Genau war mit Koepke der Zeitpunkt verabredet, an dem dieser ihn
abholen sollte: bei Beendigung der sechsten Konkurrenz, des
Hindernisschwimmens; spätestens aber vor Beginn der siebenten: des
Springens um die Deutschland-Meisterschaft, der als achte dann das
große Hauptschwimmen folgen sollte. Zeit genug also. Und Felder war
schon fertig. Er wußte, daß Koepke kommen würde. Hierher. Die
Ungeduld ergriff ihn. Wurde denn das Sprungbrett dort unten niemals
leer?--Immer von neuem erschienen die Springer. Und mit der Ungeduld
kam die Angst über ihn, jene Angst, die er nur ein einziges Mal in
seinem Leben gespürt: damals, vor seinem ersten großen Siege, an
jenem grauen Wintertage, in der trüben Ecke des Winterbades der
Wasserfreunde, als er so wie heute darauf wartete, daß man ihn holen
sollte.
Aber wie durfte er _heute_ Angst haben!--Und doch fühlte er sie, wie
eine Drohung, über sich, und er atmete erleichtert auf, als dort
unten eine Bewegung durch die Reihen ging, die das Ende eines Rennens
andeutete. Dann stürzten nasse Gestalten herauf, ohne sich um ihn zu
kümmern, rissen sich, lachend und lärmend und noch schweratmend von
der Arbeit, die Trikots vom Leibe, nach Hemd und Hose greifend, und
sogleich er schien auch--pünktlich zur Sekunde--Koepke.
Da fiel die Unruhe von Felders Brust, und hocherhobenen Hauptes, das
Badetuch lässig um die Schultern geschlagen, stieg er langsam und
ohne sich umzusehen, durch die Reihen der Zuschauer hernieder und
schritt auf die Bahn zu. Auch dort vermied er, irgend jemand mit dem
Blicke zu streifen, sondern lehnte sich ruhig an das Geländer, das
nächste Rennen erwartend, und als es begann, ihm aufmerksam mit den
Augen folgend. Aber er fühlte, wie man ihn ansah von allen Seiten; er
wußte, daß in diesem Augenblicke aller Augen auf ihm ruhten. Nicht
jetzt wollte er ihnen begegnen. Nach dem Siege--dann!--Nur einmal sah
er auf und maß mit dem Blicke die lange Bahn, die man für das 6oo-
Meter-Rennen besonders abgesteckt hatte. Welche der sieben Nummern
war wohl die seine?--Würde er in der Mitte oder an der Seite
liegen?--
Die Hitze wurde immer drückender; der Himmel war nicht mehr so rein,
wie am Mittag, sondern färbte sich ins Graue, und leichte Wolken
lagerten sich hier und da. Er war wie geladen mit Spannung, und ein
Gewitter konnte jede Minute losbrechen. Luft und Wasser lagen starr,
und die Blätter der Bäume hingen schlaff hernieder. Es war
unerträglich, aber alle hielt die Erwartung auf das Kommende
aufrecht.
Dann war auch dieses Rennen zu Ende, und irgend jemand, den er nicht
kannte, sagte etwas zu Felder, was dieser nicht recht verstand. Ach
so, es sollte vor dem Beginne des Wettkampfes das übliche Bild
aufgenommen werden. Und er stellte sich auf den bezeichneten Platz,
aber erwußte nicht, wer neben ihm stand. War es Scarpetta oder der
junge Seubert? Er sah nur immer gerade aus, seine Augen hatten einen
ganz starren Ausdruck angenommen, und in diesem Moment sah jeder, der
ihn früher gekannt und ihn nun zum ersten Male seit Monaten
wiedersah, wie sehr er sich verändert hatte.
Das war nicht mehr das weiche, runde, gutmütige Gesicht Franz
Felders, wie man es kannte von früheren Zeiten her und so vielen
Bildern, das unbekümmerte Gesicht des Knaben und des glückstrahlenden
Jünglings; das war nicht mehr der vertrauende, freundliche Blick, der
diesen Zügen auch dann noch geblieben war, als die letzten Jahre
schon die Linie der Entschlossenheit bis zur Härte vertieft hatten:
das war das frühalte, herbe Gesicht eines Mannes, in dem die
Leidenschaften ihre Spuren hinterlassen haben; und in diesen Augen,
die über alles hinweg in eine weite Ferne blickten, brannte nur noch
das Feuer eines düsteren Willens, der entschlossen war, sich
durchzusetzen, und sei es über Leichen... Und wie sein Gesicht, so
hatte auch Felders Gestalt alle Weichheit verloren; jetzt sah man
deutlich, welche Kraft in dieser hageren Sehnigkeit und in diesen
straffen, eisernen Muskeln lag.
Das Bild war aufgenommen. Irgendein anderer, dessen Stimme ihm
bekannt in die Ohren schlug, gab Felder die schwarze Mütze und nannte
ihm die Nummer seines Platzes--den zweiten links. Aber Felder sah und
hörte überhaupt nichts mehr, als nur diese eine Zahl; und während er
sich zu ihr durchdrängte, verschwammen alle diese Gesichter um ihn
her völlig in ein großes Ganzes--die Starter, die Festteilnehmer, die
Sportsleute, die Zuschauer--und erst, als er im Wasser mit der Hand
an seiner Nummer lag, kam er wieder zur Besinnung. Jetzt schaute er
sich um: links neben ihm als Nummer eins lag der junge Georg Bauer
mit seinem lachenden Gesicht, als sei dies Schwimmen ein Spiel;
rechts neben ihm, totenblaß und mit aufeinandergebissenen Zähnen
Riesecker; dann, als er den Kopf nach hinten bog und empor sah, ob
das Zeichen noch nicht gegeben wurde, erkannte er unter den
Gesichtern dort oben über ihm, wie im Fluge, aber ganz deutlich vier,
fünf Gesichter seiner alten Freunde aus dem S.-C. B. 1879, unter
ihnen das ernste Gesicht Nagels.
Aber er durfte jetzt nur noch eines denken; und als er, wie um nichts
mehr zu sehen, sein heißes Gesicht für eine kurze Sekunde in das
Wasser tauchte, wurde über ihm das Zeichen gegeben. Die anderen
hatten bereits abgestoßen.
Mit einem Schlage war er unter ihnen...
Die ersten Längen schwamm er unter dem Bann des einzigen Gedankens,
seinen Stil möglichst innezuhalten und sich nicht unnütz auszugeben.
Er mußte sich zügeln, so groß war das Übermaß von Kraft in ihm. Über
die kurze Strecke--eigentlich immer sein Favoritgebiet--hätte er
bereits gewinnen können. Dann kamen ihm in der dritten Länge gegen
den Strom zu beiden Seiten die Gegner wieder nach. Er hielt indessen
seinen Stil inne, ohne sich zu überhasten, und erst in einer der
nächsten--es mußte nach seiner Berechnung die fünfte sein--ergriff
ihn die Unruhe, ihn aufgeben zu müssen, da er glaubte, sich sonst
nicht behaupten zu können. Eine Länge, die mit dem Strom, wenigstens
wollte er es indessen noch versuchen, bevor er dann mit seinem
Endspurt etwa Verlorenes wieder einbringen mußte. Er sah sich jetzt
nicht mehr um.
Er schwamm, und er wußte, wie gut und sicher er schwamm...
Jetzt noch eine Länge, und dann noch eine. Und während dieser einen,
die er für die vorletzte hielt, wurde er die Gegner nicht los. Er
fühlte, es war unmöglich auf diese Weise. Er mußte seinen Stil
aufgeben und sich durchs Ziel arbeiten, so gut es ging.
Er schlug an.
Und nochmals stieß er ab.
Und jetzt--er fühlte es, wie er am Ende seiner Kraft war. Er würde
auch diese Länge noch zu Ende bringen, die wie endlos vor ihm lag,
aber so wie die anderen nicht mehr. Wer war denn noch neben ihm?...
Er sah zur Seite. Niemand?--Das gab ihm neuen Mut, und er holte zu
neuen Stößen aus. Zugleich aber war es ihm, als ob man ihm zurief,
und als er nochmals unwillkürlich den Blick erhob, sah er, wie auf
dem Seitensteg ein Herr neben ihm herlief, mit den Händen fuchtelte
und ihm fortwährend zuschrie:--Genug!--genug!--es ist ja zu Ende!--
Zu Ende?--Was?--Darum lag niemand mehr neben ihm. Er wandte sich um
und stieg ans Land.
Die Musik blies immer von neuem Tusch; die ganze Zuschauermenge hatte
sich wie ein Mann erhoben und schrie und winkte mit Tüchern und
Hüten, und Felder trat in ein wirres Gewühl von durcheinander
redenden und durcheinander laufenden Menschen.
Aber wer war es denn, dem man zujubelte?--Wem galt all diese
Erregung?--Wer war der Sieger?--Einer konnte es doch nur sein.
Niemand schien es zu wissen.
Nur daß _er_ es nicht war, das sah er!--Niemand kam zu ihm, niemand
kümmerte sich um ihn.
Da ging er langsam an dem Ufer entlang und an der Seite der Umzäunung
empor zu seinem Platze. Mechanisch kleidete er sich an, und seine
Augen hatten wieder den starren, abwesenden Ausdruck. Er war wie
zerschlagen. Er begriff noch nichts. Nichts, als das eine; daß er
unterlegen war!--Mechanisch streifte er sich das breite Band der
Ehrenmitgliedschaft der "Life Saving Society" um den Hals, die
höchste Ehrung, die ihm je zuteil geworden war, und die einzige, die
er neben den großen goldenen Medaillen seiner Europa-Meisterschaft an
diesem bedeutungsvollen Tage angelegt hatte.
Er strich es noch unter dem Rock glatt, als Koepke in höchster
Aufregung heraufstürmte.
--Mensch, rief er ihm schon von weitem zu, was wartest du denn
nicht!--Na, da unten geht es schön zu!... Aber was wollen sie denn
machen!--Du warst es doch nun einmal...
Felder starrte ihn an. Der Kleine wiederholte nur immer in einem
fort:--Großartig!--aber wirklich großartig!--Ah, was die sich ärgern
dort unten, das ist ja ein Schauspiel für Götter!
Felder begriff noch immer nichts. Er packte ihn am Arme. Er wollte
wenigstens wissen, gegen wen er unterlegen war.
--Wer hat gesiegt?--stieß er hervor.
--Wer gesiegt hat.?--schrie da der andere.--Wer gesiegt hat, fragt
er, und ist es selbst!
Mit einem Ruck zog Felder die Jacke fest, fuhr mit der Hand durch die
Haare und richtete sich auf. Mit einem Blicke übersah er, wie vorhin,
das Bild zu seinen Füßen. Es hatte sich völlig geändert.
Vom Himmel fielen, jede Minute dichter, die ersten Tropfen, und ein
Teil der Zuschauer hatte bereits die Plätze verlassen. Die übrigen
schickten sich an, zu flüchten; die Frauen rafften ihre Kleider
zusammen, und die Männer schlüpften in ihre Röcke. Nur dort unten
beim Kampfplatz standen dicht zusammen die erregten Gruppen. Selbst
von hier oben aus konnte man erkennen, daß etwas Außergewöhnliches
geschehen sein mußte.
Langsam von seinem Freunde gefolgt, den Strohhut in der Hand, stieg
Felder den Abhang hinunter. Er war wie verwandelt. Er lächelte.
Denn jetzt war seine Stunde gekommen!... Und er hatte nur noch einen
Gedanken: möglichst ruhig zu erscheinen, die wilde, unbändige Freude,
die ihn wie neugeschenktes Leben durchrann, nicht zu sehr merken
zulassen. Aber ganz konnte er sie nicht verbergen: sie lag auf seinen
Lippen, sie schien aus seinen Augen, und sein verhärmtes Gesicht
bedeckte eine schwache Röte.
Er kam zu der ersten Gruppe, wo heftig durcheinander geschrieen
wurde--es war Felder, als ob einige ihn erkannten, schwiegen und ihm
Platz machten, als er an ihnen vorbei ging.
Die nächste war die der "Borussia". Er sah den ihm bekannten
Schwimmwart des Vereins an: der wandte sich ab, und die anderen
machten ihm Platz.
Er zögerte einen Augenblick. Dann ging er an der Wasserseite entlang
auf den Platz zu, wo der Tisch der Veranstalter stand und das Komitee
der Richter saß. Sie waren alle beschäftigt, und niemand kümmerte
sich um ihn. Er stand vor der großen Tafel, auf der soeben der letzte
der drei Sieger angekreidet wurde. Er las zunächst seinen eigenen
Namen: