Aus meines Herzens tiefstem Grunde sende ich heute mein Gebet zu dir
empor, allgütiger Gott und Vater, dessen Huld und Gnade über mich
gewacht und heute mich in mein (--) Lebensjahr treten läßt. Leben und
Liebe hast du mir zuteil werden lassen und deine Vorsehung hat meinen
Geist bewahrt. Ja, ich bin allzu schwach und zu geringe, um dir meinen
Dank auszusprechen für jeden Segen, mit dem du mich begnadigt hast seit
der Stunde, da ich zum ersten Male das Licht der Welt erblickte.--Es
kommen heute meine Lieben mit ihren Glückwünschen mir entgegen, aber ach
Herr, der du Herz und Nieren untersuchst, kann ich wohl diese Wünsche
für meine Zukunft hören, ohne daß mein Herz mir Vorwürfe macht für die
Zeiten, welche vergangen sind? Kann ich mir selbst Glück wünschen, weil
ich älter geworden, wenn die Erfahrungen und Prüfungen des Lebens mich
nicht weiser, besser und frommer gemacht? Wenn ich heute auf die
dahingeschwundenen Geburtstage schaue, die ich bereits erlebt habe, und
wenn ich an die vielen Hoffnungen denke, die sich an jene knüpften, an
die Erwartungen, mit welchen meine Eltern mich umarmten, und ich da mich
selbst frage: Habe ich diese Hoffnungen und Erwartungen erfüllt? Habe
ich den Arbeitstag, den der Herr der Zeiten mir vergönnte, mit Eifer und
im Dienste des Allheiligen angewendet, so daß ich auf seinen Beifall und
auf seinen Lohn hoffen darf, wenn die Abendstunde kommt? O mein Gott,
was darf ich dann antworten?--Sieh, du hast in diesem Jahre mir in
deiner Gnade viel Freude gesendet, und in deiner Weisheit hast du mich
mit Schmerzen heimgesucht,--alles, um mich zu erinnern, daß ich unter
deiner väterlichen Leitung stehe, und daß ich nur ein Pilger bin, der
einen mühsamen Weg zu wandern hat, bevor er die himmlische Heimat
erreicht. Dunkel ist für mich der Weg, den ich noch zurückzulegen habe,
aber du, dessen Auge mich geschaut vom Lebensanfang, und in dessen Buch
alle meine Lebenstage verzeichnet waren, ehe ich noch da war,[63] nimm
du mich ferner in deinen Schutz, beschirme und segne alle, die mir teuer
sind, und bilde du mein Herz nach deinem Wohlgefallen! O, daß ich in der
festen Überzeugung gestärkt werde, daß mir keine Bürde auferlegt wird,
zu der du mir nicht auch die Kraft verleihest, sie zu tragen, und daß
ich Tag und Nacht eingedenk sein möchte, daß alles Fleisch Gras ist, daß
hingegen jegliche Tat auf Erden, selbst die geringste, eine Saat ist,
die ihre Früchte in der Ewigkeit trägt; ja daß ich dessen stets
eingedenk sein möchte, auf daß ich meine Hoffnung nicht auf das
Vergängliche baue, und nimmer verzage und verzweifle unter
Widerwärtigkeit und Unglück, sondern selbst in Leiden und Schmerzen mich
dir dankbar zeige; daß die Überzeugung mich stets beselige, daß dein
gütiger Geist mich überall leitet, segnet und stärkt, und daß deine Huld
und Gnade mich erfüllt und bewahrt, auf daß ich dir treu bleibe im Leben
und im Tode.--Ja, du bist der Gott meines Herzens, getrost übergebe ich
mich deiner Hand und fürchte nichts, du, Herr, bist meine Stärke, dir
lobsinge ich, du bist meine Hilfe und meine Zuflucht, in dir findet
meine Seele Heil in aller Ewigkeit.
Amen!