= Fünfzigste Auflage. =
[Illustration]
Berlin.
Verlag von Gebrüder Paetel.
1903.
Alle Rechte, vornehmlich das der Übersetzung vorbehalten.
1.
_Vancouver_, August 1899.
Ihr Brief hat mich unendlich erfreut – vor allem, weil er weniger
traurig klingt, als ich gefürchtet hatte. Es wäre mir ja beinahe
beschämend, wenn Ihnen Peking ohne mich nicht ein bißchen grauer und
öder erschiene, und ich möchte etwas von Ihnen vermißt werden – aber
nicht zu sehr. Es ist alles eine Frage von Nüancen, und Sie haben,
vielleicht durch das jahrelange Studium alter chinesischer Brokate und
Porzellane, ein merkwürdig feines Verständnis für Nüancen, und haben
genau diejenige getroffen, die mir wohltuend sein mußte.
Haben Sie also Dank für Ihren Brief, wie für so manches andere!
Unsere kurzen Ferien in Japan sind mit jener erschreckenden
Geschwindigkeit vergangen, die den guten Zeiten nun einmal eigen ist.
Ich will Ihnen keine nachträgliche Reisebeschreibung schicken, kennen
Sie doch Madame Chrysanthêmes Heimat so viel besser als ich; ich will
Ihnen nur sagen, daß ich dort viel an Sie gedacht habe, denn durch
alles, was Sie mir erzählt, und durch die Bücher, die Sie mir darüber
geliehen, kannte ich Japan schon, als ich hinkam. Es war mir, als fände
ich dort lauter alte Bekannte wieder; in den Teehausmädchen, die unsern
Rickshaw-Kulis mit derselben Grazie und Höflichkeit wie uns selbst Tee
servierten, wie in den Landarbeitern, welche, hoch aufgeschürzt, oft
bis an die Kniee in den sumpfigen Reisfeldern versanken und sich bei
Regenwetter Strohdecken überbanden, deren abstehende Halmenden ihnen
das Aussehen riesiger, emsiger Igel verliehen. Sie alle erschienen mir
wie Gestalten aus einem wohlbekannten Bilderbuch, denen man zunickt:
sieh da, sieh da, da seid ihr ja alle.
Das erfreulichste Wiedersehen feierte ich aber in Japan mit den vielen
Blumen, die ich daheim und anderswo als japonica oder japonicum kennen
gelernt hatte, und die ich nun in ihrer Heimat wiedersah, nur viel
schöner und duftender; wie ja auch wahrhaft nette Menschen meist am
nettesten in ihrem eigenen Hause sind.
Japan ist das erste und einzige außereuropäische Land, in dem ich mich
ankaufen und »for good« bleiben möchte; oder vielmehr »for better
for worse«, was ja ein so viel größeres Versprechen und Zeichen von
Vertrauen enthält.
An unserem letzten Morgen in Yokohama hatten wir noch zwei Erlebnisse,
ohne die Japan nicht recht Japan gewesen wäre: wir wurden früh durch
ein Erdbeben geweckt, und wir sahen den Fusiyama. Der hohe weiße Herr
hatte sich bis dahin übellaunig hinter einer Wolkenkappe verborgen, was
ich den hohen, einsamen Bergesgipfeln nie verdenke, denn auch jüngeren,
geringeren Wesen ist der Anblick der Welt ja oft verdrießlich genug.
Als wir schon im Boot saßen, um hinaus an unseren Dampfer zu fahren,
ward es plötzlich lichter, und wir sahen die schneeweiße Kuppe, die
in Wirklichkeit ganz ebenso unwahrscheinlich aussieht wie auf ihren
zahllosen Abbildungen. Es war mir gesagt worden, daß wer am Tage der
Abfahrt den großen Herrn Fusi sieht, sicher nach Japan zurückkehrt.
Sie wissen, daß ich, faute de mieux, ziemlich abergläubisch bin – nun
wollen wir sehen, ob mich mein Nomaden-Schicksal noch einmal nach dem
Lande des Lächelns und der Blumen zurückführen wird.
Der erste Mensch, den wir auf dem Dampfer trafen, war Bartolo, der
große Konzessionenjäger, der so viele Monate im Hotel de Pékin saß,
während Sie gerade eine Ihrer geheimnisvollen Reisen in das Innere
Chinas unternommen hatten. Damals wollte Bartolo zuerst die nicht
vorhandene chinesische Armee mit einem von ihm selbst erfundenen Gewehr
versehen, später versuchte er dann einen Plan zur Bewässerung der Wüste
Gobi an die chinesische Regierung zu verkaufen. – Wer alle Projekte
gehört, die Bartolo und außer ihm so viele andere zur Beglückung der
Chinesen ersannen, der kann das tiefe Mitleid begreifen, mit dem
Sie »pauvre, pauvre Chine« zu sagen pflegten. Viel weniger Mitleid
hatten Sie für die armen Gesandten, die alle einige Bartolos besaßen,
von denen sie gedrängt wurden, ihre Wünsche nach phantastischen
Konzessionen mit politischer Pression zu unterstützen und nach
deren Ansicht die Gesandten nie genug taten, was sich bisweilen in
Zeitungsangriffen oder parlamentarischen Interpellationen äußerte.
Bartolo erzählte uns gleich strahlend, er hätte seine letzte Konzession
erlangt, nicht die von der Wüste Gobi, sondern eine allerletzte,
zur Ausbeutung von Rubinminen. Anfänglich sei er nicht recht sicher
gewesen, für welche Provinz er die Konzession erbitten solle, ob
Kwangsü oder Kwangtung, da er ja beide nicht persönlich kannte und
nicht wisse, ob es dort Rubinen gäbe. Schließlich habe er sich für
Kwangtung entschieden, nachdem er etwas im Richthofen nachgeschlagen,
diesem Evangelium aller Jünger des neuen Glaubens »Heil durch China«.
Mein Bruder und ich waren etwas erstaunt, daß Bartolo diese Konzession
so rasch erlangt haben will, um so mehr als die Chinesen ja gerade eine
Minenbehörde ernannt haben, deren Hauptaufgabe darin besteht, derartige
Angelegenheiten zu verschleppen. Bartolo erzählte uns aber, in dieser
Behörde säßen als einflußreichste Mitglieder der alte Tsü und der junge
Tsi – dem jungen Tsi habe er in Tientsin die Bekanntschaft einer ebenso
gefälligen wie schönen Amerikanerin vermittelt, und der »Nebenfrau« des
alten Tsü habe er nächtlicherweile ein goldenes Teeservice zugesandt.
Von da ab seien seinem Anliegen in der Kommission von den Chinesen nur
noch pro forma ein paar kleine Schwierigkeiten gemacht worden.
Bartolo ist nun auf dem Wege nach London, um eine Aktiengesellschaft zu
gründen zur Ausbeutung seiner Rubinminen, von denen er sich Millionen
verspricht. Er hatte sich für die Überfahrt mit einer Menge Konserven
und Delikatessen versehen, von denen er all seinen Bekannten auf
dem Schiffe bei jeder Mahlzeit reichliche Portionen zusandte. Da er
eigentlich ein sehr gutmütiger Mensch ist, wollte er hierdurch schon
jetzt alle gewissermaßen an seinen Zukunftsschätzen teilnehmen lassen.
Ich werde immer ganz traurig über die schönen Illusionen, wenn ich
Menschen so reden höre von all den Reichtümern, die sie in China
erwerben wollen, und mich dabei der unendlichen, herzbeklemmenden Armut
erinnere, die ich dort, ärger als irgend sonst wo, gesehen habe. Wo
sollen nur die Reichtümer herkommen? Ich mag mich aber irren, denn
ich kenne ja nur den trostlosen Norden Chinas, und vielleicht liegen
wirklich Rubinen auf den Straßen in Kwangtung, wo ich so wenig wie
Bartolo je gewesen bin.
Ich muß meinen heutigen Brief schließen, denn wir wollen hinaus in
den Wald, aber ich werde Ihnen noch von hier weiter schreiben, da wir
einige Tage hier bleiben wollen, um uns von der bisherigen für die
weitere Reise zu erholen. Dieser erste Gruß soll Ihnen nur sagen, daß
ich jenseits des großen Wassers gut angelangt bin. Nun schlage ich in
Gedanken eine große Brücke darüber, deren eines Ende hier ruht, während
das andere in der Gegend von Pei-ta-ho die Erde berührt, und über diese
Brücke eilen tausend herzliche Gedanken freundschaftlichen Erinnerns zu
Ihnen.
2.
_Vancouver_, August 1899.
Mein gestriger Brief, lieber Freund, handelte so sehr von Bartolo, daß
ich fürchte, er wird den Eindruck bei Ihnen erwecken, als seien wir mit
ihm die einzigen Passagiere auf dieser langen Fahrt gewesen. Drum sende
ich gleich diesen zweiten Brief nach, der Ihnen von unserer übrigen
Reisegesellschaft erzählen soll.
Am interessantesten waren mir zwei Japaner, die sich ein Stückchen
Heimat mitnahmen, in Gestalt einer zwei Quadratfuß großen, erdgefüllten
Kiste, in der mit Steinen und verkrüppelten Zwergbäumchen eine
japanische Miniaturlandschaft dargestellt war. Sie hüteten dies
Gärtchen mit rührender Sorgfalt. Beide litten offenbar sehr an
Seekrankheit und ihre gelbliche Haut hatte allmählich seltsam grüne und
violette Schattierungen angenommen, aber, mochten sie noch so elend
sein, sobald ein Sonnenstrahl durch das dicke, schwere Gewölk drang,
krochen sie aus der Kajüte und trugen ihr Kästchen auf das Deck in
die Sonne, und sobald sich der Wind dann erhob und es kälter wurde,
schwankten sie wieder hinunter, ihr Stückchen Japan in den Armen. Sie
reisten nach Amerika zu Studienzwecken, und schon auf der Fahrt diente
ihnen alles und jeder als Beobachtungsobjekt. Sie hatten offenbar ein
großes Gefühl der Verantwortlichkeit, besonders für die ihnen gegebene
Zeit, eine Verantwortung, mit der es die meisten Menschen nicht so
genau nehmen, und die doch vielleicht die ernsteste von allen ist.
Jeder unserer beiden reisenden Japaner hätte vor Jahren einmal das
kleine japanische Schulkind sein können, von dem erzählt wird, daß man
es nach einem starken Erdbeben zwischen den Trümmern des Hauses fand,
wie es auf einen herabgefallenen Ziegel die Zahlen des letzten ihm
aufgegebenen Rechenexempels eifrig weiter schrieb.
Auf unserem Schiff waren auch ein paar russische Reisende, sowie
englische und belgische Ingenieure, die aus Peking zurückkamen.
Sie hatten sich dort um Konzessionen für Eisenbahnen beworben, die
möglicherweise erst in Jahrzehnten, vielleicht auch nie gebaut werden
dürften. Ich erinnere mich sehr gut, wie Sie mir oftmals sagten,
gerade dies Drängen um Eisenbahnen erbittere die Chinesen besonders.
Und dabei waren die meisten dieser nur mit Drohungen errungenen
Zugeständnisse für lange hinaus ganz zwecklos, und wurden nur verlangt,
um etwaigen anderen Bewerbern zuvorzukommen. Man prahlte in Peking mit
den erlangten Konzessionen, wie die Indianer mit erbeuteten Skalps.
Nirgends habe ich so sehr die Empfindung unendlichen Raumes gehabt, wie
gerade in China, und doch schien es nirgends so sehr wie in Peking,
als ob die weite Welt für die Ansprüche der Menschen nicht ausreichte.
Der Kampf wurde dort mit jener neidischen Eifersucht geführt, die
ein Gebiet lieber wüst und leer sieht, als daß sie es fremden Händen
überließe. Der Schwächere wird, so reich und ausgedehnt die Welt auch
ist, stets leer ausgehen, denn die Gier der Starken ist größer als der
größte Raum.
Auf dem Schiff hörte man endlose Debatten über die Zukunft Chinas,
über »offene Tür« und »Interessensphären«, über Aufteilung und die
Ansprüche der einzelnen Länder. Was aber in Pekinger Kreisen nur
leicht angedeutet wurde, das sprachen diese Reisenden mit brutaler
Offenheit aus. Man sah sich da plötzlich der bête humaine gegenüber,
wie sie wirklich ist: stets erscheint ihr der eigene Anteil zu klein,
der des anderen zu groß. Mit harmloser Naivität wurde da enthüllt,
was jedes einzelnen Herzenswunsch war: für sich selbst abgeschlossene
und möglichst grosse Interessensphären, bei dem Nachbar dagegen ein
möglichst offenes Scheunentor. Mich stimmten diese Debatten oft
unendlich traurig, denn sie eröffneten für die Zukunft weite häßliche
Aussichten auf Kampf und Unterdrückung. Es waren ja nur einzelne
Leute, die da redeten, zumeist einflußlose, unbedeutende Menschen,
aber aus ihren Worten konnte man doch auf den allgemeinen Geist der
Zeit schließen, mit seiner Skrupellosigkeit, seiner Abhängigkeit vom
Erfolg, seiner Grausamkeit gegen alles auf Erden, was sich nicht
wehren kann. Die beiden Japaner hörten dem allen zu, und wenn sie
auch selbst wenig sagten, so merkte man ihnen doch an, daß für sie
Buddha und seine Lehren in ebenso weiter vergessener Ferne liegen,
wie für die anderen Christus und sein Wort, und daß auch sie sich den
europäisch-amerikanischen Grundsatz zu eigen gemacht haben: »Friß, auf
daß du nicht gefressen werdest.«
Draußen war es sehr neblig, sehr grau und eisig kalt geworden.
Ein oder der andere Passagier fragte wohl mal, ob keine
Kollisionsgefahr sei. Dann wurde geantwortet: »In diesen nördlichen
Breitengraden fahren gar keine anderen Dampfer, und sollten wir
unwahrscheinlicher Weise einem Segelschiff begegnen, so sind wir eben
die Wuchtigeren.«
So ging es im dicken Nebel weiter, und in langen gleichmäßigen
Zwischenräumen ertönte das schauerliche Nebelhorn.
Die übrigen Reisenden hatten das Rauchzimmer oder ihre Kajüten
aufgesucht; ich war allein auf Deck, in meinen dicksten Pelz gewickelt.
Der Nebel war dichter als je zuvor, die sichtbare Welt schien auf ein
paar Fuß zusammengeschrumpft zu sein, drüber hinaus war alles ein
unheimliches Grau, das lautlos hin und her wogte. Zentnerschwer fühlte
ich eine Last, die sich mir aufs Herz legte, so daß ich kaum zu atmen
wagte – und diese Last war eine namenlose Angst vor dem grauen Etwas,
das die ganze Welt um mich her erfüllte. Ich kam mir so einsam vor wie
noch nie im Leben, als sei ich ganz allein, als letztes Lebewesen, und
als schwebte ich angstvoll suchend durch den endlos leeren Weltenraum.
Und wie ich so hinausstarrte, begann es in dem Grau zu wogen, zu
steigen und sinken; es war, als wehe der Wind dicke, schwere Schleier
hinweg, und plötzlich lag klar und dicht vor mir ein Stück kalte,
dunkle, nordische See. Ein Felsen erhob sich daraus, schneebedeckt
und an all seinen Zacken Eiszapfen tragend, die bis zu dem schaurigen
Wasser herabhingen. Oben aber auf dem Felsen saß ein riesiger Eisbär,
in den Tatzen das Gerippe des letzten Tieres haltend, das er in der
Einöde gefunden. Er schaute sich um, als wollte er sagen, »nun bin ich
Alleinherrscher der Welt«. – Aber da tat sich das schwarze Wasser auf,
und heraus tauchte ein Ungeheuer mit Schlangenleib, Fischflossen und
rot bemähntem Walroßhaupt; Seetang hing ihm am nassen Maule und Reste
kleiner Fische – die letzten, die es noch in der See gefunden; auch
seine grünlich glasigen Augen schienen zu sagen: »Nun bin ich ganz
allein Herr der Welt.« Da aber erblickten sich die beiden, der riesige
Eisbär und das Seeungetüm. Die Flossen peitschten die Wogen, die Tatzen
umkrallten den Felsen. Noch waren beide gesättigt, aber schon maßen
sie sich mit den feindlichen Blicken künftiger Gegner. Sie hatten die
ganze Welt entvölkert und trafen sich nun hier in der Einöde zu letztem
Kampfe. Der würde entscheiden, wer Herr der Welt blieb! –
»Wir waren heute den Aleuten ganz nah,« sagte der Kapitän beim
Abendbrot, »einen Augenblick konnte man eine der kleinen Inseln durch
den Nebel sehen.«
Ich aber hatte die Empfindung, als hätten sich die Wolken, die uns
umgeben, einen Augenblick geteilt, und ich hätte einen Blick getan in
die Geschichte der Welt, die ja oft eine Geschichte wilder Tiere ist. –
3.
_Vancouver_, August 1899.
Wir sind noch immer hier, ohne besonderen Grund. Aber es ist herbstlich
kühl und schattig, und die kleine Ruhepause gibt uns die kurze
Illusion, wie andere Menschen seßhafte Wesen zu sein.
In den meisten Straßen sind hier Alleen grüner Bäume gepflanzt, unter
denen rotbäckige Kinder morgens zur Schule radeln. Überall sieht man
Gärten voll später Rosen, Rittersporn und Astern; die Mauern sind mit
Kapuzinerblumen bedeckt, und an den kleinen Kieswegen blühen Reihen
von Georginen und Malven. Gärten in so nordischen Ländern wie hier
haben mir immer etwas Rührendes; es ist, als wollten die Pflanzen in
der kurzen Sommerzeit möglichst viel leisten, und die Blumen, die es
so eilig haben, zu erblühen, mahnen, daß wir ja alle nicht wissen, wie
kurz uns die Spanne Zeit bemessen sein mag, da für uns noch die Sonne
scheint.
Inmitten der wohlgepflegten Gärtchen stehen kleine Landhäuser;
sie alle sehen behaglich und behäbig aus. Bei ihrem Anblick denkt
man unwillkürlich an jene Gattung englischer Romane, die junge
Mädchen lesen dürfen, und in denen alle Menschen täglich nicht nur
drei tüchtige Mahlzeiten einnehmen, sondern auch noch gemütliche
Nachmittagstees mit Kuchen und Sahne.
Die Leute, denen wir an diesem fichtenumwachsenen, bergumgebenen Hafen
begegnen, sehen alle tüchtig und tätig aus; man merkt ihnen gleich
an, daß es freie, kräftige Persönlichkeiten sind, die sich hier,
unabhängig von obrigkeitlicher Hilfe, wie von Bevormundung, eine Heimat
gegründet haben. Sie sind stolz auf das, was sie schon jetzt aus dieser
entlegenen Bucht gemacht haben, und voll Zuversicht auf das, was die
eigene, selbständige Expansions- und Betätigungskraft noch schaffen
wird.
Wir sind hier weit von jenen künstlich gezüchteten Kanzlei-Kolonien,
denen durch einen Geheimrat aus der Hauptstadt des Mutterlandes als
wichtigste Grundlage eines beginnenden Gemeinwesens das Schema eines
heimatlichen Grundbuches, sowie Polizeivorschriften für die Stunde des
Lichtauslöschens und für das Maulkorbtragen der Hunde gesandt werden.
Maulkörbe trägt hier niemand.
Es wird auch wenig regiert. Die Gesetze, die sich allmählich als
notwendig herausbilden, entspringen den örtlichen Bedürfnissen und
Erfahrungen – sie werden nicht »ready made« importiert.
Im Gegensatz zu so manchen anderen, beruhen die englischen Kolonien
auf der einzig gesunden Grundlage, auf einem tüchtigen Mittelstand,
der sich hier frei und ungehindert entfaltet. In den Ländern, wo
die demokratische Partei in kurzsichtiger Opposition sich gegen
koloniale Bewegungen stellt, beraubt sie sich selbst eines fruchtbaren
Tätigkeitsfeldes, wo sie viel mehr Aussicht als daheim hätte, ihre
politischen Ideale zu verwirklichen. Diejenigen Kolonien, die von
oben herab geschaffen werden, erinnern mich immer an ein künstliches
Homunculuschen in der Flasche, das mit chemischen Pillen gepäppelt wird
und seine Nahrung nie an der Brust der großen Volksmutter gesogen hat.
Ich entbehre es sehr, mich über diese und tausend andere Fragen nicht
mehr mit Ihnen, lieber Freund, aussprechen zu können. Wer weiß, wann
ich eine Antwort von Ihnen erhalten werde, denn in Ihrem Briefe, den
ich hier vorfand, schreiben Sie ja, daß Sie nächstens wieder eine große
Reise in das Innere Chinas unternehmen müßten. All meine Briefe werden
Sie wohl lange erwarten und Sie erst nach Ihrer Rückkehr erreichen.
Könnte ich den kleinen weißen Bogen doch Flügel geben, um Ihnen wie
Brieftauben auf Ihrer Expedition nachzufliegen – dann fänden Sie jeden
Abend, wenn Sie müde in einem elenden chinesischen Gasthause oder
einem mongolischen Zeltlager anlangen, solch einen Boten von mir vor,
der Ihnen erzählte, wie viel ich an Sie denke und wie sehr ich wünsche,
daß Sie nicht mehr in die Wildnis zu ziehen brauchten, weil ich mich
dann immer so sehr um Sie sorge.
4.
_Vancouver_, August 1899.
Meine große Freude hier in Vancouver ist es, endlich einmal wieder
lange Spaziergänge im Schatten schöner Bäume machen zu können. Wer,
wie ich, in einem Waldland aufgewachsen, sehnt sich immer danach
zurück. Bäume sind mir wie lebende Wesen und jeder hat seine eigene
Physiognomie, seinen Ausdruck, den er, wie wir Menschen auch, durch
besondere Erfahrungen und Erlebnisse allmählich gewonnen hat. Ich
begreife so gut, daß die alten Germanen sich die Bäume als Sitz
besonderer Gottheiten dachten, und schon als Kind hatte ich einen
wahren Abscheu vor Sankt Bonifatius, der den heiligen Baum fällte.
Sie erinnern sich gewiß noch, wie oft ich Ihnen von meiner Sehnsucht
nach schattigen Waldespfaden sprach, wenn wir zusammen nach der Hitze
des Tages auf die Pekinger Stadtmauer stiegen und auf diesem einzigen
reinlichen Weg der chinesischen Kaiserstadt auf und ab gingen. Die
Stadt lag tief unter uns, all die einstöckigen Häuser eintönig grau
mit aufwärts geschweiften Dächern, auf deren Kanten Reihen kleiner
Steinhunde sitzen. In die Höfe der nächstgelegenen Häuser konnten
wir von oben hinein schauen und was wir sahen, waren immer dieselben
uns unverständlichen Wesen, die dasselbe Dasein führten, das seit
Jahrtausenden ihnen ähnliche Wesen genau ebenso geführt haben. In den
Straßen war immer dasselbe Gewühl zahlloser Menschen, die unseren
Augen so rätselhaft in ihrer Gleichheit und Einförmigkeit erschienen,
deren elfenbeinerne Stirnen wie geschlossene Tore waren, von Welten,
in die wir nie eindringen werden. Jahr aus, Jahr ein zog dies Gewühl
von Menschen durch die Straßen, die monatelang voll dicken, schwarzen,
klebrigen Schlamms lagen, und die übrige Zeit des Jahres in dichten,
grauen Staubwolken verschwanden. Und niemand rührte die Hand, etwas
zu ändern, etwas zu verschönern. Denn es war ja von jeher so gewesen;
niemand hatte es je anders und besser gekannt; niemanden störte
es – vor allem niemanden von denen, die hinter den roten Mauern,
unter den goldig schimmernden Dächern der Kaiserpaläste ein noch
geheimnisvolleres, noch rätselhafteres Dasein als all die anderen
führten.
Erinnern Sie sich, wie oft wir dort oben auf der Mauer standen und
hinüberschauten auf die verbotene Stadt mit ihren verfallenden Mauern?
Stets hatte ich das Gefühl, als läge ein Alp auf der Stadt, wie der
Schatten kommenden Unheils! Mit welcher Sehnsucht habe ich von dort
oben weit hinaus geschaut, über die unendliche Ebene und dabei anderer
Länder gedacht, wo uns nicht alles unverständlich ist, wo die Menschen
sich grüßen, freuen und küssen, sprechen, lachen und trauern wie wir.
Am Vorabend meiner Abreise haben wir noch einmal dort oben zusammen
gestanden, und Sie wiederholten die Worte, die Sie in den letzten
Wochen so oft gesagt hatten: »Ja, Sie müssen fort von hier – es ist
besser so.«
Als wir dann nach Hause gingen über die Kanalbrücke und an dem kleinen
Tempel vorbeikamen, in dessen Hof ein Kuriositätenhändler seinen
kleinen Laden alter Vasen und seltsamen Gerümpels eröffnet hatte, da
sagten Sie mir: »Ihr nächster Spaziergang wird Sie unter alte schattige
Bäume führen, wie Sie es sich hier so oft gewünscht haben.«
Sie schienen so traurig, als Sie das sagten, lieber Freund, und doch
haben Sie uns selbst zur Abreise gedrängt und sie beeilt – warum?
Und jetzt bin ich in einem Lande schattiger, grüner Bäume und täglich
seit wir hier sind, gehe ich stundenlang tief in den Wald hinein. Das
Schönste hier ist der Viktoria-Park, mit seinen uralten Bäumen und
den herrlichen Blicken auf die See, vor allem mit seiner Ruhe, seinem
Schweigen und Frieden. Wie würde ein Böcklin diesen Wald genießen, der
dem unberührten Naturzustand noch so nahe scheint, daß man sich gar
nicht wundern würde, über das dicke, weiche Moos Faune und Einhorne
schreiten zu sehen.
Gestern bin ich besonders lange im Park gewesen. Ich ging träumend
immer weiter, bis ich an sein äußerstes Ende kam, wo er zur schmalsten
Stelle einer Meerenge führt. Das felsige Ufer fällt dort steil ab, und
tief unten strömt das Wasser reißend vorbei. Ich setzte mich nieder
zwischen Farnen und allerhand Ranken und schaute in die Tiefe auf die
Meeresstraße, durch die alle Schiffe fahren, die vom fernen Osten nach
Vancouver kommen. Und ich träumte, wie hübsch es sein müßte, hier
irgendwo ein waldverborgenes Häuschen zu besitzen; dann würde ich alle
Tage bis zu dieser äußersten Spitze gehen, setzte mich dort unter die
alten Bäume und schaute aus, ob Schiffe aus Far-away Cathay kommen.
Und an einem Tage würde endlich ein Schiff kommen, auf dem ständen Sie,
und ich würde Ihnen von meinem Felsen aus einen großen Strauß frischer
Waldblumen herabwerfen.
Denn nicht wahr, Sie bleiben doch nur gerade so lange in China, als es
durchaus nötig ist? Ich mache ja schon so viel schöne Pläne für die
Zeit, wo wir uns wiedersehen werden. Wann, wo wird das sein?
5.
_Banff_, September 1899.
Die Frühsonne scheint in mein Zimmer, lieber Freund, draußen zwitschern
Spatzen, die sich in der Jahreszeit irren und jetzt beim nahenden
Herbst noch an Frühlingsidyllen denken, und ich will den Tag beginnen,
indem ich Ihnen guten Morgen zurufe, hinaus in die unergründliche
Weite. Möge Ihnen ein freundlicher Lufthauch meinen Gruß bringen – wo
Sie auch sein mögen. Ich fürchte, es kann dort nicht so schön sein wie
hier.
Das hiesige Hotel liegt auf waldigem Bergrücken, in größter Einsamkeit,
und erinnert an manche Tiroler Burgen. Von unseren Fenstern aus haben
wir einen weiten Blick auf ein Gebirgstal, in dessen Tiefe, zwischen
hohen Fichten, ein Bach fließt, der, zur Zeit da Eis und Schnee
schmelzen, zum reißenden Strome wird. Im Hintergrund erheben sich
steile, schneebedeckte Felsen.
Nach der langen Reise ist die hiesige Behaglichkeit an sich ein Genuß.
Es ist herrlich, wieder mal in einem Bett zu schlafen, das weder
schwankt noch schüttelt, und Mahlzeiten einzunehmen, ohne Sorge, daß
der Zug abfährt, oder daß der gegenübersitzende Reisende seekrank wird.
Dicht neben dem Hotel ist ein großes, offenes Schwimmbassin, das von
warmen Schwefelquellen gespeist wird. Fichten stehen ringsherum und das
laue Wasser, der Sonnenschein und die köstliche würzige Luft bilden
zusammen einen so wonnigen Aufenthalt, daß man im Sommer sicher gern
Stunden dort verbrächte. Weiter unten, dem Tale zu, sind natürliche
Grotten mit sprudelnden Quellen und tiefen Teichen, die geheimnisvoll
unter den überhängenden Felsen verschwinden. Das Wasser ist so klar,
daß man tief unten auf dem Grund die weißen Sandflächen und die
einzelnen Kieselsteinchen schimmern sieht. Ich muß dort immer an die
schöne Undine denken. In solch tiefen, klaren Wassern ist sie gewiß,
unbewußt glücklich, wie die silbrigen Fischchen, herumgeschwommen,
bis sie hinauf zur Welt stieg und unglücklich ward, weil sie sich
einbildete, daß es nötig sei, eine Seele zu haben. Hätte doch irgend
ein welterfahrenes Wesen der armen Undine erklärt, daß Seelenbesitz
der entbehrlichste von allen ist, und daß die kalten, schlüpfrigen
Fischchen am besten durch die Welt kommen, mit ihren geheimnisvoll
grünlichen Augen, die so tief scheinen und auf deren Grund gar nichts
ist.
Wir haben hier einen Offizier kennen gelernt, der die Mounted Police
des Distriktes befehligt. Im Winter muß das ein recht einsamer Posten
sein, wenn das Hotel geschlossen ist und die ganze Welt weit und
breit unter tiefem Schnee begraben liegt. Im Sommer dagegen und auch
jetzt noch in den schönen Herbsttagen scheint Kapitän White ein ganz
lustiges Leben zu führen. Er ist beständig hier im Hotel und die Damen
sehen ihn alle als eine Art Badedirektor an, der für die Vergnügungen
der ganzen Gesellschaft verantwortlich ist. In der Halle, wo in zwei
großen Kaminen halbe Baumstämme knisternd verbrennen und an den
Wänden und auf dem Boden herrliche dicke Felle liegen, flirtet er mit
schönen blauäugigen Kanadierinnen, die hier mit allerhand Sports die
Saison zubringen; er flirtet mit amerikanischen »Summer Girls«, die
es origineller gefunden haben, sich Kanada statt Europa anzusehen,
und er flirtet mit blassen, verwaschen aussehenden Engländerinnen aus
Hongkong, die alljährlich in immer größerer Zahl hierher kommen, um
sich vom dortigen erschlaffenden Klima zu erholen. Es werden täglich
große Ausflüge unternommen, zu denen die ganze Gesellschaft meist in
Kapitän Whites Coach fährt. Er kutschiert vortrefflich, aber es sieht
ganz abenteuerlich aus, wenn er mit seinem Viergespann die steilen
Korkenzieher-Wege hinauffährt, in so scharfen Windungen, daß das erste
Paar Pferde oft genau eine Etage höher zu stehen kommt, als das zweite
und der Wagen. Gestern saß ich bei solcher Fahrt neben Kapitän White,
und auch bei den halsbrecherischsten Stellen erzählte er lustig weiter,
besonders von den Wintersports und von den hiesigen Indianern. Er
sagte mit dem Brustton englischer Selbstgefälligkeit, die Regierung
sorge für sie mit Geld und Proviant – ich finde das eigentlich das
Mindeste, nachdem man den armen Leuten ihr Land weggenommen und
ihnen als besondere Gastgeschenke Trunksucht und allerhand Epidemien
gebracht hat. Von Zeit zu Zeit sollen die Indianer noch jetzt große
Versammlungen abhalten, bei denen ungeheure Mengen Branntwein getrunken
werden und die alten Krieger sich unter lautem Beifall all ihrer
einstmaligen Morde und Diebstähle rühmen. Um den Alten an Mut nicht
nachzustehen und da Raub und Totschlag im modernen Kulturstaate doch
sehr unangenehme Konsequenzen haben, bringen sich die jungen Männer in
den Versammlungen eigenhändig große Wunden bei und werden dann auch als
Krieger in den Bund aufgenommen.
Wir fuhren gestern nach dem Devil's Lake, einem tiefblauen See klarsten
Wassers, der von hohen Felsen umgeben ist. Warum er gerade mit diesem
Namen bedacht worden ist, konnte ich nicht ergründen. In allen Ländern
kommt aber diese Benennung so häufig vor, daß man unwillkürlich
annehmen muß, der Glaube an die Allgegenwart des Teufels sei weit mehr
als derjenige an eine andere Allgegenwart im tiefinnersten Bewußtsein
der Menschen lebendig.
Der Glaube an Gespenster, an böse Geister, anders auch Teufel genannt,
ist ja sicherlich älter als der eigentliche Gottesglauben, denn aus der
Angst vor bösen, unerklärlichen Mächten ist aller Kultus entstanden; er
diente anfänglich immer dazu, Unheil von den armen Menschen abzuwenden,
die von den bösen Geistern verfolgt wurden: die ursprünglichen
Kultformen sind immer abwehrender Art und vielen, vielleicht den
meisten Menschen, erscheint ihre Gottheit auch heute ja noch als ein
erzürntes Wesen, das versöhnt werden muß.
Dieser kanadische Teufelssee erinnerte mich sehr an einen kleinen See
in den Pyrenäen, den ich vor Jahren einmal sah. Dort steht auf einem
Felsen ein kleines Kreuz, und der baskische Führer zog das breite
wollene Barett ab, bekreuzigte sich und sagte, an der Stelle sei ein
Liebespaar ertrunken. Jung, wie ich damals war, rührte mich das sehr.
Als ich aber bis zu dem Kreuz geklettert war, las ich eine so alte
Jahreszahl, daß das Liebespaar, wenn es statt zu ertrinken, alt und
grau geworden wäre, und Urenkel erlebt hätte, unter allen Umständen
doch längst hätte tot sein müssen. Das dämpfte meine Rührung. So oder
so – ein Kreuzchen wäre doch schon längst das Ende – vielleicht war's
besser so.
6.
_Banff_, September 1899.
Lieber Freund! Die Welt ist hier so schön, daß ich Ihnen gleich wieder
schreiben muß! Ich fürchte, dieser Briefanfang ist nicht sehr logisch –
aber Sie werden ihn doch verstehen, Sie haben ja immer alles verstanden
– Gesprochenes und Unausgesprochenes.
Wir haben uns in einem Lande gekannt, das wohl niemand als besonders
schön bezeichnen würde, im Gegenteil, es war oft recht öde und häßlich,
und über all unseren gemeinsamen Erinnerungen liegt es wie ein Schleier
von Wehmut. Und doch, seitdem ich von dort fort bin, fühle ich mich
Ihnen niemals näher, als gerade, wenn ich etwas wirklich Schönes sehe.
Nach den drei Jahren in Peking, wo mir das Schöne so selten durch
die Natur offenbart wurde, sondern wo ich es nur in eines Menschen
Herz und Seele fand, ist es mir wie eine Offenbarung, zu sehen, wie
köstlich die übrige Welt doch ist. Jetzt beim Anblick dieser herrlichen
Berge, wenn die Sonne auf die Gletscher scheint und die Bäche von den
Felswänden herabstürzen in einen tiefgrünen See, wenn ich die harzige
Luft einatme und an den hohen Stämmen hinauf schaue, die hier standen,
lang ehe der weiße Mann das Land betrat – da frag ich mich oftmals: ist
dies dieselbe Welt? Hat das alles so gerauscht, geleuchtet, gefunkelt,
geduftet, während der drei letzten, grauen Jahre, die ich in jener
fernen Stadt verlebt, wo alles so unendlich fremd war und sich mir
das Herz oft zusammenzog in beklemmender Angst, wie vor unheimlichem,
unabwendbarem Schicksal?
Es ist so schön, wieder etwas schön finden zu können, plötzlich
zu fühlen, daß die Jugend und die Begeisterungsfähigkeit nur
schlummerten, daß sie aber noch da sind und bloß warteten, wieder
aufleben zu dürfen. Es ist so schön, lieber Freund, sich noch einmal
freuen zu können – ohne besonderen Wunsch, ohne irgend welche
eigennützigen Gedanken, die ganz eigene, harmonische Freude zu
empfinden, die die Natur in uns erweckt, die klärt und beruhigt, und
durch die das Sorgen, Fürchten und Trauern für ein Weilchen wie in
fernem Nebel verschwimmen. In solchen Augenblicken kommt es uns zum
Bewußtsein, daß wir selbst eben auch ein Stückchen Natur sind, trotz
alles Künstlichen und Gequälten, das uns die Erbschaft von Hunderten
von Generationen auferlegt hat, und für einen kurzen Augenblick scheint
es uns möglich, zu werden, wie die Lilien auf dem Felde. – Für eine
kleine Spanne Zeit vermag das Schöne uns von der Last des Erlebten, des
Gewollten, des nie Erreichten zu befreien. Wir atmen einmal frei auf,
möchten vergessen und verweilen – aber schon müssen wir wieder hinein
in die Mühe und die Qual, die uns Leben sind. –
Doch auch für die kurze Rast sei diesen Wäldern Dank!
7.
_Banff_, September 1899.
In der hiesigen Waldesstille, die so beruhigend auf uns Weitgewanderte
wirkt, denke ich oft staunend an das Hasten und Ringen zurück, in dem
wir in Peking gelebt haben. Dort schien Streben und Kämpfen, andere
verdrängen und sich selbst einen Platz erobern der einzige Zweck des
Daseins zu sein. Ich glaube, daß Sie, lieber Freund, verstehen werden,
welche Erquickung dieser weltabgeschiedene Frieden mir gewährt. Denn
oft, wenn ich Sie in Peking reden hörte, hatte ich die Empfindung,
daß Sie das ganze dortige Treiben und Drängen wie von einer Höhe aus
betrachteten, zu der all die kleinlichen Motive nicht heranreichten,
daß Sie mit Ihren Gedanken in einer Stadt lebten, die allem Niedrigen
wirklich eine »verbotene« war.
Sie dachten und fühlten ja sogar für die Chinesen, deren Wünsche und
Anschauungen allen anderen als eine quantité négligeable erschienen,
und die nur dazu da waren, um mit Gewalt in sogenannte Fortschritte
getrieben zu werden, die dafür gestraft wurden, daß sie sich von dem
einen hatten berauben lassen, indem der andere sie noch mehr beraubte.
Ein jeder stachelte die Chinesen dazu an, gegen die Forderungen des
anderen scharf aufzutreten und ihm nichts zuzugestehen, aber im
entscheidenden Moment ließ man die Chinesen stets im Stich, es wurde
ihnen nie wirklich geholfen, sondern man überließ sie der Gnade des
anderen und stellte dann das Gleichgewicht wieder her, indem man selbst
mit neuen Forderungen kam.
Ich habe nirgends so sehr wie in Peking den Erfolg verachten gelernt,
weil ich einmal ganz aus der Nähe gesehen habe, womit er erreicht
wurde, von den einen durch Bestechung, von den anderen durch Drohen
mit roher Gewalt. Die armen Chinesen sind nun einmal gegen Geld und
Kanonen, innerlich und äußerlich, widerstandslos. Setzen sie sich
aber einmal zur Wehr, so steckt immer eine andere Macht dahinter, die
eben mehr bestochen, oder mehr gedroht hat, von der mehr zu gewinnen
oder mehr zu fürchten war. Ich erinnere mich sehr gut, wie Ihr Freund
Li Hung Tschang sich ein paarmal fremden Forderungen widersetzte und
auch wirklich nicht nachgab. Das war eben, weil hinter ihm eine andere
fremde Macht stand, vor der er noch mehr Angst hatte als vor den
Fordernden. Und die ganze europäische Erbärmlichkeit kam dann zutage,
indem man wohl über Li Hung Tschang herfiel, die fremde Macht aber
unerwähnt ließ – weil man vor der eben selbst auch Furcht hatte.
Die Pekinger Luft hat nun einmal einen ganz besonderen Einfluß auf
die weißen Männer, entweder sie werden dort chinesischer als die
Chinesen und zu leidenschaftlichen Freunden und Verteidigern Chinas,
wie die meisten Dolmetscher, Zollbeamten und Diplomaten der alten
Schule, oder, und das sind die Jüngeren, sie werden von einem Taumel
des Übermenschtums erfaßt, der in einer grenzenlosen Verachtung alles
Chinesischen wurzelt. Sie predigen, man solle zugreifen, sich nehmen,
was man brauche, einzig das tun, was die eigene Herrenmoral fordere,
denn so allein könnten Nationen und einzelne groß werden. Der Kern
der Sache ist, sie trachten danach, einem anderen unrechtmäßigerweise
etwas fortzunehmen. Dazu werden die großen Worte »Patriotismus,
Expansion, neue Absatzgebiete, Stützpunkte« ausgekramt – und dazu
drapieren sich ganz harmlose Bureaukratenseelen als Cesar Borgias, als
Schüler Macchiavellis und Nietzsches. Aber das Herrentum läßt sich
nur improvisieren, so lange man ausschließlich mit Chinesen zu tun
hat; wird die Lage ernster, stehen hinter dem Chinesen Mächtigere,
dann tritt eine sehr unherrenmäßige Nervosität an die Stelle der
Kraftmenschpose. – Trotz allem, was darüber gesagt wird, sind wir
eben keine Generation der Übermenschen. Wir sind Zweifler, Spötter,
Unzufriedene – zum Übermenschtum fehlt uns das Zeug. Dazu müßten wir
vor allem an uns selbst glauben – und wer tut das heute noch? – Sind
wir ehrlich, so haben wir uns doch alle als armselige Blechgötzen
erkannt – vielleicht imponieren wir noch den Wilden, uns selbst aber
doch sicherlich nicht.
8.
_Im Eisenbahnzuge_,
Oktober 1899.
Lieber Freund, wir haben das reizende Banff verlassen. Die Bergketten,
die tiefen grünen Wälder liegen längst hinter uns. Einen ganzen Tag
schon fahren wir durch die weite Ebene. Wir haben zum Fenster hinaus
geschaut, haben hier und da ein paar Seiten eines Buches gelesen und
die anderen Reisenden beobachtet. Nun wird es Abend, die Schatten
werden länger, und im fernen purpurnen Westen neigt sich die Sonne
anderen Welten zu. Mir ist, als ob graue Wesen aus der Erde aufsteigen,
die mich stumm anblicken und in deren toten Augen ich die Frage lese:
»Was hast Du aus uns gemacht?« Es sind Pläne und Hoffnungen, Träume,
Wünsche und Ideale – lauter Dinge, mit denen wir vor langen Zeiten, am
frühen Morgen des Lebens, die Fahrt begannen, die wir damals hüteten,
als das kostbarste, was wir mit uns nahmen, als unseren höchsten
Besitz. Es war, als gehörten uns seltene, goldige Samenkörner, aus
denen ein märchenhafter Garten erstehen sollte, voll schöner, noch
nie dagewesener Blumen. Aber statt einen Garten anlegen zu können,
haben wir im Laufe der Reise die Samenkörner alle allmählich am Wege
verloren, die einen früh, die anderen spät. Manche sind verschwunden,
ohne daß wir es selbst recht merkten, wie Träume, die beim Erwachen
verweht sind, niemand weiß wohin, die Erinnerung an sie sogar ist tot.
Um andere haben wir gekämpft und wollten sie durchaus festhalten, sie
sollten ja zum stolzesten oder liebsten Schmuck des künftigen Gartens
werden – und wir haben sie doch hingeben müssen, haben auch sie
verloren, in bitterem, alle Freude vernichtendem Schmerz.
In den Mühen und Sorgen des täglichen Lebens, die uns wie Opium
vom Schicksal gegeben werden, um die größeren Leiden zu vergessen,
denken wir kaum all des vielen Verlorenen. Aber an den Abenden langer
Reisetage, wenn das Buch der Hand entgleitet und wir müde aus dem
Fenster hinausstarren, wenn der Zug durch weite Ebenen braust und sein
Schatten, riesengroß verlängert, über der wehenden Grasfläche neben
uns dahineilt, wenn überall um uns die festen Formen sich auflösen
und verschwimmen in dämmerigem Grau – dann greifen uns unsichtbare
Hände kalt ans Herz, unendliche Wehmut, vergebliches Sehnen, bitteres
Erinnern erfüllen uns ganz. Das ist die Stunde, wo Verlorenes, Totes
aufersteht, wo wir plötzlich gewahr werden, wie arm wir geworden.
Der geträumte Märchengarten liegt plötzlich wieder vor uns, so schön,
so beglückend, wie wir ihn einst geplant, in jener Zeit, da wir das
felsenfeste Bewußtsein hatten, zu ganz Besonderem berufen zu sein; aber
statt der damaligen Zuversicht, statt des Glaubens an uns und unsere
Bestimmung, erfüllt uns heute nur bitteres Weh; wir wissen ja, daß wir
all die goldigen Blumensaaten verloren haben, die einen erstarrten in
Eis und Schnee, die anderen verbrannten in sengender Glut – nimmer
werden sie keimen und blühen. Mit Nichtigkeiten und Eitelkeiten sind
die Jahre verstrichen, wir haben sie vergeudet in der Jagd nach dem
Unwesentlichen und vertrauert in den Sümpfen der Entmutigung – und
darüber ist das Höchste und Beste in uns gestorben, das Kostbarste ist
verloren gegangen.