Versuchen wir unsere Überlegungen zusammenzufassen, so können

wir auf alle Fälle sagen: Die Ergebnisse der radioaktiven

Methode der Altersbestimmung machen durchaus den Eindruck großer

Zuverlässigkeit. Sie fügen sich zwanglos dem Rahmen ein, den die

Geologie aufgestellt hat. Die absoluten Alterszahlen stehen mit der

relativen Altersbestimmung nirgends in Widerspruch. Das gleichbleibende

Verhältnis von Uran und Blei bei Mineralien desselben Vorkommens zeigt

deutlich, daß ihm ein bestimmtes Gesetz zugrunde liegt.

So erfüllt tatsächlich die neue Methode alle Anforderungen, die

an ihre Ergebnisse gestellt werden müssen. Die Grenzen ihrer

Anwendungsmöglichkeit sollen allerdings auch nicht verschwiegen werden.

Leider sind die Mineralien, die sie braucht, recht selten und nur in

vollständig unverwittertem Zustand verwendbar. Mit der radioaktiven

Methode kann nur das Alter von Uranmineralien, und damit der Zeitpunkt

des Ausbruchs und der Erstarrung ihres Muttergesteins bestimmt werden.

Nun ist es oftmals unmöglich, das relative Alter eines solchen Gesteins

genau festzulegen; es kann von ihm (wie bei 2) unter Umständen nur

ausgesagt werden, daß es jünger als Kambrium, aber älter als Tertiär

sein müsse, und das sind sehr weit gezogene Grenzen. In einem solchen

Fall ist leider auch die schönste Altersbestimmung für die Festlegung

eines Punktes in der Erdgeschichte verloren. Wenn die Wissenschaft

in Anwendung der neuen Methode später einmal vollständige Sicherheit

erlangt hat, so besitzt sie allerdings damit die Möglichkeit, mit

Hilfe des absoluten Alters eines Gesteins auch die Formation zu

bestimmen, der es angehören muß. Bedauerlich ist es, daß bis jetzt

noch keine ganz zuverlässige Altersbestimmung für ein jüngeres

Gestein, etwa aus der Jura- oder Tertiärzeit, vorliegt. Es fehlen

eben bis jetzt aus Gesteinen dieser Formationen die zur Untersuchung

verwendbaren Uranmineralien. Leicht und bequem zu handhaben ist die

Methode nicht. Die chemische Analyse wäre zwar an sich nicht besonders

schwierig; sie fordert aber, um zuverlässig zu sein, jedesmal noch eine

besondere Atomgewichtsbestimmung des Bleis, die in der notwendigen

Genauigkeit nur von ganz wenigen Spezialforschern ausgeführt werden

kann. Alles in allem können wir aber sagen, daß die neue Methode der

Altersbestimmung einen ~ungeheuren Fortschritt~ bedeutet: das rohe

Schätzen und Extrapolieren haben wir verlassen; wir sind mit ihr in

den Bezirk exakter physikalisch-chemischer Forschung eingetreten. Ihre

wissenschaftliche Grundlage, die Zerfallstheorie der radioaktiven

Elemente, darf schon heute als gesicherter Bestand der Wissenschaft

gelten, obwohl sich die einzelnen Angaben über Zerfallszeiten bei

zukünftigen genaueren Bestimmungen noch etwas ändern können. Zwei

grundlegende Voraussetzungen sind allerdings noch in den Berechnungen

enthalten: Wir müssen einmal annehmen, daß das Uranmetall rein und

ohne seine Folgeprodukte bei der Bildung des Minerals in dieses

eingetreten sei. Das ist eine Annahme, die von der Mineralogie

überaus wahrscheinlich gemacht wird. Das zweite muß in seiner Art

bei jedem geologischen Zeitmesser zugrunde gelegt werden. Wir müssen

voraussetzen, daß die „Uranuhr“, wie wir sie kurz heißen wollen, im

ganzen Verlauf der geologischen Vorzeit gleich rasch gegangen sei wie

heute. Wir werden auf diese Frage nochmals zurückkommen.

Mit diesen Altersbestimmungen nach radioaktiver Methode ist ein

Wunsch in Erfüllung gegangen, den wir zum Schluß des zweiten Kapitels

ausgesprochen haben: Wir haben durch physikalisch-chemische Messung die

sichere zeitliche Festlegung mehrerer Punkte in früher geologischer

Vergangenheit erreicht. Damit ergeben sich ohne weiteres auch

brauchbare Werte für die dazwischenliegende Zeit. Vom Extrapolieren

können wir, wie der Mathematiker sagen würde, zum ~Interpolieren~

übergehen; wir bestimmen den Verlauf der Zeitkurve zwischen zwei

festen, weit auseinanderliegenden Punkten. Es ist ja nötig, durch eine

größere Zahl von Altersbestimmungen die Sicherheit der Ergebnisse noch

zu verstärken; aber es kann gesagt werden, daß auch schon die heute

vorliegenden Zahlen infolge ihrer Widerspruchslosigkeit einen sehr

hohen Grad von Wahrscheinlichkeit beanspruchen dürfen. Das ist alles,

was überhaupt erwartet werden kann, sind wir doch Eintagsfliegen,

denen jedes unmittelbare Herantreten an die Messung geologischer

Zeiträume immer versagt bleiben wird. Stellen wir die zuverlässigsten

Zahlen heraus, so sind es die für das Alter des Karbons mit 320

Millionen Jahren (vielleicht etwas zu hoch), des Untersilurs mit 400

Millionen Jahren, des Mittel-Präkambriums mit 1000 und 1300 Millionen

Jahren. Es gilt nun, in diesen Rahmen die übrigen Ereignisse der

Erdgeschichte schätzungsweise einzufügen, wie der Kartograph nach

der genauen Festlegung seiner trigonometrischen Punkte das übrige

in seine Karte einzeichnet. Einer der wichtigsten Punkte ist der

~Beginn des Kambriums~. Nach den obigen Zeitbestimmungen können wir

als wahrscheinliche Zahl etwa 500 Millionen Jahre für ihn einsetzen

(Barrell nimmt 600 Millionen Jahre an). Auf diesen Zeitraum verteilen

sich die zehn Formationen des Geologen, deren jede etwa 40-80 Millionen

Jahre zu ihrer Bildung beansprucht haben mag. Für das Tertiär wird ein

Wert in der Nähe der unteren Grenze anzusetzen sein, ein Ergebnis, das

unsere frühere Schätzung aufs schönste bestätigt.

Für das ~Präkambrium~, das noch weit über das Kambrium zurückführt,

muß auf alle Fälle ein Zeitraum angenommen werden, der die Dauer aller

späteren Epochen um das Mehrfache übersteigt. Alle Gesteine dieser

Periode sind in ihren Mächtigkeiten verändert, in der stärksten Weise

umgebildet und zum größten Teil zu kristallinen Schiefern geworden,

deren Ursprung man kaum mehr zu erkennen vermag. Die Zeitdauer ihrer

Bildung muß noch weit das Maß übersteigen, das schon ihre ungeheure

Schichtmächtigkeit erwarten läßt. Tatsächlich ergibt ja die radioaktive

Methode für das Präkambrium einen Zeitraum von weit über einer

Milliarde Jahre, wenn die Zeit vom Mittelpräkambrium bis zum Beginn des

Kambriums allein schon 800 Millionen Jahre beträgt. Daß ganz ungeheure

Zeiträume dem Präkambrium zugrunde liegen müssen, ergeben vor allem

auch entwicklungsgeschichtliche Überlegungen. Weist doch die Tierwelt

des Kambriums Vertreter von außerordentlich hoher Entwicklung auf;

vom Anfang des Lebens überhaupt bis zu dieser Entwicklungshöhe muß der

Weg vielmal weiter gewesen sein als vom Beginn des Kambriums bis zur

Jetztzeit. War er dreimal, war er zehnmal, oder gar hundertmal so weit?

Niemand vermag es zu sagen. Alle Anhaltspunkte fehlen uns; die Anfänge

des Lebens sind vielleicht in uralten Schichten des Präkambriums

begraben, aber ihre Spuren sind bereits vollständig verwischt und

es ist so gut wie aussichtslos, über sie jemals etwas Bestimmtes zu

erfahren.

Noch viel unsicherer werden unsere Vermutungen, wenn wir Jahreszahlen

für noch weiter zurückliegende Entwicklungszustände unserer alten Erde

finden wollen. Wir haben bereits die Altersbestimmung des Ozeans aus

seinem Salzgehalt abgelehnt; dasselbe wird mit gewissen physikalischen

Methoden der Fall sein müssen. Eine große Rolle hat bis vor kurzer

Zeit der Versuch des englischen Physikers ~Thomson~ (~Lord Kelvin~)

gespielt, aus der Abkühlung der Erde ihr Alter zu berechnen (1897).

Von den physikalischen Gesetzen der Wärmestrahlung ausgehend, kam er

auf das Ergebnis, daß eine Kugel von der Größe und Beschaffenheit der

Erde zur Abkühlung von einem feuerflüssigen Zustand bis zur heutigen

Oberflächentemperatur etwa 40 Millionen Jahre nötig habe. Diese Zahl

hatte von vornherein sehr wenig innere Wahrscheinlichkeit. Es läßt

sich überzeugend nachweisen, daß im Kambrium keine wesentlich höhere

Temperatur bestanden haben kann als heute. In dem großen Vorgang der

Abkühlung könnte daher der Zeitspanne vom Kambrium bis zur Jetztzeit

nur ein ganz geringer Prozentsatz der 40 Millionen Jahre zufallen,

und daraus würden sich so geringe Zahlen für die Bildungszeiten der

einzelnen geologischen Formationen ergeben, daß kein Geologe ihre

Richtigkeit zugeben könnte. Nun hat sich aber weiterhin im Zusammenhang

mit der radioaktiven Forschung eine Tatsache ergeben, die allein

für sich genügt, die Berechnung Thomsons ungültig zu machen. Thomson

kannte nämlich die Tatsachen des radioaktiven Zerfalls noch nicht und

konnte daher in seine Wärmerechnung einen überaus wichtigen Aktivposten

nicht einstellen: den Zuwachs an Wärme, den die Erde durch den Zerfall

radioaktiver Substanzen andauernd erfährt. Es ist versucht worden,

die Menge der radioaktiven Stoffe in den uns zugänglichen Teilen der

Erdrinde zu bestimmen; dabei ergaben sich so erhebliche Mengen, daß

ihre Wärmeerzeugung beim Zerfall vollständig genügt, um den Verlust

aufzuheben, den die Erde durch Wärmeausstrahlung erleidet. Ja es

ist sogar für die Wissenschaft zum Problem geworden, wie es möglich

sei, daß die Erde nicht dauernd heißer werde! Es müssen besondere

Annahmen über die Verteilung der radioaktiven Stoffe in größerer

Tiefe gemacht werden, um die ziemlich gleichbleibende Wärme der

Erdrinde verständlich zu machen. Wir sehen, dieser eine Umstand genügt

vollständig, um die Berechnung Thomsons unbrauchbar zu machen. Wir tun

am besten, mit unsern Versuchen absoluter Altersbestimmungen nicht

weiter zurückzugehen als bis zu einem Zeitpunkt, den wir noch mit

erprobten Methoden erfassen können. Die Wissenschaft vermag im heutigen

Augenblick noch nicht das „Alter der Erde“ schlechthin zu bestimmen.

Wir wollen bescheidener sein und uns an der Berechnung von Zahlen für

das Alter des Kambriums oder des Präkambriums genügen lassen.

V. Schlußbetrachtung und Ausblick

Drei große Gruppen von Methoden haben uns zu unsern Ergebnissen

geführt; es ist zum Schluß nötig, die eingeschlagenen Wege nochmals im

Zusammenhang zu überblicken. Die erste Methode versuchte, die auf der

Erde gebildeten Sedimentgesteine als die Leistung immerfort arbeitender

geologischer Kräfte zu erklären und daraus die Zeitdauer ihrer Bildung

zu berechnen. Das wahrscheinlichste Ergebnis waren etwa 300 Millionen

Jahre; diese Zeit wäre zur Bildung aller, auch der präkambrischen

Sedimente nötig gewesen. Nach dem Verhältnis der bekannten

Sedimentmächtigkeiten würde hiervon mehr als die Hälfte, mindestens

200 Millionen Jahre, auf die Zeit vom Kambrium bis zur Jetztzeit

entfallen. Dazu muß aber gesagt werden, daß auf diese Weise die Zeit

des Präkambriums sicher bedeutend unterschätzt wird. Die zweite Methode

geht von schönen und zuverlässigen Zeitmessungen geologischer Vorgänge

der Nacheiszeit aus und führt unter Verwendung von Verhältniszahlen

durch kühne Extrapolation auf den weiten Rahmen von 40-1600 Millionen

Jahren für das Alter des Kambriums, wobei sich als wahrscheinlichste

Werte 200-600 Millionen Jahre ergeben. Die radioaktive Methode gibt

schließlich die Möglichkeit, ganz bestimmte Alterszahlen zu berechnen,

die für das Karbon rund 300 Millionen Jahre, für das Kambrium etwa 500

Millionen Jahre, für frühe Zeitpunkte des Präkambriums mindestens 1500

Millionen Jahre betragen. Wie lassen sich nun all diese Ergebnisse

vereinigen? Zunächst ist zu sagen, daß sich die Ergebnisse des ersten

und zweiten Wegs durchaus nicht widersprechen. Die nach der ersten

Methode berechneten Alterszahlen fallen in den Rahmen der zweiten, und

auch die mittleren Werte kommen einander recht nahe. Ebenso führen

die Altersbestimmungen von Uranmineralien zu Zahlen, die sich ohne

weiteres in den Rahmen der zweiten Methode einfügen. Dagegen besteht

tatsächlich ein Widerspruch zwischen den Ergebnissen des ersten und

dritten Wegs, die beide bestimmte Zahlen nennen, der erste für das

Alter des Kambriums 200 Millionen Jahre, des Präkambriums ungefähr

300 Millionen Jahre, der zweite 500 und 1500 Millionen Jahre. Wie ist

dieser Widerspruch zu lösen? Beide Methoden haben die Voraussetzung,

daß ihre geologische Uhr in der ganzen Vergangenheit gleich schnellen

Gang gehabt habe wie in der Gegenwart. Nun ist es denkbar, daß die

Sedimentationsuhr, wie wir sie kurz heißen wollen, in der Vergangenheit

langsamer gegangen wäre als in der Gegenwart. Dann hätte uns die Uhr

mit ihrem gegenwärtigen raschen Lauf für die Vergangenheit zu kleine

Zeitwerte angegeben; wir müßten also die höheren Jahreszahlen der

Uranuhr als die richtigen annehmen. Es wäre aber auch denkbar, daß die

Uranuhr heute langsamer ginge als in geologischer Vorzeit. Dann hätte

sie uns zu große Zeiträume vorgetäuscht und die Sedimentationsuhr hätte

recht.[11]

[11] Den dritten Fall, daß beide Uhren falsch gehen könnten,

wollen wir außer Betracht lassen.

Die Frage nach der Größe der Zeiträume kommt also auf eine Untersuchung

über die Zuverlässigkeit unserer geologischen Zeitmesser hinaus, und

daß hier der Uranuhr größeres Vertrauen entgegengebracht werden kann

wie der Sedimentationsuhr, das kann kaum einem Zweifel unterliegen.

Die Uranuhr beruht auf einem einheitlichen physikalisch-chemischen

Vorgang, der im Aufbau der Atome begründet ist und dessen Ablauf mit

keinem uns zugänglichen Mittel auch nur im geringsten verändert werden

kann. Es wurde schon angeführt, daß Drucke von 25000 Atmosphären

zusammen mit Temperaturunterschieden von mehreren tausend Graden den

Zerfall der Atome nicht beeinflussen konnten. Die Annahme, daß der

Zerfall früher schneller vor sich gegangen sei, kann in keiner Weise

begründet oder auch nur wahrscheinlich gemacht werden; sie würde

bedeuten, daß Naturgesetze nicht unveränderlich wären, sondern sich

im Verlauf geologischer Zeiträume ändern könnten. Dagegen hängt die

Sedimentationsgeschwindigkeit der Jetztzeit von einer Unzahl von

Faktoren ab, die ohne Zweifel im Lauf der Erdgeschichte nicht immer

dieselben gewesen sind. Um eine Übereinstimmung mit der Uranuhr

zu erzielen, müßten wir annehmen, daß die Sedimentationsuhr heute

mindestens 2½mal, vielleicht sogar 4-5mal schneller ginge wie im

Durchschnitt der geologischen Vergangenheit. Tatsächlich vertreten nun

besonders eine Reihe englischer und amerikanischer Geologen (Holmes,

Chamberlin, Barrell) diese Ansicht sehr lebhaft. Sie behaupten, daß

das Maß der Abtragung und damit auch der Sedimentation heute ein

überdurchschnittlich großes sei. Unsere Flüsse haben an den immer noch

hochragenden Resten der im Tertiär aufgetürmten Kettengebirge und an

den lockeren und leicht zerstörbaren Bildungen der jüngstvergangenen

Eiszeit leichtes Spiel für ihre Zerstörungsarbeit; sie tragen daher

wesentlich mehr ins Meer hinaus als in früheren Erdperioden, in denen

die Gebirge der Erde bis fast zu ihren Grundmauern abgeschliffen

waren. Lebhafte Schollenbewegungen, die Hebungen und Senkungen von

Ländern zur Folge haben, halten heute die Arbeit der Flüsse in Atem.

Der Vulkanismus ist gegenwärtig recht lebhaft und liefert in seinen

Aushauchungen Gase, die die Verwitterung beschleunigen. So hat die

Ansicht jener Geologen, die Sedimentationsuhr gehe heute wesentlich

rascher als in der Vorzeit, sehr gewichtige Gründe für sich; ihre

Annahme hätte zur Folge, daß wir die durch die Uranmethode gewonnenen

Zahlen als die richtigen ansehen müßten.

Damit sind wir am Ende unserer Untersuchungen über absolute geologische

Altersbestimmung angelangt. Von höchstem wissenschaftlichem Reiz ist

es gewesen, all den verschlungenen Wegen nachzugehen, auf denen die

Forschung eines der packendsten und interessantesten Probleme der

Erdgeschichte zu lösen versuchte. Wir können zwar noch nicht sagen, daß

die Frage heute schon restlos gelöst sei, aber wir haben den lebhaften

Eindruck gewonnen: sehr weit sind wir von der endgültigen Lösung des

Problems nicht mehr entfernt, wahrscheinlich haben wir sie sogar in

den Altersbestimmungen nach radioaktiver Methode heute schon in der

Hand. Wo die Jahreszahlen der Geschichte beim Rückwärtsschreiten in die

Vergangenheit abbrechen, da würden die Jahreszahlen der Geologie sich

anschließen und bis in die fernste Vergangenheit zurückführen.

Mit diesen exakten Altersbestimmungen hat die Geologie ein Problem

gelöst, das sie seit ihren ersten Anfängen beschäftigte: Die Bezwingung

der geologischen Zeiträume durch Maß und Zahl. Schon vor achtzig Jahren

hat die Astronomie ein ähnliches Ziel erreicht. Die Geologie weist den

Menschen zurück in unvorstellbar große Zeiträume der Vergangenheit,

die Astronomie führt ihn von unserem Planeten und dem engen Bezirk

unseres Sonnensystems hinaus in die endlosen Fernen des Weltalls. Wohl

kannte man schon lange mit befriedigender Genauigkeit die Entfernung

aller Glieder des Sonnensystems, vollständig unbekannt waren aber

die Entfernungen der Fixsterne, bis es im Jahr 1837 dem berühmten

Königsberger Astronomen ~Bessel~ gelang, die Entfernung des kleinen

Sterns 61 im Schwan zu messen; er erhielt für sie 80 Billionen km. Im

nächsten Jahr wurde am südlichen Sternhimmel die Entfernung unseres

nächsten Nachbars im Fixsternsystem, des Sterns α im Zentauren zu

41 Billionen km oder 4½ Lichtjahren bestimmt, d. h. der Stern ist so

weit entfernt, daß sein Licht bei einer Sekundengeschwindigkeit von

300000 km 4½ Jahre braucht, um auf unsere Erde zu gelangen. Damit war

zum erstenmal die Entfernung eines Punktes außerhalb des Sonnensystems

gemessen. An die Stelle des verschwommenen Begriffs „unmeßbar weit“

war die genaue Zahl getreten. Mit den ersten sicheren Messungen,

denen bald noch weitere folgten, konnten sich klare Begriffe von der

Entfernung und Größe all der Sonnen im Weltall bilden und damit auch

eine Vorstellung vom Bau des Ganzen. So bedeutet das Jahr 1837 für

die Astronomie einen Markstein ersten Rangs. Heute ist die Geologie

mit den Altersbestimmungen auf radioaktiver Grundlage an demselben

Punkt angelangt, wie damals die Astronomie mit der ersten Messung

einer Fixsternentfernung. An die Stelle unsicherer Zeitschätzungen

treten ganz bestimmte, durch eine exakte physikalisch-chemische Methode

gewonnene Zahlen; die erste sichere Zeitmessung ist erreicht. Hoffen

wir, daß die neue Errungenschaft der Geologie ebenso reiche Früchte

bringen möge wie die Tat Bessels der Astronomie!

Wie die Entfernungsgrößen im Weltall unvorstellbar groß sind, so sind

es auch die Zahlen, die wir für die Zeitdauer geologischer Perioden

erhalten haben. Nicht einmal ein Jahrhundert vermag der Mensch mit

seiner persönlichen Erinnerung zu umspannen, ein Jahrtausend ist ihm

unfaßbar lang, und bei der Jahrmillion schwindet auch der letzte Rest

einer Vorstellung. Es fängt die Gedankenlosigkeit an, die mit solchen

Maßen nur spielt, ohne irgend einen Sinn damit zu verbinden. Wir müssen

daher versuchen, diese Zeiträume durch Bilder zu veranschaulichen,

die der menschlichen Vorstellungskraft noch zugänglich sind. Die

Erdgeschichte seit Beginn des Kambriums werde durch eine gerade

Linie von Berlin nach Stuttgart dargestellt. Das sind 500 Kilometer;

sie sollen den 500 Millionen Jahren entsprechen, die seit Beginn

des Kambriums verflossen sind. Dann bedeutet ein Kilometer eine

Jahrmillion, die letzten 500-1000 m wären die Eiszeit, die 6000 Jahre

der Geschichte würden auf 6 m -- eine Zimmerlänge -- zusammenschrumpfen

und ein Menschenleben von 70 Jahren auf 7 cm. Ließen wir eine Schnecke

in einem normalen Schneckentempo von 3,1 mm in der Sekunde die Strecke

entlang kriechen, so würde sie dazu genau 5 Jahre brauchen, die Strecke

des Tertiärs würde sie in etwa 4 Monaten zurücklegen, die Eiszeit in

2-3 Tagen, die letzten 8 mm -- die Strecke vom Beginn des Weltkriegs

bis zur Gegenwart -- könnte sie aber in 2½ Sekunden erledigen! Wo aber

auf der anderen Seite der Beginn des Lebens liegt, von dem die Linie

herkommt, vermögen wir nicht zu sagen. Mindestens noch weitere 1000 km

zurück, vielleicht sogar weit drüben in Asien!

An diesem Bild wird uns mit einem Schlage klar, wie klein und winzig

im Verhältnis zur Erdgeschichte die Zeiträume sind, die der Mensch

zu überblicken vermag. Wie geringfügig erscheint uns auf einmal die

ganze Menschheitsgeschichte, die der Mensch voll Überhebung die

„Weltgeschichte“ zu nennen pflegt, und was bedeutet vollends ein

Menschenleben im Strome des Weltgeschehens!

„Ein kleiner Ring begrenzt unser Leben

Und viele Geschlechter reihen sich dauernd

An ihres Daseins unendliche Kette.“

Nun verstehen wir auch, warum die Erdentwicklung dem menschlichen Auge

stillzustehen scheint. Wir sind so kurzlebig, daß wir selbst im Laufe

eines ganzen Menschenlebens die Veränderungen nicht gewahr werden,

die mit der Erde und ihren Lebewesen vor sich gehen. Berg und Tal,

Festland und Meer, der anatomische Bau von Tieren und Pflanzen, sie

scheinen uns starr und unveränderlich, nicht in lebendiger Umwandlung

begriffen. Es ist, wie wenn unser Auge bei der Vorführung eines Films

nur ein einziges Bildchen von all den Tausenden sehen würde, die durch

ihr Nacheinander das Leben auf der Leinwand erzeugen. Setzen wir ein

Menschenleben von 70 Jahren dem Anschauen eines Einzelbildchens gleich,

von denen in der Sekunde 20 auf der Leinwand vorbeihuschen, so wäre die

ganze Erdgeschichte seit dem Kambrium ein Riesenfilm von 129 km Länge,

der 100 Stunden zur ununterbrochenen Vorführung brauchen würde!

Jahreszahlen der Erdgeschichte · 第 6 / 7 段