In N°. 43 dieser Zeitung sagt ein Anonymus, dem die Redaktion sogar die
Ehre erweist, seine bösen Verdächtigungen in den Großdruck des
politischen Textes aufzunehmen, der Unterzeichnete könnte schon deshalb
als "technischer Direktor" des K. Hoftheaters nicht berufen werden,
weil--ihm etwa die nötigen dramaturgischen Kenntnisse mangelten? Nein.
Oder weil von ihm bekannt wäre, daß er zwar kein republikanischer, aber
doch sonst ein gar schlimmer und bedenklicher Autor wäre? Auch das nicht!
Nun, warum denn sonst nicht? Er hat etwas viel, viel Ärgeres begangen. Er
wäre im Jahre 1848 von Dresden ganz besonders zu den "Märzereignissen"
herübergekommen. Zwar setzt der wohlwollende "Zuschauer" schüchtern
hinzu: "Wie es scheint." Verzwicktes "wie es scheint"! Warum nicht
sogleich dreister? Warum nicht sogleich geradezu gesagt, ich hätte
Barrikaden befehligt?
Im Mai 1849 hab' ich in Dresden, wohin ich nicht erst zu reisen brauchte,
wirklich eine Barrikade bauen sollen. Fünf Männer in Sensen hielten mir
Steine entgegen und wollten mich zwingen, Hand anzulegen. Laßt mich! Ich
bin kein Baumeister! mußt' ich ihnen sagen. Es half nichts: "die Sense
sollte michs schon lehren!" Erst als ich etwas unsanft sagte: Leute, ich
habe für die deutsche Einheit mehr mit dem Wort getan, als ich hier mit
Steinen tun kann! ließ mich die damals souveräne Insurrektion meines
Weges ziehen. Freilich! Warum saß ich nicht, wird mein "Zuschauer"
fragen, auch hier versteckt in irgendeinem Keller? Warum war ich an jenem
Märzsonntage 1848 vor dem Schlosse in Berlin und sah mir dies Wogen und
Wüten einer ungebundenen Menschenmasse an? Der schlimme "Zuschauer" sagt,
Herr Polizeipräsident v. Minutoli müßte darüber auch noch erst Bericht
erstatten. Niemand kann im geschichtlichen Interesse mehr wünschen als
ich, daß der freundliche und um den milderen Verlauf jener Tage vielfach
verdiente Herr v. Minutoli seine damaligen Erlebnisse erzählte. Aber ich
wünschte doch, Felix Lichnowski lebte noch und bestätigte mir's, daß er
mich aufforderte: "Freund, Sie müssen reden! Sie müssen! Ich lasse Sie
nicht!" "Worüber?" "Über was Sie wollen! Ich bin heiser, ich kann nicht
mehr! Nur reden, nur beruhigen!--Nun denn, sagt' ich, ich habe in jenem
patriotischen, angeborenen, mark-brandenburgischen, vaterstädtischen
Drange, von dem man damals noch nicht ahnte, daß man ihn später für
revolutionären Fürwitz erklären könnte, das Wort des Königs: Kommt und
ratet mir! so aufgefaßt, daß ich ihm einen Brief übergeben ließ, worin
ich ihn bat, in die aufgelöste Ordnung irgendeinen, die Massen nur legal
zusammenziehenden, die Gemüter zerstreuenden neuen Gedanken zu werfen, am
liebsten den der Bürgerbewaffnung! "Sprechen Sie darüber! Sogleich! Hier!
Heran! Ich lasse Sie nicht mehr fort!" Ich sprach, und die Massen, die zu
allen Konzessionen, die sie kaum verstanden, noch etwas Neues,
Handgreifliches, leicht Verständliches hinzuempfingen, zerstreuten sich.
Es ist bekannt, daß der König denen gedankt hat, die an jenem
Sonntagmorgen zum Schlosse hielten. Freilich, sehr exaltiert, sich ohne
Portefeuille für einen Politiker zu halten! Sehr exaltiert, nicht wie
jener Feigling im "reisenden Studenten" in den Mehlkasten zu springen und
zu rufen: Brennt's noch? Wer damals in den Mehlkasten sprang, der kam
freilich für immer sehr weiß heraus.
Einige Tage gärte das, alle ergreifend, noch so fort. Und wenn mein
"Zuschauer" sagt: Vor dem 18. März schon hätt' ich "Tätigkeit entwickelt",
so will ich ihm sagen, was ich vor und nach dem 18. März für "Tätigkeit
entwickelte." Am 6. kam ich mit Weib und Kind nach Berlin, um meinen
Urlaub dort zu verleben. Von da bis zum 18. schrieb ich im Hotel de
Russie mein Schauspiel: Ottfried. Und vom 22. März bis 22. April, also
während der vollen Blüte der Revolution, saß ich am Krankenbette eines
Kindes, am Sterbebette einer Frau. O Du leidiger "Zuschauer"! Ich
beantworte Deine böse Anklage so ausführlich nicht wegen des "technischen
Direktors" (der nicht mir, nur jener Anstalt fehlt), sondern deshalb,
weil diese in Berlin eingerissene Enthüllungssprache, dies mystische: Der
war gestern in der und der Straße! Man hat ihn da und dort mit dem und
dem verkehren sehen usw. eine wahre Schmach unserer Zeit ist und an die
trübsten Tage römischer Delatorenwirtschaft erinnert.
Wenn man von mir sagt, daß ich bei dem mir mannigfach eingeräumten
Berufe, für die deutsche Schaubühne theoretisch und praktisch zu wirken
und an jedem Hoftheater die ästhetische Initiative ergreifen zu können,
doch immer noch so "taktlos" bin, in politischen Dingen mehr links als
rechts zu stehen, so kann ich mich dagegen nicht verteidigen und werd' es
nicht. Aber den Vorwurf, daß ich in meinem Leben je gewühlt, agitiert
oder konspiriert hätte, weis' ich mit Verachtung zurück.
Dresden, 23. Februar 1850.