Besuch im Herrnhutischen.
Ich bin unter den Herrnhutern erzogen. Mit dem 11ten Jahre verließ ich
sie und vielleicht kehre ich mit dem 71sten wieder unter sie zurück.
Weisheit ist Alter, sagt ein Sprüchwort, und dennoch schützt, wie ein
zweites sagt, Alter vor Thorheit nicht!
Vor der Hand jedoch, wo ich kaum die Hälfte jenes Weges zurückgelegt
habe, mache ich es noch wie alle Uebrigen, d.h. ich lache über die
Thorheiten +Anderer+ und liebe meine eigenen; später hoffe ich
auch über diese zu lachen, um wieder neue dafür einzutauschen -- denn
für jedes Alter, Gott Lob! geben die Menschen etwas zu lachen, die
Welt etwas zu genießen und die Thorheit etwas an sich selbst zu lieben.
In dieser seltsamen, drolligen Welt umherirrend, kam ich eben von
Afrika zurück, wohin ich gegangen war, um den großen Pascha Mehemed
Ali kennen zu lernen, und fand mich nun ~post varios casus~[3]
zufällig und halb verwundert in der Heimath wieder, gleich jenem
lustigen Bruder, der, nachsinnend, wie er sich ein recht raffinirtes
Vergnügen verschaffen wolle, endlich auf den neuen Einfall kam:
einmal eine Nacht zu Hause zu schlafen. Unter solchen Betrachtungen
setzte ich mich denn eines Nachmittags auf meine Droschke, mit zwei
arabischen Pferden bespannt, und fuhr über Stock und Stein, oder, um
genauer zu sprechen, über Sand und Wurzeln, durch Kiefern und Tannen,
dem stillen Oertchen K. W. zu. Mein Anzug war schwarz, mein Gesicht
schwarz gebrannt, meine Haare orientalisch schwarz gefärbt, meine
Rosse schwarz, und selbst meine Droschke schwarz beschlagen; denn ich
liebe diesen Gegensatz der Farbe zu der Heiterkeit meines Innern, die,
besonders wenn ich allein bin, mich selten verläßt. So glaubte ich also
mich recht passend für den Zweck der vorliegenden frommen Irrfahrt
equipirt zu haben. Man konnte mich entweder für einen eleganten
reisenden Pastor oder auch für Mephistopheles halten, welcher, wie wir
von guter Hand wissen, ebenfalls zuweilen den ~Doctor theologiae~
spielt.[4]
Nach einigen Stunden gelangte ich an ein angeschwollenes Flüßchen
(es war am 3ten Mai und kaum erst der Schnee auf den Gebürgen
geschmolzen), dessen schäumende Wogen die letzten Rudera einer
gebrechlichen Brücke eben noch vor meinen Augen abrissen, und auf
ihrem gekräuselten Rücken lustig forttanzen ließen. Slavische (seit
der wohlthätigen Regulirung nicht mehr sclavische) Bauern waren sehr
beschäftigt, sie aufzuhalten, und die ruhigere Breite des Wassers in
der Ferne ließ mich hoffen, dort wohl eine Furth zum Hindurchfahren
zu finden. „Wie heißt der Fluß?“ rief ich einem, mit den Händen in
den zerrissenen Hosentaschen ruhenden, mich anstarrenden Wenden zu.
„I schwarze Schöps!“ erwiederte er lakonisch, ohne sich zu rühren,
noch durch den mindesten Gestus seinen Worten zu Hülfe zu kommen,
die, meiner eigenen theologischen Schwärze mir bewußt, fast wie eine
Anzüglichkeit klangen.
Mit Mühe brachte ich endlich von ihm heraus, daß der jetzt in
zehnfacher Wassermasse strömende Fluß nirgends hier in der Nähe zu
passiren sey, und ich mußte mich daher bequemen, seitwärts eine Straße
einzuschlagen, auf der ich bald ein Landstädtchen erreichen sollte, wo
man mir gutes Obdach versprach. Es verursachte dies zwar einen langen
Umweg, wer aber so wie ich die Erde zu durchstreifen gewohnt ist, dem
kömmt es darauf nicht an, er ist überall zu Hause und auf seinem Wagen
am meisten; je unbekannter und ungewisser die Zukunft vor ihm, desto
besser. Im Grunde freute ich mich daher mehr über das unvermuthete
Hinderniß, als es mich störte, und meine leichten Thiere antreibend,
erreichte ich das angesagte Nachtquartier auch glücklich noch mit
einbrechender Dämmerung.
Eine freundliche, dicke Wirthin kam mir, den fremden lucrativen
Zuspruch wahrscheinlich schon von weitem mit Kennerblick entdeckend,
bis auf die Straße entgegen und half mir selbst rüstig aus dem Wagen,
wobei sie schon im ersten Augenblick eine Suada entwickelte, die nicht
wenig mit dem Lakonismus des Wenden am schwarzen Schöps abstach.
Uebrigens schien hier +Alles+ unter dem Zeichen des Widders zu
stehen, denn, wie ich auf Befragen erfuhr, hieß der Ort Bocksberg,
und der Gasthof, ein klösterlich dunkles Haus, zum goldnen Lamm. Das
Ebenbild des letzteren, welches in Stein gehauen, vielleicht früher
zu religiöser Andeutung dienend, jetzt aber dem Weltlichen verfallen,
nun statt der Vergoldung hellgelb angestrichen worden war, schaute in
seiner Verstümmelung ganz kummervoll vom hohen Giebel auf mich herab.
Ungeachtet dieses wenig versprechenden Aeußern, wies man mir indeß eine
recht gute und hohe Stube an, mit einem großen Kamin, einem riesigen
Himmelbett, alterthümlichen Meublen, alles bequemer und reinlicher,
als man es gewöhnlich in den kleinen Städten unsres lieben Vaterlandes
anzutreffen gewohnt ist, und als ich die an den Wänden hängenden
verblaßten Bilder musterte, bemerkte ich darunter mit Verwunderung
das gut gezeichnete und sehr ähnliche Portrait eines Verwandten
unsres Hauses, der einst das glänzende, wenn gleich eben nicht
empfehlenswerthe Vorbild meiner Kindheit gewesen war.
„Wie kömmt dieses Portrait hierher?“ frug ich die mir noch zur Seite
stehende Wirthin.
„Halten zu Gnaden! das ist der Starost B...., mein alter Herr und
Wohlthäter, dem ich, oder (verbesserte sie schnell) der Frau Gräfin 21
Jahre lang als Kammerjungfer gedient habe; aus welcher glücklichen Zeit
mir denn dies Bild noch übrig geblieben ist.“
„Ach, ich verstehe!“ lächelte ich, sie genauer fixirend, und wirklich
auf dem runden, obgleich nun auch schon runzligen, Gesicht der
gedienten Kammerjungfer waren immer noch einige ~beaux restes~ aus
alter Zeit sichtbar; ja, je mehr ich sie betrachtete, erschien sie mir
immer weniger fremd, und endlich blieb mir kein Zweifel übrig, daß ich
-- wahrlich ich irrte mich nicht -- eine sehr gute Bekannte aus meinem
14ten Jahre vor mir hatte. Mehr als zwei Decennien waren freilich
seitdem verflossen -- o Zeit! ich sah in der Alten Gesicht wie in einen
Spiegel und fühlte rückwirkend deinen Stachel! -- Die gegenseitige
Erkennungsscene wurde dennoch freudig von mir beschleunigt; denn ich
bin noch immer so gutmüthig, mir einzubilden, alte Bekannte müßten sich
eben so sehr freuen, nach langer Trennung +mich+ wiederzusehen,
als ich +sie+ -- und diesmal wenigstens traf meine Voraussetzung
ein.
Da die arme Cathinka keine vornehme Dame war, so hatte sie keine
Ursache, mir, wie jene französische, dem unbequemen Mahner an längst
vergangene vertrauliche Stunden, zuzurufen: „~Eh, Monsieur,
appellez vous cela connaître?~“ -- Im Gegentheil, die Verleugnung
hätte diesmal mit allem Rechte nur von meiner Seite statt finden
können, denn Cathinka hatte schon längst die Sonnenseite des Lebens
überschritten, ich -- noch nicht so ganz. Zum Lohne dafür überschüttete
sie mich denn auch mit den ausgesuchtesten Schmeicheleien; ja selbst
ein Hofmann hätte hier noch etwas lernen mögen. Als unter andern
meine jugendliche Schönheit (es ist von damals die Rede, liebe
Leserinnen) gepriesen wurde, und unter andern gesagt, daß auf jenem
verhängnißvollen Maskenballe vor 24 Jahren (auf den ich ein andresmal
zurückkommen werde) man kein reizenderes Paar gesehen, als die junge
Gräfin von B.... und mich, und ich mit bittersüßer Miene erwiederte:
„Ach Gott! die ist nun auch schon im alten Register, ja, ich fürchte
fast, wir beide sind grade in denselben Jahren;“ versicherte Cathinka
unbedenklich: „+damals+ sey es allerdings so gewesen, aber
seitdem habe die Gräfin mich ohne Zweifel weit überholt.“ „Nun dem
Himmel sey Dank!“ rief ich lached, „wenn Du eine +so glückliche
Verschiedenheit+ für möglich hältst, kann Dein Glaube mehr als Berge
versetzen.“
Unterdessen verlor ich, als ein Vielerfahrner, mein altes Princip
nicht aus den Augen: ~qu’il faut faire flêche de tout bois~, ein
Sprüchwort, dessen Lebensweisheit unerschöpflich ist; und da hier
Liebe nicht mehr an der Tagesordnung war, wendete ich meine Gedanken
nach der Küche, mich wohl erinnernd, daß Cathinka, selbst als sie noch
hübsch war, schon ein bedeutendes Talent in dieser Region entwickelte,
welches ohne Zweifel jetzt zu noch höherer Reife gediehen seyn mußte.
Ich benutzte daher alle vergangenen Reminiscenzen, nur um +diese+
Kunst der Freundin von Neuem ins Feuer zu bringen. Man versprach,
geschmeichelt und voller Freude, Wunder zu thun, und in der That, das
~soupé~ zeigte sich der Elevin eines berühmten Gutschmeckers und
Bonvivants würdiger als der bescheidenen und christlichen Apparence
des güldenen Lammes zu Bocksberg. Der nachsichtige Leser aber kennt
schon durch Freund und Feind meine irdischen Dispositionen zu gut, um
einen Augenblick zweifeln, daß ich auch von meiner Seite demselben alle
mögliche Ehre erwies.
Sobald hierauf noch der Duft zwei ächter Havannah-Cigarren verraucht
war, (denn auch dieses Laster habe ich an mir) suchte ich die Ruhe mit
meiner lieben Staatszeitung in der Hand, wo ich denn auch kaum gelesen
hatte, daß ein russischer Courier angekommen, der Theaterkassirer
sein Jubiläum gefeiert, wobei die Gesellschaft Heil Dir im Siegerkranz
gesungen, und der Hofschneidermeister Dürre mit dem allgemeinen
Ehrenzeichen decorirt worden sey, als ich sanft und selig entschlief.
Schon mochte ich wohl ein paar Stunden lang in jenem seltsamen
Traumlande geruht haben, das uns wahrscheinlich das Leben der Thiere
auf ihrer untern Stufe abspiegelt, als ein sonderbares beängstigendes
Gefühl mich langsam erweckte.
Mit Mühe schlug ich die Augen auf und glaubte schaudernd +noch+
zu träumen -- denn eine alte fahle Frau in aschgrau alterthümlichem
Gewande, einen großen Bund Schlüssel an der Seite hängend, und einen
einzelnen, noch größeren Schlüssel in der Hand haltend, stand, mich
wehmüthig anblickend, an meinem Bette.
In dumpfer Betäubung starrte ich hin und sah sie eine, eben im
Verlöschen begriffene Lampe mit der andern Hand langsam nach mir empor
heben, deren aufflackernder Docht zuweilen, wie mit schwachen Blitzen,
das erdfahle Gesicht hell erleuchtete, während die vermoderten Züge
gleich darauf wieder in noch grausenhaftere Dämmerung zu verschwimmen
schienen.
Ich war wie gelähmt -- ob vor Schreck, oder durch übernatürlichen
Einfluß, noch jetzt wäre es mir unmöglich dies zu entscheiden --
doch ermannte ich mich nach einigen Secunden und wollte mich eben
gewaltsam aufreißen, um das räthselhafte Wesen vor mir zu ergreifen,
als das Gespenst mit halbtrauriger, halb eifriger Miene den großen
Schlüssel bedeutungsvoll mir darreichte, und als ich unwillkürlich
zurückschauderte, ihn drohend und wie im höchsten Unwillen plötzlich
an meinen nackten Hals drückte. Die Berührung des kalten Stahls
durchzuckte mich wie ein Dolchstich, und für einige Augenblicke muß
mir alles Bewußtseyn geschwunden seyn, denn als ich wieder aufblickte,
war Gestalt und Lampe verschwunden. Das alte Dunkel füllte wieder
meine, vergeblich sich hineinbohrenden Augen. Scheu wandte ich endlich
den Kopf gegen die Mauer, da schien es von Neuem, als entferne sich
allmählig durch sie hin ein blasses Licht. Nein! das ist zu toll!
rief ich, mich nach und nach fassend und zum lauten Lachen zwingend;
kann man so albern träumen! Also hat dich doch auch einmal der Alp
gedrückt, fuhr ich, noch immer schaudernd, fort, denn -- soll ein
vernünftiger Mensch solchen Unsinn anders erklären? -- Ich tappte
nach dem Waschtische, trank ein großes Glas Wasser, ging, mit den
Händen sorgsam um mich fühlend, ein paarmal in der kalten Stube auf
und ab, und als ich hierauf, vom Frost, und vielleicht auch noch von
der ausgestandenen Angst geschüttelt, wieder nach dem warmen Bett
verlangte, wickelte ich mich in meine Decken und schlief endlich
nach niedergekämpfter Geisterfurcht, ferner nicht mehr angefochten,
glücklich wieder ein. Als ich erwachte, war es heller Morgen. Mit dem
Tageslicht verschwand die unheimliche Spannung der Nacht gänzlich; ich
bestärkte mich leicht in der Ueberzeugung, nur lebhafter als gewöhnlich
geträumt zu haben, fand es aber doch sonderbar, als ich gleich beim
Erwachen noch immer einen, auch später wiederkehrenden stechenden
Schmerz am Halse zu fühlen glaubte, ja diesen selbst leicht geschwollen
fand -- doch achtete ich später nicht weiter darauf.
Meine Toilette (genau nach Göthe’s Vorschriften für den Mann von 40
Jahren eingerichtet), war kaum zur Hälfte fertig, als Cathinka mit
dem Kaffee erschien. „Aber sage mir“ rief ich ihr schon von weitem
entgegen: „was für allerliebste weibliche Besuche menagirst Du den
Gästen hier in Deinem alten gothischen Neste?“
„Herr du meine Güte!“ stammelte sie erblassend, und ließ fast die
dampfende Kanne auf den Boden fallen; „gewiß die Rentmeister Rasiussin!“
„Was Teufel willst Du mit der Rentmeister Rasiussin? --“
„Ach mein gnädigster, liebster Herr! die Freude über Sie hat mich die
Stube ganz ausser Acht geben lassen, in die ich Sie gebettet. Ja es
ist nur zu wahr: es ist dort nicht geheuer! Doch seit Jahr und Tag
hatte sich der Spuk nicht mehr sehen lassen und muß nun grade Sie
erschrecken!“ --
„Nun, nun!“ erwiederte ich, etwas an meiner Eitelkeit gekränkt, „der
Geist hat sich vielleicht den wenigst Schreckhaften ausgesucht; -- aber
was ist denn mit diesem silbernen Spuk?“ --
„Ach Gott! freveln Sie nur nicht und hören Sie mich aufmerksam an. Wer
weiß! vielleicht sollen Sie der seyn, der den Schatz findet: die Krone
und das Kreuz und Alles zusammen!“ --
„Gute Cathinka! welche Thorheiten! Einen alten Schatz fand ich zwar
schon hier an Dir wieder; aber bei solchen Schätzen, die aus Geld und
Geldeswerth bestehen, hatte ich mein Lebelang kein Glück. Eher, fürchte
ich, bin ich dazu geeignet, welche zu verlieren, als zu gewinnen. Doch
setze Dich her, trinke Deinen Kaffee mit mir und erzähle.“
Dieß ließ sich Cathinka nicht zweimal sagen. Schnell hatte sie mir
gegenüber Posto gefaßt und nachdem ich selbst erst ihr mein Abentheuer
noch weitläuftig zum Besten gegeben, begann sie, wie folgt.
„Im Anfang des vorigen Jahrhunderts regierte hier der reiche Graf
P...., von dem Sie gewiß oft gehört zu haben, sich erinnern werden.
Der besaß fast alle die großen, jetzt vielfach getheilten Herrschaften
in der Provinz und lebte meistens auf seinem Jagdschlosse in der
Nähe, wovon noch die Ruinen im Walde zu sehen sind, in Herrlichkeit
und in Freuden. Er zeigte sich aber auch immer gut und großmüthig
gegen die Armuth, so daß alle ihm von Herzen zugethan waren. Wie er
nun schon die Fünfzig passirt hatte, verliebte er sich mit einemmale
noch gewaltig in ein Bürgermädchen hier aus der Stadt, einen wahren
Ausbund von Schönheit und Lieblichkeit, wie man erzählt, die aber,
obwohl nur eine arme Spitzenklöpplerin, doch allen seinen Verlockungen
herzhaft widerstand. Und so entschloß endlich der Graf sich kurz und
gut, sie ohngeachtet ihres niedrigen Standes zu heirathen. Seine großen
Herrschaften waren indeß alle Lehngüter, und der einzige noch übrige
Lehnsvetter, ein gewissenloser Mensch vom schlechtesten Rufe, dem das
natürlich nicht gefallen wollte, bewegte also Himmel und Erde, um diese
Absicht des reichen Vetters zu hintertreiben.“
„So standen die Sachen, als der Graf, eines Tages von der Jagd
zurückkehrend, nach dem Genuß einiger Erfrischungen jähling erkrankte,
nicht ohne einen dunkeln Argwohn, daß sein präsumtiver Erbe Antheil
daran habe. Dieser war zwar selbst zu der Zeit nicht gegenwärtig, aber
schon längst hatte das Publicum ein strafbares Einverständniß zwischen
ihm und dem gräflichen Rentmeister Rasius zu bemerken geglaubt, einem
finstern, harten Mann, den man, und noch mehr seine böse, in der ganzen
Gegend gefürchtete Frau, jeder Uebelthat fähig hielt. Dem sey nun, wie
ihm wolle, genug, der Graf starb zwar nicht, schien aber, seit er vom
schweren Krankenlager erstanden, seines Verstandes nicht mehr recht
mächtig zu seyn.
In tiefe Melancholie versunken, saß er Tage lang einsam, im dunkeln
Zimmer, und sprach von nichts als seiner geliebten Marie, welche
während seiner Krankheit, durch Gott weiß welche Mittel, aus dem Orte
plötzlich verschwunden war.
Erst hatte er bei dieser Nachricht getobt und gerast, später aber war
er mit einemmal ganz ruhig geworden und erwartete sie nun jeden Tag
geduldig, die Umstehenden immer versichernd: morgen werde sie gewiß
von ihrer Reise zurückkehren, von der er ja nun recht wohl wisse,
warum sie sie habe antreten müssen. Dabei bestand denn des armen
Herrn einziges Vergnügen darin, daß er für die Abwesende fortwährend
prächtige Gewänder und kostbaren Schmuck aller Art ankaufen ließ,
was er dann in seiner Verstörung um sich her aufzustellen befahl,
und ein ausgeschnittenes, auf plattes Holz gezogenes Oelbild des
jungen Mädchens, das mitten in seiner Stube stand, und noch jetzt auf
einem fürstlichen Schlosse in Schlesien vorhanden seyn soll, unter
kindischen Liebkosungen an- und auszog, und bald mit diesen, bald mit
jenen Juwelen zu schmücken pflegte, oft sich einbildend, die kalte
Holzfigur habe wirklich Fleisch und Blut, und sey sein wiedergekehrtes
liebes Mädchen selbst geworden.“
„Verwunderlich war es, daß von dem Augenblicke seiner Verwirrung
an der Graf den Rentmeister Rasius, dem er früher seine Abneigung
nicht selten durch harte Begegnung fühlbar gemacht hatte, zu seinem
Liebling erkor, sich gar nicht mehr von ihm trennen konnte, oft mit
ihm sich einschloß, und ihm auch in der Führung seiner Geschäfte ein
ganz unbedingtes Vertrauen schenkte. Ihm auch hatte er den täglich
sich mehrenden Juwelenschatz des Holzbildes in Verwahrung gegeben,
den nur selten noch ein anderes Auge erblickte. Rasius allein mußte
ihn bringen, wenn der Graf darnach verlangte, und ihn dann Abends
eben so geheimnißvoll wieder mit hinwegnehmen, so daß es doch am Ende
auch nur ein unverbürgtes Gerücht und eine Sage blieb, was unter die
Leute kam, von der unbeschreiblichen Pracht der glänzenden Steine, und
wie besonders eine Krone darunter hervorstrahle, gegen welche die des
Königs von Polen nur Theaterplunder sey, und ein Kreuz von Rubinen,
das viele Jahre der Revenüen des reichsten Edelmannes nicht bezahlen
könnten.“
„Doch es dauerte nicht sehr lange, so fing man an, von gerichtlicher
Untersuchung wegen des Herrn bedenklichem Zustande zu sprechen, und daß
er der weitern Verwaltung seines Vermögens wohl gar für unfähig erklärt
werden würde, als ganz unerwartet auch sein eben angelangter böser
Neffe erkrankte und nach wenigen Tagen starb.“
„Da nun in Ermangelung weiterer männlicher Erben die Lehne sämmtlich
dem Könige zufallen mußten, so wurde des Grafen Ruhe von dieser Seite,
durch begehrliche Erben wenigstens nicht ferner gestört, und unter ihm
regierte von nun an, völlig unumschränkt, der gefürchtete Rasius. Das
soll eine schreckliche Zeit für die armen Unterthanen gewesen seyn! Auf
seinem Jagdschloß, wie gefangen gehalten, sah man den Herrn nie mehr
öffentlich erscheinen, und man wußte kaum mehr, was aus ihm geworden
sey. Endlich nach vielen, wahrscheinlich in immer überhandnehmendem
Wahnsinn und harter Behandlung zugebrachten Jahren, wurde mit einemmal
sein Tod bekannt gemacht. Nur als Leiche und auf dem Paradebett,
sahen seine bekümmerten Unterthanen ihren geliebten Grafen, welcher
sich ihnen in alter Zeit so oft als Vater und gütiger Herr gezeigt,
zum letztenmale wieder, und allerlei unheimliche Gerüchte gingen im
Schwange über sein ganz verändertes Aussehn, und daß, als Rasius an
das Paradebett getreten, er die Augen wieder aufgeschlagen, so daß man
sie ihm kaum habe wieder zudrücken können.“
„Königliche Beamte übernahmen bald darauf die Güter, da kein Erbe
mehr da war; einiges baare Geld ward mit denselben übergeben, von
den Schätzen des Bildes aber -- wie man sie im Schlosse nannte --
hörte man nichts weiter, und doch blieb Rasius wider alles Vermuthen
unangetastet. Er selbst entsagte indeß binnen Kurzem freiwillig
seinem Dienste, kaufte das alte Klosterhaus, worin jetzt mein Gasthof
ist, richtete sich nach und nach reich und prächtig ein, schien aber
seines Geldes nimmer recht froh werden zu können. Jedes Jahr hatte er
überdies regelmäßig einen Todesfall in seinem Hause, bis, eins nach
dem andern, alle seine vier Kinder gestorben waren. Da wurde er ganz
menschenscheu, verschloß seine Thür Einheimischen und Fremden, und
lebte fortan ungesehen und einsam mit seiner bösen Frau allein. Meine
Großmutter hat diese Frau selbst noch recht gut gekannt und mir oft
von ihr erzählt, daß sie gar keinen Schlaf gehabt habe und, gleich der
Königin in der Komödie, immer wie mondsüchtig in den langen Gängen
umhergeirrt sey. Aus dem Seitenhause, wo meine Großmutter wohnte,
konnte sie allnächtlich ihre Lampe hell leuchten sehen, und ein
großes Schlüsselbund, sagte sie, habe sie immer klirrend an der Seite
getragen; überhaupt beschrieb sie ihren Anzug grade so, wie Sie, guter
Graf Carl, und viele Andere schon vor Ihnen, sie seitdem in dieser
Stube gesehen haben wollen. Und was das Seltsamste ist, grade an Ihrem
Bett, wo Sie das Licht haben durch die Wand verschwinden sehen, da ist
der ehemalige Eingang zu der Alten Zimmer gewesen, den mein Mann schon
vor zwölf Jahren zumauern ließ, um dem Gerede über ihr Umgehen den
Mund zu stopfen. Aber was hilfts! solche Art Leute, du meine Güte! die
gehen durch eine Mauer eben so leicht, als durch eine offene Thüre!“
„Doch, um zu meiner Geschichte zurückzukehren, die Ihnen ohnedies wohl
schon zu lang vorkommen mag, so will ich nur noch sagen: Sterben müssen
wir einmal Alle, Gute und Böse, und so ging auch endlich Herr Rasius
+dahin+, wo ich ihm nicht folgen mag; und seine Frau blieb nun ganz
allein von der Sippschaft übrig. Nun aber fing sie erst recht an, die
ganze Nacht herumzuziehen! Sie trieb es aber nicht mehr lange, und als
endlich auch ihr letztes Stündlein schlug, so hatte sie, wie gesagt,
weder Kind noch Kegel mehr, ihrer liebreich zu warten und nur noch eine
einzige entfernte Schwester am Leben. -- Nach der schickte sie nun
Boten über Boten und wollte ihr mit Gewalt noch Etwas entdecken. Einen
großen Schlüssel ließ sie aber Tag und Nacht nicht aus der Hand und
rief immer angstvoll nach der Schwester, und soll schreckliche Worte
ausgestoßen haben: ob sie denn ganz umsonst in die Hölle fahren solle,
und sich dann selber verflucht, und solche abscheuliche Reden mehr
gehalten haben, daß meine selige Großmutter immer, nach alter frommer
Weise, ein Kreuz über das andre machte, wenn sie davon erzählte.“
„Die Schwester kam aber nicht -- und so hat die Frau Rasiussin mit dem
Schlüssel, noch fest in die krampfhaft geschlossenen Hände geklemmt,
begraben werden müssen; denn Jeder fürchtete sich, ihn gewaltsam heraus
zu reißen, weil die Leiche ihn wie mit eisernen Krallen fest hielt, und
so entsetzlich dabei ausgesehen haben soll, daß auch dem Herzhaftesten
die Haare davor zu Berge gestanden.“
„Es hat nachher auch Niemand gewußt, wo der Schlüssel eigentlich
hinpasse, denn zu allen Thüren im Hause, auf dem Boden und im Keller,
ist Alles richtig da gewesen. Aber nirgends fand man dort weder
Geld noch Kostbarkeiten, nur munkelte man später, daß der Apotheker
hier daneben, der immer reicher wird, man weiß nicht wie, im tiefen
Brunnen in seinem Garten, der sonst mit zu meinem Hause gehörte,
viel altes Silber, alles noch mit dem Wappen der P....e gezeichnet,
heraufgezogen haben soll. Ob er nun auch den übrigen Schatz gefunden,
das mag freilich der Himmel wissen; ich glaube es aber jetzt bestimmt
+nicht+, weil die Frau Rentmeisterin wieder umgeht, was seit
sieben Jahren nicht mehr der Fall gewesen ist. Damals sah sie mein
Mann, wie er freilich schon ein bischen blödsinnig war, dort eben durch
dieselbe zugemauerte Thüre gehen und am Ende des Ganges hinter ihrer
Stube plötzlich verschwinden. Wie er aber selber so weit hat durch
die Mauern sehen können, ist doch wohl nicht recht zu begreifen,
und ich dachte daher oft -- Gott verzeih’ mir die Sünde! -- es sey
Alles nur dummer Schnack; aber nun kömmt Einem der Glaube wohl in die
Hände, und nach dem, was Ihnen heute Nacht begegnet ist, lasse ich
mich jetzt darauf todt schlagen, daß der Schatz noch da ist. Ich will
auch selber auf der Stelle nachgraben lassen; denn wer von uns armen
Menschenkindern kann denn wissen, was ihm vielleicht noch hier für
Dinge beschieden sind! Freilich ungerechtes Gut gedeiht nicht! -- Das
ist wohl wahr -- und da mag es doch am letzten Ende der Teufel lieber
behalten. Was meinen Sie, gnädiger Herr?“
„Ja wohl,“ erwiderte ich, „mit solchen großen Herren, wie Satanas, ist
nicht gut Kirschen essen!...“
... „Herr Jesus!“ kreischt es da vor mir -- noch ein gellender Schrei
und -- voll Entsetzen, seh’ ich Cathinka leichenblaß zur Erde sinken.
Mechanisch wende ich mich um -- da gewahre ich ein Wesen, ganz dem
ähnlich, welches ich in der Nacht gesehen, das mit aufgehobenem
Schlüssel in der Hand, mich furchtbar freundlich angrinst. Es sehen,
zuspringen und es nicht sanft bei der Brust fassen, war diesmal Eins;
doch das Fleisch und Blut, welches ich beruhigt fühlte, kühlte mich
bald ab und ein trauriges Gewimmer von Seiten der Gefaßten löste
schnell meine Hand. „Wie kömmst Du hierher? -- Was willst Du hier?“
schrie ich ihr zu, noch über meinen eignen Schrecken erzürnt. --
Doch keine Antwort erfolgte, nur ein unverständliches Gemurmel und
neues Emporhalten des Schlüssels. -- Cathinka schlug jetzt die Augen
wieder auf, starrte eine Secunde lang die graue Unbekannte an, und
plötzlich aufspringend, stammelte sie mit wiederkehrender Farbe: „Nein,
Liese! Ist es möglich? Bist Du es, und bringst mir meinen verlornen
Gartenschlüssel? -- Nein, so was ist doch zum Schlagrühren! hätte ich
doch bald den Tod vor Schreck gehabt! Aber wie ist die Tolle denn so
heimlich hereingekommen? Und was kann sie nur die Nacht hier im Zimmer
gemacht haben?“.....
Und nun begann sie mehrere Zeichen, wie zu Taubstummen zu machen, die
das Ungethüm noch viel schneller eifrig erwiederte. Ich konnte jedoch
bald bemerken, daß es die letzte Frage beharrlich zu verneinen schien.
„Unbegreiflich!“ sagte Cathinka, „ich habe die taubstumme blödsinnige
Liese wiederholentlich gefragt: ob +sie+ die Nacht hier gewesen
sey? sie behauptet aber standhaft +nein+; sie habe eben erst
meinen vorgestern verlornen Gartenschlüssel, für den ich vier Groschen
Belohnung hatte aussetzen lassen, weil es doch fatal ist, wenn einem
Fremden so was in die Hände kömmt, in einem von den Löchern, die zum
neuen Zaune gegraben worden sind, gefunden, die Nacht aber ruhig auf
ihrem Boden geschlafen, den ich ihr aus Mitleid eingeräumt habe. Wie
sie aber jetzt hereingekommen, hätten wir, sagt sie, gar nicht auf sie
achten wollen, und so habe sie sich endlich hinter Sie gestellt und den
Schlüssel in die Höh’ gehalten, der mich so abscheulich erschreckt hat,
daß ich noch am ganzen Leibe davon zittere und bebe.“
„So muß die Liese eine Nachtwandlerin seyn!“ -- fiel ich ein; aber
bei genauerer Besichtigung fand sich doch die Kleidung, ja selbst
die Form des Schlüssels ganz anders; und gesetzt auch Liese wäre als
Somnambule im magnetischen Schlafe bei mir erschienen, -- wo hätte sie
die alterthümliche Lampe herbekommen, die ich doch so deutlich gesehen
-- und wie wäre sie gar zuletzt mit ihr durch die Mauer gewandelt? --
Verdrießlich! denn im ersten Moment glaubte ich schon die natürliche
Aufklärung meines nächtlichen Abentheuers gefunden zu haben und sah
mich jetzt wieder in neue Zweifel verstrickt.
So blieb mir denn nichts andres übrig, als mir wiederholt einzureden,
daß ich selbst eine Art von schlafwachendem Traum gehabt; denn
anzunehmen, ich habe wirklich ein übernatürliches Wesen gesehen, dazu
bin ich doch viel zu aufgeklärt und meine Leser ohne Zweifel noch viel
mehr.
Es war indeß Zeit für mich geworden aufzubrechen. Ich beschenkte die
arme Liese, um meinen unsanften Griff wieder gut zu machen, reichlich,
und nachdem ich von der alten Freundin herzlichen Abschied genommen,
mir auch zugleich den Weg nach dem ehemaligen Jagdschlosse des Grafen
P...., wo er gestorben, genau hatte bezeichnen lassen, verließ ich das
omineuse Städtchen in einer ziemlich sonderbaren Stimmung. -- Es war
ohngefähr eine solche, wo man nicht weiß, soll man weinen oder lachen,
und wo man mit dem „guten Ritter“ ganz geneigt ist, jede Windmühle für
einen Riesen anzusehen.
So fuhr ich eine ganze Zeit lang sinnend weiter und spann einen Faden
der Speculation nach dem andern ab, als mich das gewaltige Geschnatter
einer Heerde Gänse neben mir aufstörte und zwei graue Gänseriche sich
eben zum ernstlichsten Kampfe anschickten, denn Frühjahrsliebe mochte
im Spiele seyn. Mir aber kamen die barocken Gestalten wie Ritter
vor, in helle Federpanzer gehüllt, welche die roth lakirten Lanzen
eingelegt, eben gegen einander ansprengen wollten, um auf Tod und Leben
zu kämpfen, während rund umher aus dem Kranze der Damen vom hohen
Balkone melodisches Stimmengewirr, leises Flehn, süßes Flüstern, bald
für Diesen bald für Jenen den Sieg vom Himmel zu erbitten schien.
Und ich bewunderte die tapfern Prinzen, die immer neue Gänge begannen,
so ungleich manchen +unsres+ Geschlechts, welche ihre Zwiste nur
durch andre Gänseriche auszumachen pflegen, die auch gutmüthig genug
sind, sich für ihr Interesse todt schlagen zu lassen. Diese gefiederten
Prinzen zahlten wenigstens mit ihrer Person. Ich aber nahm mir vor,
mit höherer Macht begabt, jetzt wohlthätig ihren Streit zu schlichten
und dann gelegentlich ihre Tapferkeit mit ihren eignen Federn zu
schildern; denn bin ich nicht auch eine Art Federritter? ein Edler des
neuen Faustrechts, welches den Kiel statt des Schwerdtes führt, und
wahrlich in geschickter Hand keine geringeren Wunden, als jenes einst
versetzte, auch heute noch zu schlagen weiß. Ja seltsam genug ist es,
daß die einflußreichsten und gefährlichsten Federhelden unsrer Zeit
sogar denselben +Namen+ wieder führen, als ehemals die mächtigen
Schwerdthelden; ich meine die Ritter Burggrafen in Deutschlands Gauen,
welche „~Advocati~“ hießen.
Nun nahm ein weiter Wald mich in seine einsamen Schatten auf. Scheues
Wild knisterte hie und da durch die Zweige, der Kukuk ließ sein
geheimnißvolles Frühlingswort bald da, bald dort, wie Koboldsruf
erschallen, und froh ward mir wieder die Brust, alle nächtlichen
Schauer schüttelte ich von mir ab: denn in mir und außer mir fühlte ich
mich von neuem lebhafter und inniger im Tempel Gottes, in den Armen der
ewigen Liebe und der erhabnen Natur.
Freilich verlassen wir eigentlich diesen Tempel nie: doch werden wir
nicht immer uns desselben mit gleichem Entzücken bewußt, da, wo des
Menschen einseitiges Walten seine Spinnengewebe darüber hingezogen hat.
So gelangte ich, nach ziemlich mühsamem Suchen und schwierigem
Vordringen auf verlassenen Pfaden, in das reizende Revier, wo auf einem
Hügel, langsam verfallend, die Ruinen des Jagdschlosses stehen, in dem
der unglückliche Graf sein schmerzliches Leben beschloß. In reizendem
Contrast mit diesem trüben Bilde war die romantische Umgebung.
Hundertjährige Fichten faßten hier mit ihrem schwarzen, faltigen Mantel
blumige Wiesen ein, junge Birken mit den zarten sprossenden Blättern
bedeckten das tiefe Thal, und durch das Erlengebüsch raschelte, wie
unzählige Eidechsen, in hundert phantastischen Krümmungen, das kleine
Bächlein, welches unter den noch übrig gebliebenen Mauern des alten
Schlosses sich verlor.
Wie schön, wie herrlich, dachte ich mit frommem Gebet, ist doch deine
Schöpfung, o Gott! -- und welches verhängnißvolle Geheimniß ist es,
das nur den Menschen allein so oft ausschließt von jenem allgemeinen
Genuß. Warum quält nur er sich im Staube, und sorgt, und rollt ewig
den Stein des Sisyphus, während doch alle Vögel so freudig singen und
die Blumen so harmlos duften, unbekümmert um den folgenden Tag. Ja!
theuer bezahlen wir die höhere Erkenntniß, theuer die genossene Frucht
vom verbotenen Baume, dieses chemische Wissen, welches Alles in seine
Bestandtheile zersetzt und darüber das Ganze verliert. Und wer weiß,
wie oft schon auf dieselbe Weise die Niederlage sich erneute, welche
die zu viel Erforschenden -- die himmelstürmenden Giganten -- wieder in
das Dunkel der Tiefe herabwarf.
So dacht’ ich bei mir und fühlte herben Schmerz und doch auch seligen
Genuß; denn unergründlich sind die Schachten unsrer Seele! Ich mußte
mein Entzücken über Gottes herrliche Natur an irgend etwas auslassen,
irgend einem lebenden Wesen liebkosen, und da sich nichts andres
vorfand, so streichelte und küßte ich meinen herrlichen Rustan, meinen
Lieblingsgaul, einst das Leibroß eines fanatischen Wechabiten -- jetzt
Pegasus im Karren eines christlichen Philosophen.
Das edle Thier, durch des Schicksals wunderliches Spiel, von den Ufern
des rothen Meeres an die Ufer des schwarzen Schöpses verschlagen, weiß,
wie alle die adeligen Rosse Arabiens, gleich treuen Hunden, sich seinem
Herrn mit Liebe anzuschmiegen, und bewies mir nun seine Freude, indem
es mich mit den schönen ausdrucksvollen Augen schalkhaft gutmüthig
von der Seite anschaute, und scharrte, und den Schweif hob, und ganz
melodisch schnarchte, und dann seine Nase gegen meine Hand drückte, mit
der umgeschlagenen Lippe sie schmeichelnd zu fassen versuchend, als
wolle es mir so deutlich, als es nur könne, sagen, es verstehe meine
Zärtlichkeit gar wohl und theile sie.
Für solche Pferde kann man wirklich eine Art Leidenschaft fassen, und
ich finde daher auch, daß man mit Unrecht in manchen alten, und selbst
noch in neuen Romanen die Edelleute wegen ihrer Passion für Pferde und
Hunde so sehr anfeindet. Es ist doch besser: +etwas+ zu lieben,
als +gar nichts+; und was sieht man heut zu Tage, vom Adel wie vom
Bürger, lieben, als -- jeden seinen Geldbeutel. -- Das hat die Zeiten
allerdings industrieuser gemacht -- ob aber herzlicher und besser? --
Die Frage wollen wir hier unerörtert lassen; so viel ist indeß gewiß,
bei den Arabern gilt ein Pferd mehr als ein Mensch, und wird auch
für viel vornehmer gehalten. Wie auf der Insel, die weiland Gulliver
entdeckte, bilden diese Thiere dort die wahre Aristokratie, und man
führt dort, wie hier für unsre Souveraine, Kriege ihretwillen, die oft
mit der Ausrottung mehrerer Stämme endigen. Wären die Pferde nicht
zugleich auch so nützliche Thiere zum täglichen Gebrauch, so hätte man
vielleicht gar schon eine Gottheit aus ihnen gemacht. Aber, wie gesagt,
sie sind zu nöthig für Alle, um sie entweder dem Nichtsthun, oder den
Priestern allein zu überlassen, in deren Hände sie, als göttlich, dann
doch unfehlbar hätten gelangen müssen.
Dabei fällt mir ein französischer General ein, der die Expedition nach
Aegypten mitgemacht hatte, und auf seinem Zuge zur weiland russischen
~partie de plaisir~ durch mein Gut marschirte, wo er mir, ~accompagné
de plusieurs autres~, mehrere Tage die Ehre erzeigte, mein Schloß als
das seinige anzusehen, und die Humanität so weit trieb, mich jeden
Mittag regelmäßig zum ~diné~ in meinem eignen Hause einzuladen. Dieser
brave Mann (er kam nachher auf dem Rückweg wieder und bettelte ~pour
Dieu~ um einen alten Rock) erzählte viel von den arabischen Pferden
und zum Theil recht Interessantes. So sprach er unter andern von einem
Räuberhauptmanne, welcher zwei ächte Nedjyd, deren Stammbaum bis
auf Abrahams Zeiten zurückgegangen sey, besessen und durch sie fast
unangreifbar geworden wäre. Er und sein fünfzehnjähriger Sohn wohnten
nämlich ganz allein in einer Art kleinen Burg, mitten in der Wüste,
die ein tiefer gemauerter Canal von 16 Fuß Breite umgab. Keine Brücke
führte zur Feste, aber bei jedem Ein- und Auszug trugen die Nedjyds
ihre Herren mit Leichtigkeit über den Abgrund in das sichere Asyl,
während der übrige Stamm außerhalb unter seinen Zelten im Sande lagerte.
Als ich wegen des Stammbaums, auf Burkhard gestützt, einige Zweifel
erhob, rief der General ganz entrüstet: „~Comment, Monsieur, vous en
doutez? -- Savez vous, qu’il n’y a pas un cheval de race parmis les
Arabes, qui n’ait son extrait baptistaire?~“ --
„~Dans ce cas~,“ erwiderte ich, -- „~les Missionnaires ont été plus
heureux en Arabie que dans l’Inde.~“
Er merkte nun seinen ~blunder~ und verbesserte ihn lachend; denn bei
diesem liebenswürdigen Volke endet zuletzt Alles mit Lachen. Auch
als ich später den armen Teufel aus meiner Garderobe neu equipirte,
lachte er herzlich und versicherte: ~que la dernière campagne avait
été diablement fraiche~, und versprach, mir das nächste Jahr meine
~générosité~ mit Interessen wieder zu bezahlen. Bei Großgörschen zog
jedoch ein mächtigerer Mann, Herr von Rumpelmeier, einen Wechsel auf
ihn, den er vergebens protestirte und ich verlor meine Interessen.
Wenn der Leser glaubt, daß mir auf dem einsamen Jagdschloß wieder
etwas Absonderliches begegnet sey, oder ich dort gar eine Auflösung
des Räthsels der vergangenen Nacht, vielleicht ein halb vermodertes
Manuscript in einer Mauerblende, oder dergleichen gefunden, so irrt er
sich leider sehr. Es blieb nur bei den eignen Phantasiebildern und da
diese jetzt dem in Jugenderinnerungen Verlornen eine erneute Sehnsucht
nach dem früher vorgesteckten Ziele einflößten, so machte sich demgemäß
derselbe bald wieder auf den Weg.
Ich habe vergessen, Dir, geehrter Leser, zu melden, daß ich noch einen
Diener mit mir führe, der aber nur ein stummer Mohr ist. Ließe es sich
irgend mit dem Dienste vereinigen, so würde ich ihn auch blind und taub
gewählt haben, wie die junge Italienerin in der Oper ihren Ehemann
verlangt; denn für einen einsiedlerischen Phantasten, wie ich es bin,
kann es nichts Unbequemeres geben, als die vielen aufpasserischen Sinne
eines Bedienten. Ich selbst brauche überdies wenig mehr Bedienung, als
ich mir zur Noth selbst gewähren kann, und außerdem höchstens solche,
welche ich überall finde; die Pferde aber verständigen sich mit meinem
stummen Schwarzen vortrefflich. Ich gab diesem jetzt die Zügel in die
Hand und setzte mich behaglich zurück, um Gegend und Gedanken desto
besser zu genießen. Wir passirten einige freundliche Dörfer. Die junge
Saat und die blühenden Obstbäume, der himmlische Verjüngungshauch des
Frühlings, der azurblaue Himmel und die linde, würzige Luft machten
heute auch den minder begabten Erdfleck zum Paradiese. Ich überließ
mich ganz so freundlichen Eindrücken, und ging dann innerlich -- in die
Kirche; denn der liebe Gott ist ja überall zu finden, und in der That
auch gar kein so geheimnißvolles, unsichtbares Wesen, als ihn manche
Theologen darstellen und die Philosophen suchen. Er erscheint nur Jedem
verschieden, aber auch das einfältigste Gemüth fühlt und erkennt ihn
gar oft, wenn auch unter andern Namen und alt bekannten Formen; der
eine in der Geliebten, jener in der Pracht der untergehenden Sonne, im
majestätischen Laubdome des von tausend Sängern belebten Waldes, im
Genusse einer guten That, in der Entsagung aus Liebe zum Rechten, ja
auch im innigen Wohlseyn unbescholtener Jugend, in den Werken der Kunst
und des Genies, in dem glücklichen Bewußtseyn einer eigenen gelungenen
Schöpfung, in hundert andern recht sinnlichen Dingen noch -- aber in
allen diesen Fällen giebt es +ein+ Kennzeichen, ohne welches Gott nie
erscheint, und welches ohne ihn auch nie erscheint: -- +reine, selige
Freude+. Nur aber laß Dir, armer Mensch, von Niemand einreden, daß Du
diese Seligkeit nur mit Hülfe der Bibel oder des Korans, in der Kirche
oder Moschee, bei Deinen Pfaffen oder Mollahs, finden könntest -- sie
ist überall, wo Dein Geist sich zum Allmächtigen zu erheben versteht,
wo Du gut bist, wenn Du auch nicht einmal Opfer brächtest; denn Kreuz
und Leiden, Gerippe, Opferthier und Tod, gehören -- dem Himmel sey
Dank! -- nicht nothwendig dazu, wohl aber Liebe, Liebe für Gott, seine
ganze Schöpfung und sich selbst. Die +wahre+ Religion ist nicht schwer:
sie ist +nur+ Trost und Stütze und Glück. Sie gönnt Dir jeden Genuß,
den die Vernunft erlaubt und verdoppelt ihn noch durch +Heiligung+
auch des Geringsten. Unter welchem Bilde also, durch welche Mittler
oder Offenbarung sie Dir aufgeht, dabei bleibe; ist es in irgend einer
Kirche, so halte sie hoch; ist es im Tempel der Natur; so lasse diesen
Deinen Tempel seyn.
In diesem letzteren Falle befindet sich nun meine Wenigkeit, und ich
sang daher eben, mit der Lerche um die Wette, mein Lied zwischen
Exordium und Predigt, als ich auf kahlem Hügel -- einen hohen Galgen
und eine wogende Menschenmenge darum her erblickte.
Man erzählt von einem Schiffbrüchigen, daß er, an unwirthbarer Küste
strandend, sich verzweiflungsvoll auf einer wüsten Insel glaubte, bis
er eines Galgens ansichtig ward und nun entzückt ausrief: „Gott der
Allmächtige sey gepriesen, hier ist Civilisation!“
Ich kann nicht sagen, daß mir dieser Civilisations-Verkünder eine
eben so angenehme Ueberraschung verursachte, um so mehr, da ich nicht
zweifeln konnte, er solle so eben functioniren. Ich hasse Executionen,
seit ich in Bern einen 75jährigen Greis hängen sah, der vor 40
Jahren für 30 Batzen Wäsche von der Bleiche gestohlen hatte; ferner,
früher als Kind dabei gegenwärtig war, wie in H.... ein armer Soldat
auf Tod und Leben Spießruthen laufen mußte, weil er sich an einem
unmenschlichen Lieutenant vergriffen, der jetzt ein angesehener General
ist. Ich kann daher auch nicht umhin, mich immer für den leidenden
Theil am meisten zu interessiren, und denke manchmal sogar, daß die,
welche so leicht und unbefangen ihren Mitmenschen das Leben absprechen,
auch nichts andres als Mörder sind, nur mächtige und patentirte, was
allerdings einen Hauptunterschied macht.
Indessen ist es einmal einer meiner Grundsätze, keinen menschlichen
Zuständen aus dem Wege zu gehen, die sich der Beobachtung darbieten;
doch fiel mir der sonderbare Contrast auf, der mir bis jetzt auf
meiner Ausflucht, statt herrnhutischer Stille, die ich bezweckte, nur
Jugendsünden, Geister, Mörder, Galgen und Rad präsentirt hatte. Nicht
ohne innere Bewegung stieg ich vom Wagen und mischte mich unter den
Haufen der Zuschauer.
Es war wirklich +ein Mörder+, der hingerichtet werden sollte, und
grause Umstände hatten die That begleitet. Ist es der Gerechtigkeit
überhaupt erlaubt, so weit zu gehen, so war hier wenigstens Ursache
genug dazu. Das Organ mußte bei diesem Unglücklichen sehr fehlerhaft
seyn, denn schon als Knabe war er von seinem Schäfer fortgejagt
worden, weil er dem treuen Hunde, der ihn und seine Heerde bewachte,
die Beine abgeschnitten, die Augen ausgestochen und in diesem Zustande
lebendig bis an den Kopf, den er mit Honig eingeschmiert, im Sande
vergraben hatte. Man entsetzt sich vor solchem Gräuel -- ja, solche
That kommt mir noch weit schrecklicher vor, als der einfache spätere
Menschenmord aus Interesse, wenn gleich die menschliche Gesellschaft
nur vom letztern Notiz nimmt, die Hunde aber keine Criminal-Justiz
haben und auch die höhere Thierart nicht richten dürften, eben so
wenig, wie +wir+ Engel und Dämonen, die vielleicht ähnliche Dinge
mit uns vornehmen, von denen wir uns nichts träumen lassen. Aber würde
bessere Erziehung, nicht nur der Kinder in der Schule, sondern auch
der Erwachsenen durch bessere Staats- und Gerichts-Verfassung, der
Menschheit nicht tausende solcher Verbrechen ersparen, und sollte diese
daher nicht mehr noch darauf denken: sie zu verhindern, als zu rächen?
-- Das letztere hilft, in Wahrheit, fast nichts. Stand der Aufklärung
und Gesinnung sind der Boden, aus dem das Gute und Böse aufwächst.
Die Axt haut wohl den verwachsenen Baum nieder, aber neue Sprößlinge
treiben fortwährend aus der blutgedüngten Erde.
Es bleibt ohnedies keine Strafe auf der Welt aus, und die Menschheit
selbst muß es endlich büßen, was sie an der Bildung des Einzelnen
vernachläßigte. Noch schneller jedoch muß das Individuum die
natürlichen Folgen seiner Handlungen tragen, und wer seiner doppelten
Bestimmung als Mensch -- nämlich der: nicht nur sich, sondern auch
Andern zu leben, folglich auch dem allgemeinen Gesetz, das der Staat
als Repräsentant der Mehrheit ihm auferlegt, sich zu fügen -- nicht
eingedenk ist, kann auf dieser Erde, selbst abgesehen von seiner
individuellen Ueberzeugung, nie ruhig und zufrieden enden. Entweder
erreicht ihn der Menschen rächende Hand direct durch Strafe, oder
indirect durch Verachtung, Haß und Schmach; und entginge er auch den
Folgen dieser, so wird ihn doch fortwährend, vielleicht noch bitterer,
das drückende Bewußtseyn quälen, was wir Gewissen nennen, nämlich
+die Furcht+: einer oder der andern Alternative verfallen zu
müssen, wenn er entweder die Macht verlöre, die ihn vielleicht schützt,
oder wenn offen da läge, was noch verborgen ist. Es giebt freilich
überall Ausnahmsfälle; aber ein Mensch stehe auch noch so fest auf
seiner Ueberzeugung: immer ist es ein gefährliches Wagstück, mit der
allgemeinen Meinung den Kampf zu beginnen, und ganz gleichgültig wird
ihm das Urtheil seiner Mitmenschen (wäre beides auch seiner Ansicht
nach ungerecht und irrig) doch auf die Länge niemals bleiben. Denn
der Mensch ist ein zur Geselligkeit bestimmtes Wesen und nur als
solches muß er in jeder Beziehung leben und wirken, ja er findet sein
vollendetes Daseyn, die wahre Erkenntniß seiner selbst zuletzt nur in
der ganzen Menschheit. „Nur sämmtliche Menschen,“ wie Göthe schön sagt,
„erkennen die Natur, nur sämmtliche Menschen loben das Menschliche.“
Ja wohl! und so erkennt auch nur das ganze Universum zusammengenommen
+vollständig+ Gott und lebt in und mit ihm das Göttliche.
Der Verbrecher, dessen schweres Ende jetzt nahte, hatte im Verhör ganz
unumwunden seine Mordlust gestanden und ausgesagt: daß, als er sich zum
Tödten seines Kameraden (um eines neuen Rockes willen) entschlossen
gehabt, und nun das Opfer schlafend vor sich liegen gesehen, die Zähne
ihm vor Begierde bei dem Anblick zusammengeschlagen wären. Wohin
verirrt sich die menschliche Natur! Gewiß könnte man mit Recht jeden
Mörder und Selbstmörder zu den, wenigstens momentan, Verrückten rechnen.
Es war demnach unmöglich, ein solches Scheusal zu beklagen, und als
ob ihm kein Laster fehlen solle, so erschien er in seinen letzten
Augenblicken auch noch feig. Er hatte alle Fassung verloren, und der
junge Prediger, welcher ihm die Stufen hinauf half, nicht minder.
Dieser betete ihm das Vaterunser vor, dessen Worte der schon Halbtodte
mechanisch nachplapperte, als wolle er sich zu guter letzt dadurch
noch möglichst betäuben und sich selbst zu vergessen suchen. Die Wahl
des Gebets war allerdings in diesem Augenblicke unpassend, und es
hatte etwas furchtbar Ironisches, als der Mensch, der seinen Kopf in
einer Minute verlieren sollte, mit heiserer Stimme rief: „Gieb uns
unser täglich Brod!“ Die rohe Menge lachte, und einige greuliche Späße
berührten mein Ohr; der Sünder aber, dem schon die Augen verbunden
waren, lallte fort und fort die einzelnen Betworte emsig nach, so wie
sie dem Munde des leichenblassen Seelsorgers entfielen, bis das letzte
-- wie ein weher Klagelaut -- im herabstürzenden Haupte verklang. --
„Es ist doch eigen“, sagte ein alter weißhaariger Landmann neben mir,
„es ist doch eigen, daß sie gestern wieder unter den sieben Linden
getanzt haben!“
„Wie so, Alter?“ wandte ich mich neugierig zu ihm. --
„Ach, der Herr sind wohl fremd? Sehen Sie wohl, da gleich hier links
den anderen Hügel, der wie ein Zwillingsbruder von dem aussieht, woraus
wir stehen, und die Linden oben auf seiner Spitze?“ --
„Sehr genau,“ erwiderte ich; denn schon vorher hatte mich die seltsame
Gruppe angezogen, wo sieben alte Lindenstämme schlangenartig in
einander verflochten, nur +eine+ herrliche weite Krone über sich
bildeten.
„Nun“ fuhr mein Berichterstatter fort, „seit ich mich besinnen kann,
und das ist lange her, hat es immer geheißen: daß, wenn einer auf
dem Richtplatz sterben soll, die Nacht vorher alle, die früher hier
gerichtet wurden, unter den sieben Linden tanzen müssen, so lange die
Thurmglocke im nahen Rosenau Mitternacht schlägt. Länger dauert der
Ball nicht, aber die es gesehen, haben doch ihr Lebtage genug daran
gehabt. Des Herrn Grafen Rattenfänger aus Rosenau, der hat ihnen einmal
vom Anfang bis zum Ende zugeschaut, den Tag vorher, ehe der rothe
Nickel gerädert ward, und gerne gab ihm jeder von uns einen freien
Abendtrunk, wenn er die Angst erzählte, die er da ausgestanden.“
„Es war grade Mondschein zu der Zeit“, fuhr der Alte geschwätzig fort,
„und so hell, daß man hätte eine Stecknadel auf der Erde liegen sehen
können. Da kam Schuldmann -- so hieß besagter Kammerjäger -- eben von
einer Dienstreise zu Hause und pfiff sich sein Ratzenliedchen. Es
war nicht eben aus Lust, sondern mochte mehr aus Angst seyn vor dem
verdächtigen Orte: denn der giftige alte Kerl hatte mancherlei Werg am
Rocken, wie man zu sagen pflegt.“
„In der ganzen Gegend war er nicht zum besten angeschrieben, weil er
seinen Einfluß beim Grafen immer nur dazu benutzt hatte, denen zu
schaden, die er nicht leiden konnte. Solche sah man ihn denn Jahre lang
ohne Erbarmen verfolgen, wie und wo er nur konnte, bis er ihnen irgend
ein Leid angethan. Dabei war er nun noch überdies, wem er’s nämlich
bieten zu können glaubte, ein gar grober Geselle, der alte Schuldmann,
und obgleich er jetzt mitunter etwas altersschwach wurde, so blieb er
doch noch voller Galle und bissig genug, um manche Furchtsamen ins
Bockshorn zu jagen. Heute aber blieb ihm, wie Sie gleich hören werden,
mit Verlaub zu reden, doch das Herz in den Hosen stecken. -- Also, wie
gesagt, er sang sein Liedchen, wovon ich den Anfang noch recht gut
behalten habe; -- so hieß es:
Manch Jahr schon regier’ ich die Ratzen,
Und wenn meine Räthe, die Katzen,
Recht beißen die Großen, wie Kleinen,
Macht +mich+ das Erbarmen nicht weinen.
Doch Eines behalt’ ich alleine:
+Vergebung+ allein mich betrifft;
Großmüthig, doch nur zum Scheine,
Vergeb’ ich sie Alle -- mit Gift.“
„Wohl denn; der Alte hatte sichs heute auf der Reise bei Tisch und
Becher gut schmecken lassen, weils ihm nichts kostete; denn bei ihm zu
Hause war in der Regel ein verteufelter Schmalhans Küchenmeister.“
„So humpelte er nun mit dem großen Kammerjägerschilde auf dem Rocke
und den großen Stock in der Hand, mit seinen podagrischen Beinen
langsam auf die Linden zu, wo ihn sein Weg dicht vorbeiführte -- da
schlug die Glocke in Rosenau Zwölfe an, und kaum hatte der erste
Klang die Luft erschüttert, als aus den dichten Lindenzweigen ein
Kerl im Armensünderhabit herabsprang und wie ein Plumpsack grade
vor Schuldmanns Füße hinstürzte -- aber wie ein Stehaufchen war er
auch gleich wieder auf den Beinen, und hielt dem alten Rattenfänger
seinen Kopf mit der Hand vors Gesicht, als wenn er ihm, wie mit einer
Laterne, damit unter die Nase leuchten wollte. -- Schuldmann war mehr
todt als lebendig vor Schreck, konnte aber, als sey er behext, kein
Glied mehr rühren -- und schnell sprang jetzt wieder ein andrer aus
dem Lindenknäuel herab, und wieder einer, und ehe noch der zweite
Glockenschlag erscholl, tanzten schon sechs Paare dicht um ihn her
-- greuliche, verzerrte Gestalten: die Gehangenen mit heraushängenden
Zungen, vorstehenden blutrünstigen Augen und dunkelblauen Gesichtern;
die Geköpften, ihre Köpfe in die Höhe schleudernd und wieder
auffangend, wie es ehemals bei uns die französischen Tambur Maschors
mit ihren Stöcken machten; und zuletzt kam noch ein Geräderter, allein
abgesondert, der mit den herumschlotternden, zerbrochnen Knochen, wie
ein Hampelmann, den andern vortanzte, wahrscheinlich noch den rothen
Nickel zum baldigen Cumpan erwartend. Mit dumpfer und leiser Stimme
sangen die Geister dann im Chor:
Schuldmann, Du bist jetzt unser Gast --
Doch fürchte nichts für Deinen Kopf,
Verlieren kannst Du nicht, was Du nicht hast;
Drum lebe hundert voll, Du Tropf!
Doch dann erwarten wir Dich dort
Für so viel gemarterte Ratzen,
Wo in der Hölle Du, fort und fort,
Dich hinter den Ohren sollst kratzen.“
„Und damit kam der Geräderte auf ihn zu, als daure ihm des rothen
Nickels Abwesenheit zu lange, und als wolle er einstweilen mit
Schuldmann zum Cameraden fürlieb nehmen. Aber dem waren nach und nach
die paar noch übrigen Haare zu Berge gestiegen, als wären es Borsten.
Statt des vorigen Liedes Fistelklang wand sich nur tiefes Grunzen noch
aus seiner Brust, und in der höchsten Todesangst strengte er jetzt
alle seine Kräfte auf einmal an, und gab Fersengeld, was die alten
Beine nur vermochten. Das Entsetzen lieh ihm Flügel -- nur einmal noch,
grade mit dem letzten Schlage der Glocke, warf er einen scheuen Blick
der Todesangst hinter sich zurück und sah, wie der ganze Spuk unter
fürchterlichem Geheul langsam in die Erde versank.“
„Solltet Ihr’s aber wohl glauben, lieber Herr, daß unser Schuldiger,
denn so nannten wir ihn oft der Kürze wegen; nun, daß unser
Schuldiger, sag’ ich, wirklich grade 100 Jahr alt wurde, noch einmal
eine junge Frau heirathete, weil ihm die Geister doch versichert,
er habe nichts für seinen Kopf zu fürchten, und nachdem er zweimal
Jubiläum gefeiert, zwar ganz kindisch, und nur dann noch thätig
blieb, wo eine kleine Bosheit auszuüben war, aber eben deßhalb
immer in gleichem Ansehn, als wirklicher Ratzenfänger, in Amt und
Würden selig verstarb. Sonst aber sind die Prophezeihungen des bösen
Geistergesindels gewiß nicht in Erfüllung gegangen. Wir wissen zwar
nicht, ob sein armer Kopf wirklich unbeschädigt geblieben, aber in die
Hölle ist er +nicht+ gekommen. Wie uns der Priester versichert
hat, ward er begnadigt und hämmert nur als Grobschmidt 500 Jahre im
Fegefeuer, was doch nichts dagegen ist, die ganze Ewigkeit hindurch
geschmort zu werden.“ --
* * * * *
Ich erlaube mir, den geneigten Leser ohne Weiteres in die Gaststube
zu K. W. zu versetzen, wo ich mir mit einer sehr achtungs- und
liebenswürdigen Dame ein Rendezvous gegeben habe. Es ist jetzt Mode,
wenn man eine junge, hübsche Frau entführen will, sie erst eine
kurze Zeit in eine herrnhutische Anstalt zu schicken, damit sie sich
gleichsam präpariren und zur vorhabenden Reise sammlen möge. ~Le péché
en devient plus piquant.~ -- Dies war aber mein Fall nicht. Die Dame
meines Herzens ist zwar von sehr angenehmem Aeußern und, lebte sie in
England, würde man sagen können, sie sey erst in das eigentliche Alter
der Eroberungen getreten, welches dort bekanntlich mit dem vierzigsten
Jahre beginnt. Sie und ich sind indeß schon seit langer Zeit die
neusten Freunde, und sie erscheint mir überdies, schon durch Geist
und Güte, alles Aeußere abgerechnet, hundert Jüngern vorzuziehen, ist
aber noch außerdem durch etwas Kostbareres unschätzbar für mich --
nämlich durch +wahre+ Liebe, die sie für mich hegt; mit Einem Worte:
es ist meine +Julie+. Doch so reich ihr Gemüth an Liebe ist, so hat
es doch glücklicherweise auch seine liebenswürdigen Schwächen (denn
nichts ist langweiliger auf der Welt, als Vollkommenheit), und diese
benutzt, außer mir, besonders noch +ein+ Wesen, welches ebenfalls in
ihrer höchsten Gunst steht, ein ~enfant gâté~, mit Namen ~Fancy~, ein
Geschöpf eben so ~whymsical~, wie jene (~Fancy~ heißt Laune), eben so
gracieus, aber auch zuweilen eben so furchtbar, wenn es +übler+ Laune
ist. Dieser junge englische Gentleman, oder vielmehr Nobleman ist ein
ächter Sprößling der edlen Marlborugh-Raçe von Blenheim, in dessen
Schlosses Thorhalle ich selbst ihn kaufte -- denn mit Spaniels ist der
Sclavenhandel in England dermalen noch verstattet.
Nicht ahnete mir damals, welche Schlange ich im Busen erwärmte, als
ich mit der Zärtlichkeit einer Wöchnerin den unbehülflichen Baby mir
selbst zum siegreichen Rivale auferzog. Sorgsam ward er über das weite
Meer transportirt, mit merkwürdigen Fabrikaten, mehrern Engländern
(ein Pferd mit kurzem Schwanz wird bei uns ein Engländer genannt;),
nationalisirten Affen und Papagaien, auch einigen menschlichen
Insulanern -- und alles dieses der geliebten Frau zugleich zu Füßen
gelegt. Die Insulaner machten sich jedoch bald unnütz, so daß man sie
zurücksenden mußte, die Pferde thaten ihre Pflicht und noch etwas mehr
-- ein sicheres Mittel, wenig ästimirt zu werden -- Affen und Papagaien
relegirte man in die Gewächshäuser, nur ~Fancy~ allein erlangte bald
eine immer gesteigerte Intimität, ward erst, wie gesagt, verzognes
Kind, dann Günstling, endlich Herr!
Derselbe ist nun unbeschränkter Autokrat im Hause; wohl dem, welchem
er zuwedelt, doppelt wehe dem, den er in die Finger beißt: denn solcher
wird nicht nur gebissen, sondern auch noch dafür gescholten werden.
Geschieht +mir+ aber dergleichen, so thue ich so, als sey es nur
Spaß gewesen, und versichre, die blutigen Finger versteckend, und
freundlich lächelnd: ~Fancy~ habe mich nur geleckt. -- Merke Dir
diese Regel, lieber Kammerherr, sie kann Dir goldne Früchte bringen,
auch wenn Du ein Starost oder Knes wärest.
Ich fand meine Freundin verstimmt und bekümmert. Das liebe Hündchen
war im Herrnhutischen zu gut aufgehoben gewesen. Es ist nämlich
besagtes Herrnhut das wahre Kuchenland zu nennen. Aus meiner frohen
Kindheit erinnre ich mich noch, daß wir oft dort selige „Trinken“
oder sogenannte Liebesmahle hielten, wo wir mit jeder Tasse Kaffee
ein größeres Stück des süßen Heilands in uns aufnahmen und in der
Abendbetstunde wieder frommen Strietzel kauten.
Man sang damals noch folgende erbauliche Lieder, als z.B. das
Jungfrauenlied: