mit oder ohne diese Titel-Aushängeschilder nicht auf die Königliche Bühne
gehört. Herr von Küstner sollte sich hüten, seinen Gegnern mit solchen
Fehlgriffen die Waffen in die Hand zu geben.
Aber in der Tat! Diese drei Musketiere haben sich vom Alexanderplatz auf
den Gensdarmenmarkt verirrt und werden, statt über die Königsstädter über
die Königliche Bühne schreiten. Die Rollen sind ausgeteilt. Hendrichs,
Döring, die Hagn, die Crelinger, die besten Truppen rücken für Alexandre
Dumas und seine in die Uniform der Madame Birch-Pfeiffer gesteckten drei
Musketiere ins Feld. Herr von Küstner glaubt die hohe Aufgabe, jährlich
sich mit 220 000 Talern zu "rechtfertigen", nur durch ein solches
Repertoire lösen zu können. Wenn auch Graf Brühl sich im Grabe umdrehen
sollte, wenn auch Graf Redern, auf dem Trottoir Unter den Linden einen
Augenblick still stehend und den neuesten Theaterzettel an einer
Straßenecke lesend, lächeln, höchst ironisch lächeln sollte, Herr von
Küstner führt doch die drei Musketiere der Madame Birch-Pfeiffer auf!
Früher war das Verhältnis so: Wenn Madame Birch-Pfeiffer ein Stück
gezeitigt hatte, so kam es an die General-Intendantur. Graf Redern sah,
ob diese Arbeit von der fruchtbaren Schriftstellerin selbst herrührte
oder ob sie sich, wie Kühne sagte, wieder einen Roman "eingeschlachtet"
hatte. Die Originalversuche, z.B. "Rubens in Madrid", "Die Günstlinge"
usw. wurden mit Courtoisie angenommen und gegeben; die "Würste" aber
gingen hinüber in die Königsstadt. Dort wohnten die Hinkos, die
Pfefferrösels, die Scheibentonis und wie die edlen Gestalten alle heißen,
die Madame Birch-Pfeiffer nicht selbst geschaffen hat, sondern aus den
Romanen Storchs, Dörings, Spindlers, Bulwers usw. mit der daranhängenden
Handlung entlehnte. Auch die drei Musketiere würde Graf Redern (nicht als
Kavalier, sondern als Kunstrichter!) in die Königsstadt geschickt haben.
Herr von Küstner, der noch kein einziges Drama von Julius Mosen gegeben
hat, befolgt ein anderes System. Er wirbt die drei Musketiere bei sich
an, stattet sie mit Glanz aus und würde auch "Den ewigen Juden", wenn ihn
Mad. Birch-Pfeiffer "bearbeitet" hätte, ohne Zweifel für sich behalten
haben. Ich meine nun, dieses System wäre sehr verwerflich und der
allgemeinsten Entrüstung würdig. Ich meine, die Vorgesetzten des Herrn
von Küstner müßten ihm entschieden andeuten, daß es dem preußischen
Staate mit den 220 000 Talern oder, anders ausgedrückt, mit dem
Überschusse von einigen tausend Talern nicht so dringend wäre. Ich meine,
daß sogar Mad. Birch-Pfeiffer so bescheiden hätte sein und sagen können:
"General-Intendant, Sie revoltieren die Presse! Geben Sie die Stücke, die
schon zehn Jahr im Pulte der Regie liegen! Machen Sie mir keine Feinde!"
Allein Macht und Übermut gehen Hand in Hand. Die Leute dort denken:
Solange wir im Rohre sitzen, schneiden wir uns unsere Pfeifen ...
Deshalb weise Herr von Küstner seinen über die Maßen protegierten
Günstling in die Schranken, die ihm gebühren! Vielleicht glaubt man
mir's, vielleicht nicht, daß ich mit schwerem Herzen an die Abfassung
dieser Zeilen gegangen bin. Ich achte jedes wahre Talent auf der Stufe
seines Wertes. Ich habe noch nie gegen Mad. Birch-Pfeiffer geschrieben;
ich gönne ihr alle nur erdenklichen Erfolge ihrer resoluten Feder; ich
will mich am wenigsten auf eine Analyse ihrer Original-Dramen einlassen,
ich will nicht spotten und selbst für die ironischen Stellen dieses
Protestes um Nachsicht bitten. Aber die herbste Mißbilligung treffe Herrn
von Küstner, der monatelang keine Neuigkeiten aufführt, in den Berliner
Zeitungen offiziell das Publikum von dieser oder jener maskierten
Vorbereitung unterhält und dann plötzlich in aller Stille, zur
günstigsten Theaterzeit, mit einer Birch-Pfeifferiade, die in die
Königsstadt gehört, hervortritt! Werden die Berliner Zeitungen das in der
Ordnung finden? Werden sie alle vor "den drei Musketieren" ins Gewehr
treten? Ich für mein Teil, selbst wenn ich nie eine Zeile für die Bühne
geschrieben hätte, würde es unverantwortlich finden, daß die Berliner
Hofbühne diesen, aus schnöder Gewinnsucht oft in nicht vierundzwanzig
Arbeitsstunden zusammengeschriebenen Fabrikenkram in ihr Repertoire
aufnehmen darf.
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