Und er liebte sie!--

Er liebte sie, wie er seinen Ruhm liebte: er konnte das Glücksgefühl,

die beide ihm gaben, nicht mehr entbehren. Sie hatte ihn gewonnen,

weil es seinem Ehrgeiz schmeichelte, von einer so schönen und

eleganten Frau begehrt zu werden, und weil ihr Wille der stärkere

gewesen war; und sie hielt ihn fest, indem sie seine erregte

Sinnlichkeit mit allen Künsten ihrer Erfahrung immer und immer wieder

aufs neue anstachelte.

Er war in der ersten Zeit fast alle Abende bei ihr. Dann mindestens

drei-, viermal in der Woche. Nie durfte er ihre Wohnung ungerufen

betreten. Immer, wenn er von der Arbeit kam, hatte er zuerst auf dem

Postamte in der Nähe nachzufragen: zuweilen war ein Brief da, der die

Verabredung dieses Abends auf den nächsten oder übernächsten

verschob; jedesmal aber mußte er an der Ecke der Straße erst nach der

Alten sehen, bevor er zu ihr kam: war sie da, so huschte sie

schweigend vor ihm her, und er folgte ihr die Straße hinunter und die

in ewiger Dämmerung liegenden, teppichbelegten Stufen der Treppen

hinauf bis in das hohe, schwüle Gemach. Öfter und öfter jedoch kam es

vor, daß er noch in dieser letzten Minute durch ein hastig ihm in die

Hand geschobenes Billett gebeten wurde, heute "nicht zu kommen", da

das bekannte "unvorhergesehene Ereignis" eine Zusammenkunft für

diesen Abend unmöglich machte.

So wurde er in einer beständigen Aufregung erhalten, ob er sie sehen

würde oder nicht. Nach einer so plötzlichen und ihn immer tief

verstimmenden Absage lag der Abend zweck- und inhaltslos vor ihm; und

traf diese Absage nicht ein, sah er sie wirklich wieder, so war ein

Teil seiner Freude schon durch die Unruhe der Unbestimmtheit

zerstört, in der er den Tag bis zum Abend verbrachte.

So gewöhnte er sich mehr und mehr daran, die leeren Abende

durch Vergnügungen auszufüllen, an die er bisher schon ihrer

Kostspieligkeit wegen nur selten gedacht hatte. Er ging in den

Wintergarten, an Orte, wo Laune und Leben herrschten, nur um nicht

allein zu sein; trank in Cafés und Lokalen, die er bisher nie

betreten, hier einen Kognak, dort ein Glas Bier; kam später nach

Hause, als er wollte, und tat seine Arbeit am nächsten Tage

widerwillig und in der ewig gespannten Erwartung, ob ihm der Abend

eine neue Enttäuschung oder seinen Sinnen wieder die ersehnte

Erfüllung und Beruhigung bringen würde. Er fühlte sich nicht mehr

einsam, aber unruhig, und konnte den Abend nicht mehr erwarten

während eines Tages, der ihm zu lang wurde...

Der Rest der von England mitgebrachten Summe wurde öfter und öfter in

Anspruch genommen und schmolz immer mehr zusammen, denn sein

Verdienst reichte natürlich nicht entfernt aus, um die erhöhten

Ansprüche des jetzigen Lebens zu befriedigen. Felder gab für seinen

Schneider jetzt in einem Monat mehr aus, als sonst in einem Jahre,

und doch wurde er nie das Gefühl los, nicht gut genug gekleidet zu

sein, wenn er zu ihr ging, obwohl er dort niemals einen anderen

Menschen außer ihr sah und sie nie ein Wort über sein Aussehen

verlor. Er achtete auch schon nicht mehr darauf, wieviel er der

Sparkasse entnahm. Er brauchte ja nur nochmals nach England zu gehen,

um einen neuen Fond heimzubringen. Überhaupt war es ein Skandal, daß

er noch auf seine Arbeit angewiesen sein mußte, während die Meister

der anderen Sports--die Radler zum Beispiel--längst herrlich und in

Freuden von den Einkünften ihrer Siege lebten. Nur in seiner Sache,

bei den Schwimmern, gab es das nicht...

Ganz langsam und allmählich begann er, seine Kunst auch von dieser

Seite aus zu betrachten. Früher hätte er sich dessen geschämt. Und

alles das, weil der Luxus, den er so plötzlich täglich einatmete, in

so schreiendem Gegensatz stand zu seinem bisherigen Leben der Armut,

Einfachheit und Genügsamkeit.--

Sie hatte ihn.

Sie besaß ihn, weil er sie nicht mehr entbehren konnte.

Sie änderte ihn, ohne es zu wollen. Denn sie hatte ihn so gewollt,

wie er gewesen war: frisch und unberührt und jung.

Er war es nicht mehr in dieser Leidenschaft zu ihr.

Er, der früher so mäßig gewesen war, trank jetzt, nicht regelmäßig,

aber unbekümmert, je nach Lust und Laune. Es tat ihm nichts. Er

fühlte keine Wirkungen. Sein Körper überwand die leichten Folgen

schnell.

Vielleicht war sein Kopf etwas benommener. Aber er lebte jetzt

überhaupt in einer dumpfen Schwere, in einem täglich neu erweckten

Rausch aller Sinne, durch dessen Nebel er immer, wo er ging und

stand, nur ihren bräunlich-hellen Körper sah, ihre seltsam roten

Lippen und ihr dunkles Haar, eingehüllt in die Duftwolke ihres

aufreizenden Parfüms, einen Nebel, süß und weich wie ihre Küsse, warm

und weich und entnervend wie die weißen Dämpfe der Winterbäder im

Schwimmbade.

Er verlor seine ewige Sehnsucht nach frischem, klarem Wasser, nach

kalter, reiner Luft in dieser Atmosphäre. Er verlor sie, ohne es zu

fühlen, ohne es zu merken. Ganz allmählich glitt er in sie hinein--in

diese abgründige Leidenschaft, in die immer geöffneten, immer

begehrenden Arme dieser fremden Frau. Er, der nicht wußte, was Nerven

waren, fühlte sie erwachen und zittern unter den Liebkosungen ihrer

Hände, und ehe sie Zeit hatten, sich zu beruhigen, wieder erwachen,

bis sie--von einem Tag zum anderen in steter Erregung gehalten--

diesen Reiz nicht mehr zu entbehren vermochten, wie der Trinker sein

Gift.

Gewiß, er schwamm noch. Ja, er war jetzt wieder, wo ihre Absagen sich

mehrten und immer öfter die unvorhergesehene Abhaltung, nach deren

Grund er nicht mehr zu fragen gewagt hätte, eintrat, die flüchtige

Zeile, die ihn bat, "_nicht_ zu kommen", er war jetzt wieder mehr

unter seinen neuen Klubbrüdern, als vorher, denn er konnte diese

einsamen Abende nicht mehr ertragen, in denen er in unterdrückter

Begierde nach ihr von Kneipe zu Kneipe lief, um den Schlaf zu finden,

der nicht mehr, wie bisher, in der Minute ungerufen zu ihm kam, in

der er sich auf sein Bett warf. Aber er wir kein guter Sportgenosse

und kein angenehmer Gesellschafter unter den "Hechten". Sie wußten es

vorher, hatten es oft genug gehört, als sie sich um seine

Mitgliedschaft bewarben, daß sie im Grunde nur seinen Namen bekamen,

und sie sahen ihm alles nach. Daß er ihnen so fremd bleiben würde

hatten sie wohl nicht gedacht.

Keiner hatte eine Ahnung davon, was ihn der Sportsache innerlich zu

entziehen begann. Felder selbst sah und hörte nicht, was um ihn her

vorging.

Er sah nur noch _sie_.

Eines Abends gab sie ihm ihr erstes Geschenk. Sie saßen sich müde und

schweigsam gegenüber und wußten nicht wovon sie sprechen sollten. Sie

zeigte ihm ihre Schmucksachen und erklärte ihm ihren Wert. Er sah

Dinge, die er nie geahnt hatte. Wenn er nach ihrem Ursprung fragte,

lachte sie mit ihrem überlegenen Lachen: "O, das war, als sie in

Buenos-Aires gewesen war, der weiße Pflanzer"--und dies Halsband kam

aus London "von einem Herrn, der mit dem Prinzen von Wales sehr

befreundet war... ja, dieser 'Prince des Galles'!..."...Und so ging

es weiter, und Felder verstand nichts und begriff noch immer nichts

und wollte auch nichts mehr begreifen.

Sie legte ihm die Ketten und Spangen um, wie einem Kinde, mit dem man

spielt. Und dann kam, was Felder so lange heimlich gefürchtet, und

was er so entschlossen war, schon beim ersten Versuch energisch

abzuweisen: dies Armband, das für ihr Gelenk etwas zu weit war und

sich so fest um das seine schmiegte, dies goldene Band mit dem daran

baumelnden Schloß sollte er immer tragen als Andenken an sie--so

taten es jetzt die Männer; und als sie sein Widerstreben sah, kam

dieser maßlose Zorn über sie, den er nicht zum ersten Male an ihr

sah--ihre Augen blitzten, und ihre Lippen, die bebten, sprachen

fremde und unverständliche Worte der Entrüstung und der Beschimpfung,

bis sie dann bei seinen vergeblichen Versuchen, das Geschenk

abzustreifen, ihre Wut ebenso schnell wieder vergaß und in ein Lachen

ausbrach: Oh, er mußte es ja behalten, er kam ja nicht los, sie hatte

ja den Schlüssel, und den bekam er nicht, nein, den Schlüssel

nicht... Und er, erschreckt durch ihren Zorn und gedemütigt durch ihr

Lachen, wagte nicht mehr, ihre erste Gabe zurückzuweisen. Es sollte

nur ihre letzte bleiben,--so beruhigte er sich selbst.

Er trug es, das Armband von Gold.

Nie hatte einer seiner Siege, selbst der des Vorjahres in England

nicht, ein solches Aufsehen gemacht, wie dieses einfache Armband; nie

sprach man so viel von Felder, wie in diesen Wochen, als er mit dem

Goldreif am Arm an den Start ging und schwamm. Man lachte, man

spottete, man schimpfte und forschte nach; man empörte sich, man

zuckte die Achseln, man machte Vorstellungen und--man erriet...

Allerseits aber war man sich einig, daß es einfach lächerlich sei für

einen Mann wie Felder, die dümmste und weibischste aller Moden

mitzumachen, die man den Gigerln und Narren überließ. Ein deutscher

Schwimmer und--ein goldenes Armband!--Es war der unerhörteste

Widerspruch!--

Felder sah und hörte nichts. Höchstens, daß er verächtlich lächelte,

wenn die Blicke und Worte allzu zudringlich auf seinem Handgelenk

ruhten.

Höher als sonst streckte er seinen Arm empor, unter die Augen der

Zuschauer: an ihm glänzte der schmale Reif und leise klirrte das

winzige Schloß beim Ansprung gegen die goldene Kette.

3

Er stand noch nicht im Zeichen des Rückganges, wie die bösen und

durch "das Armband" von neuem aufgereizten Stimmen behaupteten. Aber

selbst ruhigere Beobachter, die sich durch äußere Dinge nicht oder

doch nur wenig beeinflussen ließen, fanden seit einiger Zeit Felders

Stil nicht mehr so sicher, sein Tempo nicht mehr so fließend wie

bisher.

Vor allem nicht mehr so rein. Er schien Rücksichten auf seine Gegner

überhaupt nicht mehr zu kennen. Es genügte ihm nicht mehr, seine

Siege, wie bisher, in leichtem Kanter nach Hause zu bringen, sondern

er strebte danach, sie auch dem Publikum recht deutlich zum

Bewußtsein zu bringen, indem er ihm seine Überlegenheit über die

andern auf alle Weise zeigte. Darunter mußte sein Stil natürlich

leiden.

Er fühlte es selbst und sogar einzelne Bemerkungen darüber kamen ihm

zu Ohren.

Er war zum zweiten Winterfest des Schwimmerbundes zu einem

Seitenschwimmen gemeldet. Es fiel in den Anfang des Februar. Felder

hatte nicht die Absicht, zu starten; aber da er auf der Sitzung des

"Hecht" wieder einmal nicht anwesend gewesen war, hatte sein Klub für

ihn die Meldung erlassen, in der Überzeugung, damit seinen Wünschen--

die nach möglichster Beteiligung strebten--zu entsprechen. Er war

ärgerlich. Man hätte ihn doch wenigstens fragen müssen. Wann denn?--

entgegnete man ihm. Man sah ihn ja so unregelmäßig. Und wenn man ihn

nicht gemeldet hätte, wäre er ebenfalls böse gewesen und hätte von

Zurücksetzung gesprochen.

Er zog die Meldung nicht zurück; es war ihm einerlei. Ein Sieg mehr,

darauf kam es nicht an! Aber das sagte er gleich: zu der langweiligen

Preisverteilung und zu dem noch langweiligeren Tanzvergnügen nachher

kam er nicht. Er hatte keine Zeit am Abend; er war eingeladen.

Er war jetzt immer eingeladen, kein Mensch wußte, von wem. Aber man

wagte nichts zu entgegnen und war froh, daß er keine weiteren

Schwierigkeiten machte. Er erschien, wie jetzt immer, spät auf dem

Fest. Er war die ganze Nacht bei ihr gewesen, und auch am Morgen

wollte sie ihn nicht fortlassen. Er blieb nur zu gern. Sie

frühstückten im Bett, spät, und die Stunden wurden verschleudert bis

über den Mittag hinaus.

Schnell kleidete er sich aus und trat in die überfüllte Halle mit

seinem hochmütigen und finsteren Lächeln auf dem Gesicht. Diese Feste

hatten keinen Reiz mehr für ihn. Er fühlte weder Erwartung, noch

Aufregung. Er nahm seine Mitwirkung jetzt nur als eine Pflicht, die

von ihm erledigt werden mußte, da er nun einmal der Franz Felder war.

Je bälder sie getan war, desto besser. Um so eher konnte er wieder

bei ihr sein...

Ungeduldig wartend stand er unter seiner Mannschaft. Er hielt die

Arme gekreuzt über der Brust und an seinem rechten Handgelenk glänzte

herausfordernd das goldene Armband, als wolle er die Blicke aller

darauf lenken. Kaum, daß er seinen Klubgenossen antwortete, wenn sie

mit einer Frage zu ihm traten.... Gleichgültig glitt sein Blick über

die Wasserfläche hin, wo eben ein Rennen zu Ende ging und schnaufende

Gestalten die Länge des Bassins durchkreuzten.

Sonst hatte Felder nie den Augenblick erwarten können, in dem er

selbst ins Wasser durfte. Heute kümmerte er sich nicht einmal mehr um

seine Konkurrenten; er hatte sich kaum die Zeit genommen, ihre Namen

auf dem Programm zu lesen. Wie gewöhnlich jetzt, ließ er sich Zeit

während der ersten Länge. Bei der zweiten arbeitete er sich vor; bei

der dritten wollte er sich dann nach den anderen umschauen.

Er war gut in der Form heute, aber nicht so frisch wie sonst, so--

schien es ihm. Er nahm daher schon die zweite Länge von Anfang an mit

Ernst. Bei der dritten wollte ihm der Vorsprung nicht gelingen.

Irgend jemand, er wußte nicht wer, lag immer dicht neben ihm und

blieb es bis ans Ende. Er konnte ihn nicht los werden, nicht mit

aller Anstrengung, und die ungewöhnliche Erregung am Start brachte

ihn zu der Überzeugung, daß sein Sieg diesmal sehr gefährdet worden

war.

Aber es war noch mehr als das. Es war ein totes Rennen. Die Richter

konnten sich nicht einigen und es blieb unentschieden.

Ein totes Rennen--das war weiter nicht schlimm. Ein totes Rennen war

keine Niederlage. Aber es wurmte ihn doch, und er nahm sich vor, in

nächster Zeit wieder einmal zu trainieren. "Sie" erleichterte ihm

seinen Vorsatz, da sie ihm jetzt noch öfter absagte, als bisher; so

übte Felder denn wieder fast jeden Abend, teils für sich allein,

teils auch unbekümmert an den Übungsabenden des "Hecht", und er

fühlte sich Herr seiner Kraft, wie immer. Sich die Zeit, wie früher,

nehmen zu lassen, verschmähte er.

Er freute sich besonders auf das nächste Meeting: auf dem Feste des

"Poseidon" wollte er seinem alten Gegner im Gastschwimmen über die

200 Meter einmal wieder gegenüber treten und ihm--was er bisher gern

vermieden--auf dem Fest eines Brudervereins unter den Augen der

Seinen den Lorbeer entreißen.

Eine Bemerkung Wenzels gelegentlich seines Springdebuts war ihm zu

Ohren gekommen. Felder hatte sie nicht vergessen, wie er nie etwas

vergaß, was man ihm zugefügt. Dies sollte seine Rache sein.

Die Konkurrenz war merkwürdig stark besetzt: sechs Schwimmer von sechs

bedeutenden Klubs rangen um den ehrenvollen "Poseidonjahrespreis".

Felder freute sich auf seinen Sieg; er freute sich noch, als er an

den Start ging, obwohl er sich wiederum nicht ganz frisch fühlte.

Aber er war so sicher wie immer.

Dann, als er im Wasser und in der zweiten Länge lag, geschah etwas,

was er nie für möglich gehalten hätte: er fühlte, wie ihn eine

plötzliche Mattigkeit überkam, und als er--gegen sie mit aller Kraft

ankämpfend--etwa in der Mitte der dritten nicht nur Wenzel leicht

vorauseilen, sondern auch rechts und links je einen Gegner neben sich

liegen sah, da hatte er zum ersten Male seit Jahren das deutliche

Gefühl, daß er diesmal nie als Erster ans Ziel gelangen würde. Und

mit gleicher Deutlichkeit empfand er, daß es in diesem Augenblicke

nur einen Ausweg für ihn gab, um dieser unvermeidlichen Niederlage zu

entfliehen: "Aussetzen!"--

Plötzlich im Schwimmen aufhörend und tief bis zum Grunde des Bassins

niedertauchend, schwamm er dort bis zum Fußende der Leiter, während

er über sich das Rauschen des Wassers unter dem hastigen Wenden der

Konkurrenten hörte, und stieg an ihr hinter ihnen, die ihm seinen

Sieg entführten, aus dem Wasser unter die verblüfften Zuschauer,

seinem triefenden Körper rücksichtslos Platz schaffend...

Er war an diesem Abend nicht einmal böse, um so mehr, als er hörte,

daß nicht Wenzel, sondern ein junger Magdeburger vom dortigen

"Neptun", dessen Namen bisher nie genannt war, Sieger geworden war.--

Er hatte "ausgesetzt". Nun, was war dabei weiter!--Das taten die

größten Schwimmer aller Zeiten und Länder alle Augenblicke, und das

Wunderbare bei ihm war nur das, daß es das erstemal war. Und weil es

das erstemal war, so war er über jeden Verdacht erhaben, daß er den

alten, bekannten Kniff angewandt habe, um einer Niederlage zu

entgehen.

Er--Franz Felder--fürchtete keinen Schwimmer der ganzen Welt und

brauchte keinen zu fürchten. Das wußte jeder. Aber selbst er konnte

einmal unpäßlich sein, und das war er heute. Denn hätte er sonst wohl

das Rennen aufgegeben?

Und _den_ Triumph genoß er wenigstens an diesem Tage, daß keiner,

auch sein ärgster Gegner nicht, es wagte, den Verdacht dieses Kniffs

auszusprechen. Die Mutmaßungen und Prophezeiungen indessen, in denen

man sich erging, hörte Felder glücklicherweise nicht. Sonst wäre

seine Stimmung an diesem Abend doch getrübt worden, die durch die

ungeäußerte leise Enttäuschung seiner Genossen vom "Hecht" nicht

beeinträchtigt, aber durch die Aussicht auf das nächste Schwimmen

sogar noch bedeutend gehoben wurde.

Denn als Felder sich die erreichten Zeiten des 200-Meter-Schwimmens

geben ließ, sah er, daß die Leistung dieses jungen, unbekannten

Magdeburgers nicht nur mit Hinsicht auf seine erstklassigen

Konkurrenten, sondern auch in bezug auf die erreichte Zeit eine

außerordentliche genannt werden mußte. Sie erreichte natürlich nicht

den von Felder vor zwei Jahren aufgestellten und seitdem von ihm

selbst nie wieder erreichten Rekord von 3:02, aber sie kam doch

bedenklich nahe an ihn heran.

Der junge Seubert hatte die 200 Meter in 3:25 1/5, Minuten gemacht.

Das reizte Felder. Da war das nächste große Fest, zugleich das letzte

dieses Winters, das erste Jahresschwimmen des neugegründeten

"Norddeutschen Schwimmkartells", das besonders großartig und

feierlich gestaltet werden sollte, um Zweck und Bedeutung dieser

natürlich wieder aus vielen eifersüchtigen Fehden hervorgegangenen

Neugründung recht zur Wirkung zu bringen, da war dies große Fest so

recht die Gelegenheit, um sich auch diesmal einen glänzenden Abgang

von der Saison zu sichern und einmal wieder "sich selbst zu

übertreffen", das einzige, was er noch konnte.

Er hatte ja nur nötig, etwas mäßiger zu leben und etwas mehr zu

trainieren. Daß allerdings beides nötig war, leuchtete sogar ihm ein.

Dieses plötzliche Versagen der Kraft heute konnte doch kein reiner

Zufall sein. Es durfte jedenfalls nie wieder vorkommen; denn er

konnte wohl einmal "aussetzen", aber nun auch nicht wieder.--

Er tat beides: er war jetzt nicht nur nicht enttäuscht, sondern

begrüßte es sogar mit Befriedigung, wenn eine Absage von ihr eintraf.

Gab sie ihm doch einen freien Abend der unausgesetzten Übung, so

eifrig und ernst, wie er seit langem nicht mehr betrieben.

Daran, daß es doch eigentlich nur ganz bei ihm stand, ob er zu ihr

gehen wollte oder nicht, daß er ihr ebenso abschreiben konnte, wie

sie ihm, daran dachte er nicht einmal. So groß war ihre Überlegenheit

in jeder Beziehung und so sehr verstand sie es, wenn er bei ihr war,

ihn durch immer neue Liebkosungen und Liebesbeweise an sich zu

fesseln, daß ihm noch immer die Stunden die seligsten waren, in denen

er in ihren Armen liegen konnte, und diesen wundervollen, bräunlichen

Körper, dieses hohe, geheimnisvolle Gemach mit dem Glanz seiner

Lichter und seinem verschwenderischen Luxus, diese stillen, faulen

Stunden des späten Abends und der Nacht, ja, die leisen, unmerklichen

Dienste der schattenhaft auf den schrillen Ruf der Gebieterin herein-

und heraushuschenden Alten sein eigen nennen konnte; und alles, was

er versuchte, war, sich in Augenblicken, wo seine trägen Gedanken,

durch die Freude auf seinen nächsten Sieg und durch eine keinen

Sportmeister je ganz verlassende Angst, seiner Kraft zu schaden,

aufgestachelt, in beklemmender Ahnung sich von ihr wandten, alles,

was er vermochte, war: sich dieser unersättlichen Leidenschaft,

diesen erschlaffenden Umarmungen einmal, nur für heute, zu

entziehen...

Diese Frau, die ihm, ihm unter allen, ihre Liebe geschenkt hatte, wie

er glaubte, und die er darum, darum vor allen wieder liebte--sie war

noch immer sein Leben.

4

An diesem Tage kam, was kommen mußte: seine erste Niederlage--der

Anfang vom Ende.

Seit drei Tagen hatte er sie nicht gesehen, und als er das letztemal

bei ihr gewesen war, hatte er sich ihren Umarmungen wortlos und

entschieden entzogen, so daß ihr Zusammensein ein ganz kurzes war.

Sie biß die Lippen aufeinander, aber sie sagte kein Wort.

Felder kleidete sich heute mit besonderer Sorgfalt an und ließ seine

Brust an Bändern und Münzen tragen, was sie nur fassen konnte. Das

Armband, bei der täglichen Arbeit so hoch wie möglich hinaufgeschoben

und von dem wollenen Hemde so bedeckt, daß es noch von niemand in der

Fabrik entdeckt worden war, wurde auf das Handgelenk heruntergezogen

und abgerieben, so daß es glänzte und funkelte.

In diesem bei allen so verhaßten Zeichen wollte er heute siegen, und

so wollte er siegen, daß nicht nur das letzte Lächeln über "das

Armband" verstummen, sondern auch das andere Lachen, das, welches er

noch immer in seinen Ohren fühlte, das Lachen jenes schrecklichen

Tages, schweigen sollte auf immer, um nie mehr gehört zu werden.

Das erste Fest des "Norddeutschen Schwimmkartells" wollte zugleich

das erste sein, das die neuerbaute Schwimmhalle der Stadt

Charlottenburg erlebte, und man hoffte, es besonders glänzend zu

gestalten, obwohl die größten und angesehensten Berliner Vereine,

unter ihnen der S.-C. B. 1879, wie überhaupt alle dem "Verbande"

angehörenden Vereine naturgemäß fehlten. Aber es stand von Anfang an

unter keinem guten Zeichen. Obwohl die Stadt Charlottenburg ihre

Vertreter geschickt hatte, war doch das große Publikum, das sich

offenbar an den Winterfesten satt gesehen und die Sommerschwimmen

erwarten wollte, nur schwach vertreten und füllte kaum die erste

Reihe der weiten Galerien. Zudem war das Wetter miserabel: ein

naßkalter, grauer Märztag, und mancher, der gekommen wäre, war noch

in letzter Stunde zu Hause geblieben.

Felder war heute pünktlich und verlor sich mit der kleinen Mannschaft

der Gelb-Schwarzen in einer Ecke der weiten, schönen Halle, in der

bereits jetzt alle Bogenlampen brannten.

Das Programm wickelte sich langsam und ohne besondere Teilnahme von

irgendeiner Seite ab. Nur gegen seine Mitte brachte ein

unvorhergesehener Zwischenfall etwas Leben unter die Anwesenden. Es

war beim Tauchen nach Tellern. Dreißig flache Emailleteller waren

bereits dreimal sämtlich aus einer Tiefe von vier Metern hervorgeholt

worden--eine hervorragende Leistung--und es schien auch dem Vierten

gelingen zu wollen, so lange blieb er unter Wasser.

Felder stand bereits ausgekleidet dicht neben dem Starter und sah zu.

Dann merkte er plötzlich mit seinem erfahrenen Blick, daß irgend

etwas dort unten nicht in Ordnung war, und als er fragend den neben

ihm Stehenden ansah, hörte er auch schon dessen halblaut

hervorgepreßten bestimmten Befehl: "Hinunter!"--

Er ging sofort in die Tiefe und sah dort den Taucher bereits

bewußtlos mit dem Gesicht nach unten über den zuzammengerafften

Tellern liegen. Mit Felder war ein zweiter ins Wasser gegangen, und

beide hoben den leblosen Körper bis zur Leiter und an ihr hinauf zum

Wasserspiegel, wo er von vielen Händen sofort in die Höhe gezogen und

nach hinten getragen wurde.

Als Felder, der erst nach dem nächsten Lauf an die Reihe kam, dorthin

folgte, war der Bewußtlose bereits unter den Händen des Arztes wieder

zu Atem gekommen, und Felder hörte, wie seine erste Frage der

Tellerzahl galt, die er ans Land geschafft zu haben glaubte. Als er

vernahm, was geschehen war, wurde er auch noch böse darüber, daß man

ihn nicht länger drunten gelassen, denn er würde auch die letzten

sicher noch bekommen haben!...

Die andern lachten und ärgerten sich, aber Felder war es nicht ums

Lachen. Soweit war es also gekommen, daß diesen jungen Leuten ihr

Leben schon nichts mehr galt, wenn es darauf ankam, ihren

lächerlichen Ehrgeiz zu befriedigen--so hörte er neben sich einen

alten Herrn zu einem anderen sagen; und er mußte sich unwillkürlich

fragen: War es mit ihm anders?--Hätte er nicht auch sein Leben um

einen Sieg gegeben?--

Draußen hatte sich die Stimmung der Anwesenden nach dem peinlichen

Vorfall nicht gebessert, und man beeilte sich mit der Abwicklung der

nächsten Nummern, um die Aufmerksamkeit abzulenken.

Dann kam das große Rennen des Tages mit seinem unerwarteten, in

seinen Resultaten geradezu verblüffenden Verlauf, das Hauptschwimmen

über 175 Meter, in dem zwei der jüngsten Schwimmer aus dem Nachwuchs

die Preise errangen, während nicht nur Wenzel vom "Poseidon", und

Karl Becker, der Meister Süddeutschlands, sondern auch Felder, Franz

Felder, der vierfache Meister Berlins, der Meister Deutschlands, der

"Champion der Welt", nicht nur zurück-, sondern überhaupt unplaziert

blieben!--

Wie es geschah, wie es geschehen konnte, das Unerhörte--keiner

begriff es recht.

Felders Vorsatz ging auf einen glatten Sieg in gutem Stil ohne

völlige Kraftausgabe. Er hielt ihn inne während der beiden ersten

Längen, gab ihn auf bei der dritten und vergaß ihn völlig bei der

vierten. Aber es nützte ihm alles nichts.

Er kam nicht vorwärts. Er sah immer die alten Gegner neben sich, die

neuen sich voraus; diese beiden jungen Leute, von denen er den einen

nur aus einem einzigen Schwimmen und den anderen überhaupt nicht

kannte. Und als er zum letzten Male bei dem plötzlichen Aufhören der

Musik wandte und mit seinem wahnsinnigen Seitenschlage den einen fast

erreicht hatte, schlug der andere bereits an, und der Sieg war

verloren.

Er ging erst ans Ziel gleich hinter dem zweiten.

Was geschehen war, begriff er erst recht, als er den jungen Seubert,

keuchend, aber selig, die Glückwünsche in Empfang nehmen sah und in

das junge, glückliche Gesicht blickte, das auch ihm zulächelte, als

erwarte es auch von ihm ein freundliches Wort oder einen Händedruck.

So, ganz so, etwas verlegen, aber doch mit einer gewissen naiven

Selbstverständlichkeit, als gehöre es sich so, hatte er seine ersten

Triumphe entgegengenommen und seinen besiegten Gegnern ins Gesicht

gesehen.

Er dachte natürlich nicht daran. Er fühlte einzig nur die Schmach,

die er--seiner Ansicht nach--in diesem Augenblicke erlitt, wo er

seinen Stern lautlos fallen und in den Tiefen verschwinden sah, und

das harmlose Lächeln auf dem Gesicht dieses jungen Menschen schien

ihm nur Spott und Hohn zu bedeuten, so daß er am liebsten

hineingeschlagen hätte.

Kein Mensch kümmerte sich um ihn, keiner trat, wie sonst immer, zu

ihm und sprach mit ihm. Mit hastiger Wendung kehrte er sich zu den

anderen Schwimmern um, seinen alten Gegnern, mit denen er sich in

dieser Minute fast verwandt fühlte. Denn sie erlitten das gleiche.

Aber klüger als er waren sie am andern Ende des Bassins ans Land

gegangen und so allen Erörterungen entflohen.

Da griff auch er nach seinem Tuch und eilte zu seinen Kleidern. Als

er an der ganz bestürzten und heftig debattierenden Gruppe des

"Hecht" vorbeikam, wehrte er mit ungeduldiger Gebärde jede Frage und

Begleitung von sich.

Er fühlte jetzt nur, daß er allein sein mußte.

Er konnte niemanden um sich haben.

Ohne aufzusehen und ohne sich von einem Menschen zu verabschieden

verließ er das Fest.--

Es war noch früh, aber auf den Straßen brannten bereits die gelben

und weißen Lichter. Ein dichter und kühler Regen ging nieder wie

Staub.

Felder ging die breite, gerade Straße bis zum Tiergarten, er

durchschritt ihn auf kotigen, dunklen Wegen, bis er ans Brandenburger

Tor kam, ging die Allee der Linden herunter, verlor sich in dem

Straßengewühl des Zentrums, immer noch ohne zu wissen, wohin er

wollte, und sah erst auf, als der Regen sein heißes Gesicht wie

Schläge zu treffen begann. Er war zwei Stunden gegangen wie zwei

Minuten. Er wußte es nicht einmal. Er befand sich in der Nähe des

Moritzplatzes.

Er mußte allein sein, ganz allein... Schon die wenigen Menschen um

ihn herum auf den Straßen störten ihn. Der Name einer alten Weinstube

in der Nähe fiel ihm ein. Er war dort ein- oder zweimal früher

gewesen, mit seinen Freunden. Vielleicht war das Hinterzimmer frei.

Er traf es so.

Erst als er eintrat und den Überzieher zurückschlug, wurde er gewahr,

daß er sich im Schmucke seiner Ehrenzeichen befand, der hastig beim

Ankleiden übergestreiften Bänder und der Münzenmenge auf seiner

Brust. Schnell verdeckte er sie wieder, und während er seinen Rock

auszog, streifte er alles ab und verbarg es in den Taschen, wie

geraubtes Gut.

Er war ganz allein in seiner Ecke, nachdem ihm der Wirt den Wein

gebracht. Sogar im Vorderzimmer spielten nur ein paar Stammgäste, die

sein Eintreten überhaupt nicht bemerkt hatten, einen stillen Skat.

Er trank, sah vor sich hin und grübelte nach. Er konnte es noch immer

nicht begreifen, was geschehen war!--

Dann zog er zögernd ein kleines, abgenütztes, in braunes Leder

gebundenes Buch aus der Brusttasche, das er stets bei sich trug.

Dieses Buch war ihm nach einem seiner ersten Aufsehen erregenden

Siege--wie lange war es schon her!--von einem älteren Mitglied seines

alten Klubs geschenkt worden, und der Geber hatte ihm dabei gesagt:

"Immer können Sie nicht siegen, aber so viele Seiten dieses kleine

Buch hat, so viel Siege wünsche ich Ihnen und uns..." Und Felder

hatte wie zum Scherz die Seiten gezählt: 103. Koepke nahm das Buch

mit nach Hause, und als er es Felder wiedergab, fand dieser in

tadelloser Rundschrift und mit kaufmännischer Genauigkeit von Anfang

an bis heute seine sämtlichen Beteiligungen an den Festen des

Schwimmsports eingetragen: ihren Tag und Ort, ihre Veranstalter, die

Art der Konkurrenz und wer an ihr teilnahm, ja die Stunden--alles war

registriert und seine Siege schön unterliniert und mit roter Tinte

prächtig hervorgehoben: ihre Art, die gemachten Zeiten, die

errungenen Preise aufs genaueste verzeichnet... Und jedesmal nach

einer neuen Beteiligung oder nach einer Reise erhielt Koepke das

kleine, braune Buch, um es am nächsten Tage wieder zurückzugeben,

bereichert um ein neues Blatt, das in nüchternen Worten und Zahlen,

aber doch so beredt von herrlichen Mühen und herrlichen Siegen

sprach.

Über kein Geschenk hatte Felder sich je so gefreut, wie über dieses.

Oft hatte er in stiller Stunde in dem Buche geblättert, aber noch nie

hatte er so sorgfältig Blatt um Blatt gewandt, vom ersten bis zum

letzten, wie heute. Selten erst, dann immer öfter, endlich fast auf

jeder Seite zeigte sich die rote Linie unter seinem Namen, und immer

öfter kehrten die Worte wieder: "Erster: Franz Felder..."

Da stand sein Name, immer und immer wieder als der Erste, der

Erste..., der Erste!--und unter ihm standen die Namen seiner

Gegner--alle diese berühmten, gefürchteten Namen, die großen Kanonen

der Schwimmkunst, aus allen Gegenden Deutschlands und so vielen

Ländern Europas... Und immer wieder _sein_ Name über allen als

Sieger!...

Er blätterte und blätterte--jedes neue Blatt ein neuer Sieg: ein

Lorbeerblattmehr in einem dichten Kranze!--

Fast keine Niederlagen, hier und da ein zweiter Preis, sonst immer

nur erste, erste, erste...

Er fing von vorn an und zählte die beschriebenen Seiten: 82. Und er

zählte die siegreichen: 73.

Der Schwimmer · 第 22 / 41 题