Gekommen ist nun der Tag, an dem der Bund meines Herzens in deinem Namen
besiegelt werden soll, du ewiger, alliebender Vater, der Tag, der das
Weh und Wohl meiner ganzen Zukunft in seinem Schoße trägt. O, wie könnte
ich mich wohl dem heiligen Augenblick nähern, wie könnte ich hintreten,
um dem Auserwählten meines Herzens meine Hand zu reichen, ohne dir zuvor
zu danken für all deine väterliche Güte gegen mich, für deinen Schutz
bis auf diesen Tag, für die geliebten Wesen, mit welchen du mich bisher
umgeben, und die mit Zärtlichkeit und Sorgfalt über mich gewacht und
mich geleitet haben, ja, ohne dir dafür zu danken, daß du mich den hast
finden lassen, mit dem ich die wechselnden Geschicke des Lebens teilen
soll, ohne dir zu danken für die himmlische, beseligende Freude, die
mich nun umströmt, da das Band der Ehe uns verbinden soll. Wie könnte
ich wohl all deine Güte empfangen und bereits heute die heiligen
Pflichten der Ehe übernehmen, die der Ehestand mir auferlegt, wenn ich
nicht zuvor mit reuigem Sinne mein Herz vor dir ausschütte, ehe ich den
wichtigsten und meine ganze Zukunft entscheidenden Schritt meines Lebens
tun und dich um deine gnadenvolle Vergebung bitte. Wenn ich aber in
dieser Stunde meinen Blick auf die hingeschwundene Zeit richte, o welche
schwere Klage erhebt sich da in meiner eigenen Brust gegen mich!
Sündenvoll waren meine Gedanken, und meine Taten, wie wenig konnten sie
dir wohlgefallen. Habe ich wohl gelebt, wie ich sollte? Habe ich als
Kind von ganzem Herzen Vater und Mutter geehrt? Habe ich die weisen
Lehren meiner Lehrer befolgt? Habe ich als Israelitin in meiner Jugend
an meinen Schöpfer gedacht und mit Wärme meinen Glauben umfaßt? O,
vergib sowohl mir, Allgütiger, als der Seele, die nun mit der meinigen
sich verbinden soll, jedes Vergehen und Versehen. Sieh auf uns in Gnade,
wenn wir nun einander vor deinem Antlitze im Geiste gegenseitig das
Gelübde der Treue geben, und laß deinen Segen mit diesem Bunde sein.
Heilige unsere Liebe in der Liebe zu dir, daß wir, indem wir dich
lieben, unsere gegenseitige Hingebung und Liebe nähren und stärken.
Höre, o Gott, mein Gelübde, das ich hier ablege. In glücklichen, wie in
trüben Tagen, will ich eine treue Gattin sein, die Geduld, Kraft und
Selbstverleugnung zeigt, die als echte Israelitin durch den Glauben an
dich stark ist, alles zu besiegen, auch sich selbst; stark ist, alles
für den zu tragen und zu dulden, den ihre Seele auserkoren hat. Gib,
daß wir, die von dieser Stunde ab mit einander wandern sollen, in
Sanftmut und Milde einander begegnen, und uns gegenseitig unsere
Schwächen in Liebe nachsehen! Ja, sei du mit uns, daß wir einander zum
Heil und Segen werden, und daß durch diesen unsern Bund dein Name
verherrlicht werde. Dazu hilfst du uns, o Gott.
Amen!