Was ich hier an Aberglaube anzuführen hatte, scheint uns natürlich ein

sinnlos verwirrtes Zeug, von dem frei zu werden nur Vorteil bringen

könnte. Versetzen wir uns aber auf den Standpunkt der Grönländer, so

möchte es wohl viel weniger sinnlos sein, als unsere christlichen

Dogmen. Diese Dogmen müssen sie sich in ihre eigene Ideenwelt

übertragen, wenn sie ihnen verständlich werden sollen. Mit anderen

Worten: sie müssen sie erst mehr oder weniger heidnisch machen. Diese

Umwandlung hat ihnen viel Arbeit gemacht, und wenn sie auch heute noch

im Grunde Heiden sind und an ihre alten Sagen glauben, so hat doch die

neue Lehre ihre Begriffe verwirrt. Schon allein deshalb könnte man

meinen, das Richtigste wäre gewesen, sie ungestört bei ihrem alten

Glauben zu lassen. Er gab ihnen, bei ihrem verhältnismäßig armen

Ideengehalt, die leichteste Erklärung für ihre Umgebung. Er bevölkerte

die Natur mit den übernatürlichen Mächten, deren sie als Trost

bedurften, wenn ihnen die Wirklichkeit zu rauh und verwickelt wurde.

Und wie charakterisieren diese Mythen den Eskimo! Man nehme nur seinen

Wohnplatz im Jenseits. Dort giebt es weder Gold noch Silber, weder

prächtige Kleider, noch prunkvolle Säle, wie in unseren Märchen, denn

für ihn hat irdischer Reichtum keinen Wert. Dort giebt es auch keine

schönen Frauen, blühende Gärten oder dergleichen. Nein, dort oben ist

eine Erdhütte, nur etwas größer als die hienieden, und drinnen sitzen

die Seligen und verzehren verfaulte Seehundsköpfe. Die Seehundsköpfe

liegen in großen Haufen unter den Pritschen und nehmen nie ein Ende.

Oder er erträumt sich dort herrliche Jagdgründe mit Massen von Wildpret

und vielem Sonnenschein. Unser Paradies mit Engeln in weißen Gewändern,

wo die Seelen ringsherum auf Stühlen sitzen, ist ihm ein langweiliges,

farbloses Dasein. Er versteht es nicht, es kann keine Sehnsucht in ihm

erwecken. Und wir können dem Angekok nicht böse sein, der Nils Egede

erklärte, ihm sei das Haus des +Tornarssuk+ oder des »Teufels«, wo

er schon oft gewesen, viel lieber; denn »im Himmel ist keine Nahrung zu

bekommen, aber in der Hölle giebt es Seehunde und Fische genug«.

Man sollte erwarten, daß den Missionaren[166] bei einem so

friedliebenden gutmütigen Volke wie den Eskimos der Sieg über

den heidnischen Glauben hätte leicht werden müssen. Aber man kann

nicht sagen, daß dies der Fall war. Die Eingeborenen hatten viel

gegen die christlichen Behauptungen einzuwenden. So konnten sie z.

B. nicht begreifen, daß das Vergehen Adams und Evas »so groß sein

und so traurige Folgen nach sich ziehen« konnte, daß das ganze

Menschengeschlecht deswegen verflucht sein sollte. »Da Gott alle Dinge

weiß, weshalb hat er es denn zugelassen, daß die ersten Menschen

sündigten?« Daß diese ihren freien Willen gehabt, schien ihnen geradezu

dumm, und hätte Gott die That verhindert, so wären Adams Nachkommen

nicht so verderbte Menschen geworden, und Gottes Sohn hätte nicht zu

leiden brauchen.

Ein Mädchen war durchaus unzufrieden mit den Antworten, die sie auf

derartige Einwände erhielt. »Sie wollte solche Antworten haben, daß

sie in ihrem Innern zustimmen und fühlen könnte, dies alles sei wahr,

und nun könne sie diejenigen, die gegen diesen Teil unserer Lehre

so viel zu sagen hätten, zum Schweigen bringen.« Ebenso fand man,

daß Adam und Eva sehr einfältig gewesen sein müßten, da sie sich mit

einer Schlange in Unterhaltung einließen, und »furchtbar versessen

auf Obst, da sie lieber sterben und leiden, als auf ein paar große

Beeren verzichten wollten«. Andere meinten, das sehe den Kavdlunakern

(Europäern) ähnlich; denn »die gierigen Leute haben nie genug an dem,

was sie haben, und wollen mehr haben, als sie brauchen«. Ein Angekok

erklärte es für ein richtiges Pech, daß der große Angekok Christus,

der sogar Tote wieder lebendig machen konnte, nicht bei den Eskimos

geboren worden sei. Die hätten ihn geliebt, hätten ihm gehorcht

und nicht an ihm gehandelt wie die schlechten Kavdlunaker. »Welche

verrückte Menschen! den zu töten, der lebendig machen kann!« Da sie die

Christen sich streiten und prügeln sahen, hatten sie wenig Vertrauen

zur christlichen Lehre und erklärten: »Vielleicht würden wir durch

solche Kenntnis auch unmenschlich.« Und sie meinten, es könne nur dann

gesittete Europäer geben, wenn sie »einige Jahre in Grönland gelebt und

+mores+ gelernt hätten«.

Einige, besonders hartnäckige Zweifler fragten, warum denn Gott, wenn

das Christentum etwas so Notwendiges sei, sie nicht früher darin

unterwiesen, da dann ja auch ihre Vorfahren hätten in den Himmel kommen

können. Paul Egede antwortete, Gott habe vielleicht gesehen, daß sie

sein Wort nicht würden angenommen, sondern es verachtet haben; dann

aber wären sie noch strafbarer geworden. Darauf erklärte ein alter

Mann, er habe viele gute Leute gekannt und selbst einen frommen Vater

gehabt, und wenn es vielleicht auch Verräter des Wortes unter ihnen

gab, »so waren doch auch Frauen und Kinder da, die immer leichtgläubig

sind«. Ein andermal setzte Paul Egede ihnen auseinander, irdisches Gut

oder »Lumpenzeug« sei viel zu unwürdig, um in den Himmel zu kommen. Ein

Skeptiker entgegnete: »Ich wußte nicht, daß es nicht der Mühe wert ist,

daran zu denken, daß wir es im Himmel gut haben sollen. Warum sollen

wir denn wünschen, die Erde zu verlassen?«

Als die Bibel übersetzt werden sollte, stellten sich große

Bedenklichkeiten heraus. Selbst mehrere der christlichen Grönländer

meinten, es würde ihren ungläubigen Landsleuten nicht dienlich

sein, etwas von »Jakobs Falschheit und Betrügerei gegen seinen Vater

und seinen Bruder, von der Polygamie der Patriarchen und besonders

von Simeons und Levis beispielloser Schlechtigkeit« zu erfahren.

»Lots Geschichte« erschien ihnen auch ungeeignet. »Ein Auszug des

Bedeutendsten wäre gewiß besser für dieses Volk«[167].

Die Sakramente des Altars und der Taufe mußten ihnen natürlich als

die ärgste Hexerei erscheinen. Als sie einmal einige Europäer diese

Zeremonie vornehmen sahen, »fragte ein Angekok mich,« sagt Nils Egede,

»weshalb ich immer auf die, welche hexen wollen, schimpfe; er habe nun

doch selbst gesehen, wie der Priester über uns gehext«. Egede fand

darauf nur die ziemlich nichtssagende Antwort, dies geschehe »auf

Christi Gebot«; mehr brauchte seiner Ansicht nach »der Schafskopf nicht

zu wissen«. Als die Missionare einmal einem Eskimo sagten, er sei »Gott

für die vielen Kinder, die er ihm gegeben, besonderen Dank schuldig,«

antwortete jener erbost: »Das, was Du sagst, daß Gott mir Kinder

gegeben, ist eine große Lüge, denn ich habe sie selbst gemacht.« Zu

seiner Frau gewandt, fügte er hinzu: »Ist das nicht wahr?«

Ihre Kritik der Lehren und des Auftretens der Missionare war manchmal

so beißend, daß selbst der verständige, brave Kaufmann Dalager zugeben

muß: »Sogar die Dummsten, die weit entfernt von der Kolonie leben,

haben mir in dieser Beziehung oft solche Objektionen gemacht, daß mir

der Schweiß auf die Stirn trat und ich stöhnen mußte.«

Der Gottesdienst scheint sie anfangs sehr gelangweilt zu haben. Sie

wollten lieber von Europa hören und kamen mit vielen naiven Fragen,

wie: »Ob der König sehr groß sei? Ob er stark sei? Ob er ein großer

Angekok sei, und ob er viele Walfische gefangen habe?« Paul Egede

erzählt, wenn sie fanden, sein Vater predige zu lange, gingen sie zu

ihm hin und fragten, ob er nicht bald aufhören würde. Er mußte ihnen

dann am Arme vormessen, ein wie großes Stück noch fehlte, und wenn

ihnen dies gezeigt war, setzten sie sich wieder an ihren Platz und

schoben jeden Augenblick die an den Arm gelegte Hand weiter. Sobald

der Prediger nach einem Satz eine Pause machte, beeilten sie sich, mit

der Hand bis auf die Fingerspitzen hinunterzugleiten. Wenn er aber

wieder anfing, riefen sie »+Ama+«, was »Noch mehr« bedeutet, und

schoben die Hand wieder bis auf den halben Arm hinauf. Mir, dem Leiter

des Gesanges, hielten sie oft mit einem nassen Seehundsfellhandschuh

den Mund zu, wenn ich einen neuen Psalm anstimmte oder ihnen zu lange

sang. Das Benehmen der Missionare gegen die Eingeborenen ist nicht

immer angemessen gewesen. Ich kann aus ihren eigenen Berichten ein

paar Beispiele dafür anführen. »Ich ließ ihn wissen, daß er, falls er

sich nicht im Guten überreden ließe, sondern Gottes Wort verachtete,

von mir dasselbe Traktement erhalten sollte, das Angekoker und Lügner

bekommen haben (nämlich Prügel).« -- -- »Nachdem ich es lange mit

guten Worten und Ermahnungen versucht und alles nichts helfen wollte,

griff ich zu meinem gewöhnlichen Mittel, bläute ihn tüchtig durch und

jagte ihn aus der Thür«[168]. Ein Mädchen wurde von ihrem »Priester

geschlagen, weil sie nicht glauben konnte, daß Gott so strenge sei, wie

er ihn darstellte. Er hatte gesagt, alle ihre Vorfahren seien bei dem

+Tornarssuk+ und müßten dort ewige Pein erdulden, weil sie nichts

von Gott wüßten.« Sie entschuldigte ihre Vorfahren damit, daß sie nie

etwas von ihm gehört, der Geistliche aber wurde zornig, und als sie

gar sagte, »es sei ihr schrecklich zu hören, daß Gott ihnen für dieses

Versehen so fürchterlich zürne, daß er ihnen in Ewigkeit nicht vergeben

könne, was doch sonst nur böse Menschen zu thun pflegten,« bekam sie

Schläge[169]. Von solchem Auftreten von Landsleuten und christlichen

Missionaren einem so friedlichen Volke gegenüber zu hören, mag unseren

Ohren unangenehm klingen. Die Thatsache wird aber schwerlich einen

besseren Eindruck auf die Eingeborenen gemacht haben. Man muß die

Gutmütigkeit der Eskimos bewundern, daß sie nicht darauf verfielen,

die Missionare einfach zu vertreiben. Zu deren Entschuldigung kann

etwa dienen, daß sie in Europa und in einem roheren Zeitalter, als das

unsere ist, geboren sind.

Anfangs ging es mit der Bekehrung der Eingeborenen schlecht und

langsam. Dann aber machten diese allmählich die Entdeckung, daß

die Missionare eigentlich große Angekoker und ihre Zeremonien, die

Wassertaufe, Gottes Wort, Sprüche, die christlichen Bücher u. s. w.

Zaubermittel waren. Die Zaubermittel schienen vorzüglich geeignet,

Krankheiten zu heilen, gegen Not zu schützen, guten Fang und andere

Vorteile zu verschaffen. Garnicht davon zu reden, daß die Bekehrung und

ein wenig Kopfhängen oft sofortige Frucht einbrachte in Gestalt kleiner

Belohnungen seitens der eifrigen Missionare. Sie sagten daher von

diesen: »Es sind gute Leute, sie gaben uns zu essen, wenn wir glaubten

und betrübt aussahen.« Als ein Vater, dessen Sohn gefährlich erkrankt

war, verschiedene Angekoker vergeblich erprobt hatte, beriet er sich

mit einem von ihnen, ob er nicht bei dem Geistlichen der Kolonie

Trost suchen sollte. Der alte Angekok erwiderte gleichgültig: »Du

kannst hierin nach Deinen Gedanken handeln, denn ich bin der Ansicht,

daß Gottes Wort und die Worte vernünftiger Angekoker gleich kräftig

sind.« Nach und nach wurde das denn auch die allgemeine Ansicht, und

da es sich mehrmals so glücklich traf, daß Gottes Wort in ähnlichen

Fällen kräftiger als das Wort eines Angekoks zu wirken schien, war

es natürlich, daß einige sich taufen ließen. War erst einmal ein

Beispiel gegeben, so folgten selbstverständlich viele, besonders, wenn

angesehene Fänger vorangingen.

Aber wenn die Grönländer auch dem Namen nach zum Christentume

übergingen, hielten sie doch an ihrem alten Glauben fest und thun das

sogar heute noch. Es hielt anfangs sehr schwer, ihnen das Falsche in

den Erdichtungen und Geschichten ihrer Angekoker nachzuweisen. Wenn

ihnen deswegen Vorwürfe gemacht wurden, antworteten sie der Wahrheit

gemäß, daß »sie nicht gewohnt seien zu lügen, und deshalb alles

glaubten, was man ihnen sage«. Als Beispiel ihrer Leichtgläubigkeit

erzählt Nils Egede: »Am 23. Februarius kam eine Dirne weinend zu mir

und klagte mir, daß ein altes Hexenweib von ihr gesagt habe, sie

sei schwanger. Ich fragte, was dies mich angehe und wie sie sich so

betragen könne, denn solches Thun zieme sich nicht für eine Jungfrau.

Sie aber antwortete, sie wisse von keinem Manne, und bat mich dann,

doch einmal ihren Leib zu befühlen, wie hart der sei. Da ich wußte, daß

sie halbgargekochte Erbsen gegessen, sagte ich, dies sei ihr Leiden.«

Er gab ihr darauf ein wenig Branntwein und sagte, sie »würde noch vor

dem nächsten Morgen mit den Erbsen niederkommen.« Am nächsten Tage

kam sie, um sich zu bedanken, und erklärte, »sie habe sich noch nie so

geängstigt«. Als er sie fragte, wie sie habe so einfältig sein können,

sich dergleichen einreden zu lassen, antwortete sie: »Wir glauben

alles.«

Daß sie jedoch nicht alles glaubten, was ihnen die Europäer erzählten,

scheint doch unter anderem aus Folgendem hervorzugehen. Einige

Grönländer versuchten Nils Egede einzureden, sie hätten auf Discö

»einen Bären getötet, der so groß war, daß er Eis, das nie auftaute,

auf dem Rücken hatte.« Egede blieb ungläubig. Da erklärten sie ihm:

»Wir haben das, was Du uns erzählst, nie angezweifelt, Du aber willst

das nicht glauben, was wir Dir sagen.«

Als Beispiel, wie tief die christliche Anschauung geht und wie die

Eskimos zum Teil noch heute die Taufe auffassen, sei eines erwähnt. Ein

Katechet, also ein zum Geistlichen Ausgebildeter und Stellvertreter

des Predigers, taufte vor einigen Jahren in Nordgrönland nicht nur die

Kinder seiner Gemeinde, sondern auch die jungen Hunde im Namen des

Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Seine Frau hatte keine

Kinder, und diesem Uebelstande glaubte er dadurch abhelfen zu können,

daß er sie taufte; das Jahr darauf gebar sie denn auch richtig einen

Sohn.

Was von ihrem alten Heidentum heutzutage am meisten in ihrer Phantasie

spukt, ist nach meiner Erfahrung der Glaube an die ~Kivitut~

oder Gebirgsmenschen (vergleiche weiter oben), die sie sehr fürchten

und alle Augenblick zu sehen glauben. Während wir in Godthaab waren,

wurden wiederholt welche gesehen. So oft ihnen etwas aus ihren

Vorratsverstecken gestohlen wird, hat es natürlich ein Kivitok gethan,

und verunglückt ein Kajakmann, ohne daß die Leiche antreibt, so ist er

ins Gebirge gegangen und Kivitok geworden. Dieser Glaube scheint in

neuerer Zeit sehr überhand genommen zu haben. Ein Katechet tadelt seine

Landsleute deswegen in der »+~Atuagagdliutit~+« und ruft aus:

»Nein, laßt uns von denen, die auf dem gefahrvollen Meere umkommen, nur

glauben, daß ihre Glieder auf dem großen Kirchhofe des Meeresgrundes

ausruhen und ihre Seelen in ewiger Seligkeit weiterleben!«[170]

Wie eingewurzelt ihre abergläubische Furcht ist, wurde mir einmal auf

unheimliche Weise bewiesen. Ich ging in Godthaab eines Abends spät mit

einem Brief, den fremde Kajakleute am andern Morgen in aller Frühe

mitnehmen sollten, in ein anderes Eskimohaus. Als ich eintrat, lag das

ganze Haus in tiefem Schlafe. Die dicht nebeneinander gedrängten Männer

und Frauen auf der Hauptpritsche sahen aus, wie Heringe auf einer

Trockenplatte. Um nicht mehr als nötig zu stören, wollte ich nur Jakob

wecken, den einen unverheirateten Sohn des Hauses, der mir ein guter

Freund war und mit dem ich täglich verkehrte. Ich rüttelte ihn und rief

ihm »Jakob« ins Ohr. Er schlief ebenso fest weiter, und ich mußte ihn

erst lange und nachdrücklich rütteln, ehe er endlich etwas blinzelte

und grunzte. Als er mich aber über sich gebeugt sah, wurden seine Augen

starr vor Entsetzen. Er fuhr in die Höhe, stieß einen gräßlichen Schrei

aus und schlug mit Händen und Füßen um sich. Er schrie immer lauter

und zog sich, unausgesetzt fechtend, immer mehr nach der Wandseite der

Pritsche zurück. Nun fuhren auch die andern auf der Hauptpritsche in

die Höhe und blickten mich ebenso starr und verglast an, während ich

Aermster vor Staunen darüber, daß meine friedliche Wenigkeit einen

solchen Spektakel verursachte, ganz sprachlos dastand. Endlich wurde

ich wieder Herr über meine Zunge, näherte mich Jakob, reichte ihm

die Hand und sprach einige beruhigende Worte. Nun aber wurde es noch

ärger. Da ich sah, daß alles Reden umsonst war, schwieg ich still und

fing an zu lachen, und nun hörte das Geheul ebenso plötzlich auf, wie

es begonnen hatte. Jakobs Gesicht färbte sich so rot, als es entfärbt

gewesen war, und er murmelte beschämt etwas davon, er habe geträumt,

ein Kivitok wolle ihn ins Gebirge schleppen. Ich gab ihm den Brief

und machte mich möglichst schnell aus dem Staube. Den nächsten Tag

wußte die ganze Kolonie, daß ich der Kivitok gewesen, den man in der

Nachbarschaft hatte heulen hören.

[Illustration]

[Illustration]

Kapitel +XIV+.

Europäer und Eingeborene.

Das Verhalten der Europäer gegen die Grönländer steht in vieler

Beziehung einzig da. Man hat die Grönländer besser behandelt als

alle anderen Naturvölker, die je unseren Zivilisationsversuchen

ausgesetzt waren. Die dänische Regierung verdient für ihr Auftreten

in dieser Hinsicht die höchste Anerkennung, und es wäre nur zu

wünschen, daß andere Staaten ihrem Beispiele folgen möchten. Sie hat

in ihrer Handlungsweise nicht unwesentlich auf das wirkliche Wohl

der Eingeborenen Rücksicht genommen, und man kennt kaum ein anderes

Jagdvolk, das in so enge Berührung mit Zivilisation und Christentum kam

und sich dabei so gut und so lange halten konnte.

Ein Eifer für die einmal gewählte Aufgabe, wie der, der unsern

Landsmann Hans Egede und die ersten Missionare in dieses damals wenig

bekannte Land trieb und sie dort Entbehrungen genug ertragen ließ, ist

sicherlich auch nicht gewöhnlich. Es geschah in guter Absicht, und

sie meinten das zeitliche und ewige Wohl der Eingeborenen zu fördern.

Vergleichen wir diese Mission und die ganze Behandlung Grönlands

mit dem Auftreten der zivilisierten Völker an anderen Stellen der

Erde, so gelangen wir zu der Ueberzeugung, daß durch das Ganze

ein außergewöhnlich humaner Geist geht, und wer die Geschichte der

grönländischen Verwaltung verfolgt, wird ständig neue und trostreiche

Beweise finden.

Aber die zivilisierten Menschen sind nur einmal trotz allen guten

Willens geneigt, auf ein Naturvolk wie auf eine tiefer stehende Rasse

hinabzusehen. Davon finden wir auch in der grönländischen Geschichte

verschiedene Spuren. Sogar der begeisterte Hans Egede, aus seinen

eigenen Schriften werden wir es sehen, verachtete in nicht geringem

Maße die Eingeborenen, die zu bekehren er für seine Lebensaufgabe

hielt. Ja er sagt selbst, daß er sie oft ohrfeigte und mit einem

Tauende auf den nackten Rücken schlagen ließ. Als er einmal von einem

Knaben erfuhr, daß ein Angekok, Namens Elik, gesagt, es würde leicht

sein, die ins Land gekommenen fremden Männer auszurotten, zog er mit

sieben Bewaffneten aus, überfiel den Angekok, nahm ihn gefangen und

brachte ihn in die Kolonie. Dort »erhielt er einige Schläge mit dem

Tauende und wurde in Fesseln gelegt«. Am Abend kamen die Söhne des

Angekoks, um sich nach ihrem Vater zu erkundigen, und »durften nach

erbetener Erlaubnis ihre Zelte nach der Kolonie bringen«. Einige

Tage darauf wurde der Gefangene frei gelassen und zog mit den Seinen

ab. Man sollte glauben, daß die Grönländer den Fremden nach solcher

Behandlung grollen mußten, aber ihre Gutmütigkeit und Gastfreiheit ist

unvergleichlich. Das Schicksal wollte, daß im Winter darauf Hans Egedes

Sohn Paul, der auch an jener Gewaltthat beteiligt war, vom Sturm an

einen Ort verschlagen wurde, wo er unerwartet den Angekok Elik traf. Es

war ihm, wie er selbst sagt, nicht angenehm, ihn mit so vielen Fremden

zu treffen, aber zu seinem großen Erstaunen wurden die Verirrten von

dem Angekok eingeladen. Er legte sogar auf seine eigene Pritsche ein

Renntierfell für Paul Egede. Der Missionar mußte drei Tage da bleiben

und wurde aufs beste bewirtet[171]. Das heißt doch »Böses mit Gutem

vergelten« und »die lieben, die Euch hassen«. Egede aber meinte, es sei

die Bereitwilligkeit der Grönländer, sich in »ihre Strafe, wenn sie sie

verdient zu haben glauben«, zu finden.

Hans Egede hatte noch eine Angewohnheit, die gerade keine große

Rücksicht gegen die Eingeborenen verrät. Er nahm dann und wann Kinder

gegen den Willen der Angehörigen zu sich und behielt sie, um von ihnen

die Sprache zu erlernen. Deshalb dichteten sie auch ein Lied über ihn:

»Es ist von Westen her über das große Meer ein fremder Mann gekommen,

der Knaben stiehlt und ihnen dicke Suppe mit Haut darauf (Brei) und

getrocknete Erde aus seinem eigenen Lande (Schiffszwieback) zur Speise

giebt«. Als Paul Egede einmal einer Mutter ein Geschenk anbot, damit

sie ihm ihren Sohn noch länger ließe, antwortete sie, Kinder seien

keine Handelsware.

Noch heute finden wir in Grönland Beweise dafür, wie schwer es

ist, sich von der eingewurzelten Verachtung für alle sogenannten

Eingeborenen freizumachen. Die Kolonisation der Europäer hat nur den

Zweck, dem Lande Gutes zu thun. Der Handel wird ja ausschließlich zum

Besten der Missionare und der Eingeborenen getrieben. Das hat jedoch

nicht verhindern können, daß in der sozialen Stellung der Europäer und

der Fremden ein großes Mißverhältnis entstand. Die Fremden gelten

bei sich selbst, wie bei den Grönländern als eine höhere Rasse, als

die Herren des Landes, denen man gehorchen muß, während sie doch,

wenn sie wirklich nur um der Eingeborenen willen da wären, eher deren

aufopfernde Diener sein müßten. Teils bewußt, teils unbewußt, haben

die Europäer gut dafür gesorgt, ein solches Verhältnis zu entwickeln

und die Eingeborenen stets nur wie ihre Untergebenen zu behandeln. Wir

kamen ja in das Land, um das Christentum zu predigen. Wie aber stimmt

dies mit unserer christlichen Freiheits- und Gleichheitslehre?

Als Beispiel, wohin dieses Verhältnis führen kann, ist zu erwähnen, daß

es in den meisten südgrönländischen Kolonien den Eskimos verboten ist,

Hunde zu halten, weil die paar dort wohnenden europäischen Familien

Ziegen zu halten wünschen. Das Verbot ist allerdings in mehreren Fällen

vom Vorstande (vergl. S. 281 f.) erlassen worden, aber die Europäer

selbst haben es beantragt, und da die Grönländer sich, wie gesagt,

ihnen in allen Dingen fügen, war es nicht schwer, sich ihrer Zustimmung

gegen den eigenen Wunsch zu versichern. Ich habe sie nachher sich

bitter beklagen hören, daß sie so dumm sein konnten, für ein solches

Verbot zu stimmen. Am grellsten tritt die Ungerechtigkeit zu Tage,

wo sich die deutschen Missionare aufhalten. Dort erläßt der fromme

Herr einfach einen Ukas, der seiner ganzen Gemeinde das Hundehalten

verbietet, damit seine Ziegen unbelästigt bleiben.

Ich habe mit sonst sehr verständigen und warmherzigen Leuten dort oben

gesprochen, die meinten, es sei doch klar, daß das Halten von Hunden

verboten sein müsse, da diese ja die Ziegen jagten und ängstigten.

Wandte man dann ein, daß es doch vernünftiger sei, die Ziegen zu

verbieten, da der Europäer nur wenige, der Grönländer aber viele

seien, so wurde man einfach ausgelacht. Daß sie selbst erst in das

Land übersiedelten und die Eskimos seit unvordenklichen Zeiten Hunde

gehalten haben, davon redete keiner. Auch schienen sie es nicht weiter

für schlimm zu halten, daß die Ziegen oft den Rasen von den Wänden und

Dächern der Grönländerhäuser losrissen, Schaden unter den zum Trocknen

aufgehängten Fischen der Eskimos anrichteten und ähnlichen Unfug

ausübten.

Des weiteren bezeichnend für die Art, mit der man die Rechte eines

Europäers und eines Eingeborenen betrachtet, sind die Verordnungen über

den Branntweinverkauf. Während es (wie in Kapitel +V+ erwähnt)

verboten ist, den Kindern des Landes Schnaps zu verkaufen, können die

Europäer dort oben soviel bekommen, als sie nur wünschen. Das ist ein

Mißgriff; denn es muß die Eingeborenen empören, ständig zu sehen, daß

sie selbst nicht gut genug sein sollen, das zu bekommen, worauf der

schlechteste Europäer ein Anrecht hat. Noch schädlicher aber wirkt die

Verordnung deshalb, weil sie dahin führt, daß die Grönländer im Dienste

des Handels oder der Europäer täglich Branntwein bekommen können, und

alle anderen ebenso, sobald sie den Europäern etwas verkaufen. Daß

dies zu den gröbsten Mißbräuchen führt, liegt auf der Hand. Ich will

mich nicht einmal dabei aufhalten, daß es einzelnen, hervorragenderen

Eingeborenen von gemischter Herkunft gestattet ist, sich alljährlich

bestimmte Mengen dieses Getränkes aus Europa zu verschreiben.

Das Verbot des Branntweinverkaufes ist natürlich eine direkte

Notwendigkeit, wenn der Untergang der Eingeborenen nicht in hohem

Grade beschleunigt werden soll. Jedoch wäre es dann das einzig Wahre

und Folgerichtige, daß sich dieses Verbot auf die Europäer sogut wie

auf die Eingeborenen erstreckte. Ich weiß, daß manche behaupten,

dies sei den Europäern gegenüber, die stets an Alkoholgenuß gewöhnt

waren, eine ungerechte Forderung. Ich weiß auch, daß dieser Grund

besonders einschlägt bei den Leuten aus Dänemark, wo ja selbst in der

Arbeiterklasse bei den meisten Mahlzeiten ein Schnaps genommen wird,

Alkohol also als Bedarfsgegenstand gilt. Dessenungeachtet kann ich nur

finden, daß es für alle Teile das Beste und Richtigste gewesen wäre.

Ungerecht kann man ein solches Verlangen nicht nennen, denn es steht

jedem, der sich nach den Bedingungen erkundigt, frei, aus Grönland

wegzubleiben, und ich hege keine Befürchtung, daß dort oben nicht doch

noch genug Europäer bleiben werden.

Meine Forderungen aber gehen weiter. Ich meine, man müßte nicht nur den

Branntweinverkauf verbieten, sondern auch den Handel mit Kaffee, Tabak,

Thee und den anderen entschieden schädlichen oder wertlosen Produkten,

die wir bei den Eingeborenen einführten. Sie hatten wahrhaftig keine

Sehnsucht danach, es dauerte sogar lange Zeit bis wir sie gelehrt,

an diesen Dingen Genuß zu finden, ja, die Ostgrönländer mögen z. B.

noch heute keinen Kaffee. Auf der Westküste haben wir indessen, wie

oben erzählt, unheimlichen Erfolg gehabt, und der Kaffee ist kein

unwesentlicher Faktor bei ihrem Untergang. Verböte man aber, den

Eingeborenen Kaffee zu verkaufen, so müßte seine Einfuhr auch für die

Europäer untersagt werden. Dies wird manch einer Fanatismus nennen. Mag

er es thun, ich bin nun einmal der Ansicht, daß, wenn wir wirklich

zum Besten der Grönländer in das Land gekommen sind und dort wohnen

wollen, um sie zu unterrichten, wir dies auch mit Thaten zeigen und

den Forderungen einer solchen verantwortlichen, schwierigen Aufgabe

völlig gerecht werden müssen, indem wir uns in die kleinen Entbehrungen

schicken, die sie uns auferlegt. Solch aufopfernde That läßt sich nicht

ohne Entbehrungen durchführen; Christi Apostel haben auch Leiden auf

sich genommen, und können wir dies nicht, so sind wir einer solchen

Aufgabe nicht gewachsen, sind ihrer auch nicht würdig und sollten

lieber davon ablassen. Sind wir indessen nicht um der Grönländer

willen, sondern unsertwegen gekommen, dann freilich ändert sich die

Sache. Dann müssen wir aber auch das Ding beim rechten Namen nennen und

nicht mit dem des Christentums und dem der Zivilisation schmücken.

Um einigermaßen dem gesetzlosen Zustande abzuhelfen, der infolge der

Missionsthätigkeit und ebenso sehr dadurch entstehen mußte, daß die

zugezogenen Fremden bis zum Geringsten herab sich berechtigt glaubten,

die Eingeborenen zu verachten und zu beherrschen, hat +Dr.+

Rink mindestens die Einrichtung der sogenannten ~Vorstände~

durchgesetzt. Sie bestehen aus eingeborenen Mitgliedern, von denen jede

Ansiedlung oder jeder kleinere Kreis je eines wählt. Der Zweck war die

Ordnung aller inneren Gemeindeangelegenheiten, die Festsetzung der

Armenunterstützungen, die Aufrechthaltung von Zucht und Ordnung u.s.w.

Da die Grönländer selbst von solchen Dingen nichts verstanden, sollte

der Prediger jedes Distrikts als Vorsitzender und die dort wohnenden

Europäer als Mitglieder im Vorstande sein, um den eingeborenen

Vorstehern Rat zu erteilen und sie zu leiten. Es hat jedoch den

Anschein, als ob die Europäer nach und nach die wirkliche Macht

erlangt hätten und die anderen sich nach ihren Wünschen richteten.

Der schöne Gedanke dieser Institution, die Eingeborenen sollten sich

auf diese Weise selbst regieren lernen, ist sicher aller Anerkennung

wert. +Dr.+ Rink hat dadurch wirklich eine Wendung zum Besseren in

der neueren Geschichte der Grönländer herbeigeführt. Die Institution

leidet jedoch am nämlichen Fehler wie alle anderen Veranstaltungen

der Europäer zum Besten der Eingeborenen, nämlich daran, daß sie

nicht aus dem Volke selbst hervorging, das von ihr Gebrauch machen

soll. Es ist nie Sache des Augenblicks, neue soziale Bräuche wirklich

durchzuführen. Dergleichen geschieht nicht willkürlich, sondern ist die

Frucht langsamer Entwicklung eines Volkes. Eine Institution, die von

Fremden ausgeht, wird jedenfalls sehr lange Zeit brauchen, ehe sie sich

wirklich einbürgert. Viele Grönländer halten es jetzt für eine Ehre,

Vorsteher zu sein. Ich habe aber auch Beispiele gesehen, daß andere,

und zwar die Tüchtigsten, sich dagegen sträubten. Sie hielten es für

wichtiger, ihrem Fange nachzugehen und ihre Familie zu versorgen, als

lange Reisen zu machen, um Sitzungen beizuwohnen, in denen sie bei

ihrem großen Respekt vor den Europäern doch nur diesen zu Munde reden

und die von ihnen gewünschten Bestimmungen treffen könnten.

Man könnte sich aus dem Vorhergehenden und aus manchem Anderen, was

in diesem Buche zu sagen war, zu dem Schluß berechtigt glauben, daß

die Grönländer ein wenig selbständiges Volk seien und wie geschaffen

zur Unterwerfung. Aber dieser Schluß ist falsch. Die Grönländer

haben im Gegenteil ursprünglich ein sehr ausgeprägtes Freiheits- und

Selbständigkeitsgefühl. Als die Europäer zuerst ins Land kamen,

standen die Eingeborenen nach ihrer eigenen Schätzung mindestens ebenso

hoch wie jene. Der Gedanke, daß man zu irgend jemand in untergeordnetem

oder dienendem Verhältnis stehen könnte, wie sie es bei den Europäern

sahen, erschien ihnen ebenso fremd, wie entwürdigend. Allerdings hat

bei ihnen der Hausvater über seine Familie oder über die Familien, die

gemeinsam ein Haus bewohnen, eine gewisse Herrschaft. Sie ist aber den

Verhältnissen so angemessen und tritt so wenig hervor, daß sie kaum

fühlbar ist. Gesinde haben sie auch, insofern Mädchen und Frauen ohne

Eltern oder Versorger oft von guten Fängern aufgenommen werden und

mit der Hausmutter, den Töchtern und den Schwiegertöchtern zusammen

alle Arbeit verrichten müssen. Sie sind den andern aber in der Regel

gleichgestellt, und das Dienstverhältnis besteht mehr nur dem Namen

nach. Männliche Diener dagegen kommen nicht vor. Es wurde ihnen schwer,

sich mit dem Gedanken auszusöhnen, Diener eines anderen zu sein. Noch

heute leiden sie vor allem nicht Aufträge in befehlendem Tone, wenn sie

sich auch in ihrer großen Friedfertigkeit oft schweigend darin finden.

Dieses ausgeprägte Freiheitsgefühl machte es den Europäern anfangs

schwer, grönländische Diener zu bekommen. Allmählich aber hat die

Civilisation die Grönländer auch nach dieser Richtung demoralisiert.

Jetzt treten selbst Fänger in den Dienst des Handels und sind sogar

stolz darauf, da sie nun unter anderem auch als dänische »Beamte« jeden

Morgen ihren ~+Snapsemik+~ bekommen.

Die dänischen Frauen aber werden mir noch heute bezeugen, daß man seine

liebe Not damit haben kann, den Stolz grönländischer Mägde nicht zu

verletzen. Diese Mägde sind flink und liebenswürdig, solange man sie

gut behandelt. Sagt man ihnen aber ein hartes Wort, so verschwinden

sie oft ohne weiteres und kommen nicht wieder. Mag nun die betreffende

Hausfrau nicht zu Kreuze kriechen und um Verzeihung bitten, so kann

sie sich nach einer andern Magd umsehen. Wenn der Grönländer bisweilen

einen sklavischen Eindruck macht, so kommt dies, glaube ich, von der

verblüffenden Geduld, mit der er sich in alles findet und sogar die

offenbarste Ungerechtigkeit mit überlegener Ruhe hinnimmt. Diese

Geduld muß es sein, was ~Egede~ die angeborene Dummheit und

Gleichgültigkeit der Grönländer, die unvernünftige und viehische

Erziehung ihrer Kinder u. s. w. nennt. Ich glaube, ein hartes Los hat

sie diese dem Anscheine nach phlegmatische Ruhe gelehrt. Schon ihr vom

Zufall abhängiger Fang stellt die Geduld oft auf eine harte Probe,

dann bereits, wenn das Schicksal ihnen so ungünstig ist, daß sie Tag

für Tag ohne Beute zu ihrer darbenden Familie zurückkehren müssen.

~Egede~ darf sicher am allerwenigsten über diese Eigenschaft

klagen. Wäre sie und die große Friedfertigkeit nicht ein Hauptzug der

Eskimos gewesen, so hätten sie sich gewiß nicht so ruhig in das oft

gewaltsame Auftreten der ersten Europäer gefunden. Ich habe oft genug

ihre stoische Geduld bewundern müssen, wenn sie z. B. des Morgens

stundenlang im Hausgange des Kolonialverwalters oder draußen vor seiner

Thür im Schneegestöber warten mußten, da der Herr Verwalter und sein

Handelsgehülfe anderweitig beschäftigt waren. Sie wollten ein kleines

Geschäft mit ihnen machen, bevor sie in ihr Heim zurückkehrten, das oft

viele Meilen von der Kolonie entfernt lag, und es mochte für sie von

großer Bedeutung sein, möglichst bald abzufahren. Manchmal sah sogar

das Wetter unsicher aus, und dann war jede Minute mehr als kostbar,

aber sie warteten gleich ruhig und scheinbar gleichgültig. Fragte ich

sie, ob sie abreisen wollten, so antworteten sie nur: »Ich weiß nicht«

oder »Ja, wenn das Wetter nicht schlechter wird« oder dergleichen, nie

aber hörte ich sie sich beklagen.

Folgende Geschichte aus Godthaab illustriert besser als alles andere

diese Seite ihres Charakters. Ein Inspektor schickte einmal ein

Frauenboot mit Besatzung nach dem Ameralikfjord, um dort Gras für seine

Ziegen zu holen. Die Leute blieben indessen lange fort, und niemand

konnte begreifen, wo sie blieben. Endlich kamen sie wieder. Als der

Inspektor sie fragte, wo sie so lange geblieben seien, antworteten sie,

bei ihrer Ankunft sei das Gras noch zu kurz gewesen, und daher hätten

sie sich dort niedergelassen und gewartet, bis es lang genug war.

So warten die Grönländer ruhig, bis ihr eigener Untergang gleichfalls

zur Reife gediehen ist. -- Es ist ein geduldiges Volk.

[Illustration]

[Illustration]

Kapitel +XV+.

Was haben wir erreicht?

Der Zweck unserer Mission und unserer Kulturarbeit in Grönland war

zunächst, daß sie uns bei Gott und den Menschen Ehre bringen und die

Seligkeit in jener Welt sichern sollten. Danach aber wollten wir auch

den Eingeborenen nützen. Haben wir das nun erreicht?

Betrachten wir erst die rein materielle Seite. Von vornherein sollte es

scheinen, als müßten wir diesem auf der Stufe des Steinalters lebenden

Volke viele Dinge zur Erleichterung seines harten Daseinskampfes

bringen können. Das war in Wirklichkeit durchaus nicht der Fall.

Das Wichtigste, die Waffen, und die Fanggeräte, haben wir in keiner

Hinsicht verbessern können. Allerdings haben wir Eisen gebracht, und

dieses ist besser für die Harpunenspitzen und Messer. Aber teils

besaßen die Grönländer es schon, teils kamen sie auch so aus. Sie gaben

ihren Harpunen Spitzen von hartem Stein oder Knochen, ihre Messer

machten sie aus demselben Material und fingen damit reichlich so viele

Seehunde wie jetzt.

Unsere Schußwaffen aber waren für sie doch ein großer Fortschritt?

Gerade das Gegenteil. Die Flinte hat sie verleitet, unter den

Renntieren eines kleinen augenblicklichen Gewinnes halber entsetzliche

Verwüstungen anzurichten. Das ging soweit, daß auf dem kleinen Streifen

nackten, zerklüfteten Landes längs der Westküste alljährlich mindestens

~sechzehntausend~ Renntiere erlegt wurden. Es wurde von ihnen

meistens nur das Fell mitgenommen und an die Europäer verkauft, während

das Fleisch liegen blieb und nutzlos verfaulte. Daß dies die Renntiere

beinahe ausrottete, ist klar, und die Jagd mußte so ziemlich aufhören,

weil »die Renntiere die Küste verlassen« hatten. Als die Jagd noch

mit Pfeil und Bogen betrieben wurde, war sie sehr einträglich, das

Abschlachten wurde nie so groß, daß der Renntierbestand sich nicht

hätte halten können.

Aber auch für die Seejagd war das Gewehr kein Glück. Wenn viele

Seehunde in einem Fjorde sind, werden sie durch die Schüsse erschreckt

und gehen sofort ins offne Meer, während der Harpunenfang lautlos vor

sich ging. Es ist natürlich leichter, einen Seehund zu schießen, als

ihn mit der Harpune zu erlegen, und darum hat die Flinte die alte

Methode in Verfall gebracht. Und doch war sie für die Eskimos die

wichtigste; denn während der Flintenfänger bei stürmischem Wetter zu

Hause sitzen muß, kann der Harpunenfänger stets hinaus und für seine

Familie sorgen. Ferner ist der Harpunenfang rationeller, weil man dabei

in der Regel auch die nur verwundeten Tiere mit heimbringt, während man

mit dem Gewehr oft die Tiere nur anschießt und viele sogar erlegt, ohne

sie dann auch zu bekommen.

Die Schrotflinte hat sich ebensowenig als nützlich erwiesen. In

vielen Distrikten hat die Einführung dieses Gewehres die Bewohner

dazu verleitet, sich mehr auf die leichtere Vogeljagd als auf den

Seehundsfang zu legen, der doch das ist und bleibt, wovon das Dasein

der Eskimogesellschaft abhängt. Der Seehund liefert Fleisch und Speck

zum Essen wie zum Brennen, er giebt Fell zu Kajaken, Booten, Zelten,

Häusern, Kleidern, Stiefeln u. s. w. -- er läßt sich nicht ersetzen.

Ein anderes Ungemach ist, daß die Grönländer mit Hilfe der Schrotflinte

auf einige Vögel, wie die Eidervögel, derartig Jagd machen können,

daß ihre Zahl mit jedem Jahre abnimmt. Auch das kann kein gutes Ende

nehmen, denn die Vogeljagd ist für viele Familien Lebensbedingung

geworden. In Godthaab z. B. leben die Einwohner den größten Teil

des Winters davon, und dort giebt es nur wenige, die dann auf den

Seehundsfang ausgehen können. Früher erlegte der Eskimo das Federwild

mit dem Wurfpfeil. Er erbeutete auch damals viele Vögel und bekam, »was

er nur verwundete«. Wenn er jetzt dagegen seine Schrotladung in die

Eidervögelschar hineinfeuert, läßt sich kaum zählen, wie viele fallen,

ohne irgend wem zugute zu kommen.

Nein, wir können uns wahrhaftig nicht schmeicheln, ihre Fangmethoden

vervollkommnet zu haben, wir haben nur eine Unordnung hineingebracht,

deren zerstörende Folgen noch nicht zu übersehen sind.

[Illustration: Auf der Sommerreise.]

Das Schlimmste von allem aber, und gar nicht wieder gut zu machen

ist der Schaden, den wir ihnen mit der Einführung aller unserer

europäischen Produkte beigebracht haben. Wir sind, wie erwiesen,

unmoralisch genug gewesen, den Eskimo an Kaffee, Tabak, Brot,

europäisches Zeug und Putz zu gewöhnen, und er hat uns seine

notwendigen Seehundsfelle und seinen Speck verkauft, um sich dafür

anzuschaffen, was ihm doch nur den zweifelhaften Genuß des

Augenblicks gewährte. Inzwischen verfaulte sein Frauenboot aus Mangel

an Häuten, er konnte sich kein Zelt mehr aufschlagen, und es kam sogar

vor, daß der Kajak, die Lebensbedingung eines Eskimos, ohne Bezug

auf dem Lande lag. Im Winter mußte man in den Häusern die Lampen oft

ausgehen lassen, weil der Speck im Herbst an die Handelsgesellschaft

verkauft worden war. Der Eskimo selbst ging im Winter oft in schlechten

europäischen Lumpen, statt der guten, warmen Pelzkleidung, die er

früher trug. Er ist immer ärmer geworden, die schönen Sommerreisen

mußten zum großen Teile eingestellt werden, weil Frauenboot und Zelt

verloren sind, und das ganze Jahr hindurch bleiben sie eingeschlossen

in den engen Häusern, wo ansteckende Krankheiten einen so guten Herd

finden und schlimmer als je am Volke zehren. Als ein Beispiel, wie

weit der Verfall an einigen Stellen vorgeschritten ist, läßt sich

anführen, daß an einem Orte bei Godthaab vor einigen Jahren noch elf

Frauenboote[172] waren, während es dort jetzt nur noch ein einziges

giebt -- und dieses einzige gehört dem Missionar[173].

Sieht man die grönländischen Volkszählungslisten der letzten Jahre

an, so könnte man sich beruhigt fühlen. Die Zahl der Eingeborenen auf

der Westküste betrug 1855 nur 9644 Seelen, während sie sich 1889 auf

10177 belief. Man sollte aber sein Gewissen lieber nicht mit diesen

schönen Zahlen einschläfern. Sie sind nur übertünchte Gräber, und

die Volksmenge der dazwischenliegenden Jahre wird zeigen, wie groß

das Hin- und Herschwanken ist. Im Jahre 1881 gab es nicht mehr als

9701 und 1883 nicht mehr als 9744 (also seit 1855 eine Zunahme von

nur hundert Individuen); im Jahre 1885 war die Zahl der Eingeborenen

allerdings auf 9914 und 1888 auf 10221 gestiegen, war dann 1889 aber

wieder auf 10177 heruntergegangen. Ueber die spätere Zeit habe ich

keine authentischen Nachrichten. Daß dort keine gesunden Verhältnisse

herrschen, beweisen diese Zahlen. Zunahme und Abnahme streiten sich

bereits um die Herrschaft. Auch darf man nicht vergessen, daß Hans

Egede die Volksmenge auf der Westküste vor anderthalb Jahrhunderten auf

30000 Seelen schätzte. Das mochte viel zu hoch gegriffen sein, aber es

ist doch weit hinunter bis zu 10177. -- Dieses Volk segelt mit Leichen

im Lastraum.

Die Kränklichkeit hat sich in den letzten Jahren in beunruhigendem

Grade entwickelt. Besonders greift der Krebsschaden des grönländischen

Volkes immer mehr um sich, die Auszehrung oder richtiger die

Tuberkulose. Es dürfte nicht viele Beispiele von Gemeinwesen geben, in

denen ein so großer Teil der Einwohner dieser Krankheit anheimgefallen

ist. Ob wir sie nach Grönland gebracht haben, ist nicht gewiß,

aber wahrscheinlich. Jedenfalls hatten wir, wie ich schon mehrmals

hervorhob, in verschiedener Weise einen entscheidenden Einfluß auf die

Verbreitung dieser und anderer ansteckenden Krankheiten[174]. Die

Tuberkulose ist jetzt so allgemein, daß ich beinahe sagen möchte, es

sei viel einfacher, die wenigen zu nennen, die sie nicht haben, als

aufzuzählen, wer sie hat. Aber es ist merkwürdig, wie widerstandsfähig

die Eingeborenen gegen diese Krankheit sind. Sie können in ihren jungen

Jahren schon so von ihr ergriffen sein, daß sie Blut speien, und

erreichen trotzdem ein ziemlich hohes Alter. Ich habe sogar gute Fänger

gesehen, die ausgesprochen schwindsüchtig waren, die bei einem Anfall

viel Blut aushusteten und wenige Tage später schon wieder auf den Fang

ausgingen. Dies ist wohl teilweise ihrer fetten Kost und besonders dem

Specke zuzuschreiben, der vorzüglich geeignet ist, sie widerstandsfähig

gegen diese Krankheit zu machen. Es hat sich auch herausgestellt, daß

die Leute in den Kolonien, wo man mehr nach europäischer Weise lebt,

der Krankheit meistens unterliegen. Gewöhnlich werden sie jedoch

überall von ihr geschwächt und können nichts Rechtes mehr leisten. Wie

lähmend dies auf ein so kleines Gemeinwesen einwirken muß, kann man

sich selbst sagen. Eine Seuche, wie die Pocken, die wir ihnen natürlich

auch schenkten und die einen großen Teil der Bevölkerung hinweggerafft

haben, ist jener bedeutend vorzuziehen. Sie tötet ihre Opfer meistens

bald und wirkt nicht wie dieses langsame, schleichende Gift[175].

So sehen wir also als das Resultat unseres Einflusses auf die irdischen

Angelegenheiten der Grönländer einen ständigen Rückgang von früherem

Wohlstand und Gedeihen zu hoffnungsloser Armut und Schwäche.

Mancher wird dies zugeben, zugleich aber einwenden, daß wir doch

eigentlich nach Grönland kamen, um das geistige Niveau und die

Kultur der Eskimos zu heben, und daß dies auf Kosten ihrer irdischen

Wohlfahrt geschehen müsse. Betrachten wir also auch diese Seite unseres

Wirkens! Viele Menschen glauben ja, es lasse sich aus einem so spröden

Stoffe, wie ein Naturvolk es ist, mit einem Schlage ein entwickelter

Kulturstaat schaffen. Es ist sehr naiv, zu glauben, die menschliche

Natur lasse sich nach dem Gutdünken einzelner Völker ändern. Allerdings

ist die menschliche Natur veränderlich; aber ihre Entwickelung geht

gerade so langsam vor sich, wie alle andere Entwickelung in der

großen Natur. Wir dürfen uns nicht einbilden, daß es angehe, uns

blindlings auf ein Naturvolk mit unserer Kultur zu stürzen und sie

ihm einzupflanzen, wie wir es in Grönland und anderswo gethan haben.

»Versuche eine Hand mit fünf Fingern in einen Handschuh mit nur

vieren hineinzuzwängen,« sagt Spencer, »und die Schwierigkeit gleicht

genau der Schwierigkeit, einen entwickelten oder zusammengesetzten

Begriff in einen Geist hineinzubringen, der nicht eine entsprechend

zusammengesetzte Aufnahmefähigkeit besitzt.«

Die einzige Veränderung, die man an einem Naturvolke ziemlich schnell

vornehmen kann, ist sein Verfall und Untergang. Eine solche Veränderung

zeigt sich in geistiger Beziehung, sobald wir versuchen, einem Volk

auf einer anderen Kulturstufe neue ethische Begriffe beizubringen.

Und dies ist genau das, was wir bei den Eskimos ausgerichtet haben.

Da wir z. B. mit Verachtung ihrer Gesetze und Bräuche versucht

haben, sie unsere Eigentumsbegriffe zu lehren, die doch nur für eine

entwickeltere, aber weniger christliche Gesellschaft als die der

Eskimos passen, können wir nun erwarten, dadurch etwas anderes zu

bewirken, als Verwirrung und Gärung? Ihr ganzer Staat war eingerichtet

nach ihren ursprünglichen, sozialistischen Eigentumsbegriffen; mit den

neuen, ihnen fremden aber ist das jetzige Leben unvereinbar, und so

ist der Untergang unvermeidlich. Wie hiermit aber, geht es mit allen

anderen Begriffen, die wir ihnen einimpfen wollen.

Wie viel Unglück, um noch ein Beispiel anzuführen, haben wir ihnen

durch unser Geld gebracht! Früher hatten sie keinen Anlaß zum Sparen

oder Reichtumsammeln. Die Erzeugnisse ihrer Arbeit halten sich nicht

unbegrenzte Zeit, und alles Ueberflüssige konnte man verschenken. --

Dann aber erhielten sie das Geld; -- und wenn sie nun mehr haben,

als für den Augenblick vonnöten, wird die Versuchung oft zu groß,

das Ueberflüssige an die Europäer zu verkaufen, statt es wie früher

darbenden Nachbarn zu geben; denn für das Geld, das sie dafür bekommen,

können sie sich ja die heißersehnten europäischen Waren anschaffen.

-- So wird ihre alte, aufopfernde Nächstenliebe von uns Christen mehr

zerstört, als entwickelt. Und das Geld setzt seinen untergrabenden

Einfluß unaufhaltsam fort. Ihre Erbschaftsbegriffe waren früher sehr

schwach, da sie, wie gesagt, dem Toten seine Kleider und Sachen mit

ins Grab gaben. Jetzt dagegen bietet das Geld den Hinterbliebenen

Gelegenheit, die Hinterlassenschaft zu verkaufen und sie scheinen jetzt

nicht mehr darüber zu erröten, als ihr Erbteil in Empfang zu nehmen,

was sie auf diese Art erhalten. Dies könnte als ein Vorteil erscheinen,

aber sie werden habsüchtig und gierig, was sie früher mehr als alles

andere verabscheuten. Auch darin beugt und knechtet das Geld die

Gemüter.

Sehen wir aber hiervon ab. Unser eigentliches Ziel sollte wohl sein,

sie zu gebildeten Menschen zu machen und ihnen mehr geistige Interessen

zu geben. Angenommen selbst, dies könnte uns gelingen, so würde es

für ein Volk wie das der Eskimos doch nur ein neues Verhängnis sein,

Interessen kennen zu lernen, die sie von dem Einzignötigen, sich und

ihre Familie zu versorgen, abziehen. Als glänzendes Resultat wird

hervorgehoben, daß die meisten Eingeborenen auf der Westküste jetzt

lesen und schreiben. Ja, ~leider~ können sie es! Dergleichen

lernt sich nämlich nicht umsonst, und sie müssen wahrhaftig teures

Lehrgeld zahlen. Ein Eskimo kann unmöglich Zeit auf die Aneignung

dieser Kenntnisse verwenden und dabei ein ebenso guter Fänger

bleiben, wie damals, als er nur ein Interesse hatte und nichts weiter

lernte, als seinen Kajak rudern und den Fang betreiben[176]. Daß

die Kajaktüchtigkeit abgenommen hat, können wir auch aus den vielen

Unglücksfällen der letzten Jahre ersehen. Während früher, nach Rink,

alljährlich nur 15 bis 20 Kajakmänner ertranken, sind 1888 und 1889 je

31 Unglücksfälle dieser Art vorgekommen.

Was soll der Eskimo mit Lese- und Schreibfertigkeit? Seinen Fang

lernt er so wahrhaftig nicht. Er unterrichtet sich durch die wenigen

Bücher, die er hat, nur über andere und bessere Länder, unerreichbare

Verhältnisse und Erleichterungen, die er bisher nicht kannte, und die

Folge ist, daß er unzufrieden wird mit seinen eigenen Verhältnissen,

die für ihn früher die denkbar glücklichsten waren. Und dann kann er

in der Bibel lesen. Sollte er aber wirklich viel davon verstehen? Und

wäre es ihm nicht ebenso dienlich, wenn ihm der Inhalt erzählt würde,

wie es mit den alten Sagen war? Der Vorteil ist wahrhaftig nicht der

Art, daß sich behaupten ließe, er sei zum rechten Preis erkauft. Wir

dürfen nie vergessen, daß die Eskimogesellschaft am Rande ihres Daseins

steht. Eine konzentrierte Anspannung aller ihrer Kräfte ist notwendig,

wenn sie den Kampf mit der harten Natur bestehen soll; ein wenig mehr

Ballast, und sie muß untergehen. Das thut sie schon, und dann kann

alles Wissen dieser Welt ihr nichts mehr helfen.

Niedergang und Verfall in jeder Hinsicht, das ist es also, worauf die

Europäer als Resultat ihres Wirkens in Grönland zurückblicken können.

Und die einzige Entschädigung, die wir ihnen dafür gaben, ist das

Christentum. In dieser Beziehung wurde ein gutes Resultat erreicht.

Christen sind jetzt alle Grönländer der Westküste -- wenigstens dem

Namen nach. Da aber scheint mir die Frage nahe zu liegen: »Ist dieses

Christentum nicht auch sehr teuer erkauft? Und müssen nicht selbst dem

eifrigsten Gläubigen Zweifel aufsteigen, ob es diesem Volke zum Segen

gereicht habe, wenn er sieht, daß es die Heilslehre mit seinem ganzen

Gedeihen hat bezahlen müssen?«

Und was muß man denn am Christentume am höchsten stellen: seine Dogmen

oder seine Moral? Ich glaube, selbst der beste Christ muß zugeben, daß

die letztere das ist, was bleibenden Wert hat. Die Geschichte lehrt

ihn, daß die Dogmen stets wechselten, und was hat es denn für einen

Wert, daß wir ihm gerade diese, die er kaum versteht, zuführten? Will

wirklich jemand im Ernst behaupten, daß es bei einem Volke vor allem

auf die Dogmen ankommt, zu denen es sich bekennt? Sollte nicht stets

die Moral, der es huldigt, die Hauptsache sein? Und die Moral des

Eskimos war, wie wir sahen, in vieler Beziehung reichlich so gut, wie

die der christlichen Staaten. Es ist uns mit all unserem Unterricht

nur gelungen, sie so zu verpfuschen, daß der Grönländer jetzt auch in

dieser Hinsicht gesunken ist.

Und nun zum Schlusse noch die Frage: Ist ein Eskimo, der dem Namen nach

~Christ~ ist, aber seine Familie nicht ernähren kann, kränklich

ist und immer tiefer ins Elend gerät, denn einem ~Heiden~, der in

»geistiger Finsternis« lebt, aber seine Familie ernähren kann, sich

einer kräftigen Gesundheit erfreut und stets zufrieden ist, wirklich

vorzuziehen? Für einen Eskimo wird die Antwort jedenfalls nicht

zweifelhaft sein. Wenn seine Einsicht so weit reichte, würde er gewiß

inbrünstig beten: »Gott, schütze mich vor meinen Freunden! Vor meinen

Feinden werde ich mich schon selber schützen!«

[Illustration]

[Illustration]

Kapitel +XVI+.

Schluß.

Wenn wir nun zum Abschluß noch einen Blick zurückwerfen: was haben wir

gesehen?

Wir haben ein von der Natur hochbegabtes Volk gefunden, das gut lebte

und trotz seiner Fehler auf einer hohen Stufe der Moral stand. Aber

durch unsere Kulturarbeit, unsere Produkte und unsere Mission sind

seine irdischen Lebensverhältnisse sowohl wie seine Moral und seine

Gesellschaftsordnung in betrübender Weise in Verfall geraten, und heute

scheint das ganze Volk dem Untergang geweiht.

Und dennoch wurde es, wie wir sahen, rücksichtsvoller und besser

behandelt, als je ein anderes Naturvolk. Sollte hierin nicht ein

ernster Wink liegen? Und sind nicht, wenn wir uns unter anderen

Naturvölkern umsehen, die Folgen der Bereicherung mit den Europäern und

den Missionaren überall die gleichen?

Was ist aus den Indianern geworden? Wo sind die einst so stolzen

Mexikaner? Wo die hochbegabten Incas von Peru? Wo ist Tasmaniens

Urbevölkerung geblieben? Und wie steht es mit den Wilden von

Australien? Bald wird keiner von ihnen mehr imstande sein, seine Stimme

anklagend gegen die Rasse zu erheben, die ihnen Untergang gebracht

hat. Und Afrika? Ja, das soll ja nun auch christlich werden. Wir haben

schon damit angefangen, es auszubeuten, und wenn die Neger kein zäheres

Leben haben als die anderen, so werden sie auch wohl denselben Weg

gehen, wenn erst das Christentum mit voller Musik kommt. Und doch

lassen wir uns nicht abschrecken und machen noch immer viel Redens

davon, daß wir den armen Wilden die Segnungen des Christentums und der

Civilisation bringen.

Ist nicht, wenn wir die Missionen der Gegenwart betrachten, das

Ergebnis beinahe überall dasselbe? Denken wir an ein Volk, wie das

chinesische, das ja auf einer hohen Kulturstufe steht und von dem

man demnach annehmen müßte, es sei vorzüglich für die neue Lehre

geeignet. Einer der »aufgeklärtesten Mandarinen Chinas«, der selbst

»Christ ist und an europäischen Universitäten studiert hat«, schreibt

in den »+North China Daily News+« einen Artikel über die Mission

und ihren Einfluß[177]. Es heißt dort unter anderem. »Ist es nicht

im Gegenteil ein öffentliches Geheimnis, daß nur die erbärmlichsten,

schwächsten, unwissendsten, ärmsten und bübischsten Leute unter den

Chinesen das sind, was die Missionare ›Bekehrte‹ nennen?« »Läßt es

sich nicht beweisen, frage ich, daß diese Bekehrten Menschen, die den

Glauben ihrer Kindheit fortgeworfen haben, und denen von ihren Lehrern

verboten wird, Sympathie für die Erinnerungen und Ueberlieferungen

unserer uralten Geschichte zu zeigen, ja, die alles dieses verachten

-- ist es nicht erwiesen, daß diese Leute sich, wenn sie die Hoffnung

auf irdischen Gewinn aufgeben mußten, schlimmer zeigten, als der ärgste

Chinesenpöbel? Die Missionare können z. B. ihren Zuhörern erzählen.

die Mandarinen seien Idioten, weil sie an Himmelszeichen und ähnlichen

Unsinn glauben. Aber den Tag darauf werden sie vielleicht denselben

Zuhörern erzählen, daß die Sonne und der Mond wirklich stillstanden,

als der Hebräerfeldherr Josua es ihnen befahl.« In betreff der

Wohlthätigkeit der Missionare gegen die Eingeborenen und der Linderung

von Not und Elend durch sie fragt er: »Läßt sich beweisen, daß diese

Hülfe ein Aequivalent für das Geld ist, das die chinesische Regierung

allein für den Schutz der Missionare bezahlen muß? Ich glaube, schon

die Zinsen dieser ungeheuren Summen würden genügen, um einen weit

größeren Stab von geschickten europäischen Aerzten und tüchtigen

Krankenpflegerinnen zu besolden.« »Ueberzeugt Euch, wie viel von den

Millionen, die barmherzige Menschen in Europa und Amerika für die

Chinamission einsammeln, auf die Linderung von Not verwandt wird.

Laßt feststellen, wie viel der Unterhalt der Missionare, ihrer Frauen

und Kinder, der Bau ihrer prächtigen Häuser und Sanatorien, das Porto

und Papier für ihre bücherähnlichen, rosenfarbigen Missionsberichte,

ihre Kongresse und viele andere Dinge kosten!« »Ist es nicht

ein öffentliches Geheimnis, daß die ganze Mission geradezu ein

Wohlthätigkeitsunternehmen zu Gunsten stellenloser Personen in Europa

und Amerika ist?« Er fragt ferner, ob jemand daran zweifle, daß die

Missionare »mit ihrer hohen Meinung von ihrer eigenen Unfehlbarkeit oft

sehr unverschämt und anmaßend sein könnten und daß sie sich in Dinge

mischten, die sie gar nichts angingen. Wenn jemand in Zweifel sein

sollte, ob die Missionare, im Ganzen genommen, zu Obigem imstande sind,

so lese er ihre Schriften und achte auf den darin herrschenden Geist

und Ton.«

Das ist die Geschichte von Grönland in anderer Auflage. Der Unterschied

ist nur, daß die Chinesen, wenn sie sich den Missionaren, die

sie nicht hergebeten haben, widersetzen, nicht geohrfeigt und mit

dem Tauende geprügelt werden. Wenn sie aber in der Erkenntnis des

drohenden Unglücks »die fremden Mächte bitten, im Interesse Chinas,

wie auch Europas und Amerikas die Missionare zurückzurufen«, und die

Missionare, falls ihre Bitten nichts nützen, mit Gewalt vertreiben

wollen, dann rufen diese Herren, die gekommen sind, das Evangelium des

Friedens zu verkünden, ihre Regierungen um Schutz an. Und es werden

ihnen Kanonenboote und Truppen geschickt, ein vernichtendes Feuer

von Projektilen und Kartätschen wird auf die Eingeborenen gerichtet,

und auf die Waffen ihrer Landsleute gestützt, verlangen die frommen

Missionare eine gehörige Entschädigung für den Schaden, den sie an Gut

und Habe erlitten haben. Wohl deshalb, weil geschrieben steht: »Ihr

sollt nicht Gold, noch Silber, noch Erz in Euren Gürteln haben; auch

keine Tasche zur Wegfahrt, auch nicht zween Röcke, keine Schuhe und

keinen Stecken« (Matthäus 10, V. 9-10).

Wir kennen sicher dieselbe Rasse wieder, die China, als es sich gegen

das zerstörende Gift »Opium« wehrte, durch einen blutigen Krieg

zwang, seine Häfen dem Opiumhandel zu öffnen, damit die Europäer Geld

verdienten, während die chinesische Gesellschaft untergraben wurde.

Dies war von Anfang bis zu Ende eine so schändliche Niederträchtigkeit,

daß keine Sprache Worte dafür hat. -- Die Eskimos haben leider nur zu

recht, wenn sie die Europäer für ein ehrloses, verderbtes Volk halten,

das nach Grönland kommen müßte, um Moral zu erlernen.

Und sind die Resultate der Missionen anderswo besser? Wohl kaum.

Kürzlich erschien eine Statistik der in Indien begangenen Verbrechen,

aus der hervorgeht, daß die meisten auf die Europäer fallen; dann

kommen die bekehrten Indier, dann die Anhänger des Brahmanismus,

und ganz zuletzt erst die Buddhisten. Aus Afrika liegt mir keine

Statistik vor, aber nach allem, was ich hörte, kann man auch dort

nicht mit den Ergebnissen der Missionen prahlen. Und für diese

Heidenmission in Afrika und Indien opfert auch unser Land alljährlich

Hunderttausende. Haben wir es denn so reichlich, daß man dieses Geld

daheim nicht nützlicher anwenden könnte? Es ist ein hübscher Gedanke,

die armen Wilden, die man niemals sah und deren Not man nicht kennt,

zu unterstützen. Sollte es aber nicht noch hübscher sein, den vielen

Elenden zu helfen, deren Not wir Tag für Tag vor Augen haben? Wenn wir

schon durchaus Gutes thun wollen, warum nicht mit dem Nächstliegenden

beginnen? Ist dann in der Heimat allen geholfen, so kann man noch immer

auf Reisen gehen und zusehen, ob auch anderswo jemand unserer Hülfe

bedarf.

Es ist durchaus nicht meine Meinung, daß jede Mission schädlich

wirken muß. Ich glaube aber, daß eine Mission, um wirklich gut zu

sein, Anforderungen stellt, denen die heutige Zeit nicht mehr gerecht

werden kann. Denn erstens bedarf es dazu einer solchen Anzahl edler,

aufopfernder und bedeutender Männer, wie man sie nicht auf einmal

findet -- wir treffen einen oder zwei, vielleicht auch drei, aber

keinen festen Stab -- und zweitens strömt im Kielwasser der Mission

unvermeidlich soviel Schlechtes über das eingeborene Volk herein, daß

die beste Mission dem ebensowenig abhelfen kann, wie es in der Macht

der Missionare steht, ihm den Eingang zu verschließen. Es läuft also

schließlich wieder auf dasselbe Resultat hinaus.

Werden uns denn nicht einmal die Augen aufgehen für das, was wir da

thun? Werden sich nicht einmal alle wahren Menschenfreunde von Pol zu

Pol zu einem gemeinsamen erdrückenden Protest aufschwingen gegen dieses

ganze Unwesen, diese selbstgerechte, skandalöse Behandlung anderer

Kulturen und anderer Glaubensbekenntnisse?

Es wird eine Zeit kommen, da unsere Nachkommen uns strenge verurteilen

und dieses Unwesen, das uns mit den Grundsätzen der christlichen

Lehre übereinzustimmen scheint, als tief unmoralisch bezeichnen. Dann

wird auch die Moral soweit entwickelt sein, daß nur die tüchtigsten,

geeignetsten Persönlichkeiten entsendet werden, und daß sie sich

anfangs damit begnügen müssen, das Leben und die Kultur eines fremden

Volkes gründlich zu studieren und zu untersuchen, ob es wirklich

unserer Unterstützung bedarf. Ist das der Fall, so wird man sich

fragen, auf welche Weise am besten unsere Hülfe eingreift. Ist das

Resultat jener Untersuchungen aber die Einsicht, daß man dort doch

nichts Gutes ausrichten kann, dann wird man den Plan auch wieder fallen

lassen. Doch freilich, ehe wir erst soweit sind, werden die meisten

fremden Völker wohl vernichtet sein, wenn sie es nicht heute schon

sind.

Fragen wir schließlich, ob es für das grönländische Volk denn gar keine

Rettung giebt. Alle, die die Verhältnisse kennen, werden einräumen,

daß daran nur zu denken wäre, wenn sich die Europäer nach und nach

aus Grönland zurückzögen. Sich selbst überlassen und den fremden,

verwirrenden Einflüssen nicht weiter preisgegeben, würde man sich zu

den alten Verhältnissen vielleicht nach und nach wieder zurückfinden

können, und dann könnte die grönländische Gesellschaft auf Rettung

hoffen. Diese Möglichkeit ist aber jedenfalls noch auf lange Zeit

hinaus nur ein schönes Luftschloß. Denn erstens widerstritte es der

Eitelkeit eines europäischen Staates, einen einmal angefangenen

Zivilisationsversuch wieder aufzugeben, den er mit großen Zahlen in das

Kreditkonto seiner im Jenseits abzulegenden Rechnung eingetragen hat,

und zweitens dürften, falls die Dänen auf ihre Kolonien verzichteten,

auch die Schiffe anderer Nationen mit den Eingeborenen keinen Handel

treiben und ihnen europäische Produkte, namentlich Branntwein,

zuführen.

Doch, abgesehen von der Berührung mit uns, droht den Eskimos auch

die Gefahr, daß die Zahl der Seehunde in beunruhigendem Grade

abnimmt. Dies rührt nicht von dem Fang her, den die Grönländer selber

treiben. Ihre Ausbeutung verschwindet gegen die Hunderttausende von

neugeborenen Jungen, welche europäische und amerikanische Robbenjäger

alljährlich auf dem Treibeis bei Newfoundland erschlagen. Auch hier

also schädigt die weiße Rasse den Eskimo. Doch selbst, wenn er dies

wüßte, kann er es nicht hindern, denn seine Stimme reicht nicht

weit. Und doch ist es eine Jagd, ohne die unsere Gesellschaft sehr

gut bestehen könnte, für ihn aber ist der Seehund -- das Leben! So

ist denn dieses liebenswürdige Volk unvermeidlich dazu bestimmt,

entweder ganz unterzugehen oder zu einem Schatten dessen, was es einst

war, herabzusinken. Der Grönländer aber ist heiter und vielleicht

glücklicher, als die meisten von uns; er erkennt sein Unglück nicht und

haßt uns nicht, sondern ist freundlich zu uns und freut sich, wenn wir

zu ihm kommen.

Grönland war einst eine gute Einnahmequelle für den dänischen Staat.

Die Zeit ist vorbei. Jetzt kosten der königlich-grönländische Handel

und die Mission jährlich große Summen, und es wird noch immer schlimmer

werden. Kann man erwarten, daß der dänische Staat auf die Dauer das so

fortgehen läßt? Wäre es nicht richtiger und besser, wenn er beizeiten

seine abseits wohnenden Handelsleute zurückriefe, die einzelnen

Kolonien eingehen ließe und die Läden und Häuser den Eingeborenen

zur Verteilung überwiese? Ja, meiner Ansicht nach sollte man die

Warenbestände einpacken, sie und die Kaufleute an Bord der neun Schiffe

des grönländischen Handels bringen und mit allem heim nach Dänemark

segeln. Einmal wird es doch geschehen müssen, dann aber wird vielleicht

niemand mehr zurückbleiben, um Grönland zu bevölkern. Die erstarrte

Leblosigkeit des Binneneises wird sich hinziehn bis zum Meere, und

an den menschenleeren Ufern wird nur das wehmütige Flöten der Möven

noch zu hören sein. Die Sonne wird auf- und niedergehen und ihren

Strahlenglanz an ein verlassenes Land verschwenden. Nur vereinzelt

berührt dann ein fremdes Schiff die öden Küsten. -- -- -- Aber in den

langen Winternächten werden die Toten ihren glänzenden Reigen tanzen

über dem ewigen Todesschweigen ihres Schneelandes. -- --

[Illustration]

Fußnoten:

[1] Anmerkung des Verfassers: Die Eskimos nennen sich selber

+Inuit+ oder Mensch und rechnen alle anderen Völker zu den --

höher-organisierten -- Tieren.

[2] Anmerkung des Verfassers: Dort im Norden konnten sie den ganzen

Winter viele Walfische und Seehunde auf dem Eise fangen, und diese

Fangart müssen sie in noch höherem Norden, wo sie ihnen die wichtigste

war, erlernt haben.

[3] ~Gustav Storm~: Studien über die Winlandsfahrer u. s. w. Jahrbücher

für nordische Altertumskunde und Geschichte. 1887. Kopenhagen 1888.

Sonderabdruck, Seite 56.

[4] Anm. d. Verf.: Man hat aus der ~Floamanna~sage schließen wollen,

daß Thorgils Orrabeinfostre schon um das Jahr 1000 Eskimos auf der

Südostküste getroffen, indem man annimmt, die in dieser Sage erwähnten

»Koboldweiber« könnten nur Eskimos gewesen sein. Allein schon Professor

Storm hat in seinen »Studien über die Winlandsfahrer« auf Seite 56

darauf aufmerksam gemacht, daß der abenteuerliche Charakter dieser

Sage einen solchen Schluß nicht erlaubt. Es muß auch daran erinnert

werden, daß die Handschrift erst von etwa 1400 datiert, also lange nach

der Zeit, da die Norweger auf der Westküste Eskimos trafen. Wenn sich

die »Koboldweiber« also wirklich auf die Eskimos beziehen, was sehr

zweifelhaft ist, so kann dies auch eine spätere Hinzudichtung sein.

[5] ~H. E. Saabye~: Bruchstücke eines Tagebuches, geführt in Grönland

in den Jahren 1770-1778. Odense 1816. Seite 136.

[6] ~Holm~: Mitteilungen über Grönland. Band 10, Seite 58. Kopenhagen

1889.

[7] Anm.: Die Nordwestindianer und die Tschuktschen -- ja, ich glaube,

auch die Korjaken und Kamtschadkadalen -- bedienen sich übrigens

derselben Harpune mit Leine und großer Blase zur Jagd auf Seetiere

und schleudern sie vom Vordersteven ihrer großen offenen Kanoes oder

Fellboote aus. Wahrscheinlich aber haben sie den Gebrauch dieser Waffe

erst von den Eskimos erlernt.

[8] Anm. In Nordgrönland giebt es noch eine dritte und größere

Harpunenart, die zum Walroßfange gebraucht und ohne Wurfholz

geschleudert wird; sie hat dafür zwei beinerne Knöpfe (+~tikagut~+),

einen für den Daumen und einen für den Zeigefinger.

[9] Ueber die verschiedenen Formen des Wurfholzes bei den Eskimos,

siehe ~Masons~ diesbezügliche Abhandlung im +Annual Report etc. of

Smithsonian Institution for 1884+, Teil +II+, Seite 279.

[10] An einigen Orten, z. B. im südlichsten Grönland und auf der

Ostküste, hat das Wurfholz nur eine Vertiefung für den Daumen, während

die andere Seite glatt oder mit einem Knochenstücke beschlagen ist, in

welchem sich kleine Rillen befinden, damit die Hand nicht herabgleite.

[11] Siehe hierüber unter anderem schon die alten Verfasser ~Cook~ und

~King~: +A Voyage to the Pacific Ocean etc., third edition+, London

1785, Band +II+, Seite 513.

[12] Merkwürdig ist, daß die Bewohner der Sankt Lorenzinsel den Kajak

garnicht zu kennen scheinen. Sie haben große, offene Fellboote,

~Baldaren~, von gleicher Bauart wie die Boote der Tschuktschen.

Vergleiche ~Nordenskiöld~, Die Reise der Vega um Asien und Europa,

Christiania 1881, zweiter Teil, Seite 249.

[13] Dadurch, daß das Ruder soweit wie möglich seitwärts geführt wird,

bis es schließlich quer auf dem Kajak steht, kommt es in eine etwas

schräge Lage, wodurch das Ruderblatt bei der Bewegung das Wasser

niederdrückt, also emportreibende Kraft erhält.

[14] Dies ist das ausgewachsene Männchen der Klappmütze. Er hat über

der Schnauze eine Haut, die er zu erstaunlicher Größe aufblasen kann.

[15] Wenn ein Seehund gefangen wird, erhalten die in der Nähe

befindlichen Kajakmänner jeder ein Stück frischen Speckes von dem Tiere

und verzehren es gewöhnlich gleich.

[16] Anmerkung: Diese Erzählung ist von Dr. H. Rink übersetzt und mit

mehreren anderen in seinem Buche »Die Grönländer, ihre Zukunft u. s.

w.« (Kopenhagen 1882) abgedruckt.

[17] Anm.: Wenn sie sahen, wie unsere liederlichen Matrosen sich

zankten und prügelten, fanden sie solches unmenschlich und sagten:

die halten einander nicht für Menschen. Desgleichen wenn einer der

Offiziere seine Leute schlug, hieß es gleich: Er behandelt seine

Mitmenschen wie Hunde u. s. w.

[18] ~Paul Egede~: Berichte aus Grönland, Seite 36.

[19] ~Dalager~: »Grönländische Berichte.« 1752. Kopenhagen.

Seite 15-16.

[20] Hierzu kommen jedoch auch die Hunde und für die nördlicher

Wohnenden und die Ostgrönländer die Hundeschlitten.

[21] Jagen mehrere zusammen, so entscheiden auch bestimmte Regeln

darüber, wem das erlegte Wild gehört. Schießen zwei oder mehrere auf

ein Renntier, so gehört es dem, der es zuerst getroffen, auch wenn er

es nur unbedeutend verwundet hat. Ueber die Seehundsjagdvorschriften

sagt ~Dalager~: »Trifft ein Grönländer mit seinen leichten Pfeilen

einen Seehund oder sonst ein Seetier und dieses stirbt nicht, sondern

läuft mit dem Pfeile fort, so gehört es ihm, auch wenn ein anderer es

nachher mit seinen Pfeilen tötet; doch hat er sich der gewöhnlichen

Harpune bedient und reißt die Leine und ein anderer kommt und trifft,

dann hat der erste sein Recht verloren; werfen aber beide zugleich und

treffen beide Harpunen, so wird das Tier mit Haut und allem der Länge

nach geteilt.« -- »Treffen zwei zugleich einen Vogel, so wird dieser

der Quere nach geteilt.« -- »Findet einer einen toten Seehund mit einer

Harpune im Leibe, so erhält der Eigentümer, falls er in der Gegend

bekannt ist, seine Harpune wieder, der Finder aber behält den Seehund.«

Aehnliche Regeln scheinen auch auf der Ostküste zu gelten.

[22] Wie schon erwähnt, handelt es sich gewöhnlich um Klappmützenfelle,

doch werden auch Felle vom Blauseehund, ja ausnahmsweise auch vom

Ringseehund, dem fleckigen Seehund oder dem gewöhnlichen Fjordseehund

(+Phoca vitulina+) genommen.

[23] Zum Nähen der Kleider und der Bootsfelle nimmt man Walfisch-,

Seehund- oder Renntiersehnen. Die Sehnen werden einfach getrocknet.

Zum Nähen der Wasserpelze, Fausthandschuhe und Kamiker verwendet man

außerdem noch die Luftröhre des Grönlandsseehundes, des fleckigen

Seehundes, der Klappmütze, des kleinen, gesprenkelten Seehundes und der

Scharbe. Die äußere Schicht der Luftröhre wird in frischem Zustande

abgezogen und dann auf einen dazu geschnittenen runden Stock, der

eingefettet ist, damit sie besser gleitet, aufgestreift. Unterdessen

wird auch die Innenseite mit einer Muschel reingeschabt. Wenn sie auf

dem Stocke trocken geworden ist, schneidet man sie der Länge nach in

ganz schmale Streifen. Der Faden, den man auf diese Weise erhält, hat

vor dem Sehnenfaden den Vorzug, daß er sich nicht dehnt, wenn er in

Wasser kommt.

[24] Siehe ~Holm~: Mitteilungen über Grönland. Band 10. Seite 94.

[25] Es kam bisweilen auch vor, daß er andere beauftragte, dies für ihn

zu thun; es sollte jedoch immer in Form einer Ueberrumpelung oder eines

Raubes geschehen.

[26] ~Graah~: »Untersuchungsreise nach der Ostküste von Grönland.«

Kopenhagen 1832. Seite 145-148.

[27] Siehe ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland«. Band 10, Seite 96.

[28] Siehe ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland.« Band 10, Seite 103.

[29] ~Dalager~ erwähnt, daß seinerzeit auf der Westküste kaum der

zwanzigste Teil der Grönländer zwei Frauen, sehr selten drei und nur

ausnahmsweise vier gehabt, doch habe er einen Mann, der elf Weiber

hatte, gekannt. Grönländische Berichte, Seite 9.

[30] ~Dalager~: Grönländische Berichte, Seite 9.

[31] Die Ansiedler am Graedesjord gehören zur Herrnhutergemeinde.

[32] Dies ist eine Art Ting oder Versammlung, welche hauptsächlich aus

Abgesandten von den verschiedenen Orten eines Distriktes besteht.

[33] ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland.« Band 10. Seite 96.

[34] Holm: »Mitteilungen über Grönland.« Band 10. Seite 102.

[35] ~Graah~: »Untersuchungsreise« u. s. w. Seite 141.

[36] Vergleiche ~Paul Egede~: Berichte aus Grönland, Seite 107 und

Holm: »Mitteilungen über Grönland«, Band 10, Seite 91.

[37] Obwohl sie, wie gesagt, auf die Geburt von Töchtern keinen

sonderlichen Wert legen, kommt doch das bei so vielen Naturvölkern

gebräuchliche Ermorden der Säuglinge weiblichen Geschlechtes bei ihnen

nicht vor.

[38] Wie Seite 22 erwähnt, tragen Unverheiratete, die Kinder haben,

eine grüne Haarbinde.

[39] Ein Grund hierzu ist auch die natürliche Geschlechtswahl, da die

Mischlinge jetzt zum Teil für schöner als die reinen Eskimos gelten und

daher beim Heiraten häufig vorgezogen werden.

[40] Siehe ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland«. Heft 10, Seite 100.

[41] Paul Egede war jahrelang Prediger in Grönland, dann aber (1756)

nach Kopenhagen gezogen.

[42] Pauina oder Pauia wurde Paul Egede unter den Grönländern genannt,

es ist eine Verstümmelung von Paul.

[43] Es wären also die Holländer und die Engländer.

[44] Also Amerika.

[45] Den wichtigsten Beitrag zur Kunde ihres ursprünglichen Zustandes

finden wir in Kapitän ~Holms~ bedeutungsvollem Bericht über die Eskimos

in Angmagsalik. »Mitteilungen a. Gr.« Heft 10, Seite 148 ff. und

Bilder.

[46] ~Paul Egede~: »Grönländische Berichte«, Seite 73.

[47] Beim Kap Farvel.

[48] ~Ipak~, ein meistens viereckiges Brett am Pritschenrande, ist für

die Thranlampe bestimmt, die, wie erwähnt, auf einem Holzschemel steht.

[49] Unter den vom Handel in Grönland eingeführten Luxusgegenständen

giebt es auch billige Baseler und Nürnberger Uhren, die man heute an

den entlegensten Orten des Landes antrifft.

[50] In den echten Eskimohütten sitzt es sehr tief.

[51] Ueber die Beschaffenheit der Seele siehe auch ~Paul Egede~:

»Grönländische Berichte«, Seite 149, und ~Cranz~: »Geschichte von

Grönland«, Seite 258.

[52] ~Paul Egede~ sagt in den »Grönländischen Berichten«. Seite

126, ausdrücklich, daß die Eingeborenen keinen unterschied zwischen

~+tarrak+~ und ~+tarnek+~ (~+tarnik+~) kennen, und er gebraucht

abwechselnd beide Worte. Siehe auch dasselbe Buch. Seite 92.

[53] »Geschichte von Grönland«, Seite 257.

[54] Siehe ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland,« Heft 10, Seite 112.

[55] Dieselbe Anschauung findet man auch überall auf der Westküste

(siehe »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, Seite 342), dort aber

scheint es sich nur um die Seele des Verstorbenen zu handeln. Der

Unterschied zwischen Namen und Seele kann also bei den verschiedenen

Stämmen nicht scharf entwickelt sein.

[56] Siehe auch ~Liebrecht~: »Zur Volkskunde«, Seite 311.

[57] ~Klemm~: »Kulturgeschichte«, +III+, Seite 77; ~Tylor~: »+Primitive

Culture+« (1873), II, Seite 4; »Antiquarische Zeitschrift«, 1861-63,

Seite 118.

[58] Die Exogamie zwischen zwei Personen gleichen Familiennamens, die

wir bei vielen Völkern finden (siehe Seite 145 ff.), scheint mir auf

diese Weise leicht erklärlich, indem derselbe Name eine nahe geistige

Verwandtschaft erzeugt, die ebenso wie nahe Blutsverwandtschaft als

Ehehindernis gilt.

[59] Siehe ~Holm~, a. a. O. a., Seite 111, wo Beispiele derartiger

Umänderungen angeführt sind. ~Holm~ sagt: »Die alten Namen werden

wieder aufgenommen, sowie der Tote ganz in Vergessenheit geraten ist.«

Mir erscheint es natürlicher, daß dies geschieht, sobald ein Kind nach

ihm benannt worden ist.

[60] ~Nyrop~: »Kleinere Abhandlungen«, herausgegeben von der

phil.-hist. Gesellschaft, Kopenhagen, 1887, Seite 147-150.

[61] ~Nyrop~: Siehe oben, Seite 136-137.

[62] ~Liebrecht~: »+Academy+«, +III+ (1872), Seite 322.

[63] »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, Seite 113.

[64] Nach ~Schoolcroft~ in der »Antiquarischen Zeitschrift«, 1861 bis

1863, Seite 119 ff. Siehe auch ~Andrée~: »Ethnographische Parallelen

und Vergleiche«, Seite 180. ~Tylor~: »+Early history of mankind+«,

Seite 142.

[65] Unsere Vorfahren kannten diesen Brauch ebenfalls. »Sigurd

verheimlichte seinen Namen, weil es in alten Zeiten der Glaube unseres

Volkes war, daß das Wort eines Sterbenden große Macht habe, wenn er den

Namen seines Feindes verwünsche.« ~Saemundar Edda~, Ausgabe von ~Sophus

Bugge~, Seite 219.

[66] Nach Mitteilung von Professor ~Moltke Moe~.

[67] Wie Name und Gegenstand verschmelzen, geht u. a. aus dem

schwäbischen brauche hervor, die »Namen von drei zänkischen Weibern« in

den Wein zu werfen, wenn er guter Essig werden soll.

[68] Vergleiche ~Nansen~: »Auf Schneeschuhen durch Grönland«,

Seite 301.

[69] Ueber die Bedeutung des Namens und seiner Nennung bei den

verschiedenen Völkern vergleiche Kristoffer ~Nyrops~ ausführliche

Abhandlung »Die Macht des Namens« in den »kleineren Abhandlungen«,

herausgegeben von der phil.-histor. Gesellschaft, Kopenhagen, 1887,

Seite 119-209. Siehe auch B. ~Gröndahl~ in den »Annalen nordischer

Altertumskunde«, 1863, Seite 127 ff.; ~Moltke Moe~ in »Letterstedts

Zeitschrift«, 1879, Seite 286 ff.; S. ~Grundtvig~: »Dänemarks alte

Volkslieder«, +II+, Seite 339 ff.; H. ~Spencer~ »+Principles of

Sociology+«, +IV.+ Teil, Seite 701.

[70] Vergleiche ~Rink~: »Jahrbuch für nordische Altertumskunde und

Geschichte«, 1868, +III+, Seite 202.

[71] Vergl. Paul Egede: »Grönländische Berichte«, Seite 149.

[72] Holm: »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, Seite 113.

[73] Mir von Moltke Moe mitgeteilt.

[74] Siehe hierüber auch Paul Egede: »Grönländische Berichte«, Seite

117. Nach der Aussage einiger sollten Hexen und »böse Leute« in die

Oberwelt kommen.

[75] Mitgeteilt von Moltke Moe. Vergleiche auch J. Flood: »Grönland«,

Christiania, 1873, Seite 10, Anmerkung. Aehnliche Vorstellungen soll

man in Bayern und auf den Marquesa-Inseln finden. (Vergl. Liebrecht,

»+The Academy+«, +III+ [1872], Seite 321.)

[76] P. Egede: »Grönländische Berichte«, S. 109. Siehe auch H. Egede:

»Die neue Perlustration Altgrönlands«, S. 84. Cranz: »Geschichte von

Grönland«, S. 301.

[77] »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, S. 106, Anmerkung.

[78] Tylor: »+Primitive Culture+« (1873) I, S. 472.

[79] Die Vorstellung vom zweiten Tode oder vom Tode der Seele findet

sich bei vielen Völkern: den Hindus, Tartaren, Griechen, Kelten,

Franzosen, Skandinaviern, Germanen u. a.

[80] ~Tylor~: »+Primitive Culture+«, +II+, Seite 44 ff.

[81] ~Knortz~: »Aus dem Wigwam« Leipzig, 1880, Seite 133 mit Seite 142

verglichen. Moltke Moe hat mich hierauf aufmerksam gemacht.

[82] Interessant ist, daß ein Wesen, gleich diesem von der Ostküste,

mit langen Fangarmen u. s. w. auch bei den Alaska-Eskimos vorzukommen

scheint. Siehe Holm, »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, S. 115,

Anm. 1.

[83] ~Tartok~ bedeutet eigentlich dunkel. Bei den Eskimos im südlichen

Alaska bedeutet dasselbe Wort (+~taituk~+) Nebel. In Ostgrönland

bedeutet +~târtek~+ schwarz. (Vergl. Rink, »Mitteilungen über

Grönland«, Heft 11, S. 152.)

[84] Rink: »Sagen und Märchen der Eskimos«, Suppl., S. 187. In

Schottland heißt Ohrenklingen »Totenglocken« und bedeutet den Tod eines

Freundes (+Hogg Monutain Bard+, dritte Ausgabe, S. 31.)

[85] Dritte Folge u. s. w., S. 74.

[86] Auf der Ostküste wird jedoch, nach Holm (Mitteilungen über

Grönland, Heft 10, Seite 105) die Leiche auch mittelst eines ihr

um die Beine gebundenen Riemens von Seehundsleder aus dem Hausgang

hinausgeschleift. Mir scheint, als hätte in diesem Falle die Furcht

vor der Berührung der Leiche über die Furcht vor dem Hinausbringen

eines Toten aus dem Gange gesiegt. Würde sie durch das Fenster

hinausbefördert, so müßte sie ja angefaßt werden. Dadurch, daß die

Beine vorangeschleift werden und also nach außen zeigen, will man wohl

das Wiederkehren der Seele verhindern.

[87] Von Moltke Moe mitgeteilt. Vergleiche auch Liebrecht: »Zur

Volkskunde«, Seite 372 ff.

[88] Grönlands historische Denkzeichen. +III+, Seite 639.

[89] Siehe Moltke Moes Bericht an die Neuen Universitäts- und

Schulannalen, 1880 (Separatabdruck, Seite 2), und die dort angeführten

Werke.

[90] Holm: »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, Seite 107.

[91] H. Egede: »Des alten Grönlands neue Perlustration«, Seite 83.

[92] Siehe P. A. Gödeckes Uebersetzung der +Edda+, Seite 170 und die

Anmerkung, Seite 355. Moltke Moe hat mich auf diese Uebereinstimmung

aufmerksam gemacht.

[93] ~Paul Egede~: »Fortsetzung der Erzählungen u. s. w.«, Seite 45

ff.; ~Hans Egede~: »Grönlands neue Perl«, Seite 118 ff.; ~Rink~:

»Märchen und Sagen der Esk.«, Suppl., S. 183 ff.

[94] Bei den Dakotah-Indianern ist auf dem Wege nach Wanaratebe

ein Rad, das mit fürchterlicher Schnelligkeit über den Boden des

Abgrundes, der am Fuße des auf Seite 210 erwähnten scharfen Bergkammes

liegt, hinrollt. An dieses Rad werden alle gebunden, die ihre Eltern

verächtlich behandelt haben. Siehe ~Liebrecht~: »+Gervatius otia

imperialia+« (1856), Seite 91, Anmerk. 2.

[95] Mir von ~Moltke Moe~ mitgeteilt.

[96] Siehe ~Sophus Bugge~: »Mythologische Erläuterungen zum

Draumekvaedi«, in der Norwegischen Zeitschrift für Litteratur und

Wissenschaft, 1854-55, Seite 108-111; ~Grimm~: »Mythologie«, Seite 794;

~Liebrecht~: »+Gervasius otia imperalia+«, Seite 90 ff.; vergl. auch H.

~Hübschmann~: »Die parsische Lehre vom Jenseits und jüngsten Gericht«,

Jahrbücher für protestantische Theologie, V (Leipzig 1879), Seite 242.

[97] Mitgeteilt von ~Moltke Moe~. Vergl. auch H. ~Hübschmann~, siehe

oben, Seite 216, 218, 220 und 222.

[98] Tylor »Prim. Cult.« II, S. 50. Vergl. auch den Glauben der

Indianer an den messerscharfen Bergkamm. (Siehe S. 210, Anm.) Eine

Möglichkeit ist ja vorhanden, daß die Indianer diese Idee von den

Eskimos oder noch wahrscheinlicher von den Europäern nach der

Entdeckung Amerikas bekommen haben.

[99] Siehe Bugge, a. a. O. a., Seite 114.

[100] Tylor, siehe oben, Seite 50; vergl. Knortz: »Aus dem Wigwam«, S.

142.

[101] Von Moltke Moe nach seinen ungedruckten Märchenaufzeichnungen

mitgeteilt. Siehe auch eine Aufzeichnung aus Flatdal im Fedraheim

1887, Nr. 18; eine aus Hardanger (abgeschwächt) in Haukenaes, »Natur,

Volksleben und Volksglaube in Hardanger«, +II+, 233. Dänische Varianten

in Kl. Berntsen »Volksmärchen« +I+ (Odense 1873), 116; Et. Kristensen

»Jütische Volkserinnerungen«, +V+, Seite 271.

[102] Rink »Berichte: über Grönland«, Heft 11, Seite 7. Vergl. Boas:

Petermanns Mitteilungen, 1887, Seite 303; Rink und Boas: »+Eskimo tales

and songs+« im +Journal of American Folk-Lore+ (1889 ?), Seite 127.

[103] Anm. über Crantzens Geschichte von Grönland (von Glahn),

(Kopenhagen 1771), Seite 384 ff. ~Rink~: »Märchen u. Sagen der Esk.«,

S. 87, 166; Suppl., S. 44.

[104] Mitgeteilt von Moltke Moe.

[105] +I+, 551, 553.

[106] ~Rink~: »Märchen und Sagen der Eskimos«, Seite 87.

[107] Vergl. Sophus Bugge, a. a. O. a., Seite 115 ff.

[108] Nach einer Aufzeichnung von Moltke Moe.

[109] ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, Seite 144.

[110] Vergleiche ~Knortz~: »Aus dem Wigwam«, Seite 130 ff. H. de

Charencey (Mélusine +I+, Seite 225) erwähnt (nach Malthaeus »+Hidatsa

grammar+«, 1873, Einleitung Seite +XVII+), daß die Vorfahren der

Minetarier (Stamm in den Missouriländern) auf dem Grunde eines großen

Sees lebten und mittelst eines großen Baumes auf die Erde gelangten.

Der Baum stürzte aber um, sodaß viele unten bleiben mußten. (Nach einem

noch ungedruckten Manuskripte von ~Moltke Moe~.) Dies erinnert beinahe

noch mehr an die unter der See lebenden Ignerssuit.

[111] Siehe J. ~Krohn~: »Finnische Litteraturgeschichte«, Teil

+I+, Kalevala (1891), Seite 165 ff. Moltke Moe hat mich auf diese

Aehnlichkeit aufmerksam gemacht und mir sein Manuskript einer noch

ungedruckten Abhandlung über ähnliche Sagen geliehen. Meist sind in

diesen Himmel und Erde durch einen großen Baum verbunden, an dem die

Menschen hinauf- und hinabklettern oder dergl. Der Mythus eines solchen

Himmelsbaumes kommt fast auf der ganzen Erde vor. Wir finden ihn bei

uns (+Ygdrasil+), in Polynesien, auf Celebes, Borneo, Neuseeland u. s.

w. Bei den Vogulen verwandelt sich der Sohn der beiden ersten Menschen

in ein Eichhorn, klettert an einem Baume in den Himmel und später

wieder herab (vergl. A. ~Lang~ »+Myth, Ritual and Religion+« [1887], I,

Seite 182, Anmerkung 2); bei den Indianern klettert der erste Mensch

einem Eichhorn nach auf einen Baum und gelangt in den Himmel, aus dem

er herabkommt, um Kultur zu bringen oder um seine Schwester zu holen

(vergl. ~Tylor~: +»Early History of Mankind« second edition+, Seite

349 ff.). Die Zigeuner an den Grenzen Siebenbürgens sprechen in ihrer

Schöpfungssage u. a. von einem großen Baum, von dem Fleisch auf die

Erde fiel und aus dessen Blättern die Menschen entstanden, (vergl. H.

v. ~Wlislocki~: »Märchen und Sagen der transsylvanischen Zigeuner«, Nr.

1). Der Zusammenhang der grönländischen Vorstellung mit diesen Mythen

ist wahrscheinlich; daß der Baum bei den Eskimos verschwunden ist, ist

ja ganz natürlich.

[112] Vergl. A. ~Lang~: »+Myth, Ritual and Religion+« +I+, Seite 181.

[113] Vergl. J. Krohn, a. a. O. a., Seite 163-173.

[114] Von ~Moltke Moe~ mitgeteilt. Andere erzählen, daß Eva die

unartigen Kinder versteckte oder daß sie sich schämte, so viele zu

haben. -- Siehe ~Faye~: »Norwegische Volkssagen«, 2. Ausgabe, Seite

+XXV+; ~Söegaard~: »Aus den Bergen«, Seite 102; den »Thalbewohner«,

1862, +III+, Nr. 17; ~Storaker~ und ~Fuglestvedt~: »Volkssagen aus den

Aemtern Lister und Mandal«, Seite 51; ~Finn Magnusen~: »Die Eddalehre«,

+III+, Seite 329; ~Grimm~: »Deutsche Myth.«, 4. Ausgabe, +III+, Seite

168 u. s. w. -- Die Sage ist ursprünglich jüdisch und stammt von den

Rabbinern (siehe z. B. ~Liebrecht~ über +Gervasius Tolburoensis Otia

imperialia+, Seite 70 ff.).

[115] ~Paul Egede~ giebt vom Untergange der Ignerssuit als Menschen

eine andere Erklärung. Sie »haben auf der Erde gewohnt, bevor die große

Flut die Welt überschwemmte, und als die Erde bei der Flut kenterte,

kam alles das, was bisher nach oben gekehrt gewesen war, nach unten«.

Fortsetzung der »Erzählungen«, Seite 96.

[116] Dies erinnert ja an unsern norwegischen ~Drang~, der in einem

halben Boote segelt, und eine Beeinflussung, vielleicht durch die alten

Nordländer, scheint nicht unmöglich.

[117] ~Paul Egede~: »Grönländische Berichte«, S. 172.

[118] Da die Sage von Hundemenschen weit über die Erde verbreitet ist

(wir finden sie auch bei den Griechen), können die Eskimos sie aber

auch anderswoher bekommen und dann auf die Indianer angewandt haben,

die, wie sie wußten, von einem Hunde abstammen wollten.

[119] Vergl. ~Tobler~: »Ueber sagenhafte Völker des Altertums u. s. w.«

in der Zeitschrift der Völkerpsychologie, Band 18 (1888), S. 225 ff.

[120] Siehe ~Hammer~: »Grönländische Nachrichten«, H. 8, S. 22 ff.; E.

~Skram~ im »Zuschauer«, Oktober 1885, Seite 735 ff. Ueber die Kivitut

siehe auch ~Rink~: »Märchen und Sagen der Eskimos« Supplementband.

[121] Siehe ~Arnasen~: »+Jslenzkar pjódsogur+« +II+, Seite 160-304;

~Maurer~: »Isländische Volkssagen«, S. 240 ff.; ~Carl Andersen~:

»Isländische Volkssagen«, 2. Ausgabe, Seite 258 ff.

[122] ~Paul Egede~: »Grönländische Berichte«, Seite 172 ff.; ~Tylor~:

»+Primitive Culture+«, +I+, Seite 391; ~Tobler~, a. a. O. a., Seite

238; ~Liebrecht~: »+The Academy+«, Seite 321.

[123] ~Paul Egede~: »Fortsetzung der Erzählungen«, Seite 92; ~Hans

Egede~: »Grönl. Perlustration«, Seite 117.

[124] Vergleiche ~Liebrecht~: »Zur Volkskunde«, Seite 332 und die dort

angeführten Stellen. Siehe auch ~Moltke Moe~ in der Letterstedtschen

Zeitschrift 1879, Seite 277 und 81. Moltke Moe hat mich auf die

Ähnlichkeit aufmerksam gemacht.

[125] Hans ~Egede~: »Grönl. Perlustration«, Seite 117; Paul ~Egede~:

»Fortsetzung der Erzählungen«, Seite 47; ~Rink~: »Märchen und Sagen der

Eskimos«, Seite 90, »Suppl.«, Seite 150; »Mitteilungen über Grönland«,

Heft 10, Seite 290 und 342.

[126] ~Rink~ und ~Boas~: »+Journal of American Folk-Lore+«, (1888?),

Seite 124 ff.

[127] F. ~Liebrecht~: »Zur Volkskunde«, 1879, Seite 17-25; J. C.

~Müller~: »Geschichte der amerikanischen Urreligionen«, Seite 134 und

165. Moltke ~Moe~ hat mich hierauf aufmerksam gemacht.

[128] P. ~Egede~: »Fortsetz. d. Erzähl.«, Seite 32 u. 80; »Grönl.

Berichte«, Seite 127 u. 106; H. ~Egede~: »Grönl. Perl.«, Seite 117.

[129] ~Tylor~: »+Primitive Culture+« +I+, Seite 355; A. ~Lang~:

»Mythologie«, Paris 1886, Seite 204 u. 204; ~Smith~: »+Inst. aunual

Report of the Bur. of Ethnology+« 1879-80, Seite 45. Sollte dies von

Tag und Nacht in der grönländischen Form eine direkte oder indirekte

Einwirkung der biblischen Schöpfungsgeschichte sein?

[130] Moltke ~Moe~ weist mich darauf hin.

[131] ~Christaller~ in der Zeitschrift für Afrikanische Sprachen, +I+

(1887 bis 1888), Seite 49-62. Vergl. auch +Dr.+ ~Bleek~: »Reinecke

Fuchs in Afrika« (Weimar 1870); ~Tylor~, a. a. O. a., Seite 355; A.

~Lang~, a. a. O. a., Seite 203.

[132] H. ~Egede~: »Grönl. Perl.«, Seite 117; ~Paul Egede~: »Fortsetzung

der Erzählungen«, Seite 20 und 60. Hinsichtlich des Waschens mit Urin,

das ich auf Seite 22 genauer besprochen habe, ist zu bemerken, daß

dies ein uralter Brauch zu sein scheint. Wir finden ihn schon in den

heiligen Büchern der Parsen erwähnt. So steht in der ~Vendidad~ 8, 13,

daß die Leichenträger sich »mit Urin, nicht von Männern oder Weibern,

sondern von kleinen Tieren oder Zugtieren« waschen sollen.

[133] P. ~Egede~: »Forts. d. Erzähl.«, S. 16 ff.; H. ~Egede~: »Grönl.

Perl.«, S. 121 ff.; ~Rinks~: »Sagen und Märchen der Eskimos«, S. 165

ff.; ~Holm~: »Mitteilungen über Grönl.«, Heft 10, S. 268.

[134] A. ~Lang~: »+Custom and Myth.+«, S. 132 ff.; ~Tylor~: »+Prim.

Cult.+«, +I+, S. 288 ff.

[135] Vergleiche ~Rink~: »Märchen und Abenteuer der Eskimos«, S. 87 und

166, Supplem. S. 44; ~Liebrecht~ in der »Germania«, Band 18 (1873), S.

365.

[136] ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, S. 142.

[137] Dieser Mythos gleicht dem grönländischen so auffallend, daß

die ursprüngliche Gleichheit wohl kaum bezweifelt werden kann. Bei

den Kasias ist es die größte Sünde, seine Schwiegermutter zu lieben,

während die Grönländer nichts Sündlicheres kennen, als sich in die

eigene Schwester zu verlieben.

[138] ~Tylor~: »+Prim. Cult.+«, Bd. I, S. 354 ff.; A. ~Lang~: »+Mythe,

Ritual and Religion+«, S. 128 ff.

[139] ~Paul Egede~: »Grönländische Nachrichten«, Seite 150 und 206.

[140] ~Holm~: »Geographische Zeitschrift« (Kopenhagen, 1891), +XI+,

Seite 16 ff. Die Anschauung, daß der Regen durch das Ueberfließen

des Sees in der Oberwelt entsteht, kann auch aus südlicheren

Gegenden stammen, wo Ackerbau und künstliche Bewässerung sich schon

entwickelt haben und die Gebirgsseen durch Dämme abgesperrt sind.

Die grönländische Mythe spricht auch von einem Damme, der den See

verschließt (vergl. ~Egede~ und ~Cranz~).

[141] Von ~Moltke Moe~ mitgeteilt. Siehe ~Schwartz~: »Die poetischen

Naturanschauungen«, +I+, Seite 138 und 259 ff., +II+, Seite 198;

~Schmidt~: »Das Volksleben der Neugriechen«, +I+, Seite 31;

Belgisch-Museum +V+, Seite 215; ~Ignaz Goldziher~: »Der Mythos bei den

Hebräern«, Seite 88 ff.

[142] Diese Vorschrift finden wir auch anderswo wieder, vergleiche

Christi vierzig Tage in der Wüste.

[143] ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, Seite 131.

[144] Die Angekoker konnten auch Männer oder Weiber sein, doch scheinen

unter ihnen die Frauen stets seltener gewesen zu sein.

[145] ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, S. 135 ff.;

~Rink~: »Märchen und Sagen der Eskimos«, S. 94 ff. und 136 ff.;

Supplem., S. 195 ff.; ~Nils Egede~: »Dritte Folge der Erzählungen«, S.

43 und 48; ~Paul Egede~: »Grönländische Berichte«, S. 218 und anderswo.

[146] Vergl. Carl ~Andersen~: »Isländische Volkssagen u. Märchen«,

zweite Ausgabe (1877), Seite 144-149. Es ist interessant, diese

isländischen Märchen mit dem zu vergleichen, was ~Holm~ aus Ostgrönland

mitteilt (»Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, Seite 303). Der Inhalt

ähnelt ihnen sehr, ist natürlich aber den grönländischen Verhältnissen

gemäß umgeändert. Aehnliche Märchen giebt es, nach Moltke ~Moe~, der

mich auf diese eigentümliche Übereinstimmung aufmerksam macht, auch in

Norwegen.

[147] ~Rink~: »Märchen und Sagen der Eskimos«, Supplementband, Seite 84

ff.

[148] Ein Kennzeichen der Ilisitsoker, wie auch der Angekoker, ist,

daß sie Feuer ausatmen. Das ist nach dem Glauben des Mittelalters und

später im europäischen Volksglauben ein Kennzeichen des Teufels. Er

verleiht diese Eigenschaft oft an seine Anhänger. Das grönländische

Feueratmen mag auf diesem europäischen Mittelalterglauben basieren.

Daneben sind die Ilisitsoker von den Händen bis an die Ellenbogen

schwarz, wenn die Angekoker sie bei ihren Geisterbeschwörungen

ertappen, was auch wohl in der europäischen Volksanschauung, daß der

Teufel und sein Heer schwarz sind, wurzeln könnte.

[149] H. ~Egede~: »Grönl. Perlustration«, Seite 116.

[150] Man braucht ihn, um das Ausströmen des Blutes aus der Wunde des

erlegten Seehundes aufzuhalten.

[151] Vergl. ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, Seite 118.

[152] Vergl. ~Holm~: »Mitteilungen über Grönland«, Heft 10, S. 119 ff.

[153] Märchen und Sagen der Eskimos. Supplementband, S. 194.

[154] Die Möglichkeit, daß solche Mythen an mehreren Stellen zugleich

erfunden sein könnten, ist bei dem größten Teile ausgeschlossen. Dazu

haben sie zu viele und zu charakteristische Uebereinstimmungspunkte.

Wir kennen freilich Beispiele, daß Stämme an verschiedenen Orten

unabhängig von einander dieselben Erfindungen machen, aber ihrer sind

nur wenige, und betrachten wir gewisse Geräte, Kulturpflanzen und

Handfertigkeiten, so ist es geradezu überraschend, wie diese sich über

große Teile der Erde verbreiten konnten. (Vergl. ~Peschel~: »Abhandlung

zur Erd- und Völkerkunde« [1877].)

[155] ~Glahn~: »Neue Sammlung der Schriften der Kgl. Norwegischen

Wissenschaftlichen Gesellschaft« +I+ (1784). S. 271; ~Rink~: »Märchen

und Sagen der Eskimos«, S. 76, 279, 370, Supplementband, S. 187;

~Kleinschmidt~: »Das grönländische Wörterbuch«, Seite 33.

[156] Siehe ~Moltke Moes~ Einleitung zu Quigstad und Sandberg:

»Lappländische Märchen und Volkssagen«, Seite 7; ~Najrop~: Kleinere

Abhandlungen, herausgegeben von der phil.-historischen Gesellschaft

(Kopenhagen, 1887), Seite 193 ff; ~Liebrecht~ »Zur Volkskunde«, S. 319.

~Moltke Moe~ macht mich aufmerksam auf diese Aehnlichkeit.

[157] Zugleich ist jedoch darauf aufmerksam zu machen, daß ähnliche

Vorstellungen auch anderswo vorkommen. Auf Tahiti ist Oromatus, der

mächtigste der Geister, ähnlichen Ursprungs, und bei den Polynesiern

gelten Kinderseelen allgemein für gefährlich. (Vergleiche F.

~Liebrecht~ in »+The Academy+«, III [1872], Seite 321.) Was mir

dafür zu sprechen scheint, daß die Grönländer ihren Angiak den

Norwegern verdanken, ist der Umstand, daß andere Eskimostämme diese

Vorstellung, soviel ich weiß, nicht kennen. Jedenfalls kann sie bei

ihnen nicht allgemein verbreitet sein. Selbst unter den Sagen, die

~Holm~ von der Ostküste mitgebracht hat, ist des Angiaks nicht gedacht.

Dagegen erzählt er mehrere, dem Anscheine nach ursprünglichere Sagen

von gewöhnlichen Kindern, die zu Ungeheuern werden. (Vergleiche

Mitteilungen über Grönland, Heft 10, Seite 287; ~Rink~: »Märchen

und Sagen der Eskimos«, S. 123, Supplementband, S. 125.) Eines

darunter, das auf der Ostküste das Kind des Mondes und einer Frau ist

(Mitteilungen über Grönland, Heft 10, S. 281), wird auf der Westküste

statt eines Ungeheuers ein Angiak (vergleiche ~Rink~: »Märchen und

Sagen der Eskimos«, Supplementband, S. 150), was wohl um so mehr

als spätere Umgestaltung gelten kann, als es auch auf der Westküste

Varietäten giebt, in denen der Angiak ein gewöhnliches Kind ist.

[158] Mir von ~Moltke Moe~ mitgeteilt.

[159] ~Rink~: »Märchen und Sagen der Eskimos«, S. 75 ff; Mitteilungen

über Grönland, Heft 10, S. 276.

[160] ~Rink~: »Märchen und Sagen der Eskimos«, Supplementband, Seite

119.

[161] ~Paul Egede~: »Fortsetzung der Erzählungen«, S. 19 ff.;

»Grönländische Berichte«, S. 55 ff.; ~Rink~: »Märchen und Sagen der

Eskimos«, S. 91, »Mitteilungen über Grönland«, Heft 11, Seite 20,

Supplement, S. 117.

[162] ~Castrén~: »Ethnologische Vorlesungen« (Helsingfors 1857), Seite

182.

[163] C. ~Andersen~: »Isländische Volkssagen« (1877), S. 205.

[164] Die Irokesen erzählen jedoch von sieben Knaben, die in Vögel

verwandelt werden und ihre Eltern verlassen. Ebenso von einem Jüngling,

der beim Fischen einige Knaben trifft, die ihre Flügel abgelegt

haben und sich im Schwimmen üben. Sie geben ihm auch Flügel, die ihn

befähigen, sie zu begleiten, nehmen ihm aber später die Flügel wieder

ab und lassen ihn hülflos zurück. (Vergleiche ~Rink~: »Mitteilungen

über Grönland«, Heft 11, S. 21.)

[165] Man hat bisher gemeint, daß bei den Grönländern Spuren

jenes Verkehrs nur in den in Kapitel I erwähnten Sagen von dem

Zusammentreffen mit den alten Nordländern und in folgenden drei Worten

»+~nîsa~+ für +nise+ (Meerschwein), +~kuánek~+ für +kvanne+ (Engelwurz)

und +~kakâlek~+ für Grönländer« zu finden seien. Daß +~nîsa~+ dasselbe

Wort ist wie +nise+ (oder altnorwegisch +nisa+) ist begreiflich,

wie auch anzunehmen ist, daß +~kuánek~+ mit +kvanne+ identisch ist.

Gegen letzteres kann aber vielleicht sprechen, daß auf Labrador eine

eßbare Tangart ~+kuánek+~ heißt. +Kalâlek+ hat man für das norwegische

+Skraelling+ (Scheusal) gehalten, womit unsere Vorfahren die Eskimos

bezeichneten und das, von Eskimolippen gesprochen, jenem sehr ähnlich

klingen würde. Etwas wunderbar ist es aber, daß wir dasselbe Wort

bei den Alaska-Eskimos als ~+katlalik+~ oder ~+kallaaluch+~ in der

Bedeutung von Angekok oder »Häuptling« finden (~Rink~: »Mitt. ü.

Grönl.«, Heft 11, Suppl., S. 94, Märchen u. s. w., Suppl., S. 200). Es

ist jedoch möglich, daß dieses Wort später von Grönland dorthin gelangt

ist. Was mir noch als eine Erinnerung an die alten Norweger erscheinen

könnte, ist vielleicht der Kreuzbogen oder Flitzbogen, den Holm auf der

Ostküste fand und der früher auch auf der Westküste vorkam. Soweit mir

bekannt, haben die Indianer diese Bogenart nicht.

[166] Die Missionsthätigkeit in Grönland, das dazumal norwegisches

Kronland war, begann 1721 mit Hans Egede, auf dessen Veranlassung in

Bergen eine kombinierte Handels- und Missionsgesellschaft gebildet

wurde. Später wurde diese Mission von der dänisch-norwegischen

Regierung übernommen und nach der Trennung beider Reiche im Jahre 1814,

bei der Dänemark die norwegischen Länder Grönland, Island und die

Färöer behielt, von der dänischen Krone fortgesetzt. Zehn Jahre nach

Egedes Ankunft sandte Graf Zinzendorf, der von der Mission dort gehört

hatte, auch drei Mährische Brüder hin. Die drei verschafften sich

eine kleine Gemeinde, und auch diese deutsche oder Herrnhutermission

ist seitdem fortgesetzt worden. Sie besitzt jetzt einige Stationen

im Bezirke Godthaab und ein paar im südlichsten Teil des Landes.

Die Herrnhutergemeinden zeichnen sich, nach meiner Auffassung,

hauptsächlich dadurch aus, daß bei ihnen noch mehr Entartung und Elend

anzutreffen ist als bei den anderen Eskimos.

[167] Vergl. ~Paul Egede~: »Grönländische Berichte«, Seite 117 und 162.

[168] ~Niels Egede~: »Dritte Folge der Relationen«, S. 32. u. 45.

[169] ~Paul Egede~: »Grönländische Berichte«, S. 221.

[170] Uebersetzt von Frau Signe Rink.

[171] ~Paul Egede~ »Grönländische Berichte«, Seite 21 ff., vergl. auch

Seite 25.

[172] Daß ein Mann ein Frauenboot besitzt, was früher allgemein der

Fall war, gilt jetzt als ein entscheidender Beweis für die Tüchtigkeit

und den Wohlstand des Besitzers, da er ja viele Seehunde fangen muß, um

Felle genug für ein solches Boot zu haben. (Vergl. überdies S. 71 ff.)

[173] Zu dem großen Verfalle haben an diesem Orte aber auch weitere

Umstände, wie der Fortzug guter Fänger, beigetragen.

[174] U. a. dadurch, daß ihre Kleidung jetzt schlechter ist, daß sie

das ganze Jahr hindurch in ihren feuchten, ungesunden Häusern, wo die

Ansteckungskeime den vorzüglichsten Nährboden finden, leben müssen, daß

sie europäische Kost haben u. s. w.

[175] Merkwürdig ist, daß die Grönländer zum großen Teile frei

geblieben sind von Syphilis -- bekanntlich eine unserer ersten Gaben an

die Naturvölker, die wir uns zum Opfer unserer Kulturarbeit ausersehen.

Sie ist dort oben nur an einer Stelle zu finden, nämlich in ~Arsuk~,

in Südgrönland, wo man die Krankheit zu isolieren sucht. Hierzu ist es

erst in den letzten Jahren gekommen. Doch, wie ich erfahre, hat sie

um sich gegriffen, und es ist leider Aussicht vorhanden, daß sie sich

ausbreite und die ganze Bevölkerung auch auf diese Weise verseuchen

wird.

[176] Während dies gedruckt werden soll, erscheint ein Buch von

Gejerstam »Der Kulturkampf in Herjedalen«, in dem hervorgehoben wird,

daß unser Schulunterricht auch den Rentierlappen zum Verderben geworden

ist, indem er ihr Interesse für ihren Lebensberuf verringerte.

[177] Uebersetzt im »+Morgenbladet+«, Nr. 636 (17. Okt. 1891).

Eskimoleben · 第 21 / 21 题