II. Trennung der Kieselsäure von den Basen.

a. _In allen Verbindungen, die durch Salzsäure oder Salpetersäure

zerlegt werden._

Hierhin gehören sowohl die in Wasser löslichen Silicate, als auch viele

in Wasser unlösliche, z. B. fast alle Zeolithe.

Man übergiesst die höchst fein gepulverte Verbindung, nachdem man sie

bei 100° (nicht bei höherer Temperatur) getrocknet hat, in einer Schale

von Platin oder ächtem Porzellan (bei Silicaten, bei deren Auflösung

sich Chlor entwickeln könnte, ist Platin zu vermeiden) mit wenig Wasser

und rührt das Pulver damit zu einem gleichförmigen Brei an, fügt dann

mässig concentrirte Salzsäure oder (falls die Substanz Blei oder Silber

enthält) Salpetersäure zu und digerirt bei sehr gelinder Wärme unter

stetem Umrühren bis zur völligen Zersetzung der Substanz, das ist, bis

man beim Umrühren mit dem rund geschmolzenen Glasstabe kein sandiges

Pulver mehr fühlt und kein knirschendes Geräusch mehr wahrnimmt.

Die hierher gehörigen Silicate verhalten sich bei dieser Behandlung

nicht alle gleich, sondern sie zeigen einige Verschiedenheiten; so

schwellen die meisten zu einer gallertartigen Masse auf, während sich

bei anderen die Kieselsäure als leichter, pulveriger Niederschlag

abscheidet; so werden manche sehr leicht und schnell, andere erst bei

längerer Digestion zerlegt.

Nach geschehener Zersetzung verdampft man das Ganze im Wasserbade zur

Trockne und erhitzt den Rückstand unter häufigem Umrühren, bis alle

Klümpchen zertheilt und auch innen völlig trocken geworden sind, und

bis keine sauren Dämpfe mehr entweichen. -- Das Trocknen geschieht $am

sichersten$ bloss im Wasserbade; will man -- um das Trockenwerden zu

beschleunigen -- etwas stärker erhitzen, so bedient man sich am besten

eines Luftbades, welches man einfach herstellt, indem man die Schale

mit der Substanz mittelst eines Drahtgehänges so in eine etwas grössere

Silber- oder Eisenschale hängt, dass zwischen den Schalen überall ein

geringer, gleich weiter Zwischenraum bleibt. Ein Erhitzen direct über

der Lampe ist nicht anzurathen, weil an den am stärksten erhitzten

Stellen die Kieselsäure leicht wieder mit den abgeschiedenen Basen zu

Verbindungen sich vereinigt, welche durch Salzsäure nicht oder nur

unvollständig zersetzt werden.

Nach dem Erkalten befeuchtet man die Masse gleichförmig mit Salzsäure,

lässt eine halbe Stunde stehen, ohne zu erwärmen, verdünnt sodann mit

heissem Wasser, rührt um, lässt absitzen, decantirt durch ein Filter,

rührt die Kieselsäure wieder mit heissem Wasser an, decantirt nochmals,

bringt nun auch den Niederschlag aufs Filter, wäscht denselben mit

heissem Wasser vollständig aus, trocknet ihn gut und glüht, zuletzt

möglichst stark, nach §. 35. -- Eigenschaften des Rückstandes §. 72. 9.

-- Die Resultate sind genau. Die Basen, welche man als Chlorverbindungen

im Filtrat hat, bestimmt man nach oben angegebenen Methoden. -- Weicht

man von dem bezeichneten Verfahren ab, bringt man z. B. die Masse nur

fast, aber nicht völlig zur Trockne, so hat man Verlust, indem in

solchem Falle ein nicht unbeträchtlicher Theil der Kieselsäure in die

Auflösung übergeht, während bei Befolgung des beschriebenen Verfahrens

nur Spuren aufgelöst werden, welche jedoch bei genauen Analysen nicht

vernachlässigt werden dürfen, sondern von den aus der Lösung gefällten

Basen zu scheiden sind. Es geschieht dies leicht, indem man sie nach

dem Glühen und Wägen in Salzsäure oder Schwefelsäure durch längeres

Digeriren in der Hitze löst, wobei die Kieselsäurespuren zurückbleiben.

-- Trocknet man die Kieselsäure vor dem Glühen nicht vollkommen, so

hat man ebenfalls leicht Verlust, indem der bei raschem Erhitzen

entweichende Wasserdampf Theilchen der leichten und lockeren Kieselerde

wegführt.

Die $Prüfung$ der Kieselsäure auf ihre Reinheit (welche namentlich dann

ganz unerlässlich ist, wenn sich die Kieselsäure nicht gallertartig,

sondern pulverig ausgeschieden hat) geschieht zweckmässig so, dass

man in einer Silber- oder Platinschale, wohl auch in einer ächten

Porzellanschale, eine mässig concentrirte Lösung von reinem kohlensauren

Natron zum Kochen erhitzt und eine Probe der Kieselsäure einträgt.

War sie rein, so löst sie sich ganz klar. Bleibt ein Rückstand, so

wägt man den Rest der Kieselsäure und behandelt sie zur Bestimmung

der Beimischungen nach b. Man vergesse nicht, den Theil aufs Ganze zu

berechnen.

Hat man reine Fluorwasserstoffsäure vorräthig, so lässt sich die

Kieselsäure sehr leicht auch in der Art auf ihre Reinheit prüfen,

dass man sie in einer Platinschale damit übergiesst; beim Verdampfen

der Lösung verflüchtigt sich $reine$ Kieselsäure vollständig (als

Fluorkiesel). Bleibt ein Rückstand, so befeuchtet man denselben nochmals

mit der Säure, setzt einige Tropfen Schwefelsäure zu, verdunstet und

glüht; es bleiben alsdann in der Schale die schwefelsauren Salze der der

Kieselsäure beigemengt gewesenen Basen ($Berzelius$).

b. _In Verbindungen, welche durch Salzsäure oder Salpetersäure nicht

zerlegt werden._

[Greek: a]. Man schmelzt mit kohlensaurem Natron oder kohlensaurem

Natronkali. Das Nähere siehe §. 22. [Greek: a]. -- Den glühenden Tiegel

stellt man auf eine kalte Eisenplatte, dann springt die erstarrte Masse

leicht los. Die erhaltene salzsaure oder salpetersaure Lösung behandelt

man nach §. 111. II. a. -- Diese Methode ist die gewöhnlichste, sie kann

aber, wie leicht zu ersehen, nicht dazu dienen, Alkalien in Silicaten zu

bestimmen.

[Greek: b]. Man übergiesst das fein gepulverte Silicat mit einer

ziemlich concentrirten, etwas rauchenden Fluorwasserstoffsäure in einer

Platinschale, indem man die Säure nur allmälig zusetzt und mit einem

dicken Platindraht umrührt. Die dünnbreiige Masse digerirt man auf einem

gelinde erhitzten Wasserbade einige Zeit und setzt dann tropfenweise

reines, mit gleichen Theilen Wasser verdünntes Schwefelsäurehydrat

zu. Die Menge desselben sei mehr als hinlänglich, um alle Basen in

schwefelsaure Salze zu verwandeln. Man verdampft jetzt im Wasserbade zur

Trockne, wobei sich fortwährend Kieselfluor- und Fluorwasserstoffgas

verflüchtigt; zuletzt erhitzt man stärker, etwas hoch über der Lampe,

bis die überschüssig zugesetzte Schwefelsäure entwichen ist. -- Die

erkaltete Masse befeuchtet man stark mit concentrirter Salzsäure,

lässt eine Stunde stehen, fügt Wasser zu und erwärmt gelinde. Ist

die Zersetzung gelungen, so muss sich Alles klar lösen. -- Bleibt

ein Rückstand, so erhitzt man einige Zeit zum gelinden Kochen, lässt

absitzen, giesst die Flüssigkeit so weit als möglich klar ab, trocknet

den Rückstand und behandelt ihn aufs Neue mit Fluorwasserstoffsäure,

Schwefelsäure und zuletzt mit Salzsäure, wodurch vollständige Lösung

erfolgt, sofern die Substanz fein genug gepulvert und frei von Baryt,

Strontian (und Blei) war. -- In der Lösung, beziehungsweise den

vereinigten Lösungen, welche die Basen als schwefelsaure Salze und

ausserdem freie Salzsäure enthält, bestimmt man die Basen nach den

Verfahrungsweisen, welche im fünften Abschnitte angegeben sind. --

Diese Methode, welche zur Zersetzung der Silicate jedenfalls eine der

vorzüglichsten ist, rührt von $Berzelius$ her. Sie ist bisher weniger

zugänglich gewesen, da man die Fluorwasserstoffsäure nur mit Hülfe eines

kleinen Destillationsapparates von Platin, wenigstens mit Platinhelm,

zu bereiten und nur in Platingefässen aufzubewahren wusste. -- Diese

Schwierigkeit dürfte aber jetzt überwunden sein, indem $Städeler$[12]

mitgetheilt hat, dass Gutta-Percha und vulcanisirter Kautschuk der

Fluorwasserstoffsäure widerstehen. -- $Städeler$ bereitet dieselbe in

einem Kolben von Blei, der die Form eines Digerirglases hat, dessen Hals

abgesprengt ist. Der Kolben hat etwa 5'' inneren Durchmesser, die Weite

des sehr kurzen Halses beträgt 1-3/4''. In die ausgedrehte Mündung wird

ein gut schliessendes weites Bleirohr von 4'' Länge gesteckt, dessen

oberes Ende etwas zusammengezogen ist, damit es durch einen gewöhnlichen

Flaschenkork, der ein zweischenkliges dünnes Bleirohr trägt,

verschlossen werden kann. Der längere Schenkel dieses Rohres ist 6''

lang; man verbindet ihn mit einer dickwandigen Röhre von vulcanisirtem

Kautschuk, welche in die zur Aufbewahrung der Flusssäure bestimmte

Gutta-Perchaflasche mündet, aber -- um ein Zurücksteigen zu verhüten --

nicht oder kaum in das vorgeschlagene Wasser taucht. Für gute Abkühlung

ist Sorge zu tragen. -- Die Percha-Flaschen[13], welche zur Aufbewahrung

der Säure dienen, haben die Form der Medicingläser und werden durch

Percha-Stopfen verschlossen.

[12] Annal. der Chem. und Pharm. 87. 137.

[13] Solche Flaschen liefert Herr $Martin Wallach$ in Cassel.

Bei der Ausführung der beschriebenen Methode muss die grösste Vorsicht

angewendet werden, weil sowohl die flüssige als die gasförmige

Fluorwasserstoffsäure zu den schädlichsten Substanzen gehört; auch darf

die Behandlung des Silicates mit der Säure und das Abdampfen nur im

Freien geschehen, indem sonst die Fenster wie überhaupt alle Glasgeräthe

stark angegriffen werden.

Da bei der genannten Methode die Kieselsäure sich nur aus dem Verluste

ergiebt, so verbindet man gern diese Methode mit der in [Greek: a].

angeführten.

[Greek: c]. Statt der in Wasser gelösten Fluorwasserstoffsäure lässt

sich auch die gasförmige zur Zersetzung der Silicate benutzen. Diese

vielfach angewandte Methode rührt von $Brunner$[14] her. -- Man

bringt 1-2 Grm. des höchst fein gepulverten Silicates in möglichst

dünner Schicht in ein ganz flaches Platinschälchen, befeuchtet das

Pulver mit Wasser oder verdünnter Schwefelsäure und stellt das

Schälchen auf einen Dreifuss oder dergl. von Blei in eine Bleibüchse,

welche 6 Zoll Durchmesser und 6 Zoll Höhe haben kann, und in der man

unmittelbar zuvor eine 1/2 Zoll hohe Schicht Flussspathpulver mit

concentrirter Schwefelsäure zum Brei angerührt hat. (Man hüte sich

vor den entweichenden Dämpfen. Das Vermischen des Flussspathpulvers

mit der Schwefelsäure ist mit einem etwas langen Glas- oder besser

Bleistabe auszuführen). Sobald man das Schälchen mittelst einer Pincette

oder Tiegelzange eingesetzt hat, bedeckt man die Büchse mit dem dazu

gehörenden gut schliessenden Bleideckel, verstreicht die Fugen mit

Gypsbrei und stellt das Ganze 6-8 Tage an einen warmen Ort. -- Will man

den Process beschleunigen, so verstreicht man die Fugen nicht luftdicht

und erhitzt den Apparat mittelst einer kleinen Weingeistlampe im

$Freien$; es gelingt auf letztere Art in einigen Stunden, 1-2 Gramm

des Silicatpulvers zu zersetzen, vorausgesetzt, dass es in ganz dünner

Schicht liegt oder von Zeit zu Zeit umgerührt wird, was mit Vorsicht

geschehen muss.

[14] $Pogg$. Annal. 44. 134.

Ist die Aufschliessung gut gelungen, so besteht der Rückstand in der

Platinschale aus Kieselfluormetallen und -- wenn man mit Schwefelsäure

befeuchtet hatte -- schwefelsauren Salzen. Man stellt jetzt die

flache Schale in eine grössere Platinschale, fügt tropfenweise reine

Schwefelsäure zu, und zwar etwas mehr als zur Ueberführung der Basen in

schwefelsaure Salze erforderlich ist, verdunstet im Luftbad, verdampft

zuletzt das überschüssige Schwefelsäurehydrat direct über der Lampe und

behandelt den Rückstand mit Salzsäure und Wasser, wie es in [Greek:

b]. vorgeschrieben ist. Nur wenn vollständige Lösung erfolgt, darf die

Zersetzung als gelungen betrachtet werden.

[Greek: d]. Man schmelzt das höchst fein gepulverte Silicat mit

kohlensaurem Baryt oder Barythydrat. Das Nähere siehe §. 22. [Greek: b].

-- Die erhaltene salzsaure Lösung behandelt man ganz nach §. 111. II. a.

-- In der von der Kieselsäure abfiltrirten Lösung bestimmt man die Basen

nach den im Abschnitt V. zu besprechenden Methoden. -- Die gewonnene

Kieselsäure ist nach der in a. angegebenen Weise auf ihre Reinheit zu

prüfen, ehe man die Zersetzung als gelungen betrachten darf. -- Diese

Methoden, welche früher häufig angewendet wurden, um die Alkalien in

Silicaten zu bestimmen, sind dadurch mehr verdrängt worden, dass die

Aufschliessung mittelst Fluorwasserstoffes durch die in [Greek: c].

beschriebene Methode Jedermann zugänglich geworden ist.

In der neuesten Zeit hat $Deville$[15] darauf aufmerksam gemacht,

dass das Verhältniss des kohlensauren Barytes, welcher gewöhnlich zum

Aufschliessen angewendet wird (4-6 Theile), viel grösser als nöthig sei.

Nach ihm schmilzt 1 Theil Orthoklas schon mit 0,8 Theilen kohlensauren

Barytes bei mässiger Glühhitze zu einer glasigen, durchsichtigen und

durch Säuren zersetzbaren Masse. Bei Anwendung grösserer Mengen von

kohlensaurem Baryt verflüchtige sich, durch entstandenen kaustischen

Baryt ausgetrieben, Kali in merklicher Menge.

[15] Ann. de Chim. et de phys. 3. Ser. 38. 5. Daraus Journ. f. prakt.

Chem. 60. 22

[Greek: e]. Nach $Deville$ (a. a. O.) zerlegt man die durch Säuren

unzersetzbaren Silicate durch Zusammenschmelzen mit kleinen Mengen (auf

1 Thl. Silicat 0,3 bis 0,8 Theile) kohlensaurem Kalk. Ich umgehe die

Einzelnheiten dieses Verfahrens, da es sich bei vorläufigen Versuchen,

die in meinem Laboratorium angestellt worden sind, noch nicht genügend

bewährt hat.

$Zweite Gruppe.$

$Chlorwasserstoffsäure, Bromwasserstoffsäure, Jodwasserstoffsäure,

Cyanwasserstoffsäure, Schwefelwasserstoffsäure.$

§. 112.

Anleitung zur quantitativen chemischen Analyse · 第 342 / 749 题