Der Mensch führt hier zugleich ein äußeres und ein inneres Leben, das
erste allen sichtbar und vernehmbar in Blick, in Wort, in Schrift, in
äußeren Handlungen und Werken, das letzte nur ihm selbst vernehmbar in
inneren Gedanken und Gefühlen. Vom sichtbaren ist auch die Fortsetzung
ins Äußere sichtbar, leicht verfolgbar; die Fortsetzung des unsichtbaren
bleibt selber unsichtbar, doch fehlt nicht. Vielmehr setzt mit dem
äußeren Leben des Menschen, als sein Kern, das innere sich über den
diesseitigen Menschen fort, den Kern des jenseitigen zu bilden.
In der Tat, was von dem Menschen während seines Lebens den Lebenden
sichtbar und spürbar ausgeht, ist nicht das einzige, was von ihm
ausgeht. So klein und fein eine Erzitterung oder Schwingung sei, von der
eine bewußte Regung in unserem Haupte getragen wird, das ganze Spiel
bewußter Regungen aber wird von einem inneren Spiele unseres Hauptes
getragen, sie kann nicht anders erlöschen, als daß sie Fortwirkungen
ihrer Art in uns und endlich über uns hinaus erzeugt; wir können sie nur
nicht ins Äußere hinein verfolgen. So wenig die Laute ihr Spiel für sich
behalten kann, es wird über sie hinausgetragen, so wenig unser Haupt;
nur das Nächste davon gehört der Laute und dem Haupte.
Welch unsagbar verwickelt Spiel von Wellen hoher Ordnung, die in dem
Spiele unserer Häupter den Ursprung haben, mag über dem groben niederen
Spiel, was unserem Aug und Ohr draußen vernehmlich ist, sich verbreiten,
vergleichbar feinsten Kräuselungen über den großen Wellen eines Teiches,
oder Zeichnungen ohne Dicke über der Fläche eines dickmaschigen
Teppichs, der von ihnen die ganze Schönheit und höhere Bedeutung hat.
Der Physiker aber erkennt und verfolgt nur das Spiel der Wellen niederer
Ordnung draußen und kümmert sich nicht um das feinere, was er nicht
erkennt. -- Ob er es nicht erkennt, doch kennt er das Prinzip, darf er
die Folge leugnen?[3]
Also erschöpft das, was von den Geistern durch die Fortwirkungen ihres
äußerlich spürbaren diesseitigen Lebens in uns eingegangen ist, auch
nicht ihr ganzes Dasein; sondern auf uns unfaßbare Weise besteht in der
Natur zu diesem äußeren Teile ihres Wesens noch ein innerer, ja der
Hauptteil ihres Wesens. Und hätte ein Mensch auf einer wüsten Insel sein
Leben geführt und beschlossen, ohne je in anderer Menschen Leben
eingegriffen zu haben, er würde doch nach seinem inneren Wesen kernhaft
fortbestehen, einer künftigen Entwickelung harrend, die er im
diesseitigen Wechselverkehr mit anderen nicht finden konnte.
Hätte anderseits ein Kind nur einen Augenblick gelebt, es könnte in
Ewigkeit nicht wieder sterben. Der kleinste Moment bewußten Lebens
schlägt schon einen Kreis von Wirkungen um sich, wie der kürzeste Ton,
der im Moment erloschen scheint, solchen um sich schlägt, der den Ton
ins Unendliche über den nahe Stehenden und Hörenden hinaus trägt; denn
keine Wirkung erlöscht in sich selbst, und jede zeugt in Ewigkeit neue
Wirkungen ihrer Art. Und so wird sich der Geist des Kindes von diesen
bewußten Anfängen aus wie der jenes vereinsamt gebliebenen Menschen noch
fortentwickeln; nur anders, als wär es von einem schon fortentwickelten
Anfang aus geschehen.
Wie nun der Mensch erst im Tode das volle Bewußtsein dessen erhält, was
er in andern geistig gezeugt, wird er auch im Tode erst zum vollen
Bewußtsein und Gebrauch dessen gelangen, was er in sich selbst
getrieben. Was er während seines Lebens gesammelt an geistigen Schätzen,
was sein Gedächtnis erfüllt, was sein Gefühl durchdringt, was sein
Verstand und seine Phantasie geschaffen, bleibt ewig sein! Doch der
ganze Zusammenhang davon bleibt diesseits dunkel; bloß der Gedanke
schreitet mit einer lichten Ampel hindurch und beleuchtet, was auf der
schmalen Linie seines Weges liegt, das andere bleibt im Dunkel. Nimmer
wird der Geist hienieden seiner ganzen innern Fülle auf einmal gewahr;
bloß indem ein Moment desselben ein neues zur Verknüpfung herbeilockt,
taucht es einen Augenblick aus dem Dunkel hervor und sinkt im nächsten
wieder dahin zurück. So ist der Mensch Fremdling in seinem eignen Geiste
und irrt darin herum, dem Zufall folgend oder mühsam am Faden des
Schlusses seinen Weg suchend, und vergißt oft seine besten Schätze, die
abseits von der leuchtenden Spur des Gedankens versenkt liegen im
Dunkel, was des Geistes weites Gefilde deckt. Aber im Augenblicke des
Todes, wo eine ewige Nacht das Auge seines Körpers überzieht, wird es zu
tagen beginnen in seinem Geiste. Da wird der Mittelpunkt des innern
Menschen zu einer Sonne entbrennen, welche alles Geistige in ihm
durchleuchten und zugleich als inneres Auge durchschauen wird mit
überirdischer Klarheit. Alles, was er hier vergessen, findet er da
wieder, ja er vergaß es diesseits nur, weil es ihm voraus ins Jenseits
ging; gesammelt findet er es nun wieder. In jener neuen allgemeinen
Klarheit wird er nicht mehr mühsam zusammensuchen müssen, was er
verknüpfen möchte, und zerstückeln in seine Merkmale, was er scheiden
möchte, sondern mit #einem# Augenschlage wird alles, was in ihm selbst
ist, gleichzeitig von ihm erblickt werden in seinen Verhältnissen der
Einheit und des Widerspruchs, des Zusammenhanges und der Trennung, der
Harmonie und des Zwiespalts, nicht bloß nach #einer# Richtung des
Denkens, sondern gleichzeitig nach allen.[4] So hoch der Flug und das
Auge des Vogels über dem langsamen Kriechen der blinden Raupe schwebt,
die nichts erkennt, als was ihr träger Schritt berührt, wird jene höhere
Erkenntnisweise sich erheben über die unsre. Und so werden im Tode mit
dem Leibe des Menschen auch sein Sinn, sein Verstand, ja der ganze auf
diese Endlichkeit berechnete Bau seines Geistes untergehen, als Formen,
die zu eng geworden für sein Wesen, als Glieder, die ihm nichts mehr
nützen in einer Ordnung der Dinge, wo er alles, was sie einzeln, mühsam,
unvollkommen ihm schaffen und erschließen müßten, auf einmal
unvermittelt in sich haben, schauen und genießen wird. Das Selbst des
Menschen aber wird unversehrt in seiner vollen Ausbreitung und
Entwickelung bestehen in jener Zertrümmerung seiner zeitlichen Formen,
und an die Stelle jener erloschenen niedern Tätigkeitsweise
wird ein höheres Leben treten. Beschwichtigt ist alle Unruhe der
Gedanken, die sich ja nicht mehr zu suchen brauchen, um sich zu finden,
und nicht mehr zueinander zu bewegen, um sich ihres Verhältnisses bewußt
zu werden. Aber dafür beginnt nun ein höheres Wechselleben von Geistern,
mit Geistern; wie die Gedanken miteinander in unserm Geiste, verkehren
jene zusammen in dem höheren Geiste, den oder dessen alles verknüpfende
Mitte wir Gott nennen, und unser Gedankenspiel selbst ist nur eine
Verzweigung dieses Verkehrs. Da wird es keiner Sprache mehr bedürfen,
sich gegenseitig zu verstehen, und keines Auges, den andern zu erkennen,
sondern wie in uns der Gedanke den Gedanken versteht und auf ihn
einwirkt, ohne Vermittelung von Ohr und Mund und Hand, sich mit ihm
verbindet oder von ihm scheidet ohne fremdes Band und ohne Scheidewand,
so heimlich, innig und unvermittelt wird das Wechselleben der Geister
untereinander sein. Und keinem wird im andern mehr etwas verborgen
bleiben. Da werden alle sündigen Gedanken, die hier im Dunkel des
Geistes schlichen, und alles, was der Mensch in sich bedecken möchte vor
seinesgleichen mit tausend Händen, offenkundig werden allen Geistern.
Und nur der Geist, der hier ganz rein und wahr gewesen, wird ohne Scham
in jener Welt den andern entgegentreten können; und wer verkannt gewesen
hier auf Erden, der wird dort seine Anerkennung finden.
Und auch am eignen Wesen wird der Geist bei seiner Selbstdurchschauung
gewahren jede Lücke und was noch unvollendet, störend, disharmonisch
darin zurückgeblieben ist aus diesem Leben, und nicht bloß erkennen wird
er diese Mängel, sondern fühlen mit gleicher Stärke des Gemeingefühls,
als wir unsre körperlichen Gebrechen. Wie aber in uns der Gedanke am
Gedanken sich reinigt von dem, was unwahr in ihm ist, und wie sich die
Gedanken verknüpfen durch ihre gemeinsamen Momente zu höhern Gedanken,
und jeder sich dadurch ergänzt in dem, was jedem fehlt, so werden auch
die Geister in ihrem gegenseitigen Verkehr die Mittel ihres Fortschritts
zur Vollendung finden.