X. Eine Wöchnerin beim ersten Gang ins Gotteshaus.

»Gehet ein zu Gottes Tor mit Danksagungen und in seinen Vorhof mit

Lobsingen! Dankt ihm und preiset seinen Namen!« So ermahnt mich eine

heilige Stimme, und es ist ja nur durch deine väterliche Güte, o Gott,

daß ich heute wieder deinem Hause nahen kann. Hast du selbst ja geboten,

daß jede glückliche Wöchnerin, nachdem sie ihre Gesundheit

wiedergewonnen hat, deinem Altar mit Dank und Sühnopfer,[69] mit Gebet

und frommen Gelübden sich nahen soll. Und wie sehr muß ich dir nicht

danken, nicht nur für deine Gabe, für das Kind, das du mir geschenkt

hast, sondern auch für deine Hilfe und deinen Beistand, für die Kraft,

die du mir verliehen hast, alle Schmerzen zu ertragen, für deinen Schutz

in der Stunde der Gefahr und für meine Genesung, daß ich wieder vor dein

Angesicht treten kann und mit meinem Gatten dir meinen Dank zu bringen

im Stande bin. O, womit habe ich doch so viel Gnade verdient! ach, hab'

ich mich denn nicht oft und schwer gegen dich versündigt, bin ich nicht

manches Mal verzagt und schwach in meinem Vertrauen auf dich gewesen;

wie oft versäumte ich nicht meine Pflicht, die du mir auferlegt hast? O

Herr, vergib mir und halte mich auch fernerhin in deiner väterlichen

Gnade. Laß mich mein Kind deinem Schutze anbefehlen (bei einem Mädchen

füge man hier hinzu: und wie es heute vor dir in deinem Hause genannt

wird, so zeichne du es in das Buch des Lebens ein, daß seines Namens

Unvergänglichkeit zu wahrem Schmuck und wahrer Ehre ihm gereiche); wache

du über das Neugeborene, stärke du mich, an ihm die Mutterpflicht

vollkommen zu erfüllen. Ja, mit mütterlicher Sorge will ich mein Kind

pflegen und ihm meine ganze Obhut widmen, und gerne selbst Entbehrung

auf mich nehmen zu seinem Wohlergehen. Segne, o Herr, auch das Streben

meines Gatten, den Lebensunterhalt uns zu erwerben, und sobald die

Schwingen des Geistes sich bei dem Säugling zu entfalten beginnen, so

soll es unsere größte Sorge sein, ihn zum Guten zu lenken und ihn mit

Abscheu gegen alles zu erfüllen, was böse ist, daß es bei Zeiten deinen

Namen kennen lerne und in Gottesfurcht und Tugend aufwachse. Ewiger, dir

will ich angehören; o, laß deinen Segen von deinem Hause zu meinem Herd

mir folgen, und laß meinen häuslichen Kreis früh und spät von herzlichem

Dank widerhallen für all das Glück, welches du mir zuerteilt hast.

Amen!

[Fußnote 69: 3. Mos. 12.]

XI. Beim ersten Gang ins Gotteshaus nach der Geburt eines totgeborenen

Kindes.

Blicke gnädig herab, o, du allweiser und gerechter Schöpfer, auf deine

Dienerin, die sich dir in Demut und Anbetung naht, um dir zu danken,

weil du ihr das Leben erhalten, und ihr Stärke verliehen hast, daß sie

wieder in die Versammlung der Gläubigen hat kommen können, um deinen

Namen zu preisen. Ist mein Herz auch noch betrübt darüber, daß das Kind,

welches ich zur Welt brachte, nicht des Lebens Tag gesehen hat, und

meine so lange gehegte Hoffnung sich nicht erfüllte, so weiß ich doch,

daß eine Israelitin deinen Namen lobt, magst du nur geben oder

nehmen.[70] O, höre mich, Allerbarmer! Wenn ich durch eigene

Unvorsichtigkeit es bewirkt habe, daß mein Kind hienieden nicht das

Licht der Welt sehen sollte, o, so bedenke meine Schwäche und vergib

mir; rechne mir es nicht als Sünde an, sondern schone meiner um deiner

großen Barmherzigkeit willen. Aber war es in deiner unwandelbaren

Weisheit so beschlossen, daß ich die Mutterfreuden ahnen, aber nicht

genießen sollte, o, so lehre mich, mein Los in Geduld tragen, und flöße

mir den Trost ein, daß dieses Kind in der Stunde, wo es zur Welt kommen

sollte, bereits bestimmt war zu einem seligeren Zustand einzugehen, ohne

den Kampf der Welt bestehen zu müssen, ohne ihre Sorge und Qual kennen

zu lernen, und daß es dereinst in der Ewigkeit mir die Schmerzen

erstatten soll, mit denen ich es getragen und geboren habe, ohne durch

sein Leben beglückt zu werden. O Allgütiger, laß mit meines Herzens Dank

meine Bitte um reichen Segen vereinen, laß die Freude wieder in meiner

Seele erwachen, und laß mich Freude und Glück über meinen teuren Gatten

ausbreiten.

Amen!

[Fußnote 70: Ijob. 1, 21.]

Gebete für Israeliten · 第 27 / 46 题