Medea

(rasch).

Ich aber tat es nicht!

Jason.

Wer sonst?

Medea.

Ich nicht!

Hör mein Gemahl und dann erst richte mich.

Als ich an die Pfoste trat,

Das Vlies zu holen,

Der König auf seinem Lager;

Da hör ich schreien; hingewendet

Seh ich den Mann vom Lager springen

Heulend, bäumend sich umwindend.

Kommst du Bruder, schreit er,

Rache zu nehmen, Rache an mir!

Noch einmal sollst du sterben, noch einmal!

Und springt hin und faßt nach mir,

In deren Hand das Vlies.

Ich erbebte und schrie auf

Zu den Göttern, die ich kenne.

Das Vlies hielt ich mir vor als Schild.

Da zuckt Wahnsinns Grinsen durch seine Züge,

Heulend faßt er die Bande seiner Adern,

Sie brechen, in Güssen strömt hin sein Blut

Und als ich um mich schaue, entsetzt, erstarrt,

Liegt der König zu meinen Füßen

Im eignen Blut gebadet,

Kalt und tot.

Jason.

Das sagst du mir, Zaub'rische! Gräßliche?

Hebe dich weg von mir! Fort!

Mir graut vor dir! Daß ich dich je gesehn!

Medea.

Du hast es ja gewußt. Das erstemal

Als du mich sahst, sahst mich in meinem Dienst.

Und doch verlangtest, strebtest du nach mir.

Jason.

Ein Jüngling war ich, ein verwegner Tor

Der Mann verwirft was Knaben wohlgefällt.

Medea.

O schilt das goldne Jugendalter nicht!

Der Kopf ist rasch, allein das Herz ist gut!

O wärst du, der du warst, mir wäre besser!

Nur einen Schritt komm in die schöne Zeit,

Da wir in unsrer Jugend frischem Grünen

Uns fanden an des Phasis Blumenstrand.

Wie war dein Herz so offen und so klar

Das meine trüber und in sich verschloßner

Doch du drangst durch mit deinem milden Licht

Und hell erglänzte meiner Sinne Dunkel.

Da ward ich dein, da wardst du mein. O Jason!

So ist dir ganz dahin, die schöne Zeit,

So hat die Sorge dir für Haus und Herd

Für Ruf und Ruhm dir ganz getötet

Die schönen Blüten von dem Jugendbaum?

O sieh, in Schmerz und Jammer, wie ich bin,

Denk ich noch oft der schönen Frühlingszeit

Und warme Lüfte wehn mir draus herüber.

War dir Medea damals lieb und wert

Wie ward sie dir denn gräßlich und abscheulich?

Du kanntest mich und suchtest dennoch mich,

Du nahmst mich wie ich war, behalt mich, wie ich bin!

Jason.

Der Dinge denkst du nicht, die seither sind geschehn!

Medea.

Entsetzlich sind sie, ja ich geb es zu,

Am Vater hab ich schlimm, am Bruder schlimm getan!

Und ich verdamme selber mich darob

Man strafe mich, ich will ja gerne büßen,

Doch du sollst mich nicht strafen, Jason, du nicht!

Denn was ich tat, zu Liebe tat ich's dir.

Komm, laß uns fliehn, vereint, mitsammen fliehn!

Es nehm' uns auf ein fernes Land!

Jason.

Und welches?

Wohin?

Medea.

Wohin?

Jason.

Du rasest und du schiltst mich,

Daß ich mit dir nicht rase. Es ist aus.

Die Götter haben unsern Bund verflucht,

Als einen der mit Greueltat begann

Und in Verbrechen wuchs und Nahrung suchte.

Laß sein, daß du den König nicht getötet;

Wer war dabei, wer sah's, wer glaubt dir?

Medea.

Du!

Jason.

Und wenn auch ich, was kann ich? was vermag ich?

Drum laß uns weichen dem Geschick, nicht trotzen!

Die Strafe nehme jedes büßend hin,

Du, da du fliehst, wo du nicht bleiben kannst,

Ich, da ich bleibe, wo ich fliehen möchte.

Medea.

Den schwerem Teil hast du dir nicht erwählt!

Jason.

So wär' es leicht, zu leben als ein Fremdling

In fremden Haus, von fremden Mitleids Gaben?

Medea.

Dünkt's dir so schwer, was wählst du nicht die Flucht?

Jason.

Wohin und wie?

Medea.

Einst warst du minder sorglich,

Als du nach Kolchis kamst, die Vaterstadt verlassend,

Und eitelm Ruhme nach durch ferne Länder zogst.

Jason.

Ich bin nicht der ich war, die Kraft ist mir gebrochen,

Und in der Brust erstorben mir der Mut.

Das dank ich dir. Erinnrung des Vergangnen

Liegt mir wie Blei auf meiner bangen Seele

Das Aug' kann ich nicht heben und das Herz.

Auch ist der Knabe Mann seit dem geworden,

Und nicht mehr kindisch mit den Blüten spielend,

Greift er nach Frucht, nach Wirklichkeit, Bestand.

Die Kinder sind mir und kein Ort für sie,

Besitztum muß ich meinen Enkeln werben.

Soll Jasons Stamm, wie trocknes Heidekraut,

Am Wege stehn, vom Wanderer getreten?

Hast du mich je geliebt, war ich dir wert,

So zeig es, da du mich mir selber gibst

Und mir ein Grab gönnst in der heim'schen Erde!

Medea.

Und auf der heimischen Erd' ein neues Ehebett?

Nicht so?

Jason.

Was soll das!

Medea.

Hab ich's nicht gehört

Wie er Verwandt dich hieß und Sohn und Eidam?

Kreusa locket dich, und darum bleibst du?

Nicht also? Hab ich dich?

Jason.

Du hattest nie mich,

Und hast auch jetzt mich nicht.

Medea.

(So) willst du büßen?

Und darum soll Medea fort von dir?

Stand ich denn nicht dabei, dabei in Tränen,

Wie du mit ihr vergangne Zeit durchgingst

Bei jedem Schritte stillstandst, süß verweilend,

Zum Echo schwandest der Erinnerung?

Ich aber geh nicht, (nicht!)

Jason.

So ungerecht,

So hart und wild wie immer!

Medea.

Ungerecht?

So wünschest du sie nicht zum Weib? Sag: Nein!

Jason.

Den Ort such ich, mein Haupt zur Ruh' zu legen;

Was sonst kommt weiß ich nicht!

Medea.

Ich aber weiß es,

Und denk es noch zu wehren, hilft ein Gott.

Jason.

Du kannst nicht ruhig sprechen, leb denn wohl.

(Er geht.)

Medea.

Jason!

Jason (umkehrend).

Was ist?

Medea.

Es ist das letztemal

Das letztemal vielleicht, daß wir uns sprechen!

Jason.

So laß uns scheiden ohne Haß und Groll.

Medea.

Du hast zu Liebe mich verlockt und fliehst mich?

Jason.

Ich muß.

Medea.

Du hast den Vater mir geraubt

Und raubst mir den Gemahl?

Jason.

Gezwungen nur.

Medea.

Mein Bruder fiel durch dich, du nahmst mir ihn,

Und fliehst mich?

Jason.

Wie er fiel, gleich unverschuldet.

Medea.

Mein Vaterland verließ ich, dir zu folgen.

Jason.

Dem eignen Willen folgtest du, nicht mir.

Hätt's dich gereut, gern ließ ich dich zurück!

Medea.

Die Welt verflucht um deinetwillen mich,

Ich selber hasse mich um deinetwillen,

Und du verläßt mich?

Jason.

Ich verlaß dich nicht,

Ein höhrer Spruch treibt mich von dir hinweg.

Hast du dein Glück verloren, wo ist meins?

Nimm als Ersatz mein Elend für das deine!

Medea.

Jason!

(Sie fällt auf die Knie.)

Jason.

Was ist? Was willst du weiter?

Medea (aufstehend).

Nichts!

Es ist vorbei!--Verzeihet meine Väter,

Verzeiht mir Kolchis' stolze Götter

Daß ich mich selbst erniedriget und euch.

Das Letzte galt's. Nun habt ihr mich!

(Jason wendet sich zu gehen.)

Medea.

Jason!

Jason.

Glaub nicht mich zu erweichen!

Medea.

Glaub nicht ich wollt' es. Gib mir meine Kinder!

Jason.

Die Kinder? Nimmermehr!

Medea.

Es sind die Meinen!

Jason.

Des Vaters Namen fügt man ihnen bei

Und Jasons Name soll nicht Wilde schmücken.

Hier in der Sitte Kreis erzieh ich sie.

Medea.

Gehöhnt von Stiefgeschwistern? Sie sind mein!

Jason.

Mach nicht, daß sich mein Mitleid kehr' in Haß!

Sei ruhig, das nur mildert dein Geschick.

Medea.

Wohl denn, so will ich mich auf Bitten legen!--

Mein Gatte!--Nein, das bist du ja nicht mehr--

Geliebter!--Nein, das bist du nie gewesen--

Mann!--wärst du Mann und brächst dein heilig Wort--

Jason!--pfui! das ist ein Verrätername--

Wie nenn ich dich? Verruchter!--Milder! Guter!

Gib meine Kinder mir und laß mich gehn!

Jason.

Ich kann nicht, sagt' ich dir, ich kann es nicht.

Medea.

So hart? Der Gattin nimmst du ihren Gatten,

Und weigerst nun der Mutter auch ihr Kind!

Jason.

Nun wohl, daß du als billig mich erkennst,

Der Knaben einer ziehe denn mit dir!

Medea.

Nur einer? Einer?

Jason.

Fordre nicht zuviel!

Das wen'ge fast verletzt schon meine Pflicht.

Medea.

Und welcher?

Jason.

Ihnen selbst, den Kindern sei die Wahl.

Und welcher will, den nimmst du mit dir fort

Medea.

O tausend Dank, du Gütiger, du Milder!

Der lügt fürwahr, der dich Verräter nennt.

(König kommt.)

Jason.

O König komm!

König.

So ist es abgetan?

Jason.

Sie geht. Der Kinder eines geb ich ihr.

(Zu einem, der mit dem Könige kam.)

Du eile, bring die Kleinen zu uns her!

König.

Was tust du? Beide bleiben sie zurück!

Medea.

Was mir so wenig scheint, dünkt dir zuviel?

Die Götter fürchte, allzu strenger Mann!

König.

Die Götter auch sind streng der Freveltat.

Medea.

Doch sehn sie auch was uns zur Tat gebracht.

König.

Des Herzens böses Trachten treibt zum Bösen.

Medea.

Was sonst zum Übeln treibt, zählst du für nichts?

König.

Ich richte selbst mich streng, drum kann ich's andre.

Medea.

Indem du Frevel strafst verübst du sie.

Jason.

Sie soll nicht sagen, daß ich allzuhart,

Drum hab ich eins der Kinder ihr gewährt,

In Leid und Not der Mutter lieber Trost.

(Kreusa kommt mit den Kindern.)

Kreusa.

Die Kinder fordert man, ward mir gesagt

Was will man denn, und was soll denn geschehn?

O sieh, sie lieben mich, nur erst gekommen,

Als ob wir jahrelang uns sähn und kennten.

Mein mildes Wort, den Armen ungewohnt,

Gewann mir sie, wie mich ihr Unglück ihnen.

König.

Der Kinder eines soll der Mutter folgen.

Kreusa.

Verlassen uns?

König.

So ist's, so will's der Vater!

(Zu Medeen, die in sich versunken dagestanden ist.)

Die Kinder, sie sind hier, nun laß sie wählen!

Medea.

Die Kinder! Meine Kinder! Ja, sie sind's!

Das einz'ge was mir bleibt auf dieser Erde.

Ihr Götter, was ich schlimmes erst gedacht,

Vergeßt es und laßt sie mir beide, beide!

Dann will ich gehn und eure Güte preisen,

Verzeihen ihm und--nein (ihr) nicht!--(Ihm) auch nicht!

Hierher ihr Kinder, hier!--Was steht ihr dort

Geschmiegt an meiner Feindin falsche Brust?

O wüßtet ihr was sie mir angetan,

Bewaffnen würdet ihr die kleinen Hände,

Zu Krallen krümmen eure schwachen Finger,

Den Leib zerfleischen, den ihr jetzt berührt.

Verlockst du meine Kinder? Laß sie los!

Kreusa.

Unselig Weib, ich halte sie ja nicht.

Medea.

Nicht mit der Hand, doch hältst du, wie den Vater,

Sie mit dem heuchlerischen, falschen Blick.

Lachst du? Du sollst noch weinen, sag ich dir!

Kreusa.

O strafen mich die Götter, lacht' ich jetzt!

König.

Brich nicht in Zorn und Schmähung aus, o Weib

Tu ruhig was dir zukommt, oder geh!

Medea.

Du mahnest recht, o mein gerechter König

Nur nicht so gütig, scheint es, als gerecht.

Wie oder auch? Nun ja, wohl beides gleich!

Ihr Kinder seht, man schickt die Mutter fort,

Weit über Meer und Land, wer weiß wohin?

Die güt'gen Menschen, euer Vater aber

Und der gerechte, gute König da,

Sie haben ihr erlaubt, von ihren Kindern,

Der Mutter von den Kindern eines, eins--

Ihr hohen Götter hört ihr's? (Eines) nur!--

Mit sich zu nehmen auf die lange Fahrt.

Wer nun von beiden mich am meisten liebt,

Der komm' zu mir, denn beide dürft ihr nicht.

Der andre muß zurück beim Vater bleiben

Und bei des falschen Mannes falscher Tochter!--

Hört ihr?--Was zögert ihr?

König.

Sie wollen nicht!

Medea.

Das lügst du, falscher, ungerechter König!

Sie wollen, doch dein Kind hat sie verlockt!

Hört ihr mich nicht?--Verruchte! Gräßliche!

Der Mutter Fluch, des Vaters Ebenbild!

Jason.

Sie wollen nicht!

Medea.

Laß jene sich entfernen!

Die Kinder lieben mich, bin ich nicht Mutter?

Doch sie winkt ihnen zu und lockt sie ab.

Kreusa.

Ich trete weg, ist gleich dein Argwohn falsch.

Medea.

Nun kommt zu mir!--Zu mir!--Natterbrut!

(Sie geht einige Schritte auf sie zu; die Kinder fliehen zu Kreusen.)

Medea.

Sie fliehn mich! Fliehn!

König.

Du siehst Medea nun,

Die Kinder wollen nicht, und also geh!

Medea.

Sie wollen nicht? Die Kinder die Mutter nicht?

Es ist nicht wahr, unmöglich!--

Ason, mein Ältester, mein Liebling!

Sieh deine Mutter ruft dir, komm zu ihr!

Ich will nicht mehr rauh sein und hart

Du sollst mein Kostbarstes sein, mein einzigs Gut

Höre die Mutter! Komm!--

Er wendet sich ab! Er kommt nicht!

Undankbarer! Ebenbild des Vaters!

Ihm ähnlich in den falschen Zügen

Und mir verhaßt wie er!

Bleib zurück, ich kenne dich nicht!--

Aber du Absyrtus, Schmerzenssohn,

Mit dem Antlitz des beweinten Bruders,

Mild und sanft wie er,

Sieh deine Mutter liegt hier knieend

Und fleht zu dir.

Laß sie nicht bitten umsonst!

Komm zu mir, mein Absyrtus

Komm zur Mutter!--

Er zögert!--Auch du nicht?--

Wer gibt mir einen Dolch?

Ein Dolch für mich und sie!

(Sie springt auf.)

Jason.

Dir selber dank es, daß dein wildes Wesen

Die Kleinen abgewandt, zur Milde hin.

Der Kinder Ausspruch war der Götter Spruch!

Und so geh hin, nie aber bleiben da.

Medea.

Ihr Kinder hört mich!

Jason.

Sieh! sie hören nicht!

Medea.

Kinder!

König (zu Kreusen).

Führ sie ins Haus zurück

Nicht (hassen) sollen sie, die sie gebar.

(Kreusa mit den Kindern zum Abgang gewendet.)

Medea.

Sie fliehn, (meine) Kinder fliehn vor mir!

König (zu Jason).

Komm! Das Notwendige beklagt man fruchtlos!

(Sie gehen.)

Medea.

Meine Kinder! Kinder!

Gora (die hereingekommen ist).

Bezwinge dich

Gönne nicht deinen Feinden ihres Sieges Anblick!

Medea (die sich zur Erde wirft).

Ich bin besiegt, vernichtet, zertreten

Sie fliehn mich, fliehn!

Meine Kinder fliehn!

Gora (über sie gebeugt).

Stirb nicht!

Medea.

Laß mich sterben!

Meine Kinder!

(Der Vorhang fällt.)

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