An Bord des »Kaiser Wilhelm der Große.«

Mai 1900.

Nun sind wir schon weit draußen auf dem Atlantischen Ozean. Während der

ersten Stunden, so lang wir uns dem Lande noch nahe befanden, war die

See etwas bewegt, aber je weiter wir fahren, desto stiller wird sie.

Ganz glatt liegt sie jetzt vor uns – eine blaßblaue Fläche – gerade in

ihrer Ruhe so unendlich erscheinend und – so fremd. Denn wir Menschen

führen seit Generationen ein so unnatürlich hastendes Leben, daß uns

Unrast und Bewegung stets natürlich und begreiflich scheinen – die

absolute Stille aber beängstigt uns – wir verstehen sie nicht mehr.

Unser Riesenschiff gleitet durch die blauen Fluten, aber wir merken

seine rasende Geschwindigkeit kaum, denn das Meer scheint in seiner

völligen Glätte gar keinen Widerstand zu leisten. Blauer Himmel, blaues

Wasser zittern und flimmern ineinander über – es ist, als würden wir

für alle Ewigkeit so weiter gleiten, so weiter schweben – ein dunkles

Pünktchen in all der Bläue! Eine seltsame traumhafte Empfindung – als

trügen mich regungslos ausgebreitete Schwingen durch die Weite.

Und in der großen blauen Stille gedenk ich einer alten Sage vom Meer.

In ganz alten Zeiten, über die es keine Bücher gibt, von denen nur noch

die Bewohner entfernter Küsten vom Hörensagen allerhand Geschichten

kennen, war das Meer immer so still und blau wie heut, ein glatter

Spiegel, drin Sonne, Mond und Sterne sich besahen und schön fanden.

Niemand hatte damals je einen Sturm auf der See gesehen, man wußte

noch nicht, was das sei. – Auf dem Festland lebten schon damals viele

Menschen und je mehr ihrer wurden, desto größer wurden auch Schmerz,

Jammer und Elend aller Art. In ihrem Kampf und Leiden schauten sie oft

sehnsuchtsvoll hinaus auf die ewig gleiche stille See. Und endlich

wurde ihr Unglück so groß und ihr Wunsch nach Erlösung so heftig, daß

sie riefen: »Wir können es nicht länger dulden, wir wollen hinausfahren

über das glatte, blaue Meer, dort werden wir wieder froh werden.«

Da bauten sie ein großes Schiff und nannten es »Meeresfreude«. Damit

fuhren sie hinaus auf die klare blaue See. Aber die »Meeresfreude«

war eine »Erdenleide«. Mit den Menschen waren Schmerz, Jammer, Elend

und Unfriede auf das Schiff gestiegen. Es ward davon so schwer, daß

sogar das starke Meer es nicht tragen konnte und als es ein Stück weit

hinausgefahren war, versank das Schiff, und die blauen Fluten schlossen

sich über all dem Erdenleiden. – Aber tief unten auf dem Meeresgrunde

begann es nun zu wühlen und die Menschen, die auf dem Festland

geblieben, sahen staunend, daß das ewig gleiche Meer sich veränderte.

Es ward unruhig, sein tiefes Blau verwandelte sich in trübes Grau,

auf nachtschwarzem Abgrund schoß weißer Gischt dahin, es hob sich in

riesigen Wellen, die donnernd gegen das Ufer schlugen, es kämpfte, es

zürnte, es raste – es war wie die friedlosen Menschen selbst geworden

– und sie verstanden es, denn sie erkannten in ihm all ihre eigenen

Leidenschaften.

Seitdem hat es immer Stürme auf dem Meere gegeben, und immer wieder

kämpft das Meer mit all dem fremden Leid auf seinem Grunde, kämpft, um

die alte verlorene Ruhe zurückzugewinnen. Aber die kehrt nie wieder.

Auch an stillen klaren Tagen wie heute steigt ein banges Seufzen aus

der blauen Tiefe.

P. S. _New York_.

Die ganze Überfahrt ist so glatt und still geblieben – wie eine

wohltuende Pause im Leben, eine sechs Tage lange Parenthese! Wie Musik

schläferte das Rauschen der langen, trägen Wogen manch alten Schmerz

ein. – Musik und weite Reisen sind so recht, was wir arme moderne

Menschen brauchen, denn sie beruhigen und lehren vergessen. Während das

Schiff unaufhaltsam weiter glitt, hatte ich beständig die Empfindung,

daß etwas Furchtbares, das lange Zeiten Gewalt über mich gehabt, nun

endlich und für immer hinter mir zurückblieb. – Wie vielen ist diese

selbe Reise über den Atlantischen Ozean schon eine Flucht gewesen

vor der Vergangenheit! Auch ich hatte das Gefühl des Entfliehens und

Abschüttelns. – Als ob Schranken und Fesseln gefallen seien, war mir,

als ich heute früh erwachte, und da stand sie auch schon auf ihrem

Felsen, die riesengroße Freiheit, die den Belasteten aller Länder mit

ihrer Leuchte Hoffnung zuzuwinken scheint.

Die Freiheit als Wahrzeichen eines Weltteils und als Willkommen für

alle aufzustellen – das macht den Amerikanern doch niemand nach!

34.

_Tuxedo Park_, Mai 1900.

Lieber Freund! Nachdem wir in New York gelandet waren, erhielten wir

von Mr. Bridgewater die freundliche Aufforderung, ihn hier zu besuchen.

Ich war noch so müde und abgespannt von allem in Deutschland Erlebten,

daß ich dankbar die Einladung annahm, mich etwas auf dem Lande zu

erholen. Landleben, wie ich es von früher in der Erinnerung habe,

Stille, Einsamkeit norddeutscher Güter, die Meilen weit von einander

entfernt liegen, nur durch Landwege verbunden, die während Herbst-

und Frühlingstauwetter eher verkehrhemmend als fördernd wirken – so

etwas gibt es hier freilich nicht. Tuxedo Park beweist mir mal wieder,

daß Amerikaner wohl Sinn für Exklusivität, aber nicht für Alleinsein

haben. Sie brauchen Menschen, Bekannte – allerdings nur sorgfältig

ausgewählte, solche, die in jeder Hinsicht sozial wünschenswert sind.

In diesem Bedürfnis nach Verkehr, dieser Scheu vor Einsamkeit sind sie

Kindern ähnlich. In dem Park von Tuxedo stehen auf bewaldeten Hügeln,

die sich um einen See ausdehnen, eine Menge hübscher Landhäuser,

Schweizerhäuschen mit geschnitzten Holzbalkonen und hohen Giebeln,

massive Steinbauten mit breiten, südländischen Veranden, burgartig

kleine Kastelle, die altertümlich aussehen möchten. All diese Landsitze

sind nahe zusammengedrängt, die einzelnen Gärten gehen ineinander

über und bilden alle vereint den einen großen Park. Ausgezeichnet

gehaltene Wege verbinden die einzelnen Besitzungen und werden fleißig

benutzt von Fahrenden, Reitern und Spaziergängern, lauter Menschen, die

sich einer zum andern begeben, in ihrem charakteristischen Bedürfnis

nach möglichst viel »social gatherings«. Die meisten der Häuser sind

mit einem Luxus und einem praktischen Komfort eingerichtet, wie

er auf dem deutschen Durchschnittslandgut ganz unbekannt ist. Zu

jedem dieser Reichtumsheime denken wir Europäer uns unwillkürlich

als notwendige Grundlage und Begleitung eine meilenweite Herrschaft

hinzu, statt dessen liegen sie aber nur ein paar Minuten von einander

entfernt. Unten am See steht das gemeinschaftliche Klubhaus, mit

Einrichtungen für alle Arten von Sport, mit großem Ballsaal und

Lesezimmer. Nachmittags trifft sich da die ganze Gesellschaft. Es ist

eine Assoziation befreundeter Familien, die hier in den einstmaligen

indianischen Jagdgründen eine Kolonie reicher Leute gegründet haben.

Während der Wochentage dominiert das weibliche Element an Zahl, wie

in den meisten Landaufenthalten in der Umgegend New Yorks; der

Sonnabend-Nachmittagszug bringt dann eine Menge Herren, Villenbesitzer

und Gäste, die bis Montag bleiben, um sich von der großen Anstrengung

des Gelderwerbs auszuruhen. Ich weiß nie genau, was der Beruf des

einzelnen Amerikaners ist, weiß nur, daß sie alle Geld machen. Sie

erscheinen mir wie geheimnisvolle Wesen, die eine Zauberformel kennen,

durch die sie aus allen Winkeln Gold herauszuziehen vermögen, wie

in Indien die Schlangenbeschwörer aus allen Ecken, wo niemand sie

vermutet, Kobras hervorlocken.

Den Zauber Amerikas aber bilden die Frauen, die es immer verstehen,

ihre eigenen Sorgen beiseite zu setzen und das Liebenswürdigsein als

Beruf betreiben; vielleicht wären sie noch reizender, wenn sie es

nicht immer so eilig hätten, als seien sie in Angst, irgend etwas zu

versäumen.

Hier sind einige sehr nette Frauen, von ansteckender Heiterkeit; und

ich weiß nicht, ob es ihr Einfluss oder der volle warme Frühling macht,

aber mir ist manchmal, als erwache ich allmählich aus einem seltsamen

narkotischen Zustand. So muß den Murmeltierchen zu Mute sein, wenn

sie sich nach dem Winterschlaf dehnen und recken und die kleinen

blinzelnden Augen gewahr werden, daß die schöne Welt immer noch da ist.

Dann ruft so ein erwachendes Murmeltierchen sicher auch: Guten Morgen,

lieber Freund!

35.

_Tuxedo Park_, Mai 1900.

Das Bridgewatersche Haus hier in Tuxedo gefällt mir beinah noch besser

als ihr Stadthaus. Es heimelt mich an mit seiner hessischen Bauart.

Steinerner Unterbau bis zur Höhe des ersten Stockes und darüber weißer

Bewurf, von dem sich die Balken des Fachwerks in warmen, braunen

Holztönen abheben. Dazu weit vorspringende Dächer und Giebel über

einigen Zimmern, deren Fenster besonders schöne Blicke auf See und

Wälder haben. Alte zopfige Engelchen aus grauem Stein sind an einem

Balkon verwendet und man sieht, daß alles, was das Haus schmückt,

von dem spanischen, eingelegten Täfelwerk des Speisezimmers bis zum

schmiedeeisernen Geländer der Treppe, mit Liebe und Verständnis auf

langen Reisen gesammelt worden ist.

Der Turm, der einen Vorsprung in dem Haupthof bildet, ist auf

einer Seite mit einem Relief geschmückt, das den heiligen Georg,

den Drachentöter darstellt. Es stammt aus einem alten bayerischen

Bauernhaus. Wenn heute eine Drachensage geschrieben würde, müßte sie

ganz anders lauten, als diese alte vom schönen, ritterlichen Georg, der

nur die Welt vom bösen Ungeheuer befreien wollte. Heute ziehen viele

magere Wichtelmännchen gegen den Drachen aus, der im fernen Cathay

seine Heimat hat, aber sie alle wollen nicht etwa den Lindwurm erlegen,

sondern durch ihn fett werden. Der moderne heilige Georg legt dem

Ungeheuer Ketten an, auf daß es still halte und sich melken lasse.

Die Südseite des Turmes sieht noch ein bißchen leer aus, und Mr.

Bridgewater will dort eine Uhr anbringen. Er bat mich, ihm etwas zu

skizzieren, was dort oben um die Uhr auf die Wand gemalt werden könnte,

wie man es gerade in alten bayerischen Häusern so oft sieht. Ich

habe nun um die Uhr eine zwölfstrahlige goldene Sonne entworfen. Die

Strahlen entsprechen den Stunden, und auf jede der spitzen goldenen

Strahlenzacken ist in gotischen Lettern ein Wort gemalt. Sie lauten

in der Reihenfolge: I beginnen, II wollen, III lernen, IV gehorchen,

V lieben, VI hoffen, VII suchen, VIII leiden, IX warten, X verzeihen,

XI entsagen, XII enden. Der vorrückende Zeiger bezeichnet die Stunde

mit dem Wort. Viele sind es, über die man schnell hinwegmöchte, um

bei andern lange zu verweilen – aber wir müssen alle Stunden nehmen,

wie sie sich unerbittlich folgen auf der großen Lebensuhr, gute und

schlimme.

Was für Zeichen mögen wohl über Ihren Zukunftsstunden stehen, lieber

Freund? Ich sinne nach und möchte den Schleier so gern etwas lüften

können, und dann wieder denk ich, es ist besser, nicht zu fragen und zu

forschen und sich nur der gegenwärtigen Frühlingsstunde zu freuen, wie

die Mückenschwärme, die über dem See in der Sonne tanzen. Ich wünsche,

daß viele, viele und nur schöne Stunden Ihrer harren mögen und diesen

Wunsch sollen die wirklichen, warmen, goldigen Sonnenstrahlen mitnehmen

und Ihnen bringen, wenn sie heute Abend meinen Blicken entschwinden, um

Ihnen zu scheinen, auf der anderen Hälfte unserer schönen Frühlingswelt!

36.

_Tuxedo Park_, Mai 1900.

Die hier verlebten Tage, lieber Freund, haben mir so unendlich

wohlgetan, daß es mir Vielgewanderten ganz schwer wird, wieder

aufzubrechen und weiter zu ziehen. Ich habe ein unbestimmtes Gefühl,

als sei ich in einem stillen Hafen und als warte meiner irgendwo

draußen ein stürmisches Meer. Aber das muß ein Rest überangestrengter

Nerven sein, die Ermüdung, die von langem Lastentragen zurückbleibt,

die Angst vor dem Leben. Eigentlich war mir ja gerade in den letzten

Tagen zuweilen so, als hörte ich unzählige kleine Stimmen sagen: »die

Welt wird mit jedem neuen Frühling von neuem schön.« Die Schwalben

meinten das, und die weißen Lämmerwölkchen am blauen Himmel, die

tausend kleinen Insekten und die Millionen Samenstäubchen. Auch der

schwarze Kater, der im Hof in der Sonne liegt, schnurrt gegenwartsfroh

und zukunftssicher! Und am weltenzufriedensten scheinen Madame

Baltykoff und Anstruther, die auch hier zu Besuch bei Bridgewaters

sind. Sie hätten es mir gar nicht zu sagen brauchen, ich sah es ihnen

gleich an – Madame Baltykoff hat Amerika gründlich studiert und ist

dabei zum Ergebnis gekommen, daß das Beste und Behaltenswerteste, das

das Land produziert, dieser eine Amerikaner ist. Sie scheint ruhiger

geworden; vielleicht fehlte ihr, wie so manchem hin und her geworfenen

Schiffchen, nur der richtige Ankerplatz, und sie hat den nun gefunden.

Anstruther erklärte mir, Madame Baltykoff sei ihm in jeder Beziehung

überlegen (das gehört nun einmal zum Credo jedes netten Amerikaners

über alle Frauen, sogar über die eigene); nur in seiner amerikanischen

Nationalität besäße er einen großen Vorteil über sie und den böte

er ihr an, mit ihm zu teilen. »Nach all ihren Ansichten,« sagte er,

»verdient sie eine freie Amerikanerin zu sein.« Mr. Bridgewater meint,

diese Verlobung sei ein Schritt zur Amerikanisierung der Welt auf

sozialem Wege und in dieser Amerikanisierung erblickt er ja die Aufgabe

des kommenden Jahrhunderts. Das einzig Betrübende in der allgemeinen

Freude ist, daß Anstruthers Name aus dem Klub der vierzig amüsantesten

Männer gestrichen werden muß. Kein Mitglied darf verheiratet sein. Ist

es nicht beschämend, daß man in diesem gegen Frauen doch so galanten

Lande zur Überzeugung gekommen ist, daß die Ehe sofort geisteslähmend

wirkt?

37.

_New York_, Mai 1900.

Wir sind aus Tuxedo hierher zurückgekehrt; und in unseren New Yorker

Zimmern, in denen ich alles ganz unverändert vorgefunden, inmitten

all der altvertrauten Dinge, die mich nun schon so lang begleiten,

habe ich mich gleich wieder völlig eingelebt, als sei ich gar nicht

fort gewesen, als hätte ich den letzten Monat nicht erlebt. Wenn ich

morgens aufwache, muß ich mich erst besinnen, ob es alles wahr ist:

Die plötzliche Reise nach Europa mit allem was ich dort durchgemacht,

und dann die eilige Rückkehr hierher. Manchmal scheint es mir wie ein

Traum, als wäre ich hier tief eingeschlafen und eben wieder aufgewacht,

und als sei alles unverändert, wie es nun schon so manches Jahr

gewesen. Aber dann fühl ich mit einem Mal, daß es doch alles anders

geworden; ich schaue mich nach der altgewohnten Hoffnungslosigkeit

um und sie ist verschwunden. Ich sehe in all dem nicht recht klar,

versuche es auch nicht einmal, sondern lasse mich treiben, gedanken-

und willenlos. Aber mir will es scheinen, als atme ich freier, als sähe

ich in der Ferne ein Lichtchen schimmern. Seit ganz frühen Jugendtagen

ist mir keine so still zufriedene Zeit mehr geworden. Mich dünkt,

es liegt ein Zauber auf der Welt, als tönten aus der Ferne tausend

silberne Glöckchen. Ach, daß doch nichts diese einzige Wunderstunde

trüben möchte! Darum fleh ich immer wieder und lausche andächtig auf

das leise Glockenläuten, das aus des eigenen Herzens Tiefe schüchtern

und hoffend emporklingt.

Lieber Freund, ich glaub, ich erlebe ein Märchen!

38.

_New York_, Mai 1900.

Seit ein paar Tagen bringen die Zeitungen beunruhigende Telegramme aus

Peking, und es war mir eine Erleichterung gestern zu lesen, daß die

Gesandten Wachen requiriert haben und daß diese wohlbehalten in Peking

eingetroffen sind, natürlich nach dem üblichen und obligatorischen

Palaver des Tsungliyamens, aber ohne daß ein ernsthafter Versuch

gemacht worden wäre, die Truppen am Einmarsch zu hindern. Es las sich

wie eine genaue Wiederholung dessen, was wir selbst 1898 erlebt haben.

Wir sollten gestern aber noch mehr über China hören, als was die

Zeitungen bringen.

Abends gingen mein Bruder und ich bei Sherry essen. Jetzt, wo die Stadt

sich täglich mehr leert, herrscht dort nicht mehr das Gedränge wie im

Winter, aber man sieht immer noch genügend glattrasierte, befrackte

Herren, eine Gardenia im Knopfloch, und genügend elegante Frauen mit

halbhohen Kleidern und riesigen, malerischen Hüten, um glauben zu

können, in ein lebig gewordenes Bilderbuch von Gibbons versetzt zu sein.

Nachdem wir uns gerade gesetzt hatten, traten mehrere Herren an

einen neben uns reservierten Tisch heran, und Sie können sich unser

Erstaunen denken, als wir unter ihnen zwei Bekannte entdeckten, und

zwar welche Gegensätze: den Rubinminen-Konzessionär Bartolo und jenen

gescheiten Journalisten Dr. Silberstein, den Sie mir einmal als einen

der wenigen bezeichnet haben, der seinen Aufenthalt in China zu einem

ernsten Studium dieses Landes benutzte. Bartolo kam sofort auf uns

zu, ließ unsere Tische aneinander rücken und erzählte uns strahlend,

er käme gerade aus London, wo es ihm gelungen sei, ein Syndikat für

die Rubinminen in der Provinz Kwangtung zustande zu bringen. »Man

reißt sich um die Aktien,« sagte er, »und unsere große Chance ist

der Burenkrieg gewesen, denn all die großen Kapitalisten, denen ihre

Goldminenaktien jetzt nichts tragen, haben sich mit Enthusiasmus an

unserm Unternehmen beteiligt.«

»Ja, glauben die denn, daß die Rubinminen schon sobald einen Ertrag

geben werden?« fragte ich und schämte mich meiner geschäftlichen

Naivetät, als Bartolo mir mit überlegenem Lächeln antwortete: »O nein,

und darauf kommt es ja auch vorläufig noch nicht an. Wir verdienen ja

bisher viel mehr an den Kursschwankungen. Unsere Rubinminen-Aktien sind

jetzt das große Spekulationspapier! Noch kein Spatenstich gemacht und

schon stehen unsere 1 Pfund-Aktien auf 140. Großartig!«

Dann erzählte er weiter: »Besonders auch bei der hohen englischen

Aristokratie sind unsere Rubies, wie sie kurzweg genannt werden, sehr

beliebt. So schrieb mir kurz vor meiner Abreise die Herzogin von X.:

»Lieber Bartolo, die Rubies sollen gut sein, sagt man mir; möchte

mich daran beteiligen, bitte um 10 Shares, sende einliegend eine 10

Pfund-Note.« Die alte Dame, die jede Quotierung wie ein Makler kennt,

tat plötzlich ganz harmlos, als habe sie keine Ahnung, daß nach dem

Tageskurs die 10 Aktien 1400 Pfund wert waren. Na, ich hab mir die

Sache überlegt und dann der Herzogin, einer politisch einflußreichen

Frau, die man sich warm halten muß, schließlich drei Aktien gesandt und

7 Pfund retourniert und dazu geschrieben, die Rubies seien so gesucht,

daß ich nicht mehr hätte auftreiben können.«

In Schanghai, so teilte uns Bartolo mit, ist das schönste Haus am Bund

für das Direktorium der Ruby Mines Co. Ltd. gemietet worden.

»Ja,« fuhr er fort, »die Sache soll im großen Stil betrieben werden,

darüber sind wir uns in London ganz einig. Ein großes Haus in

Schanghai, eines in Peking und Reklame gemacht und Gesellschaften

gegeben; vor allem wollen wir auch die Chinesen ranziehen, Feste

und Diners, und dann so beim Kaffee und Likör die noch schwebenden

Fragen glatt und rasch erledigt. Das ist so mein Prinzip. Meine jungen

Mitarbeiter hier werden mir trefflich sekundieren.«

Dabei deutete er auf zwei Sprößlinge vornehmer Häuser, die ihn

begleiteten und die er uns als Marchese del Monte Victorioso und

Vicomte le Ruinard vorgestellt hatte. Der Marchese del Monte

Victorioso, der diesen Titel seines Vaters leihweise und für

überseeische Zwecke trägt, ist ein schöner junger Mensch, das

glückliche Resultat italienischer und angelsächsischer Blutmischung.

Ob die Rechnung für seinen Frack, dem es nicht gelang, diese herrliche

Antinousgestalt zu verunzieren, wohl bezahlt ist? Chi lo sa. Aber

manche der anwesenden Damen warfen ihm unter den großen malerischen

Hüten recht vielversprechende Blicke zu; und ich sagte mir, daß

Jugend, Schönheit und ein wenn auch nur geliehener Titel wohl Gewinn

bringenderes Kapital als alle Rubin-Minen-Aktien sind. Ich kann mir

Monte Victorioso schon als Hauptfigur beim Korso des Bubbling Well

Road, den Rennen, dem Country Club und all den sonstigen sozialen

Vereinigungen denken, mit denen man in Schanghai wie anderswo die

Leere des Daseins zu verbergen sucht. Geschäftlich wird er wohl so

wenig wie sein Begleiter dem guten Bartolo viel nützen, aber diesem

scheinen diese betitelten Jünglinge an sich eine Freude zu sein,

obgleich es nur schwarze oder zum mindesten graue Schafe sind, die er

ihren betreffenden Familien für eine Weile freundlichst abnimmt. Le

Ruinard wird von seinen Eltern verschickt, um ihn dem Einfluß einer

kostspieligen Pariserin zu entziehen. Er saß ziemlich niedergeschlagen

da, bis er erfuhr, daß wir lange in Peking gewesen. Da taute er auf und

verlangte allerhand Auskünfte über das soziale Leben der chinesischen

Hauptstadt. Ich hörte ihn meinem Bruder leise zuflüstern: »et les dames

de la cour de Pékin? quelque chose à faire?«

Ich fürchte, es gibt die verschiedenartigsten Enttäuschungen für Leute,

die nach Peking auswandern.

Die zwei brillanten Attachés der Ruby Mines Co. Ltd. empfahlen sich

übrigens bald, denn sie reisen morgen mit Bartolo via San Francisko

nach China, und sie wollten offenbar ihren letzten Abend in der vollen

Zivilisation genießen.

Wir blieben zurück mit Bartolo und Dr. Silberstein, der, auf der

Rückreise aus Asien, jetzt einige Zeit hier bleiben will, um eine

englische Ausgabe seines Buches über China vorzubereiten. Ich fragte

nach beider Meinung über die beunruhigenden Telegramme aus Peking.

Bartolo erklärte, das seien alles nur künstlich von einigen

Spekulanten lancierte Nachrichten, um die Rubies zu drücken und sie

billig kaufen zu können. Silberstein aber nahm die Nachrichten sehr

ernst und sagte, sie seien der erste offene Ausdruck dessen, was man

schon seit langem habe kommen sehen können. »Seit Monaten,« sagte er,

»beginnt sich etwas tief in den Untergründen der dortigen Welt zu

regen, als ob der Drache, der im Schoß der Erde ruht, sich mißmutig

dehne und recke. In die innerste chinesische Volksmasse ist Leben

gekommen. Lange haben die gelben Millionen nicht als Faktor gegolten,

der bei Zukunftsrechnungen in Betracht kam. Jetzt scheint es, als

wollten sie ihre lange Apathie abschütteln und mir ist oft, als holten

sie zu einem großen Schlage aus.«

»Aber bester Herr,« unterbrach ihn Bartolo, »die Chinesen sind doch ein

zufriedenes, leicht zu regierendes Volk!«

»Ja, das sind sie,« meinte Silberstein, »aber die Unzufriedenheit ist

diesem resigniertesten aller Völker künstlich beigebracht worden. Sie

verlangten nur das Leben mit all seinen Unvollkommenheiten ruhig weiter

gleiten zu lassen, wie es seit den Tagen der Klassiker geschehen, aber

immer zahlreichere Leute sind gekommen, die ihnen von Fortschritt und

Wechsel sprachen und die alle irgend einen Artikel hatten, den sie

ihnen als unentbehrlich aufdrängen wollten, Religionen, Kriegswaffen,

Eisenbahnen und Dampfschiffe. Die fremden Maschinen haben Tausende

um ihre kleinen Erwerbe zittern lassen und nicht genug, daß sich die

Lebenden bedroht fühlten, auch die Toten wurden in ihrer Ruhe gestört,

denn bei den neuen Bauten auf den fremden Konzessionen und bei der

Trace der Eisenbahnen konnte man nicht Rücksicht nehmen auf die durch

das ganze Land zerstreuten Gräber. Dies erscheint allen Chinesen

als höchster Frevel. Sie mußten auch sehen, wie die Konvertiten des

neuen Glaubens durch ihre geistlichen Hirten in all ihren weltlichen

Angelegenheiten starken Schutz fanden, zum Nachteil ihrer heidnischen

Brüder. So wurden diese religiös indifferenten Menschen aus ganz

irdischen Gründen allmählich fanatisch und ihr politischer Hass

erwachte, als sie immer mehr gewahr wurden, daß die Fremden China

geringschätzig als eine Melone ansahen, die reif ist, in Stücke geteilt

zu werden. – Seitdem sind Sekten entstanden zur Vertreibung der

Fremden; zuerst ließen die Autoritäten sie nur gewähren, heute schützen

sie sie schon offen.«

»Lieber Doktor,« sagte Bartolo, »Sie sind wie so mancher in der

Melancholie eines prolongierten Aufenthalts in Peking zum Schwarzseher

geworden. Ich bitte Sie, all unsere Nachrichten lauten doch

ausgezeichnet, na, und sollten die chinesischen Autoritäten wirklich

mal etwas Schwierigkeiten machen, mit der richtigen Mischung von

Drohung und klingenden Gründen hat man sie noch immer überzeugt,

und ernsthaft werden Sie doch nicht von Gefahr durch chinesische

Aufständische reden wollen – ist ja elendes Pack; werfen Sie einem

chinesischen Volkshaufen eine Hand voll Kupferkäsch hin, und sie werden

alles vergessen, um sich darum zu raufen, und vor einem europäischen

Soldaten laufen hundert chinesische davon.«

»Ja, ich weiss,« antwortete Silberstein. »Das ist die Ansicht der

modernen Schule über China. Ich teile sie nicht und glaube, dass wir

vor großen Ereignissen stehen, die nichts mehr abwenden kann, und die

sich logisch aus unserm eigenen Verschulden aufbauen.«

39.

_New York_, 5. Juni 1900.

Der große Bartolo und seine beiden eleganten Adjutanten sind abgereist.

Vorher sandten sie mir noch einen riesigen Korb voll tief purpurroter

Rosen, der sehr passend mit rubinfarbenen Bandschleifen verziert war.

Ihre Karten lagen dabei in einem Kuvert, auf dem das Motto prangte:

»Rubi gagne«.

Ich hatte mich heute Morgen gerade hingesetzt, um Ihnen dies zu

beschreiben, als ich die Zeitung aufnahm und die erstaunlichen

Nachrichten fand, daß die Huangtsung-Station an der Peking-Bahn

von Boxern verbrannt worden ist und daß französische und belgische

Ingenieure von der Luhan-Bahn vor den Rebellen nach Tientsin geflüchtet

sind, wo sie nach großen Leiden eintrafen. Missionare sind an

verschiedenen Orten mit Konnivenz der Mandarine ermordet worden. In

Tientsin selbst wird ein Angriff der Boxer erwartet, und in Peking soll

sich die Lage sehr verschlimmert haben.

Während der letzten Tage waren die Telegramme gerade ganz beruhigend

gewesen; es hieß, daß seit der Ankunft der Gesandtschaftswachen völlige

Ruhe in Peking herrsche. So hatte ich denn Boxer und alle anderen

Realitäten vergessen und hatte weiter Märchen geträumt.

Und nun kam das Erwachen, und mir ist, als sei ich unsanft aufgerüttelt

worden.

Wie ich gerade all die Nachrichten gelesen hatte, kam Miß Tatiana de

Gribojedoff ganz aufgeregt zu mir gestürzt und sagte, sie habe gehört,

daß wir wieder in New York eingetroffen seien, und wir wären gerade

diejenigen Menschen, mit denen sie alles besprechen müsse. Dabei zog

sie gleich eine Zeitung aus ihrem Beutel und las mir die Telegramme

mit bebender Stimme vor. Sie ist entrüstet, daß nichts vorgesehen

und geschehen sei, um alledem vorzubeugen. In allen chinesischen

Begebenheiten sieht sie nur das Ergebnis russischer Aufwiegeleien,

die zu konterkarrieren die Angelsachsen von Gott berufen sind, und im

Tone von jemand, der persönlich Rechenschaft verlangen kann, fragte

sie: »I wonder what Salisbury is about?« Darauf konnte ich ihr keine

befriedigende Antwort geben, aber statt dessen mußte ich ihr über alle

chinesischen Lokalitäten Auskunft erteilen. Der Beutel enthielt auch

noch eine zusammenlegbare Karte Chinas. Die wurde ausgebreitet und ich

mußte Miß Tatiana alle Punkte zeigen und auf tausend Fragen antworten.

Mir war recht bang zu Mute, aber lachen mußte ich doch, wie Miß Tatiana

die Stirn kraus in die Höhe zog und all meinen Ausführungen auf der

Karte mit einem Ernste folgte, als laste auf ihr die Verantwortung für

die Disposition eines Feldzuges. Sie setzte mir auseinander, Amerika

habe in China eine große Mission, es müsse die Ruhe herstellen, die

offenbar nur durch russische Umtriebe gestört sei, und darüber wachen,

daß diese Begebenheiten nicht zum Vorwand für Länderräubereien benutzt

würden. Zum Schluß kündigte sie mir an, sie werde, bis die Lage sich

geklärt habe, in New York bleiben und häufig zu uns kommen, um mit uns

zu konferieren.

Wir Menschen kämen ohne Sorgen offenbar vor Langeweile um, und

Miß Tatiana, die keine einzige wirkliche hat, schafft sich daher

selbsterwählte auf politischem Gebiet.

40.

_New York_, 14. Juni.

Seit Tagen habe ich die Empfindung, als ließe die ganze Welt

sich treiben, ohne zu wissen wohin, als laste Unheimliches,

Undurchdringliches auf ihr. Und die heutigen Telegramme sind wie ein

Zerreißen des Schleiers – wie wenn bei Schiffahrt im Nebel plötzlich

ein Felsen in drohender Nähe auftaucht.

»Gesandtschaftsmitglieder in P. attackiert, die englische

Sommergesandtschaft zerstört, Prinz Tuan und andere Fremdenfeinde in

das Tsungli-Yamen ernannt.«

Und nur die ganz kleinen Gesandtschaftswachen! Was können die

ausrichten, wenn es ernst wird?

Heute steht ein Telegramm vom amerikanischen Gesandten in Peking in

den Zeitungen; er bittet um 2000 Mann. Aber wann können die dort sein?

Ich muß immerwährend an Hofer denken. Man solle Kavallerie in der Nähe

bereit halten, das sei das Wichtigste, sagte er. Ach wie recht hatte

doch dieser streitbare Kirchenmann!

Er und manch andere Missionare und auch die China-Association in

Hongkong haben gewarnt, und schon in den Schanghaier Märzzeitungen

stehen eindringliche Artikel über eine große kommende Gefahr. Es ist

als hätte alle Welt das Unheil nahen sehen, nur nicht die eigens dazu

aufgestellten Schildwachen.

Unbeachtet sind die Warnrufe verhallt. Man wollte sich im bequemen,

tatenscheuen optimistischen Glauben, daß ja alles ganz gut stände

und die Welt ein netter behaglicher Aufenthaltsort sei, nicht stören

lassen, wollte Weitläufigkeiten, Parteinahmen und Einmischungen

vermeiden, und in der großen Sehnsucht nach Ruhe alle dem aus dem Wege

gehen, wodurch neue Aktenrubriken entstehen können.

Und besondere Umstände kamen noch dazu. Die Amerikaner sagen es selbst

in ihren Zeitungen, daß sie nicht in der Lage seien, Landtruppen

nach China zu senden, weil sie sie in den Philippinen brauchen. Die

Engländer haben gerade genug mit den Buren zu tun. »Unsere Zähne sind

leider in Afrika«, hat ihr großer Mann geantwortet, als man neulich

in ihn drang, den Chinesen die Zähne zu zeigen. Die Franzosen haben

auch ein besonderes Interesse daran, daß es in China ruhig bleibt,

denn in Ausstellungsjahren soll immer alles eitel Glück und Freude

sein. Ausstellungen sind für Völker, was Verlobungen im Familienkreise

sind; da stellt man sich auch an, als sei alles herrlich und schön,

alle Fehden werden für ein Weilchen begraben und man tut so, als sei

Grund zu allgemeiner Freude. Aber die dunkeln, unerforschten Kräfte,

die uns treiben, die unerbittliche Schicksalsmacht, die über uns steht

und das werden läßt, was wir nachher Geschichte nennen, – die kehren

sich nicht an Völker- und Familienfeste, nehmen keine Rücksicht auf das

müde Ruhebedürfnis alternder Geschlechter – die führen uns unaufhaltsam

weiter, wir wissen nicht wohin – und im dichten Nebel ragen dann

plötzlich vor uns drohende Felsen aus dem Meere empor.

41.

_New York_, 17. Juni 1900.

Mit Angst und Spannung heute früh die Zeitung geöffnet, Schlimmes

erwartend, aber doch nicht dies Entsetzliche: »Die Gesandtschaften

angegriffen, ein Gesandter ermordet« – und diese Mitteilung selbst

– dunkel, gerüchtweise, wie Unheilsbotschaften sich im Osten stets

verbreiten, so daß man noch tausendfach Unheimlicheres dahinter

vermutet. Alle telegraphische Verbindung mit Peking ist abgeschnitten.

Die Nachrichten sickern durch auf geheimnisvollen Umwegen. Es ist,

als ob hinter einer verschlossenen Türe eine grausige Tragödie sich

abspielte – plötzlich hört man Stöhnen, Blut rinnt über die Schwelle,

man weiß nicht, was geschehen ist, fühlt nur, daß es Furchtbares,

Unerhörtes sein muß, da, hinter der Tür – man möchte helfen, das Schloß

sprengen, die Tür einstoßen, eilen und retten – und man kann und kann

nicht. Es ist wie ein quälendes Alpdrücken.

42.

_New York_, 19. Juni 1900.

Die Taku-Forts sind eingenommen.

Das muß doch die Chinesen einschüchtern! Und nun wird doch sicher die

Entsatzkolonne, die Admiral Seymour führt, bald in Peking anlangen

oder vielleicht schon dort sein. Ein paarmal wurde ihre Ankunft schon

gemeldet, dann aber widerrufen.

Aber wie ist es denn nur alles möglich? Das fragen wir uns immer

wieder. Etwas Traumhaftes hat das Ganze, und man ringt, endlich

erwachen und all den nächtlichen Spuk abschütteln zu können. Wenn ich

an unsere stillen monotonen Pekinger Jahre zurückdenke, sage ich mir

oft, »dies ist ja alles nur ein verrücktes Märchen, an das niemand

glauben kann«. Über wie vieles wurde doch in China geklagt! Über

Hitze, Staub und Moskitos, Überarbeitung, Ärger durch das eigensinnige

Tsungli-Yamen oder über die großen Herren zu Hause, denen China ein

Buch mit fünf Siegeln ist und die doch alles besser wissen wollen. Aber

daß Gefährdung der persönlichen Sicherheit je zum Gegenstand gerechter

Beschwerde gegen das Schicksal und die Chinesen werden könnte, wäre

keinem in den Sinn gekommen. Unmöglich wäre es uns allen erschienen,

und was wir jetzt hören, klingt kaum glaublich – aber wenn ich dann

die Zeitungen mit den groß und fettgedruckten Telegrammen sehe und

höre, wie alle Menschen nur von China reden – dann weiß ich, daß das

Abenteuerlichste, Wildeste und Unwahrscheinlichste in unsern Tagen

Wahrheit geworden ist.

Wir haben die Chinesen nur als arme, gedrückte Menschen gekannt!

Knechtung, Erpressung und Ungerechtigkeit, wie auch große verheerende

Naturkatastrophen schienen sie geduldig zu tragen; vielleicht sahen sie

in ihnen nur die verhältnismäßig gleichgültigen Begleiterscheinungen

des einen großen Übels, des Lebens. Jahrhundertelang sind sie

gezüchtet worden in einem System, dessen Erpressung, Ungerechtigkeit

und Betrug so recht auf der ewigen Trägheit und Feigheit der großen

Massen beruhen. Jeder hatte dort immer Mächtigere zu versöhnen,

umzustimmen, zu erkaufen. Die einzige Erleichterung und Rettung vor der

ungeheuren Last war schlaue Überlistung der Bedrücker. Wie so oft in

menschlichen Verhältnissen, knechtet dort der Stärkere den Schwächeren

und wird dafür von ihm hintergangen. Leicht zu befriedigen schienen

mir eigentlich die Chinesen, verlangten nicht mehr, als daß die paar

Kupfermünzen, die sie täglich verdienten, ihnen nicht von einem ihrer

Peiniger abgerungen würden; daß dies aber oft vorkommen muß, sahen sie

alle als alte Weltenregel an, in die man sich philosophisch fügt, wenn

man sie nicht listig zu umgehen weiß. Arme, durch Bedrückung schlau

und gemein gewordene Menschen, deren Geist viel mehr nach kleinen

Schleichwegen, spitzfindigen Verdrehungen und Betrügereien als nach

großen Taten zu sinnen schien. Und sie alle sollen mit einemmal

zu rasenden Kämpfern geworden sein, die es mit den Herren der Welt

aufnehmen wollen?

Ein Rätsel im rätselreichen China.

Seltsam klingt es uns auch jetzt, in hiesigen Zeitungen zu lesen, daß

diese selben so elend und stumpf dahinlebenden Chinesen eigentlich

Wesen von erstaunlich nervöser Anlage seien, die von Fanatikern

hypnotisiert wurden zu wildem Fremdenhaß und blindem Glauben an eigene

Unverwundbarkeit und Siegesgewißheit. Mir aber will es scheinen, daß

diese Hypnotiseure vor allem ihre Kraft an den Fremden in Peking

ausgeübt haben müssen, sie in wunderbaren Sicherheitswahn wiegend.

Miß Tatiana besucht mich häufig und hält lange Reden, in denen sie

alle Ministerien der verschiedensten Länder zur Verantwortung zieht.

Silberstein traf bei mir mit ihr zusammen und meinte nachher: »Das ist

eine Dame, die einen Band Junius-Briefe schreiben sollte.«

Die beiden verhandelten lange über die chinesischen Ereignisse, und Miß

Tatiana kam immer wieder darauf zurück, warum nichts von alledem von

den angelsächsischen Staatsmännern, denen sie ihr Leben lang vertraut,

vorgesehen worden sei.

Der Journalist meinte: »Ja, die Nachrichten aus China sind freilich

so recht geeignet, die Fundamente des Glaubens an vorausschauende

Staatsweisheit stark zu erschüttern. Aber es wird überhaupt viel

weniger geplant und gelenkt, als man uns im Geschichtsunterricht

lehrt. Die größten Ereignisse kommen meist unerwartet. Man hat sich

treiben lassen, ohne viel zu fragen, wohin und steht plötzlich vor

überraschenden Tatsachen. Das landläufige Heroentum besteht dann

eigentlich nur immer darin, sich mit Geschick aus Schwierigkeiten

zu ziehen und es nachträglich so darzustellen, als habe man alles

vorausgesehen.«

»Aber«, fragte Miß Tatiana, »hat man denn nicht von Anfang an

erkannt, daß diese fremden- und fortschrittsfeindliche Partei unseren

kommerziellen Interessen notwendigerweise großen Schaden zufügen muß?

Warum hat man sie überhaupt je so anwachsen lassen?«

»Um sie erfolgreich zu bekämpfen«, antwortete er, »hätte man sich

offen zum Kaiser und zu seinen Reformfreunden bekennen müssen. Es gab

vielleicht einen Moment, wo man das gekonnt hätte. Aber dazu hatte

niemand den Mut und niemand sah wohl ein, wieviel auf dem Spiele stand.

Die Schicksalsstunde für China war der Staatsstreich der Kaiserin

Witwe im September 1898. Daß damals die ganze Welt zuschaute, wie

aller Fortschritt vertilgt wurde, nachdem er so lange gepredigt

worden war und endlich eine Partei eifriger Bekenner gefunden hatte,

und daß man zuließ, daß die finstere Reaktion an seine Stelle trat –

das rächt sich heute, denn es rächt sich immer, aus Bequemlichkeit

und Angst vor Komplikationen wissentlich das Höhere unterdrücken zu

lassen, so schlau es auch im Moment erscheinen mag, Einmischungen

zu vermeiden. Wer heute von idealen Gesichtspunkten in der Politik

redet, begegnet nur mitleidigem Achselzucken, und doch wäre die Macht,

die damals für das ideale Streben der Reformpartei eingetreten wäre,

heute wohl die führende in China, und die unvermeidlichen anfänglichen

Schwierigkeiten, denen sie begegnet wäre, hätten sicher nicht die

Tragweite des Konfliktes angenommen, dessen kleines Vorspiel wir eben

erst erleben. Die Vereinigten Staaten hätten diese Rolle übernehmen

können, um so mehr, als sie China gegenüber reine Hände haben. Aber

um solche Entschlüsse fassen zu können, gehören große, leitende

Gedanken – und der Laden, wo Ideen für Staatsmänner und Diplomaten und

Bücherstoffe für Autoren verkauft werden, existiert leider noch immer

nicht.«

43.

_New York_, den 21. Juni 1900.

Der entsetzliche Traum dauert weiter, keine Nachricht aus Peking, und

schlimmer als alles, keine Nachricht von Ihnen. Ach, wo sind Sie,

lieber Freund? Meine tägliche Hoffnung ist, ein Telegramm von Ihnen

zu erhalten, daß Sie in Schanghai von Ihrer großen Reise ins Innere

zurückgekehrt sind. Um diese Zeit müßten Sie doch dort eingetroffen

sein. Was kann Sie so lang aufgehalten haben? Ich sehne mich so sehr

danach, von Ihnen zu hören, daß das Warten zu einem physischen Schmerz

wird.

Die Hitze liegt bleiern auf der Stadt. Tag und Nacht keine Abkühlung.

Die Nächte sind am schlimmsten. Sie scheinen so endlos mit den

wirren Gedanken, dem fiebrigen Einschlummern und den verschwommenen

beängstigenden Visionen, die sie bringen. Dann wird die Hitze zu einem

greifbaren Wesen, im Dunkeln lastet sie auf mir wie ein Alpdrücken, ich

glaube sie fühlen und fassen zu können. In den Zeitungen steht, wie

alle Jahre, es sei dies ein anormaler Sommer, noch nie hätten Menschen

und Tiere so sehr unter der Hitze gelitten, noch nie seien so viel

Hitzschläge vorgekommen. Es scheint, als sei es den Menschen ein Trost,

sich einzubilden. daß gerade ihre Leiden ausnahmsweise groß seien,

so groß, daß sie dadurch von einer gewissen Bedeutung würden. Und es

ist doch alles bedeutungslos. Leiden scheint nur ausnahmsweise groß,

wenn es gerade unser persönliches Leiden ist. Könnten wir den Begriff

unseres Ichs erweitern und dadurch mehr Leiden umfassen, so würden uns

diese neuen Qualen, die wir bisher kaum ahnten, auch wieder als ganz

ausnahmsweise groß erscheinen.

Wenn einst in Millionen von Jahren die Erde tot und eisig durch die

Weltenräume kreist, wer wird dann nach den kleinen Wesen fragen, die

mal auf ihr an Hitzschlag starben!

Die Stadt ist ganz leer. Wir sind noch hier. Ich möchte auch gar nicht

fort. Gerade hier in der furchtbaren Hitze glaube ich manchmal wirklich

dort zu sein, wo all meine Gedanken sind. Hinter den hohen Pekinger

Stadtmauern. Allein schon die Hitze dort in dieser Jahreszeit, ohne

alles andere – welche Marter! Ich bilde mir ein, daran teilzunehmen,

von hier aus mittragen zu helfen.

Wie schön wäre es doch, wenn man für andere tragen könnte, wenn

man sagen könnte: »Ruh Du Dich jetzt aus, denn nun schieb ich die

Schulter unter die Last.« Das Weh der Welt ist aber nicht wie ein

Brot bestimmter Größe, je mehr davon essen sollen, desto kleiner

müssen die Teile werden. Nein, es wächst mit jedem neuen Gast, es

ist immer in Überfluß auf dem Tisch und kämen auch immer wieder neue

Millionen hinzu. Tragen helfen! auch so eine Illusion, mit der die

große Hoffnungslosigkeit verborgen werden soll. Jeder trägt, was schon

mit ihm in der Wiege lag, was mit ihm selbst gewachsen ist, trägt,

weil es eben nicht anders geht. Und vor, neben und hinter ihm stehen

unabsehbare Reihen von Wesen, die auch alle tragen, jedes seine Last.

In Wahrheit abnehmen kann keiner dem andern etwas, so daß der wirklich

frei aufatmete – wir können nur zum eigenen Leid uns noch das des

anderen hinzudenken – mit ihm mitleiden.

Mitleiden – ach, wie sehr leide ich hier mit jenen, die ich in Peking

gelassen, leide mit Ihnen, lieber Freund! Bald suchen meine Gedanken

Sie hinter den düstern Stadtmauern, die mit unheimlichem Schweigen

unbekanntes Schicksal so vieler umgeben, bald in dem großen, brodelnden

China, von dem aus allen Teilen Nachrichten über Aufstände und

Metzeleien eintreffen.

Und mit all meinem Mitleid kann ich so gar nichts helfen!

44.

_New York_, den 22. Juni 1900.

Lieber Freund! In diesen Zeiten wachsender Angst und Sorge denke ich

so unablässig an Peking und an alles, was sich dort zutragen mag,

daß es mir oft ist, als sei ich selbst dort und ich mich kaum noch

erinnere, wo ich mich in Wirklichkeit befinde. Redet mich jemand an, so

fahre ich auf, wie aus einem Traume gerissen und muß mich erst wieder

besinnen auf die mich umgebende Welt. Stundenlang liege ich nachts wach

und sinne nach und suche durch die Gewalt des Willens den Schleier

zu lüften, der undurchdringlich zwischen uns liegt. Ich lausche, ob

durch das tiefe Schweigen nicht doch eine einzige Stimme dringt, die

mir Kunde brächte. Und dann am Morgen das fieberhafte Warten, bis die

Zeitungen kommen, der jedesmalige sichere Glauben, heute müssen sie

erlösende Nachrichten enthalten – und das jedesmalige Zusammensinken

aller Hoffnung, die bittere Enttäuschung – immer das gleiche tiefe

Schweigen.

Bilder aus jenen vergangenen Zeiten ziehen unablässig an meinen Augen

vorbei, und ich möchte jede kleinste Erinnerung an all die damaligen

Ereignisse festhalten, wenn sie auch anderen gleichgültig erscheinen

– sind sie doch meine Schätze – das Einzige vielleicht, was mir

geblieben. Als ob von einem alten verblaßten Gemälde der Staub gewischt

würde und man nun die Züge wieder gewahrt, so fällt mir tausend

Vergessenes ein. Die Geschichte jener Jahre, in denen wir uns trafen

und kannten, rollt sich wieder vor mir auf, und beständig glaube ich zu

sehen, wie Sie mich aus den Tiefen der Vergangenheit anschauen.

Beim ersten Anblick mancher Menschen habe ich die dunkle Empfindung

gehabt, sie früher schon gekannt zu haben, obschon ich doch genau

wußte, daß ich sie in diesem Leben zum erstenmal sah. Wo, wann mochten

wir uns wohl getroffen haben? Was war es, das uns früher einmal

vereinigt hatte und woran die Erinnerung mich plötzlich leise zu mahnen

schien? Niemals habe ich das so sehr empfunden, lieber Freund, als an

dem Tage, da ich Sie zum erstenmal sah.

Erinnern Sie sich dessen noch?

Es war bei einem Diner in Peking, im Hause des langjährigen Gesandten

von ***, eines der letzten Repräsentanten jener alten politischen

Schule, die noch an die unüberwindliche Macht Chinas glaubte und in

der Behandlung dieses asiatischen Völkergebildes als ebenbürtigen

Großstaates eine Befriedigung der eigenen Diplomateneitelkeit fand.

Ich entsinne mich, daß, als mein Bruder und ich eintraten, die meisten

Gäste schon versammelt waren. Der Hausherr erklärte gerade einem neu

eingetroffenen Kollegen die verwickelte Frage der Audienzen fremder

Gesandten beim Kaiser von China. Er wurde ganz wehmütig über die immer

neuen Zugeständnisse, die die Gesandten in der Art ihres Empfanges

erlangt hätten, und man merkte ihm an, daß er innerlich ganz auf seiten

der Chinesen stand, denn es gewährte ihm eine unendliche Genugtuung,

an einem Hofe akkreditiert zu sein, was man bei Republikanern ja

mitunter findet, und er nahm es persönlich übel, wenn man diesen

seinen Spezialhof nicht so recht als voll gelten lassen wollte. Als

ich ihn einmal unmittelbar nach solch einer Audienz traf, sagte er mir

würdevoll: »I have just been in the presence of Royalty.«

Ein Stab junger Dolmetscher umgab den alten Gesandten. Mit ihrer Hilfe

richteten die Fremden einige Sätze an einen Minister des Tsungli

Yamen, eine lebende Mumie, die sich unter den Geladenen befand und

kein Wort einer europäischen Sprache kannte. Auch zwei jüngere

Chinesen waren zugegen; sie trugen über langen, seidenen Gewändern,

weitärmelige Jacken aus zart gefärbtem Damast und auf dem Kopf

schwarze Atlas-Käppchen, mit einer großen Perle über der Mitte der

Stirn. Offenbar Pekinger Gigerl! Sie wurden mir als Marquis Tschiao

fenglo und Bruder vorgestellt, die sehr gut englisch könnten. Ich

redete den einen, der mir der ältere schien, als Marquis an, erhielt

aber die Antwort: »my brother he be Marquis, me be plain Esquire.« Im

verblüffendsten Pidgin Englisch erklärten mir dann die Brüder, daß der

ältere nur ein adoptierter Sohn des verstorbenen Marquis Tschiao sei.

Während sie mir noch die verwickelte Frage von Adoption in China zu

erklären suchten, trat unser Wirt an mich heran.

Sie folgten ihm.

Er stellte Sie vor.

Und sobald ich zu Ihnen aufschaute, hatte ich die ganz bestimmte

Empfindung, Sie früher schon gekannt zu haben – und ich wußte doch ganz

genau, daß ich Sie zum erstenmal erblickte. Es war ein ganz seltsames

Gefühl. Mir war, als stände ich an jener Tür, die für uns verschließt,

was wir gewesen vor diesen paar kurzen Erdenjahren, für die unser

schwaches Gedächtnis gerade mühsam reicht – und mit Anstrengung aller

Fähigkeiten des Denkens und Erinnerns suchte ich diese Tür für einen

Augenblick spaltenweit zu öffnen.

Bei dem Diner saßen Sie ziemlich weit von mir, wenn ich mich aber etwas

vorbog, konnte ich Sie mir schräg gegenüber erblicken. Immer wieder

fragte ich mich »Wann? Wo?« Ein paarmal gelang es mir auch in dem

Schwirren und Summen der allgemeinen Konversation den Ton Ihrer Stimme

zu vernehmen, und der klang mir so wohlbekannt, als hätte ich ihn

jahrelang gehört.

Nach Tisch sprachen wir lange zusammen, und mit jedem Augenblick

erschienen Sie mir bekannter und vertrauter und es dünkte mich, als

läse ich auch in Ihren Augen ein staunendes Wiedererkennen.

Ich hatte ja seit unserer Ankunft in Peking viel von Ihnen gehört, von

Ihren merkwürdigen, abenteuerlichen Reisen in Teilen Chinas, die kaum

je von Europäern betreten werden, von Ihren wunderbaren Sammlungen,

von Ihren Freundschaften mit den Lamahs entlegener Klöster, die nie

mit andern Fremden sprechen, Sie aber dank Ihren buddhistischen

Studien beinahe als einen der Ihrigen ansahen. Ich war natürlich sehr

gespannt gewesen, Sie kennen zu lernen, aber was ich empfand, als ich

Sie nun wirklich sah, hatte nichts mit dem zu tun, was ich von den

Umständen Ihres jetzigen Lebens gehört – die Wurzeln dieses Gefühls des

Wiederfindens mußten weit zurückgreifen in die grauen Fernen längst

vergessener Zeiten.

Auf dem Heimweg in dem blauen zweirädrigen Karren, der auf der

holprigen Straße wie ein Schiff im Sturme schwankte und den das

Maultier oft nur mit äußerster Anstrengung aus den fußtiefen Löchern

herausziehen konnte, und später in meinem kleinen schmucklosen Zimmer

des Hotel de Pékin – immer wieder fragte ich mich: »Wann? Wo?«

Aber an jenem Abend fand ich keine Antwort.

45.

_New York_, den 23. Juni 1900.

Wie ich die Antwort fand, will ich Ihnen heute schreiben!

Ihnen schreiben? und weiß doch nicht, wo Sie sind, ob dieser Brief je

vor Ihnen liegen wird, ob es für uns noch eine Zukunft geben kann, oder

ob das ganze weitere Leben nicht wehes Erinnern sein muß an vergangene

Tage.

Und doch ist mir, als umgäben mich Ihre Gedanken, als lauschten Sie

irgendwo in weiter Ferne ob nicht ein Wort von mir zu Ihnen dringe.

Sie in der Weite zu suchen, sende ich diese kleine Geschichte aus; halb

vergessen, nie wieder berührt, hat sie seitdem verborgen in mir geruht;

wie sie nun wieder lebendig vor mir ersteht, fühle ich, daß mit ihr

auch das nie ausgesprochene Hoffen in mir schlummerte, sie Ihnen doch

noch einstmals am Abend eines schönen künftigen Sommertages ganz leise

zuflüstern zu können!

Es war am Morgen nach dem Diner des alten Gesandten. Lautlos trat

meine filzbesohlte Amah in das Zimmer. Ihr schwarzes Haar war glatt

zurückgestrichen und am Hinterkopf künstlich zu einem Horn gedreht. Sie

trug jahraus, jahrein lange indigoblaue Baumwollgewänder; Winters waren

sie dick wattiert und mit zunehmendem Froste zog die Amah eines über

das andere, bis daß sie wie eine Tonne aussah und ihre Arme wie riesige

Würste von ihr abstanden. Sommers dagegen, wenn all die wattierten

Mäntel auf dem Pfandhaus ruhten, erschien sie ganz schlank. Die Amah

war Christin und in der Klosterschule des Petang von den französischen

Nonnen erzogen. Sie hatte dort einige Worte Französisch aufgeschnappt,

was den Verkehr entschieden erleichterte, wenn man erst mit ihr

übereingekommen war, was jedes Wort in ihrer Gebrauchsweise eigentlich

bedeuten sollte.

An jenem Morgen sah sie strahlend aus und sagte mir: »Joli Monsieur hat

ein Geschenk für Madame geschickt.« Wer Geschenke machte war nach der

Amahs französischem Sprachgebrauch immer joli; sie urteilte offenbar

nach dem Grundsatz »handsome is who handsome does.« In den schmalen

gelblichen Händen hielt sie eine grüne Nephrit-Schale, die mit rosa

Magnoliablüten gefüllt war.

Zwischen den Blumen aber lag Ihre Karte.

Ich beugte mich über die Blüten und wie ich ihren süßen Duft einsog,

überkam mich ein seltsames Gefühl des Schonerlebten. Es war mir, als

träume ich, als müsse ich nun handeln, wie es mir eine geheimnisvolle,

unsichtbare Macht eingab. Mechanisch ergriff ich einen der braunen

Zweige, an dem zwischen gelben, pelzigen Schutzblättchen zwei schöne

rosa Knospen sich öffneten. Mechanisch trat ich vor den ziemlich

blinden, zersprungenen Hotelspiegel und, wie fremdem Willen gehorchend,

hob ich den Blütenzweig über mir in die Höhe, schlang eine Strähne

meines Haares mehrmals zwischen den beiden Blumen durch und befestigte

sie so auf meinem Kopfe.

Im Augenblick aber, als ich dies getan und mich vorbeugte, um besser

in dem blinden Spiegel zu sehen, verschwanden plötzlich die Wände des

kleinen Hotelzimmers und mit ihnen die Möbel, die Amah und alles,

was noch vor einer Sekunde um mich gestanden hatte. Ich selbst war

verschwunden und doch sah ich.

Ich sah ein spiegelglattes Meer, über dem der wolkenlose Himmel in

endlosen Höhen blaute. Manchmal hob sich die schimmernde Fläche, als

seufze die See im Traume; dann kräuselte sich ein kleines Wellchen am

goldig flimmernden Strand entlang und versank wieder in das lautlose

ewige Blau. Am Ufer saßen zwei Menschen. Sie waren beide hoch und

kräftig gewachsen und mit weichen Fellen unbekannter Tiere bekleidet;

goldblondes Haar hing beiden über die Schultern herab und ihre Augen

waren blau und klar und doch so unergründlich tief wie das weite Meer

vor ihnen. Über beiden lag ein unendlicher Zauber von Jugend, von

Frühmorgen, von Weltenbeginn. Der Mann beugte sich zum Meere und griff

nach einer großen, offenen rosa Doppelmuschel, die von einer Welle

leise herangespült wurde. Er reichte sie der Frau. Die nahm sie, hob

sie über sich in die Höhe, schlang eine Strähne ihres Haares mehrmals

zwischen den beiden rosa schimmernden Muschelhälften hindurch und

befestigte sie so auf ihrem Kopfe. Dann wandte sie sich lächelnd zu dem

Manne. – – Der aber hatte Ihre Züge angenommen, und das Bild der Frau,

das sich in seinen Augen spiegelte – war mein eigenes!

Ich wollte mehr und tiefer schauen – doch die Vision entschwand – das

blaue Meer ward grau und trübe – die beiden Gestalten versanken.

Ich befand mich wieder in dem dürftigen Pekinger Hotel-Zimmer; vor mir

hing der kleine gesprungene Spiegel; die Amah stand neben mir, als sei

nichts vorgefallen.

Aber meine Frage: »Wann? Wo?« war beantwortet.

In Uranfangszeiten haben wir beide zusammen an sonnigem Strande

gesessen – vielleicht war ich einstmals das erste Wesen, das sich

schmückte – einem anderen zu gefallen.

Die grüne Nephrit-Schale, die Sie mir mit den Magnolienblüten sandten,

hat mich nie verlassen. Sie steht auch heute vor mir, und ich starre

auf die seltsamen, fremden Schriftzeichen, die in den harten grünen

Stein gemeißelt sind und die da bedeuten: was einmal auf dem ewigen

Rade der Zeiten gewesen, muß stets von neuem wiederkehren.

Wirres Vergangenheitserinnern, banges Zukunftsahnen durchschauert mich.

Im Dunkeln tasten wir umher, bis wir in völliger Nacht versinken –

wissen nicht, woher wir kommen, noch wohin wir gehen.

46.

_New York_, den 24. Juni 1900.

Immer dieselben widersprechenden Nachrichten in den Zeitungen. Die

Schilderungen entsetzlicher Metzeleien, daneben die Versicherungen

chinesischer Gesandten, daß die Fremden in Peking noch am Leben

seien, daß ihnen irgend ein chinesischer General beistände. Was soll

man glauben? Ach, man glaubt ja bis zuletzt immer, was des Herzens

heißester Wunsch ist.

Ich habe angefangen mein Pekinger Tagebuch wieder durchzulesen. Auf

jeder Seite steht Ihr Name, lieber Freund, und daneben irgend eine neue

Freude, die Sie sich für mich ausgedacht! Damals nahm ich es alles so

hin – als könne es nicht anders sein. Jetzt erst beim Lesen ist es

mir, als spräche aus den vergilbten Blättern eine ferne Stimme zu mir

und erzählte mir leise von Dingen, die ich nur dunkel geahnt. Jetzt

versteh ich – jetzt, wo vielleicht ... Aber ich will das Entsetzliche

nicht denken – es darf nicht so enden! Ich habe ja auch gar keinen

sicheren Anhaltspunkt dafür, daß Sie mit in Peking eingeschlossen sind

– nur daß es so ungefähr die Zeit ist, in der Sie von Ihrer Reise

zurück sein sollten. Aber wie oft dehnen sich solche Reisen im Innern

länger aus, als man zuerst berechnet, und wenn Sie unterwegs von den

Unruhen hörten, werden Sie doch sicher nicht den gefahrvollen Weg nach

der Küste eingeschlagen haben, sondern werden wohlgeborgen bei einem

Ihrer Freunde geblieben sein. Denn Sie hatten deren ja so viele unter

den Eingeborenen und sind mir immer als der eine Fremde erschienen,

der wirklich Fühlung mit den Chinesen hatte. Sie kannten Palastbeamte,

Zensoren, Gildenhäupter, Literaten, während so manche andere Europäer

beinah einen gewissen Stolz hineinsetzten, von den Kindern des Landes

möglichst wenig zu wissen. Jetzt ist es mir ein Trost, mich daran

zu erinnern, daß Sie auch unter den Mongolen, die jeden Herbst nach

Peking ziehen, Freunde hatten, und unter den Händlern, die die fernen

Provinzen durchstreifen, um für reiche Sammler berühmten alten Vasen

nachzuspüren. Von all diesen Leuten erhielten Sie stets Nachricht

von Dingen, die anderen verborgen blieben, und Sie haben gewiß die

Ursachen und das Entstehen dieser neuesten Begebenheiten, die uns als

plötzliche Erscheinungen überraschen, lange im voraus gekannt. Sie sind

ja vielleicht der einzige Europäer, der China so gut kennt, daß Sie

spurlos in den Volksmassen untertauchen könnten – den Strickland Chinas

hatten Kipling-Schwärmer Sie einstmals genannt. Wenn irgend einer,

mußten Sie sich retten können.

Wenn ich doch aber nur eine Silbe von Ihnen hörte!

Ach, dies fortwährende Grübeln und Sehnen – dies Wissenwollen und doch

Zittern vor dem Wissen.

Beständig schweifen die Gedanken zurück zu den verflossenen Jahren.

Das Pekinger Häuschen, das Sie uns zu mieten und einzurichten halfen,

sehe ich immer wieder vor mir. Mit Mauern umfriedet lag es in der

Straße hinter den Gesandtschaften nahe am Hatamen, dort, wo die

großen Bäume stehen. Des kleinen Hofes mit der riesigen, verwitterten

Steinschildkröte, und der Wistaria mit den hell lila Blütendolden

gedenke ich und der vielen Abende, die wir unter dem alten Baume

sitzend dort verbrachten. Der Wind spielte in den Zweigen und leise

fielen die blassen Blüten auf uns herab. Eine verspätete Biene flog

summend durch den Hof. Von jenseits der Mauer drangen die seltsamen,

abendlichen Rufe der Verkäufer, die durch die Straßen zogen, aus

der großen, grauen Stadt zu uns – Töne aus einer Welt, von der wir

allmählich einige kleine Äußerlichkeiten zu unterscheiden lernten,

deren Geist und innerstes Wesen uns doch ewig fremd und rätselhaft

bleiben werden. Und beklemmend wurde in solchen Stunden das Gefühl

unendlicher Ferne und Weite. Einer Last gleich legte es sich auf das

Herz. Ein traumhaftes Empfinden der Angst, im Raum verloren, durch

unabsehbare Entfernung und unendliche Zeiten von allem getrennt zu

sein, das früher einmal unsere Welt gewesen.

Was mag aus unserem Häuschen geworden sein? Was aus den Menschen

allen, die ich dort gekannt, die inmitten Tausender fremder und

feindlicher Wesen so ahnungslos sicher dahinlebten? Es ist, als seien

sie alle weggezaubert, versunken in eine Nacht, die unser Blick nicht

zu durchdringen vermag. Immer wieder sehe ich sie alle vor mir, wie

sie sich am Morgen unserer Abreise in unserem kleinen Hofe versammelt

hatten, um uns Lebewohl zu sagen. Öde und ausgeräumt war alles und

Ta dirigierte die Kulis, die sich die letzten Koffer und Kisten

aufluden. Man saß auf den Treppenstufen und auf dem Rücken der alten

Steinschildkröte herum, und alle Sprachen schwirrten durcheinander.

Abschied wurde genommen und Rendez-vous in der Pariser Ausstellung

verabredet: Auf Wiedersehen! auf Wiedersehen! tönt es mir immer wieder

in den Ohren. Wie oft und ahnungslos haben wir doch alle an jenem

Morgen das Wörtchen wiederholt! Und dazu knatterten die Feuerwerke,

mit denen die Chinesen alle Abreisen begleiten, um die bösen Geister

zu verscheuchen. Aber die füllten wohl schon damals das ganze Land,

unsichtbar lauernd harrten sie ihrer Stunde und keiner von jenen, die

da standen, fühlte ihre Gegenwart. Denn das Schicksal schlägt mit

Blindheit, die es zu verderben gewillt ist.

Und Sie, der Sie vielleicht der Einzige waren, der ahnend

vorausschaute, wo sind Sie, lieber Freund? – das ist die quälendste,

unerträglichste Frage. In immer neuen Gefahren glaube ich Sie zu sehen.

Wann werden wir wissen? oder ... werden wir nie wissen?...

47.

_New York_, den 25. Juni 1900.

Mein Tagebuch ist mein einer großer Trost. Ich vertiefe mich ganz

in seine Lektüre. In ihm erlebe ich Vergangenes immer von neuem und

vergesse zeitweise die qualvolle Gegenwart. Ich kann verstehen, was

ganz alte Leute meinen, wenn sie von der großen Freude sprechen, die es

gewährt, einen Menschen zu treffen, der uns kannte, als wir jung waren.

Mein Tagebuch ist mir wie jemand, der mich schon lange kennt, in dem

ich mich wiederfinde, und vor allem ist es mir jemand, der Sie gekannt

hat. Wie lang verweil ich doch bei den Seiten, in denen ich etwas von

Ihnen wiederfinde!

Heute las ich von einem Morgen, an dem Sie mich abholten, um mir in

chinesischen Läden bei Besorgungen für das Häuschen zu helfen. Nur

wenige Worte enthält mein Tagebuch darüber, aber die rufen mir alles

wieder lebhaft vor Augen.

Ob Sie sich wohl auch noch daran erinnern?

Es war Winter. Wir gingen durch das finstre Tor der Tatarenstadt und

dann über die Bettlerbrücke, uns mühsam einen Weg bahnend zwischen

langen Zügen mongolischer Kamele, zahllosen wirr durcheinanderfahrenden

blauen Karren und einem Gewühl seltsam fremdartiger Menschen: Mongolen,

in breitabstehenden Pelzmützen und dicken ockergelben und kupfrig roten

Röcken; Chinesen, fröstelnd trotz ihrer vielen wattierten Gewänder,

die Hände unter den lang überhängenden Ärmeln verborgen, auf dem Kopf

einen spitz in die Höhe stehenden roten Baschlick, der fest um den Hals

zugebunden war. Andere trugen über den Ohren kleine Pelzfutterale;

man konnte sie oft mehrmals anrufen, sie hörten gar nichts und wurden

beständig von Karren und Reitern angerannt.

Das waren die Wohlhabenden, die sich gegen die Kälte zu schützen

vermochten, aber auf der Bettlerbrücke, zwischen den kleinen offenen

Buden und Garküchen, drängte sich eine Menge grausiger Gestalten; halb

nackt waren manche und die abgemagerten Körper zitterten vor Kälte; wir

sahen eingefallene Gesichter, blaue Lippen, violette, halb erfrorene

Glieder, Wunden und Gebrechen aller Art, Haare struppig verfilzt,

Augen, die wie im Wahnsinn starrten. Kaum menschliche Wesen waren sie

zu nennen in ihrem Schmutz und ihrer namenlosen Verkommenheit. Und

viele waren noch sehr jung, noch Kinder, und mußten doch auch mal

eine Mutter gehabt haben! Und der Jammer dieser vielen, besser nie

gelebten Leben erschien deshalb so entsetzlich, weil seine völlige

Hoffnungslosigkeit so klar vor Augen lag.

Umringt von den Bettlern blieben wir an einer der kleinen Garküchen

stehen, wo in alten, hundertfach gesprungenen und mit Draht kunstvoll

geflickten Porzellannäpfen, namenlose, seltsam duftende Speisen feil

geboten wurden. Heißhungrig schauten die Bettler nach der großen Pfanne

über dem offenen Feuer, auf der Fleischabfälle, zu Bällen geformt, in

siedendem Fett gebraten wurden. Bläulich stieg der heiße Dunst auf in

der kalten Winterluft und gierig sogen die Armen den Geruch brozelnden

Fettes ein und drängten sich möglichst nahe an das Feuer. In ihres

Daseins Hölle war eine warme Mahlzeit am Feuer einer Garküche wohl das

Höchste, was die Erde zu bieten vermag – und Sie ließen allen zu essen

geben und blieben dabei, damit auch jeder wirklich sein Teil bekam;

denn die Bettler Pekings waren Ihre besonderen Schutzbefohlenen. Wie

oft habe ich Sie von dieser merkwürdigen Schar umringt gesehen, die wir

Ihre Garde nannten!

Ich fragte Sie nach einigen der seltsamsten Gestalten, Sie kannten

sie alle und sagten: »Auch unter diesen rechtlosesten aller Menschen

bestehen noch Rechtsstreitigkeiten: Jeder darf nur in bestimmten

Straßen betteln; alle zusammen bilden sie eine Gilde, an deren

Spitze ein kaiserlicher Prinz steht, dem sie einen jährlichen Tribut

entrichten müssen – denn nichts auf Erden wird mehr ausgebeutet, als

das Elend, das sich nicht zu wehren vermag.«

Von der Bettlerbrücke bogen wir rechts in kleine Straßen ein. Ich weiß

nicht, ob der Anblick all des Jammers um uns her uns darauf gebracht

hatte, aber ich entsinne mich, daß wir auf dem Weg von dem geringen Maß

an Glück sprachen, das auf Erden zu finden ist, und daß ich sagte: »und

diesem bißchen Glück vermögen wir auch nicht mal voll ins Gesicht zu

schauen, immer erscheint es uns im Profil, zurück in die Vergangenheit,

oder hinaus in die Zukunft schauend.«

»War es denn wirklich gar nicht möglich, dem Glück in der Gegenwart

kühn und entschlossen, voll ins Antlitz zu schauen?« sagten Sie leise

vor sich hin, und der Klang Ihrer Stimme erschien mir plötzlich beinah

fremd, bebend, als benähme Ihnen die eisige Luft den Atem.

Ihre leisen Worte enthielten eine Frage.

Aber ich vermochte nicht zu antworten – fürchtete das Zittern der

eigenen Stimme. Fühlte Ihre Augen auf mir ruhen und wagte nicht

aufzuschauen.

Ich schüttelte nur schweigend den Kopf.

Der Wind pfiff eisig um die Ecken. Der Boden war hart gefroren. Der

Winterhimmel hing schneeschwer herab. Es war, als laste uraltes Unheil

auf der ganzen Welt. Fröstelnd empfand ich plötzlich die große Kälte.

Eilend, wie vor Gespenstern fliehend, schritten wir weiter.

Wir sprachen beide nicht mehr.

48.

_New York_, den 26. Juni 1900.

Vor einigen Tagen lasen wir, daß der Provikar Hofer, dessen Warnungen

niemand in Europa glauben wollte, und der nach China zurückgekehrt ist,

sich in Schanghai befindet. Ich telegraphierte ihm, ob er wisse, wo Sie

sind, denn ich konnte die Ungewißheit nicht mehr länger ertragen. Und

soeben kommt die Antwort: »Muß nach letzten Nachrichten unmittelbar vor

Beginn Belagerung Peking eingetroffen sein.«

Also nicht mal mehr die eine schwache Hoffnung, daß Sie vielleicht

irgendwo im Innern Chinas sicher und verborgen seien! Daran hatte ich

mich während der letzten Tage geklammert. Je schlimmer die Nachrichten

über Peking lauteten, desto sicherer und bestimmter nahm ich an, daß

Sie nicht dort seien, suchte mir zu beweisen, daß Sie gar nicht dort

sein könnten, wollte es nicht zugeben.

Und nun sind Sie doch dort! – All die entsetzlichen Nachrichten, die

wir seit Tagen mit Grauen gelesen, sie sind zu lebenden Wirklichkeiten,

zu Bildern geworden, die mich unablässig verfolgen, seit ich weiß, daß

Sie mit eingeschlossen sind in der Stadt des Leidens.

Jeder einzelne, der dort hinter den finsteren Mauern der Erlösung

harrt, muß ja den fremdesten Menschen Mitleid einflößen – aber was ist

das neben der Angst und Verzweiflung, die mir das Herz zerreißen um Sie

– um Sie, liebster Freund!

Und jetzt gar nichts tun zu können, wo man so gern das eigene Leben

gäbe, wo es schon Glück wäre, auch nur mit leiden zu dürfen!

Und inmitten all der Marter plötzlich vor dem eigenen Herzen wie vor

einer Offenbarung stehen und sich staunend fragen: Kann das denn sein?

Bin ich es denn wirklich?

49.

_New York_, den 27. Juni 1900.

Seit wann weiß ich eigentlich, was Sie meinem armen, in frühem

Morgensturm entwurzelten Leben geworden sind? Hab ich es dort in Peking

schon geahnt? Hab ich es jetzt erst allmählich entdeckt? Ich weiß es

nicht mehr. Mir ist, als hätte es nie anders sein können. – Wir haben

es uns nie so ganz gesagt – aber wir beide wußten es doch wohl immer.

So vieles lag zwischen uns, hemmend und trennend. – Wozu da reden?

Und sind wir nordische Menschen nicht alle etwas Stumme des Himmels?

Es ist, als hindere uns eine gewisse Scheu, unsere tiefsten Gefühle

auszusprechen. Mit der Feder sind wir viel beredter, da fühlen wir uns

allein und frei, als könne niemand hören, was wir lautlos dem Papier

anvertrauen.

Äußeren Schicksalszwanges hat es bedurft, um klar zu sehen, der Angst,

die die Schleier zerriß.

Wenn ich an meine jungen Jahre denke, die des Lebens schönste sein

sollten, so habe ich immer nur die eine Erinnerung an eine Last, die

über meine Kräfte ging, die ich weiter trug, weil ich mir nicht zu

helfen wußte, weil ich im Ertragen nicht schwach war, aber wohl viel zu

schwach und öffentlichkeitsscheu, um selbst mein Schicksal in die Hände

zu nehmen und es nach eigenem Willen umzuwandeln. Ich trug es wie es

nun einmal war.

Ich habe einige Frauen vom Übermenschtypus gesehen, die dasjenige

einfach abschüttelten, was sie in der freien Entfaltung ihres Ichs

hinderte; die schicksalsstark waren und selbstgestaltend in ihr Leben

eingegriffen; denen die eigene Person das Idol war, vor dem sich

alles beugen mußte. Ich habe auch Frauen gekannt, die zwei getrennte

Leben führten, ein Leben vor aller Augen offen, kalt, grau, von

unendlicher Langeweile; und daneben ein anderes, verstecktes, voll

süßer Geheimnisse, voll erstohlenen Glücks, das die Leere und Öde des

ersteren ersetzen mußte.

Beide Arten von Frauen habe ich angestaunt, vielleicht auch etwas

beneidet, aber ich hätte keine je nachahmen können – es wäre allzusehr

meiner innersten Natur zuwider gewesen.

Ich habe gewartet. Gleich vielen Frauen, die ihr Leben lang nichts tun

als warten.

Die Wandlungen in meinem Leben sind immer von außen gekommen.

Nach Jahren, in denen die goldene Jugend schwand, ward mir die allzu

schwere Last, ohne mein Dazutun, wenigstens teilweise abgenommen.

Aber sie hatte mir ihren Stempel gelassen. Das Gebücktsein war mir

geblieben, wie den Bäumen, die sich jahrelang vor dem Nordsturm beugen

mußten. Alle Schwungkraft hatte ich verloren. Hoffnungslos schaute ich

um mich. Was konnte das Leben noch enthalten?

Wanderjahre folgten und brachten etwas äußere Zerstreuung. In mir war

es ganz still geworden. Ich hielt es für Todesstille, die ja für so

viele lange vor dem Tode kommt.

So kam ich nach Peking.

Damals wähnte ich, des Lebens Kampf sei überwunden, und wunschlos lebte

ich hin in wachem Traume. Wie blasse Nebelbilder glitten die Tage an

mir vorüber. Müde, müde war ich, gleich allen, die nur noch des Endes

harren.

Da kamen Sie.

Wie soll ich das schildern, was unbewußt, ungesucht geworden, woran ich

nie rührte, was ich nicht sehen wollte. Die wir viel gelitten, wir

scheuen uns davor, die dunkelsten, verborgensten Tiefen des eigenen

Herzens zu durchleuchten, wir gehen rasch an diesen Schlupfwinkeln

alter und neuer Leiden vorbei, wie Kinder schnell durch ein finsteres

Zimmer laufen. Das Leben hat uns Angst vor dem Unbekannten gelehrt, wir

wissen, daß es meist neues Weh bedeutet, drum rühren wir nicht daran,

schreiten vorsichtig und reden leise. Mutlos war ich geworden. Wollte

nicht sehen, daß wir nach allem Erlebten, doch immer noch Träger vieler

Möglichkeiten sind, die verborgen in uns ruhen, harrend nur einer

gewaltigen Kraft, die sie unter Schmerzen ins Leben rufe.

Ich wähnte, mein Tag ginge schon zur Neige, und es ward noch einmal

Licht. Ist es eine gütige, wärmende Sonne, die den Abend reicher und

goldener bescheinen wird als es der ganze müde Tag je gewesen? Ist es

ein grell sengender Blitz, der aus dunklem Gewölk niederfährt und das

verwüstete Land noch einmal fahl bescheint? Ich weiß es nicht. Weiß

nicht, welch Himmelszeichen über uns steht. Kann nicht der Zukunft

Schleier durchdringen. Aber die gewaltige Kraft, die Verborgenes,

Schlummerndes ins Leben ruft, sie ist gekommen in Sorgen und Bangen;

sie drückt mir die Feder in die Hand zu Worten, die ewig ungeschrieben

geblieben wären, ohne diese Angst um Sie!

Äußeren Schicksalszwanges hat es bedurft, der Not dieser Tage, die mich

in mir sehen lehrten. Heute weiß ich, was Sie mir geworden.

50.

_New York_, den 29. Juni 1900.

Die Seymoursche Kolonne ist nach Tientsin zurückgekehrt – und sie ist

nie nach Peking gekommen! Alles Hoffen, daß sie doch dahin gelangt sei,

war vergeblich.

Nichts, nichts über Peking ist bekannt – und ich weiß nur, daß Sie dort

sind.

Es heißt, chinesische Vizekönige im Süden hätten Telegramme erhalten,

daß die Gesandtschaften sich am 25. Juni noch hielten. Und die ganze

Welt läßt sich das bieten, daß den chinesischen Beamten in Schanghai

andauernd Nachrichten zugehen über das, was in Peking geschieht, daß

die Fremden aber kein Telegramm von dort erhalten können!

Warum bemächtigt man sich denn nicht des Telegraphen-Taotais Sheng

in Schanghai und sagt ihm: Binnen vier Tagen erhalten sämtliche

Regierungen Chiffre-Telegramme ihrer Gesandten, oder du wirst geköpft!

Das würde wirken.

Aber gegen große Mandarine ist man ja noch nie scharf aufgetreten!

51.

_New York_, den 3. Juli 1900.

Heute sagt ein Telegramm, in Tientsin sei ein Bote Sir Robert Harts

aus Peking eingetroffen, der einen vom 25. Juni datierten Zettel

gebracht habe, die Lage sei verzweifelt, die Fremden in der englischen

Gesandtschaft vereinigt, wo sie beschossen würden.

O Gott und zu wissen, daß Sie dort sind!

Ob es noch andere Menschen gibt, die dieselbe Verzweiflung empfinden

können wie ich? Und die Empörung, wenn man dann in derselben Zeitung,

wo dieser Notschrei steht, spitzfindige Erörterungen darüber liest, ob

eigentlich ein Krieg mit China bestände oder nicht, sowie Äußerungen

des langjährigen Bewohners und Kenners Pekings, Herrn von Soundso, der

erkläre: Prinz Tuan könne unmöglich so gehandelt haben, wie erzählt

werde, er sei zwar rauh, aber ehrlich und gutmütig.

Ich glaube wahrhaftig, es gibt noch Leute, die sich was darauf

einbilden, so einen chinesischen Prinzen gekannt zu haben.

Oh über den unvertilgbaren Snobismus der Welt!

52.

_New York_, den 6. Juli 1900.

Diese entsetzlichen Nachrichten in den Zeitungen – ein Martyrium,

sie lesen zu müssen. Die schauerlichsten Einzelheiten, die auf

dunklen Wegen über die letzten Kämpfe in Peking bekannt geworden,

werden herausgegriffen und dann in riesigen Lettern fett gedruckt als

Überschriften, die Leiden all der Unglücklichen zur geschäftlichen

Spekulation ausgenutzt, die auf das Sensationsbedürfnis der Menge

rechnet. Und nicht nur die Gleichgültigen lesen das, nein auch die,

denen es an die innersten Wurzeln alles Lebens und Empfindens greift.

Sie sehen all die furchtbaren Bilder vor den inneren Augen, Tag und

Nacht! Wird nichts sie je mehr verwischen?

Und sie müssen auch lesen, daß man die Gesandtschaften als verloren

aufgegeben und sich damit abgefunden hat. Es sei überflüssig, heißt

es, nochmals Leben zu riskieren, um ihnen zu Hilfe zu eilen, da doch

alles längst vorbei sein müsse. Man spricht sogar davon, Tientsin zu

räumen. Im Herbst, wenn Hitze und Regenzeiten vorüber, solle dann ein

schöner, großer Strafzug ausgeführt werden.

Was liegt uns an Strafe, die wir um unsere Liebsten bangen! wir wollen

Rettung!

53.

_New York_, den 12. Juli 1900.

Heute besuchten mich ganz fremde Leute, ein alter Mann und eine alte

Frau. Sie sagten, sie hätten einen Sohn in Peking gehabt – und das

genügte mir; die fremden Leute standen mir mit einemmal ganz nah. Aber

sie sagten, sie hätten ihn gehabt, nicht, daß sie ihn hätten. Sie sind

ganz überzeugt davon, daß dort hinter den hohen Mauern alles zu Ende

ist, daß keiner mehr lebt. Beide hatten etwas Resigniertes, wie alte

Leute, denen ihre Liebsten einer nach dem andern weggestorben sind,

bis Unglück schließlich als das allein Selbstverständliche erscheint.

Die alte Frau hatte etwas frischen Krepp auf ein schäbiges schwarzes

Kleid gesetzt, das aussah, als sei es in einer Reihe von Trauern

aufgetragen worden. Sie hatten irgendwie erfahren, daß wir in Peking

gewesen, und hatten nur die Sehnsucht, einmal über alles dortige reden

zu hören und zu fragen, ob wir den Sohn vielleicht gekannt hätten. Sie

erwarteten keine Ermutigung, sie waren ganz hoffnungslos. Und das war

mir das Entsetzlichste, zu sehen, daß andere, die auch ihr Liebstes

dort haben, es als ganz rettungslos verloren bereits aufgegeben haben.

Das eigene weiter hoffen wollen erschien mir mit einemmal beinah

kindisch und töricht. Alles, womit ich mir täglich ein wenig neuen Mut

einzureden suche, ist so kläglich schwach, hat eigentlich kaum eine

einzige vernünftige Begründung – auch heute steht es wieder mit voller

Sicherheit in den Zeitungen, daß kein einziger Fremder mehr in Peking

am Leben ist. Die beiden alten Leute haben sich still dahineingefunden

und werden nun so weiter leben und noch mehr Trauern tragen.

Aber ich kann nicht – o Gott, nein, ich kann nicht!

Und wenn sie alle auch sagen, daß alles hoffnungslos vorbei ist und

wenn auch die Glocken zu Trauergottesdiensten läuten – ich kann's nicht

glauben – will's nicht glauben. Und ich schreibe Ihnen weiter, liebster

Freund, schreibe Ihnen, weil ich nicht anders kann, weil mir ist,

als bildeten diese Zeilen die letzte Brücke zwischen uns. Hörte ich

auf, Ihnen zu schreiben, so wäre es mir, als bestätigte ich damit das

entsetzliche Unheil, als hätte ich es geschehen lassen – so aber glaube

ich, Sie zu halten, Sie zum Bleiben zu zwingen, weil ich Ihnen noch so

viel, so sehr viel zu sagen habe. All unsere zusammen verlebten Jahre,

von denen ich jetzt erst ganz fühle, wie sehr wir sie zusammen verlebt

haben, sie ziehen in Bildern an mir vorbei; und ich möchte sie Ihnen

schildern, und jeder Satz begänne dann: »Erinnern Sie sich? wissen Sie

noch?« Ich weiß es ja, daß Sie noch wissen, daß Sie sich erinnern –

denn jene Jahre sind Ihnen das, was sie mir sind – das worauf man von

Anfang an gewartet, was man nie vergißt, was in letzter Stunde noch vor

den Augen stehen wird, als einziges, was zu leben wertgewesen.

54.

_Bay View_, den 16. Juli 1900.

Während der letzten Zeit bin ich viel krank gewesen. Es ist, als

ob meine Kräfte ganz allmählich schwänden. Jeden Morgen fühle ich,

daß mein kleiner Vorrat an Widerstandskraft wiederum ein bißchen

abgenommen hat. Die Hitze und Schwüle der Stadt seien schuld daran,

meinte der Arzt, Seeluft würde mir gut tun. Ich weiß es anders. Die

fortwährende namenlose Angst nagt an mir Tag und Nacht; und nur das,

was wie ein Wunder wäre, kann mir noch helfen.

Aber mein Bruder wünschte so sehr, etwas für mich zu tun, für die doch

nichts mehr zu tun ist. Da hab ich mich gefügt, und wir sind in dies

nahe Seebad gezogen.

Ich bin so müde, so hoffnungslos. Warum noch irgend etwas? Warum irgend

etwas nicht? Was kann noch Wert haben, wenn das Eine, Entsetzliche

geschehen durfte? Es ist jetzt ja doch alles einerlei.

Das Eine aber, was ich nicht ertragen kann, ist, wenn fremde,

wohlmeinende Menschen mir sagen: »Wie müssen Sie froh sein, daß Sie

nicht in Peking sind!« Oder: »Es ist doch eine wahre Fügung Gottes, daß

Sie wenige Monate vorher abgereist sind.«

O nein, ich bin nicht froh, fort zu sein! Wachend und träumend habe ich

ja nur den einen Wunsch, in Peking zu sein, seitdem ich weiß, daß Sie

dort sind. Dann wären wir doch zusammen – und was läge mir dann daran,

alle Leiden erdulden zu müssen? Sie wären ja alle leichter zu ertragen

als getrennt sein und nichts von einander wissen. Und wenn es zum

Schlimmsten käme und keine Rettung möglich wäre? Lebendig sollten uns

die Wilden nicht bekommen; und in meinem letzten Blick würden Sie noch

Glück und Dank lesen, Dank für Leben wie für Tod, für alles, was Sie

mir gegeben.

Und warum soll es eine Fügung Gottes sein, daß ich gerettet bin,

während vielleicht viele Frauen und kleine Kinder auf entsetzliche

Weise umgekommen sind? Die waren doch so unschuldig wie ich an all

der Verblendung, die allein das Furchtbare möglich gemacht hat.

Welch ein Gott, der solcher Auswahl fähig wäre! Wir würden uns ja

von jedem Menschen mit Abscheu wenden, der, in solch göttlicher

Allmachtsstellung, nicht jeden Unschuldigen retten wollte. Der Gott so

vieler Menschen erreicht in den Handlungen und Erwägungen, die sie ihm

andichten, aber nicht einmal ein bescheidenes, menschliches Mittelmaß

– es ist eben nicht Gott, der die Menschen sich zum Bilde geschaffen,

sondern die Menschen haben sich einen Gott konstruiert, nach dem

Entsetzlichsten, was sie in der eigenen Natur fanden.

Ein Gott! der Tausende für die Fehler einzelner leiden läßt!

Was muß in Peking während dieser letzten Wochen von Unschuldigen schon

erduldet worden sein, und was wird noch alles folgen? Von allen

Ländern aus fahren jetzt Schiffe nach dem fernen Osten; sie sind voller

Menschen, die bis vor wenigen Tagen von China vielleicht nur wußten,

daß dort die Männer Zöpfe tragen und die Frauen auf winzigen Füßen

einhertrippeln. Diese Kosaken und Franzosen, Engländer und Italiener,

Söhne deutscher Gauen, Amerikaner, Japaner, sogar Inder – wozu ziehen

sie aus? An einem entlegenen Erdenwinkel werden sie unbekannte gelbe

Männer treffen, die ihrerseits von ihnen nie vorher gehört haben.

Tausende von Meilen trennten sie bisher von einander, und sie konnten

weder Freund noch Feind sein, denn sie wußten nicht einmal von der

gegenseitigen Existenz. Trotzdem wird jetzt einer den andern umbringen,

und man wird das schön und patriotisch nennen.

Wie sinnlos scheint es doch alles!

Viele ziehen jetzt aus jung und gesund und werden nie wiederkehren,

durch Krankheiten mehr noch als durch Kugeln hingerafft. Andere werden

wohl zurückkommen, aber wie? Und alles, um die Fehler anderer zu sühnen!

Und wenn man nun an die Chinesen denkt, an diese armen Unbekannten.

Wie viel noch namenloseres Elend wird dort entstehen? Aber auch

da wird es nicht die eigentlich Schuldigen treffen, sondern auch

wieder die, so sich nicht wehren können, jene Klasse Menschen, deren

jahrtausendelanges Leiden in allen Ländern und bei allen Völkern

gleichsam eine unterste Erdschicht bildet, auf der sich alles andere

aufbaut, alles, worin wir es so herrlich weit gebracht.

Die jetzt also ausfahren, schließen sich der größten aller Flotten an,

die in endlosen Schiffreihen hinaus segelt in verschleierte Fernen,

zu unbekannten Häfen; jener Flotte, die bestanden hat, so lange es

Menschengeschichte gegeben, deren Anfang in die nebligen Fernen

urältester Vergangenheit reicht, die seit den Tagen der Ägypter, Perser

und Griechen von Jahr zu Jahr gewachsen ist, die nimmer enden wird.

Sie ist bemannt mit grauen Leidensgestalten, mit den Zahllosen, den

Namenlosen, die von jeher die Schuld der Wenigen getragen.

Und alles ist Fügung Gottes.

55.

_Bay View_, 19. Juli 1900.

Wenn mein Bruder nachmittags aus New York zurückkehrt, gehe ich ihm

immer entgegen, jedesmal von neuem hoffend, daß er endlich Kunde des

Wunders bringen wird. Aber jedesmal schüttelt er schon von weitem den

Kopf – keine Nachricht, noch immer keine. Dann fragt er mich, womit ich

den Tag verbracht, und wenn ich ihm die stets gleiche Antwort gebe,

daß ich Ihnen, liebster Freund, geschrieben habe, sagt er kein Wort,

aber ich lese ihm den Gedanken von der Stirn »Wozu noch?« Er spricht

ihn jedoch nie aus und läßt mich ruhig gewähren – wie eine hoffnungslos

Kranke, die uns jammert und der man so gern ein paar Stunden des Wahnes

gönnt. Muß ich nicht jeden jammern? ich und die Vielen, die sich seit

Wochen grämen wie ich? Wie ich? Mir ist, als könnte sich kein zweiter

Mensch so in Angst verzehren, als sei dies Leid nur einmal möglich in

der weiten leidvollen Welt.

56.

_Bay View_, 20. Juli 1900.

Was wird in solchen Zeiten nicht alles wieder in mir wach! Alter

Aberglaube ersteht wieder, den ich auf immer für abgetan hielt – selbst

in das Handeln mit dem lieben Gott verfalle ich zurück. Wie lang, wie

lang ist es doch her, daß ich den alten Kaufherrn mit dem langen

Silberbart um etwas angegangen bin, aber heute hab ich ihn stürmisch

gebeten: »Laß ihn nur leben, laß ihn nur gerettet sein, und ich will

dafür auf alles verzichten, will ihn nie wiedersehen, nie mehr seine

Stimme hören, nie mehr seine Hand halten – aber laß ihn leben, laß ihn

gerettet sein.«

Ich weiß nicht, ob er mich erhört hat; und doch müßte er es eigentlich,

denn es ist ein Handel so recht nach alttestamentlichem Sinn – ich biet

ihm mein Leben, mein Glück, mein Alles an, um einen andern zu retten –

solche Verträge soll er von altersher geliebt haben!

57.

_Bay View_, 21. Juli 1900.

Gestern noch eine entsetzliche Beschreibung des Endes aller Fremden in

Peking und heute bringt Wu-ting-fang dem Washingtoner Auswärtigen Amt

ein Chiffre-Telegramm des amerikanischen Gesandten in Peking!

Es ist in allen Zeitungen abgedruckt: »In britischer Gesandtschaft

unter fortwährendem Feuer chinesischer Truppen, rascher Entsatz allein

kann allgemeines Massacre verhindern.«

Seit Tagen versprach Wu, eine direkte Verbindung mit Mr. Conger

herzustellen. Aber niemand glaubte ihm. In seiner Vielrederei,

Vielgeschäftigkeit und Wichtigtuerei glich er zu sehr der mouche

du coche der Fabel; aber alles soll ihm verziehen sein, was er in

seinem Babuenglisch sonst etwa zusammenphantasiert hat, wenn nur dies

eine wahr ist, denn es ist doch der erste Hoffnungsschimmer, der uns

wiedergegeben ist. Schwach ist er freilich – aber wir können doch

wieder hoffen. Die armen, tapferen Menschen halten sich noch immer und

sie werden gerettet werden – sie müssen gerettet werden.

Aber nun nur Eile, aus Barmherzigkeit Eile, daß uns nicht noch in

letzter Stunde unser Liebstes entrissen werde! Denkt der Ärmsten, die

dort hinter den hohen grauen Mauern harren und horchen, ob sie den

dröhnenden Schritt der heranrückenden Befreier vernehmen – denkt auch

der Ärmsten, welche in allen Ländern mit sehnsüchtigem Herzen harren

und horchen auf den ersten Ton lieber Stimmen, die von jenseits der

hohen grauen Mauern nach langem Schweigen wieder erklingen und von all

den Leiden der letzten Wochen reden werden.

Oh! Eilt euch! eilt euch!

58.

_Bay View_, 28. Juli 1900.

Es ist beinahe, als ob die Welt es nicht wahr haben wolle!

In Europa glaubt man jetzt ebenso hartnäckig an das Pekinger Massacre,

wie früher an die Bedeutungslosigkeit der Boxer-Bewegung. Nur mit

Sensen sollten die Aufständischen bewaffnet sein, ein starker Regen,

hieß es, würde sie auseinandertreiben. Jetzt kann man sie nicht

furchtbar genug schildern. Vor wenigen Wochen wurden Wachen von 30 Mann

für jede Gesandtschaft als überreichlich erachtet – heute sollen 60000

Mann nötig sein, um von Tientsin nach Peking zu marschieren. Die sich

mehrenden Nachrichten chinesischer Vizekönige, daß die Fremden noch am

Leben seien, werden alle als Täuschungsversuche hingestellt, hinter

denen sich schauerliche Pläne verbergen.

Ach, das Schauerliche wird sein, wenn man durch dies lange Reden und

Zaudern wirklich zu spät kommen sollte!

59.

_Bay View_, 6. August 1900.

Endlich scheint doch das Zaudern vorbei! Die Truppen sind von Tientsin

aufgebrochen!

Stündlich verfolge ich nun mit den Gedanken ihren Zug, sehe in der

Erinnerung beständig das Land zwischen Tientsin und Peking, wie ich es

gerade jetzt vor vier Jahren zuerst erblickte, sehe die wehenden grünen

Hirsefelder wieder und den braunen Peiho, auf dem die schwerfälligen

Boote, mit großen Segeln besetzt, träge stromaufwärts glitten, den

endlosen Windungen des Flusses folgend. Damals gab es noch keine

Eisenbahn – heute existiert sie nicht mehr! In Hausbooten reisten

wir den Peiho hinauf. Vier Tage dauerte die heiße Fahrt. Und all die

Namen, die heute die Zeitungen füllen, Ho-hsi-wu, Pei-tsang, Yang-tsun,

vernahmen wir damals zum erstenmal, sahen diese grauen Hüttenflecken,

die jetzt geschichtliche Orte geworden, an denen Schlachten geschlagen

werden.

60.

_Bay View_, 10. August 1900.

Manchmal ist mir, als hörte ich ganz deutlich Ihre Stimme. – Dann geht

ein Zittern durch mich, der Atem stockt, die Herzschläge fliegen, und

ich schließe die Augen und lausche in namenlosem Glück.

Bald, bald muß es ja sein. Zuerst werde ich gar nicht auf die Worte

achten können und nur immer den lieben Klang trinken. Wie lang ist es

doch schon her! Wissen Sie es noch? Haben Sie sich auch so unsagbar, so

unaussprechlich gesehnt? So wie ich gesehnt?

Aber in wenigen Tagen muß ja die furchtbare Angst und Trennungszeit

vorüber sein. Bald, bald müssen die Befreier vor Peking stehen.

Nicht wahr, liebster Freund, dann kommen Sie auch gleich, gleich! auf

dem schnellsten Schiff, auf dem kürzesten Weg – ich kann es ja nicht

länger ertragen.

Was liegt Ihnen noch an alten chinesischen Handschriften? Mögen die

doch alle untergehen! Ich gebe Ihnen dafür mein ganzes Herz, darin zu

lesen, und was in ihm steht, ist auch schon alt, ist nicht schwer zu

enträtseln und dünkt mich eine so jugendschöne Entdeckung.

Was kümmert Sie noch China? Mag doch der Norden mit Wutki und der Süden

mit Ale verzehrt werden, mögen sich die jüngeren Hungernden auch noch

jeder seinen kleinen Imbiß zusammenstehlen, aus den Krümeln, die von

den Mahlzeiten der älteren, erfahrenen Weltenräuber abfallen – oder

mag es zu gar keinem Muspili kommen, sondern alles hübsch im Sande

verlaufen, wie man es hier möchte, wo der Wunsch to be well out of

it schon laut wird – mag man in ein paar Monaten schon wieder von den

unerschütterlichen alten Freundschaftstraditionen reden und der alten

Kaiserin die Hand schütteln – was kümmert es uns?

Kommen Sie nur bald, bald von dort zu mir. Dann mag es meinethalben

China für die Chinesen heißen – wenn nur China mir Sie zurückgibt, wenn

nur wir beide für einander sein können!

61.

_Bay View_, 12. August 1900.

Alte Briefe der Belagerten treffen jetzt allmählich in Tientsin ein und

werden in den Zeitungstelegrammen veröffentlicht. Sie sind von Boten

gebracht worden, chinesischen Christen, denen es gelang, durch die

Schleusen, oder selbst als Boxer verkleidet, im Gedränge heimlich aus

Peking zu entweichen. Wahre Notschreie sind es, bei denen das Herz sich

zusammenkrampft! Und immer dieselbe Bitte »rasche Hilfe, sonst kann sie

nichts mehr nützen.«

In manchen der kleinen Zettel ist angegeben, für wie viel Tage der

Proviant noch reichen könne, und man rechnet rasch nach – und oft ist

die Frist schon überschritten.

_Eine_ Zahl enthalten die Briefe auch immer – die der Toten.

Und wie sie mit jedem neueren Briefe wächst, diese Zahl derjenigen, für

die alle Hilfe zu spät kommen wird!

Und die Angst – wer ist schon mitgezählt worden? Wen wird das Los noch

treffen?

Frühestens am 14. sagt man hier, können die Entsatztruppen in Peking

sein. Die ganze Welt ist erstaunt über ihr rasches Vordringen – und

meiner Ungeduld dünkt es noch immer so langsam! Flügel möchte ich ihnen

geben!

Eine so namenlose Angst erfüllt mich gerade vor diesen letzten Tagen

und Stunden.

62.

_Bay View_, 13. August 1900.

Heute Nacht, liebster Freund, wachte ich auf und bildete mir ein,

wieder in Peking zu sein. Ich muß im Schlaf ein Geräusch gehört

haben, das sich in meinen Träumen zu dem Aufeinanderschlagen zweier

Bambusstäbchen verwandelte, womit die chinesischen Nachtwächter ihre

nächtlichen Runden begleiten. Wie oft habe ich diesem leisen, dann

lauter werdenden, dann wieder verhallenden tak, tak, tak, gelauscht. In

heißen Mitsommernächten, wenn die Moskitos gegen die Netze schwirrten

und die ganze Erde die Hitze auszuströmen schien, die sie tags über

eingesogen hatte, da hörte ich, wie eine dumpfe monotone Begleitung all

meiner nächtlich wirren Gedanken diesen gleichmäßigen Klang. Und in

kalten Winternächten in Peking, wenn der Schnee die große, graue Stadt,

die hohen Mauern und die weite Ebene draußen bedeckte, und die ganze

lebende Welt in tiefer Stille untergegangen schien – da tönte es in der

großen Ruhe wie letztes, alles überdauerndes Leitmotiv: tak, tak, tak –

Freud, Leid, Tod – Freud, Leid, Tod!

Besonders erinnere ich mich einiger Frühlingsnächte, da ich in Peking

schwer krank lag und des Lebens Funken wie ein schwaches Irrlicht

unstet zwischen mir und dem großen grauen Nichts da draußen hin und

her sprang, nicht wissend, ob es gehen oder bleiben solle. Die Fenster

standen weit offen; aus dem Hof drang der Duft des weißen Flieders

herein; von meinem Bette aus sah ich in den sternbesäeten Himmel.

Ein großes Gefühl unendlicher Schwäche überkam mich und doch seliger

Befreiung – es war mir als schwebe ich gerade hinein in das tiefe

Nachtblau, wo die Sterne winkten – und dazu klang es von der fern unter

mir verschwindenden Erde wie leise Schicksalsworte: Freud, Leid, Tod –

Freud, Leid, Tod!

Heute Nacht hier in anderem fremden Lande habe ich im Traum wieder den

altgewohnten Ton vernommen. Er zittert mir im Herzen weiter, aber ich

höre nur immerwährend das eine Wort: tot, tot, tot! Und eine namenlose,

unbeschreibliche Angst hat mich erfaßt, ein brennender Wunsch dorthin

zu eilen, eine wahre Verzweiflung, hier still sitzen zu müssen. Ich

möchte helfen und retten, und dann klingt es immer wieder: tot, tot,

tot!

Es ist wie eine quälende, verzehrende Sehnsucht, Sehnsucht nach Ihnen,

liebster Freund, Sehnen, Sorgen um Sie. Mir ist, als müßte ich Ihnen

grad heute noch tausend und abertausend Liebes sagen, Sie schützen und

nicht von mir lassen. Warum nur heute gerade dies Bangen und Zittern,

dies Grauen, das mir keine Sekunde Ruhe läßt, das mich vom Haus an den

Strand, vom Strand wieder ins Haus treibt, das nicht weichen will,

wie sonst nächtliche Spukgestalten, die aus den Träumen ins Wachen

übergehen, sondern ein Grauen, das wächst und wächst, auch jetzt

während ich Ihnen schreibe. Warum das heute, wo die Retter Ihnen doch

schon ganz nahe sein müssen? – Und dazu immer der leise Klang, wie ich

ihn schon nachts im Traum vernahm: tak, tak, tak. Er verfolgt mich

förmlich. Ich will nicht und muß ihn doch beständig hören. Ich halte

mir die Ohren zu, da vernehm ich das Pulsieren des eigenen Blutes, tak,

tak, tak. Wie Glockenläuten dröhnt es, wie beständiges, regelmäßiges

Schießen klingt es tak, tak, tak. – Was will es mir nur sagen? Ich

lausche und lausche. Jetzt ist es ganz leise geworden ... Wie aus

weiter Ferne, wie letztes versagendes Herzklopfen dringt es zu mir ...

tot, tot, tot ...

Was soll das? Was soll es?

O die Angst! Das Grauen!

63.

_Bay View_, 17. August 1900.

Endlich, endlich! Nun ist es wirklich wahr! Die ersten Depeschen

der Gesandten sind in den Zeitungen abgedruckt. Gerettet, wirklich

gerettet, wiederhole ich immer von neuem!

Seit diesen ersten Nachrichten weiß ich nicht mehr, was ich tue und

sage, weiß nicht, ob ich lache oder weine!

Es scheint beinah unglaublich, daß einmal die Hoffnung Recht und die

Verzweiflung Unrecht gehabt haben sollte!

Und in der Freude des Herzens, das zum Himmel jauchzt und dann wieder

ängstlich bebt und fragt: »Ist's denn wahr? Ist's denn wahr?« – in

diesen ersten Augenblicken eines wie neu geschenkten Lebens ist es mir,

als seien Sie hier dicht bei mir, als erlebten wir es alles zusammen.

Es ist ja unmöglich, daß eine solche Glückseligkeit mein ganzes Sein

erfüllen kann, und Sie nichts davon wissen sollten. – Sicher wissen

Sie's! Ich fühl es ja so deutlich, daß Sie hier ganz nahe bei mir sind,

wenn auch die armen noch verweinten Augen Sie nicht zu schauen vermögen.

Sicherlich werden wir uns bald wiedersehen! Es wird ein schöner

Abend kommen, an dem wir auf goldigem Strande zusammensitzen und

hinausschauen auf das weite Meer, das sich durch Sturmestage zur Ruhe

hindurchgekämpft hat, und ein solches Glück des Wiederfindens wird in

uns sein, daß keine Sprache je das Wort dafür ersann, daß wir kaum zu

atmen wagen, daß wir die Sekunden zu Ewigkeiten wandeln möchten. Ja,

so, ganz so wird's sein.

64.

_Bay View_, 18. August 1900.

Als ich heute früh erwachte, schien die Sonne strahlend in mein Zimmer;

blinzelnd mußte ich mich erst an den Glanz gewöhnen. Noch halb im

Schlaf, hatte ich die Empfindung, daß etwas Wunderbares, Wunderschönes

meiner warte – zuletzt ist mir als Kind so zu Mut gewesen, wenn ich am

Weihnachtsmorgen erwachte und mich noch halb träumend erinnerte, daß

nebenan im Wohnzimmer der Baum stände mit allen Geschenken. Nicht nur

draußen schien aber heute früh die Sonne; nein, in mir selbst strahlte

es von Glück und Seligkeit und auch an diesen Glanz mußte ich mich erst

blinzelnd gewöhnen – nach der langen Sorgennacht.

Die Welt ist schön, die Welt ist gut – weil Sie leben, liebster Freund!

Was spricht man denn von irdischem Jammertal – ein blühender Garten

ist's – Sie leben ja! Schmerz und Leid soll alles sein? Oh, es gibt so

wonniges, tief inneres Glück – Sie leben ja! – Mir ist, als erwache

ich erst der Welt, wie sie wirklich ist – meiner Welt – wie ich sie

sehe – wie ich sie fühle. Die anderen Leute gehen herum, als sei nichts

Besonderes vorgefallen – und es ist doch alles neu und anders als

bisher, und alles hat einen tiefen Sinn bekommen, ist verständlich

geworden – denn Sie sind gerettet. Sie leben, Sie müssen leben.

Um das auszudrücken, was ich empfinde, fände ich keine eigenen Worte,

kann nur wiederholen, was jener Größte in Wort und Ton gedichtet:

Winterstürme wichen dem Wonnemond! – Immer wieder klingt es in mir:

Winterstürme wichen dem Wonnemond! – Ich weiß wohl, positivere Geister

als ich würden darüber lächeln: Sie in Peking, ich hier am Atlantischen

Ozean und – Wonnemond? Und es ist doch so, dieses Gefühl grenzenlosen

Glücks, unendlicher Dankbarkeit.

Hat ein Gott die Menschen erschaffen, wie seit viel hundert Jahren

den Kindern gelehrt wird, so sei Ihm Dank, daß er Sie geschaffen.

Haben seit Äonen unbewußt wollende Zellen in dunklem Triebe sich so

gefügt, daß schließlich der Mensch erstand, so sei Dank jenen unendlich

Kleinen, aus denen Sie wurden! Mein Gottesgeschenk, mein Weltenwunder!

Was liegt an Namen und Glauben! Empfindung ist alles, was wir wissen –

Winterstürme wichen dem Wonnemond!

65.

_Bay View_, 19. August 1900.

Gleich nachdem die erste sichere Nachricht kam, habe ich Ihnen

telegraphiert und Sie gebeten, mir sofort Nachricht zu geben, denn ich

muß es von Ihnen selbst hören, daß Sie gerettet sind, muß mein eigenes

Telegramm von Ihnen in der Hand halten können, ein Wort des Glücks, für

mich allein bestimmt, in dem großen Jubelklang, der durch die Welt tönt.

Nun warte ich – o, wie ich warte! – auf die erste Kunde, die von Ihnen

wieder zu mir dringen wird, nach der langen, langen Zeit.

Dieser Brief soll erst abgesandt werden, wenn ich Ihr Telegramm habe –

denn ich werde ihn ja gar nicht mehr nach Peking zu schicken brauchen.

Sicher reisen Sie doch gleich von dort ab. Was soll Sie denn auch

hindern, wenn ich Sie rufe – und ich rufe Sie, liebster Freund, rufe

Sie mit solcher Sehnsucht, daß Sie es fühlen und hören müssen, wo Sie

auch sind und durch die dicksten chinesischen Mauern hindurch!

Briefe, die ihn nicht erreichten · 第 10 / 19 题