„Wohl vom Vorgebirge der guten Hoffnung?“ fiel ich ein; denn
abgerechnet, daß sie der berühmten hottentottischen Venus in der
Hauptpartie glich, so schien auch ihre übrige Corpulenz dem erwähnten
Vorgebirge ganz entsprechend. Sie war aber noch weiter her: aus
Madagascar.
„Du aber, mit den Flachshaaren?“ fuhr die unermüdliche Aebtissin fort.
„Aus Grönland.“ --
Das Ding kam mir fast wie eine Menagerie von hübschen Mädchen vor, und
sie plärrten auch ihre Antworten so mechanisch, wie Papagaien, ab. Ich
erkundigte mich bei mehreren, ob sie nicht zuweilen vom Heimweh geplagt
würden; aber nur die Grönländerin, welche zugleich die reizloseste
war, sprach sehnsüchtig vom Vaterlande. Wahrscheinlich hatte sie dort
Fischthran, oder wohl gar ~Sperma ceti~[6] gekostet, welches, wie ich
schon oft gehört habe, einen außerordentlichen Patriotismus einflößen
soll. Man hat dies immer an den schwindsüchtigen Grönländerinnen
bemerkt, die nach Petersburg kommen, um in dem dortigen milden Klima
ihre angegriffenen Lungen wieder herzustellen.
In der Mädchenanstalt traf ich wieder mit Julie zusammen, die eine
kleine, ziemlich unbändige, Verwandte dorthin brachte.
Schwester Kiebitz, ein freundliches, rundes, noch junges Persönchen,
dem die Gutmüthigkeit aus den Augen leuchtete, führte uns dort herum.
Der hübsche Ausdruck ihres Gesichts, verbunden mit einem gänzlichen
Mangel an irdischer ~tournure~, machten ihre Erscheinung wohlthätig
possierlich. Bei jedem Worte knixte sie nach hiesiger Art, wobei sie
aber, um ganz sicher zu seyn, daß der Knix auch decent abliefe, immer
vorher sorgfältig ein Bein über das andere setzte. Die sie begleitende
junge Lehrerin war desto flinker und so herzlich, daß man alle
Augenblick glaubte, sie sey im Begriff, Einem in die Arme zu fliegen.
Beide waren gewiß die Güte und Unschuld selbst und dabei geschwätzig,
wie kleine Elstern. Auch hier paradirten wieder verschiedene erotische
Subjecte, aber diese so heterogenen Kinder schienen doch alle gleich
seelenvergnügt -- das beste Aushängeschild einer Erziehungsanstalt.
Unsere wilde, weltliche Hummel war im Anfang ganz scheu; es dauerte
aber nicht lange, so hatte sie schon Freundschaften mit Individuen
aller Climaten gestiftet, und als wir sie Abends wieder besuchten, war
sie von neuem +zu Hause+. Glückliches Alter jener seligen Täuschung,
welche die eigentliche Wahrheit ist.
Meine Freundin wartete noch auf Jemand, und wir gingen unterdessen
in der Straße auf und ab. Mir sind immer die Scenen auf dem Theater
unnatürlich vorgekommen, wo Geheimnisse, Liebesverständnisse u.s.w.
auf der Gasse abgehandelt werden, hier aber sah ich die Möglichkeit
vollkommen ein. Wir spazierten in der ungestörtesten Einsamkeit mitten
in der Stadt und kam ja einmal ein Sterblicher daher, so wandelte er so
leise, wie ein Schatten, an den Häusern hin, ohne die mindeste Notiz
von uns zu nehmen.
Der belebteste Platz im ganzen Oertchen ist der Kirchhof, welcher den
Herrnhutern als unentbehrlicher Belustigungsort dient. Nachdem mich
meine Begleiterin verlassen, begab ich mich auch dahin. Ein elegantes,
hellgrün angestrichenes Thor und eine lebende Dornenhecke schließen
ihn ein. Auf dem Thore steht mit goldenen großen Buchstaben eine
unbestreitbare Wahrheit:
+Ruhe mit Zuversicht.+
Innerhalb findet man Linden-Alleen und weiße Ruhebänke; die Grabsteine
liegen ganz einfach reihenweis, alle von ein und derselben länglich
viereckigen Form, so daß sie fast wie regelmäßig an beiden Seiten
hingelegte Folio-Bände aussehen, auf denen das Titelblatt den
Namen, Geburts- und Sterbetag des Verfassers der darunter liegenden
Lebens-, Liebes- oder Leidensgeschichte anzeigt. Eine interessante
Bibliothek gewiß für den, dessen Auge durch den Stein dringen und das
verschlossene Buch entziffern könnte!
* * * * *
Einige Schwestern saßen, ruhig wie Statuen, auf den Bänken, und in
Gedanken versunken wandelte ich selbst langsam auf und ab. Jetzt
öffnete sich das Thor wieder und ein langer Mann trat herein. Als wir
ein paarmal neben einander hingeschritten waren, redete ich ihn an, um
meinen Beifall über den hübschen Kirchhof auszusprechen. „Verzeihen
Sie,“ erwiederte er mit sächsischem Dialekt, „ich bin gar kein
Herrnhüter; ich bin aus Dresen.“ Diese Naivität setzte mich wieder in
gute Laune, denn der liebe Mann hatte offenbar geglaubt, ich habe den
Kirchhof nur gelobt, um ihm damit ein schuldiges Compliment zu machen,
und es daher als Fremder bescheiden abgelehnt, ganz wie der bekannte
ehrliche Oesterreicher, der bei einer Predigt, wo Alles in Thränen
zerfloß, allein nicht weinte, und als der größte Enthusiast unter
den Zuhörern ihn unwillig fragte: „Und Sie, mein Herr, Sie bleiben
ungerührt?“ ganz erschrocken antwortete: „Werden Euer Gnaden halter nur
nicht böse, ich bin aus dem andern Kirchsprengel.“
* * * * *
Der Dresdner Kaufmannsdiener wurde aber zu guter letzt doch noch
poetisch, und verglich die Leichensteine, weit passender als
ich vorher, mit einem Sortiment weißer und grauer Tuchballen in
verschiedenen Nüancen. „~Mon mari fait dans les draps~“
antwortete die Pariser Fabrikanten-Frau dem Kaiser Napoleon, der sich
auf dem Ball des ~Hotel de ville~ nach dem Stande ihres Mannes
erkundigte; -- wahrscheinlich arbeitete mein Begleiter auch in diesem
Geschäft. Als er anfing über die schlechten Zeiten zu klagen, verließ
ich ihn, denn seine komische Seite schien mir nun „+abgetragen+.“
Beim Hinausgehen bemerkte ich noch eine zweite Inschrift innerhalb des
Thores. Der Worte erinnere ich mich nicht mehr ganz genau, aber der
Sinn war folgender:
+Jetzt erst seyd ihr in der
wahren Heimath.+
Diese Inschrift gefiel mir nicht. Ich kann alle religiösen Ansichten
nicht leiden, die uns einbilden wollen, wir wären hier bloß da für eine
andre Welt. In eine andre Welt und Existenz werden wir gewiß kommen,
und gut für uns ohne Zweifel, wenn wir jede Station möglichst nutzen;
aber hier ins Leben getreten, ist unsre Heimath jetzt auch +hier+
und nirgends anders. Die Natur ertappt man nie auf einer Lüge, sie
spricht sich überall wahr und deutlich aus, und nur der Verschrobene
versteht sie nicht mehr. Schlimm für das Kind, wenn es nur daran
denkt, als Jüngling zu leben; es wird dann als Jüngling Mann, als Mann
Greis seyn, und die Blume +aller+ Lebensalter verloren haben.
Man sey nur recht im vollen und besten Sinne des Wortes Mensch dieser
Erde, körperlich und geistig, und wird dann ganz gewiß sich für jeden
andern Zustand, der folgen kann, dadurch am besten qualificiren, wenn
man auch wirklich hier nie daran +gedacht+ hätte. Mir scheint
selbst Christus dies letztere, bis auf den Inhalt einiger Parabeln,
ziemlich unterlassen, wenigstens nicht viel Werth darauf gelegt zu
haben, und so ist Christus auch recht für alle Zeiten der Lehrer des
Menschengeschlechts +auf Erden+ geworden, wo das Himmelreich eben
am nöthigsten thut, weil wir die Hölle hier leider auch in unsrer
Gewalt haben.
Ein ganzes ausreichendes Leben ist immer und überall vollständig
+da+, wo wir uns dessen bewußt werden, und wir sollten endlich das
alberne Bild der irdischen Schule und des Schulmeisters über den Wolken
droben, der nur auf die Ankunft der armen Seele daselbst paßt, um ihr
Kuchen, oder die Ruthe zu geben, zu dem übrigen Plunder kindischer
Zeiten werfen.
Alle Frische schwindet aus der Welt bei solchem krankhaften Schmachten
und Fürchten, und es ist sehr die Frage: ob nicht selbst die
grobsinnliche Beimischung in der katholischen Religion in der Zeit
ihrer Blüthe, mehr Gutes in dieser Hinsicht, als Böses gewirkt hat.
Aber schlimm und drückend ist immer +die+ Zeit, wo man weder mehr
kindlich abergläubisch, noch wahrhaft gescheidt seyn kann. Ich dringe
übrigens Niemand meine Meinung auf; jeder muß in solchen Dingen und in
solchen Zeiten sich selbst am besten zu helfen wissen.
So perorirte ich, als Julie, mit der ich am Mittagstische saß, und der
ich längst meine Reisefata erzählt, drohend den Finger erhob und sagte:
„Carl, Carl! Du spielst manchmal den Freigeist; nimm Dich in Acht, daß
Dir heute Nacht nicht wieder die Frau Rasiussin erscheint, und Deinen
schwachen Sinnen den Glauben, auch an das scheinbar Unvernünftigste,
dennoch in die Hände giebt. Denk an die Seherin von Prevorst, die
klügern Leuten, als Du bist, den Kopf verdreht hat.“ -- Es ist wahr,
erwiederte ich ein wenig betroffen, und zugleich bedenklich an meinen
Hals fühlend, wo ich eben wieder einen heftigen Stich zu empfinden
glaubte -- es ist wahr, wir sind alle schwache Menschen, jeder
Täuschung unterworfen, und keiner unsrer Momente gleicht dem andern,
aber doch nur nach den klarsten derselben dürfen wir uns richten. --
„Ja wohl,“ sagte die gute Julie; „aber glaube mir, Du hast Dich über
+meine+ Schwäche, den armen Hund betreffend, so lustig gemacht,
und hast doch selbst zehnmal mehr Schwächen; ja, wer nicht, wie ich,
Dich bis ins Innerste kennte, der würde glauben müssen, Du seyst
zehnmal des Tages ein Andrer und nicht jede Edition eben eine gute.“
„Amen!“ rief ich; die ewige Liebe habe Erbarmen mit uns Allen, und Gott
Lob! daß sie das auch schon von vornherein gehabt hat: denn ohne sie
wäre kein Leben, kein Lieben und keine aller der Seligkeiten, deren
wir hier schon so vielfach theilhaftig werden. -- Es ist billig, daß
ein Besuch im Herrnhutischen fromm schließe, ich übergehe daher alles
Weltliche, was sonst noch vorfiel, nur +eines+ seltsamen Umstandes
muß ich noch erwähnen. Er ist +buchstäblich wahr+, der Leser suche
den Commentar dazu, wie er mag.
Kaum wieder auf meinem Landsitze angekommen, verfiel ich in ein
hitziges Fieber, mit einem geschwollenen Halse verbunden, der mich zu
ersticken drohte. Ich war größtentheils ohne Besinnung, doch schweben
mir noch jetzt dunkel schreckliche Visionen aus jener Zeit vor, und
besonders genau erinnere ich mich, daß mir wiederholt die grausige Alte
aus Bocksberg, jetzt aber mit hohnlachender und feindseliger Miene
erschien, und wieder den kalten Schlüssel auf die krankhafte Stelle
legte, was jedesmal mit einem heftigen Erstickungskrampf begleitet
war, bis endlich die Natur, der Arzt, oder bessere Geister, als meine
Quälerin, eine schwierige und langsame Heilung glücklich bewirkten --
denn, daß ich, obgleich verstorben, eben an +jener+ Krankheit
gestorben sey, will ich nicht behaupten, obwohl, wenn es mir so
beliebte, ein rechtgläubiger Leser auch daran nicht zweifeln dürfte.