Geleitwort von Wilhelm Wundt

Die Zeit, da Fechners philosophische Schriften zuerst in die

Öffentlichkeit traten, war für ihre Wirkung die denkbar ungünstigste.

Als die drei Bände des »Zendavesta«, dieser umfassendsten Darstellung

seiner Anschauungen, im Jahre 1851 erschienen, beherrschten ganz andere

Interessen die wissenschaftliche Welt. Die Naturphilosophie hatte

gründlich Fiasko gemacht, auch der Stern der Hegelschen Philosophie war

verblichen; der Pessimist Schopenhauer harrte in Frankfurt noch immer

vergebens der Wiederauferstehung seines vergessenen Werkes, an die

damals außer ihm niemand glaubte. Ludwig Feuerbach und in den folgenden

Jahren der in seinen Spuren wandelnde physiologische Materialismus kamen

dem populären philosophischen Bedürfnisse entgegen, während sich die

strengere Wissenschaft auf ihre Spezialgebiete zurückzog und die

Philosophie überhaupt meist für einen überwundenen Standpunkt ansah. Wie

konnte da ein Werk, das sich schon auf dem Titel als eine Lehre von den

Dingen des Himmels und des Jenseits ankündigte, als etwas anderes denn

als ein phantastischer Traum erscheinen, der mit Wissenschaft überhaupt

nichts zu tun habe!

Fechner hat schwer unter dieser Ungunst der Zeiten gelitten. Er ist

nicht müde geworden, die Überzeugungen, die er gewonnen und durch die

er sich beglückt fühlte, immer wieder in neuer Gestalt der Welt zu

verkünden. Dem »Zendavesta« ließ er kleinere Schriften folgen, in der

Hoffnung, daß die kürzere Form der Verbreitung seiner Gedanken

förderlicher sei. In dem Vorwort zu der Schrift »Über die Seelenfrage«

sagt er: Einem Publikum, das sich durchaus nicht aus dem Bette alter

Ansichten zurechtfinden könne, habe er zum erstenmal in seinem »Büchlein

vom Leben nach dem Tode« zugerufen: »Steh auf!« Als man ihn nicht gehört,

da habe er wieder und wieder gesprochen: »Steh auf!« »Jetzt rufe ich ein

fünftes Mal, und, wenn ich lebe, werde ich noch ein sechstes und siebentes

Mal 'Steh auf!' rufen, und immer wird es nur dasselbe 'Steh auf!' sein.

Aber zum Rufe, der eine schlafende Welt aufwecken soll, gehört ein starker

Atem; ich bin nur ein Atemzug in diesem Atem.«

Am meisten verwahrt er sich gegen den Namen eines Phantasten. Einen

Phantasten, so meint er, nenne man mit Recht denjenigen, der irgendwo

im Himmel oder auf Erden Dinge als wirklich annehme, die den

sichergestellten Gesetzen der Erscheinungswelt widersprechen und für die

sich gar keine Gründe in dem Zusammenhang der Erfahrung aufzeigen

ließen. In diesem Sinne sei z. B. die Lehre von der Seelenwanderung

phantastisch, oder sei es phantastisch, anzunehmen, daß die menschliche

Seele in einer Sonne oder einem Planeten oder irgendwo sonst in einer

fernen Welt weiterlebe. Phantastisch sei daher im Grunde auch die ganze

heute herrschende religiöse Weltanschauung, weil sie zwischen der Welt

unseres gegenwärtigen und der unseres künftigen Daseins gar keine

Vermittelungen oder Beziehungen anerkenne. Man zeige mir aber einmal, so

fragt er, den Punkt, wo meine Ansicht den feststehenden Tatsachen

widerspricht! Man wird diesen Punkt nirgends finden. Im Gegenteil, was

ich lehre, das ist aus der Anschauung der wirklichen Natur und des

wirklichen Lebens geschöpft. Allerdings ist es in dieser für uns

unmittelbar erfaßbaren Wirklichkeit der Dinge nicht selbst schon

enthalten. Aber die Philosophie ist ihm überhaupt nicht Sache des

Wissens, sondern des Glaubens. Man kann eine Weltanschauung nicht

beweisen, wie man einen mathematischen Lehrsatz beweisen kann, und man

kann sie nicht empirisch aufzeigen, wie man eine Naturerscheinung

beobachten kann. In dieser Beziehung stehen ihm Philosophie und Religion

auf gleichem Boden. Die Philosophie steht aber zugleich in der Mitte

zwischen Religion und Wissenschaft. Sie hat beide zu versöhnen, indem

sie eine Weltanschauung entwickelt, die mit den Ergebnissen der

Wissenschaft im Einklang bleibt, während sie den religiösen

Gemütsbedürfnissen Befriedigung schafft.

Man sieht, Fechner stellt der Philosophie eine andere Aufgabe, als sie

ihr von allen denen gestellt zu werden pflegt, die dieselbe als eine

wissenschaftliche ansehen. Von den großen Philosophen der Vergangenheit

gibt es kaum einen, der in Fechners Schriften seltener genannt wird als

Kant. Von der Forderung Kants, die seitdem ein Axiom der

wissenschaftlichen Philosophie geblieben ist, ehe man über das Wesen der

Dinge selbst irgend etwas aussage, müsse vor allem die Fähigkeit unseres

Erkenntnisvermögens zu solchen Aussagen geprüft werden, von dieser

Forderung ist Fechners Philosophie völlig unberührt geblieben. Man würde

sich in ihr vergeblich nach etwas umsehen, was als Erkenntnistheorie

oder als Ethik im wissenschaftlichen Sinne, als eine kritische

Untersuchung der Prinzipien des menschlichen Handelns, angesprochen

werden könnte. Darum würde man aber auch diese Philosophie mit einem

falschen Maßstabe messen, wenn man den der wissenschaftlichen

Philosophie an sie anlegen wollte. Dies will sie grundsätzlich nicht

sein. Vielmehr besteht sie ebensowohl in einer Umdeutung der religiösen

Glaubensinhalte wie in einer Ergänzung der wissenschaftlichen

Ergebnisse, wobei jene Umdeutung und diese Ergänzung in einer Weise

vorgenommen werden sollen, daß sich Glaube und Wissen zu einer einzigen,

in sich harmonischen, den Wissenstrieb wie das Glücksbedürfnis des

Menschen befriedigenden Weltanschauung vereinigen. Darum ist Fechners

Philosophie wesentlich Religionsphilosophie oder, vielleicht noch

treffender ausgedrückt, Theodizee. Aber sie ist keine Theodizee im

Leibnizschen Sinne. Sie macht nicht den Versuch, das christliche

Dogmensystem mit einer zunächst unabhängig von ihr entstandenen

Philosophie in Einklang zu bringen. Dem Dogma steht Fechner vollkommen

frei gegenüber. Es ist ihm eine Hülle, die den religiösen Kern des

christlichen Glaubens häufiger verbirgt als schützt. Um so mehr gilt ihm

dieser Kern selbst als ein unveräußerliches Gut der Menschheit.

Man wird nach allem dem Fechner recht geben müssen, wenn er den Namen

eines Phantasten ablehnt. In der Tat, seine Philosophie ist

phantasievoll, aber phantastisch im Sinne eines die Wirklichkeit

willkürlich verändernden Spieles der Phantasie ist sie nicht. Freilich

bietet sie überall bloße Denkmöglichkeiten. Mehr zu leisten macht sie

sich aber auch nicht anheischig. Die Rechtfertigung dieses Standpunktes

sieht eben Fechner darin, daß der Glaube überhaupt nicht ein

abgesondertes Reich neben dem Wissen sei, sondern daß er mitten in

dieses hineinreiche, zur Verbindung und Ergänzung seiner Bestandteile

unentbehrlich sei. Wenn wir annehmen, daß andere Menschen ein

Bewußtsein in sich tragen, ähnlich dem unsern, oder daß in fernen Räumen

und Zeiten des Weltalls nicht weniger wie in der uns umgebenden Welt das

Gesetz der Kausalität gelte, so seien auch solche für die Wissenschaft

unentbehrliche Voraussetzungen im Grunde nur eine Sache des Glaubens.

Vollends die Annahmen über die Materie und ihre Kräfte, über die

allgemeinsten Gesetze der Natur und des geistigen Lebens, sie verraten

sich schon dadurch als Glaubenssätze, daß in ihnen keineswegs irgendeine

Einmütigkeit erzielt ist. Manche von ihnen hält man offenbar nur darum

für gewiß, weil man sich an sie gewöhnt hat. Bei diesem Punkte setzt nun

Fechners Philosophie ein. Er verlangt, daß man zwischen dem eigentlichen

Wissen und dem bloßen Glauben streng unterscheide und daß man nicht

Glaubensinhalte deshalb schon als wahr annehme, weil sie uns überliefert

oder in allgemeiner Geltung sind. Vielmehr, so unentbehrlich der Glaube

sei, um das Wissen zu ergänzen, so könne doch nur dies als das Kriterium

eines berechtigten Glaubens angesehen werden, daß er eine solche

Ergänzung in befriedigender Weise zustande bringe. Dieses Kriterium

versagt nun nach seiner festen Überzeugung bei den Glaubensinhalten der

gewöhnlichen Weltansicht, wie sie von der heutigen Wissenschaft

sanktioniert ist. Er sieht es dagegen in vollem Maße erfüllt bei seiner

eigenen Weltansicht, die in den wesentlichsten Beziehungen die Umkehrung

jener ist. Es ist das Bewußtsein dieses Gegensatzes, verbunden mit dem

festen Glauben an den beglückenden Inhalt seiner Lehre, was Fechners

philosophischen Schriften einen eigentümlichen Reiz verleiht. Er will

nicht bloß durch Argumente überzeugen, sondern er hat etwas von dem

Geiste eines Propheten in sich, der die Menschheit von eingewurzelten

Irrtümern befreien und sie des Glückes der neuen Gottes- und

Welterkenntnis teilhaftig machen möchte, die sich ihm selbst offenbart

hat.

Das Büchlein vom Leben nach dem Tode · 第 5 / 20 题