Nein, sie hatte keine Sorgen. Sie hatte -- alles. -- --

* * * * *

Im Herbst danach kam wieder ein Brief von Ludwig. Christianens Blicke

flogen jäh darüber hin und suchten hungrig im voraus den heimlichen

Gruß, das heimliche Gedenken, ehe sie alles Tatsächliche erfaßten. Und

dann wurde ihr das klar.

Ludwig war in acht Tagen in Berlin, grade zurzeit ihrer Herbstferien.

Ob sie ihre Reise zur Mutter nicht über Berlin richten und mit ihm dort

zusammentreffen wollte?

Christiane hatte gar nicht zur Mutter fahren wollen, denn die vermißte

sie kaum. Deren Sinn stand allein nach Hardi und war durch der Jüngsten

Schicksal vollkommen ausgefüllt. Zudem hatte sie jetzt eine kleine Pension

gegründet und dadurch eine neue Art Lebensinhalt.

Christiane interessierte sich nicht dafür. Ihr kam es überhaupt vor, als

ob sie mit ihren Wünschen, mit ihrem ganzen Wesen längst heimlich weit

über die letzten Inseln der Menschen hinausgetrieben sei. Jetzt -- jetzt

erkannte sie es -- --

Wann begannen doch die Ferien? Wie lange fuhr man von Crivenwalde nach

Berlin? Lehrter Bahnhof -- --? Am Lehrter Bahnhof würden sie sich treffen!

Die ›Erzengel‹ wunderten sich redlich über die Kollegin, die sie in

ihrer biederen Herzensharmlosigkeit zu kennen glaubten und die auf einmal

so anders war. Am letzten Abend veranstaltete Fräulein Gusti noch ein

frauenrechtlerisches Kränzchen, dem ein dicke Hamburgerin beiwohnte, die

auf dem Gebiet irgendwelche Bedeutung hatte. Sie begrüßte die drei Damen

mit großer Kollegialität und begann gleich mit ihren Ausführungen, dann

und wann einen Schluck Tee mit Rum nehmend. Die ›Erzengel‹ guckten

ihrem Wesen kritisch zu, und Christiane sagte auch nichts.

Fräulein Gusti ereiferte und ereiferte sich, die Hefte flatterten

förmlich unter ihren Händen, sie suchte die Diskussion immer mehr

anzufeuern -- ihr Traum war: ein Frauenrechtsverein hier in Crivenwalde,

der gewesenen Leiterin und jetzigen Frau Tierarzt erst recht zum Trotz! --

Die ›Erzengel‹ tauten auf. Es war im Grunde nichts, nach dem Unterricht

immer nur spazieren zu gehen oder zu baden, in den Schulpausen dem alten

Professor zuzusehen oder vom Oberlehrer Müller zu hören, wie sich sein

Sprößling weiter entwickelte. Es war am Ende am besten, Frauenrechtlerin

zu werden und sich für allerlei fernliegende Dinge zu interessieren,

wenngleich irgend etwas in ihrem Herzen entschieden ›Nein‹ sagte und

die dicke Hamburgerin deutlich verlachte.

Aber sie sagten ›Ja‹, schon der Vorsteherin zuliebe, und wunderten sich

auf dem Nachhausewege über Christiane, die noch immer schwieg.

Die verabschiedete sich eilig, lief in ihre Stube und ging an den Koffer --

war nun schon alles darin? War nichts vergessen? Sie trat ans Fenster und

sah mit gläsernem Blick hinaus -- -- draußen stand die See und hatte noch

einen Schein wie aus den hohen, grauen Sommernächten, die Christiane im

Norden erlebt hatte. Die Sterne flimmerten.

Der Morgen war sonnenhell, alle Wiesen grünten, wie im Frühling, und alle

Stoppelfelder leuchteten, als ob das blonde Korn noch auf ihnen stünde.

Knick auf Knick schloß sich daran, wie Kranz auf Kranz. Die Wasser der

Seen blinkten blau auf und verschwanden wieder, der Buchenwald flimmerte in

sommergrüner, unzerstörter Glut. Wald auf Wald, See auf See. Wie schön

war diese Gegend doch!

Christiane starrte aus den Coupéfenstern wie im Traum. Sie fühlte immer

deutlicher, daß sie über die letzten festen Länder und Inseln der

Menschen weit hinausgetrieben wurde.

Station auf Station. Jetzt Schnellzugssausen. Der sonnige reine Morgen und

die blauen Seen waren weit. Nauen, Spandau. Straßenbahnen und Soldaten,

Glashallen, Vorortbahnhöfe. Endlich die schwarze Höhle der Lehrter

Einfahrtshalle. Auf dem Bahnsteig war auf einmal ein Strudel entlassener,

mit bunten Bändern behängter Matrosen, die Christiane gar nicht im Zuge

gewahrt hatte.

Sie trennte sich instinktiv von der Menge, fühlte sich plötzlich verwirrt

und verloren und in eine Fremde gerissen, hinter der Fräulein Gusti, die

›Erzengel‹ und ganz Crivenwalde wie freundliche Schatten standen, und

sah dann auf einmal -- Ludwig.

Da war er! Nur einer wie er!

Sie sah ihn an. Sie gaben sich fest die Hände.

Ihr Herz war stark und entschlossen.

Leicht schritt sie neben ihm her, und jetzt war Crivenwalde weit weg. Alles

war weit weg. Auch Hardi und die ›eiserne Wehr‹.

»Du fährst zur Mutter?« fragte er.

Sie schrak auf. Ihr Blick flog in den hellen Großstadttag hinaus. Sie sah

bunte Farben, Linien, Lichter, Menschen und -- ihn.

»Ja, ja,« sagte sie.

Als sie im Wagen saßen, erzählte er, daß er Konferenzen in seinem

Ministerium hätte. Er nannte die Namen der beteiligten Herren -- alles

Ostmarkenleute.

»Du gehörst schon ganz und gar zu ihnen,« sprach sie.

Er nahm das gleichgültig hin, denn es war in Wahrheit so.

Sein Gesicht war schärfer und länger geworden, das Junkertum prägte sich

härter aus. Ob er noch ritt?

Sie traten in ein Restaurant. Sein Blick flog unwillkürlich nach den

Mittagszeitungen, die eben kamen. Sie lachte und ließ sie bringen -- sie

kannte ihn. Jeder hatte ein Blatt, und darüberweg tauschten sie kurze

erregte Bemerkungen. Ihm schien es gar nicht aufzufallen, wie sehr sie noch

mitten darin war. Es war eine Situation, die auf der Spitze stand.

»Du müßtest in den Reichstag,« sagte sie.

Er zuckte die Achseln. In der Stadt Posen war nicht die geringste Aussicht

für einen deutschen Kandidaten, und er fühlte sich auch so besser am

Platze und das Heft stärker in der Hand.

Eine polnische Gesellschaft betrat den Raum, ein Herr, zwei Damen, diese

klein, biegsam, mit wundervoller Eleganz gekleidet, an der aber noch etwas

war, was man eben durchaus als polnisch erkannte. Ludwig sah kurz hin,

und dann blickte er Christiane an -- ihre Augen tauchten ineinander wie

gezogen, eine Maske fiel, ein Vorhang sank, eine ganze Zeit, Jahre und

Jahre verschwanden für einen Augenblick.

Er faltete ein Zeitungsblatt eng zusammen, immer kleiner wurde der

Streifen. Er sah vor sich hin.

Dann begann er von der kleinen Hanni zu erzählen. Immer noch schaute er

vor sich hin. In die Stimme kam neben dem Bewußten und Gewollten eine

kleine Erregtheit, und plötzlich mußte sie an den Oberlehrer Müller in

Crivenwalde denken, wenn der von seinem Jungen sprach.

Sie redete plötzlich dazwischen, scharf, kurz, fragend, immer mehr

verstrickte sie ihn ins Erzählen, alles wollte sie wissen ... jetzt wußte

sie. Ihr Gesicht wurde feindlicher, ihre Miene kälter, ihr Herz erstarb

-- warum war es nicht mehr wie damals an jenem Morgen? Warum war in

ihr einfaches und naturgewaltiges Erkennen jetzt so viel anderes

gekommen -- -- --?

Warum hatte er sie überhaupt sehen wollen und grade dieses Wiedersehen

herbeigeführt? Er hätte sie ja auch nach Posen einladen können, sie

wäre zu ihm und Hardi gekommen und hätte mit der kleinen Hanni gespielt.

Geritten wären sie nicht mehr miteinander!

Sie saß in sich verbittert und schrak erst auf, als er Abschied nahm -- er

mußte jetzt in die Wilhelmstraße.

Sie gingen die paar Schritte nebeneinander, dann nannte sie ihm das Hotel,

in dem er sie abholen konnte. Es war eines der ersten, Geld hatte sie

ja. Hier in Berlin wollte sie einmal wieder Herrin sein, nicht die

Schulmeisterin. Das sagte sie Ludwig freilich nicht, und es schien ihm auch

nicht aufzufallen.

Als er fort war, wanderte sie durch die Straßen, ohne mehr zu sehen

als die Menschen und unter den Menschen die Kinder. Die kleinen, die

zweijährigen. Sie sah so viel Süßes an ihnen, daß ihr Herz auf

einmal weich wurde und anfing zu verstehen. Sollte er das Liebliche nicht

schätzen, das er besaß -- wegen des einen, das er nicht besitzen

konnte? Er war ein Mann. Eine Frau kann in der Liebe eher leben wie ein

Hungerkünstler unter Glas -- der Mann wird niemals hungern. Er sucht sich

von allen Seiten zusammen, was ihn satt macht. Und es fällt ihm auch immer

zu.

Ludwig war es auch zugefallen. Und wer weiß -- es war ihm vielleicht --

noch mehr -- zugefallen. Was wußte sie denn -- -- --?

Sie ging zitternd und immer verwirrter und eifersüchtiger, und rasend

peinigten sie jetzt die einsamen Abende an der See und so manches andere,

sogar die Sache mit Kraneis und dem englischen Dozenten. -- -- --

Hochmütig und verbittert saß sie dann im Hotel, und das Rauschen

und Sausen der Straße hinter der Glasscheibe quälte sie wie etwas

Feindliches, und feindlich war sie selber.

Und Ludwig kam.

Er sah auf einmal jünger und lebendiger aus. Man merkte, daß irgend etwas

für ihn erledigt, daß eine Last abgeworfen war. Und jetzt sprach er

offen darüber. Neben ihr an dem kleinen Tisch saß er und sprach, und

sie wußte, daß er zu keinem Menschen weder im Amt noch zu Hause davon

sprechen würde wie zu ihr und daß er danach gehungert hatte, wieder so

mit ihr zu sprechen. Daß er sie gerufen hatte, weil er sie brauchte und

weil sie ihn verstand.

Die alte Stunde spann sich wieder an, aber es kam nichts Unreines hinein,

und ihr Schiff wendete langsam und fuhr an den letzten äußersten Inseln

und Bollwerken vorbei wieder auf die Küste der Menschen zu, nach dem

Lande, das alle bewohnten und in dem noch ein eisernes Recht galt.

Nachher waren sie noch draußen in Potsdam, eine Stadt für ihn. Christiane

sah im Adreßbuch nach und fand, daß einige Rhanes hier wohnten,

Abkömmlinge wie sie. Sie schaute den Reitern nach, wie sie

dahingaloppierten, und den jüngeren Offizieren in die sonnenverbrannten

Gesichter -- war einer von ihrem Blut dabei?

Dabei erzählte sie Ludwig von ihrem Leben in Crivenwalde und wußte

dabei schon, daß es hinter ihr lag und daß der heutige Tag, das endliche

Sichwiederkreuzen ihrer Leben eine starke Wendung gebracht hatte. Mit dem

Nachtschnellzug fuhr sie zur Mutter, um die für ihre Pläne zu gewinnen

und im voraus alles glatt zu wissen.

* * * * *

Und nun fing für Christiane Dorreyter eine schwere und sonderbare Zeit an.

Die ›Erzengel‹ wunderten sich nicht wenig über sie, die plötzlich

so merkwürdige Neigungen zeigte, und Fräulein Gusti streckte noch einmal

erwartungsvoll die frauenrechtlerische Hand aus, ohne daß sie ergriffen

wurde. Aber es war offenbar, daß Fräulein Dorreyter sich für das Studium

vorbereitete und zunächst das Abiturientenexamen abzulegen gedachte.

Dem Oberlehrer Müller war dabei eine ziemlich bedeutende Rolle zugedacht,

und er füllte sie auch aus und holte auch andere Kollegen vom Crivenwalder

Gymnasium für die Fächer heran, die er nicht beherrschte. Und langsam kam

das Lernen in Gang.

Auf den Straßen zeigte man sich Christiane. Die Herren grüßten

respektvoll und doch mit einem verborgen prüfenden und etwas mitleidigen

Schauen. Die Gattinnen spähten zu ihr hin, wie Kinder, die sich hinter

einer Hecke vorm Gewittersturm gedeckt haben, nach nassen Leuten

gucken. Von auswärts erhielt Christiane allerhand Briefe, Zirkulare und

Agitationspapiere, und sogar die dicke Hamburgerin schrieb ihr -- es

war klar, daß man jetzt in ihr die größte Stütze der Frauensache in

Crivenwalde erwartete, die noch weit über Fräulein Gusti ging. Sie sollte

sogar einen Vortrag halten.

Lächelnd schob Christiane alles beiseite. Warum die Leute nur so taten?

Sie erstrebte doch nichts anderes, als eine Tat für sich, die Crivenwalder

ging die gar nichts an und die Frauenrechtlerinnen der ganzen Welt auch

nichts. Sie suchte doch nichts anderes, als ein Leben, das dem Geliebten

gleichwertig war, wollte nicht in der Enge, in der Kleinstadt, im kleinen

Lehrerinnendasein verstauben, während er am Werke war -- sie wollte adlig

Blut in adligem starkem Tun zeigen, wie er.

Sie wollte Mensch sein, wie er, und -- schaffen.

Kraus war der Weg und oft verkehrt! O, dieses einsame Lernen an den eisern

eingezäunten Erziehungsgärten der Männer vorüber. Sie guckte den

Crivenwalder Schulbuben neidisch nach und war doch wiederum froh darüber,

daß man sie nicht in diesen Zwangsweg des Durchschnittslernens pressen

konnte! Sie kam in Freundschaft mit einem Primaner, einem Neffen des Herrn

Müller, der sie erst argwöhnisch in der Anstalt Schellenbaum besuchte und

dann ein guter Kamerad, ein unverzagter Mitreißer, ein bißchen Freund und

ein ganz klein wenig Verehrer wurde.

Fort damit! Er verschwand bald wieder aus ihrem Leben!

Und so kam nach guten zwei Jahren, nach durchwachten Nächten und mancher

hoffnungslosen Stunde der Morgen, an dem sie das Crivenwalder Gymnasium

zum ›Mündlichen‹ betrat. Am Abend vorher schaute sie zufällig durchs

Fenster auf die See, und plötzlich war ihr eingefallen, daß sie schon

lange nicht mehr spät abends am Strand unter Lindenduft gewandelt war --

sie hatte es ganz vergessen.

Außer ihr machte noch ein junger Volksschullehrer und ein junger

Drogenhändler (Theissen und Wolters in Crivenwalde) das Examen. Sie

guckten sich an, wie Tiere, die in denselben Käfig gelassen worden und

sich gegenseitig keinen Vorteil zu gönnen gesinnt sind, und auf die

schwarzen Examenherren wie auf die Bändiger mit der Peitsche.

Sie schnappten jede Frage, die ihnen hingeworfen wurde, mit einer Gier auf,

wie sie die durchs Durchschnittlernen Gegangenen nicht kennen.

Die Herren wurden aber befriedigt.

Alle drei bestanden. Der Drogenhändler und der Volksschullehrer kneipten

die Nacht durch, Christiane aber packte um dieselbe Zeit ihre Sachen

und verließ beim grauenden Morgen Crivenwalde. Schnee und Eis fiel, es

stürmte und graupelte. So häßlich war die Stadt schon lange nicht

mehr gewesen. Die ›Erzengel‹ standen mit roten Nasenspitzen auf dem

Bahnsteig.

Christiane wußte, daß sie das alles nie mehr wiedersehen würde.

* * * * *

Nun kam Berlin. Christiane wohnte bei einer Majorin am Lützowplatz, die

mit Jean Paul verwandt zu sein behauptete und kein Dienstmädchen behalten

konnte. Christiane amüsierte sich darüber und suchte mit den Dingen

fertig zu werden, wie es eben ging. Nie und nimmer wäre sie in eine

Massenpension gezogen und mit einem halben Hundert gleichgültiger Menschen

täglich zusammen gewesen. Auch hier in der großen Stadt bewahrte sie ihr

aristokratisches Prinzip auf Kosten ihres Menschenstudiums.

Von der Mutter vernahm sie zu dieser Zeit, daß Ludwig nach Danzig versetzt

worden sei. Sie weilte eben bei Cöldts, um den Umzug in die Wege zu

leiten, Hardi, die arme Frau, war ja so schwach.

Seit jenem Zusammensein war die Verbindung mit Ludwig äußerlich geringer

geworden, er schrieb seltener und nie von sich und seinen politischen

Ideen. Sie hörte eigentlich nur noch durch die Mutter von ihm.

Jetzt ging sie durch die Berliner Straßen mit dem Gefühl wieder

freigewordener Kräfte und Gedanken. Leise kamen die Stimmungen wieder wie

an jenen Abenden an der See, sie schaute auch die ›eiserne Wehr‹ wieder

an und dachte von neuem an jene Verse. -- Warum war Ludwig versetzt? War

Danzig wirklich ein Fortschritt, eine neue Seite seines Werkes? Brauchte

man ihn dort, wie man ihn in Posen gebraucht hatte? Die Mutter verriet

nichts darüber und wußte es auch wohl nicht. Oder war diese Versetzung

eine -- Unterbrechung? Von einer Änderung des Ostmarkenkurses war nichts

bekannt.

Sie grübelte und fühlte wieder Leichtsinn, Sehnsucht und Temperament. Und

-- Einsamkeit.

Schließlich lernte sie von den wenigen Damen, die zu jener Zeit

Vorlesungen hörten, Yse Bernhart genauer kennen.

Eigentlich hatte sich Christiane anfangs an Käthe Arndt angeschlossen,

die dasselbe Ziel wie sie verfolgte und die Tochter eines

Universitätsprofessors und bekannten Frauenrechtlers war. Er hatte viel

zugunsten der kämpfenden Frauen geschrieben, Angriffe zurückgeschlagen

und war mit allen bedeutenden Führerinnen freundschaftlich liiert. Seine

sechs Töchter hatten sämtlich Examen gemacht und waren im Lehramt. Nur

eine einzige war mißraten und hatte geheiratet. Käthes Ziel bestand im

Oberlehrerinnenexamen, mit dem sie ihre Schwestern auf der ganzen Linie

schlagen konnte, und sie wütete so in die Arbeit hinein, daß sie trotz

ihrer Jugend schon Nervenmittel nehmen mußte.

Durch Käthe kam Christiane mit Yse Bernhart zusammen, die mit ihr in der

gleichen Pension wohnte. Yse hatte keinerlei Examina hinter sich, und

daß sie als Gasthörerin zugelassen worden war, verdankte sie nur der

Empfehlung eines bedeutenden Literarhistorikers, der ihre Bücher gelesen

hatte. Sie war klein, schmächtig und sehr still.

In ihrem Zimmer hing als einziger Schmuck Thomas ›Sehnsucht‹, der

nackte Mensch, der vor dem Abgrund steht und die Arme nach den weit über

ihn wegfliegenden Wundervögeln streckt.

Das Bild sagte Christiane viel. Etwas Verwandtes berührte sie.

Yse stammte aus einer kleinen westpreußischen Stadt, in der ihr Vater

Pastor war.

Es war kein Dilettantismus in ihr. Nie hatte sie das Leben gesucht, um es

zu finden, um etwas zu ›erleben‹, es war zu ihr gekommen, lag von den

Vätern her in sonderbarer Mischung in ihr drin, es hatte sie getroffen und

damit zum Schaffen fertig gemacht. Keine Spur von Bohème war an ihr, sie

rauchte weder Zigaretten, noch trug sie Eigenkleider, noch verriet sie

irgend welche Hinneigung zur freien Liebe. Ein paar bedeutende Menschen

in Berlin kannten und schätzten sie, luden sie ein und empfanden, wer sie

war.

Kam sie aber wieder in den Kreis der heimatlichen Kleinstadt zurück, so

ahnte kein Mensch mehr etwas von ihr, und sie brauchte die Leute dort auch

nicht. Aber sie schuf.

Ihre Geschichten gaben Bilder aus dem Osten, die große Fläche, die

endlosen Getreidebreiten, die Weichsel und Warthe, das Leben in der Stadt

Posen, in der Wallischei und auf dem ›Städtchen‹, in der Dominsel, der

ganze Nationalkonflikt tauchten auf und waren bis zum letzten beobachtet.

Die ganze Wucht des Weltgeschehens stand hinter den Bildern.

Es dauerte eine Weile, ehe es zu einigen Wärmegraden zwischen ihr und

Christiane kam, denn in ihr lag die harte Zurückhaltung der Einsamen

und das ganze Mißtrauen der Frau gegen die Frau. Dann aber stieg das

Thermometer langsam bis zu einem guten Punkt, bis zu jener naturgezogenen

Eisgrenze, die ein Geheimnis um jeden Menschen wahrt.

Beide liebten sie die gleiche Heimat und die gleiche Freiheit. Sie

verachteten Berlin, trotz allem, was es ihnen gab, als fürchterliche

Beengung des Lebens, als offenbare Unkultur. Was als architektonische

Schönheit galt, kam ihnen arm und zwangvoll vor, was an Kunst da war,

hatte etwas mühsam Eingefangenes. Sie bedauerten die Menschen, die ihr

Leben in der Großstadt zubringen mußten und ihre Ansprüche danach

zumaßen, die Kinder, die nie ans volle Licht kamen, die Herzen, die nie

einen Sommer erlebten.

Sie tasteten an die Welträtsel.

Alle Naturwissenschaft hatte Christiane schon von früh an gefesselt, und

förmlich gierig horchte sie jetzt auf, wenn da und dort ein neuer Vers

vom Weltenlied entdeckt schien. Sie grübelte selbständig daran herum und

suchte nach neuen Gesetzen und fand doch immer nur die alten, weil sie in

ihrer Zeit befangen war wie alle und das gleiche eiserne Netz auch über

sie gespannt war. Dabei fühlte sie, daß im Ganzen für sie immer nur ein

Stück Handwerk herauskam, ein bedingtes und begrenztes Frauenschauen, und

daß sie nach dem allen nicht so unruhig und verwirrt und durstig geforscht

hätte, wenn ihr Leben in eine andere Bahn hätte einlenken können. Sie

suchte dort die Harmonie, die in ihr nicht war, eine Lösung, die sie

einbezog und ihr Leben gültig machte, und fand sie nie und nirgends. Sie

stand außer den Dingen. Dem ewigen, immer wieder ausholenden Kreise der

Schöpfung war sie entrückt, sie war weder klein, noch groß, sie war

übrig.

Yse kannte nur ein Gesetz für Mann und Frau und wollte es nicht gelten

lassen, daß die Frau innerlich verwuchs und verdarb, wenn sie nicht gleich

anderen Halmen in die Erntekammer kam. Sie kannte und sah in allem und

jedem Entwickeln und Reifen und fand überall einen Sinn. Trotzdem sie die

Dinge unverhüllt schaute, fühlte sie doch Harmonie im Weltgeschehen und

das Dasein als ein Glück. Was an Rätseln ringsum starrte, was vor Not

schrie, was verdarb, was Torso war, Übergang, Abriß, Sinnlosigkeit,

Brutalität -- alles das zog sie in ihre Kunst hinein, und da paßte

es, rundete es sich und leuchtete fackelgleich und purpurn in die

Weltfinsternisse.

Als Christiane eines Tages zu ihr kam, stand sie vor einem Papier am Tisch.

Darinnen lagen Bücher -- es waren sämtlich die gleichen, die gleiche

Farbe, derselbe Schnitt, derselbe Band. Es war Yses neues Buch.

Sie hob es hoch und sagte ernst und doch voll seltsamen Zaubers, mit einem

Verrat, der über die Eisgrenze glühend hinwegschoß: »Gott ist das

Werk --!«

Christiane fuhr zurück.

Jetzt wußte sie es.

Zwischen ihnen war ein großer, nie zu überbrückender Unterschied.

Beide liebten sie das gleiche Land, aber Christiane liebte dort einen Mann,

und Yse liebte dort ihr Werk.

Yses Leben wäre unter allem, was sie getroffen oder getragen hätte, immer

wieder auf die eine gleiche Lösung, hinausgekommen, aber das ihre hatte

sich erst eine suchen müssen.

Für Yse war alles Erleben die Saat zum Schaffen, und für Christiane gab

es nur das nackte Erleben allein, und sie war darauf angewiesen.

Zum ersten Mal merkte sie, wie erlösend Kunst sein kann. Bisher hatte sie

kaum darüber nachgedacht, ja, sie hatte sie in ihren exakten Studien

fast ein wenig verachtet. Ihr schien es, als ob die Menschheit seit

Jahrtausenden darin im gleichen Trott liefe und aus dem Haufen immer die

gleichen Lieder kämen.

Aber die Kunst kam dem Weltschaffen am nächsten, und auch eine Frau konnte

darin seliger werden als im reinsten Madonnenglück. Das Höchste und

Primitivste war in seiner Wirkung gleich.

Was aber für die Frau dazwischen lag, war dürres Land, ein Weg mit

verstreuten Halmen, die nicht zur Ernte kommen. Christiane mußte an eine

kleine bucklige Studentin denken, die neulich mit ihrer krächzenden

Stimme gesagt hatte, der große Überschuß an Weiblichkeit sei etwas

Naturgewolltes, der Vorbote großer, sonderbarer Umwälzungen in der

Menschheitsentwicklung und vor allen Dingen für die Gegenwart ein

ungeheurer Auftrieb, der die Frauen mit einem Schlage aus den Niederungen

der Jahrtausende stieße, ob sie wollten oder nicht.

Christiane dachte: Ja, so mag es sein. Denn wenn ich könnte, wie ich

wollte, ich legte die Bücher hin. Ich stiege aufs Pferd und ritte mit

meinem Liebsten und würde dann alles wissen -- -- -- -- -- --

Sie starrte in ihrer Stube um sich, sah nach der ›eisernen Wehr‹ und

biß die Zähne zusammen.

Aber es nützte nichts. Sie weinte wie sie, damals im Lehrerinnenheim unter

dem Glockengeklingel und den schleichenden Schritten der Alten geweint

hatte.

* * * * *

Es kamen noch andere Zeiten für Christiane Dorreyter, wo ihre Arbeit sie

schärfer nahm und ihr keine Minute mehr zum Grübeln ließ. Wo sie froh

war, wenn sie überhaupt ein paar Stunden zum Ausschlafen fand, und ihr

Ehrgeiz ihr wieder zuflüsterte: ›Den andern voran!‹ Es ist notwendig

für ein Gelingen, daß andere dabei sind, die das gleiche Ziel verfolgen,

nie kommt man schneller weiter, als wenn ein Sichmessen dabei ist, ein Sieg

im Siege!

Das Rhanesche Kapital, das die Mutter seufzend geopfert hatte, ging zu

Ende. Christiane mußte Stunden geben und durch allerhand Aufsätze und

Artikel etwas dazu verdienen. Langsam kam ein stärkeres Interesse für

fachpädagogische Dinge über sie, und sie fand auch schließlich eine

Meinung. Und dann ein Wissen und schließlich die Überlegenheit. Man wurde

schon auf sie aufmerksam, als sie noch auf der Universität war, und sie

bekam noch vor dem Examen allerhand Anerbietungen, denn man riß sich

damals in den Städten um die ersten jungen Oberlehrerinnen. Sie konnte

wählen und suchte einen großen Platz, eine berühmt schöne Stadt mit

alter Kultur, in der sie Gelegenheit zur Weiterbildung fand und auch ein

wenig Raum, um etwas zu sagen.

In den Jahren schrieb sie ein paar Bücher über Mädchenerziehung, die

viel beachtet wurden und auch bei der langsam einsetzenden preußischen

Schulreform nicht ganz ohne Einfluß blieben. Sie besuchte Kongresse

und Versammlungen und war gewohnt, auf das Podium zu treten und zu einer

respektvoll harrenden, meist weiblich pädagogischen Versammlung zu

sprechen. Den führenden Persönlichkeiten der Frauenbewegung trat sie

näher und beobachtete mancherlei.

Viele Menschen gingen an ihr vorüber, wenige waren farblos und

Dutzendware, und wenigen gegenüber blieb ihr Wesen stumm. Aber ihr Blut

regte sich nicht, und wenn einer mehr begehrte, als nur Geistiges, so

wandte sie sich von ihm ab. Sie schuf sich eine eigene feine Kultur und war

darin glücklich.

Langsam sah sie alle Dinge ruhiger und reifer an und dachte kaum mehr an

Ludwig von Cöldt. Was ging ein Mann sie an, der ihrer Schwester Ehegatte

war und nicht mehr nach ihr fragte. Und von dem man nichts mehr -- hörte.

Seit einiger Zeit war Ludwig auf seinen Wunsch nach Markburg, wo die

Mutter noch immer lebte, zurückversetzt worden und damit von seinem

Ostmarkenwerk, vielleicht auch von allem anderen größeren Werk für immer

geschieden. Damit schien seine Karriere abgeschnitten. Sein Name war aus

der Polenpolitik gelöscht.

Von Yse hörte Christiane noch dann und wann etwas. Sie war mit der Zeit

berühmt geworden, schrieb aber nicht gern Briefe.

Die Mutter war jetzt stolz auf Christiane und verriet immer mehr Sehnsucht

nach ihr. Jahr um Jahr hatte es ihr keine Unruhe gemacht, die Tochter

draußen zu wissen, jetzt wo Christiane einen Namen hatte, wo Bücher von

ihr in den Schaufenstern lagen, empfand sie immer größeres Verlangen nach

ihr. Und eines Tages machte sie den Vorschlag, daß Christiane sich doch um

die Direktorstelle an der Sophie-Reutterschule daheim in Markburg bewerben

solle, die vor kurzem erledigt war und nach allem Hörensagen von dem

Patronat mit einer weiblichen Kraft besetzt werden sollte.

Diese Schule hatte Christiane selbst ein paar Jahre hindurch besucht. Sie

war etwas vor der Stadt in einem alten Herrschaftshause untergebracht, das

im Volksmund das ›Reutterschloß‹ hieß. Die einstige Besitzerin, ein

vereinsamtes Weib, hatte sich aufgehängt, und in ihrem Testament stiftete

sie die Anstalt, die immer nur von den Töchtern der besten Familien

besucht wurde und in ihrem Gepräge etwas hatte, das viel mehr an sehr alte

Zeiten als an moderne Mädchenerziehung mahnte. Die Reutterschülerinnen

wurden zu sehr vornehmen Haustöchtern und verwöhnten Damen erzogen, für

den Sturm war keine gehärtet, und an Konflikte wurde überhaupt nicht

gedacht, was für Markburg vielleicht auch nicht nötig war.

Damals. Jetzt -- --? Christiane fand sich dabei, wie sie auf einmal

nachgrübelte und im ›Reutterschloß‹ Ordnung machte und ein neues

Wesen schuf. Sie -- als Reformatorin in ihrer Heimatstadt, unter allem

Bekannten, dicht vor Ludwigs Augen --! Sie als Schulmeisterin vor Ludwigs

Augen!

Alles in ihr sträubte sich. Es war ihr, als müßte sie mit dem, was sie

sich in der ganzen schweren Zeit erworben hatte, vor ihm verlieren, als

müßte sie vor ihm immer noch als die scheinen, neben der er damals

geritten war.

Ach, die Ostmark war für ihn und sie vorbei, und beider Wege waren aus den

Dickichten herausgebogen, ins Bürgerliche und Normale hinein. Als Mitglied

der Regierung hatte er sogar ein wenig Einfluß auf die Reutterschule, was

die Mutter in ihrem Vorschlag bereits in Betracht gezogen hatte, ja, sie

baute darauf, daß Christiane die Stelle unbedingt sicher sei!

Aber Christiane bewarb sich nicht. Sie brachte nicht all ihr Erlittenes

vor seine Augen und richtete sich vor ihm und Hardi in einem schmalen Leben

ein! Unverzüglich schrieb sie der Mutter ab.

Deren Briefe hielten aber die Bitte immer noch aufrecht, Tag um Tag und

Woche um Woche.

Und es war doch wie ein Stein in Christianens Leben gefallen, in dem die

Wellen nun unruhig zogen und zitterten. Sie sah ihre Existenz an und fand

plötzlich nicht, daß sie immer so bleiben konnte. Ja, sie merkte, daß

sie unbewußt doch immer auf ein Später hin gelebt hatte, auf etwas, das

noch kommen _mußte_. Und vielleicht fand sich nie wieder so etwas wie

diese freie Stelle, an der sie herrschen und alles wahrmachen konnte, wovon

sie in ihren Büchern geschrieben hatte. Sie konnte fort. Und vielleicht

wollte sie auch fort. Nichts hielt sie. Ihr Leben glich einem Zelt, das

wieder abgebrochen werden konnte, trotz all der Bäume und Blumen, die

darum gewachsen waren. Sie konnte fort.

Es kam hinzu, daß die Stelle an der Reutterschule andauernd unbesetzt

blieb, weil sich die Meinungen in der Stadt gespalten hatten und sogar das

Kollegium und zwar sowohl der männliche, wie der weibliche Teil heftig

gegen die geplante weibliche Oberleitung aufbegehrt hatte. Die Zeitungen

beschäftigten sich bereits mit der Angelegenheit.

Da lag der Kampf. Das war kein Dutzendwerk, keine schnurrende Spule, das

war ein Leben voll Überraschungen, voll Tat, voller Widerstände und

voller Schaffen. Das war ein Schaffen, das sich lohnte.

Es kam noch mehr hinzu, Kleines, Kleinliches, Unbehaglichkeiten in

Christianens jetziger Stellung, die ihr nur darum so unerträglich

schienen, weil sie jetzt das Bessere dicht daneben sah.

Und in einer Stunde und Stimmung, die sie später kaum begriff, in der

ein unerklärlicher treibender Zwang war, schrieb sie an das Patronat der

Reutterschule und bewarb sich, hinter sich die ganze Unterstützung ihrer

Schulreformbücher.

So kam sie eines Tages als neuernannte Leiterin der Sophie-Reutterschule

nach Markburg zurück und wunderte sich dort selbst über ihren Sieg.

Vielleicht war es mit maßgebend gewesen, daß man die Dienstwohnung

verkleinern und ihr weniger Gehalt zu zahlen brauchte, als einem

männlichen Leiter.

* * * * *

Der Vorsitzende des Patronats, der Regierungspräsident, hatte die

Begrüßungsrede für Doktor Christiane Dorreyter beendet.

Jetzt kam sie aus der Schar, die sie schwarz und feierlich umringt hatte,

auf die Rednerbühne der Aula und begann langsam und mit klarer Stimme

zu sprechen, rechts vor sich die unbeweglichen Gesichter der Kollegen

und Kolleginnen, links die Schar der Gäste aus der Stadt und die

Patronatsmitglieder. Ludwig von Cöldt war auch gekommen.

Sie sprach in diesen ungewissen Wall hinein, in dem sie keine Wirkung

erkannte und nur die ungeheure Spannung ahnte, mit der auf ihre erste

Äußerung gewartet worden war. Sie gab im ganzen und großlinig ein

Programm, aus dem deutlich zu entnehmen war, daß neuer Wind hindurchgefegt

war und nichts Verstaubtes geduldet werden sollte. Dann wandte sie sich

an das Kollegium, das sie an Pflicht, Treue und Können scharf zu sich

heranriß, und fühlte, daß es in ihrer kühlen Rede angefangen hatte zu

glühen, wie ein Draht zu glühen anfängt, und empfand dieses schnelle,

rote Hellwerden herrinnenhaft bis zum knappen, festen Schluß in sich,

worauf sie mit einer leichten Verneigung abtrat.

Der Vorsitzende schüttelte ihr die Hand.

Nun löste sich aus dem noch immer regungslosen Kreis der Kollegenschaft

ein Fräulein und ging ruckweis mit gesenktem Kopf auf den Rednerplatz zu.

Sie war rund, ohne stark zu sein, klein, aber ohne Zierlichkeit, es war,

als ob die Natur etwas Nettes aus ihr hätte schaffen wollen und es dann

beim plumpen Rohwerk hatte bewenden lassen. Sie war rothaarig, klein und

häßlich, aber die Natur hatte ihr eine scharfe Weiberwaffe gegeben, die

sich in den gallig schrägen Linien um den geschwätzig aufgebogenen Mund

auch äußerlich kundtat. Fräulein Haberkorn warf alle Schulgemeinplätze

mit autoritativer Lehrerinnensicherheit hin, rührte Frömmeleien und

spitze Süßigkeiten hinein und gedachte mit viel Sentimentalität des

verstorbenen Herrn Direktors, worauf sie die neue Leiterin im Namen des

Lehrerinnenkollegiums begrüßte.

Die Köpfe hoben sich, die Gesichter wurden klarer. Man war wieder auf

festem Boden und verstand.

Jetzt trat Professor Diermann vor. Er war alt, etwas vernachlässigt,

und hatte einen Begasbart und scheue Augen. Er versprach sich mehrmals,

stotterte und eilte dann mit Energie seinem Ziele, dem Hoch auf den

Landesherrn, zu.

Danach sang der Schülerinnenchor der Anstalt sechsstimmig einen Choral.

Die Mädchenstimmen waren übermäßig hoch, aber sehr rein.

Christiane Dorreyter hatte in ihrem Leben schon viele Choräle bei

ähnlicher Veranlassung gehört, und sicherlich hatte sie auch dabei

gesessen, wie die meisten hier: korrekt, zerstreut und gleichgültig. Jetzt

aber stieg aus dem heimlichen Aufruhr ihrer Seele ein Brausen; Erinnerungen

erhoben sich wie schwergeflügelte, dunkle Vögel. Alle Einsamkeiten und

alle Not zitterten wieder in ihrer Seele, alles Mühselige und Götterlose

ihres Lebens hob sein Haupt. Jahre und Jahre waren schwer wieder da. ›Der

dich auf Adlersflügeln sicher geleitet --‹

Sie fühlte auf einmal Adlergewalt in ihrem Leben.

Die Feier löste sich auf. Christiane mußte die Gäste auf einem Rundgang

durch das alte Haus begleiten. Es war äußerlich von sehr reiner, strenger

Form, innerlich aber herrschten manchmal Schatten und Dunkelheit. Das Haus

hatte sich noch nicht ganz seinem Zweck gemäß geformt, überall sah das

Ursprüngliche heraus, die Herrschaftlichkeit. Es paßt zu mir, dachte

Christiane.

Die Damen der Patronatsmitglieder, Frau Geheimrat Meckebier, Frau Landesrat

Colb und Frau Kommerzienrat Reimann trappten mit rauschenden Kleidern

eifrig voraus, um die Spuren der Neuen aufzufinden, denn sie kannten das

Haus von vielen Kränzchentagen bei der Gattin des früheren Direktors.

Ganz oben im Zeichensaal waren Blätter ausgelegt, und hier tat die

Oberlehrerin, Fräulein Haberkorn, sich groß: »Alles seit Ostern gemacht,

im letzten Vierteljahr!« Denn so lange war die Direktorstelle unbesetzt

geblieben. Der Kommerzienrat Reimann fragte Christiane mit schlecht

verdecktem Mißtrauen, ob sie sich diese Methode auch zu beherrschen

getraue, und sie sagte ihm kühl, klar und nicht gerade behutsam, daß man

›draußen‹ schon eine Weile anders arbeite, worauf er schnell von ihrer

Seite verschwand.

Neugierig spähten die kleinstädtischen Frauen zu ihr hin. So eine

Toilette trug keine der hiesigen Damen. Wie kam die dazu? Wollte die das

immer so machen? Als sie das Rednerpult bestieg, war das Rauschen durch den

ganzen Saal gegangen, und alle hatten sie angeblickt.

Gott, wer war sie denn! Man kannte doch die Verhältnisse und hatte von den

Männern her ihre Papiere in der Hand gehabt. Es gab kein anderes Fräulein

Doktor in der Stadt, aber man legte weiter kein Gewicht darauf.

Im Amtszimmer standen mehr Bücher, als beim guten alten Herrn. Auf dem

Schreibtisch lagen Stöße von Plänen, Heften und Entwürfen, mit denen

sich die Neue wohl wichtig machen wollte! Fräulein Haberkorn, die der

Tochter der Frau Meckebier Privatstunde gab, hatte schon davon erzählt.

Der Buchhändler in der Rädelgasse hatte die Bücher des Fräulein Doktor

besorgt und ausgestellt. Natürlich kaufte sie kein Mensch.

Die Frau Landesrat und die Kommerzienrätin flüsterten. Sie schoben sich

würdevoll vor und sprachen für die arme Wehrendorf. Ja, sie hatten

doch einen modernen Frauenverein, und die gute Frau von Cöldt hatte sie

gebeten, ein Wort für die Wehrendorf einzulegen, die endlich eine feste

Stelle haben mußte. Sie war so sehr darauf angewiesen, und deshalb war es

ja Menschenpflicht -- --

Menschenpflicht, dachte Christiane Dorreyter.

Sie wußte genau, daß diese Damen, die einen modernen Frauenverein hatten,

sie im Herzensgrunde verachteten. Sie und die arme Wehrendorf.

Sie antwortete mit leichter Ironie. Die Patronatsdamen wanderten weiter und

ließen nicht einen Winkel undurchspäht.

Dann wurde es endlich stiller. Türen dröhnten, die Stimme der Haberkorn

scholl noch einmal echokräftig heraus. Die Damen verabschiedeten sich,

nachdem sie die kleine Wehrendorf dem Fräulein Doktor noch einmal dringend

ans Herz gelegt hatten.

Es war still.

Da kam Ludwig von Cöldt. Christiane hörte seinen Schritt schon von

weitem.

Sie sahen sich an.

Er gab ihr die Hand, dann schaute er lange auf die ›eiserne Wehr‹ über

dem Arbeitstisch. Sein Blick glitt in ihr Gesicht. Sie hob die Augen, und

eine Sekunde standen sie und verstanden sich wieder im Geringsten, ohne

Wort.

»Du gibst mir Relief,« sagte sie dann mit leichter Ironie. »Wenn

die Vorstandsdamen gnädig zu mir gewesen sind, so verdanke ich das der

Tatsache, daß ich einen Schwager hier habe. Ich bin höchstens dreimal auf

meinen Doktor, mindestens dreißigmal aber auf den Regierungsrat von Cöldt

angeredet worden.«

Seine Wimpern zuckten. Er sah eine Sekunde vor sich hin.

»Du wirst dir deinen Platz schon schaffen,« sprach er dann.

»O ja,« sagte sie, »das werde ich.«

Sein Gesicht behielt den gleichen geschlossenen, etwas resignierten Ernst.

Sie sah, daß er sich sehr verändert hatte.

Sekundenlang durchrann sie eine furchtbare Machtlosigkeit, sekundenlang

brauste ihr Wille wieder räuberisch zum Stehlen und Genießen hin.

Tief unten war sie in aller ihrer Würde.

Ihre Hände zitterten. Ihre Blicke streiften das Bild. Sie biß die Zähne

zusammen. Eiserne Wehr, dachte sie, eiserne -- Wehr -- -- --

Er sah auf die Bücher, die sie in strengen Reihen umgaben. Durch sein

Gehirn liefen blitzartig die Vorstellungen von den Lebenserkenntnissen, die

sie sich errungen hatte.

»Du bist Naturwissenschaftlerin,« sagte er.

Ihre düsteren grauen Augen wurden langsam heller.

»Meiner innersten Meinung nach, ja,« sprach sie. »Ich kann dir aber noch

einige andere Dinge vorzeigen,« setzte sie ironisch hinzu.

Er zuckte nur die Achseln. Wieder fuhr sein Blick durch den Raum. Halb

unbewußt suchte er darin nach Zeichen aus den zehn fremden Jahren.

Seine Ruhe fing an ihre Flügel zu lockern.

Er begann nach diesem und jenem zu fragen. Ihm gegenübersitzend, etwas in

sich versonnen, wich sie aus. »Das läßt sich so schnell nicht hersagen,

Ludwig. Es war alles sehr kraus. Ich war immer -- Outsider.«

Sein Blick brannte, ohne daß er's wußte, eifersüchtig auf.

»Outsider,« murmelte er.

Er sann vor sich hin.

Zehn Jahre.

Christiane blickte nach der ›eisernen Wehr‹. Es zitterte leise in ihr.

Plötzlich bog er sich ihr zu.

»Ich möchte dir mein Mädel bringen, Christiane.«

Sie fuhr zurück.

»Mein Mädel,« sagte er mit etwas flimmernden Augen, »unsere kleine

Hanni -- --«

Das Feuer hinter dem Berge: Roman · 第 11 / 50 题