Warum starrte die ihn denn so an?--

So viel hatte er gesehen, daß sie außergewöhnlich schön war und

kostbar gekleidet. Sie trug ein über und über besticktes graues

Seidenkleid und einen Hut mit großen Federn von gleicher Farbe. Auch

glitzerte es überall von Steinen an ihr--an ihren Händen, in ihren

Ohren, auf ihrer Brust.

Er wollte nicht aufsehen, um nicht nochmals ihrem Blick zu begegnen.

Als er aber dann, wie neugierig, sich nach den anderen Tischen umsah

und seine Augen ebenfalls scheinbar gleichgültig über den ihren

schweifen ließ, sah er, wie sie sich zur Seite gewandt hatte, da ihr

Begleiter mit ihr sprach und sie sich ihm zuwenden mußte, um zu

antworten. Nun konnte er der Versuchung nicht widerstehen, sie zu

betrachten, und er sah, daß sie noch weit schöner war, als er dachte.

Er hatte noch nie ein so schmales, feines Gesicht gesehen, solche

zarte Haut, die weiß aussah wie gepudert, und solch eigentümlich

rote, schön geschwungene Lippen, dabei so viel Selbstbewußtsein und

zugleich Gleichgültigkeit in der aufrechten Haltung des Körpers... Er

konnte nicht fortsehen, so seltsam schön erschien sie ihm, und er

ließ sie nicht mehr aus den Augen, wie sie sich jetzt etwas

vornüberbeugte, um irgendeine Stelle in der Zeitung besser zu sehen,

auf die ihr Begleiter sie hinwies.

Als wenn sie fühle, daß er sie anblickte, sah sie plötzlich wieder

auf, und wieder begegnete dem seinen der Blick dieser großen,

dunklen, von langen, schwarzen Wimpern beschatteten Augen, die wieder

ruhig und prüfend, ohne Frage, aber mit durchaus unverhohlenem

Interesse auf ihm ruhten. Diesmal stieg eine jähe Röte in sein

Gesicht, und mit einer hastigen Bewegung, die nur zu deutlich zeigte,

wie sehr er sich erraten sah, wandte er sich ab.

Er war verlegen und ärgerte sich. Er wäre am liebsten fortgegangen,

wenn es möglich gewesen wäre ohne die anderen, die unbekümmert weiter

schwatzten.

Von jetzt an schaute er nur von Zeit zu Zeit auf, und jedesmal

begegnete er dem Blicke dieser Augen, der immer größer und immer

willensfester zu werden schien, als wollte er sagen: ich erkenne

dich...

Eine schwüle Beklemmung stieg in dem jungen Manne empor, wie er sie

noch nie empfunden. Er fühlte, daß diese Frau etwas von ihm wollte.--

Aber was?--Wer war sie?--War der Herr mit den ergrauten Haaren ihr

Mann?--Ihr Freund?--War sie eine anständige Frau oder war sie--etwas

anderes?

Eine anständige Frau war sie sicherlich nicht. Eine anständige Frau

sah einen fremden Mann nicht so an, aber eine öffentliche noch

weniger. Die wäre übrigens gar nicht in dieses Café eingelassen

worden.

Einerlei wer sie war. Er war er, Franz Felder, und er wußte, wer er

war, und er ließ sich nicht so ansehen. Mit einer fast verächtlich-

ausdrucksvollen Gebärde kehrte er sich ab und dem Gespräch seiner

Freunde zu. Man sprach jetzt laut und ohne Rücksicht auf die Ruhe des

Cafés vom nächsten Schwimmfest.

Felder hatte sich fest vorgenommen, überhaupt nicht mehr nach dem

Nachbartische hinzusehen. Mochte die ihn doch anstarren, soviel sie

wollte!--Er konnte es ihr nicht verbieten, aber er wollte ihr schon

zeigen, was er von ihrem Benehmen dachte!

Aber dann, nach einer Weile, während der er vergebens versuchte, sich

am Gespräch zu beteiligen, vernahm er ein Geräusch (ein Kellner hatte

einen Löffel fallen lassen), das ihn auf und nach der Seite sehen

ließ, und unwillkürlich streifte sein Blick wieder den ihren wie

vorher. Und jetzt sah er, daß sich der Ausdruck ihrer unbeweglichen

Züge geändert hatte: es war ihm, als höbe sich die Brust unter der

grauen Seide, als hätte sich der festgeschlossene rote Mund ein wenig

geöffnet, nur so weit, daß er die weißen Zähne durchschimmern ließ,

und als sei in diese dunklen, kalten Augen das Feuer eines heimlichen

Begehrens getreten, das nach ihm verlangte... Und jetzt war ihm nicht

mehr ungemütlich, sondern plötzlich unheimlich zumute.

Wieder sah er fort und wieder auf: abermals hatte der Ausdruck dieses

fremden, rätselvollen Gesichtes gewechselt und an die Stelle

drohenden Begehrens war der triumphierender Freude getreten, der zu

sagen schien: Aha, jetzt fürchtest du mich schon!

Er konnte es nicht mehr ertragen.

Schon wollte er das Gespräch seiner Genossen unterbrechen und sagen,

er sei müde und wolle fort, als er sah, wie sich der alte Herr halb

erhob und sich fragend an seine Begleiterin wandte, die bejahend den

Kopf neigte. Er blieb sitzen. Jetzt würde es kommen. Beim Hinausgehen

würde er irgendein Zeichen von ihr empfangen, und an ihm würde er

erfahren, was sie von ihm wollte. Aber nichts von dem allen geschah.

Ruhig stand sie auf, ließ sich den kostbaren Pelz um die Schultern

legen, und ging hochaufgerichtet und mit leichten Schritten, und ohne

ihn anzusehen, an ihm vorüber: Felder sah auf, aber ihr Blick ging

gleichgültig über ihn weg, und nur leise streifte seinen Stuhl die

Schleppe ihres Kleides, während der starke Duft eines seltsamen

Parfüms von ihr ausging. Hinter ihr her der alte Herr, mager und

straff, der Typus eines hochmütigen, aristokratischen Roués, mit

seinen kalten und leeren Zügen, unnahbarer noch als sie...

Felder blieb ganz verdutzt sitzen. Er hatte so bestimmt irgend etwas

erwartet--was, wußte er selbst nicht, aber irgend etwas

Ungewöhnliches. Aber so: erst starrte sie ihn eine halbe Stunde lang

mit ihren schwarzen Augen an, wie ein Wundertier, sich förmlich an

ihm festsaugend, und dann ging sie fort und sah über ihn hinweg, als

sei er Luft--Luft--Luft!--

Unbewußt war seine Eitelkeit geschmeichelt, und nun fühlte er sich

plötzlich in ihr verletzt. Sie saßen noch lange im Cafe, die drei,

aber Felder war noch mißgestimmter als vorher und fast grob. In der

Nacht, unter den heißen und schweren Kissen, träumte er von ihr: von

ihrer schlanken Gestalt in dem grauen Seidenkleide, ihren drohenden

Augen und dem seltsamen Rot ihrer gemalten Lippen... Und noch nach

Tagen glaubte er zuweilen den Duft zu spüren, der von ihr ausgeströmt

war, als sie an ihm vorbeischritt, diesen starken Duft eines ihm

unbekannten Parfüms.

Dann hatte er bald die "ganze blödsinnige Geschichte" vergessen, denn

ein anderer Gedanke begann ihn zu beherrschen ganz--und gar...

3

In dieser Zeit, die die glücklichste seines Lebens hätte sein müssen,

war Franz Felder nicht glücklich.

Alles, was er je in seinen kühnsten Träumen kaum zu hoffen gewagt,

hatte er erreicht; alle Siege, die überhaupt erlangbar waren, waren

ihm zugefallen; was keinem je zuteil geworden: höchste Ehren in so

frühen Jahren, er besaß sie...

Dennoch war er nicht zufrieden.

Alles konnte er ertragen, nur nicht diese Ruhe nach solchen Siegen.

Ihn dürstete nach neuen und größeren Erfolgen, gleich dem Trinker,

dessen Durst sich mit jedem neuen Glase vermehrt--er begehrte etwas

Neues, noch nie Dagewesenes...

Größere Siege gab es nicht, so konnten es nur außergewöhnlichere

sein.

Eine Idee tauchte wieder in ihm auf, die ihn schon oft beschäftigt,

und ließ ihn nicht mehr los.

Er war Schwimmer, ausschließlich Schwimmer. Als Schwimmer war er vom

besten seines Klubs allmählich der Meister Europas geworden.

Ein ausgezeichneter Taucher war er schon als kleiner Kerl gewesen,

und er wühlte immer noch zuweilen unter dem Wasser herum, um die

Kraft seiner Lungen zu erproben und aus reiner Lust. Aber an den

Konkurrenzen der Teller und Hechttauchen hatte er nie teilgenommen.

Sie waren ihm immer als etwas Minderwertiges vorgekommen.

Im Springen dagegen hatte er es über den glatten und schönen

Kopfsprung, mit dem er stets ins Wasser ging, nicht hinausgebracht.

Andere Sprünge hatte er früher wohl gekonnt und noch manchmal

versucht--aber immer nur ungern, und dann war er regelmäßig so

aufgeschlagen wie alle anderen, die sie nicht ständig übten. Endlich

waren sie gänzlich gegen sein Schwimmtraining zurückgetreten und über

ihm in Vergessenheit geraten. Er konnte keinen einzigen mehr

ordentlich.

Daher hatte er sich an den Mehrkämpfen im Schwimmen, Springen und

Tauchen, aus denen der als Sieger hervorgeht, der die größte Anzahl

von Punkten in allen drei Arten aufweist, nie beteiligt und nie daran

denken können, es zu tun. Aber nie hatte er in den letzten beiden

Jahren seiner beispiellosen Triumphe ein Gefühl des Mißmuts

ganz unterdrücken können, wenn er sehen mußte, wie bei den

Preisverteilungen noch andere als er zu Meistern ernannt wurden, zu

Meistern im Mehrkampf und Springen, und gleiche, wenn auch nie so

beispiellose Ehren genossen wie er. Besonders stark war dieses

Gefühl--mehr ein Gefühl der Unbefriedigung, kein Gefühl des Neides,

denn kleinlich war er nicht--im letzten Jahre geworden, wo es dem

Verwöhnten schwerer und schwerer wurde, mit anderen zu teilen.

Sein Ehrgeiz ließ den Gedanken nicht ruhen und schürte ihn immer von

neuem: sollte es denn nicht möglich sein, auch dieses Gebiet für sich

zu erobern, auf ihm gleiche oder doch ähnliche Triumphe zu erlangen

wie auf seinem eigensten, und wenigstens einzelne Mehrkampfpreise an

sich zu reißen?--Im Tauchen würde es ihm leicht gelingen, sich durch

einfache Übung ohne große Anstrengung so lange "unter Wasser zu

halten" wie die anderen; Übung und eine normale Lunge genügten hier

vollkommen. Und erst die seine!--

Aber im Springen?!--Er hatte bei seiner Einseitigkeit die anderen

Sports so gänzlich vernachlässigt, z. B. nie geturnt; er war kein

Knabe mehr, dessen Muskeln noch weich und nachgiebig waren gegenüber

allen Anforderungen, sich auszubilden,--und hier kam nicht nur

Ausdauer und Übung in Betracht, sondern jene spezifische Begabung,

die ihn gerade auf seinem Gebiet zu dem einzigen Schwimmer gemacht

hatte.--

Die Frage war: Konnte ein erster Schwimmer überhaupt ein erster

Springer sein, und umgekehrt?

Die Erfahrung sprach dagegen. Es gab erstklassige Schwimmer,

die hervorragend gute Springer waren, und umgekehrt. Die einen

oder anderen waren es gewöhnlich, die sich daher die ersten

Mehrkampfpreise holten, indem sie durch die eine Fertigkeit

ersetzten, was ihnen an der anderen fehlte, und nur selten

verscherzte sich einer von ihnen durch schlechtes Tauchen den Preis.

Aber daß sich ein und derselbe auf einem Feste an zwei ersten

Einzelkonkurrenzen auf verschiedenen Gebieten beteiligt hatte, das

war wohl noch fast nie dagewesen und hätte jedenfalls mit der

sicheren Niederlage auf dem einen der beiden Gebiete geendet. Daher

fielen die Preise hierhin und dorthin, und der Klub genoß die höchste

Ehre, dem es gelungen war, nicht nur erste Schwimmer, sondern auch

erste Springer heranzubilden. So besaß der S.-C. B. 1879 neben dem

Meisterschwimmer Felder den unübertrefflichen Springer Grafenberger.

Felder wußte dies alles ganz wohl.

Aber er kam von seinem Gedanken nicht mehr los. Es nutzte alles

nichts. Er ertrug es schon nicht länger, andere neben sich als

ebenbürtige Meister gleich gefeiert zu sehen--einmal, einmal mußte er

das Hochgefühl ganz auskosten, allein, ganz allein unter dem Jubel

des Tages dahin zu schreiten--: keinen neben, alle hinter sich...

Wenigstens mußte er versuchen, ob es ihm nicht gelang, durchzusetzen,

was er plante.

Mit der alten, zähen Entschlossenheit, der ganzen Verbissenheit in

sein neues Ziel, ging er auch diesmal ans Werk. Er wollte vorab

nichts verlauten lassen. Einmal, weil er nicht ausgelacht werden

wollte, wenn die Sache mißlang; dann aber, weil er ganz gut wußte,

daß mit seinen beispiellosen Erfolgen ihm überall Neider entstanden

waren, die es sicher an gehässigen Bemerkungen nicht fehlen lassen

würden, wenn sie sahen, wie er, immer noch nicht zufrieden, weiter

und weiter die Hände nach den Lorbeeren anderer streckte...

Überhaupt war es ganz ausgeschlossen, daß er sich unter aller Augen

plötzlich im Springen versuchte. Er konnte ja nicht mehr im Bade

erscheinen, ohne daß man ihm auf Schritt und Tritt nachging und jede

seiner Bewegungen verfolgte. Beim Schwimmen störte es ihn nicht, und

er hatte sich längst an die leise geflüsterten Worte und die

neugierigen Blicke gewöhnt. Aber bei dem, was er jetzt vorhatte,

hätte es jeden Versuch von vornherein vereitelt.

Er mußte einen Ort ausfindig machen, an dem er ungestört seine neuen

Übungen anstellen und sich so weit ausbilden konnte, um mit einiger

Sicherheit vor seinen Klub an den Übungsabenden hintreten zu können.

Das war nicht einmal schwer. Berlin, so arm an Winterschwimmhallen,

besaß neben seinen am meisten besuchten Volksbadeanstalten und den

ein, zwei großen privaten Hallen in dem einen oder anderen Stadtteil

noch ein oder zwei Bassins, unbrauchbar für die Schwimmfeste ihrer

Kleinheit wegen, gekannt nur von wenigen alten Stammgästen und

gehalten von ihren Besitzern nur als unfruchtbarer Anhang zu ihren

Etablissements, weil sie nun einmal da waren. Ein solches Bad lag

ganz im Süden der Stadt, jenseits des Halleschen Tores--verlassen von

aller Welt und als Schwimmbad seit langer Zeit vergessen und kaum

mehr genannt. Ob es noch existierte, wußte selbst Felder nicht, der

hier vor Jahren einmal gewesen war, um der kleinen Veranstaltung

irgendeines längst eingegangenen Klubs beizuwohnen.

Das war, was Felder jetzt brauchte, und eines Abends unternahm er

eine heimliche Orientierungsreise nach dem Süden der Stadt.

Er fand ein dunkles, tiefes Loch, gefüllt mit einer schwarzen, kalten

Flüssigkeit, völlig ungeeignet zum Schwimmen, da Felder es mit einem

einzigen seiner Stöße in die Länge und einem halben in die Breite

durchmaß, aber von genügender Tiefe, selbst für die geraden Sprünge,

und leidlich erhaltenen Sprungbrettern in zweifach verschiedener

Höhe. Einmal in der Woche übte hier der Schwimmklub einer Schule, der

mit sportlichen Kreisen in keiner Berührung stand; sonst badeten nur

morgens ganz früh und abends nach der Arbeit ein paar Täglichschwimmer

hier, die es "nicht lassen konnten", wie der verschlafene Bademeister

meinte, der Felder nicht einmal dem Namen nach kannte.

Dieser entschloß sich sogleich, nachdem er einige Versuchssprünge

gemacht hatte. Hier würde ihn sicher niemand finden. Wenn er

allwöchentlich einmal auf den Übungsabenden (wenn hier die Lehrer

mit ihren Schülern hierherkamen) und ein anderes Mal auf den

Sitzungen seines Klubs erschien, wenn er zudem nach wie vor die

Sonntage mit seinen Leuten verbrachte, so konnte es nicht weiter

auffallen, daß er regelmäßig die vier anderen Abende fortblieb.

Außerdem erwartete jetzt auch kein Mensch mehr von ihm, daß er wie

bisher weitertrainierte. Und schließlich war er doch eben auch der

berühmte Franz Felder, der tun und lassen konnte, was er wollte,

und den so leicht keiner mehr danach fragen durfte.

Zustatten kam ihm, daß die Arbeitszeit in der großen mechanischen

Werkstätte, in der er jetzt wieder eine Stelle angenommen hatte, nur

bis sechs Uhr dauerte. Wenn er auf den Weg eine Stunde rechnete, so

konnte er um sieben am Halleschen Tor sein. Die Kasse des Bades

schloß um acht; das Bad selbst um neun Uhr. Es blieben ihm also zwei

Stunden--viel zuviel für jeden anderen, noch zu wenig für ihn und für

das, was er vorhatte.

Vom Entschluß zur Ausführung war für Felder nur ein Schritt. Die

ganze Hartnäckigkeit seines Willens zeigte sich jetzt von neuem.

Viermal die Woche, jeden Montag und Dienstag, jeden Donnerstag und

Freitag, machte er nach der Arbeit den weiten Weg nach dem Süden,

übte frisch, als wenn er nicht von der Arbeit, sondern aus dem Bette

käme, seine Sprünge, von den einfachsten allmählich zu den

schwierigeren übergehend, und endlich die schwierigsten--treu,

unermüdlich, täglich von neuem die Kraft seines Körpers in dem

fremden und ungewohnten Kampfe erprobend, und nie beruhigt über seine

Fortschritte, nie zufrieden...

Wie er früher geschwommen und nur geschwommen hatte, so sprang und

sprang er jetzt. Alles Gelernte durchging er jeden Abend von neuem,

um sicher zu sein, nichts gegen gestern eingebüßt zu haben, und

täglich ging er einen Schritt weiter. Zunächst wiederholte er die

einfachen Sprünge, die er als kleiner Knabe dort draußen in dem

Kasten an der Spree halb im Spiel gelernt, aber fast vergessen hatte,

und sah mit Freude, daß er sie noch konnte: das einfache Abfallen und

den "Abrenner" sowie die leichtesten Formen der Kopfsprünge, in ihren

verschiedenen Arm- und Beinhaltungen, das Anlegen, Anziehen,

Strecken, Spreizen derselben. Dann diese selben Kopfsprünge in ihren

verschiedenen Drehungen, der viertel, halben und ganzen Drehung um

die Längsachse, vorwärts und rückwärts, und wiederum dieselben mit

Anlegen oder Hochheben der Arme, alle diese sogenannten "Schrauben".

Alsdann die Hechtsprünge, die Bohrer, bei denen man ins Wasser schoß

wie ein Pfeil, und auch diese in ihren mehrfachen Armhaltungen und

Drehungen beim Niedergehen. Endlich die "Schlußsprünge", diese

schwierigen Sprünge mit ihren wunderbaren Drehungen um die

Breitenachse, die bis zur eineinhalb-, ja zweieinhalbfachen Drehung

des ganzen Körpers gingen, die so berühmten "Saltos", bei denen der

Springer sich in der Luft um sich selbst dreht wie ein Ball, Sprünge,

die in ihrer Vollendung von ungeheurer Schwierigkeit sind und daher

selten mit der höchsten Nummer sechs gewertet werden konnten, da sie

nur dem Geübtesten gelangen. Ganz zuletzt noch die Spreizsprünge,

jene sogenannten Auerbachsprünge, bei denen das regelrechte Spreizen

der Beine die Hauptsache war...

Daneben aber galt es einen großen Teil aller dieser unendlich

verschiedenfachen Sprünge zu üben in ihren wiederum so verschiedenen

Ansätzen: aus dem Stand oder mit Anlauf; und sodann die aus dem Stand

in ihrer beim Abspringen angenommenen Haltung: vorwärts, rückwärts,

seitwärts. Endlich aber sie noch zu beherrschen von verschiedener

Sprungbretthöhe aus, der niedrigen von einem, der mittleren von drei,

der hohen von sechs Metern aus.

Selbstverständlich war es ein Unding, alle diese Sprünge in allen

ihren verschiedenen Ausführungsarten sich zu eigen zu machen. Kein

Mensch konnte das, und Felder dachte auch gar nicht daran: Worauf es

ihm ankam, war nur, sich einige der schwierigen, und wenn möglich die

schwierigsten, bis zur Sicherheit einzulernen, vor allem die, welche

bei den Konkurrenzen gewöhnlich verlangt wurden; und sich sodann

einige andere ebenfalls bis zur Vollendung zu eigen zu machen, um sie

als selbstgewählte Sprünge, im "Kürspringen", ins Treffen zu führen.

Vorerst durfte er an die Erreichung dieses Zieles noch gar nicht

denken und mußte froh sein, wenn er die einfachen Sprünge, die,

"welche jeder konnte", lernte. Denn eigentlich konnte er noch gar

nichts und war sich auch ganz klar darüber.

So übte er einstweilen und war froh, es so ungestört und unter den

Augen seiner eigenen Kritik tun zu können.

Denn seine Berechnung täuschte ihn nicht. Er konnte ruhig sein, daß

ihn hier niemand suchte und fand. Die Schwimmklubs hatten sämtlich

ihre bestimmten Abende in den anderen Bädern, an die sich ihre

Mitglieder hielten, und sonst waren es immer dieselben paar Gäste,

die den alten mürrisch-schweigsamen Bademeister abends aus seinem

Winterschlaf für eine Weile aufstörten: ein fanatischer Naturmensch,

der durch den tiefsten Schnee in bloßen Sandalen herkam, um sich

unter der kältesten Dusche zu erwärmen; ein uralter Doktor,

Medizinalrat usw., der auf den Schlag der Stunde kam, sich

geräuschlos entkleidete und seinen dürren Körper für genau zwei

Minuten am untersten Ende des Bassins ins Wasser tauchte, wobei er

sich krampfhaft an der Leiter festklammerte; ein kleiner Judenjunge,

der auf den Befehl seiner Eltern kam, die es offenbar für sehr gesund

hielten, wenn er sich nach langem Zaudern endlich entschloß, ins

Wasser zu springen, einmal herumzuschwimmen und dann eine halbe

Stunde lang noch bebend vor Angst und zitternd vor Frost mit bloßen

Füßen auf dem kalten Steinboden zu stehen und mit großen, staunenden

Augen Felders Sprüngen zuzusehen; und dann noch einer oder zwei von

denen, die es "nicht lassen konnten"--keine großen Schwimmer, aber

passionierte Wasserratten, denen diese köstliche Erfrischung einer

täglichen Hautreizung Bedürfnis geworden war.

Keiner von ihnen allen wußte, wer Felder war und was ihn hierher

brachte. Er trug ein einfaches Trikot und eine Badehose ohne jedes

Abzeichen, die er sich zu diesem Zwecke gekauft hatte--das erstemal

seit für ihn undenkbarer Zeit, daß er die blauweißen Farben seines

Klubs nicht führte...

Ein seltsames Bild, dieses jeden Abend: der nicht große, aber hohe

Raum halb im Dunkeln, nur schlecht beleuchtet von ein paar

flackernden Gasflammen, und unregelmäßig, oft kaum erwärmt. Das

schwarze, stille Wasserbecken, eine hohle Tiefe ohne Grund. Hier und

da hinter den verhängten Nischen ein vereinzelter Badegast, der sich

langsam auszieht, langsam ins Wasser geht und langsam wieder heraus.

Kein Rufen und Lärmen wie sonst in allen Bädern--kaum ein Gespräch;

ein eisiges, unheimliches Schweigen, einzig unterbrochen zuweilen

durch das plötzliche Schnauben des Dampfes, der an einer fehlerhaften

Stelle der Wärmeröhren pfeifend herausschießt, um wie eine

Sommerwolke schnell zu verfliegen. Dann kommt Felder, greift rasch

mit einem kurzangebundenen "Guten Abend" nach seinen Sachen, steigt

zur Galerie hinauf, wo er sich schnell entkleidet--und nach wenigen

Minuten bereits hallt und rauscht das Wasser unter seinen ersten

Sprüngen. Da gibt es nicht erst lange Abkühlung und Abreibung und

bedächtiges Überlegen: ein einziges Emporstrecken der Arme, ein

Dehnen des dampfenden Körpers, dann ein festes Aufsetzen, und er ist

in seinem Element. Und nun bebt und dröhnt für die nächste Stunde das

Sprungbrett wieder und wieder unter den unermüdlichen Füßen, und das

schlafende Wasser gurgelt und grollt leise bei den Sprüngen, die

gelingen, wenn der Körper es wie ein Pfeil durchschneidet; und es

knallt und spritzt hoch auf zu den Wänden bei denen, die mißlingen

und die ihn flach aufschlagen lassen, wie ein Brett... und es hat

nicht Zeit mehr sich zu beruhigen, bis Felder endlich atemlos, rot

wie ein Krebs und völlig erschöpft--eine Pause machen muß, in der er

in irgendeiner Ecke auf einer Bank liegt und, die Hände unter dem

Kopf gefaltet, zu dem schmutzigen Glasdach emporsieht...

Kaum wieder zu Atem gekommen, beginnt er das Spiel von neuem und von

neuem: immer schwieriger werden seine Sprünge, immer intensiver die

Anspannung seiner Muskeln und immer peinlich-genauer ihre Ausführung,

und wieder gellt und schreit das Wasser unter den Schlägen dieser

Hände, und grollt und schäumt und murrt noch, wenn Felder schon

wieder auf dem Brett steht, während der kleine Junge zitternd vor

Kälte mit seinen immer erschrockenen Augen den rätselhaften Springer

verfolgt und in der Ecke fauchend der Dampf für eine Minute aus der

zerplatzten Röhre schießt...

Fast ein Vierteljahr--von Weihnachten bis zum beginnenden Frühjahr--

dauerte dieses neue zähe und seltsame Training: in den ersten Wochen

sprang Felder stets allein, denn es kam ihm zunächst darauf an, seine

Glieder für die neuen Anforderungen gelenkig zu machen. Dann, als er

von den einfacheren zu den schwierigeren Sprüngen übergehen mußte und

sie nicht mehr selbst kontrollieren konnte, brauchte er jemand, der

sie wenigstens einigermaßen zu bewerten vermochte, und er vertraute

sich nach Abnahme eines heiligen Ehrenwortes seinem getreuen Koepke

an. Der hatte sich so lange im Schwimmerleben umhergetrieben, daß er

wenigstens etwas von der Sache verstand; und daß er Feuer und Flamme

für die neue Idee war, verstand sich von selbst--erwartete er doch

immer das Unmöglichste von seinem großen, genialen Freunde. Von da an

mußte Koepke fast alle Abende dabeistehen, wenn Felder sprang, und er

tat es mit Wonne.

Vorher machte Felder indessen noch eine neue Bekanntschaft.

4

Er hatte wieder ein Ziel und war wieder glücklich.

Was ihn eine Zeitlang in seinen Strudel gezogen, der Rausch seines

Ruhmes und fremder, lauter Vergnügungen, war in dieser Zeit fast von

ihm vergessen und lag unbegehrt hinter ihm. Zuweilen vergaß er ganz,

wer er war, und im Klub fand man wieder, daß er den "Meisterschwimmer"

nicht mehr so stark herauskehre wie nach seiner Rückkehr von England.

So stellte sich bald das alte, trauliche Verhältnis mit seinen

Genossen wieder her und die festlichen Veranstaltungen des Winters

strahlten auch auf Felder ihre alte Fröhlichkeit aus. Daß er nicht

mehr ganz so oft wie früher unter "den Seinen" erschien, fiel nicht

weiter auf; selten, daß er gefragt wurde und eine ausweichende

Antwort geben mußte.

Noch hatte er sein Geheimnis auch an Koepke nicht verraten.

Abend für Abend machte er nach der Arbeit den weiten Weg vom Norden

der Stadt nach dem Süden, fuhr erst eine Zehnpfennigstrecke mit der

Pferdebahn und ging dann den Rest des Weges mit seinen festen

elastischen Schritten die breite Lindenstraße hinunter, an den

glänzenden Läden und den Stätten der Erholung und Freude, wie an

seinem eigenen Klublokal vorüber, seiner neuen Arbeit zu--mit dem

Ausdrucke innerer Entschlossenheit in den Zügen, als ginge es schon

zu neuen Siegen.

Mit dem Streben nach seinem neuen Ziel war er wieder ganz zu der

Einfachheit der Gewohnheiten seiner bedürfnislosen Jugend

zurückgekehrt. Nie hatte er seine Tagesarbeit unverdrossener und

stiller getan und nie waren seine Gedanken weniger bei äußerlichen

Vergnügungen und Zerstreuungen gewesen als jetzt. Wie früher trug er

sein Abendbrot, ein paar belegte Stullen, in der Tasche mit sich und

verzehrte es beim Ankleiden oder auf dem Heimweg aus der Hand. Das

war das einfachste und das billigste und es nahm ihm nichts von

seiner Zeit.--

Obwohl er zu seinen heimlichen Übungen kam und ging, ohne sich

umzusehen, machte sich eine Bekanntschaft schon in den ersten Wochen

wie von selbst. Unter den paar abendlichen Stammgästen erschien auch

ziemlich regelmäßig ein Arzt, Dr. König, wie ihn der Bademeister

nannte. Ein guter Schwimmer, nahm er sein Bad der Gesundheit wegen,

ließ sich Zeit beim An- und Auskleiden, und nachdem man sich erst

guten Abend gewünscht und der Doktor des öfteren stillschweigend den

rätselhaften Sprüngen Felders zugesehen hatte, wechselten sich die

ersten Worte ohne viel beiderseitiges Zutun. Dann traf es sich das

eine Mal, daß man zusammen hinausging, und ein anderes Mal, daß der

Doktor Felder traf, wie er in dem dunklen Torweg des Hauses seine

Stulle aus der Tasche zog und kräftig hineinbiß. Nach ein paar Tagen

stellte es sich heraus, daß der Doktor wußte, wer Felder war, da er

die Sportzeitschriften las und ihn nach den Bildern erkannt hatte,

worauf Felder nichts weiter übrig blieb, als ihm den Grund seiner

Besuche in diesem entlegenen Bade zu erklären und die Bitte

auszusprechen, sie einstweilen geheimzuhalten.

Gewiß hätte Felder nach seiner gewohnten, unverändert mißtrauischen

und zurückhaltenden Art diese unfreiwillige Bekanntschaft von

vornherein abgeschnitten, wenn ihm die einfache und freundliche Art

des Doktors nicht sympathisch gewesen wäre. Dazu kam das große

Interesse, das dieser an seinem Plane faßte. Kurz, nachdem ein Wort

das andere gegeben und zu einer stetigen Unterhaltung geworden war,

war es nur natürlich, daß man ein paarmal das Stück des

gemeinschaftlichen Heimweges zusammen ging und gelegentlich noch

irgendwo ein Glas Bier trank. So konnte es auch Felder nicht

abschlagen, als ihn der Doktor in seiner liebenswürdigen Weise eines

Abends bat, sein Abendessen in einem Restaurant zu teilen (von der

Stulle war nie die Rede gewesen), und ebensowenig mehr nein sagen,

als aus dieser Einladung ein nächstes Mal die zu einer Tasse Tee in

des Doktors eigener Wohnung wurde. Diese Einladung wiederholte sich

dann im Laufe des Frühjahres noch einige Male.

Zum ersten Male tat Felder einen Blick in die ihm völlig fremde Welt

einer höheren Lebensführung, erfüllt von geistigen Interessen und

gelenkt von sicherem Geschmack. Denn der Dr. König war ein

weitgereister Mann, ein tüchtiger Arzt von Ruf und ein guter

Psychologe, der die freie Zeit seines Lebens auf jede Weise zu einer

Art Kunstwerk zu gestalten bestrebt war.

Er erkannte natürlich bald die ungeheure Einseitigkeit Felders, und

daß man mit ihm eigentlich nur über _eine_ Sache ernstlich reden

konnte. Für alles andere taub und blind, existierte es einfach nicht

für ihn, setzte er jeder anderen Unterhaltung das Schweigen absoluter

Interesselosigkeit und eines geradezu krassen Unverständnisses

entgegen, und war erst wieder zugänglich, wenn die Rede wieder auf

jenes eine zurückkam, oder er selbst sie naiv oder brüsk dahin

zurückgezwungen hatte. Das hätte den so vielseitigen Älteren und

Erfahreneren bald langweilen müssen, sollte man meinen. Aber im

Gegenteil: der Doktor war, wie gesagt, Psychologe, und ihn hätte

diese unglaubliche, auf so eisernen Willen gestützte Beschränktheit

interessiert, auch wenn sie sich nicht auf dies spezielle Gebiet

erstreckt hätte, für das er selbst eine besondere Vorliebe hegte und

dem er als Arzt eine so große Bedeutung in der Gesundheitspflege

zuschrieb.

So gab er denn schon nach wenigen Gesprächen jeden Versuch auf, mit

dem "Meisterschwimmer" über irgend etwas anderes zu sprechen, als was

ihn und seine Kunst betraf, und beschränkte sich darauf, ihm gutmütig

zuzuhören, wenn er in weitschweifiger Weise von seinen Erfolgen

sprach; oder zu versuchen, den Horizont des jungen Mannes wenigstens

auf seinem eigensten Gebiete zu erweitern, indem er ihm von der

Entwicklung des Badewesens in früheren Epochen erzählte. Über diese

Zeiten fehlte nun zwar Felder jeder Begriff; aber er hörte doch mit

gesteigertem Interesse zu, wenn der Doktor in seiner ruhigen Weise

und vertieft in die Erinnerung an seine Reisen nach den klassischen

Stätten, erst von dem Leben jener alten Römer sprach, die den halben

Tag in ihren wunderbaren Bädern verbrachten; wenn er diese in

anschaulicher Schilderung aus ihren braunen Trümmern wiedererstehen

ließ: die unerhörte Pracht jener Thermen des Caracalla und des

Diokletian, die in jener Zeit zu öffentlichen Wohnstätten geworden

waren, in denen die Römer den größten Teil ihres Lebens lebten und

die sie zuletzt nur noch verließen, um sich zu ihren üppigen

Mahlzeiten und den blutigen Schaustellungen der Arenen und des

Kolosseums zu begeben. Das mußte eine Zeit nach Felders Herzen

gewesen sein, und er wünschte, in ihr gelebt zu haben: den ganzen Tag

im Bade und den halben im Wasser--was konnte es Schöneres geben!--

Und er hörte dem Erzähler weiter zu, wenn dieser von dem

wasserscheuen Mittelalter mit seiner Verpönung des freien Badens und

den langen Jahrhunderten des Daniederliegens des Schwimmens sprach

und so gemach auf die Wiederbelebung der Schwimmkunst am Anfange des

eigenen Jahrhunderts und hier in Berlin kam, um endlich bei der

Jetztzeit und damit, wie von selbst, bei ihm, Franz Felder,

gewissermaßen als der Krone des Ganzen, zu enden...

Wenn es so weit gekommen war, wurde auch der Zuhörer warm, und ein

Gespräch über alle möglichen die Schwimmkunst betreffenden Fragen

entstand zwischen den beiden, das sich bei einer Tasse Tee oder einem

Glase Bier in dem gemütlichen, warmen, von dem Duft des Karbols

leicht durchzogenen Zimmer des Arztes oft bis zur Zeit von Felders

letzter Pferdebahn nach dem Norden hinzog.

Man war ganz zufrieden miteinander: Felder hatte jemand, der ihm

freundlich zuhörte, und der Doktor machte eine psychologische Studie,

von der der Betroffene allerdings nichts ahnte.

5

Es war die Bekanntschaft mit Dr. König, die für Felder eine zweite

nach sich zog. Eines Abends erschien im Bade ein großer,

starkknochiger Herr in guter, aber schlechtsitzender Kleidung, mit

großen Händen und scharfem Blick, den der Doktor als seinen Freund

vorstellte. Er badete nicht selbst, sah aber den Sprüngen Felders mit

höchstem Interesse zu und ließ ihn nicht aus den Augen, so daß dieser

schon wieder mißtrauisch geworden wäre, wenn der Fremde ihm nicht als

Bildhauer vorgestellt worden wäre. Man trank noch zu dritt ein Glas

Bier zusammen, plauderte über allerhand und ging auseinander.

Das nächstemal, als sie wieder allein waren, erfuhr Felder den Zweck

dieses Besuches. Der Fremde war ein alter Bekannter des Doktors und

einer der bedeutendsten, wenn auch nicht berühmtesten Künstler

Deutschlands. Eines Tages war die Rede in seinem Atelier auf seine

neuen Werke und damit auf die Modellnot gekommen.

Der Bildhauer trug sich seit Jahren mit der Idee der Darstellung

eines jugendlichen Läufers, verzweifelte aber immer von neuem an der

Ausführung, da es ihm völlig an einem Modell fehlte, das auch nur

einigermaßen seinen Ansprüchen entsprach. Dr. König hatte von seinem

jungen Freunde erzählt, und der andere war aus reiner Neugier

mitgegangen, um ihn sich einmal anzuschauen.

Er war Feuer und Flamme--ja, das wäre ein Modell!--Aber er wisse

wohl, daß nichts daraus werden könne. Einmal werde Felder sich wohl

nie zum Modellstehen hergeben, und dann habe er ja auch keine Zeit.--

Nun fragte der Doktor, mitleidig mit der fast komischen Verzweiflung

des Künstlers, behutsam bei Felder an: er erzählte ihm von der Würde

und der Größe echter Kunst, von dem unausgesetzten Ringen einer

vornehmen Künstlerseele, ihren Kämpfen und ihren Streben, das nur zu

oft an nichtigen, äußerlichen Umständen vor dem Ziele scheitert, von

der harten und unbelohnten Arbeit seines Freundes, und es gelang ihm,

besser und schneller als er gehofft, in Felder Interesse und

Verständnis zu erwecken. So deutete er denn einmal an, wie sehr er

selbst zum Gelingen eines solchen Werkes beitragen könne.

Felder war durchaus nicht abgeneigt, doch machte auch er gleich den

Mangel an der nötigen Zeit geltend. Einen Versuch könne man ja an den

freien Sonntagen einmal machen, meinte er naiv... Als dann aber der

Doktor mit seinem letzten Trumpf herausrückte und davon sprach, wie

beim Gelingen des Werkes sein Ruhm sich mit dem des Künstlers

verbinden und beider Name in einer unvergänglichen und vielleicht

unsterblichen Schöpfung weiterleben würde, da war Felder bereits ganz

gewonnen, und nun war er es, der den Vorschlag zur weiteren

Besprechung der Sache machte... Was die Zeit anbelangte--nun, er

hatte ja ausgelernt und war sein eigener Herr, und wenn er seine

Arbeit wieder für einige Wochen (länger würde die Geschichte wohl

nicht dauern) aufgäbe, so wäre das nicht so schlimm; er fände danach

schon wieder andere.

Er würde reichlich entschädigt werden, versicherte Dr. König. Da aber

empörte sich der Stolz des Meisterschwimmers. Davon könne keine Rede

sein. So sei es bei ihm nicht, "wie bei armen Leuten". Wenn er

einwillige, so tue er es um der Kunst willen und des Ruhmes wegen.

Der Doktor konnte nichts darauf erwidern, und man traf sich im

Atelier des Künstlers.

Als Schwimmer, der er war, müsse er dargestellt werden, meinte

Felder, während der Bildhauer nicht von seiner ursprünglichen Idee

des Läufers lassen wollte. Ein Schwimmer?--wie sich Felder denn das

denke?--In welcher Lage denn?--liegend wohl?--Und das Wasser?--aus

blauem Glase, nicht wahr?--Und dabei der Körper aus Marmor?--Felder

nahm das für Ernst, und es gefiel ihm. Aber der Künstler wurde

wütend.--Dann wiederholte Felder zum zwanzigsten Male: er sei der

Meisterschwimmer von Europa und kein Läufer... Keiner wollte

nachgeben, und die Sache war auf dem besten Wege, an der

Hartnäckigkeit der beiden zu scheitern, als der lachende Doktor den

Vorschlag des Springers machte. Er gefiel. So wurde der eine beruhigt

durch die Idee, daß die Gestalt des Körpers im Moment des Abspringens

sich nicht zu sehr von der des Läufers im Augenblick des Anlaufs

unterscheide; und der andere, daß, wenn er auch noch nicht der

Meisterspringer sei, er es doch unzweifelhaft werden würde, und daß

die Zeit seines ersten Triumphes als solcher, wenn alles gut ging,

mit der der Ausstellung seiner Statue vor den Augen der Welt

zusammenfallen könne...

Die Sitzungen in dem großen Atelier in Wilmersdorf begannen. Obwohl

Felder nicht mehr arbeitete und mehr Ruhe und Schlaf hatte, als

vorher, war er doch schon gegen Abend, wenn er zu seinem Training

ging, von den ausgedehnten Stunden der Sitzungen und von den langen

Fahrten nach dem Vorort müder, als je zuvor.

Er hatte nie gedacht, daß er so müde werden könne. Erst hatten ihn

die langwierigen Vorarbeiten interessiert, das neue der Umgebung und

die ganze Art des Künstlers. Dann sah er sich selbst mehr und mehr

aus dem rohen Ton hervortreten, immergleicher und ähnlicher werden.

Als dann aber die stundenlangen, mühsamen Ausarbeitungen des

einzelnen begannen, ohne daß er mit seinen ungeübten Augen

irgendeinen Fortschritt wahrnehmen konnte, da hatte er oft die ganze

Kraft seines Willens nötig, um auszuhalten. Er hatte sich

vorgenommen, so lange zu stehen, bis der andere selbst das Holz aus

der Hand legte; aber wenn der Künstler--nach einer, nach zwei

Stunden--ganz in sein Werk vertieft und völlig entrückt, keine Miene

machte, eine Pause eintreten zulassen, dann war Felder oft einfach so

erschöpft, daß er plötzlich abbrach. Erstaunt über die Zeit, die

verflossen war, brummte der Bildhauer etwas, das wie eine

Entschuldigung klang, und beide warfen sich in irgendeinen Sessel,

froh, nicht miteinander sprechen zu brauchen.

Denn zu einer rechten Unterhaltung kam es nie zwischen ihnen. Diese

beiden so verschlossenen, nur mit sich und ihren eigenen Zielen

lebenden Menschen, von denen keiner die Leichtigkeit und

Freundlichkeit des Dr. König besaß, hatten sich nichts zu sagen. Wohl

entstand ab und zu ein Gespräch, da man, um keine Zeit zu verlieren,

jetzt des öfteren auch draußen in einem mäßigen Restaurant zusammen

aß. Aber wenn der eine oder der andere nach so viel Stunden

schweigenden Beisammenseins in dem natürlichen Bedürfnis, sich zu

äußern, dieser von seinem Werk und seinen Hoffnungen, und jener

ebenfalls von seinen Plänen und seinen Hoffnungen anfing, dann

konnten sie beide sicher sein, daß sie aneinander vorbeisprachen und

keiner dem andern auch nur zuhörte... Denn was wußten, was verstanden

sie voneinander?--beide so einseitig, beide so verloren in ihre

Ziele: ungleich in ihrer Weite und Größe, gleich nur in ihrer

Außergewöhnlichkeit und der Energie, mit der sie verfolgt wurden. In

einem aber verstanden sie sich ganz, und dieses eine hielt sie diese

lange Zeit--weit länger, als vorausgedacht--zusammen.

Felder bewunderte den rastlosen Eifer, die unwillige und doch so

gänzliche Hingabe des Künstlers an sein Werk; er verstand insgeheim

dies schmerzliche, heiße Ringen um ein Letztes, nie sich Erfüllendes,

und die Art, in der es sich äußerte: in fieberhafter Arbeit, ewigem

Gemurr und wilden Flüchen... Und dieser, der Künstler, war sich

völlig darüber klar, daß er nie ein Modell wie dieses je gefunden

hatte und wiederfinden würde, das so mit ihm bis zur beiderseitigen

Ermattung ging und instinktiv mit ihm arbeitete... Er hätte es nie

gesagt, vielleicht nicht einmal zugegeben, aber in seiner Art und

Weise sprach sich deutlich seine Dankbarkeit aus: ob er Felder eine

Zigarette drehte oder ihm von den Tiefen seiner Künstlersehnsucht

sprach, die er vor jedem anderen scheu verschloß. Gegen Ende der

Sitzungen ging ihm sogar eine Ahnung davon auf, an was dieser junge

Mensch _sein_ Leben gesetzt hatte und was die nächste Zeit für ihn

bedeutete. Durch Abgründe in ihren Zielen voneinander getrennt,

verstanden sie sich in dem, worin sie gleich waren: in dem ungestümen

Drang, diese Ziele zu erreichen.

Zwei Flammen schlugen ineinander, und so entstand ein wundervolles

Werk, an das sie beide ihre Kräfte gaben. Es kam zu Ende. Es

gelang.--

Auch Felder kam seinem Ziel näher und näher. Seine Sprünge wurden

sicherer und sicherer.

In seinem Klub sprach er weder von dem einen, noch von dem anderen.

Ein Erzählen des einen wäre ein Preisgeben des anderen gewesen.

Er schwieg, verschlossener und unzugänglicher, als je zuvor.

6

Eines Tages hielt er seine Stunde für gekommen.

Er erschien--seit langer Zeit zum ersten Male wieder--auf dem

Übungsabend des Klubs. Die enorme Halle der Wasserfreunde war noch

hell erleuchtet, aber außer den Mitgliedern des S.-C. B. 1879 waren

fast keine fremden Gäste mehr anwesend. Die letzten kleideten sich

eben an; die Kasse war bereits geschlossen und niemand wurde mehr

zugelassen.

Überall sah man die weißblauen Farben. Das Bassin gehörte für den

Rest des Abends ausschließlich dem Klub, der es zweimal wöchentlich

für seine Mitglieder mietete.

Felder zog sich aus und trat an das eine der kleinen Bretter, wo

Grafenberger, der Meisterspringer Deutschlands, eben übte.

Eine Weile sah er ihm stillschweigend zu. Grafenberger machte einen

Salto rückwärts mit halber Drehung.

--Das kann ich auch, sagte Felder.

Der andere lachte:

--So leichte nu nich!--

Aber Felder ließ langsam das Tuch von seinen Schultern gleiten und

trat an die äußerste Kante des Brettes. Er stand mit dem Rücken dem

Wasser zu. Leicht hob sich sein Körper auf den Zehen in die Höhe,

fest legten sich die Arme an die Schenkel, und sich tief

hintenüberneigend, tat er den Sprung.

Als er aus dem Wasser stieg, sah er in lauter erstaunte und

verblüffte Gesichter. Am erstauntesten war Grafenberger selbst.

Und nun ging dieser eine Reihe mehr oder minder schwieriger Sprünge

durch, und jedesmal, wenn er aus dem Wasser stieg, stand Felder

bereits auf dem Brett und machte den Sprung nach, einen nach dem

andern. Das Erstaunen wurde immer größer und die meisten wollten gar

nicht glauben, was sie sahen.

Von dem kleinen Sprungbrett ging man zu dem großen über, und alle

stiegen die Treppe zu der Galerie empor. Dort stand bald der ganze

Klub bis auf den letzten Mann um seine berühmten Mitglieder herum und

verfolgte in atemloser Spannung Sprung auf Sprung. Und es gab nicht

einen unter allen, den der Schwimmer dem Springer nicht nachgemacht

hätte. Freilich dachte in dieser Stunde keiner an die Wertung der

Leistungen, und nur wenige machten sich klar, wie sich die äußerlich

gleichenden Sprünge der beiden doch in Sicherheit und Exaktheit

himmelweit voneinander unterschieden. Man wollte jetzt nur sehen, ob

Felder überhaupt imstande war, die Sprünge auszuführen, und man

geriet bei jedem neuen in immer größere Aufregung, die sich bald in

Lachen, Zurufen und lauten, wie leisen Bemerkungen jeder Art Luft zu

machen suchte.

Felder genoß das Vorgefühl kommender Triumphe und setzte allen Fragen

sein geheimnisvolles Schweigen entgegen. Aber als der Springer

meinte:

--Na, dann kann ich ja nächstens an zu schwimmen fangen!--lächelte er

bedeutsam. Nur Nagel äußerte wieder kein Wort. Als jedoch Felder an

ihm vorbeiging und vor ihm stehen blieb, sagte er kurz:

--Du kannst sie alle. Wo du sie gelernt hast, weiß ich nicht, und es

geht mich ja auch nichts an. Aber glaube nur nicht, daß du auch nur

einen ordentlich kannst, wie er sein soll...--worauf Felder blaß

wurde und weiterging.

Er vermochte nur noch zu erwidern:

--Das werden wir sehen!--

Seine Freude war dahin für diesen Abend und er begann seinen alten

Freund und Lehrer zu hassen. Schon auf der nächsten Sitzung trat er

mit seiner Forderung hervor, bei der nächsten Gelegenheit im Springen

um eine bedeutende Meisterschaft gemeldet zu werden. Man hielt sie

erst für Scherz; dann erhoben sich von allen Seiten Proteste. So viel

hatte man schon gesehen, um zu wissen, daß ein solches Vorhaben ganz

aussichtslos war. War es auch erstaunlich, was er bei seinem geheimen

Training--man wußte jetzt ganz genau, wo und wie er dazu gekommen

war--in so kurzer Zeit zustande gebracht hatte, so reichte das alles

doch noch lange nicht aus, um mit ersten Meistern in Konkurrenz zu

treten. Dazu gehörte vor allem eine jahrelange, stetige, sorgsame

Ausbildung unter den Augen von Kennern--das sollte er, der

Sportsmann, doch wohl am besten wissen... Von allen Seiten redete man

auf ihn ein, suchte ihn zu überzeugen, aber es war alles vergebens.

Man sprach zu Ohren, die überhaupt nicht mehr zuhörten.

Felder bestand hartnäckig auf seiner Forderung. Wenn er gefragt

wurde, zu welcher Schwimmnummer er gemeldet werden wollte, antwortete

er: zum Springen um die Meisterschaft... und je dringender die Frage

wurde, um so mehr klang diese Antwort als Drohung: entweder--oder...

Man lachte nicht mehr. Dazu war die Sache zu ernst. Zuviel stand in

diesem Sommer im Schwimmen auf dem Spiel: die Meisterschaft

Deutschlands sollte behauptet, die größte über Europa zum zweiten

Male gewonnen werden; der große Staatspreis Sachsens und der

Stadtpreis Breslaus, zum dritten Male durch Felder erobert, in den

endgültigen Besitz des Klubs übergehen; unzählige Anforderungen von

allen Seiten nach des jungen Meisters Teilnahme an den diesjährigen

Schwimmkämpfen mußten beantwortet werden--und dieser Mensch, was tat

er?--

Statt in diesem Sommer seine glorreichen Siege zu erneuern, mühelos

und ehrenvoll, verbohrte er sich in eine Idee, auf die noch kein

anderer vor ihm gekommen war und auf die auch nur er verfallen

konnte. Je mehr man auf ihn eindrang, von seinem aussichtslosen

Vorhaben abzustehen, desto erbitterter wurde er. Da er die Gründe

gegen seine Meldung nicht verstand, da er sie nicht begreifen wollte,

sah er in ihnen nur den Ausfluß einer feindseligen Stimmung gegen

sich und ganz allmählich in den guten, alten Kameraden und treuen

Freunden seines Klubs Gegner seiner Person und damit der Sache.

Denn daß _er_ der Sache mit seinem Vorhaben schaden könne, daran

dachte er nicht einmal. Er--und der Sache schaden!--

Man begriff, daß nicht mit ihm zu reden war, als er an einem anderen

Abend nach langer, vergeblicher Debatte einfach das Zimmer verließ.

Dann sprach Nagel, und was er sagte, wurde als das richtige

empfunden. Er schloß seine Ausführungen, in denen er ein kurzes und

klares Bild von Felders Entwickelung gab, mit den Worten: "Tun wir

ihm seinen Willen; denn was er nötig hat, um ihn zur Besinnung zu

bringen, sind nicht neue Siege, sondern es ist eine gründliche

Niederlage."--

So wurde der Meisterschwimmer von Europa von seinem Klub auf dem

ersten diesjährigen Eröffnungsschwimmen der vereinigten Berliner

Klubs nicht nur zu seiner alten Meisterschaft Berlins über die kurze

Strecke, sondern auch zu dem Haupt-Mehrkampf im Schwimmen, Springen

und Tauchen, sowie zum Hauptspringen gemeldet, und diese Meldungen

wurden mit grenzenlosem Erstaunen, aber unbeanstandet angenommen.

7

Eine gründliche Niederlage!

Der Schwimmer · 第 17 / 41 题