Es würde überflüssig sein, das Erstaunen und die mannigfachen Bedenken
über die Existenz und die frühzeitige Herausgabe der Varnhagenschen
Tagebücher zu wiederholen. Ihr öffentliches Vorhandensein ist nun einmal
ein Begegnis wie ein Naturphänomen, das sich aller Berechnung entzieht.
Selbst eine Anklage und vor allem die gerichtliche Verfolgung erscheint
uns im vorliegenden Falle wenig angebracht, da man nur einfach zugeben
sollte, daß es sich hier um ein literarhistorisches Ereignis, ein
psychologisches Rätsel, um eine in dem Leben eines ausgezeichneten Mannes
uns bis jetzt noch unvermittelt erscheinende Anomalie handelt. Die
Entwaffnung dessen, der durchaus entrüstet sein und bleiben will, sollte
in den Vorzügen des Schriftstellers selbst liegen, der uns so lange Jahre
hindurch ein Muster der Mäßigung und des Strebens nach dem Kerngehalt der
Zeit und Welt erschien. Ihn jetzt plötzlich so ganz abirren zu sehen von
derjenigen Bahn, in welcher von ihm so viel Bedeutendes und Bleibendes
geleistet worden ist, das ist eine Erscheinung von so fragwürdiger
Seltsamkeit, daß sie uns nur psychologisch, biographisch, zeitgeschicht-
lich beschäftigen, am wenigsten Anlaß geben sollte, die Herausgabe des
Buches zu einem Vergehen zu stempeln. Selbst noch das Irrgewordensein
eines bedeutenden Mannes kann ein Schauspiel bieten, das interessant und
lehrreich ist.
Bis nahe an die Grenze der Unzurechnungsfähigkeit sind allerdings diese
Aufzeichnungen aus den Jahren 1848 und 1849 vorgerückt. Aber waren wir
denn alle, die wir jene Tage miterlebten, frei von einer krankhaften
Exaltation unsers Empfindens und Denkens? Wer hätte nicht damals sich
mitten auf die Straße stellen und seine Stimme laut erschallen lassen
mögen, um vor hereinbrechenden Gefahren zu warnen? Falsche Volksführer zu
entlarven, Abtrünnige mit feierlichem Protest dem Fluch aller Zeiten
preiszugeben? Beim Rollen und Donnern der Kanonen, bei den Salven, die
auf Volkshaufen abgefeuert wurden, beim Krachen des beginnenden
Barrikadenbaues trieb die aufgeregte Phantasie, die Liebe zum Vaterland,
zur Freiheit, ja wohl auch nur die Vorstellung von unbesonnenen,
falschen, der nächsten Klugheit widersprechenden Maßregeln die sonst
ruhigsten Gemüter in die Vorzimmer der Minister, in die Kabinette der
Fürsten, um ihre Meinungen geltend zu machen. Jeder Tag brachte neuen
Zündstoff, um die Gemüter in Flammen zu setzen; und was Varnhagen hier
oft nur mit kurzen Worten niederschrieb: "Es sind Schurken, Halunken,
Bösewichter!" das alles wurde oft genug von uns selbst ausgerufen oder
zwischen den Zähnen gemurmelt. Es liegt uns die treueste, die lebendigste
Vergegenwärtigung einer Zeit vor, die leider für die Wiederaufnahme
dessen, was sie uns hätte bringen sollen, mit einem unfruchtbar und
nutzlos vorübergehenden Jahr nach dem andern sich uns schon zu weit zu
entrücken droht. Eine junge Generation tritt immer mehr in den
Vordergrund, ohne jene Zeit erlebt, ihre Erfahrungen benutzt zu haben. Es
wäre ein unermeßliches Unglück für unser Vaterland, wenn die Stunde der
Erlösung von unsern gegenwärtigen, von den Regierungen ja selbst für
unhaltbar erklärten Zuständen zu einer Zeit schlüge, wo die Lehren der
Jahre 1848 und 1849 bereits vergessen wären.
Deshalb schon und um dieser nützlichen Vergegenwärtigung der Lage willen,
in welche Deutschland bei einer verhängnisvollen Krisis immer wieder aufs
neue wird geraten können, sollte man das Exzentrische dieser Publikationen
mit Ruhe hinnehmen. Manche von denen, die hier als "Schurken" und
"Halunken" bezeichnet werden, leben allerdings noch, aber sie mögen doch
nicht glauben, daß man sie um deshalb, weil sie hier so genannt worden
sind, nun wirklich dafür halten und in der Geschichte als solche stempeln
wird. Viele davon mögen ernsthaft genug ihr Teil verschuldet haben, aber
auch diese mögen annehmen, daß die öffentliche Meinung an ihre Reue und
an manche bessere Besinnung glaubt. Vor allem verrät der Ton dieser
beiden neuerschienenen Bände, daß der Verfasser der "Tagebücher" wirklich
an der Zeit krank war und über die Täuschung seiner Hoffnungen oft sein
Herz brechen fühlte. Die Wahrheit, mit welcher dieser Schmerz empfunden
und geschildert wird, ist in der Tat erschütternd und versöhnt uns nicht
nur mit der Herbheit seiner Aufzeichnungen selbst, sondern überhaupt mit
manchen Zügen in Varnhagens Charakter, mit welchen wir uns früher nicht
hatten befreunden können. Wir begegnen hier einem Glauben an die Rechte
der neuen Zeit und an den letztlichen Sieg der Freiheit, einem Glauben an
den Wert und den Adel des Volks, wie er sich schöner nicht in den Werken
der berühmtesten Freiheitshelden, nicht reiner bei Franklin findet.
Auch diese neuen Bände werden vielen Federn Anlaß bieten, in mannigfacher
Weise auf ihren interessanten Inhalt einzugehen. Unserer Zeitschrift
fehlt dazu der Raum. Nur eine Bemerkung wollen wir nicht unterdrücken,
die auf den politischen Charakter Preußens und Berlins geht. Jene Jahre
waren allerdings die der allgemeinen Verwirrung, aber am verworrensten
sah es doch wohl in Berlin aus. Wir denken hierbei nicht an die
Bassermannschen Gestalten, nicht an die ratlose, hin und her geäffte
Bürgerwehr, nicht an den zu allen Zeiten schwer zu bewältigenden
Straßengeist Berlins, sondern an die Sphäre der Intelligenz und der
privilegierten Politiker. Letztere rekrutierten sich eigentümlicherweise
aus frondierenden Beamten und pensionierten oder auf Disposition
gestellten Militärs, wie denn Varnhagen selbst ein solcher zur
Disposition gestellter Diplomat war. Das Hin und Her, das Zutragen,
Besserwissen, die Medisance, das Klatschen gerade dieser Sphäre ist so
höchst auffallend, daß man die Gefahren des Throns weit weniger versucht
wird in der demokratischen Sphäre zu suchen als da, wo der Thron seine
Stützen zu suchen pflegt. Eitelkeit, Unzuverlässigkeit, Rachsucht,
hämische Schadenfreude verbinden sich hier mit einer müßiggängerischen
Phantasie, die unausgesetzt sich selbst und andere alarmiert und an einen
Nachen denken läßt, der im Sturm nur durch die Unruhe und das Hin- und
Herlaufen seiner Passagiere untergeht. Dies ist ein bedenklicher
Charakterzug jener Menschen und Gegenden, welche bekanntlich die deutsche
Hegemonie und im Fall der Gefahr unsere Kriegsführung anstreben. Denkt
man sich diese spezifisch berlinisch-preußischen Elemente beim Beginn
eines Feldzugs oder am Vorabend einer Schlacht, so darf uns so
außerordentlich viel Weisheit, so außerordentlich viel (nur durch die
Furcht!) aufgeregte Phantasie, verbunden mit der im schwatzhaftesten
Dreiachteltakt gehenden Suada, die niemanden zu Worte kommen läßt,
ernstliche Besorgnisse einflößen.
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