DEUTSCHLANDS SIEG ÜBER ENGLAND UNTER GOETHES FARBEN

ES ist im höchsten Grade ominös, daß Deutschland ganz buchstäblich _Goethes

Farben_ trägt, nämlich außer den Extremen aller Farben, Weiß und Schwarz,

gerade Rot, die Farbe aller Farben im Sinne Goethes; und daß Goethe mit

dieser seiner Farbenauffassung seit mehr als einem Jahrhundert so

vergeblich gerade gegen _England_, nämlich gegen den lichtverfinsternden

Farbenlehrer Isaac Newton kämpft, welcher in einer jede Treue des deutschen

Goetheauges verletzenden Art unglaublich falsch Farbe bekennt.

Längst würde die deutsche Wissenschaft den farbenblinden Engländer mit

Goetheschen Waffen niedergestreckt haben, wenn dieser sich nicht auf der

Insel Mathematik mit scheinbarer Unüberwindlichkeit verbollwerkt hätte und

von dorther seit über 200 Jahren die Welt aller Farben despotisch

brutalisierte. Dieser Engländer lehrt messen und rechnen: aber Goethe lehrt

_sehen_! Und man soll doch erst sehen lernen, _bevor_ man zählt und mißt,

was man sieht. Es ist sehr charakteristisch für den Engländer, daß er sich

verrechnen muß, weil er mit seiner Rechenkunst zu voreilig ist -- und

sollte auch Jahrhunderte lang die scheinbare Präzision seiner Rechnung den

falschesten Postenansatz verdecken. Goethe wird hoffentlich mit Deutschland

so mitsiegen, daß Deutschlands Schulkinder sehr bald über die englischen

Farben lachen lernen, die angeblich im Lichte stecken, während sie sich für

jedes deutsche, d. h. Goethesche, also gesunde Auge ganz offenbar aus

Finsternis und Licht, aus _Schwarz und Weiß_ also, erzeugen und im Rot das

liebste Kind dieser Eltern haben:

»Es stammen ihrer sechs Geschwister

Von einem wundersamen _Paar_«

sagte bereits Schiller vor Goethe. Ein großer Rechenmeister war dieser

englische Fürst der Geister, Newton. Aber er hat ausgespielt, wenn

Deutschland auf preußische Manier und mit Goethes Augen _Schwarz-Weiß_

sehen lernt: es wird sich dann das Rot noch göttlicher herausrechnen, wenn

es erst _sieht_, daß dieses freudig errötende Grau zwischen Schwarz und

Weiß so wenig aus dem Lichte allein stammt wie das preußisch nüchterne, das

ja ganz unverkennbar eine Mischung aus Schwarz und Weiß ist. Laßt Euch doch

nicht von englisch perfekter Rechenkunst betören, die auf Lug und Trug, auf

Augentäuschung beruht, und führt Eure Farben auch zum Sieg deutscher

Gründlichkeit unter dem Farben-Generalfeldmarschall Goethe, diesem

Über-Hindenburg aller Farbenlehre!

Dadurch, daß Goethe auch ins _Schwarze_ getroffen hat, ist das Weiß erst

fähig geworden, Farben zu entbinden. Sie, wie der nur halbgesichtige

Engländer aus dem Weißen allein, dem Lichte, zu entwickeln, bloß um

bequemer, aber auch einfältiger _rechnen_ zu können, dazu rechnete Goethe

zu ehrlich, zu tief auch mit der Finsternis, dem Schwarz. Spiegelt sich

hierin nicht symbolisch unser politischer Konflikt mit einem Volke, das

aufgeklärtestes Licht heuchelt, indem es aber inwendig die bunt getigerte

Tücke der ganzen Finsternis verbirgt, während der echt aufgeklärte Deutsche

Goethe frei und offen außer _Weiß_ auch _Schwarz_ bekennt und die Iris des

_Friedens_ dazwischen farbig entbrennen läßt, welche im _Purpur_ ihre

feierlichste Vermählung hält?

Zu verkennen, daß es ein echtes treues Schwarz gibt; sich anzustellen, wie

wenn es lauter Licht gäbe, während man sogar das schwärzliche _Indigo_ (!)

in diesem scheinbar lauteren Lichte verbirgt und, wann man will, berechnet

hervorbrechen läßt -- ist das nicht englisch? -- Und ist es nicht

kerndeutsch und Goethisch, daß Meister _Schwarz_ das Pulver erfunden hat:

und daß, genau so wenig wie _Grau_, sich Farbe bloß aus Weiß, sondern bloß

aus der _Vermischung_ von Schwarz mit Weiß gewinnen läßt, deren innigstes

Kind gerade Rot ist? -- Wenn Deutschland alle Welt versöhnen, vermählen

will, will England, um selber zu herrschen, überall entzweien; so wie

Newton lieber das Licht in sich selbst entzweit, statt es mit der

lichtlosen Finsternis nicht bloß gräulich, sondern farbenfroh zu vermählen:

»_Entzwei_ und herrsche!

Tüchtig Wort.

_Verein_ und leite --

Bess'rer Hort!«

(Goethe.)

England hat ausgespielt, auch in der Farbenlehre. Deutsche Farbenlehrer!

Beginnt endlich einzusehen, daß Ihr von England mit schlauen Rechenkünsten

um die halbe Wahrheit der Farbe betrogen werdet, und daß erst Goethe Euch

die _ganze_ gewährt. Und Goethe, der zuletzt lacht, wird Euch auch dazu

verhelfen, die besseren Mathematiker zu werden, weil er wie Kant den Mut

hat, offen und unverheuchelt mit der _negativen_ Größe, mit dem

ungeschminkten Minus und Schwarz der Finsternis zu rechnen, wie Dr. Luther

mit dem Teufel. Dieses englische Licht ist nur eine andere Finsternis, und

Deutschland kann von Goethe lernen, wie sich

»Licht und Schatten

Zu echter Klarheit gatten.«

Schwarz-Weiß-Rot: -- Mutter, Vater, Kind. In diesem Rot sind alle Farben

zusammen, es ist die Verschmelzung von Orange, also gesteigertem Gelb, mit

Violett, gesteigertem Blau; während Blau und Gelb sich im Grün vermischen,

dieser hoffnungsreichen Wurzel der Krone Rot. Welches »Wunder von Sinn im

Zufall«, daß Deutschlands Fahnenfarben das wahre _Emblem_ der Goethischen

Lehre bilden! Goethe stellte den Gegensatz offen dar, den es zu versöhnen

gilt, und er versöhnt ihn hochrot hochzeitlich. Der schlaue Engländer

verhehlt den Gegensatz, hüllt ihn in Unschuldsweiß und sucht ihn mit einer

erflunkert friedliebenden Einheit zu bezwingen, die, zur Unfruchtbarkeit

verurteilt, kriegerische Mißgeburten ausheckt. Im Zeichen Goethes,

Schwarz-Weiß-Rot, soll Deutschland auch wissenschaftlich siegen! Das

trübselige Schicksals_grau_ zwischen Licht und Finsternis zerreißt, und das

elend vom Engländer gequälte _Paar_ erglüht in der Freudenröte seiner

innigeren Vereinigung:

»Nun lacht die Welt,

Der _grause_ Vorhang riß,

Die Hochzeit kam

Für Licht und Finsternis.«

Schwarz-Weiß-Rot: Grotesken · 第 5 / 11 题