Leise und gespannt fragte er: »Wie heißt der Gott, von dem Sie da sagen?«

»Ich weiß leider fast nichts von ihm, eigentlich bloß den Namen. Er heißt

Abraxas.«

Der Musikant blickte wie mißtrauisch um sich, als könnte uns jemand

belauschen. Dann rückte er nahe zu mir und sagte flüsternd: »Ich habe es

mir gedacht. Wer sind Sie?«

»Ich bin ein Schüler vom Gymnasium.«

»Woher wissen Sie von Abraxas?«

»Durch Zufall.«

Er hieb auf den Tisch, daß sein Weinglas überlief.

»Zufall! Reden Sie keinen Sch . . . dreck, junger Mensch! Von Abraxas weiß

man nicht durch Zufall, das merken Sie sich. Ich werde Ihnen noch mehr von

ihm sagen. Ich weiß ein wenig von ihm.«

Er schwieg und rückte seinen Stuhl zurück. Als ich ihn voll Erwartung

ansah, schnitt er eine Grimasse.

»Nicht hier! Ein andermal. -- Da, nehmen Sie!«

Dabei griff er in die Tasche seines Mantels, den er nicht abgelegt hatte,

und zog ein paar gebratene Kastanien heraus, die er mir hinwarf.

Ich sagte nichts, nahm sie und aß und war sehr zufrieden.

»Also!« flüsterte er nach einer Weile. »Woher wissen Sie von -- Ihm?«

Ich zögerte nicht, es ihm zu sagen.

»Ich war allein und ratlos,« erzählte ich. »Da fiel mir ein Freund aus

früheren Jahren ein, von dem ich glaube, daß er sehr viel weiß. Ich hatte

etwas gemalt, einen Vogel, der aus einer Weltkugel herauskam. Den schickte

ich ihm. Nach einiger Zeit, als ich nicht mehr recht daran glaubte, bekam

ich ein Stück Papier in die Hand, darauf stand: Der Vogel kämpft sich aus

dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden will, muß eine Welt

zerstören. Der Vogel fliegt zu Gott. Der Gott heißt Abraxas.«

Er erwiderte nichts, wir schälten unsere Kastanien und aßen sie zum Wein.

»Nehmen wir noch einen Schoppen?« fragte er.

»Danke, nein. Ich trinke nicht gern.«

Er lachte, etwas enttäuscht.

»Wie Sie wollen! Bei mir ist es anders. Ich bleibe noch hier. Gehen Sie

jetzt nur!«

Als ich dann das nächstemal nach der Orgelmusik mit ihm ging, war er nicht

sehr mitteilsam. Er führte mich in einer alten Gasse durch ein altes,

stattliches Haus empor und in ein großes, etwas düsteres und verwahrlostes

Zimmer, wo außer einem Klavier nichts auf Musik deutete, während ein großer

Bücherschrank und Schreibtisch dem Raum etwas Gelehrtenhaftes gaben.

»Wieviel Bücher Sie haben!« sagte ich anerkennend.

»Ein Teil davon ist aus der Bibliothek meines Vaters, bei dem ich wohne. --

Ja, junger Mann, ich wohne bei Vater und Mutter, aber ich kann Sie ihnen

nicht vorstellen, mein Umgang genießt hier im Hause keiner großen Achtung.

Ich bin ein verlorener Sohn, wissen Sie. Mein Vater ist ein fabelhaft

ehrenwerter Mann, ein bedeutender Pfarrer und Prediger in hiesiger Stadt.

Und ich, damit Sie gleich Bescheid wissen, bin sein begabter und

vielversprechender Herr Sohn, der aber entgleist und einigermaßen verrückt

geworden ist. Ich war Theologe und habe kurz vor dem Staatsexamen diese

biedere Fakultät verlassen. Obgleich ich eigentlich noch immer beim Fach

bin, was meine Privatstudien betrifft. Was für Götter die Leute sich

jeweils ausgedacht haben, das ist mir noch immer höchst wichtig und

interessant. Im übrigen bin ich jetzt Musiker und werde, wie es scheint,

bald eine kleinere Organistenstelle bekommen. Dann bin ich ja auch wieder

bei der Kirche.«

Ich schaute an den Bücherrücken entlang, fand griechische, lateinische,

hebräische Titel, soweit ich beim schwachen Licht der kleinen Tischlampe

sehen konnte. Inzwischen hatte sich mein Bekannter im Finstern bei der Wand

auf den Boden gelegt und machte sich dort zu schaffen.

»Kommen Sie,« rief er nach einer Weile, »wir wollen jetzt ein wenig

Philosophie üben, das heißt das Maul halten, auf dem Bauche liegen und

denken.«

Er strich ein Zündholz an und setzte in dem Kamin, vor dem er lag, Papier

und Scheite in Brand. Die Flamme stieg hoch, er schürte und speiste das

Feuer mit ausgesuchter Umsicht. Ich legte mich zu ihm auf den

zerschlissenen Teppich. Er starrte ins Feuer, das auch mich anzog, und wir

lagen schweigend wohl eine Stunde lang auf dem Bauch vor dem flackernden

Holzfeuer, sahen es flammen und brausen, einsinken und sich krümmen,

verflackern und zucken und endlich in stiller, versunkener Glut am Boden

brüten.

»Das Feueranbeten war nicht das Dümmste, was erfunden worden ist,« murmelte

er einmal vor sich hin. Sonst sagte keiner von uns ein Wort. Mit starren

Augen hing ich an dem Feuer, versank in Traum und Stille, sah Gestalten im

Rauch und Bilder in der Asche. Einmal schrak ich auf. Mein Genosse warf ein

Stückchen Harz in die Glut, eine kleine, schlanke Flamme schoß empor, ich

sah in ihr den Vogel mit dem gelben Sperberkopf. In der hinsterbenden

Kaminglut liefen goldig glühende Fäden zu Netzen zusammen, Buchstaben und

Bilder erschienen, Erinnerungen an Gesichter, an Tiere, an Pflanzen, an

Würmer und Schlangen. Als ich, erwachend, nach dem andern sah, stierte er,

das Kinn auf den Fäusten, hingegeben und fanatisch in die Asche.

»Ich muß jetzt gehen,« sagte ich leise.

»Ja, dann gehen Sie. Auf Wiedersehen!«

Er stand nicht auf, und da die Lampe gelöscht war, mußte ich mich mit Mühe

durchs finstere Zimmer und die finsteren Gänge und Treppen aus dem

verwunschenen alten Hause tasten. Auf der Straße machte ich halt und sah an

dem alten Hause hinauf. In keinem Fenster brannte Licht. Ein kleines Schild

aus Messing glänzte im Schein der Gaslaterne vor der Tür.

»Pistorius, Hauptpfarrer,« las ich darauf.

Erst zu Hause, als ich nach dem Abendessen allein in meinem kleinen Zimmer

saß, fiel mir ein, daß ich weder über Abraxas noch sonst etwas von

Pistorius erfahren habe, daß wir überhaupt kaum zehn Worte gewechselt

hatten. Aber ich war mit meinem Besuch bei ihm sehr zufrieden. Und für das

nächstemal hatte er mir ein ganz exquisites Stück alter Orgelmusik

versprochen, eine Passacaglia von Buxtehude.

* * * * *

Ohne daß ich es wußte, hatte der Organist Pistorius mir eine erste Lektion

gegeben, als ich mit ihm vor dem Kamin auf dem Boden seines trüben

Einsiedlerzimmers lag. Das Schauen ins Feuer hatte mir gut getan, es hatte

Neigungen in mir gekräftigt und bestätigt, die ich immer gehabt, doch nie

eigentlich gepflegt hatte. Allmählich wurde ich teilweise darüber klar.

Schon als kleines Kind hatte ich je und je den Hang gehabt, bizarre Formen

der Natur anzuschauen, nicht beobachtend, sondern ihrem eigenen Zauber,

ihrer krausen, tiefen Sprache hingegeben. Lange verholzte Baumwurzeln,

farbige Adern im Gestein, Flecken von Öl, das auf Wasser schwimmt, Sprünge

in Glas -- alle ähnlichen Dinge hatten zu Zeiten großen Zauber für mich

gehabt, vor allem auch das Wasser und das Feuer, der Rauch, die Wolken, der

Staub, und ganz besonders die kreisenden Farbflecke, die ich sah, wenn ich

die Augen schloß. In den Tagen nach meinem ersten Besuch bei Pistorius

begann dies mir wieder einzufallen. Denn ich merkte, daß ich eine gewisse

Stärkung und Freude, eine Steigerung meines Gefühls von mir selbst, die ich

seither spürte, lediglich dem langen Starren ins offene Feuer verdankte. Es

war merkwürdig wohltuend und bereichernd, das zu tun!

An die wenigen Erfahrungen, welche ich bis jetzt auf dem Wege zu meinem

eigentlichen Lebensziel gefunden hatte, reihte sich diese neue: das

Betrachten solcher Gebilde, das Sichhingeben an irrationale, krause,

seltsame Formen der Natur erzeugt in uns ein Gefühl von der Übereinstimmung

unseres Innern mit dem Willen, der diese Gebilde werden ließ -- wir spüren

bald die Versuchung, sie für unsere eigenen Launen, für unsere eigenen

Schöpfungen zu halten -- wir sehen die Grenzen zwischen uns und der Natur

zittern und zerfließen und lernen die Stimmung kennen, in der wir nicht

wissen, ob die Bilder auf unserer Netzhaut von äußeren Eindrücken stammen

oder von inneren. Nirgends so einfach und leicht wie bei dieser Übung

machen wir die Entdeckung, wie sehr wir Schöpfer sind, wie sehr unsere

Seele immerzu teilhat an der beständigen Erschaffung der Welt. Vielmehr ist

es dieselbe unteilbare Gottheit, die in uns und die in der Natur tätig ist,

und wenn die äußere Welt unterginge, so wäre einer von uns fähig, sie

wieder aufzubauen, denn Berg und Strom, Baum und Blatt, Wurzel und Blüte,

alles Gebildete in der Natur liegt in uns vorgebildet, stammt aus der

Seele, deren Wesen Ewigkeit ist, deren Wesen wir nicht kennen, das sich uns

aber zumeist als Liebeskraft und Schöpferkraft zu fühlen gibt.

Erst manche Jahre später fand ich einmal diese Beobachtung in einem Buche

bestätigt, nämlich bei Leonardo da Vinci, der einmal davon redet, wie gut

und tief anregend es sei, eine Mauer anzusehen, welche von vielen Leuten

angespien worden ist. Vor jenen Flecken an der feuchten Mauer fühlte er

dasselbe wie Pistorius und ich vor dem Feuer.

Bei unserem nächsten Zusammensein gab mir der Orgelspieler eine Erklärung.

»Wir ziehen die Grenzen unserer Persönlichkeit immer viel zu eng! Wir

rechnen zu unserer Person immer bloß das, was wir als individuell

unterschieden, als abweichend erkennen. Wir bestehen aber aus dem ganzen

Bestand der Welt, jeder von uns, und ebenso wie unser Körper die

Stammtafeln der Entwicklung bis zum Fisch und noch viel weiter zurück in

sich trägt, so haben wir in der Seele alles, was je in Menschenseelen

gelebt hat. Alle Götter und Teufel, die je gewesen sind, sei es bei

Griechen und Chinesen oder bei Zulukaffern, alle sind mit in uns, sind da,

als Möglichkeiten, als Wünsche, als Auswege. Wenn die Menschheit ausstürbe

bis auf ein einziges halbwegs begabtes Kind, das keinerlei Unterricht

genossen hat, so würde dieses Kind den ganzen Gang der Dinge wiederfinden,

es würde Götter, Dämonen, Paradiese, Gebote und Verbote, Alte und Neue

Testamente, alles würde es wieder produzieren können.«

»Ja, gut,« wandte ich ein, »aber worin besteht dann noch der Wert des

einzelnen? Warum streben wir noch, wenn wir doch alles in uns schon fertig

haben?«

»Halt!« rief Pistorius heftig. »Es ist ein großer Unterschied, ob Sie bloß

die Welt in sich tragen, oder ob Sie das auch wissen! Ein Wahnsinniger kann

Gedanken hervorbringen, die an Plato erinnern, und ein kleiner frommer

Schulknabe in einem Herrnhuter Institut denkt tiefe mythologische

Zusammenhänge schöpferisch nach, die bei den Gnostikern oder bei Zoroaster

vorkommen. Aber er weiß nichts davon! Er ist ein Baum oder Stein,

bestenfalls ein Tier, solange er es nicht weiß. Dann aber, wenn der erste

Funke dieser Erkenntnis dämmert, dann wird er Mensch. Sie werden doch wohl

nicht alle die Zweibeiner, die da auf der Straße laufen, für Menschen

halten, bloß weil sie aufrecht gehen und ihre Jungen neun Monate tragen?

Sie sehen doch, wie viele von ihnen Fische oder Schafe, Würmer oder Egel

sind, wie viele Ameisen, wie viele Bienen! Nun, in jedem von ihnen sind die

Möglichkeiten zum Menschen da, aber erst, indem er sie ahnt, indem er sie

teilweise sogar bewußt machen lernt, gehören diese Möglichkeiten ihm.«

Etwa dieser Art waren unsere Gespräche. Selten brachten sie mir etwas

völlig Neues, etwas ganz und gar Überraschendes. Alle aber, auch das

banalste, trafen mit leisem stetigen Hammerschlag auf denselben Punkt in

mir, alle halfen an mir bilden, alle halfen Häute von mir abstreifen,

Eierschalen zerbrechen, und aus jedem hob ich den Kopf etwas höher, etwas

freier, bis mein gelber Vogel seinen schönen Raubvogelkopf aus der

zertrümmerten Weltschale stieß.

Häufig erzählten wir auch einander unsere Träume. Pistorius verstand ihnen

eine Deutung zu geben. Ein wunderliches Beispiel ist mir eben erinnerlich.

Ich hatte einen Traum, in dem ich fliegen konnte, jedoch so, daß ich

gewissermaßen von einem großen Schwung durch die Luft geschleudert wurde,

dessen ich nicht Herr war. Das Gefühl dieses Fluges war erhebend, ward aber

bald zur Angst, als ich mich willenlos in bedenkliche Höhen gerissen sah.

Da machte ich die erlösende Entdeckung, daß ich mein Steigen und Fallen

durch Anhalten und Strömenlassen des Atems regeln konnte.

Dazu sagte Pistorius: »Der Schwung, der Sie fliegen macht, das ist unser

großer Menschheitsbesitz, den jeder hat. Es ist das Gefühl des

Zusammenhangs mit den Wurzeln jeder Kraft, aber es wird einem dabei bald

bange! Es ist verflucht gefährlich! Darum verzichten die meisten so gerne

auf das Fliegen und ziehen es vor, an Hand gesetzlicher Vorschriften auf

dem Bürgersteige zu wandeln. Aber Sie nicht. Sie fliegen weiter, wie es

sich für einen tüchtigen Burschen gehört. Und siehe, da entdecken Sie das

Wunderliche, daß Sie allmählich Herr darüber werden, daß zu der großen

allgemeinen Kraft, die Sie fortreißt, eine feine, kleine, eigene Kraft

kommt, ein Organ, ein Steuer! Das ist famos. Ohne das ginge man willenlos

in die Lüfte, das tun zum Beispiel die Wahnsinnigen. Ihnen sind tiefere

Ahnungen gegeben als den Leuten auf dem Bürgersteig, aber sie haben keinen

Schlüssel und kein Steuer dazu, und sausen ins Bodenlose. Sie aber,

Sinclair, Sie machen die Sache! Und wie, bitte. Das wissen Sie wohl noch

gar nicht? Sie machen es mit einem neuen Organ, mit einem Atemregulator.

Und nun können Sie sehen, wie wenig >persönlich< Ihre Seele in ihrer Tiefe

ist. Sie erfindet nämlich diesen Regulator nicht! Er ist nicht neu! Er ist

eine Anleihe, er existiert seit Jahrtausenden. Er ist das

Gleichgewichtsorgan der Fische, die Schwimmblase. Und tatsächlich gibt es

ein paar wenige seltsame und konservative Fischarten noch heute, bei denen

die Schwimmblase zugleich eine Art Lunge ist und unter Umständen richtig

zum Atmen dienen kann. Also haargenau wie die Lunge, die Sie im Traum als

Fliegerblase benutzen!«

Er brachte mir sogar einen Band Zoologie und zeigte mir Namen und

Abbildungen jener altmodischen Fische. Und ich fühlte in mir, mit einem

eigentümlichen Schauer, eine Funktion aus frühen Entwicklungsepochen

lebendig.

Sechstes Kapitel

Jakobs Kampf

Was ich von dem sonderbaren Musiker Pistorius über Abraxas erfuhr, kann ich

nicht in Kürze wiedererzählen. Das Wichtigste aber, was ich bei ihm lernte,

war ein weiterer Schritt auf dem Wege zu mir selbst. Ich war damals, mit

meinen etwa achtzehn Jahren, ein ungewöhnlicher junger Mensch, in hundert

Dingen frühreif, in hundert andern Dingen sehr zurück und hilflos. Wenn ich

mich je und je mit anderen verglich, war ich oft stolz und eingebildet

gewesen, ebenso oft aber niedergedrückt und gedemütigt. Oft hatte ich mich

für ein Genie angesehen, oft für halb verrückt. Es gelang mir nicht,

Freuden und Leben der Altersgenossen mitzumachen, und oft hatte ich mich in

Vorwürfen und Sorgen verzehrt, als sei ich hoffnungslos von ihnen getrennt,

als sei mir das Leben verschlossen.

Pistorius, welcher selbst ein ausgewachsener Sonderling war, lehrte mich

den Mut und die Achtung vor mir selbst bewahren. Indem er in meinen Worten,

in meinen Träumen, in meinen Phantasien und Gedanken stets Wertvolles fand,

sie stets ernst nahm und ernsthaft besprach, gab er mir das Beispiel.

»Sie haben mir erzählt,« sagte er, »daß Sie die Musik darum lieben, weil

sie nicht moralisch sei. Meinetwegen. Aber Sie selber müssen eben auch kein

Moralist sein! Sie dürfen sich nicht mit andern vergleichen, und wenn die

Natur Sie zur Fledermaus geschaffen hat, dürfen Sie sich nicht zum Vogel

Strauß machen wollen. Sie halten sich manchmal für sonderbar, Sie werfen

sich vor, daß Sie andere Wege gehen als die meisten. Das müssen Sie

verlernen. Blicken Sie ins Feuer, blicken Sie in die Wolken, und sobald die

Ahnungen kommen und die Stimmen in Ihrer Seele anfangen zu sprechen, dann

überlassen Sie sich ihnen und fragen Sie ja nicht erst, ob das wohl auch

dem Herrn Lehrer oder dem Herrn Papa oder irgendeinem lieben Gott passe

oder lieb sei! Damit verdirbt man sich. Damit kommt man auf den Bürgersteig

und wird ein Fossil. Lieber Sinclair, unser Gott heißt Abraxas, und er ist

Gott und ist Satan, er hat die lichte und die dunkle Welt in sich. Abraxas

hat gegen keinen Ihrer Gedanken, gegen keinen Ihrer Träume etwas

einzuwenden. Vergessen Sie das nie. Aber er verläßt Sie, wenn Sie einmal

tadellos und normal geworden sind. Dann verläßt er Sie und sucht sich einen

neuen Topf, um seine Gedanken drin zu kochen.«

Unter allen meinen Träumen war jener dunkle Liebestraum der treueste. Oft,

oft habe ich ihn geträumt, trat unterm Wappenvogel weg in unser altes Haus,

wollte die Mutter an mich ziehen, und hielt statt ihrer das große halb

männliche, halb mütterliche Weib umfaßt, vor der ich Furcht hatte und zu

der mich doch das glühendste Verlangen zog. Und diesen Traum konnte ich

meinem Freunde nie erzählen. Ihn behielt ich zurück, wenn ich ihm alles

andre erschlossen hatte. Er war mein Winkel, mein Geheimnis, meine

Zuflucht.

Wenn ich bedrückt war, dann bat ich Pistorius, er möge mir die Passacaglia

des alten Buxtehude spielen. In der abendlichen dunklen Kirche saß ich dann

verloren an diese seltsame, innige, in sich selbst versenkte, sich selber

belauschende Musik, die mir jedesmal wohl tat und mich bereiter machte, den

Stimmen der Seele recht zu geben.

Zuweilen blieben wir auch eine Weile, nachdem die Orgel schon verklungen

war, in der Kirche sitzen und sahen das schwache Licht durch die hohen

spitzbogigen Fenster scheinen und sich verlieren.

»Es klingt komisch,« sagte Pistorius, »daß ich einmal Theologe war und

beinah Pfarrer geworden wäre. Aber es war nur ein Irrtum in der Form, den

ich dabei beging. Priester sein, ist mein Beruf und mein Ziel. Nur war ich

zu früh zufrieden und stellte mich dem Jehova zur Verfügung, noch ehe ich

den Abraxas kannte. Ach, jede Religion ist schön. Religion ist Seele,

einerlei, ob man ein christliches Abendmahl nimmt oder ob man nach Mekka

wallfahrt.«

»Dann hätten Sie,« meinte ich, »aber eigentlich doch Pfarrer werden

können.«

»Nein, Sinclair, nein. Ich hätte ja lügen müssen. Unsre Religion wird so

ausgeübt, als sei sie keine. Sie tut so, als sei sie ein Verstandeswerk.

Katholik könnte ich zur Not wohl sein, aber protestantischer Priester --

nein! Die paar wirklich Gläubigen -- ich kenne solche -- halten sich gern

an das Wörtliche, ihnen könnte ich nicht sagen, daß etwa Christus für mich

keine Person, sondern ein Heros, ein Mythos ist, ein ungeheures

Schattenbild, in dem die Menschheit sich selber an die Wand der Ewigkeit

gemalt sieht. Und die anderen, die in die Kirche kommen, um ein kluges Wort

zu hören, um eine Pflicht zu erfüllen, um nichts zu versäumen und so

weiter, ja was hätte ich denen sagen sollen? Sie bekehren, meinst du? Aber

das will ich gar nicht. Der Priester will nicht bekehren, er will nur unter

Gläubigen, unter seinesgleichen leben, und will Träger und Ausdruck sein

für das Gefühl, aus dem wir unsere Götter machen.«

Er unterbrach sich. Dann fuhr er fort: »Unser neuer Glaube, für den wir

jetzt den Namen des Abraxas wählen, ist schön, lieber Freund. Er ist das

Beste, was wir haben. Aber er ist noch ein Säugling! Die Flügel sind ihm

noch nicht gewachsen. Ach, eine einsame Religion, das ist noch nicht das

Wahre. Sie muß gemeinsam werden, sie muß Kult und Rausch, Feste und

Mysterien haben . . .«

Er sann und versank in sich.

»Kann man Mysterien nicht auch allein, oder im kleinsten Kreis, begehen?«

fragte ich zögernd.

»Man kann schon,« nickte er. »Ich begehe sie schon lang. Ich habe Kulte

begangen, für die ich Jahre von Zuchthaus absitzen müßte, wenn man davon

wüßte. Aber ich weiß, es ist noch nicht das Richtige.«

Plötzlich schlug er mir auf die Schulter, daß ich zusammenzuckte. »Junge,«

sagte er eindringlich, »auch Sie haben Mysterien. Ich weiß, daß Sie Träume

haben müssen, die Sie mir nicht sagen. Ich will sie nicht wissen. Aber ich

sage Ihnen: Leben Sie sie, diese Träume, spielen Sie sie, bauen Sie ihnen

Altäre! Es ist noch nicht das Vollkommene, aber es ist ein Weg. Ob wir

einmal, Sie und ich und ein paar andere, die Welt erneuern werden, das wird

sich zeigen. In uns drinnen aber müssen wir sie jeden Tag erneuern, sonst

ist es nichts mit uns. Denken Sie dran! Sie sind achtzehn Jahr alt,

Sinclair, Sie laufen nicht zu den Straßendirnen, Sie müssen Liebesträume,

Liebeswünsche haben. Vielleicht sind sie so, daß Sie sich vor ihnen

fürchten. Fürchten Sie sich nicht! Sie sind das Beste, was Sie haben! Sie

können mir glauben. Ich habe damit viel verloren, daß ich in Ihren Jahren

meine Liebesträume vergewaltigt habe. Man muß das nicht tun. Wenn man von

Abraxas weiß, darf man es nicht mehr tun. Man darf nichts fürchten und

nichts für verboten halten, was die Seele in uns wünscht.«

Erschreckt wandte ich ein: »Aber man kann doch nicht alles tun, was einem

einfällt! Man darf doch auch nicht einen Menschen umbringen, weil er einem

zuwider ist.«

Er rückte näher zu mir.

»Unter Umständen darf man auch das. Es ist nur meistens ein Irrtum. Ich

meine auch nicht, Sie sollen einfach alles das tun, was Ihnen durch den

Sinn geht. Nein, aber Sie sollen diese Einfälle, die ihren guten Sinn

haben, nicht dadurch schädlich machen, daß Sie sie vertreiben und an ihnen

herummoralisieren. Statt sich oder einen andern ans Kreuz zu schlagen, kann

man aus einem Kelch mit feierlichen Gedanken Wein trinken und dabei das

Mysterium des Opfers denken. Man kann, auch ohne solche Handlungen, seine

Triebe und sogenannten Anfechtungen mit Achtung und Liebe behandeln. Dann

zeigen sie ihren Sinn, und sie haben alle Sinn. -- Wenn Ihnen wieder einmal

etwas recht Tolles oder Sündhaftes einfällt, Sinclair, wenn Sie jemand

umbringen oder irgendeine gigantische Unflätigkeit begehen möchten, dann

denken Sie einen Augenblick daran, daß es Abraxas ist, der so in Ihnen

phantasiert! Der Mensch, den Sie töten möchten, ist ja nie der Herr

Soundso, er ist sicher nur eine Verkleidung. Wenn wir einen Menschen

hassen, so hassen wir in seinem Bild etwas, was in uns selber sitzt. Was

nicht in uns selber ist, das regt uns nicht auf.«

Nie hatte mir Pistorius etwas gesagt, das mich so tief im Heimlichsten

getroffen hatte. Ich konnte nicht antworten. Was mich aber am stärksten und

sonderbarsten berührt hatte, das war der Gleichklang dieses Zuspruches mit

Worten Demians, die ich seit Jahren und Jahren in mir trug. Sie wußten

nichts voneinander, und beide sagten mir dasselbe.

»Die Dinge, die wir sehen,« sagte Pistorius leise, »sind dieselben Dinge,

die in uns sind. Es gibt keine Wirklichkeit als die, die wir in uns haben.

Darum leben die meisten Menschen so unwirklich, weil sie die Bilder

außerhalb für das Wirkliche halten und ihre eigene Welt in sich gar nicht

zu Worte kommen lassen. Man kann glücklich dabei sein. Aber wenn man einmal

das andere weiß, dann hat man die Wahl nicht mehr, den Weg der meisten zu

gehen. Sinclair, der Weg der meisten ist leicht, unsrer ist schwer. -- Wir

wollen gehen.«

Einige Tage später, nachdem ich zweimal vergebens auf ihn gewartet hatte,

traf ich ihn spät am Abend auf der Straße an, wie er einsam im kalten

Nachtwinde um eine Ecke geweht kam, stolpernd und ganz betrunken. Ich

mochte ihn nicht anrufen. Er kam an mir vorbei, ohne mich zu sehen, und

starrte vor sich hin mit glühenden und vereinsamten Augen, als folge er

einem dunklen Ruf aus dem Unbekannten. Ich folgte ihm eine Straße lang, er

trieb wie an unsichtbarem Draht gezogen dahin, mit fanatischem und doch

aufgelöstem Gang, wie ein Gespenst. Traurig ging ich nach Hause zurück, zu

meinen unerlösten Träumen.

»So erneuert er nun die Welt in sich!« dachte ich, und fühlte noch im

selben Augenblick, daß das niedrig und moralisch gedacht sei. Was wußte ich

von seinen Träumen? Er ging vielleicht in seinem Rausch den sicherern Weg

als ich in meiner Bangnis.

* * * * *

In den Pausen zwischen den Schulstunden war mir zuweilen aufgefallen, daß

ein Mitschüler meine Nähe suchte, den ich nie beachtet hatte. Es war ein

kleiner, schwach aussehender, schmächtiger Jüngling mit rötlich blondem,

dünnem Haar, der in Blick und Benehmen etwas Eigenes hatte. Eines Abends,

als ich nach Hause kam, lauerte er in der Gasse auf mich, ließ mich an sich

vorübergehen, lief mir dann wieder nach, und blieb vor unsrer Haustür

stehen.

»Willst du etwas von mir?« fragte ich.

»Ich möchte bloß einmal mit dir sprechen,« sagte er schüchtern. »Sei so gut

und komm ein paar Schritte mit.«

Ich folgte ihm und spürte, daß er tief erregt und voll Erwartung war. Seine

Hände zitterten.

»Bist du Spiritist?« fragte er ganz plötzlich.

»Nein, Knauer,« sagte ich lachend. »Keine Spur davon. Wie kommst du auf so

etwas?«

»Aber Theosoph bist du?«

»Auch nicht.«

»Ach, sei nicht so verschlossen! Ich spüre doch ganz gut, daß etwas

Besonderes mit dir ist. Du hast es in den Augen. Ich glaube bestimmt, daß

du Umgang mit Geistern hast. -- Ich frage nicht aus Neugierde, Sinclair,

nein! Ich bin selber ein Suchender, weißt du, und ich bin so allein.«

»Erzähle nur!« munterte ich ihn an. »Ich weiß von Geistern zwar gar nichts,

ich lebe in meinen Träumen, und das hast du gespürt. Die anderen Leute

leben auch in Träumen, aber nicht in ihren eigenen, das ist der

Unterschied.«

»Ja, so ist es vielleicht,« flüsterte er. »Es kommt nur drauf an, welcher

Art die Träume sind, in denen man lebt. -- Hast du schon von der weißen

Magie gehört?«

Ich mußte verneinen.

»Das ist, wenn man lernt, sich selber zu beherrschen. Man kann unsterblich

werden, und auch zaubern. Hast du nie solche Übungen gemacht?«

Auf meine neugierige Frage nach diesen Übungen tat er erst geheimnisvoll,

bis ich mich zum Gehen wandte, dann kramte er aus.

»Zum Beispiel, wenn ich einschlafen oder auch mich konzentrieren will, dann

mache ich eine solche Übung. Ich denke mir irgend etwas, zum Beispiel ein

Wort oder einen Namen, oder eine geometrische Figur. Die denke ich dann in

mich hinein, so stark ich kann, ich suche sie mir innen in meinem Kopf

vorzustellen, bis ich fühle, daß sie darin ist. Dann denke ich sie in den

Hals, und so weiter, bis ich ganz davon ausgefüllt bin. Dann bin ich ganz

fest, und nichts mehr kann mich aus der Ruhe bringen.«

Ich begriff einigermaßen, wie er es meine. Doch fühlte ich wohl, daß er

noch anderes auf dem Herzen habe, er war seltsam erregt und hastig. Ich

suchte ihm das Fragen leicht zu machen, und bald kam er denn mit seinem

eigentlichen Anliegen.

»Du bist doch auch enthaltsam?« fragte er mich ängstlich.

»Wie meinst du das? Meinst du das Geschlechtliche?«

»Ja, ja. Ich bin jetzt seit zwei Jahren enthaltsam, seit ich von der Lehre

weiß. Vorher habe ich ein Laster getrieben, du weißt schon. -- Du bist also

nie bei einem Weib gewesen?«

»Nein,« sagte ich. »Ich habe die Richtige nicht gefunden.«

»Aber wenn du die fändest, von der du meinst, sie sei die Richtige, dann

würdest du mit ihr schlafen?«

»Ja, natürlich. -- Wenn sie nichts dagegen hat,« sagte ich mit etwas Spott.

»O da bist du aber auf dem falschen Weg! Die inneren Kräfte kann man nur

ausbilden, wenn man völlig enthaltsam bleibt. Ich habe es getan, zwei Jahre

lang. Zwei Jahre und etwas mehr als einen Monat! Es ist so schwer! Manchmal

kann ich es kaum mehr aushalten.«

»Höre, Knauer, ich glaube nicht, daß die Enthaltsamkeit so furchtbar

wichtig ist.«

»Ich weiß,« wehrte er ab, »das sagen alle. Aber von dir habe ich es nicht

erwartet. Wer den höheren geistigen Weg gehen will, der muß rein bleiben,

unbedingt!«

»Ja, dann tu es! Aber ich begreife nicht, warum einer >reiner< sein soll,

der sein Geschlecht unterdrückt, als irgendein anderer. Oder kannst du das

Geschlechtliche auch aus allen Gedanken und Träumen ausschalten?«

Er sah mich verzweifelt an.

»Nein, eben nicht! Herrgott, und doch muß es sein. Ich habe in der Nacht

Träume, die ich nicht einmal mir selber erzählen könnte! Furchtbare Träume,

du!«

Ich erinnerte mich dessen, was Pistorius mir gesagt hatte. Aber so sehr ich

seine Worte als richtig empfand, ich konnte sie nicht weitergeben, ich

konnte nicht einen Rat erteilen, der nicht aus meiner eigenen Erfahrung

herkam und dessen Befolgung ich mich selber noch nicht gewachsen fühlte.

Ich wurde schweigsam und fühlte mich dadurch gedemütigt, daß da jemand Rat

bei mir suchte, dem ich keinen zu geben hatte.

»Ich habe alles probiert!« jammerte Knauer neben mir. »Ich habe getan, was

man tun kann, mit kaltem Wasser, mit Schnee, mit Turnen und Laufen, aber es

hilft alles nichts. Jede Nacht wache ich aus Träumen auf, an die ich gar

nicht denken darf. Und das Entsetzliche ist: darüber geht mir allmählich

alles wieder verloren, was ich geistig gelernt hatte. Ich bringe es beinahe

nie mehr fertig, mich zu konzentrieren oder mich einzuschläfern, oft liege

ich die ganze Nacht wach. Ich halte das nimmer lang aus. Wenn ich

schließlich doch den Kampf nicht durchführen kann, wenn ich nachgebe und

mich wieder unrein mache, dann bin ich schlechter als alle anderen, die

überhaupt nie gekämpft haben. Das begreifst du doch?«

Ich nickte, konnte aber nichts dazu sagen. Er begann mich zu langweilen,

und ich erschrak vor mir selber, daß mir seine offensichtliche Not und

Verzweiflung keinen tiefern Eindruck machte. Ich empfand nur: ich kann dir

nicht helfen.

»Also weißt du mir gar nichts?« sagte er schließlich erschöpft und traurig.

»Gar nichts? Es muß doch einen Weg geben! Wie machst denn du es?«

»Ich kann dir nichts sagen, Knauer. Man kann einander da nicht helfen. Mir

hat auch niemand geholfen. Du mußt dich auf dich selber besinnen, und dann

mußt du das tun, was wirklich aus deinem Wesen kommt. Es gibt nichts

anderes. Wenn du dich selber nicht finden kannst, dann wirst du auch keine

Geister finden, glaube ich.«

Enttäuscht und plötzlich stumm geworden, sah der kleine Kerl mich an. Dann

glühte sein Blick in plötzlicher Gehässigkeit auf, er schnitt mir eine

Grimasse und schrie wütend: »Ah, du bist mir ein schöner Heiliger! Du hast

auch dein Laster, ich weiß es! Du tust wie ein Weiser und heimlich hängst

du am gleichen Dreck wie ich und alle! Du bist ein Schwein, ein Schwein,

wie ich selber. Alle sind wir Schweine!«

Ich ging weg und ließ ihn stehen. Er tat mir zwei, drei Schritte nach, dann

blieb er zurück, kehrte um und rannte davon. Mir wurde übel aus einem

Gefühl von Mitleid und Abscheu, und ich kam von dem Gefühl nicht los, bis

ich zu Hause in meinem kleinen Zimmerchen meine paar Bilder um mich stellte

und mich mit sehnlichster Innigkeit meinen eigenen Träumen hingab. Da kam

sofort mein Traum wieder, vom Haustor und Wappen, von der Mutter und der

fremden Frau, und ich sah die Züge der Frau so überdeutlich, daß ich noch

am selben Abend ihr Bild zu zeichnen begann.

Als diese Zeichnung nach einigen Tagen fertig war, in traumhaften

Viertelstunden wie bewußtlos hingestrichen, hängte ich sie am Abend an

meiner Wand auf, rückte die Studierlampe davor und stand vor ihr wie vor

einem Geist, mit dem ich kämpfen mußte bis zur Entscheidung. Es war ein

Gesicht, ähnlich dem frühern, ähnlich meinem Freund Demian, in einigen

Zügen auch ähnlich mir selber. Das eine Auge stand auffallend höher als das

andere, der Blick ging über mich weg in versunkener Starrheit, voll von

Schicksal.

Ich stand davor und wurde vor innerer Anstrengung kalt bis in die Brust

hinein. Ich fragte das Bild, ich klagte es an, ich liebkoste es, ich betete

zu ihm; ich nannte es Mutter, ich nannte es Geliebte, nannte es Hure und

Dirne, nannte es Abraxas. Dazwischen fielen Worte von Pistorius -- oder von

Demian? -- mir ein; ich konnte mich nicht erinnern, wann sie gesprochen

waren, aber ich meinte sie wieder zu hören. Es waren Worte über den Kampf

Jakobs mit dem Engel Gottes, und das »Ich lasse dich nicht, du segnest mich

denn«.

Das gemalte Gesicht im Lampenschein verwandelte sich bei jeder Anrufung. Es

wurde hell und leuchtend, wurde schwarz und finster, schloß fahle Lider

über erstorbenen Augen, öffnete sie wieder und blitzte glühende Blicke, es

war Frau, war Mann, war Mädchen, war ein kleines Kind, ein Tier, verschwamm

zum Fleck, wurde wieder groß und klar. Am Ende schloß ich, einem starken

inneren Rufe folgend, die Augen und sah nun das Bild inwendig in mir,

stärker und mächtiger. Ich wollte vor ihm niederknien, aber es war so sehr

in mir innen, daß ich es nicht mehr von mir trennen konnte, als wäre es zu

lauter Ich geworden.

Da hörte ich ein dunkles schweres Brausen wie von einem Frühjahrssturm und

zitterte in einem unbeschreiblich neuen Gefühl von Angst und Erlebnis.

Sterne zuckten vor mich auf und erloschen, Erinnerungen bis in die erste,

vergessenste Kinderzeit zurück, ja bis in Vorexistenzen und frühe Stufen

des Werdens, strömten gedrängt an mir vorüber. Aber die Erinnerungen, die

mir mein ganzes Leben bis ins Geheimste zu wiederholen schienen, hörten mit

gestern und heute nicht auf, sie gingen weiter, spiegelten Zukunft, rissen

mich von heute weg und in neue Lebensformen, deren Bilder ungeheuer hell

und blendend waren, an deren keines ich mich aber später richtig erinnern

konnte.

In der Nacht erwachte ich aus tiefem Schlaf, ich war in den Kleidern und

lag quer überm Bett. Ich zündete Licht an, fühlte, daß ich mich auf

Wichtiges besinnen müsse, wußte nichts mehr von den Stunden vorher. Ich

zündete Licht an, die Erinnerung kam allmählich. Ich suchte das Bild, es

hing nicht mehr an der Wand, lag auch nicht auf dem Tische. Da meinte ich

mich dunkel zu besinnen, daß ich es verbrannt hätte. Oder war es ein Traum

gewesen, daß ich es in meinen Händen verbrannt und die Asche gegessen

hätte?

Eine große, zuckende Unruhe trieb mich. Ich setzte den Hut auf, ging durch

Haus und Gasse, wie unter einem Zwang, lief und lief durch Straßen und über

Plätze wie von einem Sturm geweht, lauschte vor der finstern Kirche meines

Freundes, suchte und suchte in dunklem Trieb, ohne zu wissen, was. Ich kam

durch eine Vorstadt, wo Dirnenhäuser standen, dort war hier und da noch

Licht. Weiter draußen lagen Neubauten und Ziegelhaufen, zum Teil mit grauem

Schnee bedeckt. Mir fiel, da ich wie ein Traumwandler unter einem fremden

Druck durch diese Wüste trieb, der Neubau in meiner Vaterstadt ein, in

welchen mich einst mein Peiniger Kromer zu unserer ersten Abrechnung

gezogen hatte. Ein ähnlicher Bau lag in der grauen Nacht hier vor mir,

gähnte mit schwarzem Türloch mich an. Es zog mich hinein, ich wollte

ausweichen und stolperte über Sand und Schutt; der Drang war stärker, ich

mußte hinein.

Über Bretter und zerbrochene Backsteine hinweg taumelte ich in den öden

Raum, es roch trübe nach feuchter Kälte und Steinen. Ein Sandhaufen lag da,

ein grauheller Fleck, sonst war alles dunkel.

Da rief eine entsetzte Stimme mich an: »Um Gottes willen, Sinclair, wo

kommst du her?«

Und neben mir richtete aus der Finsternis ein Mensch sich auf, ein kleiner

magerer Bursch, wie ein Geist, und ich erkannte, während mir noch die Haare

zu Berg standen, meinen Schulkameraden Knauer.

»Wie kommst du hierher?« fragte er, wie irr vor Erregung. »Wie hast du mich

finden können?«

Ich verstand nicht.

»Ich habe dich nicht gesucht,« sagte ich benommen; jedes Wort machte mir

Mühe und kam mir mühsam über tote, schwere, wie erfrorene Lippen.

Er starrte mich an.

»Nicht gesucht?«

»Nein. Es zog mich her. Hast du mich gerufen? Du mußt mich gerufen haben.

Was tust du denn hier? Es ist doch Nacht.«

Er umschlang mich krampfhaft mit seinen dünnen Armen.

»Ja, Nacht. Es muß bald Morgen werden. O Sinclair, daß du mich nicht

vergessen hast! Kannst du mir denn verzeihen?«

»Was denn?«

»Ach ich war ja so häßlich!«

Erst jetzt kam mir die Erinnerung an unser Gespräch. War das vor vier, fünf

Tagen gewesen? Mir schien seither ein Leben vergangen. Aber jetzt wußte ich

plötzlich alles. Nicht nur, was zwischen uns geschehen war, sondern auch,

warum ich hergekommen war und was Knauer hier draußen hatte tun wollen.

»Du wolltest dir also das Leben nehmen, Knauer?«

Er schauderte vor Kälte und vor Angst.

»Ja, ich wollte. Ich weiß nicht, ob ich es gekonnt hätte. Ich wollte

warten, bis es Morgen wird.«

Ich zog ihn ins Freie. Die ersten wagrechten Lichtstreifen des Tages

glommen unsäglich kalt und lustlos in den grauen Lüften.

Ich führte den Jungen eine Strecke weit am Arm. Es sprach aus mir: »Jetzt

gehst du nach Hause, und sagst niemand etwas! Du bist den falschen Weg

gegangen, den falschen Weg! Wir sind auch nicht Schweine, wie du meinst.

Wir sind Menschen. Wir machen Götter, und kämpfen mit ihnen, und sie segnen

uns.«

Schweigend gingen wir weiter und auseinander. Als ich heimkam, war es Tag

geworden.

* * * * *

Das Beste, was mir jene Zeit in St. noch brachte, waren Stunden mit

Pistorius an der Orgel oder vor dem Kaminfeuer. Wir lasen einen

griechischen Text über Abraxas zusammen, er las mir Stücke einer

Übersetzung aus den Veden vor und lehrte mich das heilige »Om« sprechen.

Indessen waren es nicht diese Gelehrsamkeiten, die mich im Innern

förderten, sondern eher das Gegenteil. Was mir wohltat, war das

Vorwärtsfinden in mir selber, das zunehmende Vertrauen in meine eigenen

Träume, Gedanken und Ahnungen, und das zunehmende Wissen von der Macht, die

ich in mir trug.

Mit Pistorius verstand ich mich auf jede Weise. Ich brauchte nur stark an

ihn zu denken, so war ich sicher, daß er oder ein Gruß von ihm zu mir kam.

Ich konnte ihn, ebenso wie Demian, irgend etwas fragen, ohne daß er selbst

da war: ich brauchte ihn mir nur fest vorzustellen und meine Fragen als

intensive Gedanken an ihn zu richten. Dann kehrte alle in die Frage

gegebene Seelenkraft als Antwort in mich zurück. Nur war es nicht die

Person des Pistorius, die ich mir vorstellte, und nicht die des Max Demian,

sondern es war das von mir geträumte und gemalte Bild, das mannweibliche

Traumbild meines Dämons, das ich anrufen mußte. Es lebte jetzt nicht mehr

nur in meinen Träumen, und nicht mehr gemalt auf Papier, sondern in mir,

als ein Wunschbild und eine Steigerung meiner selbst.

Eigentümlich und zuweilen komisch war das Verhältnis, in welches der

mißglückte Selbstmörder Knauer zu mir getreten war. Seit der Nacht, in der

ich ihm gesendet worden war, hing er an mir wie ein treuer Diener oder

Hund, suchte sein Leben an meines zu knüpfen und folgte mir blindlings. Mit

den wunderlichsten Fragen und Wünschen kam er zu mir, wollte Geister sehen,

wollte die Kabbala lernen, und glaubte mir nicht, wenn ich ihm versicherte,

daß ich von all diesen Sachen nichts verstünde. Er traute mir jede Macht

zu. Aber seltsam war, daß er oft mit seinen wunderlichen und dummen Fragen

gerade dann zu mir kam, wenn irgendein Knoten in mir zu lösen war, und daß

seine launischen Einfälle und Anliegen mir oft das Stichwort und den Anstoß

zur Lösung brachten. Oft war er mir lästig und wurde herrisch weggeschickt,

aber ich spürte doch: auch er war mir gesandt, auch aus ihm kam das, was

ich ihm gab, verdoppelt in mich zurück, auch er war mir ein Führer, oder

doch ein Weg. Die tollen Bücher und Schriften, die er mir zutrug und in

denen er sein Heil suchte, lehrten mich mehr, als ich im Augenblick

einsehen konnte.

Dieser Knauer verlor sich später ungefühlt von meinem Weg. Mit ihm war eine

Auseinandersetzung nicht nötig. Wohl aber mit Pistorius. Mit diesem Freunde

erlebte ich gegen den Schluß meiner Schulzeit in St. noch etwas

Eigentümliches.

Auch den harmlosen Menschen bleibt es kaum erspart, einmal oder einigemal

im Leben in Konflikt mit den schönen Tugenden der Pietät und der

Dankbarkeit zu geraten. Jeder muß einmal den Schritt tun, der ihn von

seinem Vater, von seinen Lehrern trennt, jeder muß etwas von der Härte der

Einsamkeit spüren, wenn auch die meisten Menschen wenig davon ertragen

können und bald wieder unterkriechen. -- Von meinen Eltern und ihrer Welt,

der »lichten« Welt meiner schönen Kindheit, war ich nicht in heftigem Kampf

geschieden, sondern langsam und fast unmerklich ihnen ferner gekommen und

fremder geworden. Es tat mir leid, es machte mir bei den Besuchen in der

Heimat oft bittere Stunden; aber es ging nicht bis ins Herz, es war zu

ertragen.

Aber dort, wo wir nicht aus Gewohnheit, sondern aus eigenstem Antrieb Liebe

und Ehrfurcht dargebracht haben, da, wo wir mit eigenstem Herzen Jünger und

Freunde gewesen sind -- dort ist es ein bitterer und furchtbarer

Augenblick, wenn wir plötzlich zu erkennen meinen, daß die führende

Strömung in uns von dem Geliebten wegführen will. Da richtet jeder Gedanke,

der den Freund und Lehrer abweist, sich mit giftigem Stachel gegen unser

eigenes Herz, da trifft jeder Hieb der Abwehr ins eigene Gesicht. Da

tauchen dem, der eine gültige Moral in sich selber zu tragen meinte, die

Namen »Treulosigkeit« und »Undankbarkeit« wie schändliche Zurufe und

Brandmäler auf, da flieht das erschrockene Herz angstvoll in die lieben

Täler der Kindheitstugenden zurück und kann nicht daran glauben, daß auch

dieser Bruch getan, daß auch dieses Band zerschnitten werden muß.

Langsam hatte ein Gefühl in mir sich mit der Zeit dagegen gewendet, meinen

Freund Pistorius so unbedingt als Führer anzuerkennen. Was ich in den

wichtigsten Monaten meiner Jünglingszeit erlebt hatte, war die Freundschaft

mit ihm, war sein Rat, sein Trost, seine Nähe gewesen. Aus ihm hatte Gott

zu mir gesprochen. Aus seinem Munde waren meine Träume mir zurückgekehrt,

geklärt und gedeutet. Er hatte mir den Mut zu mir selber geschenkt. -- Ach,

und nun spürte ich langsam anwachsend Widerstände gegen ihn. Ich hörte zu

viel Belehrendes in seinen Worten, ich empfand, daß er nur einen Teil von

mir ganz verstehe.

Es gab keinen Streit, keine Szene zwischen uns, keinen Bruch und nicht

einmal eine Abrechnung. Ich sagte ihm nur ein einziges, eigentlich

harmloses Wort -- aber es war doch eben der Augenblick, in dem zwischen uns

eine Illusion in farbige Scherben zerfiel.

Gedrückt hatte die Vorausahnung mich schon eine Weile, zum deutlichen

Gefühl wurde sie eines Sonntags in seiner alten Gelehrtenstube. Wir lagen

am Boden vor dem Feuer, und er sprach von Mysterien und Religionsformen,

die er studierte, an denen er sann, und deren mögliche Zukunft ihn

beschäftigte. Mir aber schien dies alles mehr kurios und interessant als

lebenswichtig, es klang mir Gelehrsamkeit, es klang mir müdes Suchen unter

Trümmern ehemaliger Welten daraus entgegen. Und mit einem Male spürte ich

einen Widerwillen gegen diese ganze Art, gegen diesen Kultus der

Mythologien, gegen dieses Mosaikspiel mit überlieferten Glaubensformen.

»Pistorius,« sagte ich plötzlich, mit einer mir selber überraschend und

erschreckend hervorbrechenden Bosheit, »Sie sollten mir wieder einmal einen

Traum erzählen, einen wirklichen Traum, den Sie in der Nacht gehabt haben.

Das, was Sie da reden, ist so -- so verflucht antiquarisch!«

Er hatte mich niemals so reden hören, und ich selbst empfand im selben

Augenblick blitzhaft mit Scham und Schrecken, daß der Pfeil, den ich auf

ihn abschoß und der ihn ins Herz traf, aus seiner eigenen Rüstkammer

genommen war -- daß ich Selbstvorwürfe, die ich ihn in ironischem Ton

gelegentlich hatte äußern hören, nun boshaft ihm in zugespitzter Form

zuwarf.

Er spürte es augenblicklich, und er wurde sofort still. Ich sah ihn mit

Angst im Herzen an, und sah ihn furchtbar bleich werden.

Nach einer langen schweren Pause legte er neues Holz aufs Feuer und sagte

still: »Sie haben ganz recht, Sinclair. Sie sind ein kluger Kerl. Ich werde

Sie mit dem antiquarischen Zeug verschonen.«

Er sprach sehr ruhig, aber ich hörte den Schmerz der Verwundung wohl

heraus. Was hatte ich getan!

Die Tränen waren mir nah, ich wollte mich ihm herzlich zuwenden, wollte ihn

um Verzeihung bitten, ihn meiner Liebe, meiner zärtlichen Dankbarkeit

versichern. Rührende Worte fielen mir ein -- aber ich konnte sie nicht

sagen. Ich blieb liegen, sah ins Feuer und schwieg. Und er schwieg auch,

und so lagen wir, und das Feuer brannte herab und sank zusammen, und mit

jeder verblassenden Flamme fühlte ich etwas Schönes und Inniges verglühen

und verfliegen, das nicht wiederkommen konnte.

»Ich fürchte, Sie verstehen mich falsch,« sagte ich schließlich sehr

gepreßt und mit trockener, heiserer Stimme. Die dummen, sinnlosen Worte

kamen mir wie mechanisch über die Lippen, als läse ich aus einem

Zeitungsroman vor.

»Ich verstehe Sie ganz richtig,« sagte Pistorius leis. »Sie haben ja

recht.« Er wartete. Dann fuhr er langsam fort: »Soweit ein Mensch eben

gegen den andern recht haben kann.«

Nein, nein, rief es in mir, ich habe unrecht! -- aber sagen konnte ich

nichts. Ich wußte, daß ich mit meinem einzigen kleinen Wort ihn auf eine

wesentliche Schwäche, auf seine Not und Wunde hingewiesen hatte. Ich hatte

den Punkt berührt, wo er sich selber mißtrauen mußte. Sein Ideal war

»antiquarisch«, er war ein Sucher nach rückwärts, er war ein Romantiker.

Und plötzlich fühlte ich tief: Gerade das, was Pistorius mir gewesen war

und gegeben hatte, das konnte er sich selbst nicht sein und geben. Er hatte

mich einen Weg geführt, der auch ihn, den Führer, überschreiten und

verlassen mußte.

Weiß Gott, wie solch ein Wort entsteht! Ich hatte es gar nicht schlimm

gemeint, hatte keine Ahnung von einer Katastrophe gehabt. Ich hatte etwas

ausgesprochen, was ich im Augenblick des Aussprechens selber durchaus nicht

wußte, ich hatte einem kleinen, etwas witzigen, etwas boshaften Einfall

nachgegeben, und es war Schicksal daraus geworden. Ich hatte eine kleine

achtlose Roheit begangen, und für ihn war sie ein Gericht geworden.

O wie sehr habe ich mir damals gewünscht, er möchte böse geworden sein, er

möchte sich verteidigt, möchte mich angeschrien haben! Er tat nichts davon,

alles das mußte ich, in mir drinnen, selber tun. Er hätte gelächelt, wenn

er gekonnt hätte. Daß er es nicht konnte, daran sah ich am besten, wie sehr

ich ihn getroffen hatte.

Und indem Pistorius den Schlag von mir, von seinem vorlauten und

undankbaren Schüler, so lautlos hinnahm, indem er schwieg und mir Recht

ließ, indem er mein Wort als Schicksal anerkannte, machte er mich mir

selbst verhaßt, machte er meine Unbesonnenheit tausendmal größer. Als ich

zuschlug, hatte ich einen Starken und Wehrhaften zu treffen gemeint -- nun

war es ein stiller, duldender Mensch, ein Wehrloser, der sich schweigend

ergab.

Lange Zeit blieben wir vor dem verglimmenden Feuer liegen, in dem jede

glühende Figur, jeder sich krümmende Aschenstab mir glückliche, schöne,

reiche Stunden ins Gedächtnis rief und die Schuld meiner Verpflichtung

gegen Pistorius größer und größer anhäufte. Zuletzt ertrug ich es nicht

mehr. Ich stand auf und ging. Lange stand ich vor seiner Tür, lange auf der

finstern Treppe, lange noch draußen vor dem Hause, wartend, ob er

vielleicht käme und mir nachginge. Dann ging ich weiter und lief Stunden um

Stunden durch Stadt und Vorstädte, Park und Wald, bis zum Abend. Und damals

spürte ich zum erstenmal das Zeichen Kains auf meiner Stirn.

Nur allmählich kam ich zum Nachdenken. Meine Gedanken hatten alle die

Absicht, mich anzuklagen und Pistorius zu verteidigen. Und alle endeten mit

dem Gegenteil. Tausendmal war ich bereit, mein rasches Wort zu bereuen und

zurückzunehmen -- aber wahr war es doch gewesen. Erst jetzt gelang es mir,

Pistorius zu verstehen, seinen ganzen Traum vor mir aufzubauen. Dieser

Traum war gewesen, ein Priester zu sein, die neue Religion zu verkünden,

neue Formen der Erhebung, der Liebe und Anbetung zu geben, neue Symbole

aufzurichten. Aber dies war nicht seine Kraft, nicht sein Amt. Er verweilte

allzu warm im Gewesenen, er kannte allzu genau das Ehemalige, er wußte

allzu viel von Ägypten, von Indien, von Mithras, von Abraxas. Seine Liebe

war an Bilder gebunden, welche die Erde schon gesehen hatte, und dabei

wußte er im Innersten selber wohl, daß das Neue neu und anders sein, daß es

aus frischem Boden quellen und nicht aus Sammlungen und Bibliotheken

geschöpft werden mußte. Sein Amt war vielleicht, Menschen zu sich selbst

führen zu helfen, wie er es mit mir getan hatte. Ihnen das Unerhörte zu

geben, die neuen Götter, war sein Amt nicht.

Und hier brannte mich plötzlich wie eine scharfe Flamme die Erkenntnis: --

Es gab für jeden ein »Amt«, aber für keinen eines, das er selber wählen,

umschreiben und beliebig verwalten durfte. Es war falsch, neue Götter zu

wollen, es war völlig falsch, der Welt irgend etwas geben zu wollen! Es gab

keine, keine, keine Pflicht für erwachte Menschen als die eine: sich selber

zu suchen, in sich fest zu werden, den eigenen Weg vorwärts zu tasten,

einerlei wohin er führte. -- Das erschütterte mich tief, und das war die

Frucht dieses Erlebnisses für mich. Oft hatte ich mit Bildern der Zukunft

gespielt, ich hatte von Rollen geträumt, die mir zugedacht sein könnten,

als Dichter vielleicht oder als Prophet, oder als Maler, oder irgendwie.

All das war nichts. Ich war nicht da, um zu dichten, um zu predigen, um zu

malen, weder ich noch sonst ein Mensch war dazu da. Das alles ergab sich

nur nebenher. Wahrer Beruf für jeden war nur das eine: zu sich selbst zu

kommen. Er mochte als Dichter oder als Wahnsinniger, als Prophet oder als

Verbrecher enden -- dies war nicht seine Sache, ja dies war letzten Endes

belanglos. Seine Sache war, das eigene Schicksal zu finden, nicht ein

beliebiges, und es in sich auszuleben, ganz und ungebrochen. Alles andere

war halb, war Versuch zu entrinnen, war Rückflucht in Ideale der Masse, war

Anpassung und Angst vor dem eigenen Innern. Furchtbar und heilig stieg das

neue Bild vor mir auf, hundertmal geahnt, vielleicht oft schon

ausgesprochen, und doch erst jetzt erlebt. Ich war ein Wurf der Natur, ein

Wurf ins Ungewisse, vielleicht zu Neuem, vielleicht zu Nichts, und diesen

Wurf aus der Urtiefe auswirken zu lassen, seinen Willen in mir zu fühlen

und ihn ganz zu meinem zu machen, das allein war mein Beruf. Das allein!

Viel Einsamkeit hatte ich schon gekostet. Nun ahnte ich, daß es tiefere

gab, und daß sie unentrinnbar sei.

Ich machte keinen Versuch, Pistorius zu versöhnen. Wir blieben Freunde,

aber das Verhältnis war geändert. Nur ein einzigesmal sprachen wir darüber,

oder eigentlich nur er war es, der es tat. Er sagte: »Ich habe den Wunsch,

Priester zu werden, das wissen Sie. Ich wollte am liebsten der Priester der

neuen Religion werden, von der wir so manche Ahnungen haben. Ich werde es

nie sein können -- ich weiß es und wußte es, ohne es mir ganz zu gestehen,

schon lange. Ich werde eben andre Priesterdienste tun, vielleicht auf der

Orgel, vielleicht sonstwie. Aber ich muß immer von etwas umgeben sein, was

ich als schön und heilig empfinde, Orgelmusik und Mysterium, Symbol und

Mythus, ich brauche das und will nicht davon lassen. -- Das ist meine

Schwäche. Denn ich weiß manchmal, Sinclair, ich weiß zu Zeiten, daß ich

solche Wünsche nicht haben sollte, daß sie Luxus und Schwäche sind. Es wäre

größer, es wäre richtiger, wenn ich ganz einfach dem Schicksal zur

Verfügung stünde, ohne Ansprüche. Aber ich kann das nicht; es ist das

einzige, was ich nicht kann. Vielleicht können Sie es einmal. Es ist

schwer, es ist das einzige wirklich Schwere, was es gibt, mein Junge. Ich

habe oft davon geträumt, aber ich kann nicht, es schaudert mich davor: ich

kann nicht so völlig nackt und einsam stehen, auch ich bin ein armer

schwacher Hund, der etwas Wärme und Futter braucht und gelegentlich die

Nähe von seinesgleichen spüren möchte. Wer wirklich gar nichts will als

sein Schicksal, der hat nicht seinesgleichen mehr, der steht ganz allein

und hat nur den kalten Weltenraum um sich. Wissen Sie, das ist Jesus im

Garten Gethsemane. Es hat Märtyrer gegeben, die sich gern ans Kreuz

schlagen ließen, aber auch sie waren keine Helden, waren nicht befreit,

auch sie wollten etwas, was ihnen liebgewohnt und heimatlich war, sie

hatten Vorbilder, sie hatten Ideale. Wer nur noch das Schicksal will, der

hat weder Vorbilder noch Ideale mehr, nichts Liebes, nichts Tröstliches hat

er! Und diesen Weg müßte man eigentlich gehen. Leute wie ich und Sie sind

ja recht einsam, aber wir haben doch noch einander, wir haben die heimliche

Genugtuung, anders zu sein, uns aufzulehnen, das Ungewöhnliche zu wollen.

Auch das muß wegfallen, wenn einer den Weg ganz gehen will. Er darf auch

nicht Revolutionär, nicht Beispiel, nicht Märtyrer sein wollen. Es ist

nicht auszudenken --«

Nein, es war nicht auszudenken. Aber es war zu träumen, es war vorzufühlen,

es war zu ahnen. Einigemal fühlte ich etwas davon, wenn ich eine ganz

stille Stunde fand. Dann blickte ich in mich und sah meinem Schicksalsbild

in die offenstarren Augen. Sie konnten voll Weisheit sein, sie konnten voll

Wahnsinn sein, sie konnten Liebe strahlen oder tiefe Bosheit, es war

einerlei. Nichts davon durfte man wählen, nichts durfte man wollen. Man

durfte nur _sich_ wollen, nur sein Schicksal. Dahin hatte mir Pistorius

eine Strecke weit als Führer gedient.

In jenen Tagen lief ich wie blind umher, Sturm brauste in mir, jeder

Schritt war Gefahr. Ich sah nichts als die abgründige Dunkelheit vor mir,

in welche alle bisherigen Wege verliefen und hinabsanken. Und in meinem

Innern sah ich das Bild des Führers, der Demian glich und in dessen Augen

mein Schicksal stand.

Ich schrieb auf ein Papier: »Ein Führer hat mich verlassen. Ich stehe ganz

im Finstern. Ich kann keinen Schritt allein tun. Hilf mir!«

Das wollte ich an Demian schicken. Doch unterließ ich es; es sah jedesmal,

wenn ich es tun wollte, läppisch und sinnlos aus. Aber ich wußte das kleine

Gebet auswendig und sprach es oft in mich hinein. Es begleitete mich jede

Stunde. Ich begann zu ahnen, was Gebet ist.

* * * * *

Meine Schulzeit war zu Ende. Ich sollte eine Ferienreise machen, mein Vater

hatte sich das ausgedacht, und dann sollte ich zur Universität gehen. Zu

welcher Fakultät, das wußte ich nicht. Es war mir ein Semester Philosophie

bewilligt. Ich wäre mit allem andern ebenso zufrieden gewesen.

Siebentes Kapitel

Frau Eva

In den Ferien ging ich einmal zu dem Hause, in welchem vor Jahren Max

Demian mit seiner Mutter gewohnt hatte. Eine alte Frau spazierte im Garten,

ich sprach sie an und erfuhr, daß ihr das Haus gehöre. Ich fragte nach der

Familie Demian. Sie erinnerte sich ihrer gut. Doch wußte sie nicht, wo sie

jetzt wohnten. Da sie mein Interesse spürte, nahm sie mich mit ins Haus,

suchte ein ledernes Album hervor und zeigte mir eine Photographie von

Demians Mutter. Ich konnte mich ihrer kaum mehr erinnern. Aber als ich nun

das kleine Bildnis sah, blieb mir der Herzschlag stehen. -- Das war mein

Traumbild! Das war sie, die große, fast männliche Frauenfigur, ihrem Sohne

ähnlich, mit Zügen von Mütterlichkeit, Zügen von Strenge, Zügen von tiefer

Leidenschaft, schön und verlockend, schön und unnahbar, Dämon und Mutter,

Schicksal und Geliebte. Das war sie!

Wie ein wildes Wunder durchfuhr es mich, als ich so erfuhr, daß mein

Traumbild auf der Erde lebe! Es gab eine Frau, die so aussah, die die Züge

meines Schicksals trug! Wo war sie? Wo? -- Und sie war Demians Mutter!

Bald darauf trat ich meine Reise an. Eine sonderbare Reise! Ich fuhr

rastlos von Ort zu Ort, jedem Einfall nach, immer auf der Suche nach dieser

Frau. Es gab Tage, da traf ich lauter Gestalten, die an sie erinnerten, an

sie anklangen, die ihr glichen, die mich durch Gassen fremder Städte, durch

Bahnhöfe, in Eisenbahnzüge lockten, wie in verwickelten Träumen. Es gab

andere Tage, da sah ich ein, wie unnütz mein Suchen sei; dann saß ich

untätig irgendwo in einem Park, in einem Hotelgarten, in einem Wartesaal,

und schaute in mich hinein und versuchte das Bild in mir lebendig zu

machen. Aber es war jetzt scheu und flüchtig geworden. Nie konnte ich

schlafen, nur auf den Bahnfahrten durch unbekannte Landschaften nickte ich

für Viertelstunden ein. Einmal, in Zürich, stellte eine Frau mir nach, ein

hübsches, etwas freches Weib. Ich sah sie kaum und ging weiter, als wäre

sie Luft. Lieber wäre ich sofort gestorben, als daß ich einer andern Frau

auch nur für eine Stunde Teilnahme geschenkt hätte.

Ich spürte, daß mein Schicksal mich zog, ich spürte, daß die Erfüllung nahe

sei, und ich war toll vor Ungeduld, daß ich nichts dazu tun konnte. Einst

auf einem Bahnhof, ich glaube, es war in Innsbruck, sah ich in einem eben

wegfahrenden Zug am Fenster eine Gestalt, die mich an sie erinnerte, und

war tagelang unglücklich. Und plötzlich erschien die Gestalt mir wieder

nachts in einem Traume, ich erwachte mit einem beschämten und öden Gefühl

von der Sinnlosigkeit meiner Jagd, und fuhr geraden Weges nach Hause

zurück.

Ein paar Wochen später ließ ich mich auf der Universität H. einschreiben.

Alles enttäuschte mich. Das Kolleg über Geschichte der Philosophie, das ich

hörte, war ebenso wesenlos und fabrikmäßig wie das Treiben der studierenden

Jünglinge. Alles war so nach der Schablone, einer tat wie der andere, und

die erhitzte Fröhlichkeit auf den knabenhaften Gesichtern sah so betrübend

leer und fertiggekauft aus! Aber ich war frei, ich hatte meinen ganzen Tag

für mich, wohnte still und schön in altem Gemäuer vor der Stadt und hatte

auf meinem Tisch ein paar Bände Nietzsche liegen. Mit ihm lebte ich, fühlte

die Einsamkeit seiner Seele, witterte das Schicksal, das ihn unaufhaltsam

trieb, litt mit ihm und war selig, daß es einen gegeben hatte, der so

unerbittlich seinen Weg gegangen war.

Spät am Abend schlenderte ich einst durch die Stadt, im wehenden

Herbstwind, und hörte aus den Wirtshäusern die Studentenvereine singen. Aus

geöffneten Fenstern drang Tabakrauch in Wolken hervor, und in dickem

Schwall der Gesang, laut und straff, doch unbeschwingt und leblos uniform.

Ich stand an einer Straßenecke und hörte zu, aus zwei Kneipen scholl die

pünktlich ausgeübte Munterkeit der Jugend in die Nacht. Überall

Gemeinsamkeit, überall Zusammenhocken, überall Abladen des Schicksals und

Flucht in warme Herdennähe!

Hinter mir gingen zwei Männer langsam vorüber. Ich hörte ein Stück von

ihrem Gespräch.

»Ist es nicht genau wie das Jungemännerhaus in einem Negerdorf?« sagte der

eine. »Alles stimmt, sogar das Tätowieren ist noch Mode. Sehen Sie, das ist

das junge Europa.«

Die Stimme klang mir wunderlich mahnend -- bekannt. Ich ging den beiden in

der dunklen Gasse nach. Der eine war ein Japaner, klein und elegant, ich

sah unter einer Laterne sein gelbes lächelndes Gesicht aufglänzen.

Da sprach der andere wieder.

»Nun, es wird bei Ihnen in Japan auch nicht besser sein. Die Leute, die

nicht der Herde nachlaufen, sind überall selten. Es gibt auch hier welche.«

Jedes Wort durchdrang mich mit freudigem Schrecken. Ich kannte den

Sprecher. Es war Demian.

In der windigen Nacht folgte ich ihm und dem Japaner durch die dunkeln

Gassen, hörte ihren Gesprächen zu und genoß den Klang von Demians Stimme.

Sie hatte den alten Ton, sie hatte die alte, schöne Sicherheit und Ruhe,

und sie hatte die alte Macht über mich. Nun war alles gut. Ich hatte ihn

gefunden.

Am Ende einer vorstädtischen Straße nahm der Japaner Abschied und schloß

eine Haustür auf. Demian ging den Weg zurück, ich war stehen geblieben und

erwartete ihn mitten in der Straße. Mit Herzklopfen sah ich ihn mir

entgegen kommen, aufrecht und elastisch, in einem braunen Gummimantel,

einen dünnen Stock am Arme eingehängt. Er kam, ohne seinen gleichmäßigen

Schritt zu ändern, bis dicht vor mich hin, nahm den Hut ab und zeigte mir

sein altes, helles Gesicht mit dem entschlossenen Mund und der

eigentümlichen Helligkeit auf der breiten Stirn.

»Demian!« rief ich.

Er streckte mir die Hand entgegen.

»Also da bist du, Sinclair! Ich habe dich erwartet.«

»Wußtest du, daß ich hier bin?«

»Ich wußte es nicht gerade, aber ich hoffte es bestimmt. Gesehen habe ich

dich erst heute abend, du bist uns ja die ganze Zeit nachgegangen.«

»Du kanntest mich also gleich?«

»Natürlich. Du hast dich zwar verändert. Aber du hast ja das Zeichen.«

»Das Zeichen? Was für ein Zeichen?«

»Wir nannten es früher das Kainszeichen, wenn du dich noch erinnern kannst.

Es ist unser Zeichen. Du hast es immer gehabt, darum bin ich dein Freund

geworden. Aber jetzt ist es deutlicher geworden.«

»Ich wußte es nicht. Oder eigentlich doch. Einmal habe ich ein Bild von dir

gemalt, Demian, und war erstaunt, daß es auch mir ähnlich war. War das das

Zeichen?«

»Das war es. Gut, daß du nun da bist! Auch meine Mutter wird sich freuen.«

Ich erschrak.

»Deine Mutter? Ist sie hier? Sie kennt mich ja gar nicht.«

»O, sie weiß von dir. Sie wird dich kennen, auch ohne daß ich ihr sage, wer

du bist. -- Du hast lange nichts von dir hören lassen.«

»O, ich wollte oft schreiben, aber es ging nicht. Seit einiger Zeit habe

ich gespürt, daß ich dich bald finden müsse. Ich habe jeden Tag darauf

gewartet.«

Er schob seinen Arm in meinen und ging mit mir weiter. Ruhe ging von ihm

aus und zog in mich ein. Wir plauderten bald wie früher. Wir gedachten der

Schulzeit, des Konfirmationsunterrichtes, auch jenes unglücklichen

Beisammenseins damals in den Ferien -- nur von dem frühesten und engsten

Bande zwischen uns, von der Geschichte mit Franz Kromer, war auch jetzt

nicht die Rede.

Unversehens waren wir mitten in seltsamen und ahnungsvollen Gesprächen. Wir

hatten, an jene Unterhaltung Demians mit dem Japaner anklingend, vom

Studentenleben gesprochen und waren von da auf anderes gekommen, das weitab

zu liegen schien; doch verband es sich in Demians Worten zu einem innigen

Zusammenhang.

Er sprach vom Geist Europas und von der Signatur dieser Zeit. Überall,

sagte er, herrsche Zusammenschluß und Herdenbildung, aber nirgends Freiheit

und Liebe. Alle diese Gemeinsamkeit, von der Studentenverbindung und dem

Gesangverein bis zu den Staaten, sei eine Zwangsbildung, es sei eine

Gemeinschaft aus Angst, aus Furcht, aus Verlegenheit, und sie sei im Innern

faul und alt und dem Zusammenbruch nahe.

»Gemeinsamkeit,« sagte Demian, »ist eine schöne Sache. Aber was wir da

überall blühen sehen, ist gar keine. Sie wird neu entstehen, aus dem

Voneinanderwissen der einzelnen, und sie wird für eine Weile die Welt

umformen. Was jetzt an Gemeinsamkeit da ist, ist nur Herdenbildung. Die

Menschen fliehen zueinander, weil sie voreinander Angst haben -- die Herren

für sich, die Arbeiter für sich, die Gelehrten für sich! Und warum haben

sie Angst? Man hat nur Angst, wenn man mit sich selber nicht einig ist. Sie

haben Angst, weil sie sich nie zu sich selber bekannt haben. Eine

Gemeinschaft von lauter Menschen, die vor dem Unbekannten in sich selber

Angst haben! Sie fühlen alle, daß ihre Lebensgesetze nicht mehr stimmen,

daß sie nach alten Tafeln leben, weder ihre Religionen noch ihre

Sittlichkeit, nichts von allem ist dem angemessen, was wir brauchen.

Hundert und mehr Jahre lang hat Europa bloß noch studiert und Fabriken

gebaut! Sie wissen genau, wieviel Gramm Pulver man braucht, um einen

Menschen zu töten, aber sie wissen nicht, wie man zu Gott betet, sie wissen

nicht einmal, wie man eine Stunde lang vergnügt sein kann. Sieh dir einmal

so eine Studentenkneipe an! Oder gar einen Vergnügungsort, wo die reichen

Leute hinkommen! Hoffnungslos! -- Lieber Sinclair, aus alledem kann nichts

Heiteres kommen. Diese Menschen, die sich so ängstlich zusammentun, sind

voll von Angst und voll von Bosheit, keiner traut dem andern. Sie hängen an

Idealen, die keine mehr sind, und steinigen jeden, der ein neues aufstellt.

Ich spüre, daß es Auseinandersetzungen gibt. Sie werden kommen, glaube mir,

sie werden bald kommen! Natürlich werden sie die Welt nicht >verbessern<.

Ob die Arbeiter ihre Fabrikanten totschlagen, oder ob Rußland oder

Deutschland aufeinander schießen, es werden nur Besitzer getauscht. Aber

umsonst wird es doch nicht sein. Es wird die Wertlosigkeit der heutigen

Ideale dartun, es wird ein Aufräumen mit steinzeitlichen Göttern geben.

Diese Welt, wie sie jetzt ist, will sterben, sie will zugrunde gehen, und

sie wird es.«

»Und was wird dabei aus uns?« fragte ich.

»Aus uns? O, vielleicht gehen wir mit zugrunde. Totschlagen kann man ja

auch unsereinen. Nur daß wir damit nicht erledigt sind. Um das, was von uns

bleibt, oder um die von uns, die es überleben, wird der Wille der Zukunft

sich sammeln. Der Wille der Menschheit wird sich zeigen, den unser Europa

eine Zeitlang mit seinem Jahrmarkt von Technik und Wissenschaft überschrien

hat. Und dann wird sich zeigen, daß der Wille der Menschheit nie und

nirgends gleich ist mit dem der heutigen Gemeinschaften, der Staaten und

Völker, der Vereine und Kirchen. Sondern das, was die Natur mit dem

Menschen will, steht in den einzelnen geschrieben, in dir und mir. Es stand

in Jesus, es stand in Nietzsche. Für diese allein wichtigen Strömungen --

die natürlich jeden Tag anders aussehen können, wird Raum sein, wenn die

heutigen Gemeinschaften zusammenbrechen.«

Wir machten spät vor einem Garten am Flusse halt.

»Hier wohnen wir,« sagte Demian. »Komm bald zu uns! Wir erwarten dich

sehr.«

Freudig ging ich durch die kühl gewordene Nacht meinen weiten Heimweg. Da

und dort lärmten und schwankten heimkehrende Studenten durch die Stadt. Oft

hatte ich den Gegensatz zwischen ihrer komischen Art von Fröhlichkeit und

meinem einsamen Leben empfunden, oft mit einem Gefühl von Entbehrung, oft

mit Spott. Aber noch nie hatte ich so wie heute mit Ruhe und geheimer Kraft

gefühlt, wie wenig mich das anging, wie fern und verschollen diese Welt für

mich war. Ich erinnerte mich an Beamte meiner Vaterstadt, alte würdige

Herren, welche an den Erinnerungen ihrer verkneipten Semester hingen wie an

Andenken eines seligen Paradieses und mit der entschwundenen »Freiheit«

ihrer Studentenjahre einen Kultus trieben wie ihn sonst etwa Dichter oder

andere Romantiker der Kindheit widmen. Überall dasselbe! Überall suchten

sie die »Freiheit« und das »Glück« irgendwo hinter sich, aus lauter Angst,

sie könnten ihrer eigenen Verantwortlichkeit erinnert und an ihren eigenen

Weg gemahnt werden. Ein paar Jahre wurde gesoffen und gejubelt, und dann

kroch man unter und wurde ein seriöser Herr im Staatsdienst. Ja, es war

faul, faul bei uns, und diese Studentendummheit war weniger dumm und

weniger schlimm als hundert andere.

Als ich jedoch in meiner entlegenen Wohnung angekommen war und mein Bett

suchte, waren alle diese Gedanken verflogen, und mein ganzer Sinn hing

wartend an dem großen Versprechen, das mir dieser Tag gegeben hatte. Sobald

ich wollte, morgen schon, sollte ich Demians Mutter sehen. Mochten die

Studenten ihre Kneipen abhalten und sich die Gesichter tätowieren, mochte

die Welt faul sein und auf ihren Untergang warten -- was ging es mich an!

Ich wartete einzig darauf, daß mein Schicksal mir in einem neuen Bilde

entgegentrete.

Ich schlief fest bis spät am Morgen. Der neue Tag brach für mich als ein

feierlicher Festtag an, wie ich seit den Weihnachtsfeiern meiner Knabenzeit

keinen mehr erlebt hatte. Ich war voll innerster Unruhe, doch ohne jede

Angst. Ich fühlte, daß ein wichtiger Tag für mich angebrochen sei, ich sah

und empfand die Welt um mich her verwandelt, wartend, beziehungsvoll und

feierlich, auch der leise fließende Herbstregen war schön, still und

festtäglich voll ernstfroher Musik. Zum erstenmal klang die äußere Welt mit

meiner innern rein zusammen -- dann ist Feiertag der Seele, dann lohnt es

sich zu leben. Kein Haus, kein Schaufenster, kein Gesicht auf der Gasse

störte mich, alles war, wie es sein mußte, trug aber nicht das leere

Gesicht des Alltäglichen und Gewohnten, sondern war wartende Natur, stand

ehrfurchtsvoll dem Schicksal bereit. So hatte ich als kleiner Knabe die

Welt am Morgen der großen Feiertage gesehen, am Christtag und an Ostern.

Ich hatte nicht gewußt, daß diese Welt noch so schön sein könne. Ich hatte

mich daran gewöhnt, in mich hineinzuleben und mich damit abzufinden, daß

mir der Sinn für das da draußen eben verloren gegangen sei, daß der Verlust

der glänzenden Farben unvermeidlich mit dem Verlust der Kindheit

zusammenhänge und daß man gewissermaßen die Freiheit und Mannheit der Seele

mit dem Verzicht auf diesen holden Schimmer bezahlen müsse. Nun sah ich

entzückt, daß dies alles nur verschüttet und verdunkelt gewesen war und daß

es möglich sei, auch als Freigewordener und auf Kinderglück Verzichtender

die Welt strahlen zu sehen und die innigen Schauer des kindlichen Sehens zu

kosten.

Es kam die Stunde, da ich den Vorstadtgarten wiederfand, bei dem ich mich

diese Nacht von Max Demian verabschiedet hatte. Hinter hohen regengrauen

Bäumen verborgen, stand ein kleines Haus, hell und wohnlich, hohe

Blumenstauden hinter einer großen Glaswand, hinter blanken Fenstern dunkle

Zimmerwände mit Bildern und Bücherreihen. Die Haustür führte unmittelbar in

eine kleine erwärmte Halle, eine stumme alte Magd, schwarz, mit weißer

Schürze, führte mich ein und nahm mir den Mantel ab.

Sie ließ mich in der Halle allein. Ich sah mich um, und sogleich war ich

mitten in meinem Traume. Oben an der dunkeln Holzwand, über einer Tür, hing

unter Glas in einem schwarzen Rahmen ein wohlbekanntes Bild, mein Vogel mit

dem goldgelben Sperberkopf, der sich aus der Weltschale schwang. Ergriffen

blieb ich stehen -- mir war so froh und weh ums Herz, als kehre in diesem

Augenblick alles, was ich je getan und erlebt, zu mir zurück als Antwort

und Erfüllung. Blitzschnell sah ich eine Menge von Bildern an meiner Seele

vorüberlaufen: das heimatliche Vaterhaus mit dem alten Steinwappen überm

Torbogen, den Knaben Demian, der das Wappen zeichnete, mich selbst als

Knaben, angstvoll in den bösen Bann meines Feindes Kromer verstrickt, mich

selbst als Jüngling, in meinem Schülerzimmerchen am stillen Tisch den Vogel

meiner Sehnsucht malend, die Seele verwirrt ins Netz ihrer eigenen Fäden --

und alles, und alles bis zu diesem Augenblick klang in mir wieder, wurde in

mir bejaht, beantwortet, gutgeheißen.

Mit naß gewordenen Augen starrte ich auf mein Bild und las in mir selbst.

Da sank mein Blick herab: Unter dem Vogelbilde in der geöffneten Tür stand

eine große Frau in dunklem Kleid. Sie war es. Ich vermochte kein Wort zu

sagen. Aus einem Gesicht, das gleich dem ihres Sohnes ohne Zeit und Alter

und voll von beseeltem Willen war, lächelte die schöne, ehrwürdige Frau mir

freundlich zu. Ihr Blick war Erfüllung, ihr Gruß bedeutete Heimkehr.

Schweigend streckte ich ihr die Hände entgegen. Sie ergriff sie beide mit

festen warmen Händen.

»Sie sind Sinclair. Ich kannte Sie gleich. Seien Sie willkommen!«

Ihre Stimme war tief und warm, ich trank sie wie süßen Wein. Und nun

blickte ich auf und in ihr stilles Gesicht, in die schwarzen,

unergründlichen Augen, auf den frischen, reifen Mund, auf die freie,

fürstliche Stirn, die das Zeichen trug.

»Wie bin ich froh!« sagte ich zu ihr und küßte ihre Hände. »Ich glaube, ich

bin mein ganzes Leben lang immer unterwegs gewesen -- und jetzt bin ich

heimgekommen.«

Sie lächelte mütterlich.

»Heim kommt man nie,« sagte sie freundlich. »Aber wo befreundete Wege

zusammenlaufen, da sieht die ganze Welt für eine Stunde wie Heimat aus.«

Sie sprach aus, was ich auf dem Wege zu ihr gefühlt hatte. Ihre Stimme und

auch ihre Worte waren denen ihres Sohnes sehr ähnlich, und doch ganz

anders. Alles war reifer, wärmer, selbstverständlicher. Aber ebenso wie Max

vor Zeiten auf niemand den Eindruck eines Knaben gemacht hatte, so sah

seine Mutter gar nicht wie die Mutter eines erwachsenen Sohnes aus, so jung

und süß war der Hauch über ihrem Gesicht und Haar, so straff und faltenlos

war ihre goldige Haut, so blühend der Mund. Königlicher noch als in meinem

Traume stand sie vor mir, und ihre Nähe war Liebesglück, ihr Blick war

Erfüllung.

Dies also war das neue Bild, in dem mein Schicksal sich mir zeigte, nicht

mehr streng, nicht mehr vereinsamend, nein reif und lustvoll! Ich faßte

keine Entschlüsse, tat keine Gelübde -- ich war an ein Ziel gekommen, an

eine hohe Wegstelle, von wo aus der weitere Weg sich weit und herrlich

zeigte, Ländern der Verheißung entgegenstrebend, überschattet von

Baumwipfeln nahen Glückes, gekühlt von nahen Gärten jeder Lust. Mochte es

mir gehen, wie es wollte, ich war selig, diese Frau in der Welt zu wissen,

ihre Stimme zu trinken und ihre Nähe zu atmen. Mochte sie mir Mutter,

Geliebte, Göttin werden -- wenn sie nur da war! wenn nur mein Weg dem ihren

nahe war!

Sie wies zu meinem Sperberbilde hinauf.

»Sie haben unsrem Max nie eine größere Freude gemacht als mit diesem Bild,«

sagte sie nachdenklich. »Und mir auch. Wir haben auf Sie gewartet, und als

das Bild kam, da wußten wir, daß Sie auf dem Weg zu uns waren. Als Sie ein

kleiner Knabe waren, Sinclair, da kam eines Tages mein Sohn aus der Schule

und sagte: Es ist ein Junge da, der hat das Zeichen auf der Stirn, der muß

mein Freund werden. Das waren Sie. Sie haben es nicht leicht gehabt, aber

wir haben Ihnen vertraut. Einmal trafen Sie, als Sie in Ferien zu Hause

waren, wieder mit Max zusammen. Sie waren damals so etwa sechzehn Jahre

alt. Max erzählte mir davon --«

Ich unterbrach: »O, daß er Ihnen das gesagt hat! Es war meine elendeste

Zeit damals!«

»Ja, Max sagte zu mir: jetzt hat Sinclair das Schwerste vor sich. Er macht

noch einmal einen Versuch, sich in die Gemeinschaft zu flüchten, er ist

sogar ein Wirtshausbruder geworden; aber es wird ihm nicht gelingen. Sein

Zeichen ist verhüllt, aber es brennt ihn heimlich. -- War es nicht so?«

»O ja, so war es, genau so. Dann fand ich Beatrice, und dann kam endlich

wieder ein Führer zu mir. Er hieß Pistorius. Erst da wurde mir klar, warum

meine Knabenzeit so sehr an Max gebunden war, warum ich nicht von ihm

loskommen konnte. Liebe Frau -- liebe Mutter, ich habe damals oft geglaubt,

ich müsse mir das Leben nehmen. Ist denn der Weg für jeden so schwer?«

Sie fuhr mit ihrer Hand über mein Haar, leicht wie Luft.

»Es ist immer schwer, geboren zu werden. Sie wissen, der Vogel hat Mühe,

aus dem Ei zu kommen. Denken Sie zurück und fragen Sie: war der Weg denn so

schwer? -- nur schwer? War er nicht auch schön? Hätten Sie einen schöneren,

einen leichteren gewußt?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Es war schwer,« sagte ich wie im Schlaf, »es war schwer, bis der Traum

kam.«

Sie nickte und sah mich durchdringend an.

»Ja, man muß seinen Traum finden, dann wird der Weg leicht. Aber es gibt

keinen immerwährenden Traum, jeden löst ein neuer ab, und keinen darf man

festhalten wollen.«

Ich erschrak tief. War das schon eine Warnung? War das schon Abwehr? Aber

einerlei, ich war bereit, mich von ihr führen zu lassen und nicht nach dem

Ziel zu fragen.

»Ich weiß nicht,« sagte ich, »wie lange mein Traum dauern soll. Ich

wünsche, er wäre ewig. Unter dem Bild des Vogels hat mich mein Schicksal

empfangen, wie eine Mutter, und wie eine Geliebte. Ihm gehöre ich und sonst

niemand.«

»Solange der Traum Ihr Schicksal ist, solange sollen Sie ihm treu bleiben,«

bestätigte sie ernst.

Eine Traurigkeit ergriff mich, und der sehnliche Wunsch, in dieser

verzauberten Stunde zu sterben. Ich fühlte die Tränen -- wie unendlich

lange hatte ich nicht mehr geweint! -- unaufhaltsam in mir aufquellen und

mich überwältigen. Heftig wandte ich mich von ihr weg, trat an das Fenster

und blickte mit blinden Augen über die Topfblumen hinweg.

Hinter mir hörte ich ihre Stimme, sie klang gelassen und war doch so voll

von Zärtlichkeit wie ein bis zum Rande mit Wein gefüllter Becher.

»Sinclair, Sie sind ein Kind! Ihr Schicksal liebt Sie ja. Einmal wird es

Ihnen ganz gehören, so wie Sie es träumen, wenn Sie treu bleiben.«

Ich hatte mich bezwungen und wandte ihr das Gesicht wieder zu. Sie gab mir

die Hand.

»Ich habe ein paar Freunde,« sagte sie lächelnd, »ein paar ganz wenige,

ganz nahe Freunde, die sagen Frau Eva zu mir. Auch Sie sollen mich so

nennen, wenn Sie wollen.«

Sie führte mich zur Tür, öffnete und deutete in den Garten. »Sie finden Max

da draußen.«

Unter den hohen Bäumen stand ich betäubt und erschüttert, wacher oder

träumender als jemals, ich wußte es nicht. Sachte tropfte der Regen aus den

Zweigen. Ich ging langsam in den Garten hinein, der sich weit das Flußufer

entlang zog. Endlich fand ich Demian. Er stand in einem offenen

Gartenhäuschen, mit nacktem Oberkörper, und machte vor einem aufgehängten

Sandsäckchen Boxübungen.

Erstaunt blieb ich stehen. Demian sah prachtvoll aus, die breite Brust, der

feste männliche Kopf, die gehobenen Arme mit gestrafften Muskeln waren

stark und tüchtig, die Bewegungen kamen aus Hüften, Schultern und

Armgelenken hervor wie spielende Quellen.

»Demian!« rief ich. »Was treibst du denn da?«

Er lachte fröhlich.

»Ich übe mich. Ich habe dem kleinen Japaner einen Ringkampf versprochen,

der Kerl ist flink wie eine Katze, und natürlich ebenso tückisch. Aber er

wird nicht mit mir fertig werden. Es ist eine ganz kleine Demütigung, die

ich ihm schuldig bin.«

Er zog Hemd und Rock über.

»Du warst schon bei meiner Mutter?« fragte er.

»Ja. Demian, was hast du für eine herrliche Mutter! Frau Eva! Der Name paßt

vollkommen zu ihr, sie ist wie die Mutter aller Wesen.«

Er sah mir einen Augenblick nachdenklich ins Gesicht.

»Du weißt den Namen schon? Du kannst stolz sein, Junge! Du bist der erste,

dem sie ihn schon in der ersten Stunde gesagt hat.«

Von diesem Tag an ging ich im Hause ein und aus wie ein Sohn und Bruder,

aber auch wie ein Liebender. Wenn ich die Pforte hinter mir schloß, ja

schon wenn ich von weitem die hohen Bäume des Gartens auftauchen sah, war

ich reich und glücklich. Draußen war die »Wirklichkeit«, draußen waren

Straßen und Häuser, Menschen und Einrichtungen, Bibliotheken und Lehrsäle

-- hier drinnen aber war Liebe und Seele, hier lebte das Märchen und der

Traum. Und doch lebten wir keineswegs von der Welt abgeschlossen, wir

lebten in Gedanken und Gesprächen oft mitten in ihr, nur auf einem anderen

Felde, wir waren von der Mehrzahl der Menschen nicht durch Grenzen

getrennt, sondern nur durch eine andere Art des Sehens. Unsre Aufgabe war,

in der Welt eine Insel darzustellen, vielleicht ein Vorbild, jedenfalls

aber die Ankündigung einer anderen Möglichkeit zu leben. Ich lernte, ich

lang Vereinsamter, die Gemeinschaft kennen, die zwischen Menschen möglich

ist, welche das völlige Alleinsein gekostet haben. Nie mehr begehrte ich zu

den Tafeln der Glücklichen, zu den Festen der Fröhlichen zurück, nie mehr

flog mich Neid oder Heimweh an, wenn ich die Gemeinsamkeiten der andern

sah. Und langsam wurde ich eingeweiht in das Geheimnis derer, welche »das

Zeichen« an sich trugen.

Wir, die mit dem Zeichen, mochten mit Recht der Welt für seltsam, ja für

verrückt und gefährlich gelten. Wir waren Erwachte, oder Erwachende, und

unser Streben ging auf ein immer vollkommneres Wachsein, während das

Streben und Glücksuchen der anderen darauf ging, ihre Meinungen, ihre

Ideale und Pflichten, ihr Leben und Glück immer enger an das der Herde zu

binden. Auch dort war Streben, auch dort war Kraft und Größe. Aber während,

nach unserer Auffassung, wir Gezeichneten den Willen der Natur zum Neuen,

zum Vereinzelten und Zukünftigen darstellten, lebten die andern in einem

Willen des Beharrens. Für sie war die Menschheit -- welche sie liebten wie

wir -- etwas Fertiges, das erhalten und geschützt werden mußte. Für uns war

die Menschheit eine ferne Zukunft, nach welcher wir alle unterwegs waren,

deren Bild niemand kannte, deren Gesetze nirgend geschrieben standen.

Außer Frau Eva, Max und mir gehörten zu unsrem Kreise, näher oder ferner,

noch manche Suchende von sehr verschiedener Art. Manche von ihnen gingen

besondere Pfade, hatten sich abgesonderte Ziele gesteckt und hingen an

besonderen Meinungen und Pflichten, unter ihnen waren Astrologen und

Kabbalisten, auch ein Anhänger des Grafen Tolstoi, und allerlei zarte,

scheue, verwundbare Menschen, Anhänger neuer Sekten, Pfleger indischer

Übungen, Pflanzenesser und andre. Mit diesen allen hatten wir eigentlich

nichts Geistiges gemein als die Achtung, die ein jeder dem geheimen

Lebenstraum des andern gönnte. Andre standen uns näher, welche das Suchen

der Menschheit nach Göttern und neuen Wunschbildern in der Vergangenheit

verfolgten und deren Studien mich oft an die meines Pistorius erinnerten.

Sie brachten Bücher mit, übersetzten uns Texte alter Sprachen, zeigten uns

Abbildungen alter Symbole und Riten, und lehrten uns sehen, wie der ganze

Besitz der bisherigen Menschheit an Idealen aus Träumen der unbewußten

Seele bestand, aus Träumen, in welchen die Menschheit tastend den Ahnungen

ihrer Zukunftsmöglichkeiten nachging. So durchliefen wir den wunderbaren,

tausendköpfigen Götterknäuel der alten Welt bis zum Herandämmern der

christlichen Umkehr. Die Bekenntnisse der einsamen Frommen wurden uns

bekannt, und die Wandlungen der Religionen von Volk zu Volk. Und aus allem,

was wir sammelten, ergab sich uns die Kritik unserer Zeit und des jetzigen

Europa, das in ungeheuren Bestrebungen mächtige neue Waffen der Menschheit

erschaffen hatte, endlich aber in eine tiefe und zuletzt schreiende

Verödung des Geistes geraten war. Denn es hatte die ganze Welt gewonnen, um

seine Seele darüber zu verlieren.

Auch hier gab es Gläubige und Bekenner bestimmter Hoffnungen und

Heilslehren. Es gab Buddhisten, die Europa bekehren wollten, und

Tolstoijünger, und andre Bekenntnisse. Wir im engern Kreise hörten zu und

nahmen keine dieser Lehren anders an denn als Sinnbilder. Uns Gezeichneten

lag keine Sorge um die Gestaltung der Zukunft ob. Uns schien jedes

Bekenntnis, jede Heilslehre schon im voraus tot und nutzlos. Und wir

empfanden einzig das als Pflicht und Schicksal: daß jeder von uns so ganz

er selbst werde, so ganz dem in ihm wirksamen Keim der Natur gerecht werde

und zu Willen lebe, daß die ungewisse Zukunft uns zu allem und jedem bereit

finde, was sie bringen möchte.

Denn dies war, gesagt und ungesagt, uns allen im Gefühl deutlich, daß eine

Neugeburt und ein Zusammenbruch des Jetzigen nahe und schon spürbar sei.

Demian sagte mir manchmal: »Was kommen wird, ist unausdenklich. Die Seele

Europas ist ein Tier, das unendlich lang gefesselt lag. Wenn es frei wird,

werden seine ersten Regungen nicht die lieblichsten sein. Aber die Wege und

Umwege sind belanglos, wenn nur die wahre Not der Seele zutage kommt, die

man seit so langem immer und immer wieder weglügt und betäubt. Dann wird

unser Tag sein, dann wird man uns brauchen, nicht als Führer oder neue

Gesetzgeber -- die neuen Gesetze erleben wir nicht mehr -- eher als

Willige, als solche, die bereit sind, mitzugehen und da zu stehen, wohin

das Schicksal ruft. Sieh, alle Menschen sind bereit, das Unglaubliche zu

tun, wenn ihre Ideale bedroht werden. Aber keiner ist da, wenn ein neues

Ideal, eine neue, vielleicht gefährliche und unheimliche Regung des

Wachstums anklopft. Die wenigen, welche dann da sind und mitgehen, werden

wir sein. Dazu sind wir gezeichnet -- wie Kain dazu gezeichnet war, Furcht

und Haß zu erregen und die damalige Menschheit aus einem engen Idyll in

gefährliche Weiten zu treiben. Alle Menschen, die auf den Gang der

Menschheit gewirkt haben, alle ohne Unterschied waren nur darum fähig und

wirksam, weil sie schicksalbereit waren. Das paßt auf Moses und Buddha, es

paßt auf Napoleon und auf Bismarck. Welcher Welle einer dient, von welchem

Pol aus er regiert wird, das liegt nicht in seiner Wahl. Wenn Bismarck die

Sozialdemokraten verstanden und sich auf sie eingestellt hätte, so wäre er

ein kluger Herr gewesen, aber kein Mann des Schicksals. So war es mit

Napoleon, mit Cäsar, mit Loyola, mit allen! Man muß sich das immer

biologisch und entwicklungsgeschichtlich denken! Als die Umwälzungen auf

der Erdoberfläche die Wassertiere ans Land, Landtiere ins Wasser warf, da

waren es die schicksalbereiten Exemplare, die das Neue und Unerhörte

vollziehen und ihre Art durch neue Anpassungen retten konnten. Ob es

dieselben Exemplare waren, welche vorher in ihrer Art als Konservative und

Erhaltende hervorragten, oder eher die Sonderlinge und Revolutionäre, das

wissen wir nicht. Sie waren bereit, und darum konnten sie ihre Art in neue

Entwicklungen hinüber retten. Das wissen wir. Darum wollen wir bereit

sein.«

Bei solchen Gesprächen war Frau Eva oft dabei, doch sprach sie selbst nicht

in dieser Weise mit. Sie war für jeden von uns, der seine Gedanken äußerte,

ein Zuhörer und Echo, voll von Vertrauen, voll von Verständnis, es schien,

als kämen die Gedanken alle aus ihr und kehrten zu ihr zurück. In ihrer

Nähe zu sitzen, zuweilen ihre Stimme zu hören und teilzuhaben an der

Atmosphäre von Reife und Seele, die sie umgab, war für mich Glück.

Sie empfand es sogleich, wenn in mir irgendeine Veränderung, eine Trübung

oder Erneuerung im Gange war. Es schien mir, als seien die Träume, die ich

im Schlaf hatte, Eingebungen von ihr. Ich erzählte sie ihr oft, und sie

waren ihr verständlich und natürlich, es gab keine Sonderbarkeiten, denen

sie nicht mit klarem Fühlen folgen konnte. Eine Zeitlang hatte ich Träume,

die wie Nachbildungen unsrer Tagesgespräche waren. Ich träumte, daß die

ganze Welt in Aufruhr sei und daß ich, allein oder mit Demian, angespannt

auf das große Schicksal warte. Das Schicksal blieb verhüllt, trug aber

irgendwie die Züge der Frau Eva -- von ihr erwählt oder verworfen zu

werden, das war das Schicksal.

Manchmal sagte sie mit Lächeln: »Ihr Traum ist nicht ganz, Sinclair, Sie

haben das Beste vergessen --« und es konnte geschehen, daß es mir dann

wieder einfiel und ich nicht begreifen konnte, wie ich das hatte vergessen

können.

Zu Zeiten wurde ich unzufrieden und von Begehren gequält. Ich meinte es

nicht mehr ertragen zu können, sie neben mir zu sehen, ohne sie in die Arme

zu schließen. Auch das bemerkte sie sofort. Als ich einst mehrere Tage

wegblieb und dann verstört wiederkam, nahm sie mich beiseite und sagte:

»Sie sollen sich nicht an Wünsche hingeben, an die Sie nicht glauben. Ich

weiß, was Sie wünschen. Sie müssen diese Wünsche aufgeben können, oder sie

ganz und richtig wünschen. Wenn Sie einmal so zu bitten vermögen, daß Sie

der Erfüllung in sich ganz gewiß sind, dann ist auch die Erfüllung da. Sie

wünschen aber, und bereuen es wieder, und haben Angst dabei. Das muß alles

überwunden werden. Ich will Ihnen ein Märchen erzählen.«

Und sie erzählte mir von einem Jüngling, der in einen Stern verliebt war.

Am Meere stand er, streckte die Hände aus und betete den Stern an, er

träumte von ihm und richtete seine Gedanken an ihn. Aber er wußte, oder

meinte zu wissen, daß ein Stern nicht von einem Menschen umarmt werden

könne. Er hielt es für sein Schicksal, ohne Hoffnung auf Erfüllung ein

Gestirn zu lieben, und er baute aus diesem Gedanken eine ganze

Lebensdichtung von Verzicht und stummem, treuem Leiden, das ihn bessern und

läutern sollte. Seine Träume gingen aber alle auf den Stern. Einmal stand

er wieder bei Nacht am Meere, auf der hohen Klippe, und blickte in den

Stern und brannte vor Liebe zu ihm. Und in einem Augenblick größter

Sehnsucht tat er den Sprung und stürzte sich ins Leere, dem Stern entgegen.

Aber im Augenblick des Springens noch dachte er blitzschnell: es ist ja

doch unmöglich! Da lag er unten am Strand und war zerschmettert. Er

verstand nicht zu lieben. Hätte er im Augenblick, wo er sprang, die

Seelenkraft gehabt, fest und sicher an die Erfüllung zu glauben, er wäre

nach oben geflogen und mit dem Stern vereinigt worden.

»Liebe muß nicht bitten,« sagte sie, »auch nicht fordern. Liebe muß die

Kraft haben, in sich selbst zur Gewißheit zu kommen. Dann wird sie nicht

mehr gezogen, sondern zieht. Sinclair, Ihre Liebe wird von mir gezogen.

Wenn sie mich einmal zieht, so komme ich. Ich will keine Geschenke geben,

ich will gewonnen werden.«

Ein anderesmal aber erzählte sie mir ein anderes Märchen. Es war ein

Liebender, der ohne Hoffnung liebte. Er zog sich ganz in seine Seele zurück

und meinte vor Liebe zu verbrennen. Die Welt ging ihm verloren, er sah den

blauen Himmel und den grünen Wald nicht mehr, der Bach rauschte ihm nicht,

die Harfe klang ihm nicht, alles war versunken, und er war arm und elend

geworden. Seine Liebe aber wuchs, und er wollte viel lieber sterben und

verkommen, als auf den Besitz der schönen Frau verzichten, die er liebte.

Da spürte er, wie seine Liebe alles andre in ihm verbrannt hatte, und sie

wurde mächtig und zog und zog, und die schöne Frau mußte folgen, sie kam,

er stand mit ausgebreiteten Armen, um sie an sich zu ziehen. Wie sie aber

vor ihm stand, da war sie ganz verwandelt, und mit Schauern fühlte und sah

er, daß er die ganze verlorene Welt zu sich her gezogen hatte. Sie stand

vor ihm und ergab sich ihm, Himmel und Wald und Bach, alles kam in neuen

Farben frisch und herrlich ihm entgegen, gehörte ihm, sprach seine Sprache.

Und statt bloß ein Weib zu gewinnen, hatte er die ganze Welt am Herzen, und

jeder Stern am Himmel glühte in ihm und funkelte Lust durch seine Seele. --

Er hatte geliebt und dabei sich selbst gefunden. Die meisten aber lieben,

um sich dabei zu verlieren.

Meine Liebe zu Frau Eva schien mir der einzige Inhalt meines Lebens zu

sein. Aber jeden Tag sah sie anders aus. Manchmal glaubte ich bestimmt zu

fühlen, daß es nicht ihre Person sei, nach der mein Wesen hingezogen

strebte, sondern sie sei nur ein Sinnbild meines Inneren und wolle mich nur

tiefer in mich selbst hinein führen. Oft hörte ich Worte von ihr, die mir

klangen wie Antworten meines Unbewußten auf brennende Fragen, die mich

bewegten. Dann wieder gab es Augenblicke, in denen ich neben ihr vor

sinnlichem Verlangen brannte, und Gegenstände küßte, die sie berührt hatte.

Und allmählich schoben sich sinnliche und unsinnliche Liebe, Wirklichkeit

und Symbol übereinander. Dann geschah es, daß ich daheim in meinem Zimmer

an sie dachte, in ruhiger Innigkeit, und dabei ihre Hand in meiner und ihre

Lippen auf meinen zu fühlen meinte. Oder ich war bei ihr, sah ihr ins

Gesicht, sprach mit ihr und hörte ihre Stimme, und wußte doch nicht, ob sie

wirklich und nicht ein Traum sei. Ich begann zu ahnen, wie man eine Liebe

dauernd und unsterblich besitzen kann. Ich hatte beim Lesen eines Buches

eine neue Erkenntnis, und es war dasselbe Gefühl wie ein Kuß von Frau Eva.

Sie streichelte mir das Haar und lächelte mir ihre reife duftende Wärme zu,

und ich hatte dasselbe Gefühl, wie wenn ich in mir selbst einen Fortschritt

gemacht hatte. Alles, was wichtig und Schicksal für mich war, konnte ihre

Gestalt annehmen. Sie konnte sich in jeden meiner Gedanken verwandeln, und

jeder sich in sie.

Auf die Weihnachtsfeiertage, in denen ich bei meinen Eltern war, hatte ich

mich gefürchtet, weil ich meinte, es müsse eine Qual sein, zwei Wochen lang

entfernt von Frau Eva zu leben. Aber es war keine Qual, es war herrlich, zu

Hause zu sein und an sie zu denken. Als ich nach H. zurückgekommen war,

blieb ich noch zwei Tage ihrem Hause fern, um diese Sicherheit und

Unabhängigkeit von ihrer sinnlichen Gegenwart zu genießen. Auch hatte ich

Träume, in denen meine Vereinigung mit ihr sich auf neue gleichnishafte

Arten vollzog. Sie war ein Meer, in das ich strömend mündete. Sie war ein

Stern, und ich selbst war als ein Stern zu ihr unterwegs, und wir trafen

uns und fühlten uns zueinander gezogen, blieben beisammen und drehten uns

selig für alle Zeiten in nahen, tönenden Kreisen umeinander.

Diesen Traum erzählte ich ihr, als ich sie zuerst wieder besuchte.

»Der Traum ist schön,« sagte sie still. »Machen Sie ihn wahr!«

In der Vorfrühlingszeit kam ein Tag, den ich nie vergessen habe. Ich trat

in die Halle, ein Fenster stand offen und ein lauer Luftstrom wälzte den

schweren Geruch der Hyazinthen durch den Raum. Da niemand zu sehen war,

ging ich die Treppe hinauf in Max Demians Studierzimmer. Ich pochte leicht

an die Tür und trat ein, ohne auf einen Ruf zu warten, wie ich es gewohnt

war.

Das Zimmer war dunkel, die Vorhänge alle zugezogen. Die Türe zu einem

kleinen Nebenraum stand offen, wo Max ein chemisches Laboratorium

eingerichtet hatte. Von dorther kam das helle, weiße Licht der

Frühlingssonne, die durch Regenwolken schien. Ich glaubte, es sei niemand

da, und schlug einen der Vorhänge zurück.

Da sah ich auf einem Schemel nahe beim verhängten Fenster Max Demian

sitzen, zusammengekauert und seltsam verändert, und wie ein Blitz durchfuhr

mich ein Gefühl: das hast du schon einmal erlebt! Er hatte die Arme

regungslos hängen, die Hände im Schoß, sein etwas vorgeneigtes Gesicht mit

offenen Augen war blicklos und erstorben, im Augenstern blinkte tot ein

kleiner greller Lichtreflex, wie in einem Stück Glas. Das bleiche Gesicht

war in sich versunken und ohne anderen Ausdruck als den einer ungeheuren

Starrheit, es sah aus wie eine uralte Tiermaske am Portal eines Tempels. Er

schien nicht zu atmen.

Erinnerung überschauerte mich -- so, genau so hatte ich ihn schon einmal

gesehen, vor vielen Jahren, als ich noch ein kleiner Junge war. So hatten

die Augen nach innen gestarrt, so waren die Hände leblos nebeneinander

gelegen, eine Fliege war ihm übers Gesicht gewandert. Und er hatte damals,

vor vielleicht sechs Jahren, gerade so alt und so zeitlos ausgesehen, keine

Falte im Gesicht war heute anders.

Von einer Furcht überfallen ging ich leise aus dem Zimmer und die Treppe

hinab. In der Halle traf ich Frau Eva. Sie war bleich und schien ermüdet,

was ich an ihr nicht kannte, ein Schatten flog durchs Fenster, die grelle

weiße Sonne war plötzlich verschwunden.

»Ich war bei Max,« flüsterte ich rasch. »Ist etwas geschehen? Er schläft,

oder ist versunken, ich weiß nicht, ich sah ihn früher schon einmal so.«

»Sie haben ihn doch nicht geweckt?« fragte sie rasch.

»Nein. Er hat mich nicht gehört. Ich ging gleich wieder hinaus. Frau Eva,

sagen Sie mir, was ist mit ihm?«

Sie fuhr sich mit dem Rücken der Hand über die Stirn.

»Seien Sie ruhig, Sinclair, es geschieht ihm nichts. Er hat sich

zurückgezogen. Es wird nicht lange dauern.«

Sie stand auf und ging in den Garten hinaus, obwohl es eben zu regnen

anfing. Ich spürte, daß ich nicht mitkommen sollte. So ging ich in der

Halle auf und ab, roch an den betäubend duftenden Hyazinthen, starrte mein

Vogelbild über der Türe an und atmete mit Beklemmung den seltsamen

Schatten, von dem das Haus an diesem Morgen erfüllt war. Was war dies? Was

war geschehen?

Frau Eva kam bald zurück. Regentropfen hingen ihr im dunkeln Haar. Sie

setzte sich in ihren Lehnstuhl. Müdigkeit lag über ihr. Ich trat neben sie,

beugte mich über sie und küßte die Tropfen aus ihrem Haar. Ihre Augen waren

hell und still, aber die Tropfen schmeckten mir wie Tränen.

»Soll ich nach ihm sehen?« fragte ich flüsternd.

Sie lächelte schwach.

»Seien Sie kein kleiner Junge, Sinclair!« ermahnte sie laut, wie um in sich

selber einen Bann zu brechen. »Gehen Sie jetzt, und kommen Sie später

wieder, ich kann jetzt nicht mit Ihnen reden.«

Ich ging und lief von Haus und Stadt hinweg gegen die Berge, der schräge

dünne Regen kam mir entgegen, die Wolken trieben niedrig unter schwerem

Druck wie in Angst vorüber. Unten ging kaum ein Wind, in der Höhe schien es

zu stürmen, mehrmals brach für Augenblicke die Sonne bleich und grell aus

dem stählernen Wolkengrau.

Da kam über den Himmel weg eine lockere gelbe Wolke getrieben, sie staute

sich gegen die graue Wand und der Wind formte in wenigen Sekunden aus dem

Gelben und dem Blauen ein Bild, einen riesengroßen Vogel, der sich aus

blauem Wirrwarr losriß und mit weiten Flügelschlägen in den Himmel hinein

verschwand. Dann wurde der Sturm hörbar, und Regen prasselte mit Hagel

vermischt herab. Ein kurzer, unwahrscheinlich und schreckhaft tönender

Donner krachte über der gepeitschten Landschaft, gleich darauf brach wieder

ein Sonnenblick durch und auf den nahen Bergen überm braunen Wald leuchtete

fahl und unwirklich der bleiche Schnee.

Als ich naß und verblasen nach Stunden wiederkehrte, öffnete Demian mir

selbst die Haustür.

Er nahm mich mit sich in sein Zimmer hinauf, im Laboratorium brannte eine

Gasflamme, Papier lag umher, er schien gearbeitet zu haben.

»Setz dich,« lud er ein, »du wirst müde sein, es war ein scheußliches

Wetter, man sieht, daß du tüchtig draußen warst. Tee kommt gleich.«

»Es ist heute etwas los,« begann ich zögernd, »es kann nicht nur das

bißchen Gewitter sein.«

Er sah mich forschend an.

»Hast du etwas gesehen?«

»Ja. Ich sah in den Wolken einen Augenblick deutlich ein Bild.«

»Was für ein Bild?«

»Es war ein Vogel.«

»Der Sperber? War er's? Dein Traumvogel?«

»Ja, es war mein Sperber. Er war gelb und riesengroß und flog in den

blauschwarzen Himmel hinein.«

Demian atmete tief auf.

Es klopfte. Die alte Dienerin brachte Tee.

»Nimm dir, Sinclair, bitte. -- Ich glaube, du hast den Vogel nicht zufällig

gesehen?«

»Zufällig? Sieht man solche Sachen zufällig?«

»Gut, nein. Er bedeutet etwas. Weißt du was?«

»Nein. Ich spüre nur, daß es eine Erschütterung bedeutet, einen Schritt im

Schicksal. Ich glaube, es geht uns alle an.«

Er ging heftig auf und ab.

»Einen Schritt im Schicksal!« rief er laut.

»Dasselbe habe ich heut nacht geträumt, und meine Mutter hatte gestern eine

Ahnung, die sagte das Gleiche. -- Mir hat geträumt, ich stieg eine Leiter

hinauf, an einem Baumstamm oder Turm. Als ich oben war, sah ich das ganze

Land, es war eine große Ebene, mit Städten und Dörfern brennen. Ich kann

noch nicht alles erzählen, es ist mir noch nicht alles klar.«

»Deutest du den Traum auf dich?« fragte ich.

»Auf mich? Natürlich. Niemand träumt, was ihn nicht angeht. Aber es geht

mich nicht allein an, da hast du recht. Ich unterscheide ziemlich genau die

Träume, die mir Bewegungen in der eigenen Seele anzeigen, und die anderen,

sehr seltenen, in denen das ganze Menschenschicksal sich andeutet. Ich habe

selten solche Träume gehabt, und nie einen, von dem ich sagen könnte, er

sei eine Prophezeiung gewesen und in Erfüllung gegangen. Die Deutungen sind

zu ungewiß. Aber das weiß ich bestimmt, ich habe etwas geträumt, was nicht

mich allein angeht. Der Traum gehört nämlich zu anderen, früheren, die ich

hatte und die er fortsetzt. Diese Träume sind es, Sinclair, aus denen ich

die Ahnungen habe, von denen ich dir schon sprach. Daß unsre Welt recht

faul ist, wissen wir, das wäre noch kein Grund, ihren Untergang oder

dergleichen zu prophezeien. Aber ich habe seit mehreren Jahren Träume

gehabt, aus denen ich schließe, oder fühle, oder wie du willst -- aus denen

ich also fühle, daß der Zusammenbruch einer alten Welt näher rückt. Es

waren zuerst ganz schwache, entfernte Ahnungen, aber sie sind immer

deutlicher und stärker geworden. Noch weiß ich nichts andres, als daß etwas

Großes und Furchtbares im Anzug ist, das mich mit betrifft. Sinclair, wir

werden das erleben, wovon wir manchmal gesprochen haben! Die Welt will sich

erneuern. Es riecht nach Tod. Nichts Neues kommt ohne Tod. -- Es ist

schrecklicher, als ich gedacht hatte.« Erschrocken starrte ich ihn an.

»Kannst du mir den Rest deines Traumes nicht erzählen?« bat ich schüchtern.

Er schüttelte den Kopf.

»Nein.«

Die Türe ging und Frau Eva kam herein.

»Da sitzet ihr beieinander! Kinder, ihr werdet doch nicht traurig sein?«

Sie sah frisch und gar nicht mehr müde aus. Demian lächelte ihr zu, sie kam

zu uns wie die Mutter zu verängstigten Kindern.

»Traurig sind wir nicht, Mutter, wir haben bloß ein wenig an diesen neuen

Zeichen gerätselt. Aber es liegt ja nichts daran. Plötzlich wird das, was

kommen will, da sein, und dann werden wir das, was wir zu wissen brauchen,

schon erfahren.«

Mir aber war schlecht zumut, und als ich Abschied nahm und allein durch die

Halle ging, empfand ich den Hyazinthenduft welk, fad und leichenhaft. Es

war ein Schatten über uns gefallen.

Achtes Kapitel

Anfang vom Ende

Ich hatte es durchgesetzt, noch das Sommersemester in H. bleiben zu können.

Statt im Hause, waren wir nun fast immer im Garten am Fluß. Der Japaner,

der übrigens im Ringkampf richtig verloren hatte, war fort, auch der

Tolstoimann fehlte. Demian hielt sich ein Pferd und ritt Tag für Tag mit

Ausdauer. Ich war oft mit seiner Mutter allein.

Zuweilen wunderte ich mich über die Friedlichkeit meines Lebens. Ich war so

lang gewohnt, allein zu sein, Verzicht zu üben, mich mühsam mit meinen

Qualen herumzuschlagen, daß diese Monate in H. mir wie eine Trauminsel

vorkamen, auf der ich bequem und verzaubert nur in schönen, angenehmen

Dingen und Gefühlen leben durfte. Ich ahnte, daß dies der Vorklang jener

neuen, höheren Gemeinschaft sei, an die wir dachten. Und je und je ergriff

mich über dies Glück eine tiefe Trauer, denn ich wußte wohl, es konnte

nicht von Dauer sein. Mir war nicht beschieden, in Fülle und Behagen zu

atmen, ich brauchte Qual und Hetze. Ich spürte: eines Tages würde ich aus

diesen schönen Liebesbildern erwachen und wieder allein stehen, ganz

allein, in der kalten Welt der anderen, wo für mich nur Einsamkeit oder

Kampf war, kein Friede, kein Mitleben.

Dann schmiegte ich mich mit doppelter Zärtlichkeit in die Nähe der Frau

Eva, froh darüber, daß mein Schicksal noch immer diese schönen, stillen

Züge trug.

Die Sommerwochen vergingen schnell und leicht, das Semester war schon im

Ausklingen. Der Abschied stand bald bevor, ich durfte nicht daran denken,

und tat es auch nicht, sondern hing an den schönen Tagen wie ein Falter an

der Honigblume. Das war nun meine Glückszeit gewesen, die erste Erfüllung

meines Lebens und meine Aufnahme in den Bund -- was würde dann kommen? Ich

würde wieder mich durchkämpfen, Sehnsucht leiden, Träume haben, allein

sein.

An einem dieser Tage überkam mich dies Vorgefühl so stark, daß meine Liebe

zu Frau Eva plötzlich schmerzlich aufflammte. Mein Gott, wie bald, dann sah

ich sie nicht mehr, hörte nicht mehr ihren festen guten Schritt durchs

Haus, fand nicht mehr ihre Blumen auf meinem Tisch! Und was hatte ich

erreicht? Ich hatte geträumt und mich in Behagen gewiegt, statt sie zu

gewinnen, statt um sie zu kämpfen und sie für immer an mich zu reißen!

Alles, was sie mir je über die echte Liebe gesagt hatte, fiel mir ein,

hundert feine, mahnende Worte, hundert leise Lockungen, Versprechungen

vielleicht -- was hatte ich daraus gemacht? Nichts! Nichts!

Ich stellte mich mitten in meinem Zimmer auf, faßte mein ganzes Bewußtsein

zusammen und dachte an Eva. Ich wollte die Kräfte meiner Seele

zusammennehmen, um sie meine Liebe fühlen zu lassen, um sie zu mir her zu

ziehen. Sie mußte kommen und meine Umarmung ersehnen, mein Kuß mußte

unersättlich in ihren reifen Liebeslippen wühlen.

Ich stand und spannte mich an, bis ich von den Fingern und Füßen her kalt

wurde. Ich fühlte, daß Kraft von mir ausging. Für einige Augenblicke zog

sich etwas in mir fest und eng zusammen, etwas Helles und Kühles; ich hatte

einen Augenblick die Empfindung, ich trage einen Kristall im Herzen, und

ich wußte, das war mein Ich. Die Kälte stieg mir bis zur Brust.

Als ich aus der furchtbaren Anspannung erwachte, fühlte ich, daß etwas

käme. Ich war zu Tode erschöpft, aber ich war bereit, Eva ins Zimmer treten

zu sehen, brennend und entzückt.

Hufgetrappel hämmerte jetzt die lange Straße heran, klang nah und hart,

hielt plötzlich an. Ich sprang ans Fenster. Unten stieg Demian vom Pferde.

Ich lief hinab.

»Was ist los, Demian? Es ist doch deiner Mutter nichts passiert?«

Er hörte nicht auf meine Worte. Er war sehr bleich, und Schweiß rann zu

beiden Seiten von seiner Stirn über die Wangen. Er band die Zügel seines

erhitzten Pferdes an den Gartenzaun, nahm meinen Arm und ging mit mir die

Straße hinab.

»Weißt du schon etwas?«

Ich wußte nichts.

Demian drückte meinen Arm und wandte mir das Gesicht zu, mit einem dunklen,

mitleidigen, sonderbaren Blick.

»Ja, mein Junge, es geht nun los. Du wußtest ja von der großen Spannung mit

Rußland --«

»Was? Gibt es Krieg? Ich habe nie daran geglaubt.«

Er sprach leise, obwohl kein Mensch in der Nähe war.

»Er ist noch nicht erklärt. Aber es gibt Krieg. Verlaß dich drauf. Ich habe

dich seither mit der Sache nicht mehr belästigt, aber ich habe seit damals

dreimal neue Anzeichen gesehen. Es wird also kein Weltuntergang, kein

Erdbeben, keine Revolution. Es wird Krieg. Du wirst sehen, wie das

einschlägt! Es wird den Leuten eine Wonne sein, schon jetzt freut sich

jeder aufs Losschlagen. So fad ist ihnen das Leben geworden. -- Aber du

wirst sehen, Sinclair, das ist nur der Anfang. Es wird vielleicht ein

großer Krieg werden, ein sehr großer Krieg. Aber auch das ist bloß der

Anfang. Das Neue beginnt, und das Neue wird für die, die am Alten hängen,

entsetzlich sein. Was wirst du tun?«

Ich war bestürzt, es klang mir alles noch fremd und unwahrscheinlich.

»Ich weiß nicht -- und du?«

Er zuckte die Achseln.

»Sobald mobilisiert wird, rücke ich ein. Ich bin Leutnant.«

»Du? Davon wußte ich kein Wort.«

»Ja, es war eine von meinen Anpassungen. Du weißt, ich bin nach außen nie

gern aufgefallen und habe immer eher etwas zuviel getan, um korrekt zu

sein. Ich stehe, glaube ich, in acht Tagen schon im Felde --«

»Um Gottes willen --«

»Na, Junge, sentimental mußt du das nicht auffassen. Es wird mir ja im

Grunde kein Vergnügen machen, Gewehrfeuer auf lebende Menschen zu

kommandieren, aber das wird nebensächlich sein. Es wird jetzt jeder von uns

in das große Rad hineinkommen. Du auch. Du wirst sicher ausgehoben werden.«

»Und deine Mutter, Demian?«

Erst jetzt besann ich mich wieder auf das, was vor einer Viertelstunde

gewesen war. Wie hatte sich die Welt verwandelt! Alle Kraft hatte ich

zusammengerissen, um das süßeste Bild zu beschwören, und nun sah mich das

Schicksal plötzlich neu aus einer drohend grauenhaften Maske an.

»Meine Mutter? Ach, um die brauchen wir keine Sorge zu haben. Sie ist

sicher, sicherer als irgend jemand es heute auf der Welt ist. -- Du liebst

sie so sehr?«

»Du wußtest es, Demian?« Er lachte hell und ganz befreit.

»Kleiner Junge! Natürlich wußte ich's. Es hat noch niemand zu meiner Mutter

Frau Eva gesagt, ohne sie zu lieben. Übrigens, wie war das? Du hast sie

oder mich heut gerufen, nicht?«

»Ja, ich habe gerufen -- -- Ich rief nach Frau Eva.«

»Sie hat es gespürt. Sie schickte mich plötzlich weg, ich müsse zu dir. Ich

hatte ihr eben die Nachrichten über Rußland erzählt.«

Wir kehrten um und sprachen wenig mehr, er machte sein Pferd los und stieg

auf.

In meinem Zimmer oben spürte ich erst, wie erschöpft ich war, von Demians

Botschaft und noch viel mehr von der vorherigen Anspannung. Aber Frau Eva

hatte mich gehört! Ich hatte sie mit meinen Gedanken im Herzen erreicht.

Sie wäre selbst gekommen -- wenn nicht -- -- Wie sonderbar war dies alles,

und wie schön im Grunde! Nun sollte ein Krieg kommen. Nun sollte das zu

geschehen beginnen, was wir oft und oft geredet hatten. Und Demian hatte so

viel davon vorausgewußt. Wie seltsam, daß jetzt der Strom der Welt nicht

mehr irgendwo an uns vorbei laufen sollte --, daß er jetzt plötzlich mitten

durch unsere Herzen ging, daß Abenteuer und wilde Schicksale uns riefen,

und daß jetzt oder bald der Augenblick da war, wo die Welt uns brauchte, wo

sie sich verwandeln wollte. Demian hatte recht, sentimental war das nicht

zu nehmen. Merkwürdig war nur, daß ich nun die so einsame Angelegenheit

»Schicksal« mit so vielen, mit der ganzen Welt gemeinsam erleben sollte.

Gut denn!

Ich war bereit. Am Abend, als ich durch die Stadt ging, brausten alle

Winkel von der großen Erregung. Überall das Wort »Krieg«!

Ich kam in Frau Evas Haus, wir aßen im Gartenhäuschen zu Abend. Ich war der

einzige Gast. Niemand sprach ein Wort von Krieg. Nur spät, kurz ehe ich

wegging, sagte Frau Eva: »Lieber Sinclair, Sie haben mich heut gerufen. Sie

wissen, warum ich nicht selbst kam. Aber vergessen Sie nicht: Sie kennen

jetzt den Ruf, und wann immer Sie jemand brauchen, der das Zeichen trägt,

dann rufen Sie wieder!«

Sie erhob sich und ging durch die Gartendämmerung voraus. Groß und

fürstlich schritt die Geheimnisvolle zwischen den schweigenden Bäumen, und

über ihrem Haupt glommen klein und zart die vielen Sterne.

Ich komme zum Ende. Die Dinge gingen ihren raschen Weg. Bald war Krieg und

Demian, wunderlich fremd in der Uniform mit dem silbergrauen Mantel, fuhr

davon. Ich brachte seine Mutter nach Hause zurück. Bald nahm auch ich

Abschied von ihr, sie küßte mich auf den Mund und hielt mich einen

Augenblick an ihrer Brust, und ihre großen Augen brannten nah und fest in

meine.

Und alle Menschen waren wie verbrüdert. Sie meinten das Vaterland und die

Ehre. Aber es war das Schicksal, dem sie alle einen Augenblick in das

unverhüllte Gesicht schauten. Junge Männer kamen aus Kasernen, stiegen in

Bahnzüge, und auf vielen Gesichtern sah ich ein Zeichen -- nicht das unsre

-- ein schönes und würdevolles Zeichen, das Liebe und Tod bedeutete. Auch

ich wurde von Menschen umarmt, die ich nie gesehen hatte, und ich verstand

es und erwiderte es gerne. Es war ein Rausch, in dem sie es taten, kein

Schicksalswille, aber der Rausch war heilig, er rührte daher, daß sie alle

diesen kurzen, aufrüttelnden Blick in die Augen des Schicksals getan

hatten.

Es war schon beinahe Winter, als ich ins Feld kam.

Im Anfang war ich, trotz der Sensationen der Schießerei, von allem

enttäuscht. Früher hatte ich viel darüber nachgedacht, warum so äußerst

selten ein Mensch für ein Ideal zu leben vermöge. Jetzt sah ich, daß viele,

ja alle Menschen fähig sind, für ein Ideal zu sterben. Nur durfte es kein

persönliches, kein freies, kein gewähltes Ideal sein, es mußte ein

gemeinsames und übernommenes sein.

Mit der Zeit sah ich aber, daß ich die Menschen unterschätzt hatte. So sehr

der Dienst und die gemeinsame Gefahr sie uniformierte, ich sah doch viele,

Lebende und Sterbende, sich dem Schicksalswillen prachtvoll nähern. Viele,

sehr viele hatten nicht nur beim Angriff, sondern zu jeder Zeit den festen,

fernen, ein wenig wie besessenen Blick, der nichts von Zielen weiß und

volles Hingegebensein an das Ungeheure bedeutet. Mochten diese glauben und

meinen, was immer sie wollten -- sie waren bereit, sie waren brauchbar, aus

ihnen würde sich Zukunft formen lassen. Und je starrer die Welt auf Krieg

und Heldentum, auf Ehre und andre alte Ideale eingestellt schien, je ferner

und unwahrscheinlicher jede Stimme scheinbarer Menschlichkeit klang, dies

war alles nur die Oberfläche, ebenso wie die Frage nach den äußeren und

politischen Zielen des Krieges nur Oberfläche blieb. In der Tiefe war etwas

im Werden. Etwas wie eine neue Menschlichkeit. Denn viele konnte ich sehen,

und mancher von ihnen starb an meiner Seite -- denen war gefühlhaft die

Einsicht geworden, daß Haß und Wut, Totschlagen und Vernichten nicht an die

Objekte geknüpft waren. Nein, die Objekte, ebenso wie die Ziele, waren ganz

zufällig. Die Urgefühle, auch die wildesten, galten nicht dem Feinde, ihr

blutiges Werk war nur Ausstrahlung des Innern, der in sich zerspaltenen

Seele, welche rasen und töten, vernichten und sterben wollte, um neu

geboren werden zu können. Es kämpfte sich ein Riesenvogel aus dem Ei, und

das Ei war die Welt, und die Welt mußte in Trümmer gehen.

Vor dem Gehöfte, das wir besetzt hatten, stand ich in einer

Vorfrühlingsnacht auf Wache. In launischen Stößen ging ein schlapper Wind,

über den hohen flandrischen Himmel ritten Wolkenheere, irgendwo dahinter

eine Ahnung von Mond. Schon den ganzen Tag war ich in Unruhe gewesen,

irgendeine Sorge störte mich. Jetzt, auf meinem dunklen Posten, dachte ich

mit Innigkeit an die Bilder meines bisherigen Lebens, an Frau Eva, an

Demian. Ich stand an eine Pappel gelehnt und starrte in den bewegten

Himmel, dessen heimlich zuckende Helligkeiten bald zu großen, quellenden

Bilderfolgen wurden. Ich spürte an der seltsamen Dünne meines Pulses, an

der Unempfindlichkeit meiner Haut gegen Wind und Regen, an der funkelnden

inneren Wachheit, daß ein Führer um mich sei.

In den Wolken war eine große Stadt zu sehen, aus der strömten Millionen von

Menschen hervor, die verbreiteten sich in Schwärmen über weite

Landschaften. Mitten unter sie trat eine mächtige Göttergestalt, funkelnde

Sterne im Haar, groß wie ein Gebirge, mit den Zügen der Frau Eva. In sie

hinein verschwanden die Züge der Menschen, wie in eine riesige Höhle, und

waren weg. Die Göttin kauerte sich am Boden nieder, hell schimmerte das Mal

auf ihrer Stirn. Ein Traum schien Gewalt über sie zu haben, sie schloß die

Augen und ihr großes Antlitz verzog sich in Weh. Plötzlich schrie sie hell

auf, und aus ihrer Stirn sprangen Sterne, viele tausend leuchtende Sterne,

die schwangen sich in herrlichen Bogen und Halbkreisen über den schwarzen

Himmel.

Einer von den Sternen brauste mit hellem Klang gerade zu mir her, schien

mich zu suchen. -- Da krachte er brüllend in tausend Funken auseinander, es

riß mich empor und warf mich wieder zu Boden, donnernd brach die Welt über

mir zusammen.

Man fand mich nahe bei der Pappel, mit Erde bedeckt und mit vielen Wunden.

Ich lag in einem Keller, Geschütze brummten über mir. Ich lag in einem

Wagen und holperte über leere Felder. Meistens schlief ich oder war ohne

Bewußtsein. Aber je tiefer ich schlief, desto heftiger empfand ich, daß

etwas mich zog, daß ich einer Kraft folgte, die über mich Herr war.

Ich lag in einem Stall auf Stroh, es war dunkel, jemand war mir auf die

Hand getreten. Aber mein Inneres wollte weiter, stärker zog es mich weg.

Wieder lag ich auf einem Wagen, und später auf einer Bahre oder Leiter,

immer stärker fühlte ich mich irgendwohin befohlen, fühlte nichts als den

Drang, endlich dahin zu kommen.

Da war ich am Ziel. Es war Nacht, ich war bei vollem Bewußtsein, mächtig

hatte ich soeben noch den Zug und Drang in mir empfunden. Nun lag ich in

einem Saal, am Boden gebettet, und fühlte, daß ich dort sei, wohin ich

gerufen war. Ich blickte um mich, dicht neben meiner Matratze lag eine

andre, und jemand auf ihr, der neigte sich vor und sah mich an. Er hatte

das Zeichen auf der Stirn. Es war Max Demian.

Ich konnte nicht sprechen, und auch er konnte oder wollte nicht. Er sah

mich nur an. Auf seinem Gesicht lag der Schein einer Ampel, die über ihm an

der Wand hing. Er lächelte mir zu.

Eine unendlich lange Zeit sah er mir immerfort in die Augen. Langsam schob

er sein Gesicht mir näher, bis wir uns fast berührten.

»Sinclair!« sagte er flüsternd.

Ich gab ihm ein Zeichen mit den Augen, daß ich ihn verstehe.

Er lächelte wieder, beinah wie in Mitleid.

»Kleiner Junge!« sagte er lächelnd.

Sein Mund lag nun ganz nahe an meinem. Leise fuhr er fort zu sprechen.

»Kannst du dich noch an Franz Kromer erinnern?« fragte er.

Ich zwinkerte ihm zu, und konnte auch lächeln.

»Kleiner Sinclair, paß auf! Ich werde fortgehen müssen. Du wirst mich

vielleicht einmal wieder brauchen, gegen den Kromer oder sonst. Wenn du

mich dann rufst, dann komme ich nicht mehr so grob auf einem Pferd geritten

oder mit der Eisenbahn. Du mußt dann in dich hinein hören, dann merkst du,

daß ich in dir drinnen bin. Verstehst du? -- Und noch etwas! Frau Eva hat

gesagt, wenn es dir einmal schlecht gehe, dann solle ich dir den Kuß von

ihr geben, den sie mir mitgegeben hat . . . Mach die Augen zu, Sinclair!«

Ich schloß gehorsam meine Augen zu, ich spürte einen leichten Kuß auf

meinen Lippen, auf denen ich immer ein wenig Blut stehen hatte, das nie

weniger werden wollte. Und dann schlief ich ein.

Am Morgen wurde ich geweckt, ich sollte verbunden werden. Als ich endlich

richtig wach war, wendete ich mich schnell nach der Nachbarmatratze hin. Es

lag ein fremder Mensch darauf, den ich nie gesehen hatte.

Das Verbinden tat weh. Alles, was seither mit mir geschah, tat weh. Aber

wenn ich manchmal den Schlüssel finde und ganz in mich selbst

hinuntersteige, da wo im dunkeln Spiegel die Schicksalsbilder schlummern,

dann brauche ich mich nur über den schwarzen Spiegel zu neigen, und sehe

mein eigenes Bild, das nun ganz Ihm gleicht, Ihm, meinem Freund und Führer.

Druck von Hallberg & Büchting, Leipzig.

Demian: Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend · 第 5 / 7 题