II. Anhang zum Gesangbuche XII.

Nro. 2021.

Nichts ist doch freundlicher,

Als unser Herrgen;

Nichts liebt sich doch so sehr,

Als seine Närrgen;

Nichts predigt kräftiger,

Als Wunden Pfärrgen;

Nichts singet lieblicher,

Als Jesu Lerchen.

Drum bleib’ ich gern verzückt

Im Bund der Närrlein

Und liebe ewiglich

Der Närrlein Herrlein.

* * * * *

Also, um den Faden meiner Erzählung wieder zu ergreifen, so war auch

meiner Freundin in dem gesegneten Gemeindegasthof heute dreierlei sehr

appetitlich aufgestellter Kuchen zum Frühstück gebracht worden. „Der

eine“ -- hatte der Kellner erklärt (welcher eben als Missionair, ich

weiß nicht von welchem Pole, zurückkam, und von der wahrscheinlich

schlechten Kost daselbst sehr mager aussah,) „der eine wird +vor+

dem Kaffee, der andre +zum+ Kaffee, der dritte +nach+ dem

Kaffee genossen.“[5]

~Fancy~, der, wie seine Herrin sehr oft bemerkt hat,

Menschenverstand besitzt, vernahm jedes Wort und befolgte des

Missionairs Anweisung so gründlich, vor, zum und nach dem Kaffee, daß

er jetzt, dem Platzen nahe, in Todesängsten lag, und eben aus der Hand

eines mildthätigen Bruders, der Hundearzt in Nova Zembla gewesen, ein

starkes Brechmittel hatte verschlucken müssen. Aus Furcht vor der

Explosion war ihm einstweilen in einem Unterstübchen ein Feldbett

aufgeschlagen worden, und von fünf zu fünf Minuten brachte der Jäger

das Bülletin.

Eine bange Stunde war schon verflossen, und noch immer keine Wirkung

da, als plötzlich der Jäger hereinstürzte, um mit triumphirender

Miene zu melden, daß eine Crisis eingetreten sey. „So eben“ sagte er,

„haben das herrnhutische Mittel, welches nach vorn intendirt war,

auf die hintere Constitution gewirkt.“ Mit einem glücklichen Lächeln

empfing man die frohe Nachricht; ich aber machte bei mir selbst ernste

Betrachtungen. Ist es nicht klar, sagte ich zu mir selbst, daß künftig

nichts mehr ohne Constitution bestehen kann? Wes das Herz voll ist,

des geht der Mund über, und hörten wir es nicht eben: Constitution ist

schon ein Lieblingswort des Volks geworden, ja, wie die Kammern in

obere und untere, theilt es auch schon die Constitutionen in vordere

und hintere ein. Zu den letztern kann man ohne Zweifel allegorisch

jene rechnen, welche auf sich warten lassen, oder unvollkommen gegeben

wurden, denn sie liegen, so zu sagen, noch im +Hinter+grunde der

Zeit, und auch in anderer Beziehung paßt die scharfsinnige Benennung,

z.B. da, wo Stände existiren, die nur dem Namen, nicht der That nach

da sind, denen ähnlich, von welchen der selige Feldmarschall K.... zu

sagen pflegte: „sie kommen mir ganz so vor, wie mein H.... Beide haben

Sitz und Stimme, aber beiden nimmt man es verdammt übel, wenn sie laut

werden.“

Doch laßt uns in den Schoos der Gemeinde zurückkehren.

Da die Ruhe im Hause nun wieder hergestellt war, benutzte ich diese

glückliche Conjunctur zu einer Ausflucht, nämlich um einen Besuch bei

Brüdern und Schwestern en gros zu machen.

Wen erfreut und besticht nicht schon der äußere Anblick jener

freundlichen, reinlichen und anspruchslosen Oertchen, welche von

Herrnhutern bewohnt sind? Ich spreche jetzt ganz ernsthaft. Gewiß ist

es ein sehr rühmliches Zeichen für sie, (man denke nun über ihren

religiösen Cultus wie man wolle) daß Processe unter ihnen unbekannt und

Verbrecher höchst selten sind; daß sie brüderlich zusammenhalten und

daß sie von jedem Gutsbesitzer als Unterthanen sehr gewünscht und allen

andern vorgezogen werden. Sie geben überall ruhig und ohne Anstand,

was des Kaisers ist, und Gott, was sie ihm schuldig zu seyn glauben.

Man wirft ihnen Heuchelei, Duckmäuserei u.s.w. vor. Was geht mich

aber das an, wenn Jemand dabei nur alle seine Bürgerpflichten gegen

mich erfüllt, und mit seiner Frömmelei weder in die Weltbegebenheiten

einzugreifen noch irgend Jemand zu schaden sucht, sondern sie nur als

ein Privatvergnügen treibt. Ich achte daher die Herrnhuter gar sehr,

aber Komisches haben sie an sich, das ist nicht zu leugnen, und ich

habe vorher erklärt, daß ich, (wirklich nach zu vielem Weinen) jetzt

aus Lachen und Scherzen mein Handwerk gemacht habe, es indeß auch

Keinem verdenke, der es mir reichlich wiedergiebt, wenn es nur eben so

harmlos geschieht.

Die Brüder und das Knaben-Institut fand ich über die Erlaubniß cynisch.

Man wurde überall, bis in den Eßsaal sogar, auf eine der Nase fast

unerträgliche Weise daran erinnert, was das endliche Loos des besten

~Dinés~ auf Erden zuletzt seyn muß; die Farbe der Kleider war

an den Kindern vor Schmutz kaum zu erkennen, und die Häupter der

Knaben schienen überdies missionarische Insekten aus allen Zonen zu

beherbergen. Das hat sich, hier, in K. W. wenigstens, gegen sonst sehr

verschlimmert und verdient Rüge. Uebrigens rührte es mich ungemein,

alles Andre noch so ganz beim Alten zu finden, denn hier in diesen

heiligen Hallen kennt man, wie in China, die Neuerungswuth noch nicht.

Jede kleine Nüance, jede Sitte, jede Eintheilung der Stunden war noch

genau wie ehemals dieselbe, und auf der nahen Wiese sah ich auch wieder

Ketta, das Lieblingsspiel meiner Kinderjahre spielen, und die frohe

Jugend lustig, wie eine Heerde Schäfchen springend, zurückkehren;

hinter ihnen der Lehrer mit zwei seiner liebsten Knaben, einen an

jeder Hand führend. Auch das kleine Gärtchen, wo Jeder sein Beet hat,

besuchte ich, und erinnerte mich, wie dort meine Gartenpassion zuerst

erwachte, und ich stets darauf sann: meinem Beete eine neue Form und

ein andres Ansehn zu geben. Einmal hatte ich das Unglück, in der Hast

einen meiner Mitschüler, der sich eben bückte, mit der Hacke so schwer

in den Kopf zu hauen, daß sein Blut auf meine Blumen strömte und mir

die Gärtnerei lange verleidete. Der Arme war ein lieblicher Knabe, ein

Graf H...., der, als er zum vielversprechenden Jüngling gereift war,

sich aus unglücklicher Liebe -- erschoß. So schien sein rothströmendes

Haupt, das mir noch immer vorschwebt, eine blutige Vorbedeutung! --

Ich wurde, nach dem bisher Gesehenen, angenehm überrascht, im

Schwesternhause und der Mädchen-Anstalt, besonders im ersten, die

musterhafteste Reinlichkeit und Nettigkeit, dabei aber auch ächt

weiblich geheizte Zimmer, trotz der schon warmen Jahreszeit, zu finden.

Die alte Vorsteherin sah ganz einer Aebtissin ähnlich und hatte, gegen

die hiesige Sitte, etwas sehr Bestimmtes und Würdiges, so zu sagen,

klösterlich Weltliches in ihrem Wesen. Auch ermangelte sie nicht,

das Haus möglichst gelten zu machen, zeigte mir mehrere Säcke voller

Lebensmittel und Sachen, die sie an eben abgebrannte +Nicht+herrnhuter

schicken ließ, und machte mich darauf aufmerksam, wie alle Arten von

Handwerken und Geschäften im Hause selbst betrieben, und nur allein

Schuhe von außerhalb desselben bezogen würden. „Ja Alles“ -- wie sie

sich in ihrer sechzigjährigen Unschuld komisch genug ausdrückte,

„Alles, was wir brauchen, besorgen wir uns selbst, nur den Untertheil

müssen wir den Brüdern überlassen.“

Die Schwestern sind nach ihrem Alter in verschiedene Stuben vertheilt,

und da wir +auch+ von +unten+, ich meine: von den Aeltesten, anfingen,

so war für steigendes Interesse gesorgt. In dem Zimmer der Fünfzehn-

und Sechzehnjährigen fand ich einige allerliebste schmachtende

Gesichter. Alle standen sogleich von ihrer Arbeit auf, so wie wir

hereintraten, und nun frug die Vorsteherin, um ein wenig damit zu

prunken: +wie weit her+ die Mädchen wären, die erste:

„Friederike, wo bist Du her?“

Tutti Frutti, Erster Band (von 5) Aus den Papieren des Verstorbenen · 第 15 / 25 题