Anhang.
Esehu Mekômon (Betrachtung über die Opfer)
Bame Madlikin (Freitagabendbetrachtung)
Pittum hak'tôres (Betrachtung zum Mussaphgebet)
Zu Hause, ehe man ins Gotteshaus geht.
»Israel! bereite dich vor, vor deinen
Gott zu treten.«(Amos 4, 12.)
Es dürstet meine Seele nach dir, o Gott, nach dir, dem lebendigen Gott,
und ich will eilen nach deinem Heiligtume, wo dein Name angebetet wird,
wo deine Gemeinde sich versammelt, um dich anzurufen, dir zu danken,
dich zu loben und dich zu preisen. O! bereits auf dem Wege dahin läutere
du meinen Sinn, heilige du meinen Geist, und zünde du in meiner Brust
die Andachtsflamme an, die mich und meine Brüder an der heiligen, dir
geweihten Stätte durchglühen soll. Denn wohl weiß ich, daß du, den die
Himmel und aller Himmel Himmel nicht umfassen, nicht in dem Hause
wohnest, das von Menschenhänden erbaut worden, daß du, dessen
Herrlichkeit Himmel und Erde erfüllt, mir überall nahe bist, wo ich auch
sein mag; wohl weiß ich, daß das fromme Gebet, welches meine Seele in
meiner Einsamkeit stillen Kammer zu dir empor sendet, auch Gnade und
Erhörung vor dir findet, aber auch dies weiß ich, daß der Geist des
wahren Gebets, der nicht persönliches Wohl, sondern das Wohl und Heil
aller sucht, der nicht bloß das Glück und die Wohlfahrt der Erde,
sondern auch das Nahen des himmlischen Reiches erfleht, der nichts
begehrt, nichts fordert, sondern nur im Glauben und in der Erkenntnis
sein Höchstes findet und sein treues Bekenntnis dieses Glaubens vor
aller Welt ablegen möchte;--ich weiß, daß dieser Geist des wahren Gebets
mir fehlen würde, so dessen Flamme, die zuerst in der Mitte der
Gottesgemeinde angefacht wurde, nicht auch in ihr stets Nahrung fände.
Was ich glaube, und um was ich bete, und wonach mein Herz sich sehnt,
soll ja nicht in meinem Innern verborgen bleiben, es soll ja auch als
ein freudiges Zeugnis auf meinen Lippen hervortreten und vor der Welt,
so wie vor anderen Glaubensbrüdern von mir als meines Lebens Schild und
als ein köstlicher Schatz gepriesen werden. Ach, sind ja leider so
viele, welche in Leichtsinn hinleben, so daß sie die Bande lösen, die
sie mit der Gemeinde innigst verbinden sollten, und welche jedes
Kennzeichen auslöschen, das sie an ihren väterlichen Glauben erinnern
könnte; aber desto mehr will ich die Stätte aufsuchen, wo Israeliten
sich sammeln, um dich in jüdischer Weise zu verehren. Schon dies, daß
mein Gang nach dem Bethause gerichtet ist, schon dies soll ein Zeugnis
sein, das ich vor der Welt ablege, daß ich zu dieser heiligen
Gemeinschaft gehöre, und daß ich über den Spott und Hohn erhaben bin,
womit jene, die sich die Weisen der Welt nennen, auf diejenigen sehen,
die dich, o Ewiger, nach ihrer Väter Weise verehren. Und wie sehr wird
nicht meine Andacht, meine fromme Sehnsucht durch den Gedanken erhöht:
Ich stehe nicht allein mit meinem Gebet vor dir, stehe nicht allein mit
der Glaubensschar, die sich da versammelt, sondern stehe mit dieser als
ein Glied der ganzen Gemeinde Israels da; denn wunderbar hast du, o
Herr, es so gefügt, daß meine Glaubensgenossen fast überall, in heißer
wie in kalter Zone, da, wo ihnen die Sonne der Freiheit zulächelt, wie
dort, wo sie unter Druck seufzen, daß sie fast überall sich doch vor dir
zur selbigen Zeit und Stunde sammeln und dieselben bedeutungsvollen,
Vertrauen und Demut atmenden Worte ihren Lippen entströmen lassen, so
daß ein Laut in gemeinsamer Andacht und Seelenerhebung zu deinem Thron
von dem ganzen jüdischen Volke emporsteigt. Nein, nicht allein stehe ich
da; denn unzählige der hingeschwundenen Geschlechter erheben sich
gleichsam vor meinem andächtigen Blick von ihren Ruhestätten, sowohl
die, welche in unterirdischen Höhlen, als die, welche unter klarem
Himmelszelte auf ihren Wanderungen dieselben Gebete gebetet, ja mit
diesen auf den Lippen ihr Leben aushauchten, indem sie den Märtyrertod
erlitten;--mit allen diesen fühle ich mich vereint, indem ich die Worte
ausspreche, die prophetische Zungen verkündigt, die heilige, von deinem
Geist beseelte Sänger gesungen, und die so viele Zeitalter hindurch uns
unter so mannigfaltigen Versuchungen und Prüfungen die Reinheit unserer
heiligen Lehre, sowie die Einfalt und Eintracht im Glauben in unsrer
Mitte bewahrt haben.--O, so leite du denn meine Schritte, wenn ich in
dein Haus wandere, so stärke du meinen Geist, daß er dort von solchen
Vorsätzen erfüllt werde, solche Eindrücke empfange und bewahre, daß nie
das innige Verlangen, dein Haus aufzusuchen, von mir weiche, und auch
nicht die Überzeugung und Gewißheit mir verloren gehe, daß du an solch
gemeinsamer Anbetung Wohlgefallen habest. Stärke du mich, o Gott, auf
daß mein Glaube dem gleiche, der den Vater der Gläubigen beseelte, als
er sein Opfer dir brachte, und gib mir Kraft, daß ich, wie er die
Raubvögel,[1] die trüben Zweifel, die verkehrten Einwendungen
verscheuche, wenn sie meine Andacht mir rauben wollen; laß darum mein
Auge dort in deinem Hause nur auf das achten, was mich erheben und zur
Andacht stimmen kann. Laß mich erkennen, daß du uns nach unserm Herzen
und unsern Gesinnungen richtest, auf daß Frömmigkeit mich leite, Andacht
mich entflamme, und meine Schritte dir wohlgefallen, wenn ich in
zahlreicher Versammlung dich anbete;[2] ja sende mir, Vater im Himmel,
dein Licht und deine Wahrheit, daß sie mich führen und leiten nach
deinem heiligen Berge und zu deiner Wohnung.[3]
Amen!
[Fußnote 1: Buch Mosis 15.]
[Fußnote 2: Ps. 26, 12.]
[Fußnote 3: Ps. 43.]
Nach dem Eintritt ins Gotteshaus.
2. Wie überwältigt werde ich von Gefühlen des Dankes und der Ehrfurcht,
indem ich an dieser Stätte weile, Gefühle des Dankes, daß du, o Gott, es
dem Sohne des Staubes gestattest, sich zu dir zu erheben, daß du in
deiner Liebe ihn selbst dazu aufgefordert »dein Antlitz zu suchen«, daß
du uns eine Stätte gegeben hast, wo du deine Herrlichkeit unter uns
thronen lassen willst.--O Unendlicher, welche Ehrfurcht durchbebet mich,
daß ich, ein Kind des Staubes, Zutritt zu deinem Hause habe und mich
dir, dem Allheiligen, nähern kann, daß ich vor dich alles bringen darf,
was mein Herz beschwert, zu dir für mein Wohl und das Wohl der Meinen,
für die Gläubigen und mit ihnen, ja für die ganze Menschheit beten kann!
So hast du in deiner Güte uns gesegnet und uns erhoben. O, laß mich
dieser deiner Gnade nimmer vergessen und laß mich während meines Betens
stets eingedenk sein, vor wem ich stehe, auf daß du mich würdig findest,
ein Träger deines Geistes zu sein. Entferne du von mir jeden fremden und
unseligen Gedanken, daß weder die Lust der Welt noch ihr Schmerz den
reinen Aufschwung der Seele hindere. O, daß alle, die mit mir hier
versammelt sind, voll Demut dich in einem Geiste anbeten, und wir so
eine echt israelitische, heilige Brudergemeinde bilden möchten, über
welche du selbst »den Geist des Gebetes und der Gnade« ausgegossen!
Amen!
Ein anderes Gebet.
3. So hast du, mein Gott, mich gestärkt und gewürdigt, dein Haus zu
betreten, wo alles mir verkündigt:»Hier ist die Pforte des Herrn,
Gerechte treten da ein;«[4] o, daß ich zu diesen mich zählen dürfte!
Ach, daß dein Himmel mir offen stünde, wenn ich aus ganzer Seele dich im
Gebete suche! O, gewähre mir Verzeihung, daß ich rein werde, erschaffe
in mir ein reines Herz, verjünge ein festes Gemüt in meinem Innern, auf
daß jedes Wort, das über meine Lippen geht, mich in heilige Gemeinschaft
mit dir bringe! Erhebe mich über die Lust und den Schmerz der Welt,
befreie mich von jeder Sorge und jedem Kummer, auf daß ich mich in dir
und mit dir fühle, glückselig wie die Geister des Himmels in deiner
Anbetung, und auf daß ich es mit ganzer Seele empfinde, »wie köstlich
deine Huld den Menschenkindern ist, die im Schatten deiner Fittige sich
bergen, auf daß ich an deines Hauses Segen mich labe und an dem Strome
deiner Gnade mich erquicke«.[5] Laß mich auch diesen Segen mit hinaus
aus diesem Hause nehmen, daß ich überall deine heilige Nähe fühle und
überall dir zum Wohlgefallen lebe!
Amen!
[Fußnote 4: Ps. 118, 20.]
[Fußnote 5: Ps. 36, 8. 9.]