1. Kor. 13, 12.

Der Mensch führt hier zugleich ein äußeres und ein inneres Leben, das

erste allen sichtbar und vernehmbar in Blick, in Wort, in Schrift, in

äußeren Handlungen und Werken, das letzte nur ihm selbst vernehmbar in

inneren Gedanken und Gefühlen. Vom sichtbaren ist auch die Fortsetzung

ins Äußere sichtbar, leicht verfolgbar; die Fortsetzung des unsichtbaren

bleibt selber unsichtbar, doch fehlt nicht. Vielmehr setzt mit dem

äußeren Leben des Menschen, als sein Kern, das innere sich über den

diesseitigen Menschen fort, den Kern des jenseitigen zu bilden.

In der Tat, was von dem Menschen während seines Lebens den Lebenden

sichtbar und spürbar ausgeht, ist nicht das einzige, was von ihm

ausgeht. So klein und fein eine Erzitterung oder Schwingung sei, von der

eine bewußte Regung in unserem Haupte getragen wird, das ganze Spiel

bewußter Regungen aber wird von einem inneren Spiele unseres Hauptes

getragen, sie kann nicht anders erlöschen, als daß sie Fortwirkungen

ihrer Art in uns und endlich über uns hinaus erzeugt; wir können sie nur

nicht ins Äußere hinein verfolgen. So wenig die Laute ihr Spiel für sich

behalten kann, es wird über sie hinausgetragen, so wenig unser Haupt;

nur das Nächste davon gehört der Laute und dem Haupte.

Welch unsagbar verwickelt Spiel von Wellen hoher Ordnung, die in dem

Spiele unserer Häupter den Ursprung haben, mag über dem groben niederen

Spiel, was unserem Aug und Ohr draußen vernehmlich ist, sich verbreiten,

vergleichbar feinsten Kräuselungen über den großen Wellen eines Teiches,

oder Zeichnungen ohne Dicke über der Fläche eines dickmaschigen

Teppichs, der von ihnen die ganze Schönheit und höhere Bedeutung hat.

Der Physiker aber erkennt und verfolgt nur das Spiel der Wellen niederer

Ordnung draußen und kümmert sich nicht um das feinere, was er nicht

erkennt. -- Ob er es nicht erkennt, doch kennt er das Prinzip, darf er

die Folge leugnen?[3]

Also erschöpft das, was von den Geistern durch die Fortwirkungen ihres

äußerlich spürbaren diesseitigen Lebens in uns eingegangen ist, auch

nicht ihr ganzes Dasein; sondern auf uns unfaßbare Weise besteht in der

Natur zu diesem äußeren Teile ihres Wesens noch ein innerer, ja der

Hauptteil ihres Wesens. Und hätte ein Mensch auf einer wüsten Insel sein

Leben geführt und beschlossen, ohne je in anderer Menschen Leben

eingegriffen zu haben, er würde doch nach seinem inneren Wesen kernhaft

fortbestehen, einer künftigen Entwickelung harrend, die er im

diesseitigen Wechselverkehr mit anderen nicht finden konnte.

Hätte anderseits ein Kind nur einen Augenblick gelebt, es könnte in

Ewigkeit nicht wieder sterben. Der kleinste Moment bewußten Lebens

schlägt schon einen Kreis von Wirkungen um sich, wie der kürzeste Ton,

der im Moment erloschen scheint, solchen um sich schlägt, der den Ton

ins Unendliche über den nahe Stehenden und Hörenden hinaus trägt; denn

keine Wirkung erlöscht in sich selbst, und jede zeugt in Ewigkeit neue

Wirkungen ihrer Art. Und so wird sich der Geist des Kindes von diesen

bewußten Anfängen aus wie der jenes vereinsamt gebliebenen Menschen noch

fortentwickeln; nur anders, als wär es von einem schon fortentwickelten

Anfang aus geschehen.

Wie nun der Mensch erst im Tode das volle Bewußtsein dessen erhält, was

er in andern geistig gezeugt, wird er auch im Tode erst zum vollen

Bewußtsein und Gebrauch dessen gelangen, was er in sich selbst

getrieben. Was er während seines Lebens gesammelt an geistigen Schätzen,

was sein Gedächtnis erfüllt, was sein Gefühl durchdringt, was sein

Verstand und seine Phantasie geschaffen, bleibt ewig sein! Doch der

ganze Zusammenhang davon bleibt diesseits dunkel; bloß der Gedanke

schreitet mit einer lichten Ampel hindurch und beleuchtet, was auf der

schmalen Linie seines Weges liegt, das andere bleibt im Dunkel. Nimmer

wird der Geist hienieden seiner ganzen innern Fülle auf einmal gewahr;

bloß indem ein Moment desselben ein neues zur Verknüpfung herbeilockt,

taucht es einen Augenblick aus dem Dunkel hervor und sinkt im nächsten

wieder dahin zurück. So ist der Mensch Fremdling in seinem eignen Geiste

und irrt darin herum, dem Zufall folgend oder mühsam am Faden des

Schlusses seinen Weg suchend, und vergißt oft seine besten Schätze, die

abseits von der leuchtenden Spur des Gedankens versenkt liegen im

Dunkel, was des Geistes weites Gefilde deckt. Aber im Augenblicke des

Todes, wo eine ewige Nacht das Auge seines Körpers überzieht, wird es zu

tagen beginnen in seinem Geiste. Da wird der Mittelpunkt des innern

Menschen zu einer Sonne entbrennen, welche alles Geistige in ihm

durchleuchten und zugleich als inneres Auge durchschauen wird mit

überirdischer Klarheit. Alles, was er hier vergessen, findet er da

wieder, ja er vergaß es diesseits nur, weil es ihm voraus ins Jenseits

ging; gesammelt findet er es nun wieder. In jener neuen allgemeinen

Klarheit wird er nicht mehr mühsam zusammensuchen müssen, was er

verknüpfen möchte, und zerstückeln in seine Merkmale, was er scheiden

möchte, sondern mit #einem# Augenschlage wird alles, was in ihm selbst

ist, gleichzeitig von ihm erblickt werden in seinen Verhältnissen der

Einheit und des Widerspruchs, des Zusammenhanges und der Trennung, der

Harmonie und des Zwiespalts, nicht bloß nach #einer# Richtung des

Denkens, sondern gleichzeitig nach allen.[4] So hoch der Flug und das

Auge des Vogels über dem langsamen Kriechen der blinden Raupe schwebt,

die nichts erkennt, als was ihr träger Schritt berührt, wird jene höhere

Erkenntnisweise sich erheben über die unsre. Und so werden im Tode mit

dem Leibe des Menschen auch sein Sinn, sein Verstand, ja der ganze auf

diese Endlichkeit berechnete Bau seines Geistes untergehen, als Formen,

die zu eng geworden für sein Wesen, als Glieder, die ihm nichts mehr

nützen in einer Ordnung der Dinge, wo er alles, was sie einzeln, mühsam,

unvollkommen ihm schaffen und erschließen müßten, auf einmal

unvermittelt in sich haben, schauen und genießen wird. Das Selbst des

Menschen aber wird unversehrt in seiner vollen Ausbreitung und

Entwickelung bestehen in jener Zertrümmerung seiner zeitlichen Formen,

und an die Stelle jener erloschenen niedern Tätigkeitsweise

wird ein höheres Leben treten. Beschwichtigt ist alle Unruhe der

Gedanken, die sich ja nicht mehr zu suchen brauchen, um sich zu finden,

und nicht mehr zueinander zu bewegen, um sich ihres Verhältnisses bewußt

zu werden. Aber dafür beginnt nun ein höheres Wechselleben von Geistern,

mit Geistern; wie die Gedanken miteinander in unserm Geiste, verkehren

jene zusammen in dem höheren Geiste, den oder dessen alles verknüpfende

Mitte wir Gott nennen, und unser Gedankenspiel selbst ist nur eine

Verzweigung dieses Verkehrs. Da wird es keiner Sprache mehr bedürfen,

sich gegenseitig zu verstehen, und keines Auges, den andern zu erkennen,

sondern wie in uns der Gedanke den Gedanken versteht und auf ihn

einwirkt, ohne Vermittelung von Ohr und Mund und Hand, sich mit ihm

verbindet oder von ihm scheidet ohne fremdes Band und ohne Scheidewand,

so heimlich, innig und unvermittelt wird das Wechselleben der Geister

untereinander sein. Und keinem wird im andern mehr etwas verborgen

bleiben. Da werden alle sündigen Gedanken, die hier im Dunkel des

Geistes schlichen, und alles, was der Mensch in sich bedecken möchte vor

seinesgleichen mit tausend Händen, offenkundig werden allen Geistern.

Und nur der Geist, der hier ganz rein und wahr gewesen, wird ohne Scham

in jener Welt den andern entgegentreten können; und wer verkannt gewesen

hier auf Erden, der wird dort seine Anerkennung finden.

Und auch am eignen Wesen wird der Geist bei seiner Selbstdurchschauung

gewahren jede Lücke und was noch unvollendet, störend, disharmonisch

darin zurückgeblieben ist aus diesem Leben, und nicht bloß erkennen wird

er diese Mängel, sondern fühlen mit gleicher Stärke des Gemeingefühls,

als wir unsre körperlichen Gebrechen. Wie aber in uns der Gedanke am

Gedanken sich reinigt von dem, was unwahr in ihm ist, und wie sich die

Gedanken verknüpfen durch ihre gemeinsamen Momente zu höhern Gedanken,

und jeder sich dadurch ergänzt in dem, was jedem fehlt, so werden auch

die Geister in ihrem gegenseitigen Verkehr die Mittel ihres Fortschritts

zur Vollendung finden.

Das Büchlein vom Leben nach dem Tode · 第 13 / 20 题