wäre ich

ohne einen Gruß von Kloningken heimgekommen, dann hätte ich vielleicht

Schelte von meiner Eheliebsten erhalten.«

Friederike lächelte, »ich wußte gar nicht, Vetter, daß du so unter

Henriettes Pantoffel stehst; doch wie geht es daheim?« Herr von Seeheim

berichtete allerlei aus dem täglichen Leben, »es geht eben, wie es

in solchen Zeiten gehen kann,« sagte er, während sein Gesicht sich

verdüsterte. »Mein Viehstand ist jämmerlich, und die Felder, die an

der Straße liegen, haben keine Ernte gegeben. Aber meinen Bauern ist

es nicht besser gegangen, und ich habe vergeblich Beschwerde erhoben,

weil man uns einen Teil der Zugtiere, die wir zum Transport stellen

mußten, nicht zurückgegeben hat, aber das ver--. Na, ich will lieber

nicht fluchen, so gut Henriette ist, dies mag sie doch zu wenig, also,

das französische Gesindel kümmert sich nicht im geringsten um unsere

Klagen, und unser armer König ist so machtlos wie wir.«

»Hat man Botschaft, Vetter, wie es in Rußland geht, sind wieder

Siegesnachrichten eingetroffen?«

Franz von Seeheim bog sich ein wenig vor und dämpfte seine markige

Stimme, »die Zeitungen berichten weiter von glänzenden Siegen,

sie schreiben, der Zug der großen Armee wäre einem Triumphzug zu

vergleichen. Heute früh aber war der alte Levin Moses bei mir, du

kennst ihn, er kauft immer die Felle auf und ist bald hier, bald drüben

in Rußland. Ich denke mir, er kennt einen Weg über die Grenze, den

nicht viele wissen. Kurz, jetzt ist er wieder hier, so recht wollte er

ja nicht mit der Sprache heraus, aber als ich ihm versprochen habe, so

wenig wie möglich davon zu reden, da hat er mir denn allerlei erzählt.

Die Siege, die gemeldet werden, sollen gar nicht immer rechte Siege

sein, bei Borodino hätten sich die Russen so heldenmütig geschlagen,

daß man kaum von einem Siege sprechen könnte. Und die Russen sollen

auch nicht daran zweifeln, daß es ihnen gelingen wird, die feindliche

Armee zu vernichten.«

Die Frau hatte atemlos gelauscht, ihre Hände schlangen sich krampfhaft

ineinander, »wenn es wahr wäre, wenn es wahr wäre, dann wäre es die

gerechte Vergeltung,« murmelte sie.

Herr von Seeheim nickte; »ja, wenn es wahr wäre, wenn wir hoffen

dürften in unserer Not, hoffen auf eine kommende Zeit. Mein Haar fängt

an zu bleichen, meine Hände sind schwer und hart, aber bei Gott, noch

können sie eine Waffe führen, und wenn mein König rufen würde, Franz

von Seeheim bleibt nicht hinter dem Ofen hocken!«

»Und dein Weib, deine Kinder?«

»Sie würden mich ziehen lassen, Friederike,« gab er zur Antwort, er

sah die Frau fest an. »Henriette ist ein tapferes Weib, sie weiß, was

sie ihrem Vaterland schuldig ist, sie würde nicht klagen, und meine

drei Mädels denken wie sie.«

»Sie haben auch noch nichts verloren,« sagte Frau Friederike müde.

Einige Minuten herrschte tiefes Schweigen in dem Zimmer, dann sagte

Franz von Seeheim, sich zu einem heiteren Tone zwingend: »Es ist eine

tapfere Jugend die heranwächst, sogar die Mädels träumen von Krieg.«

Und lachend erzählte er von seinem Erlebnis am Gartenzaun, wie Luise

Flemming kühn das Obstmesser geschwungen hatte.

Bei der Hausfrau fand seine Heiterkeit keinen Widerhall, sie sagte

ziemlich schroff: »So ein Betragen ist gar nicht mädchenhaft, und es

ist mir unverständlich, wie die sanfte Charlotte solch einen Unband von

Tochter haben kann. Das Mädchen ist zu keiner Hausarbeit zu gebrauchen,

es tobt durch Haus und Garten schlimmer als ein Bube, und ich muß

ehrlich gestehen, ich sehe es gar nicht gern, daß Hans-Heinrich sich

gerade an Luise so anschließt.«

»I was,« sagte der Freiherr, »Luise ist ja noch ein Kind und ein

liebes, warmherziges dazu. Meine Mädels waren auch so wild, daß ich

schier meinen konnte, ich hätte das Haus voll Buben, nun sind sie

doch so sittsam und bescheiden geworden, daß es eine Freude ist, sie

anzusehen.«

»Ich wollte es Charlotte Flemming wünschen, daß Luise anders würde,«

gab die Hausfrau zur Antwort, aber der Ausdruck ihres Gesichtes zeigte

deutlich, daß sie wenig daran glaubte.

Der Eintritt Hans-Heinrichs, der kam, den Oheim zu begrüßen, unterbrach

das Gespräch. Seine erste Frage war: »Haben Sie Nachrichten, wie es mit

der Armee des Kaisers steht?«

Schon wollte Franz von Seeheim dem Neffen erzählen, was er wußte,

denn er meinte, der Knabe sei alt genug dazu, aber da traf ihn ein so

trauriger, bittender Blick seiner Base, daß er schwieg. Etwas verlegen

räusperte er sich, dann brach er ziemlich hastig auf, das Anerbieten

Hans-Heinrichs, ihn ein Stück zu begleiten, lehnte er fast schroff ab.

»Was hatte der Oheim?« fragte der Knabe, als sie beide allein waren,

seine Mutter. »Es schien mir, als wollte er mir etwas verheimlichen?«

»Torheit,« sagte Frau Friederike rasch, »er ist schlecht gelaunt, weil

er Sorgen hat. Das geht vorüber, kümmere dich nicht darum.« Sie nahm

schnell, um ein weiteres Gespräch zu vermeiden, ihre Arbeit wieder auf,

und Hans-Heinrich verließ das Zimmer.

»Immer werde ich wie ein Kind behandelt,« murmelte er trotzig, als er

in sein Stübchen hinaufstieg. »Und ich ziehe doch mit, wenn es Krieg

gibt, ich bleibe nicht daheim!«

[Illustration]

4. Kapitel.

Stille Tage.

Der Herbst drang immer weiter vor. Die Bäume mußten ihr schönes buntes

Laub hergeben, nur die Eichen hielten trotzig ihre braunen Blätter

fest; das Obst war in den Kammern geborgen und im Garten blühten nur

noch einige kümmerliche Astern. Die Tage waren hell und schön, der

Himmel von klarer, durchsichtiger Bläue, die Sonne sah unentwegt

leuchtend von dem wolkenlosen Himmel herab. Es war jedoch ein kalter

Glanz, früh am Morgen hing weißer Reif an Bäumen und Sträuchern und

lag wie ein Schleier auf der Erde. In den großen Öfen des Kloningkener

Herrenhauses prasselte schon früher als sonst im Jahre das Feuer.

»Der Schäfer prophezeit einen frühen, harten Winter,« sagte der Vogt zu

Frau Friederike, die an seiner Seite über den Hof schritt. »Ein harter

Winter wird viel Not ins Land bringen,« setzte er seufzend hinzu.

»Wann wird die Zeit der Not enden?« murmelte die Frau, ihre Augen sahen

ins Weite. »Ein früher, harter Winter und die große Armee in Rußland!«

Sie schauerte leicht zusammen, »ja, wann wird die Zeit der Not enden?«

Und wirklich trat ein früher Winter ein, eine ruhige, stille, immer

mehr und mehr wachsende Kälte, Schnee fiel, und Kloningken lag bald wie

abgeschieden von der Welt da. Immer seltener drang eine Nachricht von

der Außenwelt in die Stille, und von dem Feldzug in Rußland erfuhren

die Kloningkener wenig, so nahe sie auch der Grenze waren. Von dem

Brand Moskaus freilich hörten auch die Leute in ihrer Einsamkeit.

Man glaubte allgemein, die Stadt sei auf Befehl Napoleons angezündet

worden, und voll zorniger Empörung vernahm man die Kunde. Manche

Hand ballte sich da heimlich zur Faust, manche bittere, zornige

Verwünschung wurde laut. Mitunter kam der Gutsherr von Schönheide, man

saß dann entweder bei Pfarrers oder im Wohnzimmer Frau Friederikes,

und es waren ernste Worte, die da gesprochen wurden. Manchmal kamen

auch die Bauern und der Lehrer zusammen, und sie redeten von der

Not der Zeit; sie machten nicht viel Worte, aber aus ihren kurzen,

schlichten Reden heraus klang es wie ein Schrei nach Rettung. Nun der

Winter eingetreten war, fühlte man erst recht den Mangel an Vorräten.

In vielen Häusern in der Stadt und auf dem Lande war in jener Zeit

Schmalhans Küchenmeister, und mit Leckerbissen wurden die Kinder nicht

großgezogen. Sie waren aber trotzdem guter Dinge. Es gab auch in diesen

Wintertagen wundervolle Schlittenfahrten und Schneeballschlachten,

bei denen selbst Walter zuweilen all seinen Ernst verlor. Einmal kam

Luise auf den Gedanken, ein Regiment Schneemänner zu formen. Dieser

Plan fand ungeteilten Beifall, und ein ganzer Sonnabendnachmittag wurde

dem Spiel gewidmet. Es wurden freilich nur fünf Männer fertig, aber

diese fünf standen so stattlich und drohend gerade vor dem Eingang zum

Hühnerstall, daß Jungfer Karoline ordentlich über die fünf weißen Kerle

erschrak.

»Der eine hat gerade so ein Gesicht wie Krämer Lorenzen in R..., und

solche Ähnlichkeiten sind mir nicht agreable,« behauptete sie.

Der arme Krämer Lorenzen hatte nun zwar nie in seinem Leben eine

Holznase und Kohlenaugen besessen, trotzdem behielt der Schneemann

seinen Namen. Er behielt ihn so lange, bis Hans-Heinrich eines

Tages ein Kriegsspiel angab, da wurde den armen Schneemännern mit

Schneebällen und Lanzen aus Bohnenstangen der Garaus gemacht. Vogt

Schwarze stand dabei und rief ingrimmig: »Man los, nur feste darauf zu!«

Vom Fenster des Wohnzimmers aus aber sah Frau Friederike mit

sorgenvoller Miene dem Spiele zu. Ein Spiel war's nur, kindlich und

töricht, aber ihr war das Spiel ein Symbol für ernste Taten. Ihr

Mutterherz bangte um den Sohn, den Sohn des heldenmütigen Vaters, der

jetzt im Spiel seine junge Kraft erprobte. Am liebsten hätte sie ihn

herausgerissen aus der frohen Schar da unten, aber durfte sie ihn denn

seiner Freuden berauben? Zuletzt aber hielt sie es nicht mehr aus in

ihrer Unruhe. Sie ging hinaus und schalt heftig auf Renate und Luise,

es sei unpassend für Mädchen, so wild zu spielen. Sie fühlte selbst,

daß sie ungerecht war in ihrem Zorn, daß sie ohne Grund die Freude der

Kinder störte. Es tat ihr dann selbst bitter weh, als alle betrübt

auseinandergingen, was war aber doch deren leicht vergessener Schmerz

gegen ihre nimmermüde Mutterangst!

[Illustration]

Die Freunde vergaßen auch schnell das Sturzbad, wie Luise solche

Störungen zu nennen pflegte. Schon der nächste Tag vereinte sie wieder,

denn sie hielten treue Freundschaft miteinander. Auch der Unterricht

brachte sie zusammen. Den leitete teils Pfarrer Flemming, teils der

Lehrer des Dorfes. Dieser, der Magister Ludwig Fürchtegott Richter,

war ein etwas wunderlicher Mann. Er hatte Geistlicher werden wollen,

er hatte aber seiner Armut wegen sein Studium nicht beenden können.

Er war lange Jahre hindurch Hauslehrer gewesen und zuletzt in Frau

von Seeheims Haus als Lehrer ihres ältesten Sohnes gekommen. Hier

war er geblieben; auf seine Bitte hatte es ihm seine Herrin gern

gestattet, die Dorfkinder zu unterrichten, zugleich spielte er die

Orgel in der Kirche und versah Küsterdienste. So lebte er nun seit

Jahren ein stilles, beschauliches Leben im Dorf. Im Sommer streifte

er oft stundenlang in den Wäldern umher, suchte Pflanzen, die er

sorgsam studierte und trocknete; spielte dazwischen mitten im Walde

ein Stücklein auf seiner Geige, seiner unzertrennlichen Begleiterin,

und wenn er in sein kleines Schulhaus heim kam, fand er, er sei

einer der glücklichsten Menschen der Welt. Alle liebten ihn seiner

rührenden Herzensgüte wegen, am meisten aber die Kinder. Oftmals hielt

er Schulstunde in seinem geliebten Wald. Da wurde dann seine Zunge

beredt und schließlich wurde weder gerechnet noch gelesen, der alte

Lehrer erzählte seinen Schülern die wundersamsten Märchen und Sagen; er

erzählte von den Wundern der Schöpfung, von dem Leben der Pflanzen und

Tiere, von dem stillen geheimnisvollen Leben im Walde. Seine besondere

Freundin war Luise Flemming. Diese brachte es fertig, mitten in der

Stunde den Lehrer so lange zu bitten, bis er die Bücher beiseite legte

und seine schönen, feinen Geschichten zu erzählen begann. Niemand

lauschte dann andächtiger als Luise, in solchen Stunden war sie so

still und aufmerksam, als wäre sie von Beruf ein Musterkind.

Sonst aber war es immer Luise, die den heiteren Ton anschlug, die

allezeit zu Scherz und Lachen bereit war, die freilich auch nie eine

Neckerei übelnahm. Frau Friederike meinte oft mit leisem Kopfschütteln:

»Wenn Luise da ist, geht es nie still und gesittet zu.«

Die Kleine, welche im Grunde ihres Herzens eine große Liebe für die

ernste Frau empfand, gab sich zwar redlich Mühe, in deren Gegenwart

ruhig zu sein, aber ein herunterfallendes Buch, ein davonrollendes

Wollknäuel erregte ihre Heiterkeit. Dann waren alle guten Vorsätze

vergessen, und unaufhaltsam erscholl ihr perlendes Lachen, und aus

ihren Augen blitzte der Kobold. Sie klagte ihrer Mutter oft ihr Leid:

»Sie schelten mich doch nicht, wenn ich lustig bin, und die Frau Pate

ist immer so böse, ist es denn wirklich ein Unrecht?«

Charlotte Flemming strich dann wohl beruhigend über das lockige Haar

ihres kleinen Unbandes und sagte: »Unsere Freundin hat viel Trauriges

erlebt, mein Kind, und sie ist darum so ernst. Versuch es immer, daran

zu denken, wenn du bei ihr bist, beherrsche deine Lachlust und sei so

sanft und bescheiden wie nur möglich. Lerne es verstehen, meine Kleine,

daß Menschen, die sehr unglücklich sind, doppelte Rücksicht verdienen!«

Das so wenig liebevolle Wesen der Freundin aber bereitete Frau

Charlotte doch großen Kummer. Was hatten ihre Kinder denn nur getan?

Traurig sagte sie einmal zu ihrem Manne: »Ich habe oft das Gefühl, daß

Friederike den Verkehr mit unseren Kindern überhaupt nicht mehr so gern

sieht, auch gegen Walter ist sie so schroff, und er war doch sonst ihr

Liebling, nur unseren kleinen Fritz will sie immer um sich haben.«

»Leider ist es so,« sagte der Pfarrer traurig, »unsere Freundin

bangt um ihren Sohn. Seit Walter aus Königsberg zurück ist, ist sie

auffallend kühl zu ihm, sie fürchtet, daß er Hans-Heinrich aufreizt,

und sie hat wohl recht mit ihrer Furcht. Ich wünschte innig, Gott

ersparte ihr diese harte Prüfung, ich glaube aber, der Sohn erwählt den

Beruf, den Vater und Bruder hatten.«

Pfarrer Flemming hatte recht gesehen. Immer größer wurde die Angst in

dem Herzen der Gutsfrau, auch dieser letzte Sohn könnte einst von ihr

gehen. Sie vermied es sogar ängstlich, das Gespräch auf den traurigen

Krieg zu bringen, sie sprach nie von der Schlacht, die ihr den Gatten

geraubt, von dem Sterbelager des Sohnes; jede Äußerung der Klage,

des Schmerzes verschloß sie vor ihrem Jüngsten, in seiner Gegenwart

kamen ihr sogar versöhnliche Worte von den Lippen. Nur manchmal, wenn

sie mit den Freunden allein war oder bei ihrem Vetter weilte, dann

brach all der leidenschaftliche, zurückgedrängte Schmerz und Groll

sich Bahn, da lieh sie ihrer Empörung über die Lasten, die das Land

schweigend tragen mußte, Worte. Franz von Seeheim sagte einst von ihr:

»Wenn in jedes deutschen Mannes Herz so viel Haß gegen Napoleon, gegen

die fremden Eindringlinge wohnte, wie in dem dieser Frau, dann wehe

dir, Frankreich! Aber zu unserer Schmach sei es gesagt, die unten im

Rheinland, im Süden fühlen nicht so wie wir.«

»Aber die Zahl derer, die eins mit uns sind, wächst, Freund!« erwiderte

der Graf von Lehna, der diese Worte hörte, »gottlob, daß sie wächst!«

[Illustration]

5. Kapitel.

Warum Magister Fürchtegott Richter an einem Wochentag die Schule

schließt.

»Eine feste Burg ist unser Gott!« -- So sangen die Kinder an einem

kalten Dezembermorgen in der kleinen Kloningkener Schule. Es war dies

eigentlich kein rechtes Weihnachtslied, aber der Magister, Fürchtegott

Richter, war der Meinung, Luthers kräftig freies Lied sei in solchen

Zeiten gut zu singen, es erhebe die Seele und stärke den Mut. Er ließ

darum jeden Morgen mit diesem Liede die Schule beginnen, und auf seiner

Geige strich er die Melodie dazu. Weil es aber in dieser Zeit manchmal

recht kalt im Schulzimmer war, ließ er zur Erwärmung das Lied mitunter

dreimal singen. An diesem Morgen aber waren die Kinder noch beim

erstenmal, und trotz der Kälte tönten die jungen Stimmen gar hell auf

die einsame Dorfstraße hinaus.

[Illustration]

Mitten im Gesang klopfte es an das Fenster, und der Schmied, Franz

Strobeck, sah durch die nur halb aufgetauten Scheiben in das

Schulzimmer. Verdutzt staunten die Kinder den ungewohnten Besuch an,

so etwas waren sie gar nicht gewöhnt. Doch der Schmied kümmerte sich

nicht um das Staunen der Kinder, er schrie draußen: »Laßt die Kinder

laufen und kommt zum Marotzki, was Ihr da hören werdet, ist besser als

Singen und Buben klopfen, das zu hören tut not in solcher Zeit.« Als

der Magister darauf das Fenster öffnete, raunte er ihm hastig einige

Worte zu. Da geschah etwas, was die Kloningkener Mädchen und Buben in

den Jahren, in denen Magister Ludwig Fürchtegott Richter seines Amtes

waltete, noch nicht erlebt hatten, die Schule wurde geschlossen,

nachdem sie kaum begonnen hatte. Der Magister aber eilte mit fliegenden

Schritten in seinem dünnen, schwarzen Röcklein, die Fiedel unter dem

Arm, auf den Hof Johann Maritzkis.

An jenem Morgen verließ noch mancher seine Arbeit und stand gleich

dem Magister auf der Diele des Bauern, um zu hören, was der kleine,

schmächtige Mann erzählte, der Jude Levin Moses, der von Rußland kam.

Er erzählte von dem Leidenszug der großen Armee durch Rußland, von dem

Brand von Moskau, von der Unordnung, in die das Heer geraten war. Von

dem unglücklichen Übergang über die Beresina wußte er zu berichten,

und wie Schnee und Kälte in den letzte Wochen noch Tausende von Opfern

gefordert hatten. Er wußte viel, der kleine Mann, er hatte viel gehört

auf seinen Handelswegen, viel mehr als in den Berichten stand, die über

den Feldzug veröffentlicht wurden. Und atemlos lauschten ihm die Leute,

ein Grauen überkam sie manchmal, wenn sie von dem ungeheuren Elend

hörten. Sie dachten an die Scharen kräftiger, blühender Jünglinge und

Männer, die im Sommer vorbeigezogen waren, alle voll Siegeshoffnung.

Und manch einer murmelte: »Und so viele deutsche Landsleute waren unter

ihnen, so viel deutsches Blut ist da unnütz vergossen worden.«

»Sie kehren zurück,« sagte der kleine Handelsmann, »aber sie kehren

geschlagen heim, paßt auf, sie werden als Bettler kommen!«

»Wir nehmen sie nicht auf,« sagte der Schmied finster, »wir haben

keinen Platz für französisches Gesindel. Denn das sind sie doch, mögen

sie auch Deutsch reden.«

Auch im Herrenhaus saß der alte Moses im Zimmer der gnädigen Frau

etliche Stunden, und er, der vor Verlegenheit sonst kaum ordentlich

sprechen konnte, erzählte auch hier frank und frei was er wußte. Frau

von Seeheim gab ihm reichlichen Botenlohn, er mußte ihr aber feierlich

geloben, kein Wort von dem, was er wußte, dem Junker Hans-Heinrich und

seinem Freunde Walter Flemming mitzuteilen. Das versprach er denn auch,

und er verließ heimlich das Herrenhaus, und doch lief er gerade auf dem

heimlichen Weg dem Junker in die Arme.

»Kommt Ihr von Rußland, Moses?« schrie der.

Deutsche Jugend in schwerer Zeit: Erzählung für die Jugend Dritte Auflage · 第 1 / 10 段