VIERTER AKT

(Das gleiche Zimmer. Neun Uhr. Niemand ist da. Die Lampen sind

angezündet, aber die Vorhänge sind nicht zugezogen. Das Fenster steht

weit offen, und die Girlanden der Lampions leuchten an den Zweigen der

Bäume, darüber ein sternbesäter Himmel. Das Orchester im Garten

spielt Tanzmusik, die die Meeresbrandung übertönt.)

(Der Kellner tritt ein und führt McNaughtan und McComas in das Zimmer.

McNaughtan sieht ängstlich und gedrückt aus. Er setzt sich müde und

mutlos auf die Ottomane.)

(Der Kellner.) Die Damen sind in den Garten gegangen und sehen sich

die Masken an. Wenn Sie einstweilen gütigst Platz nehmen wollten--ich

werde sie rufen. (Er ist im Begriff, durch die Fenstertür in den

Garten zu gehen, als ihn McComas aufhält.)

(McComas.) Halt, einen Augenblick.--Wenn noch ein Herr kommt, führen

Sie ihn unverzüglich herein. Wir warten auf ihn.

(Der Kellner.) Zu Befehl. Darf ich um seinen Namen bitten?

(McComas.) Er heißt Boon. Frau Clandon kennt ihn nicht, er wird Ihnen

also vielleicht seine Karte geben. Wenn er es tut, so vergessen Sie

nicht, daß sein Name B. O. H. U. N.[*] geschrieben wird.

[Footnote *: Der Name Bohun wird Boon (spr. Bun) ausgesprochen. Es

ist ein hocharistokratischer Name, der auf die Abstammung von den

normannischen Eroberern hinweist, die im Jahre 1066 nach England

gekommen sind. Der Name Boon ist alltäglicher. McComas sagt dem

Kellner, daß er einen Herrn Bohun erwartet. Da fällt ihm ein, daß der

Herr dem Kellner wahrscheinlich seine Karte für Frau Clandon geben

wird, und da er annimmt, daß William nicht wissen dürfte, daß der Name

Bohun auf der Karte "Boon" bedeutet, so macht er ihn aufmerksam, wie

der Name buchstabiert wird. (Anm. des Übers.)]

(Der Kellner lächelnd:) Da können Sie sich vollkommen auf mich

verlassen, gnädiger Herr. Ich heiße selbst Boon, obgleich ich hier

fast nur unter dem Namen Balmy Walters bekannt bin. Eigentlich sollte

ich auch ein H. U. einfügen; aber es ist besser, wenn ich mir diese

Freiheit nicht herausnehme. Meine Name würde dann auf Normannenblut

hindeuten, gnädiger Herr--und Normannenblut ist keine Empfehlung für

einen Kellner.

(McComas.) Gut, gut. "Treue Herzen sind mehr wert als Adelskronen,

und schlichte Ehrlichkeit mehr als Normannenblut."[*]

(Der Kellner.) Das hängt zum großen Teil von der Stellung ab, die man

im Leben einnimmt. Wenn Sie Kellner wären, würden Sie bald finden,

daß Ehrlichkeit und Treue Ihnen ebensowenig helfen können wie

Normannenblut. Ich finde es am zweckmäßigsten, wenn ich meinen Namen

B. OO. N. schreibe und meinen Verstand möglichst zusammennehme.--Aber

ich halte Sie auf; verzeihen Sie mir--Ihre Leutseligkeit ist selbst

schuld daran. Ich werde den Damen sagen, daß Sie hier sind, gnädiger

Herr. (Er geht durch die Fenstertür in des Garten hinaus.)

(McComas.) McNaughtan, ich kann mich auf Sie verlassen, nicht wahr?

(McNaughtan.) Ja, ja; ich werde ruhig bleiben; ich werde geduldig sein;

ich werde mein Möglichstes tun.

(McComas.) Bedenken Sie, ich habe Sie nicht preisgegeben. Ich habe

Ihrer Familie gesagt, daß sie ganz allein Schuld an allem trüge.

(McNaughtan.) Mir haben Sie gesagt, daß ich einzig und allein der

Schuldige wäre.

(McComas.) Ihnen habe ich die Wahrheit gesagt.

(McNaughtan klagend:) Wenn die Kinder nur gerecht gegen mich sein

werden!

(McComas.) Mein lieber McNaughtan, sie werden nicht gerecht gegen Sie

sein--in ihrem Alter ist das von ihnen gar nicht zu verlangen. Wenn

Sie fortfahren, solche unmögliche Bedingungen zu stellen, dann können

wir nur ebensogut gleich wieder nach Hause gehen.

(McNaughtan.) Aber ich habe doch sicher das Recht--

[Footnote *: Ein Zitat aus Tennysons "Lady Clara Vere de Vere."]

(McComas ungeduldig:) Sie werden Ihr Recht nicht durchsetzen.--Jetzt

frage ich Sie aber ein für allemal, McNaughtan: sollte Ihr Versprechen,

sich gut zu benehmen, nur bedeuten, daß Sie nicht ohne Anlaß

aufbrausen würden? In diesem Falle... (Er bewegt sich, als ob er

geben wolle.)

(McNaughtan jämmerlich:) Nein nein, lassen Sie mich doch! Ich bin

genug herumgestoßen und gequält worden--ich verspreche Ihnen, mein

Möglichstes zu tun. Aber wenn dieses Mädchen sich wieder erlauben

wird, mit mir so zu sprechen und mich so anzusehen--(Er bricht ab und

vergräbt den Kopf in die Hände.)

(McComas beschwichtigend:) Na na, es wird schon alles gut werden, wenn

Sie nur dulden und sich gedulden wollen. Nehmen Sie sich zusammen, es

kommt jemand.

(McNaughtan ist zu sehr entmutigt und niedergeschlagen, sich viel

daraus zu machen, er verändert seine Stellung kaum.)

(Gloria kommt aus dem Garten. McComas geht ihr bis an die Fenstertür

entgegen, so daß er zu ihr sprechen kann, ohne von McNaughtan gehört

zu werden.)

(McComas.) Hier ist Ihr Vater, Fräulein Clandon. Seien Sie gut zu ihm.

Ich will Sie einen Augenblick mit ihm allein lassen. (Er geht in

den Garten.)

(Gloria tritt ein und geht kühl bis in die Mitte des Zimmers.)

(McNaughtan blickt sich betroffen um:) Wo ist McComas?

(Gloria gleichgültig, aber nicht unliebenswürdig:) Hinausgegangen, um

uns allein zu lassen. Wahrscheinlich aus Zartgefühl. (Sie bleibt

neben ihm stehen und siebt ihn sonderbar an:) Nun, Vater?

(McNaughtan eine Art Galgenhumor durchbricht seine Hilflosigkeit:) Nun,

Tochter? (Sie betrachten einander einen Augenblick mit

melancholischem Humor.

(Gloria.) Reichen wir uns die Hände. (Sie reichen einander die Hände.)

(McNaughtan ihre Hand haltend:) Mein liebes Kind, ich habe mich heute

nachmittag leider zu sehr ungehörigen Worten über deine Mutter

hinreißen lassen.

(Gloria.) O bitte, entschuldigen Sie sich nicht. Ich bin heute selbst

sehr hochmütig und eingebildet gewesen; ich bin seitdem zur Vernunft

gekommen--o ja, ich bin zur Vernunft gebracht worden! (Sie setzt sich

neben seinen Stuhl auf den Boden.)

(McNaughtan.) Was ist dir zugestoßen, mein Kind?

(Gloria.) O sprechen wir nicht davon! Ich habe mich als die Tochter

meiner Mutter aufgespielt, aber das bin ich nicht. Ich bin die

Tochter meines Vaters. (Sieht ihn an; scherzend:) Das ist ein tiefer

Sturz--nicht wahr?

(McNaughtan ärgerlich:) Was! (Sie behält ihren wunderlichen Ausdruck

bei. Er streckt die Waffen:) Nun ja, liebes Kind, ich nehme an, daß

du recht hast... es wird wohl so sein. (Sie nickt liebenswürdig.) Ich

fürchte, ich bin manchmal etwas reizbar, aber ich weiß immer, was

recht und billig ist, selbst wenn ich nicht danach handle... Kannst

du das glauben?

(Gloria.) Das glauben?... Das ist doch ganz mein Fall--auf ein Haar!

Ich weiß auch stets, was recht ist und meiner würdig und stark und

edel--genau so gut, wie sie es weiß. Aber, ach! ich tue Dinge... und

ich gestatte anderen Leuten, Dinge zu tun--!

(McNaughtan etwas mürrisch, gegen seinen Willen:) "So gut, wie sie es

weiß"... du meinst deine Mutter!...

(Gloria rasch:) Ja, meine Mutter. (Sie wendet sich auf den Knien zu

ihm hin und ergreift seine Hände.) Nun hören Sie mich an: keinen

Verrat an ihr--kein Wort--keinen Gedanken gegen sie! Sie steht über

uns--über Ihnen und mir--himmelhoch über uns!--Sind Sie damit

einverstanden?

(McNaughtan.) Ja ja, ganz wie du willst, mein liebes Kind.

(Gloria ist nicht befriedigt, läßt seine Hände los und zieht sich von

ihm zurück:) Sie mögen sie nicht?

(McNaughtan.) Mein Kind, du bist nicht mit ihr verheiratet

gewesen--aber ich! (Sie steht langsam auf und betrachtet ihn mit

wachsender Kälte.) Sie hat mir ein großes Unrecht zugefügt, indem sie

mich heiratete, ohne mich wirklich zu lieben.--Aber nachher war alles

Unrecht auf meiner Seite, das glaube ich selbst. (Er reicht ihr

wieder die Hand.)

(Gloria ergreift sie; fest und warnend:) Nehmen Sie sich in acht--das

ist ein gefährliches Thema. Mit meinen Gefühlen, meinen elenden,

feigen, weiblichen Gefühlen--kann ich auf Ihrer Seite stehen; aber mit

meinem Gewissen stehe ich auf der Seite meiner Mutter.

(McNaughtan.) Ich bin mit dieser Teilung sehr zufrieden, liebes Kind.

Ich danke dir.

(Dr. Valentine tritt ein, Gloria wird sofort vorsätzlich hochmütig.)

(Dr. Valentine.) Entschuldigen Sie, aber es ist mir nicht gelungen,

einen Diener zu finden, mich anzumelden. Selbst der unfehlbare

William scheint auf dem Maskenball zu sein. Ich wäre auch gern

hingegangen, mir fehlen aber die fünf Schillinge für eine

Eintrittskarte.--Wie geht es Ihnen, McNaughtan? Besser--was?

(McNaughtan.) Ja, ich bin wieder Herr meiner Sinne, Doktor, ohne Ihnen

dafür Dank schuldig zu sein.

(Dr. Valentine.) Was sagen Sie zu Ihrem undankbaren Vater, Fräulein

Clandon? Ich habe ihn von einem qualvollen Schmerz befreit, und er

beschimpft mich dafür.

(Gloria kalt:) Ich bedaure, daß meine Mutter nicht da ist, Sie zu

empfangen; es fehlen noch ein paar Minuten an neun, und der Herr, von

dem Herr McComas sprach, der Rechtsanwalt, ist noch nicht gekommen.

(Dr. Valentine.) Doch, doch--ich bin ihm begegnet und habe ihn

gesprochen. (Mit lustiger Bosheit:) Der wird Ihnen gefallen, Fräulein

Clandon--er ist der Verstand in Person; man kann sein Gehirn förmlich

arbeiten hören.

(Gloria ignoriert die Stichelei:) Wo ist er?

(Dr. Valentine.) Er hat sich eine falsche Nase besorgt und ist auf den

Maskenball gegangen.

(McNaughtan knurrig, sieht auf seine Uhr:) Es scheint, daß alle auf

diesen Maskenball gegangen sind, statt die festgesetzte Stunde unserer

Zusammenkunft einzuhalten.

(Dr. Valentine.) Oh, er wird pünktlich erscheinen--ich traf ihn schon

vor einer halben Stunde. Ich mochte ihn nicht um fünf Schillinge

anpumpen und ihn begleiten, deshalb schloß ich mich dem Volke an und

habe vor dem Gitter so lange zugesehen, bis Fräulein Clandon durch

diese Glastür ins Hotel getreten war.

(Gloria.) So weit ist es also gekommen: Sie folgen mir öffentlich, um

mich anzustarren?

(Dr. Valentine.) Ja. Man sollte mich anketten. (Gloria wendet ihm

den Rücken zu und geht an den Kamin. Er begegnet dieser

verachtungsvollen Behandlung mit Gleichgültigkeit und begibt sich auf

die entgegengesetzte Seite des Zimmers.)

(Der Kellner erscheint an der Fenstertür und führt Frau Clandon und

McComas herein.)

(Frau Clandon hereineilend:) Ich bedaure unendlich, daß ich Sie alle

habe warten lassen!

(Ein majestätischer Fremder, dem ein Domino, eine falsche Nase und

eine Schielbrille ein groteskes Aussehen verleihen, erscheint in der

Glastür.)

(Der Kellner zu dem Fremden:) Verzeihen Sie, Herr--aber das ist eine

Privatwohnung. Wenn Sie erlauben, will ich Ihnen die American-Bar und

die Speisesäle zeigen. Hier, wenn ich bitten darf!

(Er tritt in den Garten zurück und zeigt den Weg in der Überzeugung,

daß der Fremde ihm folgen werde. Der Riese geht jedoch direkt bis an

das Ende des Tisches vor, wo er mit ausdrucksvoller Gemächlichkeit

zuerst die falsche Nase und dann den Domino ablegt, die Nase in diesen

einrollt und das Bündel auf den Tisch wirft, etwa wie ein Preisboxer

seinen Handschuh fortschleudert. Man erkennt jetzt einen starken

großen Mann, zwischen Vierzig und Fünfzig. Er ist glattrasiert und

von einer Blässe, die durch nächtliches Studium verursacht ist und die

durch das steife schwarze Haar, das kurzgeschoren und geölt ist, noch

verstärkt wird. Seine Augenbrauen gleichen den Roßhaarmöbeln des

früheren Viktorianischen Zeitalters. Er ist ein physisch und geistig

grobkörniger, schlauer und mit allen Hunden gehetzter Mensch. Sein

Auftreten ist recht imponierend und beunruhigend. Wenn er spricht, so

erhöht seine mächtige, drohende Stimme, seine eindrucksvolle Redeweise,

seine kräftige unerbittliche Manier und die unterjochende Macht

seiner äußerst kritischen Art zuzuhören noch den Eindruck, den er

hervorruft, bis zum Furchterregenden.)

(Der Fremde.) Mein Name ist Bohun. (Allgemeine Ehrfurcht.) Habe ich

die Ehre, mit Frau Clandon zu sprechen? (Frau Clandon verbeugt sich,

Bohun verbeugt sich.) Fräulein Clandon? (Gloria verbeugt sich, Bohun

verbeugt sich.) Herr Clandon?

(McNaughtan besteht so ärgerlich, als er es nur immer wagt, auf seinem

wahren Namen:) Ich heiße McNaughtan!

(Bohun.) O wirklich? (Ohne weiter von ihm Notiz zu nehmen, wendet er

sich zu Dr. Valentine:) Sind Sie Herr Clandon?

(Dr. Valentine, der sich etwas darauf zugute tut, sich nicht

imponieren zu lassen:) Sehe ich danach aus?--Ich heiße Valentine. Ich

bin der, der ihn betäubt hat.

(Bohun.) Ach so. Dann ist Herr Clandon noch nicht anwesend?

(Der Kellner kommt ängstlich durch die Fenstertür herein:) Verzeihen

Sie, gnädige Frau, aber können Sie mir vielleicht sagen, was aus

diesem--(Er erkennt Bohun und verliert seine ganze Selbstbeherrschung.

Bohun wartet unbeweglich, bis sich der Kellner wieder gefaßt hat.

Nachdem er eine rührende Verwirrung nur Schau getragen hat, rafft er

sich soweit auf, Bohun mit schwacher, aber zusammenhängender Stimme

anzusprechen:) Entschuldige... warst... warst du das?

(Bohun ohne Gewissensbisse:) Ich war es.

(Der Kellner gebrochen:) Ja. (Unfähig seine Tränen zurückzuhalten:)

*Du* mit einer falschen Nase, Walter! (Er sinkt fast ohnmächtig vor

dem Tisch in einen Stuhl.) Verzeihen Sie, gnädige Frau--ein kleiner

Schwindelanfall.

(Bohun befehlend:) Sie werden ihm verzeihen, Frau Clandon, wenn ich

Ihnen sage, daß er mein Vater ist.

(Der Kellner mit gebrochenem Herzen:) O nein, nein, Walter--dein Vater

ein Kellner... und dazu noch die falsche Nase... was werden sie von

dir denken!

(Frau Clandon geht zu William hin; dann in der liebenswürdigsten Weise:

) Ich bin entzückt, das zu hören, Herr Justizrat. Ihr Vater ist uns

während der ganzen Zeit unseres Hierseins ein sehr guter Freund

gewesen. (Bohun verneigt sich ernst.)

(Der Kellner den Kopf schüttelnd:) O nein, gnädige Frau! Sie sind zu

gütig--sehr vornehm und gnädig, wahrhaftig! Aber ich fühle mich sehr

verlegen, sobald ich nicht in meinem eigenen Tun und Lassen bin...

Entschuldigen Sie, daß ich der Vater dieses Herrn bin. Es ist doch

schließlich nur der Zufall der Geburt--nicht wahr, gnädige Frau? (Er

erhebt sich, schwach:) Bitte, verzeihen Sie, daß ich Sie gestört habe.

(Mit nach der Tür gerichteten Augen schleicht er von Stuhl zu Stuhl

am Tisch entlang.)

(Bohun.) Einen Augenblick! (Der Kellner hält inne, sein Mut sinkt.)

Nicht wahr, Frau Clandon, mein Vater war Zeuge dessen, was sich heute

zugetragen hat?

(Frau Clandon.) Ich glaube, ja, größtenteils.

(Bohun.) Dann werden wir ihn brauchen.

(Der Kellner bittend:) Ich hoffe, es wird nicht nötig sein. Ich habe

heute abend infolge des Maskenballes sehr viel zu tun--wirklich sehr

viel zu tun!

(Bohun unerschütterlich:) Wir werden dich brauchen!

(Frau Clandon höflich:) Bitte, nehmen Sie Platz.

(Der Kellner ernst:) Oh--bitte, bitte, gnädige Frau! Ich darf mich

nicht setzen, ich muß eine Grenze ziehen; ich dürfte nicht gesehen

werden, wenn ich so etwas täte, gnädige Frau. Ich danke Ihnen

trotzdem. (Er blickt mit einem verstörten Gesicht, das ein Herz von

Stein rühren müßte, alle Anwesenden der Reibe nach an.)

(Gloria.) Verlieren wir unsere Zeit nicht. William wünscht nur, uns

weiter gut bedienen zu dürfen. Ich hätte gern eine Tasse Kaffee.

(Der Kellner wird sichtlich heiterer:) Kaffee, gnädiges Fräulein? (Er

stößt einen kleinen Seufzer der Hoffnung aus.) Zu Befehl, gnädiges

Fräulein. Das ist sehr zeitgemäß und richtig. (Zu Frau Clandon,

furchtsam, aber erwartungsvoll:) Womit kann ich Ihnen dienen, gnädige

Frau?

(Frau Clandon.) O ja--es ist hier sehr heiß. Ich glaube, wir könnten

eine Rotweinbowle trinken.

(Der Kellner strahlend:) Rotweinbowle, gnädige Frau? Gewiß, gnädige

Frau!

(Gloria.) Oh, dann will ich auch lieber Rotweinbowle statt Kaffee.

Geben Sie etwas Gurke hinein.

(Der Kellner entzückt:) Gurke, gnädiges Fräulein--ja! (Zu Bohun:)

Haben Sie einen besonderen Wunsch, Herr? Sie mögen keine Gurke.

(Bohun.) Wenn Frau Clandon mir gestattet, so nehme ich einen

schottischen Whisky mit Soda.

(Der Kellner.) Sehr wohl! (Zu McNaughtan:) Irischen Whisky für

Sie--nicht wahr, Herr McNaughtan? (McNaughtan stimmt mit einem

Grunzen zu. Der Kellner sieht Dr. Valentine fragend an.)

(Dr. Valentine.) Ich mag gern Weinbowle mit Gurke.

(Der Kellner.) Zu Befehl. (Zusammenzählend:) Weinbowle--einen

schottigen Whisky mit Soda--und einen irischen.

(Frau Clandon.) Ich glaube, das ist alles.

(Der Kellner wieder er selbst:) Zu Befehl, gnädige Frau--sofort! (Er

tummelt sich durch die Fenstertür hinaus und hat die ganze

Stufenleiter der menschlichen Glückseligkeit in wenig mehr als zwei

Minuten durchlebt.)

(McComas.) Ich glaube, jetzt können wir anfangen.

(Bohun.) Es wäre besser, wir warteten noch auf Frau Clandons Mann!

(McNaughtan.) Wen meinen Sie? Ich bin ihr Mann!

(Bohun schlägt sofort seine Krallen in den Widerspruch, zwischen

dieser und der früheren Behauptung:) Sie haben doch eben behauptet,

daß Sie McNaughtan heißen!

(McNaughtan.) So heiße ich auch.

/*

(Frau Clandon) ) (alle vier) ( Ich--

(Gloria) ) (sprechen) ( Meine--

(McComas) ) (gleichzeitig:) ( Frau--

(Dr. Valentine)) ( Sie--

*/

(Bohun bringt mit zwei Donnerworten alle zum Schweigen:) Einen

Augenblick! (Tödliches Schweigen.) Bitte, erlauben Sie mir. Setzen

Sie sich alle! (Sie gehorchen demütig. Gloria nimmt den

Satteltaschenstubl vom Kamin. Dr. Valentine schleicht nach der dem

Fenster gegenüberstehenden Ottomane, von der aus er Gloria sehen kann.

McNaughtan setzt sich mit dem Rücken gegen Dr. Valentine auch auf die

Ottomane. Frau Clandon, die sich die ganze Zeit möglichst auf der

entgegengesetzten Seite des Zimmers zu schaffen gemacht hat, um

McNaughtan auszuweichen, setzt sich in die Nähe der Tür. Links von

ihr sitzt McComas. Bohun setzt sich wie ein Richter an die Ecke des

Tisches auf der selben Seite wie Frau Clandon. Als sie alle sitzen,

fixiert er McNaughtan und beginnt:) Wie es scheint, heißt in dieser

Familie der Vater McNaughtan und die Mutter Clandon--wir haben also

schon auf der Schwelle unseres Falles ein Element der Verwirrung.

(Dr. Valentine steht auf und spricht zu ihm hinüber, mit einem Knie

auf der Ottomane:) Aber das ist doch furchtbar einfach--

(Bohun vernichtet ihn mit seiner Donnerstimme:) Jawohl! Frau Clandon

hat einen anderen Namen angenommen--das ist die einleuchtende

Erklärung, die selbst herauszufinden Sie mir nicht zutrauen. Sie

unterschätzen meinen Verstand, Herr Doktor Valentine!

(Dr. Valentine will protestieren, aber Bobun läßt ihn nicht zu Worte

kommen.) Nein: ich will nicht, daß Sie darauf antworten; ich will, daß

Sie nachdenken, wenn Sie wieder glauben, mich unterbrechen zu müssen.

(Dr. Valentine niedergedrückt:) Das heißt wirklich, einen

Schmetterling aufs Rad flechten! Was ist denn da weiter dabei?

(Ersetzt sich wieder.)

(Bohun.) Ich will Ihnen sagen, was dabei ist! Es ist dabei, daß--wenn

diese Familienzwistigkeit ausgeglichen werden soll, wie wir es alle

hoffen--Frau Clandon den Namen ihres Mannes wieder wird annehmen

müssen, wie es sich gehört und gesellschaftlich üblich ist.

(Frau Clandons Gesicht nimmt den Ausdruck äußerst entschlossenen

Widerstandes an.) Oder Herr McNaughtan wird sich ent-* schließen

müssen, sich "Clandon" zu nennen. (McNaughtan sieht fest entschlossen

drein, nichts dergleichen zu tun.) Sie halten das zweifellos für eine

ganz einfache Angelegenheit, Herr Doktor. (Er sieht erst Frau Clandon

und dann McNaughtan scharf an.) Ich bin anderer Ansicht! (Er wirft

sich in seinen Stuhl zurück und runzelt heftig die Stirn.)

(McComas furchtsam:) Ich glaube, wir sollten vielleicht lieber erst

damit anfangen, die wichtigsten Fragen zur Sprache zu bringen.

(Bohun.) McComas, die wichtigsten Fragen werden uns keinerlei

Schwierigkeiten machen--das tun sie niemals. Die Kleinigkeiten sind

es, die den Schiffbruch noch im Hafen verursachen. (McComas sieht

drein, als ob er dies für ein Paradoxon hielte.) Sie sind nicht meiner

Ansicht--was?

(McComas schmeichelnd:) Wenn ich es wäre--

(Bohun ihn unterbrechend:) Wenn Sie es wären, so würden Sie sein, was

ich bin, anstatt das zu sein, was Sie sind.

(McComas unterwürfig:) Gewiß, lieber Justizrat, Ihre Spezialität--

(Bohun unterbricht ihn wieder:) Meine Spezialität ist es, recht zu

haben, wenn andere Leute unrecht haben. Wenn Sie meiner Ansicht wären,

dann würde ich hier unnütz sein. (Er nickt ihm zu, wie um die Sache

abzufertigen, und wendet sich dann plötzlich und heftig an McNaughtan:

) Nun, und Sie, Herr McNaughtan? Welcher Punkt dieser Angelegenheit

liegt Ihnen am meisten am Herzen?

(McNaughtan beginnt langsam:) Ich möchte in dieser Sache allen

Egoismus beiseite lassen--

(Bohun unterbricht ihn:) Das tun wir alle, Herr McNaughtan. (Zu Frau

Clandon:) Sie wollen doch auch allen Egoismus beiseite lassen, Frau

Clandon?

(Frau Clandon.) Ja. Schon mein Hiersein zeigt, daß ich mich nicht an

meine eigenen Gefüllte kehre.

(Bohun.) Das tun Sie wohl ebensowenig, Fräulein Clandon--nicht wahr?

(Gloria.) Gewiß nicht.

(Bohun.) Ich dacht' es mir. Das tun wir alle nicht.

(Dr. Valentine.) Mich ausgenommen. Meine Absichten sind egoistisch.

(Bohun.) Das sagen Sie, weil Sie glauben, daß eine Pose der

Aufrichtigkeit auf Fräulein Clandon einen besseren Eindruck machen

wird, als eine Pose der Interesselosigkeit. (Dr. Valentine ist durch

diese treffende Bemerkung vollkommen entdeckt und vernichtet. Er

nimmt seine Zuflucht zu einem schwachen, wortlosen Lächeln. Bobun,

zufrieden, jetzt alle Auflehnung vollständig unterjocht zu haben,

wirft sich mit einer Miene in seinen Stuhl zurück, als wäre er nun

bereit, alle Wünsche der Parteien geduldig anzuhören.) Nun, Herr

McNaughtan, beginnen Sie. Es ist abgemacht: aller Egoismus wird

beiseite gelassen! Die Menschen beginnen immer damit, das

vorauszuschicken.

(McNaughtan.) Aber ich meine es wirklich so, Herr Justizrat.

(Bohun..) Gewiß. Jetzt zu Ihrer Sache!

(McNaughtan.) Es handelt sich um die Kinder. Jeder vernünftige Mensch

wird zugeben, daß das selbstlos ist.

(Bohun.) Nun, was ist's mit den Kindern?

(McNaughtan mit Ergriffenheit:) Sie haben--

(Bohun fällt wieder über ihn her:) Halt! Sie sind im Begriff, von

Ihren Gefühlen zu sprechen--tun Sie das nicht! Ich sympathisiere mit

Ihren Gefühlen, aber sie haben nichts mit meinem Geschäft zu tun.

--Sagen Sie uns genau, was Sie verlangen. Das ist es, was wir wissen

müssen.

(McNaughtan unbehaglich:) Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten,

Herr Justizrat.

(Bohun.) Gut, ich will Ihnen helfen. Was haben Sie gegen die

gegenwärtige Lage Ihrer Kinder einzuwenden?

(McNaughtan.) Ich verwahre mich gegen die Erziehung, die sie genossen

haben! (Frau Clandons Stirn legt sich in bedrohliche Falten.)

(Bohun.) Und was schlagen Sie vor--das geschehen soll, um das jetzt zu

ändern?

(McNaughtan.) Ich meine, daß sie sich ruhiger, einfacher kleiden

sollten.

(Dr. Valentine.) Unsinn!

(Bohun wirft sich, durch diese Unterbrechung empört, sofort in seinen

Stuhl zurück:) Ich warte. Wenn Sie fertig sind... Herr Doktor. Wenn

Sie ganz fertig sind!

(Dr. Valentine.) Was haben Sie gegen Fräulein Clandons Kleidung

einzuwenden?

(McNaughtan hitzig zu Dr. Valentine:) Meine Ansicht ist ebenso wichtig

wie die Ihre!

(Gloria warnend:) Vater!

(McNaughtan gibt kläglich nach:) Dich hab' ich ja nicht gemeint, meine

Liebe! (Er wendet sich mit ernster Dringlichkeit zu Bohun:) Aber die

beiden jüngeren Geschwister! Sie haben sie nicht gesehen, Herr

Justizrat... wahrhaftig, ich bin überzeugt, Sie wären auch der Ansicht,

daß in der Art, wie die sich kleiden, etwas sehr Auffallendes,

beinahe Herausforderndes und Frivoles liegt.

(Frau Clandon ungeduldig:) Glaubst du, daß ich ihnen ihre Kleider

aussuche? Das ist wirklich kindisch!

(McNaughtan erhebt sich wütend:) Kindisch!...

(Frau Clandon steht entrüstet auf.)

/*

(McComas) ) (McNaughtan, Sie

) (alle erbeben sich (haben versprochen--

(Dr. Valentine) ) und sprechen (Lächerlich, sie

) gleichzeitig:) (kleiden sich reizend!

(Gloria) ) (Bitte, wollen wir uns

(nicht vernünftig

(benehmen?

*/

(Lärm. Plötzlich hören sie ein warnendes Gläserklirren aus dem hinter

ihnen gelegenen Zimmer. Sie wenden sich schuldbewußt um und sehen,

daß der Kellner eben aus dem Gartenschank zurückgekehrt ist und sein

Servierbrett erklingen läßt. Während er damit behutsam an den Tisch

kommt, wird es totenstill.)

(Der Kellner zu McNaughtan, ein hohes Glas beiseite auf den Tisch

stellend:) Ihr irischer Whisky, gnädiger Herr. (McNaughtan setzt sich

ein wenig beschämt. Der Kellner stellt einen anderen Kelch und ein

Siphon auf den Tisch beiseite und sagt zu Bohun:) Schottischer Whisky

mit Soda für den Herrn Rechtsanwalt. (Bohun winkt ungeduldig mit der

Hand. Der Kellner setzt eine große Bowle in die Mitte des Tisches.)

Die Weinbowle.

(Alle nehmen ihre Plätze wieder ein. Es herrscht Frieden.)

(Frau Clandon demütig zu Bohun:) Ich fürchte, wir haben Sie

unterbrochen, Herr Justizrat.

(Bohun ruhig:) Das haben Sie. (Zum Kellner, der binausgeht:) Warten

Sie einen Augenblick.

(Der Kellner.) Gern. Womit kann ich dienen? (Er stellt sich hinter

Bohuns Stuhl.)

(Frau Clandon zum Kellner:) Entschuldigen Sie, daß wir Sie aufhalten.

Der Herr Justizrat wünscht es.

(Der Kellner, der sich jetzt ganz wohl fühlt:) Aber, gnädige

Frau--durchaus nicht, es ist mir ein Vergnügen, der Gedankenarbeit

seines geübten und mächtigen Geistes folgen zu dürfen--das ist sehr

anregend, sehr unterhaltend und lehrreich--wahrhaftig, gnädige Frau!

(Bohun nimmt den Gang der Ferhandlung wieder auf:) Nun, Herr

McNaughtan, wir warten auf Sie! Ziehen Sie Ihren Einwand gegen die

Kleidung Ihrer Kinder zurück oder beharren Sie dabei?

(McNaughtan erörternd:) Herr Justizrat, versetzen Sie sich einen

Augenblick in meine Lage: ich habe nicht nur an mich allein zu

denken--da ist meine Schwester Sophronia und mein Schwager--und ihr

ganzer Kreis. Sie haben einen großen Abscheu vor allem, was nur

irgendwie--nur irgendwie--nun...

(Bohun.) Na, heraus damit!... Ausgelassen?--laut? bunt?

(McNaughtan.) Ja. Ich meine das natürlich in keinem ruchlosen

Sinne--aber--aber (verzweifelt damit herausplatzend:) die beiden

Kinder würden meine Leute durch ihr Auftreten abstoßen! Sie passen

nicht zu ihren eigenen Verwandten. Das ist es, worüber ich mich

beklage!

(Frau Clandon mit unterdrücktem Zorn:) Herr Dr. Valentine, haben Sie

irgend etwas Ausgelassenes oder Vorlautes an Phil und Dolly bemerkt?

(Dr. Valentine.) Ganz gewiß nicht! Das ist der reinste Unsinn.

Nichts kann geschmackvoller sein.

(McNaughtan.) Ja, Sie finden das natürlich geschmackvoll!

(Frau Clandon.) William, Sie sehen eine Menge Menschen aus der guten

englischen Gesellschaft: sind meine Kinder auffallend und überladen

gekleidet?

(Der Kellner versichernd:) O durchaus nicht, gnädige Frau!

(Überzeugend:) O nein, gnädiger Herr, durchaus nicht! Hübsch und

geschmackvoll, ohne Zweifel--aber dabei sehr gewählt und nobel--sehr

fein und hochklassig! Wahrhaftig, es könnten Sohn und Tochter eines

Dechanten sein, gnädiger Herr. Man braucht sie nur anzusehen, nur

zu--(In diesem Augenblick wirbeln ein Harlekin und eine Kolombine ins

Zimmer, die zu der Musik im Garten, die eben den Schluß eines Walzers

spielt, tanzen. Das Kleid des Harlekin besteht aus abwechselnden

Vierecken (I Zoll im Quadrat) von türkisblauer und goldfarbener Seide,

seine Pritsche ist vergoldet und seine Maske aufgeschlagen. Der Rock

der Kolombine gleicht einem Feld im Herbst, orangegolden und

mohnblumenrot; eine winzige Samtjacke stellt die Staubfäden der

Mohnblume vor.--Sie schwirren zwischen McComas und Bohun herein, ein

erlesenes, blendendes Paar, und dann zurück in einem Kreis bis an das

Ende des Tisches hin, wo sie, da der letzte Walzertakt eben verklingt,

in der Mitte der Gesellschaft ein lebendes Bild stellen: Harlekin

beugt sein linkes Knie und Kolombine steht auf seinem rechten Knie mit

über den Kopf gebogenen Armen. Im Gegensatz zu ihrem Tanz, der

reizend graziös war, ist diese Pose keine sehr glückliche und droht

mit einer Katastrophe zu enden.)

(Die Kolombine schreiend:) Hebt mich herunter! Ich werde gleich

fallen! Papa, heben Sie mich herunter!

(McNaughtan läuft ängstlich zu ihr hin und ergreift sie an den Händen:

) Mein Kind!

(Dolly springt mit seiner Hilfe herunter:) Danke schön, das war lieb

von Ihnen. (Philip schiebt seine Pritsche in seinen Gürtel, setzt

sich auf den Rand des Tisches und schenkt etwas Weinbowle ein.)

(McNaughtan geht sehr verblüfft an die Ottomane zurück.) Oh, war das

lustig! O Gott! (Sie setzt sich mit einem Satz auf die Tischkante;

keuchend:) Oh, Weinbowle! (Sie trinkt.)

(Bohun mit mächtiger Stimme:) Das ist die jüngere Dame, nicht wahr?

(Dolly gleitet vom Tische herunter; geängstigt von Bohuns mächtiger

Stimme und seinem Benehmen:) Ja. Bitte, wer sind Sie?

(Frau Clandon.) Das ist Herr Justizrat Bohun, Dolly. Er war so

freundlich, heute abend zu uns zu kommen, um uns zu helfen.

(Dolly.) Oh, dann wollen wir seinen Eintritt segnen--

(Philip.) Sch!

(McNaughtan.) Herr Justizrat--McComas! ich wende mich an euch! Ist

das in Ordnung? Würden Sie die Familie meiner Schwester tadeln, wenn

sie sich dagegen verwahrte?

(Dolly errötet; drohend:) Fangen Sie also schon wieder an?

(McNaughtan versöhnlich:) Nein, nein--es ist in deinem Alter

vielleicht selbstverständlich.

(Dolly hartnäckig:) Lassen Sie mein Alter aus dem Spiel!--Ob mein

Kleid hübsch ist, will ich wissen!

(McNaughtan.) Ja, liebes Kind--ja--(Er setzt sich mit Zeichen der

Unterwerfung.)

(Dolly nachdrücklich:) Gefällt es Ihnen?

(McNaughtan.) Mein Kind, wie kannst du nur glauben, daß mir das

gefällt oder daß ich damit einverstanden bin?

(Dolly entschlossen ihn nicht auszulassen:) Wie können Sie es hübsch

finden und es dann nicht leiden mögen?

(McComas erhebt sich ärgerlich und entrüstet:) Wahrhaftig, ich muß

sagen--

(Bohun, der Dolly mit der größten Zustimmung angehört hat, macht sich

sofort über ihn her:) Still, unterbrechen Sie nicht, McComas! Die

Methode der jungen Dame ist vollkommen richtig! (Zu Dolly mit

furchtbarem Nachdruck:) Fahren Sie fort zu fragen, Fräulein Clandon,...

fahren Sie fort, rasch!

(Dolly.) Aber Sie sind ein regelrechter Gewaltmensch! Gehen Sie immer

so vor?

(Bohun erhebt sich:) Jawohl. Versuchen Sie nicht, mich aus dem Text

zu bringen, mein Fräulein! Sie sind zu jung dazu. (Er nimmt den

Stuhl des McComas, der neben Frau Clandons Stuhl siebt, und stellt ihn

neben seinen eigenen.) Setzen Sie sich! (Dolly gehorcht wie bezaubert,

und Bohun setzt sich wieder. McComas, seines Stuhles beraubt, holt

sich einen anderen, der zwischen dem Tisch und der ottomane steht:)

Nun, Herr McNaughtan, die Tatsachen stehen vor Ihnen--alle beide. Sie

glauben zwar, daß Sie Ihre beiden jüngsten Kinder gern bei sich hätten,

aber das würde Ihnen gar nicht gefallen--(McNaughtan versucht zu

protestieren, aber Bohun gibt das unter keinen Umständen zu:) Nein,

das gefiele Ihnen gar nicht. Sie glauben zwar, daß Sie das gern

hätten, aber ich weiß das besser als Sie. Sie verlangen, daß diese

junge Dame aufhört, sich des Abends wie eine Bühnen-Kolombine und des

Morgens wie eine moderne Kolombine zu kleiden... nun, sie wird das nie

tun--niemals! Sie glaubt, sie wird es einmal tun, aber--

(Dolly ihn unterbrechend:) Nein, das glaube ich auch nicht!

(Entschlossen:) Ich werde es niemals aufgeben, mich hübsch zu

kleiden--niemals! Wie Gloria zu jenem Mann in Madeira gesagt hat:

nie--nie--nie, so lange Gras wächst und Wasser fließt!

(Dr. Valentine erhebt sich in furchtbarer Aufregung:) Was?... was?!...

(Er beginnt sehr rasch zu sprechen:) Wann hat sie das gesagt?... Zu

wem hat sie das gesagt?

(Bohun wirft sich in einen Stuhl, mit intensivem, mitleidigem Protest:

) Herr Doktor Valentine--

(Dr. Valentine hitzig:) Unterbrechen Sie mich nicht! Dies ist etwas

sehr Ernstes! Ich muß wissen, zu wem Fräulein Clandon das gesagt

hat--ich bestehe darauf!

(Dolly.) Vielleicht erinnert sich Phil. Welche Nummer war es? Numero

drei oder Numero fünf?

(Dr. Valentine.) Numero fünf!!!!

(Philip.) Mut, Doktor, es war noch nicht Numero fünf. Es war nur ein

zahmer Seeoffizier, der immer bei der Hand war--der geduldigste und

harmloseste Mensch von der Welt.

(Gloria kalt:) Was wird jetzt erörtert, wenn ich fragen darf?

(Dr. Valentine mit rotem Kopf:) Entschuldigen Sie... ich bedaure,

gestört zu haben. Ich will Sie nicht länger belästigen, Frau Clandon.

(Er verneigt sich vor Frau Clandon und geht, kochend vor

unterdrückter Wut, rasch durch die Fenstertür in den Garten.)

(Dolly.) Hm hm...

(Philip.) Aha!

(Gloria.) Bitte, fahren Sie fort, Herr Justizrat.

(Dolly dazwischenfahrend, als Bohun die Stirn furchtbar runzelt und

sich zusammenrafft, zu einem neuerlichen Ringen mit dem Fall:) Sie

wollen uns einschüchtern, Herr Justizrat.

(Bohun.) Ich--

(Dolly ihn unterbrechend:) O ja, das wollen Sie! Sie glauben, daß es

nicht so ist--aber es ist so. Ich sehe es an Ihrem Stirnrunzeln.

(Bohun nachgebend:) Frau Clandon, ich erkenne aus freien Stücken an,

daß Sie kluge, hellköpfige, gut erzogene Kinder haben... wollen Sie

mir dafür das Mittel angeben, das sie dazu bringen kann, den Mund zu

halten?

(Frau Clandon.) Dolly! liebste Dolly--!

(Philip.) Unsere alte Unart, Dolly! Ruhe! (Dolly hält sich den Mund.)

(Frau Clandon.) Nun, Herr Justizrat, bevor Sie wieder anfangen...

(Der Kellner leise:) Beeilen Sie sich--rasch!

(Dolly ihm zublinzelnd:) Lieber William!

(Philip.) Sch!

(Bohun platzt gegen Dolly plötzlich ganz unerwartet mit einer Frage

los:) Haben Sie die Absicht, sich zu verheiraten?

(Dolly.) Ich!... Nun, Finch nennt mich mit meinem Vornamen...

(McComas.) Was soll das heißen?--Herr Justizrat, natürlich spreche ich

die junge Dame als alter Freund ihrer Mutter bei ihrem Vornamen an.

(Dolly.) Ja. Sie nennen mich als alter Freund meiner Mutter "Dolly".

Aber warum nennen Sie mich "Dorothee-ee-a?" (Mc Comos erhebt sich

entrüstet.)

(McNaughtan erhebt sich ängstlich, um ihn zurückzuhalten:) Beherrschen

Sie sich, McComas. Wir wollen nicht heftig werden--haben Sie Geduld.

(McComas.) Ich will keine Geduld haben! Sie tragen die

beklagenswerteste Charakterschwäche zur Schau, mein lieber McNaughtan!

Ich finde das einfach unerhört!

(Dolly.) Herr Justizrat, bitte, schüchtern Sie Finch ein wenig für uns

ein.

(Bohun.) Das will ich.--McComas, Sie machen sich lächerlich. Setzen

Sie sich!

(McComas.) Ich--

(Bohun winkt ihm gebieterisch, sich zu setzen:) Nein, setzen Sie

sich--setzen Sie sich! (McComas setzt sich verdrießlich nieder, und

McNaughtan folgt sehr erleichtert seinem Beispiel.)

(Dolly zu Bohun demütig:) Ich danke Ihnen.

(Bohun.) Nun hören Sie mich alle an. Ich enthalte mich jeder Meinung

darüber, McComas, wie weit Sie sich in der durch die junge Dame

angegebenen Richtung eingelassen oder nicht eingelassen haben.

(McComas ist im Begriff zu protestieren.) Nein, unterbrechen Sie mich

nicht!--Wenn sie Sie nicht heiratet, heiratet sie einen andern; das

ist die beste Lösung der Schwierigkeit, die dadurch entsteht, daß sie

nicht den Namen ihres Vaters trägt.--Die andere Dame hat die Absicht,

sich zu verheiraten.

(Gloria errötend:) Herr Justizrat!

(Bohun.) Doch, Sie haben die Absicht. Sie wissen es nicht, aber es

ist so.

(Gloria erhebt sich:) Halt! Hüten Sie sich davor, Herr Justizrat, für

meine Absichten einzustehen.

(Bohun erhebt sich:) Es hat keinen Zweck, Fräulein Clandon. Sie

werden mich nicht unterkriegen. Ich sage Ihnen, daß Ihr Name bald

weder Clandon noch McNaughtan lauten wird. Und wenn ich wollte,

könnte ich Ihnen sagen, wie er lauten wird. (Er geht an das andere

Ende des Tisches, rollt seinen Domino auf und legt die falsche Nase

auf den Tisch. Da er sich erhebt, erheben sich alle, und Philip geht

an das Fenster. Bohun gibt dem Kellner durch eine Bewegung zu

verstehen, daß er ihm beim Anziehen des Dominos helfen soll.) Herr

McNaughtan, Ihre Absicht, die Gesetze anzurufen, ist Unsinn. Ihre

Kinder werden alle majorenn sein, bevor Sie eine Entscheidung

erreichen können.

(Indem er dem Kellner erlaubt, den Domino um seine Schultern zu legen:

) Ich kann Ihnen nur raten, ein freundschaftliches Übereinkommen zu

treffen. Wenn Sie Ihre Familie nötiger haben als Ihre Familie Sie,

dann werden Sie bei diesem Übereinkommen allerdings schlecht wegkommen;

--wenn Ihre Familie Sie aber nötiger hat als umgekehrt, dann werden

Sie schon besser wegkommen. (Er schüttelt den Domino, so daß er in

Falten fällt, und ergreift die falsche Nase. Dolly starrt ihn

bewundernd an.) Die Sache liegt für Ihre Angehörigen insoweit günstig,

als sie alle persönlich sehr angenehme Menschen sind. Und Ihre Stärke,

Herr McNaughtan, liegt in Ihrem Einkommen. (Er stülpt die falsche

Nase auf und ist wieder in grotesker Weise verwandelt.)

(Dolly auf ihn zulaufend:) Oh, jetzt sehen Sie ganz menschlich aus!

Ich möchte mit Ihnen tanzen--ein einzigesmal! Können Sie tanzen?

(Philip nimmt seine Harlekinrolle wieder auf und bewegt seine Pritsche,

als wenn er Bohun und Dolly bezaubern wollte.)

(Bohun mit Donnerstimme:) Ja, Sie glauben, daß ich nicht tanzen

kann--aber ich kann es. Kommen Sie! (Er packt sie und tanzt mit ihr

durch die Fenstertür in gewaltsamer Weise, aber mit beflissener

Sicherheit und Anmut hinaus. Inzwischen stellt der Kellner geschäftig

die Stühle an ihre gewöhnlichen Plätze zurück.)

(Philip.) "Auf! Bis zum Morgen tanzt und trink und minnt"[*]--William!

[Footnote *: Byrons "Childe Harold" Canto III Strophe 22. (Anm. des

Übers.)]

(Der Kellner.) Zu dienen, junger Herr?

(Philip.) Können Sie meinem Vater und Herrn McComas zwei Dominos und

zwei falsche Nasen verschaffen?

(McComas.) Was fällt Ihnen ein--ich verwahre mich dagegen--

(McNaughtan.) Nicht doch! Was ist denn da weiter dabei? Nur einmal,

McComas! Wir wollen doch keine Spielverderber sein.

(McComas.) McNaughtan, Sie sind nicht der Mann, für den ich Sie

gehalten habe. (Scharf:) Tyrannen sind immer Feiglinge. (Er geht

angewidert zur Fenstertür.)

(McNaughtan folgt ihm:) Na, nichts für ungut! Wir müssen ihnen etwas

zugute halten.--Können Sie uns irgendeinen Umhang verschaffen, Kellner?

(Der Kellner.) Gewiß, gnädiger Herr. (Er folgt ihnen an die

Fenstertür und bleibt dort stehen, um die Herren vorausgehen zu lassen.

) Hier bitte--Sie wünschen Dominos und Nasen?

(McComas ärgerlich im Abgehen:) Ich werde meine eigene Nase tragen.

(Der Kellner schmelzend:) Selbstverständlich, gnädiger Herr: die

falsche Nase wird ganz leicht darüber gehen. Es ist viel Platz dafür,

gnädiger Herr--viel Platz! (Er geht hinter McComas hinaus.)

(McNaughtan wendet sich an der Fenstertür nach Phil um mit einem

Versuch zu gemütlicher Väterlichkeit:) Komm, mein Junge, komm! (Er

geht.)

(Philip folgt ihm heiter:) Ich komme schon, Papachen, ich komme schon!

(An der Schwelle der Fenstertür hält er inne, blickt McNaughtan nach,

wendet sich dann phantastisch mit seiner um seinen Kopf wie einen

Heiligenschein gebogenen Pritsche um und sagt mit gedämpfter Stimme zu

Frau Clandon und Gloria:) Habt ihr das Ergreifende dieser Worte

empfunden? (Er verschwindet.)

(Frau Clandon mit Gloria allein:) Warum ist Doktor Valentine so

plötzlich fortgegangen? Das verstehe ich nicht.

(Gloria verdrießlich:) Ich weiß nicht.--Doch--ich weiß es. Komm,

sehen wir ein wenig dem Tanz zu. (Sie gehen nach der Fenstertür zu

und begegnen Dr. Valentine, der vom Garten mit raschen Schritten

hereinkommt, mit mürrischem Gesicht und bewölkter Stirn.)

(Dr. Valentine steif:) Entschuldigen Sie. Ich dachte, die

Gesellschaft wäre schon auseinandergegangen.

(Gloria nörgelnd:) Warum sind Sie dann zurückgekommen?

(Dr. Valentine.) Ich bin zurückgekommen, weil ich kein Geld bei mir

habe und dort ohne ein Fünf-Schilling-Billett nicht hinausgelassen

werde.

(Frau Clandon.) Hat Sie hier irgend etwas verletzt, Herr Doktor?

(Gloria.) Kümmere dich nicht um ihn, Mutter. Das soll eine neue

Beleidigung für mich sein--weiter nichts.

(Frau Clandon kaum fähig, sich vorzustellen, daß Gloria wohlüberlegt

einen Wortwechsel heraufbeschwören könnte:) Gloria!

(Dr. Valentine.) Frau Clandon, habe ich irgend etwas Beleidigendes

gesagt?... Habe ich irgend etwas Beleidigendes getan?

(Gloria.) Sie haben stillschweigend zu verstehen gegeben, daß meine

Vergangenheit der Ihrigen gleicht--das ist die allerschwerste

Beleidigung.

(Dr. Valentine.) Ich habe nichts dergleichen zu verstehen gegeben.

Ich behaupte, daß meine Vergangenheit, mit der Ihren verglichen,

tadellos gewesen ist.

(Frau Clandon äußerst entrüstet:) Herr Doktor!

(Dr. Valentine.) Na, was soll ich mir dabei denken, wenn ich erfahren

muß, daß Fräulein Clandon andern Männern genau dieselben Reden

gehalten hat wie mir--wenn ich von mindestens fünf früheren Liebhabern

hören muß und einem zahmen Seeoffizier noch dazu! Oh, das ist zu arg!

(Frau Clandon.) Aber Sie glauben doch sicher nicht, daß diese Dinge

ernst gewesen sind--harmlose Scherze von Kindern--Herr Doktor?

(Dr. Valentine.) Ihnen sind es vielleicht Scherze--vielleicht auch

ihr. Aber ich weiß, was die Betroffenen dabei gelitten haben. (Mit

possierlich echtem Ernst:) Haben Sie jemals an die vernichteten

Existenzen gedacht--an die Ehen, die in der Rücksichtslosigkeit der

Verzweiflung geschlossen wurden--an die Selbstmorde--die--die--die--

(Gloria unterbricht ihn verachtungsvoll:) Mutter, dieser Mensch ist

ein sentimentaler Esel! (Sie rauscht fort an den Kamin.)

(Frau Clandon empört:) Oh, meine teuerste Gloria! Der Herr Doktor

wird das grob finden.

(Dr. Valentine.) Ich bin kein sentimentaler Esel mehr! Ich bin für

immer von jeder Sentimentalität geheilt. (Er setzt sich zornig.)

(Frau Clandon.) Sie müssen uns allen verzeihen, Herr Doktor. Die

Frauen müssen die falschen guten Manieren ihres Sklaventums erst

verlernen, bevor sie sich die echten guten Manieren ihrer Freiheit

aneignen können.--Halten Sie Gloria nicht für gemein. (Gloria wendet

sich erstaunt um.) Sie ist es wirklich nicht.

(Gloria.) Mutter, du entschuldigst mich bei *ihm*!

(Frau Clandon.) Mein Kind, du hast manchen Fehler der Jugend und auch

manchen ihrer Vorzüge, und Herr Doktor Valentine hat wohl zu

altmodische Ideen über sein eigenes Geschlecht, als daß er sich gern

einen Esel nennen ließe.--Aber wollen wir jetzt nicht lieber nachsehen,

was Dolly anstellen mag? (Sie gebt an die Fenstertür. Dr. Valentine

erhebt sich.)

(Gloria.) Geh du ohne mich, Mutter. Ich habe mit Herrn Doktor

Valentine ein Wort allein zu sprechen.

(Frau Clandon überrascht, will sich dagegen verwahren:) Meine liebe

Gloria... (Sich besinnend:) Entschuldige--selbstverständlich, wenn du

es wünschest. (Sie verneigt sich gegen Dr. Valentine und geht hinaus.)

(Dr. Valentine.) Oh, warum ist Ihre Mutter nicht Witwe--sie ist

sechsmal so viel wert als Sie!

(Gloria.) Nun höre ich endlich das erste Wort aus Ihrem Munde, das

Ihnen Ehre macht.

(Dr. Valentine.) Unsinn! Nun--sagen Sie mir, was Sie mir zu sagen

haben, und lassen Sie mich gehen.

(Gloria.) Ich habe Ihnen nur das eine zu sagen: Sie haben mich heute

nachmittag einen Augenblick auf Ihr Niveau herabgedrückt. Glauben Sie,

daß ich nicht auf meiner Hut gewesen sein würde, wenn mir das schon

einmal passiert wäre, daß ich nicht gewußt hätte, was kommen würde,

und meine eigene elende Schwäche gekannt hätte?

(Dr. Valentine sie leidenschaftlich auszankend:) Sprechen Sie nicht in

dieser Weise darüber! Was liegt mir an Ihren inneren Eigenschaften

mit Ausnahme von Ihrer Schwäche, wie Sie das nennen? Sie haben sich

für sehr sicher gehalten--nicht wahr?--Verschanzt hinter Ihren

fortschrittlichen Ideen! Es hat mir Spaß gemacht, die ziemlich leicht

über den Haufen zu werfen.

(Gloria dreist, da sie fühlt, daß sie jetzt mit ihm machen kann, was

sie will:) Wirklich?

(Dr. Valentine.) Aber aus welchen Gründen habe ich das getan?--Weil es

mich gereizt hat, Ihr Herz zu wecken, die Tiefen in Ihnen aufzuwühlen.

--Und warum hat mich das gereizt? Weil meine Natur es bitter ernst

mit mir gemeint hat, als ich mit ihr nur zu scherzen meinte... Wer

von uns beiden ist erwacht, wie dann der große Augenblick gekommen

war--wer wurde aufgewühlt in seinen tiefsten Tiefen?... Ich! Ich!

--Ich wurde hingerissen. Sie waren nur beleidigt... empört! Sie sind

nur eine ganz alltägliche junge Dame--zu alltäglich, um zahmen

Seeoffizieren zu erlauben, so weit zu gehen, wie ich heute ging...

weiter nichts. Ich will Sie nicht mit den üblichen Entschuldigungen

behelligen.--Leben Sie wohl. (Er geht entschlossen zur Tür.)

(Gloria.) Bleiben Sie! (Er zögert.) Aber wollen Sie auch verstehen,

daß ich Ihnen durchaus nicht entgegenkomme, wenn ich Ihnen jetzt die

Wahrheit sage?

(Dr. Valentine.) Pah! Ich weiß, was Sie mir jetzt sagen wollen. Sie

glauben, daß Sie nicht alltäglich sind--daß ich recht hatte--daß jene

Tiefen in Ihrer Natur dennoch vorhanden sind... Es schmeichelt Ihnen,

das zu glauben. (Sie weicht zurück.) Nun, ich gebe zu, daß Sie in

einer Hinsicht nicht alltäglich sind: Sie sind ein gescheites Mädchen.

(Gloria unterdrückt einen Wutschrei und gebt ihm drohend einen

Schritt entgegen.) Aber Sie sind noch nicht erweckt worden. Ich war

Ihnen gleichgültig... ich bin Ihnen gleichgültig... meine Tragödie ist

es gewesen, nicht die Ihre. Leben Sie wohl! (Er wendet sich nach der

Tür; sie beobachtet ihn, entsetzt darüber, daß er ihrer Macht

entschlüpft. Die Türklinke in der Hand, hält er inne, wendet sich

dann wieder Gloria zu und reicht ihr die Hand.) Wir wollen als Freunde

auseinandergehen.

(Gloria außerordentlich erleichtert, kehrt ihm mit größter

Absichtlichkeit den Rücken:) Adieu.--Ich hoffe, Sie werden von Ihrer

Wunde bald genesen.

(Dr. Valentine mit Freude, da er erkennt, daß er doch schließlich Herr

der Situation ist:) Gewiß werde ich das--solche Wunden heilen, ohne zu

schmerzen. Schließlich kann mir meine Gloria doch niemand rauben.

(Gloria sieht ihm rasch ins Gesicht:) Was meinen Sie?

(Dr. Valentine.) Die Gloria meiner Einbildung.

(Gloria stolz:) Behalten Sie diese Gloria--die Gloria Ihrer Einbildung.

(Ihre Erregung beginnt stärker durch ihren Stolz hindurchzubrechen.)

Die wirkliche Gloria, die empörte...die beleidigte...die

entsetzte--jawohl!--die vor Scham fast zum Wahnsinn gebrachte, als sie

erfuhr, daß all ihre Selbstbeherrschung niederbrechen konnte bei der

ersten Begegnung mit--mit--(Ihr Gesicht errötet wieder über und über,

sie bedeckt es mit ihrer linken Hand und ihre Rechte legt sie auf Dr.

Valentines linken Arm, um sich zu stützen.)

(Dr. Valentine.) Nehmen Sie sich in acht--ich bin schon wieder nahe

dran, den Verstand zu verlieren! (Sie nimmt allen ihren Mut zusammen

und läßt die Hand, die ihr Gesicht bedeckt, auf Dr. Valentines rechte

Schulter fallen, wobei sie sich ihm zuwendet und ihm gerade in die

Augen schaut. Er beginnt auf-*) *(geregt zu protestieren:) Gloria,

seien Sie vernünftig--es hat ja keinen Zweck--ich habe keinen Heller!

(Gloria.) Können Sie denn keinen verdienen? Andere Leute können es

doch.

(Dr. Valentine halb entzückt, halb erschrocken:) O niemals! Ich würde

Sie unglücklich machen--Teuerste, Geliebte--ich müßte ein erbärmlicher

Mitgiftjäger und Abenteurer sein--(Sie umschlingt ihn fester und küßt

ihn:) O Gott! (Atemlos:) Oh... ich--(Er keucht:) Ich kenne die Frauen

noch immer nicht... keine Ahnung habe ich... die Erfahrungen von zwölf

Jahren genügen nicht!

(In einer Aufwallung von Eifersucht stößt sie ihn von sich fort, und

er taumelt zurück in den Stuhl wie ein vom Wind verwehtes Blatt. Da

tanzt Dolly mit dem Kellner ins Zimmer, Frau Clandon und McComas

folgen ihr, auch tanzend, und Philip pirouettiert auf eigene Faust

herein.)

(Dolly sinkt atemlos auf den Stuhl vor den Schreibtisch:) Oh, ich bin

atemlos! Sie tanzen wundervoll Walzer, William!

(Frau Clandon sinkt in den Lederfauteuil vor dem Kamin:) Oh, wie

konnten Sie mich nur zu einer solchen Torheit verleiten, Finch! Ich

habe seit der Soiree in South Place vor zwanzig Jahren nicht getanzt.

(Gloria bestimmt, zu Dr. Valentine:) Stehen Sie auf! (Dr. Valentine

erhebt sich unterwürfig.) Lassen wir jetzt alles falsche Zartgefühl

beiseite. Sagen Sie meiner Mutter, daß wir entschlossen sind, uns zu

heiraten.

(Ein Schweigen sprachlosen Erstaunens. Dr. Valentine, sprachlos vor

panischem Schrecken, starrt alle an. Er will sichtlich davonlaufen.)

(Dolly bricht das Stillschweigen:) Nummer sechs!

(Philip.) Sch!

(Dolly ausgelassen:) Oh, meine Gefühle! Ich kann sie kaum beherrschen!

Ich möchte jemanden küssen,--und in der Familie ist das verboten!

Wo ist Finch?

(McComas heftig losbrechend:) Nein! zum Donnerwetter!

(McNaughtan erscheint an der Fenstertür.)

(Dolly zu McNaughtan laufend:) Oh, Sie kommen gerade recht! (Sie küßt

ihn.) Nun--(zieht ihn vor, zu Dr. Valentine und Gloria:) segnen Sie

sie!

(Gloria.) Nein! nichts davon--nicht einmal im Scherz. Wenn ich einen

Segen brauche, so werde ich meine Mutter darum bitten.

(McNaughtan zu Gloria, schmerzlich enttäuscht:) Soll das heißen, daß

du dich mit diesem Herrn verlobt hast?

(Gloria entschlossen:) Ja.--Haben Sie die Absicht, unser Freund zu

sein, oder--

(Dolly unterbrechend:)--oder unser Vater?

(McNaughtan.) Ich würde gern beides sein, mein Kind, aber--!... Herr

Doktor Valentine, ich wende mich an Ihr Ehrgefühl--

(Dr. Valentine.) Sie haben ganz recht. Es ist einfach Wahnsinn. Wenn

wir zusammen auf einen Ball gehen wollen, werde ich Sie um fünf

Schillinge anpumpen müssen, um mir die Eintrittskarte zu lösen.

--Gloria, übereilen Sie nichts--Sie werfen sich fort! Es ist das

beste, wenn ich alledem ein Ende mache und niemals irgendeinem aus

Ihrer Familie wieder begegne. Ich werde keinen Selbstmord begehen,

ich werde nicht einmal unglücklich sein: es wird eine Befreiung für

mich sein--ich--ich fürchte mich--ich fürchte mich wahrhaftig--es ist

die reine Wahrheit.

(Gloria entschlossen:) Ich verbiete Ihnen zu gehen!

(Dr. Valentine verzagt:) Nein, Liebste, selbstverständlich nicht, aber

... Oh, wenn doch nur jemand einen Augenblick vernünftig sprechen und

uns alle zur Vernunft bringen wollte! Ich kann's nicht... Wo ist

Bohun?... Bohun ist der Mann! Phil, gehen Sie und beschwören Sie

Bohun.

(Philip.) Aus der ungeheuren Tiefe. Ich gehe. (Er läßt seine

Pritsche durch die Luft sausen und schießt durch die Fenstertür fort.)

(Der Kellner harmonisch zu Dr. Valentine:) Wenn Sie gestatten, daß ich

mir ein Wort zu sagen erlaube, Herr Doktor: Opfern Sie wegen fünf

Schillinge nicht Ihr Lebensglück. Wir werden uns nur zu sehr freuen,

Ihnen das Billett auf Kredit zu besorgen, und Sie können die Sache

ordnen, wann es Ihnen beliebt,--wann immer es Ihnen passen wird. Es

wird mich nur sehr freuen, es wird mir ein Vergnügen und eine Ehre

sein, Herr Doktor.

(Philip erscheint wieder:) Er kommt! (Er schwingt seine Pritsche vor

dem Fenster. Bohun tritt ein, nimmt seine falsche Nase ab und wirft

sie auf den Tisch, während er an Philip vorübergeht und zwischen

Gloria und Dr. Valentine tritt.)

(Dr. Valentine.) Es handelt sich darum, Herr Justizrat--

(McComas unterbricht, vom Kamin aus:) Entschuldigen Sie, Herr Doktor,

die Sache muß von einem Anwalt vorgetragen werden.--Es handelt sich um

eine Verlobung zwischen diesen beiden jungen Leuten. Sie hat etwas

Vermögen und (sieht McNaughtan an:) wird wahrscheinlich einmal noch

viel mehr haben.

(McNaughtan.) Möglich. Ich hoffe es.

(Dr. Valentine.) Und er hat keinen Heller.

(Bohun nagelt Dr. Valentine sofort auf diesen Punkt fest:) Dann

bestehen Sie auf einem Ehevertrag.--Das verletzt Ihr Zartgefühl?...

Das tun die meisten vernünftigen Vorsichtsmaßregeln. Aber Sie bitten

mich um meinen Rat. Das ist er. Machen Sie einen Ehevertrag!

(Gloria stolz:) Er soll einen Ehevertrag bekommen.

(Dr. Valentine.) Mein lieber Herr Justizrat, ich, für meine Person,

brauche Ihren Rat nicht--geben Sie ihr einen guten Rat.

(Bohun.) Sie würde ihn nicht befolgen. Wenn Sie ihr Mann sein werden,

wird sie auch Ihren Rat nicht befolgen... (Wendet sich plötzlich an

Gloria:) Nein, das werden Sie nicht--Sie glauben, daß Sie es werden,

aber Sie werden es nicht. Er wird an die Arbeit gehen und seinen

Unterhalt verdienen... (Wendet sich plötzlich an Dr. Valentine:) O ja,

das werden Sie--Sie glauben es nicht, aber Sie werden es! Sie wird

Sie schon dazu anhalten.

(McNaughtan nur halb überzeugt:) Dann, Herr Justizrat, halten Sie

diese Verbindung also nicht für unklug?

(Bohun.) O doch! Alle Verbindungen sind unklug. Es ist unklug,

geboren zu werden--es ist unklug, zu heiraten--es ist unklug, zu

leben--und es ist klug, zu sterben.

(Der Kellner drängt sich unauffällig zwischen McNaughtan und Dr.

Valentine:) Wenn ich mir höflichst erlauben darf, fortzusetzen: Dann

ist es etwas Trauriges um die Weisheit. (Zu Dr. Valentine:) Glück auf,

Herr Doktor, Glück auf! Jeder Mensch fürchtet die Ehe, wenn es dazu

kommt--aber sie geht oft ganz angenehm aus, sehr fröhlich und selbst

glücklich--von Zeit zu Zeit. Ich war niemals Herr in meinem eigenen

Hause. Meine Frau war wie Ihre Braut, befehlshaberisch und

herrschsüchtig veranlagt. Mein Sohn hat diese Eigenschaften von ihr

geerbt. Aber wenn ich mein Leben zum zweitenmal zu leben hätte, ich

würde es wieder so leben!... ich würde es genau wieder so

leben--wahrhaftig!--Man kann nie wissen, Herr Doktor... man kann nie

wissen.

(Philip.) Erlauben Sie mir zu bemerken, daß, wenn Gloria sich wirklich

entschlossen hat--

(Dolly)--die Sache besiegelt und Doktor Valentine erledigt ist. Wir

verpassen bloß alle Tänze.

(Dr. Valentine zu Gloria, galant, sich so gut er kann, aus der Affäre

ziehend:) Darf ich um einen Walzer bitten?--

(Bohun widerspricht in seiner tiefsten Oktave:) Entschuldigen

Sie--diesen Vorzug beanspruche ich als Rechtsbeistandshonorar! Darf

ich um die Ehre bitten?--Ich danke. (Er tanzt mit Gloria fort und

verschwindet unter den Lampions, und läßt Dr. Valentine nach Luft

schnappend zurück.)

(Dr. Valentine wieder zu sich kommend:) Dolly: darf ich

bitten--(Fordert sie zum Tanze auf.)

(Dolly.) Unsinn! (Weicht ihm geschickt aus und läuft um den Tisch

herum an den Kamin:) Finch! Mein Finch! (Sie fällt über McComas her

und zwingt ihn zu tanzen.)

(McComas protestierend:) Ich bitte, halten Sie ein--wahrhaftig--(Er

wird durch die Fenstertür davongerissen.)

(Dr. Valentine macht eins letzte Anstrengung:) Frau Clandon, darf ich

bitten--

(Philip ihm zuvorkommend:) Komm, Mütter! (Er ergreift seine Mutter

und wirbelt mit ihr fort.)

(Frau Clandon zurechtweisend:) Phil--Phil--(Sie teilt McComas'

Schicksal.)

(McNaughtan folgt ihnen mit greisenhafter Heiterkeit:) Ho! ho! ho! ho!

ho! (Er gebt in den Garten und kichert über den spaß.)

(Dr. Valentine sinkt auf die Ottomane und starrt den Kellner an:) Als

ob ich schon verheiratet wäre!...

(Der Kellner betrachtet den im Zweikampf der Geschlechter Gefallenen

mit liebenswürdiger Teilnahme und schüttelt langsam den Kopf.)

(Vorhang)

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Mann Kann Nie Wissen, von George

Bernard Shaw.

Man kann nie wissen: Komödie in vier Akten · 第 9 / 10 题