=Tell= (tritt zwischen den Büschen hervor): Durch diese hohle Gasse,
glaube ich, muß er kommen. Wenn ich es recht überlege, führt kein andrer
Weg nach Küßnacht. Hier muß es sein. Es ist vielleicht ein Wahnsinn, zu
sagen: Hier muß es sein, aber die Tat, die ich vorhabe, bedarf des
Wahnsinns. Diese Armbrust ist bis jetzt nur auf Tiere gerichtet gewesen,
ich habe friedlich gelebt, ich habe gearbeitet, und wenn ich müde von
der Anstrengung des Tages gewesen bin, habe ich mich schlafen gelegt.
Wer hat ihm befohlen, mich zu stören, auf wessen Veranlassung hin hat er
mich drücken müssen? Seine böse Stellung im Land hat es ihm eingegeben.
(Er setzt sich auf einen Stein.) Tell läßt sich beleidigen, aber nicht
am Hals würgen. Er ist Herr, er darf meiner spotten, aber er hat mich an
Leib, Liebe und Gut angegriffen, er hat es zu weit getrieben. Heraus aus
dem Köcher! (Er nimmt einen Pfeil heraus.) Der Entschluß ist gefaßt, das
Schrecklichste ist getan, er ist schon erschossen durch den Gedanken.
Wie aber? Warum lege ich mich in den Hinterhalt? Wäre es nicht besser,
vor ihn hinzutreten und ihn vor den Augen seiner Knechte vom Pferd
herunterzuschlagen? Nein, ich will ihn als das ahnungslose Wild
betrachten, mich als den Jäger, das ist sicherer. (Er spannt den Bogen.)
Mit der friedlichen Welt ist es nun vorbei, ich habe auf das Haupt
meines Kindes zielen müssen, so ziele ich jetzt auf die Brust des
Wüterichs. Es ist mir, als hätte ich es bereits getan und könnte nach
Hause ziehen; was im Geist schon geschehen ist, tun die Hände hinterher
nur noch mechanisch, ich kann den Entschluß verzögern, aber nicht
brechen, das müßte Gott tun. Was höre ich. (Er horcht.) Kommt er schon?
Hat er es eilig? Ist er so ahnungslos? Das ist das Eigentümliche an
diesen Herren, daß sie ruhigen Herzens Jammervolles begehen können. (Er
zittert.) Wenn ich jetzt den Schuß verfehle, so muß ich hinabspringen
und das verfehlte Ziel zerreißen. Tell, nimm dich zusammen, die kleinste
Ungeschicklichkeit macht dich zum wilden Tier. (Hornruf hinter der
Szene.) Wie frech er durch die Länder, die er erniedrigt, blasen läßt.
Er meint, herrisch zu sein, aber er ist nur ohne Ahnung. Er ist so
sorglos wie ein tanzendes Kind. Hundertfacher Räuber und Mörder. Er
tötet, wenn er tänzelt. Ein Ungeheuer muß in der Ahnungslosigkeit
sterben. (Er macht sich zum Schuß bereit.) Jetzt bin ich ruhig. Ich
würde beten, wenn ich weniger ruhig wäre. Ruhige wie ich erledigen
Pflichten. (Der Landvogt mit Gefolge auf Pferden. Prachtvoller Auftritt.
Tell schießt.) Du kennst den Schützen. Frei ist das Land von dir. (Ab.)