»Dein Verleger?«
»Gott bewahre! Rat mal!«
Sie riet, aber das Richtige traf sie nicht.
»Dummerle,« rief der Alte endlich, »Axel hat geschrieben!«
Das kam Hedda allerdings so überraschend, daß sie sich setzen mußte.
»Axel?« wiederholte sie. »Der Jarlsberger?«
»Ja, ja -- unser vielgetreuer Herr Vetter, der Nordlandsrecke, der
Wikinger! Er ist nach Berlin zur Botschaft kommandiert worden und will
uns im Frühjahr auf dem Baronshof besuchen!«
Hedda sah noch immer maßlos erstaunt aus.
»Ich ahnte ja gar nicht, daß Axel in diplomatischen Diensten steht,«
sagte sie. »Ich glaubte, er täte gar nichts -- lebte von seinen
Reichtümern -- reiste in der Welt umher -- als Globetrotter --«
»Glaubte ich auch alles, aber du hörst doch, daß dem nicht so ist. Über
den angekündigten Besuch kann ich nicht gerade Rad schlagen vor Freude.
Das gibt allerhand Unbequemlichkeiten -- und der junge Herr wird
verwöhnt sein.«
Jetzt erwachten auch die Sorgen in Hedda.
»In der Fremdenstube regnet's durch,« klagte sie. »Auch muß da neu
tapeziert werden, und, ach, du lieber Gott, das Waschservice sieht erst
recht nicht nach dem Fortschritt der Zeit aus! Wer besucht uns denn
einmal?! Ich habe mich um die Fremdenstube seit Ewigkeiten nicht
bekümmert.«
»Der Axel ist noch nicht einmal in Berlin,« versetzte der Freiherr
begütigend; »wir haben also noch Zeit genug, unsern Schlachtplan zu
entwerfen. Außerdem weiß er, daß wir nicht auf Rosen gebettet sind --
und überdies soll mir's sehr gleichgültig sein, ob es ihm in Jarlsberg
besser gefällt als auf dem Baronshof.«
»Puh!« machte Hedda, »hier ist's aber fürchterlich heiß, Papa. Hältst du
das denn aus?«
»Ich schmore am liebsten -- da spüre ich meine Ischias am wenigsten.«
»Im nächsten Sommer gehst du mir unbedingt nach Gastein, Papa --«
»Wohin denn noch?! Nach Paris und dann ein bißchen an die Riviera, nicht
wahr? Wir haben ja das Geld dazu!«
»Für die Badereise werd' ich's schon schaffen. Vielleicht versuchst du
es auch einmal mit _unsrer_ Quelle --«
»Nicht um die Welt, Hedda! Das hab' ich mir vorgenommen: diese ekelhafte
Quelle existiert für mich nicht! Am liebsten hörte ich gar nichts von
ihr.«
Hedda stand achselzuckend auf.
»Ich streite nicht mehr, Vater. Ich richte ja doch nichts aus. Tu mir
die Liebe und laß dich um die Mittagszeit anziehen. Ich habe August
schon Auftrag gegeben. Die Herrschaften vom Auschloß kommen sicher zur
Gratulation.«
Der Alte streckte beide Hände zur Decke empor.
»Ob sie mich nicht ruhig arbeiten lassen können!« stöhnte er.
»Nein,« erwiderte Hedda, »denn sie wissen, was sich schickt.«
»Papperlapapp -- die Unsitte der Neujahrsgratulation ist längst aus der
Mode gekommen!«
»In Oberlemmingen noch nicht.«
»Opponiere nicht ewig!«
»Ich bin _dein_ Fleisch und Blut.«
»Dann gib mir 'nen Kuß!«
Hedda tat es lachend und eilte hierauf hinaus ins Freie.
Das war ein herrlicher Neujahrstag. Stahlschimmernd wölbte sich der
Himmel über der Landschaft. Der Schnee lag dicht, aber nicht allzu hoch,
und die Sonne gleißte über die weiße Pracht. Es flimmerte und glitzerte,
wohin sich das Auge wandte.
Hedda schritt durch den Garten und über den Dorfplatz, wo ein Dutzend
Kinder sich mit Schlittern belustigte. Jedes einzelne trug ein
Pelzkäppchen und einen roten Schal um den Hals. Als Hedda dies sah,
lächelte sie. Es waren ihre Weihnachtsgeschenke, die sie sich von den
Erträgnissen des Hühnerhofs abgespart hatte. Die Jungen zogen ihre
Kappen ab und grüßten höflich, als Hedda vorüberschritt, und der
kleinste und frechste rief ihr »Prost Neujahr!« nach, und dann jubelten
allesamt wild durcheinander ihr »Prost Neujahr!«
Der Verkehr zwischen Baronshof und Pastorat war von jeher ein herzlicher
und intimer gewesen. Namentlich den derzeitigen Pfarrer hatte der
Freiherr in sein Herz geschlossen. Es war dies eine eigentümliche
Erscheinung, der Seelenhirt von Oberlemmingen, der Doktor von Eycken. Er
stammte aus einem alten und angesehenen westfälischen Adelsgeschlecht.
Sein Vater war General der Kavallerie und eine Zeitlang Gouverneur von
Berlin gewesen, und auch der Sohn sollte, nachdem er sein
Abiturientenexamen bestanden, die militärische Laufbahn einschlagen. So
trat der junge Eycken denn in ein am Rhein garnisonierendes
Husarenregiment ein, in dem fast das ganze Offizierkorps gleich ihm
selbst katholisch war. Bald nachdem er Offizier geworden, erkrankte er
am Typhus und wurde zu seiner Genesung für längere Zeit nach dem Süden
beurlaubt. Während dieses Urlaubs verlebte er einige Monate in dem
damals noch päpstlichen Rom, und gerade hier, in der Siebenhügelstadt,
dem Sitze klerikaler Macht, vollzog sich ein merkwürdiger Umschwung
seines seelischen Empfindens. Eycken sprach sich niemals über die Gründe
aus, die ihn zu einer Zeit, da er noch ein halber Jüngling war, zur
Konversion veranlaßt hatten. Sein Vater erfuhr nur, daß er in Rom in
vertrautem Verkehr mit einem preußischen Edelmann gestanden hatte, der
Monsignore und Kämmerer des Papstes war, und über dessen Lebensführung
man sich in der Klatschgesellschaft der Ewigen Stadt allerhand erzählte.
Tatsache war jedenfalls, daß Eycken nach seiner Rückkehr gegen den
Willen seiner Familie, mit der er in der Folge auch vollständig zerfiel,
zum Protestantismus übertrat, seinen Abschied erbat und noch
nachträglich Theologie studierte.
Seit etwa fünfzehn Jahren war er Pfarrer von Oberlemmingen. Er liebte
die Stille des Landlebens und hatte sich deshalb nie um eine städtische
Stellung bemüht. Es schien auch, als besitze er keinen Ehrgeiz, denn
sonst hätte es ihm leicht werden müssen, bei der Vornehmheit seines
Namens, bei seinem tiefen Wissen und seiner hervorragenden rednerischen
Begabung Karriere innerhalb seines Berufs zu machen. Nun stand er am
Ausgange seines Lebens. Er war ein hoher Sechziger, freilich noch immer
eine überaus stattliche Erscheinung: groß und von breiten Schultern, mit
frischfarbigem Antlitz und leuchtenden Augen. In dichten weißen Locken
umwallte das Haar sein Haupt; Schnurrbart und Vollbart waren ebenfalls
schneeweiß und lang; so sah er wie einer jener alten Patriarchen aus,
von deren das gewöhnliche Menschenalter überragendem Leben voll Wohltun
und Köstlichkeit die Bibel erzählt.
Eycken war nie verheiratet gewesen. Eine alte Haushälterin führte ihm
die Wirtschaft. Man erzählte sich, daß er sehr reich sei. Seinem
bescheidenen und anspruchslosen Wesen und der Einfachheit seiner
Lebensführung merkte man das nicht an. Dagegen half er immer und mit
vollen Händen aus, wenn die Bedürftigkeit sich hilfesuchend an ihn
wandte. Zuwider war ihm nur der Formalismus des Beamtenwesens; die
Führung der Kirchenlisten, die Instandhaltung seiner Bücher und
Rechnungen, und was dergleichen noch mehr war, besorgte ihm der Kantor
gegen eine Entschädigung; mit dem Konsistorium hatte er am liebsten gar
nichts zu tun. Er war denn auch »oben« nicht sonderlich gut
angeschrieben.
Die Wirtschafterin öffnete Hedda und gratulierte mit tiefem Knicks zum
neuen Jahre.
»Danke, Frau Stege,« antwortete das junge Mädchen; »so Gott will, gehen
Ihre guten Wünsche in Erfüllung. Ist der Herr Pastor da?«
»Jawohl, gnädiges Fräulein, aber es ist Besuch bei ihm, -- einer von den
jungen Herren aus dem Auschlosse.«
Also die Nibelungenrecken waren auch wieder da. Hedda bat, sie trotzdem
anzumelden.
Eycken hatte ihre Stimme schon gehört und erkannt. Er öffnete die Tür
rechtsseitig des Flurgangs und rief: »Immer herein, Fräulein Hedda! Sie
stören nicht! Doktor Schellheim ist bei mir und stöbert meine Bücher
durch.«
Hedda trat ein und brachte ihre Glückwünsche vor. Dann begrüßte sie
Gunther mit freundlichem Handschlag. »Seit wann wieder hier, Herr
Doktor?« fragte sie.
»Erst seit vorgestern, Baronesse,« erwiderte Gunther unter leichtem
Erröten; »aber ich will den Winter über aushalten, vielleicht sogar bis
in den Mai hinein --«
»Ah -- Sie bleiben längere Zeit?«
»Ja, gnädiges Fräulein. Ich habe eine Arbeit zu vollenden, die mich sehr
in Anspruch nimmt, und zu der ich Ruhe und Stille brauche.«
»Nibelungenforschung?« fragte Hedda lächelnd.
»Nein, diesmal nicht. Ich habe durch Zufall eine ganz interessante
Entdeckung gemacht, die ich ausbeuten möchte ...«
Der Pastor nötigte zum Platznehmen. Hedda knüpfte ihr Pelzjackett auf.
Es war warm im Zimmer. Das Gemach war geräumig, und alle vier Wände
waren bis zur Decke hinauf mit Büchern gefüllt, auf einfache tannene
Regale gereiht. Vor einem dieser Repositorien stand eine Leiter, und
unten am Boden, am Fuße der Regale, lagen in unregelmäßigen Abständen
weitere Bücher verschiedenen Formats aufgeschichtet. Die durfte die
Wirtschafterin beim Reinigen des Zimmers nicht anrühren; der Pastor
pflegte vor Beginn einer Arbeit die dazu nötigen Nachschlagewerke
auszuwählen und ließ sie am Boden liegen, bis er sie brauchte. Übrigens
beherbergte das Gemach noch nicht die Gesamtbibliothek Eyckens; das
eigentliche Studierzimmer lag nebenan und war gleichfalls mit Büchern
gefüllt. Der Pastor besaß an zehntausend Bände.
Hedda schlug erstaunt in die Hände.
»Was studieren und schreiben Sie nur alles zusammen, Herr Pastor!« sagte
sie naiv. »Ihre Predigten können Sie doch unmöglich so stark in Anspruch
nehmen!«
»Nein, mein Kind,« erwiderte Eycken, »das tun sie in der Tat nicht. Ich
studiere zu meinem Vergnügen, wie andre Leute ins Theater gehen,
Konzerte, Bälle und Soireen besuchen. Es ist eine Angewohnheit.«
»Eine verständliche,« fügte Gunther hinzu, und sein Auge flog über die
Bücherreihen.
Hedda interessierte das. »Weshalb lassen Sie aber Ihre Studien nicht
veröffentlichen, Herr Pastor?« forschte sie weiter.
Eycken zuckte mit den Schultern.
»Ich bin ein merkwürdiger Mensch, liebe Hedda,« entgegnete er. »Für mich
hat eine Arbeit, wenn sie fertig und abgeschlossen vor mir liegt, den
Reiz des Interesses verloren. Oben auf dem Boden stehen ganze Kisten
voll Manuskripte, die ich seit Jahren nicht mehr angeschaut habe. Sterbe
ich einmal, so werden sie wahrscheinlich als Makulatur verkauft,
eingestampft und zu neuem Papier verarbeitet werden, auf dem vielleicht
ein Besserer unsterbliche Werke schreibt. Und das ist auch ein Trost.«
Hedda schüttelte den Kopf. »Das verstehe ich nicht,« sagte sie. »Wenn
ich etwas schaffe, von dem ich annehme, daß es nicht nur mich selbst,
sondern auch einen Teil der Mitwelt interessiert, dann ist es doch in
gewisser Weise egoistisch -- Pardon, Herr Pastor --, es den andern
vorzuenthalten.«
»Richtig, Hedda,« erwiderte Eycken. »Es wäre egoistisch, wenn ich mir
von meinen Studien für Mit- und Nachwelt etwas verspräche. Aber das tue
ich nicht. Ich arbeite nur für mich; ich will auch in die Polemiken, mit
denen die zünftigen Gelehrten sich gegenseitig überschütten, nicht
hineingezogen werden.... Ich habe da vor langen -- ach, vor langen
Jahren« -- und ein wehmütiger Zug flog über sein schönes Greisenantlitz
-- »in Neapel einmal einen Komponisten kennen gelernt. Der Mann war
reich, und wenn er eine Oper oder ein Orchesterstück vollendet hatte, so
mietete er sich ein Theater oder einen Konzertsaal und ließ sich sein
Werk allein aufführen. Nur er selbst, kein Zuhörer sonst durfte dabei
sein. Und niemals befriedigte ihn eins seiner Werke völlig. Und dann
packte er seine Partituren zusammen, beschwerte sie mit Steinen, ließ
sich in schöner Mondnacht in den Golf hinausrudern und versenkte sie in
das Meer.... Sehen Sie, das begreife ich. Ich bin auch nie zufrieden mit
dem, was ich geschaffen habe, und wenn ich dann an einen Punkt komme,
von dem aus ich nicht weiter kann, wo die Forschung aufhört und die
Hypothese beginnt -- da breche ich ab und lege das Manuskript zu den
übrigen ...«
Man sprach noch hin und her über das Thema. Auch Gunther verfocht die
Ansicht Heddas, daß die ernsthafte Forschung gewissermaßen die Pflicht
habe, vor die Öffentlichkeit zu treten. Und dann sprach er von seiner
interessanten Entdeckung, die ihn gegenwärtig ganz in Anspruch nahm. Er
hatte auf der Königlichen Bibliothek in Berlin in einem
handschriftlichen Faszikel von Abhandlungen Melanchthons aus dem Jahre
1560 eine Sammlung alter Anekdoten gefunden, die auch fünfzehn zum Teil
noch unbekannte Faustgeschichten enthielten. Der Schreiber des
Manuskripts war ein früherer Mönch gewesen, nannte seinen Namen und gab
auch einzelne Daten aus seinem Leben, führte vor allen Dingen als Datum
der Niederschrift seines Handbuchs das Jahr 1565 an. Damit war ein
neuer Beweis dafür erbracht, daß man schon lange vor der Drucklegung des
ersten Faustbuchs von 1587 Faustanekdoten zu sammeln pflegte. Aber auch
auf die Entstehungsgeschichte der Faustsagen und auf das Historische der
Persönlichkeit Fausts warfen diese Aufzeichnungen ein neues Licht, die
geeignet schienen, eine kleine Revolution in der gelehrten Welt
hervorzurufen.
Gunther war bei seiner Erzählung in Eifer gekommen. Die Freude an dem
Funde teilte sich seiner ganzen äußeren Wesenheit mit. Hedda sagte sich,
daß er eigentlich ein hübscher Mensch sei. Er besaß ungemein lebhafte,
braune Augen unter einer hohen und klugen Stirn und einen schön
geformten Mund. Haar und Schnurrbart waren dunkelblond; auch die Figur
war hübsch, schlank und elegant. Typisch Gelehrtenhaftes hatte er nichts
an sich. Als er merkte, daß er fast allein mit Eycken sprach und Hedda
nur Zuhörerin war, errötete er wieder -- das passierte ihm häufig -- und
wandte sich mit einem Entschuldigungswort an das Fräulein zurück.
»Ich langweile Sie, Baronesse,« sagte er. »Mehr oder weniger sind wir
Leute von der Feder allesamt Egoisten. Und da ich weiß, daß der Herr
Pastor ein guter Melanchthonkenner und es erwiesen ist, daß Melanchthon
den historischen Faust --«
Er unterbrach sich und lachte.
»Sehen Sie, nun komme ich wieder in das Vortragende hinein, und ich
wollte doch von etwas anderm reden! Was sagen Sie dazu, daß Papa sich an
der Quellengeschichte beteiligt hat? Im Mai soll die feierliche Weihe
stattfinden.«
Eycken war Feuer und Flamme für die Sache. Er war ein begeisterter
Anhänger der Ferienkolonieen, für die er große Summen spendete, und trug
sich mit der Absicht, aus eignen Mitteln ein Krankenhaus für bedürftige
Kinder in Oberlemmingen zu errichten. Es war merkwürdig, daß gerade
dieser Mann, der unverheiratet durch das Leben gegangen, der Kinderwelt
eine so heiße Liebe und eine so große Barmherzigkeit entgegentrug. Es
war, als erschöpfe sich den Kleinen gegenüber die Güte seines einsamen
Herzens.
Er kannte die Bedenken des Freiherrn gegen eine praktische Ausbeutung
der Quelle und versuchte Hedda zu beweisen, daß ihr Vater im Unrecht
sei. Zumal dadurch, daß der Kommerzienrat das Geschäftliche der
Angelegenheit in der Hand halte, sei Gewähr für eine solide Entwicklung
des Unternehmens gegeben. Für die Möllers hatte er auch nicht viel
übrig.
Hedda und Gunther verabschiedeten sich gemeinsam. Als sie sich vor der
Gartentür die Hand reichten, fragte der junge Mann:
»Laufen Sie Schlittschuh, gnädiges Fräulein?«
»Leidenschaftlich gern,« antwortete Hedda, »und der Döbbernitzer See
bietet auch eine prachtvolle Bahn. Aber allein ist es langweilig.«
Gunther verneigte sich. »Es wird mir ein besonderes Vergnügen sein, Sie
begleiten zu dürfen,« sagte er. »Darf ich Sie gegen drei Uhr abholen? Es
ist heute so wunderbares Wetter.«
Sie zögerte einen Augenblick und bejahte dann dankend. Zu Fuß ging er
nach dem Auschlosse zurück, während Hedda noch nebenan den Kantor
aufsuchte, dessen Frau seit einigen Tagen bettlägerig war.
Beim Mittagessen sprach sie dem Vater gegenüber beiläufig von ihrer
Verabredung mit Gunther. Der Alte schwieg anfänglich und begann dann zu
räsonieren. Das sei unschicklich; man gebe sich nicht Rendezvous mit
jungen Herren. Er verstehe Hedda nicht -- sie wisse doch sonst, was Takt
sei.
Sie verteidigte sich lebhaft.
»Ich weiß nicht, was du hast, Papa,« antwortete sie. »Ich bin kein
Backfisch mehr und fühle mich durch die Anwesenheit des Doktor
Schellheim eher geschützt als gefährdet. Allein Schlittschuh zu laufen,
verbietest du mir auch. Ich kann doch nicht das Leben einer Nonne
führen!«
Der Freiherr brummte etwas halb Unverständliches vor sich hin. Es klang
so, als sage er, er könne nun einmal die Schellheims nicht leiden. Hedda
schwieg, aber sie war verstimmt und verärgert. Sie hatte zum ersten Male
das Gefühl, als laste die Einsamkeit des Baronshofs wie ein Alp auf ihr.
Gunther war pünktlich. Er kam im Schlitten, mit einem Schimmelgespann,
das der Kommerzienrat erst vor kurzem gekauft hatte und dessen
silberbeschlagenes Geschirr hell blitzte. Hellstern ließ sich nicht
sehen, aber er hatte von seinem Arbeitszimmer aus die Auffahrt
beobachten können. Und er hieb wütend mit der geballten Faust auf den
Tisch.
Hedda war beim Nahen des Schlittens auf die Veranda getreten. Gunther
half ihr beim Einsteigen und hüllte sie mit diskreter Sorglichkeit in
das weiße Bärenfell, das als Decke diente.
Mit neidischer Miene schaute August dem eleganten Gefährt nach. Dann
glitt ein zustimmendes Schmunzeln über sein Gesicht. Er hatte gehört,
daß die Klingel im Zimmer des Freiherrn stark läutete, aber er beeilte
sich nicht. Vorsichtig klopfte er den Schnee von seinen Stiefeln ab, ehe
er in das Haus zurücktrat.
»Hast du keine Ohren?!« schrie der Freiherr ihn an.
»Ich kann doch nicht hexen, Herr Baron! Erst mußte ich dem gnädigen
Fräulein helfen!«
»Feuer in den Ofen!« kommandierte der Alte. »Soll ich vielleicht hier
erfrieren?«
August schaute auf das Thermometer, das am Pfeiler zwischen den Fenstern
hing.
»Sechzehn Grad,« sagte er. »Der Herr Baron werden sich noch so
verpimpeln, bis Sie nachher kein Lüftchen mehr vertragen können.«
»Halt 's Maul und feure!« schrie Hellstern grob.
August wurde immer freundlicher; die Schnauzerei des Alten tat ihm
sichtlich wohl. Er kniete vor dem Ofen nieder und begann langsam die
eiserne Tür aufzudrehen. Sie quietschte und kreischte, daß Hellstern
aufstöhnte.
»Schmier doch die verdammte Tür einmal ein!« rief er.
August nickte nur, steckte erst ein paar Kiensplitter in Brand und schob
dann einige Scheite Holz hinterher. Schließlich blies er mit dicken
Backen in das Ofenloch, um die Flamme wach zu halten.
»Herr Baron,« sagte er plötzlich in fragendem Tone.
»Was ist los?!«
»Haben Herr Baron den Schlitten gesehen?«
»Ja -- was sonst noch?!«
»Ach -- ich meinte man bloß -- die gnädige Baronesse sahen so stattlich
drin aus -- und der Herr Doktor auch -- ein hübsches Paar --«
Jetzt fuhr Hellstern im Ausschnitt seines Tisches herum, zornrot und
prustend vor Grimm. Seine Hand suchte nach irgend einem Gegenstande, um
ihn August an den Kopf werfen zu können. Aber er fand keinen.
»Raus!« schrie er. »Mach, daß du rauskommst! Wie kannst du dich
unterstehen, vom gnädigen Fräulein und dem -- und dem da per 'hübsches
Paar' zu sprechen?! Ich verbitte mir deine Vertraulichkeiten! Ich habe
sie lange satt! Du kannst dich zum Teufel scheren! Am liebsten gleich!
Pack deine Sachen zusammen -- pascholl!«
August blies noch ein paarmal in das Ofenloch und erhob sich dann
ächzend. Sein Gesicht sah überaus freundlich aus.
»Ich fang' nu auch an, alt zu werden, Herr Baron,« erzählte er, ohne die
letzten Äußerungen seines Herrn irgendwie zu beachten. »Nämlich -- wenn
ich mir bücke, dann knackt's mir in allen Knochen. Und das Rheuma kommt
auch wieder. Na -- nu kriegen wir ja die Quelle --«
Hellstern hob die geballten Hände hoch empor und schnaufte förmlich.
»Hat jemand je ein solches Untier gesehen!« rief er. »Die Quelle! Jetzt
fängt der auch noch davon an! Ersäuf dich in ihr! Mir soll's recht sein!
Mach, was du willst! Aber geh nur 'raus! Ich kann dich nicht mehr sehen!
Du bist mir greulich --«
»Ich geh' schon,« sagte August und nickte freundlich. Wenn der Herr ihm
nicht monatlich wenigstens dreimal kündigte, fehlte ihm etwas. Es mußte
alles seine Ordnung haben. Und dann ging er wirklich, zufrieden und
glücklich, und Hellstern machte sich wieder, noch immer schimpfend,
schnaufend und stöhnend, an seine Arbeit.
Der Schlitten sauste über die Schneebahn. Mancher im Dorfe, der zufällig
am Fenster stand, schaute ihm mit ähnlichem Lächeln wie August nach. Die
Bauern waren leicht geneigt, Paare zusammenzubringen; man munkelte schon
lange davon, daß das Fräulein vom Baronshof einen der beiden jungen
Herren vom Auschlosse heiraten würde.
Eine Viertelstunde hinter der Chaussee begann der Wald. Das war etwas
Köstliches. Ein Märchenwald -- ein verzauberter Hain, der aus
leuchtendem Silber geschaffen zu sein schien. Auf jedem Ast und jedem
Zweige und jeder Tannennadel lag der Kristallreif des Winters. Es
flimmerte und glitzerte überall. Dicht am Wege standen, die Einfassung
bildend, in langer Reihe hochstämmige Birken. Ihre Kronen waren wie mit
Eis inkrustiert; ein glänzender Panzer hüllte sie ein. Dahinter dehnte
sich Tannenforst aus, und auf dem dicken Gezweige mit seinem schweren,
schwarzgrünen Nadelwerk lag noch der Schnee. Und wenn ein leiser Wind
kam, dann perlte der Schnee gleich tausendfachem Edelgestein zur Erde.
Hie und da hingen noch Eistropfen am Geäst, feine, dünne und zierliche,
die sich langsam auflösten zu fallenden Tropfen, und schwere, armdicke,
die wie aus Glas geformt erschienen. Selbst über die Moosschicht unter
den Tannen spann sich ein gleißendes Spitzenwerk von Reif und Eis. Dazu
heller Sonnenschein und blauender Himmel und eine köstliche
Friedensstimmung: ein tiefes, heiliges Schweigen ringsum.
Das Wiehern der Pferde und das Geläute der kleinen silbernen Glöckchen
am Geschirr schienen einzig und allein diese Stille zu stören. Aber auch
in dem lustig tönenden Klingklang lag etwas Harmonisches; es war die
Musik zu dem Waldmärchen. Die Schneedecken auf den Rücken der Pferde
blähten beim eiligen Laufe sich auf wie Segel im Winde. Eine helle
Dunstwolke umgab die Gäule, und der heiße Brodem, der ihren Nüstern
entströmte, jagte vor ihnen her.
Die beiden im Schlitten sprachen wenig. Das gleiche Gefühl der
Naturbewunderung hieß sie schweigen, bei beiden kam auch noch das
instinktive Empfinden dazu, durch den Kutscher gestört zu sein. Der
brave Mann ahnte das freilich nicht. Er saß in der ganzen gemächlichen
Fülle seiner Persönlichkeit hinten auf der Pritsche, bis obenhin in
seinen langen, hellgrauen Paletot geknöpft, einen mächtigen Pelzkragen
um den Hals. Das Gesicht war völlig regungslos; er war gut gezogen.
Und seltsam genug -- während dieser Fahrt durch den Wald stieg in Hedda
mehrfach die Frage auf: war es vielleicht doch nicht in der Ordnung
gewesen, daß sie der Aufforderung ihres gefälligen Nachbars nachgekommen
war? An übertriebener Prüderie litt sie ebensowenig wie an zopfigem
Konventionalismus. Sie hätte nichts dabei gefunden, mit Gunther allein
meilenweit spazieren zu gehen. Und nun saß, eine merkwürdige #dame
d'honneur#, zur Schutzwehr auch noch der Kutscher hinter ihnen. Und
gerade das genierte sie so, daß sie gar nicht recht wußte, was sie
sprechen und welchen Ton sie anschlagen sollte. Sie fand selbst, daß das
lächerlich war, und fügte in Gedanken hinzu: aber es ist dennoch so.
»Der See,« sagte Gunther und wies nach rechts hinüber. Durch eine
Lichtung, durch die in breitem Strome der Sonnenschein wie eine Goldflut
floß, sah man eine Ecke des Sees, ein großes Stück blendendes Weiß.
»O weh,« gab Hedda zurück, »wir haben an den Schnee nicht gedacht!
Werden wir da überhaupt laufen können?«
Er nickte und lächelte dabei. »Die Bucht an der Försterei ist gefegt
worden,« entgegnete er. »Ich habe über Mittag zwölf Mann hingeschickt.
Es war nicht leicht, heute am Neujahrstage die Leute aufzutreiben.«
Hedda rümpfte unwillkürlich ein klein wenig die Nase. Das gefiel ihr nun
wieder nicht. Es klang so, als hätte er sagen wollen: mit Geld kann man
alles machen. Und dann ärgerte sie sich wieder über sich selbst; es war
klar, daß sich Doktor Schellheim bei dieser Bemerkung gar nichts gedacht
hatte.
Nun senkte sich der Weg und beschrieb einen kurzen Bogen nach links. In
der Schlucht lag der Schnee noch zu dichten Haufen. Der Sturm hatte mit
mächtigem Odem hineingeblasen, ihn hier fußhoch geschichtet und dort
wieder die braune Erde reingefegt.
Dann lichtete sich der Forst. Drüben lag, inmitten überschwemmter
Wiesen, die Försterei, und in lang geschwungener Kurve dehnte der See
sich aus. In der Ferne sah man die niedrigen Häuserreihen von
Döbbernitz, und auf der Höhe dahinter das Schloß, ein burgartiges altes
Gebäude, das noch aus der Zeit der Templer stammte und in dem jetzt der
Baron Zernin mutterseelenallein hauste, immer auf der Hut vor seinen
Gläubigern und den Gerichtsvollziehern, die ihm bös zusetzten.
Der Schlitten hielt. Gunther gab dem Kutscher den Befehl, langsam im
Walde umherzufahren und sich nach einer Stunde wieder einzufinden. Dann
wandte er sich an Hedda. »Darf ich Ihnen helfen?« fragte er und deutete
auf die Schlittschuhe, die sie am Arm trug.
Sie dankte und begann sich selbst die Schlittschuhe anzuschnallen.
Gunther hatte die Pelzdecke aus dem Wagen genommen und sie über einen
Baumstumpf am Seeufer gebreitet. Hedda setzte sich, aber sie war
ungeschickt.
»Ich werde doch helfen müssen!« rief Gunther lachend. Und schon kniete
er vor ihr; die Arbeit war schnell gemacht.
Ein eigentümliches Empfinden überschlich Hedda. Sie sah zum ersten Male
einen Mann zu ihren Füßen. Es war ein gewisser pikanter Reiz, der sie
durchströmte, aber dabei schalt sie sich töricht, wie vorhin, als die
Gegenwart des Kutschers sie genierte.
Beide flogen über das Eis. Sie waren gewandte Läufer. Unter dem Stahl
ihrer Sohlen klang die glitzernde Fläche leise metallisch; es war wie
ein fernes Singen. Das Eis war in weitem Umkreise blitzblank gefegt; es
lief sich prächtig.
Gunther hatte Hedda den Arm geboten, doch sie schlug vor, sich zunächst
einmal allein »auszutoben«. Es war ein entzückendes Bild, wie sie über
den hellen Spiegel sauste, in dem die Sonnenstrahlen sich leuchtend
brachen. Gunther, der sie in weit ausholenden Kurven umkreiste, wurde
nicht müde, sie anzuschauen. Sie hatte die Arme über der Brust
verschränkt und den Kopf ein wenig zurückgeworfen. Auf dem dunkelblonden
Haar saß die Pelzkappe; das Antlitz war lebhaft gerötet von der kalten
Luft, und die Augen blitzten im Wonnegefühl der eignen Kraft.
Ringsum lagen die Waldhänge unter weißer Schneedecke. Ein Schwarm Krähen
strich durch die Luft. Vom stählernen Blau des Himmels hob sich ihr
Gefieder haarscharf ab. Der See buchtete sich nach Döbbernitz zu in
schlankem Bogen ein. Man konnte nicht sehen, wo er endete; er verlor
sich zwischen den Bergen, die im Westen höher wurden. Eine weiße
Wolkenschicht hatte sich hier gebildet, dicht über dem Horizont, und so
sah es aus, als steige der kleine märkische Höhenrücken in weiter Ferne
zu ragenden Gletschern empor.
»Aufgepaßt!« rief Hedda plötzlich. Aber es war zu spät. Die Bogen der
beiden Läufer kreuzten sich; Hedda und Gunther sausten sich in die Arme.
Beide stürzten. Gunther war außer sich; er bat »tausendmal« um
Entschuldigung und wollte Hedda aufhelfen. Dabei fiel er zum zweiten
Male hin. Nun lachte Hedda fröhlich auf. Sie stand schon wieder auf
ihren Füßen und reichte Gunther die Hände.
»Halten Sie fest!« rief sie, -- »so!« -- und nun stand auch er.
»Wie war das gekommen?« fragte er verlegen, und sie lachte abermals.
»Mein Gott, wie soll es gekommen sein?« gab sie harmlos zurück. »Ich
taxiere, wir waren beide schuld. Aber was schadet es? -- Haben Sie sich
verletzt?«
Er fühlte einen leichten Schmerz am Knöchel; eine Sehne mochte sich
gezerrt haben.
»Nur unbedeutend,« antwortete er; »es wird sich geben, wenn ich erst
wieder in Bewegung bin.«
Nun bat sie ihn, ihren Arm zu nehmen. So flogen sie von neuem über das
Eis.
»Geht es besser?« fragte Hedda.
»Ja -- danke; ich fühle mich sogar außerordentlich wohl.«
Das Rot ihrer Wangen verdunkelte sich.
»Treiben Sie viel Sport?« fuhr sie fragend fort, mit Absicht das Thema
wechselnd. »Man findet das sonst nicht häufig bei Gelehrten -- die
Herren pflegen nur ungern ihren Arbeitstisch zu verlassen.«
»Das ist bei mir allerdings auch der Fall,« entgegnete er; »aber ich
begann vor zwei Jahren, wie ich glaube, infolge von Überarbeitung, zu
kränkeln, und da raffte ich mich denn mit einem energischen Entschlusse
zu einer zweckmäßigeren Tageseinteilung auf. Das wurde mir anfänglich
schwer; sportliche Neigungen sind im Grunde genommen eine
aristokratische Domäne; sie liegen im Blut. Aber heute möchte ich sie
nicht mehr entbehren; ich behaupte, daß sie auch den Geist reger und
frischer erhalten.«
»Reiten Sie auch?«
»Ja -- aber speziell zum Reiten komme ich weniger. Sie sind natürlich
eine begeisterte Amazone, Baronesse?«
»Ich kann es nicht leugnen. Es ist mir schwer geworden, mein Reitpferd
aufgeben zu müssen. Aber ich habe mich über so viel getröstet, daß mir
auch das keinen Kummer mehr macht.«
Sie kreisten in schwingenden Kurven nach dem Ufer zurück.
»Ich denke mir,« begann Gunther von neuem, »daß es Ihnen zuweilen recht
einsam auf dem Baronshof werden muß. Die Umgegend bietet meines Wissens
nicht allzuviel Verkehr.«
»Nein, sehr wenig. Papa ist das recht, -- er ist ein Fanatiker der
Einsamkeit. Und ich muß sagen, daß ich das Wohlempfinden des Alleinseins
verstehe. Ich habe auch genug im Hause zu tun und kann über Langeweile
nicht klagen. Aber zuweilen sehne ich mich doch stark in die Welt
hinaus, vor allem nach neuen Anregungen; mir ist dann und wann, als
verengere sich mein Gesichtskreis mehr und mehr. Möglicherweise reise
ich im Februar oder März auf ein paar Wochen nach Berlin; ich freu' mich
darauf.«
»Haben Sie Verwandte in Berlin?«
»Eine Tante, die mich alljährlich einladet, und der ich bisher
alljährlich abgeschrieben habe. Ich habe immer Sorge, den Papa allein zu
lassen. Aber nun kommt auch noch ein Vetter von mir nach der
Hauptstadt.«
Das interessierte Gunther besonders. Er horchte auf, als Hedda von
Herrn Axel auf Jarlsberg zu erzählen begann; sie sei neugierig, ihn
kennen zu lernen -- er habe schon früher einmal dem Papa sein Bild
geschickt: ein schmales, vornehmes Gesicht mit einer kleinen Hiebnarbe
auf der rechten Wange.
Gunther biß die Zähne zusammen. Da sie von dem Vetter sprach, tat ihm
das Herz weh. Warum, warum? fragte er sich -- sie kennt den Herrn Axel
ja noch gar nicht! Wie lieb mußte er das Mädchen gewonnen haben, daß ihn
schon die Erwähnung eines gleichgültigen andern mit Eifersucht erfüllte!
Aber nein, sagte er sich, dieser Vetter ist kein »gleichgültiger
andrer«. Ganz gewiß nicht! Er ist reich und gehört mit zur Sippe -- das
fällt beides in die Wagschale.... Es war wie ein Angstgefühl, das dem
jungen Manne plötzlich die Kehle zuschnürte. Man hatte auch ihn schon
mit Heiratsplänen bestürmt. Wie es hie und da in Kaufmannskreisen Sitte
zu sein pflegt, war er auf dies und jenes Mädchen aufmerksam gemacht
worden, »gute Partieen« und meist hübsche und wohlerzogene Fräulein,
bereit, ohne nachzudenken dem die Hand zu reichen, den die Eltern
erwählt hatten. Aber er dankte für eine »gute Partie« in kaufmännischem
Sinne; er hatte das nicht nötig. Es war sein Traum, einmal in eine
wirklich vornehme Familie hineinzuheiraten. Das war seltsam genug bei
einer so ruhigen, verhältnismäßig abgeklärten Verstandesnatur wie
Gunther, bei einem Manne, der sich gut bürgerlich fühlte und im Adel
durchaus keine Menschenklasse sah, die höher stand als jene, der er
zugehörte. Und doch kam er nicht über diesen Gedanken hinaus; es war
eine Idee, an der er mit gleicher Zähigkeit festhielt wie seinerzeit an
dem Plane, studieren zu wollen. Denn auch der hatte schwere Kämpfe
gekostet; der Vater wollte, daß er die Fabrik in Manchester übernehme,
deren Betrieb dringend einer Vergrößerung bedurfte, und war unglücklich
darüber gewesen, daß Gunther sich einen so völlig aus der Sphäre
fallenden Beruf erwählte. Und vielleicht war es gerade das Bedürfnis,
aus dieser Sphäre herauszukommen, das ihn an dem Gedanken einer
»vornehmen« Partie festhalten ließ. Er war viel zu klug und zu
rechtschaffen vor sich selbst, um nicht die Tüchtigkeit und alle die
andern guten Eigenschaften der Kreise seiner Eltern billig anzuerkennen.
Aber es war immer dasselbe; die Interessengemeinschaft verdichtete sich
gewissermaßen zu bleierner Langeweile; sie wurde zu Fesseln, unter denen
man sich nicht zu regen vermochte.
So wenigstens erschienen Gunther die Verhältnisse. Er hielt sich deshalb
auch gesellschaftlich ziemlich zurück -- schon um den immer
wiederkehrenden Fragen, wann er sich zu verheiraten gedenke, zu
entgehen. Und dann lernte er Hedda kennen. Er sträubte sich zunächst
gegen das Gefühl seines Herzens, obwohl er sich beim ersten Begegnen
zugestanden hatte: das wäre eine Frau, wie du sie dir wünschest. Aber
die Liebe erwachte stärker und wurde größer in der Zeit, da er Hedda
nicht sah. Er überlegte, ob er eine Werbung wagen dürfe. Und weshalb
nicht? sagte er sich. Über kleinlichen Adelsstolz ist man in unsern
Tagen hinaus; ich habe eine gute Karriere vor mir, bin wohlhabend und
jedenfalls kein Monstrum von Häßlichkeit.... Doch da er Hedda abermals
gegenübertrat, verlor er den Mut. Vielleicht lag es nur an ihrer äußeren
Erscheinung, daß sie einen so unnahbar stolzen Eindruck machte ...
Während er weiter an ihrer Seite über die Eisfläche glitt und zerstreut
mit ihr über hunderterlei plauderte, überlegte er nochmals und
ernsthaft. Der nahende Vetter hatte ihn erschreckt. Es war das beste,
ihm zuvorzukommen. Aber -- nun kam die Verlegenheit. Was war richtiger:
ein Fußfall, ein rasches Geständnis, so eine Art Überrumpelung -- oder
eine ruhige Aussprache der Väter. Das letztere war in Kaufmannskreisen
üblich; da hatten gemeinhin die Väter das entscheidende Wort zu
sprechen. Und auch hier, in seinem Falle, erschien es Gunther als das
würdigste. Er konnte unmöglich in Schnee und Eis vor ihr niederknieen
und ihr in der Kälte des Tages von der Glut seines Herzens sprechen. Das
dünkte ihm lächerlich. Die Situation eignete sich nicht zu intimen
Geständnissen -- nein, ganz gewiß nicht. Ja, wenn es Sommer gewesen wäre
und er allein mit ihr im Walde, bei Sonnenuntergang und Vogelsang -- da
hätte sich leichter der rechte Augenblick gefunden. Aber nicht jetzt;
auch abseits von sentimentaler Romantik gibt es Momente, in denen die
Poesie ihr unbedingtes Recht fordert ...
An all dies dachte Gunther mit der Peinlichkeit eines gewissenhaften
Gelehrten. Er war sogar stolz darauf, daß er sein Herz zu zügeln und
abzuwarten verstand. Er zwang sich, korrekt zu sein. Noch eins hielt ihn
davon ab, sich auf der Stelle auszusprechen. Er begann plötzlich heftig
zu niesen. Er mußte sich erkältet haben; er nieste ein dutzendmal
hintereinander, und nach einem kleinen Weilchen begann er von neuem; ein
Riesenschnupfen war da. Wäre es nicht schrecklich gewesen, wenn dieser
dämonische Niesreiz ihn mitten in seinem Geständnis überfallen hätte? --
Gunther legte sich diese Frage allen Ernstes vor; der Gedanke, komisch
zu wirken, war entsetzlich für ihn.
»Prosit!« sagte Hedda nach dem letzten Dutzend Nieser; »ich habe noch
immer die bäuerliche Angewohnheit, Gesundheit zu wünschen, und Papa
freut sich jedesmal darüber. Er niest oft und gern; er behauptet, das
befreie ihm den Kopf. Prosit, Herr Doktor! Sie haben sich einen hübschen
Schnupfen geholt.«
Gunther antwortete zunächst durch eine kleine Salve von Niesern. Dann
atmete er tief auf.
»Es ist gräßlich,« antwortete er. Und wirklich, es war ihm gräßlich,
dieses plebejische und prosaische Niesen, wo es in seinem Herzen
frühlingswarm war.
Hedda riet, nach Hause zu fahren. Doch noch war der Schlitten nicht
wieder zurück. Der Himmel verdunkelte sich langsam. Die stählerne Bläue
ging allgemach in ein sanftes Schwarz über. Nur im Westen war es noch
hell. Da hatte die Sonne einen Purpurmantel über den Horizont gehängt,
der mit goldenen Flocken verbrämt war. Er reichte bis an die weißgraue
Wolkenschicht, deren unterer Teil völlig durchleuchtet war und den
Flammenkragen dieses königlichen Mantels zu bilden schien.
Es war ein herrlicher Anblick. Gunther machte Hedda darauf aufmerksam,
und beide blieben, noch immer Arm in Arm, auf dem Eise stehen und
schauten in den Sonnenuntergang hinein. Ganz allgemach veränderte sich
das Bild. Der Wolkenrand zerfloß, als löse die glühende Lohe ihn auf.
Nun schoß das Goldlicht in langen Feuergarben in das Wolkengrau hinein
und spaltete es. Es strömte in hundert verschiedenen Farbentönen über
den ganzen westlichen Himmel und verlor sich nach dem Zenit zu in einem
zarten, langsam erlöschenden Violett ...
Gunther wurde es weich um das Herz. Der Dualismus in seiner Seele
drängte sich wieder vor: über den nüchternen Forscher gewann zuweilen
der leicht schwärmende Poet die Überhand. Jetzt hätte er sprechen
können.
»Wie schön,« sagte er halblaut. »Ist es nicht wahr, daß die Natur
zuweilen ganz neue, uns selbst unbekannte Harmonieen in uns erklingen
läßt? Daß sie uns neues Empfinden lehrt und ein eigentümliches
rhythmisches Denken?«
Hedda nickte. Sie wollte bejahend antworten, denn es dünkte sie richtig,
was Gunther sagte: auch ihr schien es bisweilen in der Versunkenheit
eines schönen Naturspiels, als formten sich ihre Gedanken unbewußt zu
gebundenem Ausdruck, und als spüre sie etwas Ungeahntes in den Tiefen
der Seele. Aber da wollte die Bosheit des Schicksals, daß der arme,
verschnupfte Gunther abermals niesen mußte, und zwar gewaltig, den
ganzen Menschen erschütternd, vier-, fünfmal und tränenden Auges. Und
diese Explosion verlegte die Gedankenreihen Heddas; sie entgegnete an
Stelle des Gewollten mit energischer Stimme:
»Lieber Doktor Schellheim, -- ich denke augenblicklich gar nichts
weiter, als daß Sie schleunigst nach Hause fahren und einen heißen Tee
trinken müssen. Da kommt der Schlitten! Machen wir kehrt!«
Entgeistert und mit betrübtem Gesicht gehorchte Gunther. Heimlich
verfluchte er seinen Schnupfen; er war ein Unglücksmensch.
Unter fröhlichem Läuten ging es durch den Wald zurück. Der schaute jetzt
anders aus als bei der Herfahrt im Sonnenschein. Die tiefer fallende
Dämmerung ließ den Schnee einförmig und grau erscheinen. In der
Wiesentrift rechter Hand brodelten die Nebel auf und zogen wie
zerrissene Schleier zwischen den Stämmen hindurch. Und obwohl am Himmel
sich nur ein kleiner Schwarm heller Wölkchen gesammelt hatte, perlte
doch ein zarter Schnee durch die Luft und näßte die Gesichter der
beiden.
Gunther ließ erst auf den Baronshof fahren und setzte Hedda ab. Sie rief
ihm ein freundliches: »Schön' Dank und gute Besserung!« zu und stieg die
Treppe zur Veranda hinauf. Dann klingelte das Gespann weiter. Gunther
nieste und ärgerte sich; er war aus der Stimmung gekommen.