Ein Helles bitte! Der Biereingießer kennt mich schon seit geraumer Zeit.
Ich schaue das gefüllte Glas einen Moment an, nehme es mit zwei Fingern
an seinem Henkel und trage es nachlässig zu einem der runden Tische, die
mit Gabeln, Messern, Brötchen, Essig und Öl versehen sind. Ich stelle
das nässende Glas ordnungsgemäß auf den Filzuntersatz und überlege, ob
ich mir etwas zu essen holen soll, oder nicht. Der Eßgedanke treibt mich
zu dem blauweiß gestreiften Schnittwaren-Fräulein. Von dieser Dame lasse
ich mir eine Auswahl Belegtes auf einem Teller verabreichen, derart
bereichert trabe ich ordentlich träge an meinen Platz zurück. Ich
gebrauche weder Gabel noch Messer, nur das Senflöffelchen, mit dem ich
meine Schnitten braun anstreiche, worauf ich dieselben gemütvoll in den
Mund hineinschiebe, daß es die Seelenruhe selber ist, die mir jetzt
unter Umständen zuschauen darf. Bitte, noch ein Helles. Bei Aschinger
gewöhnt man sich rasch einen Eß- und Trink-Vertraulichkeitston an, man
spricht dort nach einiger Zeit fast nur noch wie Waßmann im deutschen
Theater. Mit dem zweiten oder dritten Glas Hellem in der Faust treibt's
einen dann gewöhnlich an, allerlei Beobachtungen zu machen. Man will
gern recht exakt notiert haben, wie die Berliner essen. Sie stehen
dabei, aber sie nehmen sich ganz nett Zeit dazu. Es ist ein Märchen, zu
glauben, in Berlin haste, zische oder trabe man nur. Man versteht hier
geradezu drollig, Zeit dahinfließen zu lassen, man ist eben auch Mensch.
Es ist eine innige Freude, zu sehen, wie hier nach Wurstbrötchen und
italienischen Salaten geangelt wird. Die Gelder werden meistens aus
Westentaschen hervorgezogen, es handelt sich ja doch beinahe regelmäßig
nur um einen Groschen. Jetzt habe ich mir eine Zigarette gedreht und
nehme am Selbstbrenner, der unter grünem Glas steckt, Feuer. Wie gut ich
dieses Glas kenne und die Messingkette zum Anziehen. Immer wimmelt es
ein und aus von eßlustigen und satten Menschen. Die Unbefriedigten
finden rasch an der Bierquelle und am warmen Wurstturm Befriedigung, und
die Satten springen wieder an die Geschäftsluft hinaus, gewöhnlich eine
Mappe unter dem Arm, einen Brief in der Tasche, einen Auftrag im Gehirn,
einen festen Plan im Schädel, eine Uhr in der offenen Hand, die sagt,
daß es jetzt Zeit ist. Im runden Turm in der Mitte des Gemaches thront
eine junge Königin, es ist die Beherrscherin der Würste und des
Kartoffelsalates, sie langweilt sich ein wenig in ihrer köcherlichen
Umgebung. Eine feine Dame tritt ein und spießt ein Kaviarbrötchen an
zwei Fingern auf, sofort mache ich mich ihr bemerkbar, aber so, als ob
mir das Bemerktwerden Wurst wäre. Ich habe inzwischen Zeit gefunden,
mich an einem neuen Hellen festzuhalten. Die feine Frau geniert sich ein
bischen, in die Kaviarherrlichkeit hineinzubeißen, ich bilde mir
natürlich sogleich ein, das sei ich und kein anderer, wegen dem sie
ihrer Zubeißesinne nicht so ganz völlig mächtig wäre. Man täuscht sich
so leicht und so gern. Draußen auf dem Platz ist ein Lärm, den man
eigentlich gar nicht hört, ein Durcheinander von Wagen, Menschen, Autos,
Zeitungsverkäufern, Elektrischen, Handwagen und Fahrrädern, das man
eigentlich auch gar nicht mal sieht. Es ist beinahe unpassend, zu
denken, man wolle das hören und sehen, man ist doch kein Zugereister.
Die elegant-geschweifte Taille, die soeben noch Brot geknuspert hat,
verläßt jetzt Aschinger. Wie lange habe eigentlich denn ich im Sinn,
dazubleiben? Die Bierburschen haben momentan ein wenig Ruhe, aber nicht
lange, denn es wälzt sich wieder von draußen herein und wirft sich
durstig an die sprudelnde Quelle. Menschen, die essen, betrachten
andere, die ebenfalls mit den Zähnen arbeiten. Wenn einer den Mund
gerade voll hat, so sehen zu gleicher Zeit seine Augen einen, der mit
Hereinschieben betätigt ist, an. Und die Leute lachen nicht einmal, auch
ich nicht. Seit ich in Berlin bin, habe ich mir abgewöhnt, das
Menschheitliche lächerlich zu finden. Übrigens lasse ich mir in diesem
Augenblick selber ein neues Eßzauberstück geben, es ist dies ein
Brotbrett mit einer schlafenden Sardine darauf, sie liegt auf einem
Butterlaken, dies gewährt einen so reizenden Anblick, daß ich das ganze
Schauspiel beinahe auf einen Ruck in den offenen Drehbühnen-Rachen
hinunterwerfe. Ist so etwas lächerlich? Keineswegs. Nun also. Was an mir
nicht lächerlich ist, kann es an den andern noch weniger sein, denn man
hat die Pflicht, andere unter allen Umständen höher zu achten, als sich
selber, eine Weltanschauung, die zu dem Ernst, mit dem ich jetzt an den
ruckweisen Untergang meines Sardinennachtlagers denke, prächtig paßt.
Einige von den Menschen, die mich umgeben, unterhalten sich essend. Die
Gewichtigkeit, mit der sie solches tun, ist ansprechend. Wenn man schon
dabei ist, etwas zu unternehmen, unternehme man es würdig und sachlich.
Würde und Selbstbewußtsein wirken behaglich, auf mich wenigstens, und
deshalb stehe ich so gern in irgendeinem von unsern Aschingerhäusern, wo
die Menschen zu gleicher Zeit trinken, essen, reden und denken. Wie
viele Geschäfte sind hier schon ersonnen worden. Und das Schönste ist:
man kann stundenlang am Fleck stehen, das verletzt niemanden, das findet
kein einziger von all denen, die kommen und gehen, auffällig. Wer hier
an der Bescheidenheit Geschmack findet, der kann auskommen, er kann
leben, es hindert ihn niemand. Wer keine gar so besondere Herzlichkeit
beansprucht, der darf ein Herz haben, man erlaubt ihm das.