sind mit dem (schon lange vor seinem Tode) verewigten +Göthe+
durch Ihre zu nachsichtigen Beurtheilungen meiner anspruchslosen
Reiseberichte wohl allein daran Schuld, daß selbige seitdem, gleich
einem alten Miethklepper, mit immer wechselnden Namen durch aller
Herren Länder gejagt werden und bei jeder Metamorphose noch mehr
Untugenden annehmen, als sie von Hause aus mitbrachten.
Die unerhörte Anzahl von Recensionen, die dieses arme Buch in mehreren
Sprachen hat erdulden müssen, betragen wenigstens das doppelte Volumen
seines Inhalts und sind eben so uneins über diesen, als verschiedene
Aerzte über denselben Kranken zu seyn pflegen.
Obgleich ich selbst nicht allzuviele dieser Critiken gelesen habe, so
sind mir doch einige seltsam genug vorgekommen. Wirft mir doch gar ein
erzürnter Pastor vor, ich sey ein grausamer Liebhaber von Thierkämpfen
und habe fremden Hunden die Zähne ausgebrochen, um sie von den meinigen
nachher desto bequemer todt beißen zu lassen! Man sollte wirklich
meinen, der arme Teufel, der zu solchen Mitteln greifen muß, um ein
Buch zu beurtheilen, passe selbst nicht übel zu dem Bilde einer Dogge
mit ausgebrochnen Zähnen, die, weil sie nicht mehr beißen kann, zum
Heulen ihre Zuflucht nimmt.
+Sie+, mein verehrter Gönner, hat die Freundschaft blind gemacht, so
wie Herrn +Börne+ der Verdacht meiner Vornehmheit.
Dieser große Champion der Liberalen hätte sich aber eben deshalb
sagen können: Für einen Vornehmen ist der Verfasser der Briefe
des Verstorbenen wahrhaftig noch freisinnig genug, und es seiner
verwahrlosten Erziehung zu Gute zu halten, wenn er nicht so zu
schreiben vermag, wie ich es anempfehle, nämlich so: „daß der Styl
unter ihm bricht und er mitten im Kothe liegen bleibt.“[1]
Vielleicht hätte Herr Börne mich milder beurtheilt, wenn er mich gleich
von vorn herein in der französischen Uebersetzung gelesen hätte -- nur
würde er immer Unrecht gehabt haben, von mir zu verlangen: „daß ich
als Verstorbener den Sterblichen überirdische Dinge mittheilen solle.“
Das erlaubt einmal schon die Discretion des Geisterreichs nicht, eine
Eigenschaft, über welche sich nur Schriftsteller dieser Welt hinweg
setzen dürfen; zweitens würde man ja aber auch solche Sprache hier
unten gar nicht aufnehmen können. Es würde damit gerade so gehen,
wie mit Lord Byrons Geist, der, wie Herr Börne uns ebenfalls selbst
erzählt, „sich erst in ihm (Herrn Börne) niederlassen wollte, die
Wohnung aber bald zu gemein für längeren Aufenthalt fand.“
Weit übler bin ich seitdem mündlich abgefertigt worden, als ich neulich
unsere Freundin, die liebenswürdige, Geist sprudelnde +Orlanda+
besuchte. „Guter Verstorbener,“ rief sie mir schon von weitem zu,
„ich habe Ihnen gestern in Gedanken einen langen Brief auf der Straße
geschrieben, während ich den weiten Weg von S. heim ging. Wie ich aber
zu Hause ankam und in Ihrem Buche las, da stimmte mich das wieder
so herab, daß ich alle meine guten prophetischen Gedanken darüber
augenblicklich verlor. Denn, wo ich allein über Sie nachdenke und Sie
mir nicht selbst störend in den Weg treten, interessiren Sie mich
sehr. Sie sind so einladend aride, daß ich mich gedrungen fühle, etwas
aus diesem sterilen Boden hervorzurufen. Ordinaire Naturen ziehen
überhaupt, selbst gegen meinen Willen, am meisten aus mir heraus --
eben, weil sie’s bedürfen.“
„Mit höheren Geistern habe ich weniger Berührung, denn wir gehen neben
einander wie zwei parallele Linien. Die ärmeren dagegen verlangt mein
eigner Reichthum unwiderstehlich zu durchdringen.“
Ich wollte, ganz verblüfft, einige Worte schuldigen Dankes stammeln....
„Still doch!“ rief sie, „immer müssen Sie doch von sich selbst
sprechen, es ist zum Todlachen! Dennoch kann Einen auf der andern
Seite diese Gutmüthigkeit wahrhaft rühren. Es ist für mich Ihr
hübschester Zug, obgleich es nur in der unglaublichen -- nichts für
ungut -- Dummheit des armen kleinen Gehirns (hier fühlte sie mir
gleichsam den Puls an der Stirne) seinen Grund hat. Wissen Sie wohl,
Theuerster, wie Sie mir vorkommen? -- Ganz wie der Vogel Strauß.
Erstens verdaut Ihre Eitelkeit Stahl und Eisen trotz dem besten
Straußenmagen und, wie dieser Vogel, sind auch Sie ganz überzeugt:
kein Mensch durchschaue Sie, wenn Sie den Kopf nur unbefangen in den
Strauch stecken. Ja selbst Ihr sogenannter gracieuser Styl gleicht auf
ein Haar dem selbstgefälligen freundlichen Nicken und Brüsten Ihres
Vogel-Ebenbildes, wenn es sich selbstgefällig überall umsieht, ob man
es auch von allen Seiten gehörig beobachtet habe. Endlich besitzen Sie
auch dieselbe Schnelligkeit wie der Strauß, denn Sie laufen sich alle
Augenblicke selbst davon; ja oft denke ich: Sie haben sich gar schon
aus allzugroßer Schnelligkeit in zwei Hälften getrennt, wovon der gute
Mann zu Hause geblieben und der Thor in die Welt gelaufen ist.“
„Verstorbener!“ sprach sie in tiefem Tone, ihre kleine Gestalt
hoch empor richtend und mich mit ihren brennenden Beschwörer-Augen
anstarrend: „Verstorbener! holen Sie sich selbst ein, oder....“
+Euer Hochwohlgeboren+
jenseits und diesseits treu
ergebener Wohlbekannter[2].