Straßburg. Auf dem Münster

=Goethe=: Wie herrlich dieser Blick ist. Studium und Genuß sind nie

besser verbunden als an einem solchen erhabenen Ort. Indem man Lust hat,

immer weiter mit dem Auge zu schweifen, wird die schöne weite Aussicht

immer lehrreicher. Dort der Fluß im breiten, wohlwollenden Land, wie er

schimmert. Wie eine Sage, wie eine alte, gute Wahrheit schlängelt er

sich durch die ausgedehnte Ebene. Dort hinten in der Ferne die Berge.

Man kann alles auf einmal sehen und sich doch nicht satt sehen. Unser

Auge ist eine seltsame Maschine. Es greift und läßt alles wieder fahren.

Da unten in den alten, lieben Gassen: wie sie treten, gehen und

tagewerken, die traumhaft befangenen Menschen. Man kann von hier oben

herab so recht sehen, wie wohltätig und wie rechtschaffen wir sind

ergriffen von der gesunden täglichen Gewohnheit. Ist nicht Ordnung immer

wieder das Schöne?

=Lenz=: In unsere deutsche Literatur muß der Sturm fahren, daß das alte,

morsche Haus in seinen Gebalken, Wänden und Gliedern zittert. Wenn die

Kerls doch einmal natürlich von der Leber weg reden wollten. Mein

»Hofmeister« soll sie in eine gelinde Angst jagen. Jagen, stürmen. Man

muß klettern. Man muß wagen. In der Natur ist es wie in Rauschen und

Flüstern von Blut. Blut muß sie in ihre aschgrauen, blassen, alten

Backen bekommen, die schöne Literatur. Was: schön. Schön ist nur das

Wogende, das Frische. Ah, ich wollte Hämmer nehmen und drauflos hämmern.

Der Funke, Goethe, der Funke. Die »Soldaten«, bilde ich mir ein, müssen

so etwas wie ein Blitz werden, daß es zündet.

=Goethe= (schaut ihn an, lächelt).

Aufsätze · 第 96 / 111 题