Allein -- allein -- -- -- --

Da rief es schon draußen, da trippelte es und klopfte an die Tür:

»Fräulein Dorreyter! Fräulein Dorreyter!« Christiane fuhr, öffnend,

zurück -- das Fräulein von Rhane! Jäh sah sie, was sie noch nicht

gesehen hatte: das Jugendgesicht der Mutter, die Rhanesche Schönheit.

»Fräulein Beierlein läßt bitten,« sagte die junge Aristokratin in dem

wenig respektvollen Tone, den die Pensionärinnen für die Unterlehrerinnen

hatten.

-- -- Christiane konnte nicht schlafen. Nacht für Nacht ging das stumme

Weinen der Nachbarin. Christiane wollte manchmal rufen, fragen, die anderen

wecken, aber sie wagte es doch nicht: es war für die Verzweifelte die

einzige Stunde, in der sie allein zu sein glaubte -- allein!

Stundenlang zitterte das Bett. Stundenlang liefen Christianens krause

Gedanken zur Mutter zurück und zu der Frau von Rhane. Sie sah die blonde

Familienschönheit und wieder die Frau von Rhane.

Blau schien die Mondnacht. Ein ungewisses Raunen scholl: der See. Ein

Flimmern stand fern: die Berge.

Die Französin schnarchte mit spitz gehobener Nase, die Miß hatte ihr Haar

stramm geflochten und den abgebundenen Zopf an den Bettpfosten

gehängt. Das Lager der Holsteinerin hob sich in schweren, krampfhaften

Stößen -- --

Christiane dachte an die Frau von Rhane.

Eines Morgens sagte die Wehrendorf: »Du, deine Schwester wird ja

heiraten --!«

Christiane starrte sie an. »Hardi!« Sie hob die Hand zur Stirn.

»Hardi!«

»Ja, ja,« sagte Ada hinterhältig.

Christiane dachte nach. Die Mutter hatte angefangen, Hardi gewaltig mit

Eiern und Peptonen zu füttern, denn zum Herbst sollte sie auf ein anderes

Seminar.

Christiane schrieb eine scherzhaft vorsichtige Anfrage. Sie wußte, es war

Unsinn. Wen sollte Hardi kennen bei dem Leben, das sie führten. Wen? Wen?

Die Antwort kam, und die Mutter entschuldigte sich und Hardi. Es war auch

gradezu romanhaft. Auf der Straße hatte ein Herr von der Regierung Hardi

gesehen und verfolgt, dann war korrekte Bekanntschaft daraus geworden.

Er hatte Besuch gemacht. Sie mußten ihn einladen. Die Mutter knüpfte

beunruhigte und bestürzte Bemerkungen daran.

Nach drei Wochen kam die Anzeige: Hardi Dorreyter und Ludwig von Cöldt,

und die Mutter schrieb hoffnungsvoller. Die Verhältnisse seien ja gut. Es

sei wohl das beste für Hardi. Zum Herbst wäre Cöldt nach Posen versetzt

und wolle vorher heiraten. Er sei sehr verliebt.

Christiane dachte an die Peptone.

Sie schrieb an die Schwester und bekam einen kleinen, halb verlegenen

und halb triumphierenden Brief. Fräulein Schmöckler hatte die Anzeige

bekommen!

Christiane konnte an der Hochzeitsfeier nicht teilnehmen, denn sie bekam

keinen Urlaub, auch das Reisegeld hätte gefehlt. Sie sandte ein Telegramm

und durfte es selbst zur Post bringen.

Sie ging an roten Ranken vorbei und sah blaues Wasser und unwahrscheinlich

weißes Getürm in der Höhe. Eine gebogene Straße lief in die Ferne

hinein.

Nachher mußte sie Schrankrevision halten, fand sehr viel Schokolade und

ein Dutzend illegitime Liebesbriefe.

Die Depesche war längst in der Hochzeitsgesellschaft.

Im Winter gab es Tanzstunden, Faschingfeste, Theateraufführungen und

Schlittenfahrten. Die Wehrendorf erfror sich in ihrem Glaskäfig die

Zehen und wurde in einem Badezimmer einquartiert. Sie hieß jetzt ›die

Seejungfrau‹.

Christiane erhielt Botschaft aus Posen. Die Mutter war zu Weihnachten dort.

Nebelzeiten begannen. Die Schlafkammer war lichtlos. Es regnete.

Eines Morgens war das Bett der Holsteinerin leer. Ihre Sachen hingen da.

Sie war fort.

Der Aufruhr wurde im Keim erdrückt. Keiner durfte eine Frage stellen. In

das Bett kam schon nach wenigen Tagen eine Belgierin, die sehr schnarchte

und aussah, als ob sie sich nicht ganz sauber wüsche.

Christiane lag noch immer häufig wach. Sie hörte den Tropfenfall und sah

die Verschwundene auf nackten Füßen durch den Tauschnee eilen. Wohin?

Wohin? Zu wem?

Sie stand und horchte. Der Föhn heulte. Die Fenster zitterten.

Leise öffnete sie einen Flügel. Schwül schoß es ihr entgegen: drüben

war der See. Sie sah ferne Straßen. Wohin? Wohin? Zu wem?

Ihr Herz zitterte.

Am Sonntagabend war es klar. Die Wehrendorf erschrak, als Christiane auf

einmal an ihrer Seite stand: »Ich gehe mit dir zur Post!«

Der Wind pfiff. Aus dem geschuppten Wasser sahen entfremdete Sternbilder.

»Hier war es sicher -- hier,« flüsterte die Wehrendorf, scheu auf das

Ufer deutend.

Christiane lachte und eilte weiter.

»Wohin willst du?« rief Ada ihr nach.

Es ging bergauf, der Wind kam bergab. Wuchtig und warm schlugen seine

großen Flügel, wuchtig schlugen sie auf die brausenden Wasser, wuchtig

fuhren sie an Christianens warmen Mädchenleib. Die Sterne zitterten.

Ada Wehrendorf rief aus der Ferne.

Christiane aber ging, wie sie in ihrem Leben noch nicht gegangen war. Sie

ging auf der Erde, deren freie Krume sie noch nie so unter ihren Schuhen

gespürt hatte, in der Luft, die noch nie so rein in ihren Lungen gewesen

war. Sie fühlte im Sturm die Gletscher, über die er gefahren, die

Wälder, durch die er gestürzt war, die Wasser, von denen er getrunken

hatte. Sie fühlte den freien, dunklen Duft der Welt.

Allein!

Beim Nachhausekommen erhielt sie ihre Kündigung.

* * * * *

Als Christiane der Mutter davon schrieb, kam ein erlöster Brief: »Geh

nach Posen. Hardi hat Heimweh. Geh nach Posen.«

Christiane reiste.

Die Polen feierten eben Ostern. Die Stadt inmitten der Wälle war voll

gedrängtem Glockengeläut. Man betete und aß, aß und betete.

Herr von Cöldt holte Christiane vom Bahnhof.

»Hardi geht es nicht gut,« sagte er.

Sie begriff erst in diesem Augenblick, in welch ernstes Ehekapitel man sie

hereingeholt hatte.

Hardi lag im Schlafzimmer. Sie war viel hübscher, als Christiane sie

in Erinnerung hatte, ihr Profil zeigte eine pikante Mischung von

Soubrettenhaftem und Sentimentalem. Sie warf dem Mann einen schnippisch

koketten Vorwurf zu, der ihn zum Gehen zwang, und fing hinter ihm

ein fürchterliches Weinen an. Christiane entdeckte jetzt, auf sie

niederschauend, die Veränderung der Gestalt.

Das Feuer hinter dem Berge: Roman · 第 6 / 50 题