»Gehet ein zu Gottes Tor mit Danksagungen und in seinen Vorhof mit
Lobsingen! Dankt ihm und preiset seinen Namen!« So ermahnt mich eine
heilige Stimme, und es ist ja nur durch deine väterliche Güte, o Gott,
daß ich heute wieder deinem Hause nahen kann. Hast du selbst ja geboten,
daß jede glückliche Wöchnerin, nachdem sie ihre Gesundheit
wiedergewonnen hat, deinem Altar mit Dank und Sühnopfer,[69] mit Gebet
und frommen Gelübden sich nahen soll. Und wie sehr muß ich dir nicht
danken, nicht nur für deine Gabe, für das Kind, das du mir geschenkt
hast, sondern auch für deine Hilfe und deinen Beistand, für die Kraft,
die du mir verliehen hast, alle Schmerzen zu ertragen, für deinen Schutz
in der Stunde der Gefahr und für meine Genesung, daß ich wieder vor dein
Angesicht treten kann und mit meinem Gatten dir meinen Dank zu bringen
im Stande bin. O, womit habe ich doch so viel Gnade verdient! ach, hab'
ich mich denn nicht oft und schwer gegen dich versündigt, bin ich nicht
manches Mal verzagt und schwach in meinem Vertrauen auf dich gewesen;
wie oft versäumte ich nicht meine Pflicht, die du mir auferlegt hast? O
Herr, vergib mir und halte mich auch fernerhin in deiner väterlichen
Gnade. Laß mich mein Kind deinem Schutze anbefehlen (bei einem Mädchen
füge man hier hinzu: und wie es heute vor dir in deinem Hause genannt
wird, so zeichne du es in das Buch des Lebens ein, daß seines Namens
Unvergänglichkeit zu wahrem Schmuck und wahrer Ehre ihm gereiche); wache
du über das Neugeborene, stärke du mich, an ihm die Mutterpflicht
vollkommen zu erfüllen. Ja, mit mütterlicher Sorge will ich mein Kind
pflegen und ihm meine ganze Obhut widmen, und gerne selbst Entbehrung
auf mich nehmen zu seinem Wohlergehen. Segne, o Herr, auch das Streben
meines Gatten, den Lebensunterhalt uns zu erwerben, und sobald die
Schwingen des Geistes sich bei dem Säugling zu entfalten beginnen, so
soll es unsere größte Sorge sein, ihn zum Guten zu lenken und ihn mit
Abscheu gegen alles zu erfüllen, was böse ist, daß es bei Zeiten deinen
Namen kennen lerne und in Gottesfurcht und Tugend aufwachse. Ewiger, dir
will ich angehören; o, laß deinen Segen von deinem Hause zu meinem Herd
mir folgen, und laß meinen häuslichen Kreis früh und spät von herzlichem
Dank widerhallen für all das Glück, welches du mir zuerteilt hast.
Amen!
[Fußnote 69: 3. Mos. 12.]
XI. Beim ersten Gang ins Gotteshaus nach der Geburt eines totgeborenen
Kindes.
Blicke gnädig herab, o, du allweiser und gerechter Schöpfer, auf deine
Dienerin, die sich dir in Demut und Anbetung naht, um dir zu danken,
weil du ihr das Leben erhalten, und ihr Stärke verliehen hast, daß sie
wieder in die Versammlung der Gläubigen hat kommen können, um deinen
Namen zu preisen. Ist mein Herz auch noch betrübt darüber, daß das Kind,
welches ich zur Welt brachte, nicht des Lebens Tag gesehen hat, und
meine so lange gehegte Hoffnung sich nicht erfüllte, so weiß ich doch,
daß eine Israelitin deinen Namen lobt, magst du nur geben oder
nehmen.[70] O, höre mich, Allerbarmer! Wenn ich durch eigene
Unvorsichtigkeit es bewirkt habe, daß mein Kind hienieden nicht das
Licht der Welt sehen sollte, o, so bedenke meine Schwäche und vergib
mir; rechne mir es nicht als Sünde an, sondern schone meiner um deiner
großen Barmherzigkeit willen. Aber war es in deiner unwandelbaren
Weisheit so beschlossen, daß ich die Mutterfreuden ahnen, aber nicht
genießen sollte, o, so lehre mich, mein Los in Geduld tragen, und flöße
mir den Trost ein, daß dieses Kind in der Stunde, wo es zur Welt kommen
sollte, bereits bestimmt war zu einem seligeren Zustand einzugehen, ohne
den Kampf der Welt bestehen zu müssen, ohne ihre Sorge und Qual kennen
zu lernen, und daß es dereinst in der Ewigkeit mir die Schmerzen
erstatten soll, mit denen ich es getragen und geboren habe, ohne durch
sein Leben beglückt zu werden. O Allgütiger, laß mit meines Herzens Dank
meine Bitte um reichen Segen vereinen, laß die Freude wieder in meiner
Seele erwachen, und laß mich Freude und Glück über meinen teuren Gatten
ausbreiten.
Amen!
[Fußnote 70: Ijob. 1, 21.]