Befriedigt nickte er mir zu.
»Bravo! Du bist ein fixer Kerl, wir werden noch Freunde werden. Nun muß ich
dir aber etwas sagen: dieser Kromer, oder wie er heißt, ist ein schlechter
Kerl. Sein Gesicht sagt mir, daß er ein Schuft ist! Was meinst du?«
»O ja,« seufzte ich auf, »er ist schlecht, er ist ein Satan! Aber er darf
nichts wissen! Um Gottes willen, er darf nichts wissen. Kennst du ihn?
Kennt er dich?«
»Sei nur ruhig! Er ist fort, und er kennt mich nicht -- noch nicht. Aber
ich möchte ihn ganz gern kennenlernen. Er geht in die Volksschule?«
»Ja.«
»In welche Klasse?«
»In die fünfte. -- Aber sag ihm nichts! Bitte, bitte sag ihm nichts!«
»Sei ruhig, es passiert dir nichts. -- Vermutlich hast du keine Lust, mir
ein wenig mehr von diesem Kromer zu erzählen?«
»Ich kann nicht! Nein, laß mich!«
Er schwieg eine Weile.
»Schade,« sagte er dann, »wir hätten das Experiment noch weiter führen
können. Aber ich will dich nicht plagen. Aber nicht wahr, das weißt du
doch, daß deine Furcht vor ihm nichts Richtiges ist? So eine Furcht macht
uns ganz kaputt, die muß man loswerden. Du mußt sie loswerden, wenn ein
rechter Kerl aus dir werden soll. Begreifst du?«
»Gewiß, du hast ganz recht . . . aber es geht nicht. Du weißt ja nicht
. . .«
»Du hast gesehen, daß ich manches weiß, mehr als du gedacht hättest. --
Bist du ihm etwa Geld schuldig?«
»Ja, das auch, aber das ist nicht die Hauptsache. Ich kann es nicht sagen,
ich kann nicht!«
»Es hilft also nichts, wenn ich dir soviel Geld gebe, wie du ihm schuldig
bist? -- Ich könnte es dir gut geben.«
»Nein, nein, das ist es nicht. Und ich bitte dich: sage niemand davon! Kein
Wort! Du machst mich unglücklich!«
»Verlaß dich auf mich, Sinclair. Eure Geheimnisse wirst du mir später
einmal mitteilen --«
»Nie, nie!« rief ich heftig.
»Ganz wie du willst. Ich meine nur, vielleicht wirst du mir später einmal
mehr sagen. Nur freiwillig, versteht sich. Du denkst doch nicht, ich werde
es machen wie der Kromer selber?«
»O nein -- aber du weißt ja gar nichts davon!«
»Gar nichts. Ich denke nur darüber nach. Und ich werde es nie so machen wie
Kromer es macht, das glaubst du mir. Du bist ja mir auch nichts schuldig.«
Wir schwiegen eine lange Zeit, und ich wurde ruhiger. Aber Demians Wissen
wurde mir immer rätselhafter.
»Ich geh jetzt nach Hause,« sagte er, und zog im Regen seinen Lodenmantel
fester zusammen. »Ich möchte dir nur eins nochmals sagen, weil wir schon so
weit sind -- du solltest diesen Kerl loswerden! Wenn es gar nicht anders
geht, dann schlage ihn tot! Es würde mir imponieren und gefallen, wenn du
es tätest. Ich würde dir auch helfen.«
Ich bekam von neuem Angst. Die Geschichte von Kain fiel mir plötzlich
wieder ein. Es wurde mir unheimlich, und ich begann sachte zu weinen. Zu
viel Unheimliches war um mich her.
»Nun gut,« lächelte Max Demian. »Geh nur nach Hause! Wir machen das schon.
Obwohl Totschlagen das Einfachste wäre. In solchen Dingen ist das
Einfachste immer das Beste. Du bist in keinen guten Händen bei deinem
Freund Kromer.«
Ich kam nach Hause, und mir schien, ich sei ein Jahr lang weg gewesen.
Alles sah anders aus. Zwischen mir und Kromer stand etwas wie Zukunft,
etwas wie Hoffnung. Ich war nicht mehr allein! Und erst jetzt sah ich, wie
schrecklich allein ich wochen- und wochenlang mit meinem Geheimnis gewesen
war. Und sofort fiel mir ein, was ich mehrmals durchgedacht hatte: daß eine
Beichte vor meinen Eltern mich erleichtern und mich doch nicht ganz erlösen
würde. Nun hatte ich beinahe gebeichtet, einem andern, einem Fremden, und
Erlösungsahnung flog mir wie ein starker Duft entgegen!
* * * * *
Immerhin war meine Angst noch lange nicht überwunden, und ich war noch auf
lange und furchtbare Auseinandersetzungen mit meinem Feinde gefaßt. Desto
merkwürdiger war es mir, daß alles so still, so völlig geheim und ruhig
verlief.
Kromers Pfiff vor unsrem Hause blieb aus, einen Tag, zwei Tage, drei Tage,
eine Woche lang. Ich wagte gar nicht, daran zu glauben, und lag innerlich
auf der Lauer, ob er nicht plötzlich, eben wenn man ihn gar nimmer
erwartete, doch wieder dastehen würde. Aber er war und blieb fort!
Mißtrauisch gegen die neue Freiheit, glaubte ich noch immer nicht recht
daran. Bis ich endlich einmal dem Franz Kromer begegnete. Er kam die
Seilergasse herab, gerade mir entgegen. Als er mich sah, zuckte er
zusammen, verzog das Gesicht zu einer wüsten Grimasse und kehrte ohne
weiteres um, um mir nicht begegnen zu müssen.
Das war für mich ein unerhörter Augenblick! Mein Feind lief vor mir davon!
Mein Satan hatte Angst vor mir! Mir fuhr die Freude und Überraschung durch
und durch.
In diesen Tagen zeigte sich Demian einmal wieder. Er wartete auf mich vor
der Schule.
»Grüß Gott,« sagte ich.
»Guten Morgen, Sinclair. Ich wollte nur einmal hören, wie dir's geht. Der
Kromer läßt dich doch jetzt in Ruhe, nicht?«
»Hast du das gemacht? Aber wie denn? Wie denn? Ich begreife es gar nicht.
Er ist ganz ausgeblieben.«
»Das ist gut. Wenn er je einmal wiederkommen sollte -- ich denke, er tut es
nicht, aber er ist ja ein frecher Kerl -- dann sage ihm bloß, er möge an
den Demian denken.«
»Aber wie hängt das zusammen? Hast du Händel mit ihm angefangen und ihn
verhauen?«
»Nein, das tue ich nicht so gern. Ich habe bloß mit ihm gesprochen, so wie
mit dir auch, und habe ihm dabei klar machen können, daß es sein eigener
Vorteil ist, wenn er dich in Ruhe läßt.«
»O, du wirst ihm doch kein Geld gegeben haben?«
»Nein, mein Junge. Diesen Weg hattest ja du schon probiert.«
Er machte sich los, so sehr ich ihn auszufragen versuchte, und ich blieb
mit dem alten beklommenen Gefühl gegen ihn zurück, das aus Dankbarkeit und
Scheu, aus Bewunderung und Angst, aus Zuneigung und innerem Widerstreben
seltsam gemischt war.
Ich nahm mir vor, ihn bald wiederzusehen, und dann wollte ich mehr mit ihm
über das alles reden, auch noch über die Kain-Sache.
Es kam nicht dazu.
Dankbarkeit ist überhaupt keine Tugend, an die ich Glauben habe, und sie
von einem Kinde zu verlangen, schiene mir falsch. So wundere ich mich über
meine eigene völlige Undankbarkeit nicht eben sehr, die ich gegen Max
Demian bewies. Ich glaube heute mit Bestimmtheit, daß ich fürs Leben krank
und verdorben worden wäre, wenn er mich nicht aus den Klauen Kromers
befreit hätte. Diese Befreiung fühlte ich auch damals schon als das größte
Erlebnis meines jungen Lebens -- aber den Befreier selbst ließ ich links
liegen, sobald er das Wunder vollführt hatte.
Merkwürdig ist die Undankbarkeit, wie gesagt, mir nicht. Sonderbar ist mir
einzig der Mangel an Neugierde, den ich bewies. Wie war es möglich, daß ich
einen einzigen Tag ruhig weiterleben konnte, ohne den Geheimnissen näher zu
kommen, mit denen mich Demian in Berührung gebracht hatte? Wie konnte ich
die Begierde zurückhalten, mehr über Kain zu hören, mehr über Kromer, mehr
über das Gedankenlesen?
Es ist kaum begreiflich, und ist doch so. Ich sah mich plötzlich aus
dämonischen Netzen entwirrt, sah wieder die Welt hell und freudig vor mir
liegen, unterlag nicht mehr Angstanfällen und würgendem Herzklopfen. Der
Bann war gebrochen, ich war nicht mehr ein gepeinigter Verdammter, ich war
wieder ein Schulknabe wie immer. Meine Natur suchte so rasch wie möglich
wieder in Gleichgewicht und Ruhe zu kommen, und so gab sie sich vor allem
Mühe, das viele Häßliche und Bedrohende von sich weg zu rücken, es zu
vergessen. Wunderbar schnell entglitt die ganze lange Geschichte meiner
Schuld und Verängstigung meinem Gedächtnis, ohne scheinbar irgendwelche
Narben und Eindrücke hinterlassen zu haben.
Daß ich hingegen meinen Helfer und Retter ebenso rasch zu vergessen suchte,
begreife ich heute auch. Aus dem Jammertal meiner Verdammung, aus der
furchtbaren Sklaverei bei Kromer floh ich mit allen Trieben und Kräften
meiner geschädigten Seele dahin zurück, wo ich früher glücklich und
zufrieden gewesen war: in das verlorene Paradies, das sich wieder öffnete,
in die helle Vater- und Mutterwelt, zu den Schwestern, zum Duft der
Reinheit, zur Gottgefälligkeit Abels.
Schon am Tage nach meinem kurzen Gespräch mit Demian, als ich von meiner
wiedergewonnenen Freiheit endlich völlig überzeugt war und keine Rückfälle
mehr fürchtete, tat ich das, was ich so oft und sehnlich mir gewünscht
hatte -- ich beichtete. Ich ging zu meiner Mutter, ich zeigte ihr das
Sparbüchslein, dessen Schloß beschädigt und das mit Spielmarken statt mit
Geld gefüllt war, und ich erzählte ihr, wie lange Zeit ich durch eigene
Schuld mich an einen bösen Quäler gefesselt hatte. Sie begriff nicht alles,
aber sie sah die Büchse, sie sah meinen veränderten Blick, hörte meine
veränderte Stimme, fühlte, daß ich genesen, daß ich ihr wiedergegeben war.
Und nun beging ich mit hohen Gefühlen das Fest meiner Wiederaufnahme, die
Heimkehr des verlorenen Sohnes. Die Mutter brachte mich zum Vater, die
Geschichte wurde wiederholt, Fragen und Ausrufe der Verwunderung drängten
sich, beide Eltern streichelten mir den Kopf und atmeten aus langer
Bedrückung auf. Alles war herrlich, alles war wie in den Erzählungen, alles
löste sich in wunderbare Harmonie auf.
In diese Harmonie floh ich nun mit wahrer Leidenschaft. Ich konnte mich
nicht genug daran ersättigen, daß ich wieder meinen Frieden und das
Vertrauen der Eltern hatte, ich wurde ein häuslicher Musterknabe, spielte
mehr als jemals mit meinen Schwestern und sang bei den Andachten die
lieben, alten Lieder mit wonnevollen Gefühlen des Erlösten und Bekehrten
mit. Es geschah von Herzen, es war keine Lüge dabei.
Dennoch war es so gar nicht in Ordnung! Und hier ist der Punkt, aus dem
sich mir meine Vergeßlichkeit gegen Demian allein wahrhaft erklärt. Ihm
hätte ich beichten sollen! Die Beichte wäre weniger dekorativ und rührend,
aber für mich fruchtbarer ausgefallen. Nun klammerte ich mich mit allen
Wurzeln an meine ehemalige, paradiesische Welt, war heimgekehrt und in
Gnaden aufgenommen. Demian aber gehörte zu dieser Welt keineswegs, paßte
nicht in sie. Auch er war, anders als Kromer, aber doch eben -- auch er war
ein Verführer, auch er verband mich mit der zweiten, der bösen, schlechten
Welt, und von der wollte ich nun für immer nichts mehr wissen. Ich konnte
und wollte jetzt nicht Abel preisgeben und Kain verherrlichen helfen,
jetzt, wo ich eben selbst wieder ein Abel geworden war.
So der äußere Zusammenhang. Der innere aber war dieser: Ich war aus Kromers
und des Teufels Händen erlöst, aber nicht durch meine eigene Kraft und
Leistung. Ich hatte versucht, auf den Pfaden der Welt zu wandeln, und sie
waren für mich zu schlüpfrig gewesen. Nun, da der Griff einer freundlichen
Hand mich gerettet hatte, lief ich, ohne einen Blick mehr nebenaus zu tun,
in den Schoß der Mutter und die Geborgenheit einer umhegten, frommen,
milden Kindlichkeit zurück. Ich machte mich jünger, abhängiger, kindlicher
als ich war. Ich mußte die Abhängigkeit von Kromer durch eine neue
ersetzen, denn allein zu gehen vermochte ich nicht. So wählte ich, in
meinem blinden Herzen, die Abhängigkeit von Vater und Mutter, von der
alten, geliebten »lichten Welt,« von der ich doch schon wußte, daß sie
nicht die einzige war. Hätte ich das nicht getan, so hätte ich mich zu
Demian halten und mich ihm anvertrauen müssen. Daß ich das nicht tat, das
erschien mir damals als berechtigtes Mißtrauen gegen seine befremdlichen
Gedanken; in Wahrheit war es nichts als Angst. Denn Demian hätte mehr von
mir verlangt als die Eltern verlangten, viel mehr, er hätte mich mit
Antrieb und Ermahnung, mit Spott und Ironie selbständiger zu machen
versucht. Ach, das weiß ich heute: Nichts auf der Welt ist dem Menschen
mehr zuwider als den Weg zu gehen, der ihn zu sich selber führt!
Dennoch konnte ich, etwa ein halbes Jahr später, der Versuchung nicht
widerstehen, und fragte auf einem Spaziergang meinen Vater, was davon zu
halten sei, daß manche Leute den Kain für besser als den Abel erklärten.
Er war sehr verwundert und erklärte mir, daß dies eine Auffassung sei,
welche der Neuheit entbehre. Sie sei sogar schon in der urchristlichen Zeit
aufgetaucht und sei in Sekten gelehrt worden, deren eine sich die
»Kainiten« nannte. Aber natürlich sei diese tolle Lehre nichts anderes als
ein Versuch des Teufels, unsern Glauben zu zerstören. Denn glaube man an
das Recht Kains und das Unrecht Abels, dann ergebe sich daraus die Folge,
daß Gott sich geirrt habe, daß also der Gott der Bibel nicht der richtige
und einzige, sondern ein falscher sei. Wirklich hätten die Kainiten auch
Ähnliches gelehrt und gepredigt; doch sei diese Ketzerei seit langem aus
der Menschheit verschwunden und er wundere sich nur, daß ein Schulkamerad
von mir etwas davon erfahren habe können. Immerhin ermahne er mich
ernstlich, diese Gedanken zu unterlassen.
Drittes Kapitel
Der Schächer
Es wäre Schönes, Zartes und Liebenswertes zu erzählen von meiner Kindheit,
von meinem Geborgensein bei Vater und Mutter, von Kindesliebe und genügsam
spielerischem Hinleben in sanften, lieben, lichten Umgebungen. Andre haben
davon genugsam gesprochen. Mich interessieren nur die Schritte, die ich in
meinem Leben tat, um zu mir selbst zu gelangen. Alle die hübschen
Ruhepunkte, Glücksinseln und Paradiese, deren Zauber mir nicht unbekannt
blieb, lasse ich im Glanz der Ferne liegen und begehre nicht sie nochmals
zu betreten.
Darum spreche ich, soweit ich noch bei meiner Knabenzeit verweile, nur von
dem, was Neues mir zukam, was mich vorwärts trieb, mich losriß.
Immer kamen diese Anstöße von der »anderen Welt,« immer brachten sie Angst,
Zwang und böses Gewissen mit sich, immer waren sie revolutionär und
gefährdeten den Frieden, in dem ich gern wohnen geblieben wäre.
Es kamen die Jahre, in welchen ich aufs neue entdecken mußte, daß in mir
selbst ein Urtrieb lebte, der in der erlaubten und lichten Welt sich
verkriechen und verstecken mußte. Wie jeden Menschen, so fiel auch mich das
langsam erwachende Gefühl des Geschlechts als ein Feind und Zerstörer an,
als Verbotenes, als Verführung und Sünde. Was meine Neugierde suchte, was
mir Träume, Lust und Angst schuf, das große Geheimnis der Pubertät, das
paßte gar nicht in die umhegte Glückseligkeit meines Kinderfriedens. Ich
tat wie alle. Ich führte das Doppelleben des Kindes, das doch kein Kind
mehr ist. Mein Bewußtsein lebte im Heimischen und Erlaubten, mein
Bewußtsein leugnete die empordämmernde neue Welt. Daneben aber lebte ich in
Träumen, Trieben, Wünschen von unterirdischer Art, über welchen jenes
bewußte Leben sich immer ängstlichere Brücken baute, denn die Kinderwelt in
mir fiel zusammen. Wie fast alle Eltern, so halfen auch die meinen nicht
den erwachenden Lebenstrieben, von denen nicht gesprochen ward. Sie halfen
nur, mit unerschöpflicher Sorgfalt, meinen hoffnungslosen Versuchen, das
Wirkliche zu leugnen und in einer Kindeswelt weiter zu hausen, die immer
unwirklicher und verlogener ward. Ich weiß nicht, ob Eltern hierin viel tun
können, und mache den meinen keinen Vorwurf. Es war meine eigene Sache, mit
mir fertig zu werden und meinen Weg zu finden, und ich tat meine Sache
schlecht, wie die meisten Wohlerzogenen.
Jeder Mensch durchlebt diese Schwierigkeit. Für den Durchschnittlichen ist
dies der Punkt im Leben, wo die Forderung des eigenen Lebens am härtesten
mit der Umwelt in Streit gerät, wo der Weg nach vorwärts am bittersten
erkämpft werden muß. Viele erleben das Sterben und Neugeborenwerden, das
unser Schicksal ist, nur dies eine Mal im Leben, beim Morschwerden und
langsamen Zusammenbrechen der Kindheit, wenn alles Liebgewordene uns
verlassen will und wir plötzlich die Einsamkeit und tödliche Kälte des
Weltraums um uns fühlen. Und sehr viele bleiben für immer an dieser Klippe
hängen und kleben ihr Leben lang schmerzlich am unwiederbringlich
Vergangenen, am Traum vom verlorenen Paradies, der der schlimmste und
mörderischeste aller Träume ist.
Wenden wir uns zur Geschichte zurück. Die Empfindungen und Traumbilder, in
denen sich mir das Ende der Kindheit meldete, sind nicht wichtig genug, um
erzählt zu werden. Das Wichtige war: die »dunkle Welt,« die »andere Welt«
war wieder da. Was einst Franz Kromer gewesen war, das stak nun in mir
selber. Und damit gewann auch von außen her die »andere Welt« wieder Macht
über mich.
Es waren seit der Geschichte mit Kromer mehrere Jahre vergangen. Jene
dramatische und schuldvolle Zeit meines Lebens lag damals mir sehr fern und
schien wie ein kurzer Alptraum in nichts vergangen. Franz Kromer war längst
aus meinem Leben verschwunden, kaum daß ich es achtete, wenn er mir je
einmal begegnete. Die andere wichtige Figur meiner Tragödie aber, Max
Demian, verschwand nicht mehr ganz aus meinem Umkreis. Doch stand er lange
Zeit fern am Rande, sichtbar, doch nicht wirksam. Erst allmählich trat er
wieder näher, strahlte wieder Kräfte und Einflüsse aus.
Ich suche mich zu besinnen, was ich aus jener Zeit von Demian weiß. Es mag
sein, daß ich ein Jahr oder länger kein einziges Mal mit ihm gesprochen
habe. Ich mied ihn, und er drängte sich keineswegs auf. Etwa einmal, wenn
wir uns begegneten, nickte er mir einen freundlichen Gruß zu. Mir schien es
dann zuweilen, es sei in seiner Freundlichkeit ein feiner Klang von Hohn
oder ironischem Vorwurf, doch mag das Einbildung gewesen sein. Die
Geschichte, die ich mit ihm erlebt hatte, und der seltsame Einfluß, den er
damals auf mich geübt, waren wie vergessen, von ihm wie von mir.
Ich suche nach seiner Figur, und nun, da ich mich auf ihn besinne, sehe
ich, daß er doch da war und von mir bemerkt wurde. Ich sehe ihn zur Schule
gehen, allein oder zwischen andern von den größeren Schülern, und ich sehe
ihn fremdartig, einsam und still, wie gestirnhaft zwischen ihnen wandeln,
von einer eigenen Luft umgeben, unter eigenen Gesetzen lebend. Niemand
liebte ihn, niemand war mit ihm vertraut, nur seine Mutter, und auch mit
ihr schien er nicht wie ein Kind, sondern wie ein Erwachsener zu verkehren.
Die Lehrer ließen ihn möglichst in Ruhe, er war ein guter Schüler, aber er
suchte keinem zu gefallen, und je und je vernahmen wir gerüchtweise von
irgendeinem Wort, einer Glosse oder Gegenrede, die er einem Lehrer sollte
gegeben haben und die an schroffer Herausforderung oder an Ironie nichts zu
wünschen übrig ließ.
Ich besinne mich, mit geschlossenen Augen, und ich sehe sein Bild
auftauchen. Wo war das? Ja, nun ist es wieder da. Es war auf der Gasse vor
unserem Hause. Da sah ich ihn eines Tages stehen, ein Notizbuch in der
Hand, und sah ihn zeichnen. Er zeichnete das alte Wappenbild mit dem Vogel
über unsrer Haustüre ab. Und ich stand an einem Fenster, hinterm Vorhang
verborgen, und schaute ihm zu, und sah mit tiefer Verwunderung sein
aufmerksames, kühles, helles Gesicht dem Wappen zugewendet, das Gesicht
eines Mannes, eines Forschers oder Künstlers, überlegen und voll von
Willen, sonderbar hell und kühl, mit wissenden Augen.
Und wieder sehe ich ihn. Es war wenig später, auf der Straße; wir standen
alle, von der Schule kommend, um ein Pferd, das gestürzt war. Es lag, noch
an die Deichsel geschirrt, vor einem Bauernwagen, schnob suchend und
kläglich mit geöffneten Nüstern in die Luft und blutete aus einer
unsichtbaren Wunde, so daß zu seiner Seite der weiße Straßenstaub sich
langsam dunkel vollsog. Als ich, mit einem Gefühl von Übelkeit, mich von
dem Anblick wegwandte, sah ich Demians Gesicht. Er hatte sich nicht
vorgedrängt, er stand zuhinterst, bequem und ziemlich elegant, wie es zu
ihm gehörte. Sein Blick schien auf den Kopf des Pferdes gerichtet, und
hatte wieder diese tiefe, stille, beinah fanatische und doch
leidenschaftslose Aufmerksamkeit. Ich mußte ihn lang ansehen, und damals
fühlte ich, noch fern vom Bewußtsein, etwas sehr Eigentümliches. Ich sah
Demians Gesicht, und ich sah nicht nur, daß er kein Knabengesicht hatte,
sondern das eines Mannes; ich sah noch mehr, ich glaubte zu sehen, oder zu
spüren, daß es auch nicht das Gesicht eines Mannes sei, sondern noch etwas
anderes. Es war, als sei auch etwas von einem Frauengesicht darin, und
namentlich schien dies Gesicht mir, für einen Augenblick, nicht männlich
oder kindlich, nicht alt oder jung, sondern irgendwie tausendjährig,
irgendwie zeitlos, von anderen Zeitläuften gestempelt als wir sie leben.
Tiere konnten so aussehen, oder Bäume, oder Sterne -- ich wußte das nicht,
ich empfand nicht genau das, was ich jetzt als Erwachsener darüber sage,
aber etwas Ähnliches. Vielleicht war er schön, vielleicht gefiel er mir,
vielleicht war er mir auch zuwider, auch das war nicht zu entscheiden. Ich
sah nur: er war anders als wir, er war wie ein Tier, oder wie ein Geist,
oder wie ein Bild, ich weiß nicht, wie er war, aber er war anders,
unausdenkbar anders als wir alle.
Mehr sagt die Erinnerung mir nicht, und vielleicht ist auch dies zum Teil
schon aus späteren Eindrücken geschöpft.
Erst als ich mehrere Jahre älter war, kam ich endlich wieder mit ihm in
nähere Berührung. Demian war nicht, wie die Sitte es gefordert hätte, mit
seinem Jahrgang in der Kirche konfirmiert worden, und auch daran hatten
sich wieder alsbald Gerüchte geknüpft. Es hieß in der Schule wieder, er sei
eigentlich ein Jude, oder nein, ein Heide, und andre wußten, er sei samt
seiner Mutter ohne jede Religion oder gehöre einer fabelhaften, schlimmen
Sekte an. Im Zusammenhang damit meine ich auch den Verdacht vernommen zu
haben, er lebe mit seiner Mutter wie mit einer Geliebten. Vermutlich war es
so, daß er bisher ohne Konfession erzogen worden war, daß dies nun aber für
seine Zukunft irgendwelche Unzuträglichkeiten fürchten ließ. Jedenfalls
entschloß sich seine Mutter, ihn jetzt doch, zwei Jahre später als seine
Altersgenossen, an der Konfirmation teilnehmen zu lassen. So kam es, daß er
nun monatelang im Konfirmationsunterricht mein Kamerad war.
Eine Weile hielt ich mich ganz von ihm zurück, ich wollte nicht teil an ihm
haben, er war mir allzu sehr von Gerüchten und Geheimnissen umgeben,
namentlich aber störte mich das Gefühl von Verpflichtung, das seit der
Affäre mit Kromer in mir zurückgeblieben war. Und gerade damals hatte ich
genug mit meinen eigenen Geheimnissen zu tun. Für mich fiel der
Konfirmationsunterricht zusammen mit der Zeit der entscheidenden
Aufklärungen in den geschlechtlichen Dingen, und trotz gutem Willen war
mein Interesse für die fromme Belehrung dadurch sehr beeinträchtigt. Die
Dinge, von denen der Geistliche sprach, lagen weit von mir weg in einer
stillen heiligen Unwirklichkeit, sie waren vielleicht ganz schön und
wertvoll, aber keineswegs aktuell und erregend, und jene andern Dinge waren
gerade dies im höchsten Maße.
Je mehr mich nun dieser Zustand gegen den Unterricht gleichgültig machte,
desto mehr näherte sich mein Interesse wieder dem Max Demian. Irgend etwas
schien uns zu verbinden. Ich muß diesem Faden möglichst genau nachgehen.
Soviel ich mich besinnen kann, begann es in einer Stunde früh am Morgen,
als noch Licht in der Schulstube brannte. Unser geistlicher Lehrer war auf
die Geschichte Kains und Abels zu sprechen gekommen. Ich achtete kaum
darauf, ich war schläfrig und hörte kaum zu. Da begann der Pfarrer mit
erhobener Stimme eindringlich vom Kainszeichen zu reden. In diesem
Augenblick spürte ich eine Art von Berührung oder Mahnung, und aufblickend
sah ich aus den vorderen Bankreihen her das Gesicht Demians nach mir zurück
gewendet, mit einem hellen sprechenden Auge, dessen Ausdruck ebensowohl
Spott wie Ernst sein konnte. Nur einen Moment sah er mich an, und plötzlich
horchte ich gespannt auf die Worte des Pfarrers, hörte ihn vom Kain und
seinem Zeichen reden, und spürte tief in mir ein Wissen, daß das nicht so
sei wie er es lehre, daß man das auch anders ansehen konnte, daß daran
Kritik möglich war!
Mit dieser Minute war zwischen Demian und mir wieder eine Verbindung da.
Und sonderbar -- kaum war dies Gefühl einer gewissen Zusammengehörigkeit in
der Seele da, so sah ich es wie magisch auch ins Räumliche übertragen. Ich
wußte nicht, ob er es selbst so einrichten konnte oder ob es ein reiner
Zufall war -- ich glaubte damals noch fest an Zufälle -- nach wenigen Tagen
hatte Demian plötzlich seinen Platz in der Religionsstunde gewechselt und
saß gerade vor mir (ich weiß noch, wie gern ich mitten in der elenden
Armenhäuslerluft der überfüllten Schulstube am Morgen von seinem Nacken her
den zartfrischen Seifengeruch einsog!), und wieder nach einigen Tagen hatte
er wieder gewechselt und saß nun neben mir, und da blieb er sitzen, den
ganzen Winter und das ganze Frühjahr hindurch.
Die Morgenstunden hatten sich ganz verwandelt. Sie waren nicht mehr
schläfrig und langweilig. Ich freute mich auf sie. Manchmal hörten wir
beide mit der größten Aufmerksamkeit dem Pfarrer zu, ein Blick von meinem
Nachbar genügte, um mich auf eine merkwürdige Geschichte, einen seltsamen
Spruch hinzuweisen. Und ein anderer Blick von ihm, ein ganz bestimmter,
genügte, um mich zu mahnen, um Kritik und Zweifel in mir anzuregen.
Sehr oft aber waren wir schlechte Schüler und hörten nichts vom Unterricht.
Demian war stets artig gegen Lehrer und Mitschüler, nie sah ich ihn
Schuljungendummheiten machen, nie hörte man ihn laut lachen oder plaudern,
nie zog er sich einen Tadel des Lehrers zu. Aber ganz leise, und mehr mit
Zeichen und Blicken als mit Flüsterworten, verstand er es, mich an seinen
eigenen Beschäftigungen teilnehmen zu lassen. Diese waren zum Teil von
merkwürdiger Art.
Er sagte mir zum Beispiel, welche von den Schülern ihn interessierten, und
auf welche Weise er sie studiere. Manche kannte er sehr genau. Er sagte mir
vor der Lektion: »Wenn ich dir ein Zeichen mit dem Daumen mache, dann wird
der und der sich nach uns umsehen, oder sich am Nacken kratzen usw.«
Während der Stunde dann, wenn ich oft kaum mehr daran dachte, drehte Max
plötzlich mit auffallender Gebärde mir seinen Daumen zu, ich schaute
schnell nach dem bezeichneten Schüler aus und sah ihn jedesmal, wie am
Draht gezogen, die verlangte Gebärde machen. Ich plagte Max, er solle das
auch einmal am Lehrer versuchen, doch wollte er es nicht tun. Aber einmal,
als ich in die Stunde kam und ihm sagte, ich hätte heute meine Aufgaben
nicht gelernt und hoffe sehr, der Pfarrer werde mich heute nichts fragen,
da half er mir. Der Pfarrer suchte nach einem Schüler, den er ein Stück
Katechismus hersagen lassen wollte, und sein schweifendes Auge blieb auf
meinem schuldbewußten Gesicht hängen. Langsam kam er heran, streckte den
Finger gegen mich aus, hatte schon meinen Namen auf den Lippen -- da wurde
er plötzlich zerstreut oder unruhig, rückte an seinem Halskragen, trat auf
Demian zu, der ihm fest ins Gesicht sah, schien ihn etwas fragen zu wollen,
wandte sich aber überraschend wieder weg, hustete eine Weile und forderte
dann einen andern Schüler auf.
Erst allmählich merkte ich, während diese Scherze mich sehr belustigten,
daß mein Freund mit mir häufig dasselbe Spiel treibe. Es kam vor, daß ich
auf dem Schulweg plötzlich das Gefühl hatte, Demian gehe eine Strecke
hinter mir, und wenn ich mich umwandte, war er richtig da.
»Kannst du denn eigentlich machen, daß ein anderer das denken muß, was du
willst?« fragte ich ihn.
Er gab bereitwillig Auskunft, ruhig und sachlich, in seiner erwachsenen
Art.
»Nein,« sagte er, »das kann man nicht. Man hat nämlich keinen freien
Willen, wenn auch der Pfarrer so tut. Weder kann der andere denken, was er
will, noch kann ich ihn denken machen, was ich will. Wohl aber kann man
jemand gut beobachten, und dann kann man oft ziemlich genau sagen, was er
denkt oder fühlt, und dann kann man meistens auch voraussehen, was er im
nächsten Augenblick tun wird. Es ist ganz einfach, die Leute wissen es bloß
nicht. Natürlich braucht es Übung.
Es gibt zum Beispiel bei den Schmetterlingen gewisse Nachtfalter, bei denen
sind die Weibchen viel seltener als die Männchen. Die Falter pflanzen sich
gerade so fort wie alle Tiere, der Mann befruchtet das Weibchen, das dann
Eier legt. Wenn du nun von diesen Nachtfaltern ein Weibchen hast -- es ist
von Naturforschern oft probiert worden -- so kommen in der Nacht zu diesem
Weibchen die männlichen Falter geflogen, und zwar stundenweit! Stundenweit,
denke dir! Auf viele Kilometer spüren alle diese Männchen das einzige
Weibchen, das in der Gegend ist! Man versucht das zu erklären, aber es geht
schwer. Es muß eine Art Geruchssinn oder so etwas sein, etwa so wie gute
Jagdhunde eine unmerkliche Spur finden und verfolgen können. Du begreifst?
Das sind solche Sachen, die Natur ist voll davon, und niemand kann sie
erklären. Nun sage ich aber: Wären bei diesen Schmetterlingen die Weibchen
so häufig wie die Männchen, so hätten sie die feine Nase eben nicht! Sie
haben sie bloß, weil sie sich darauf dressiert haben. Wenn ein Tier oder
Mensch seine ganze Aufmerksamkeit und seinen ganzen Willen auf eine
bestimmte Sache richtet, dann erreicht er sie auch. Das ist alles. Und
genau so ist es mit dem, was du meinst. Sieh dir einen Menschen genau genug
an, so weißt du mehr von ihm als er selber.«
Mir lag es auf der Zunge, das Wort »Gedankenlesen« auszusprechen, und ihn
damit an die Szene mit Kromer zu erinnern, die so lang zurück lag. Aber
dies war nun auch eine seltsame Sache zwischen uns beiden: Nie und niemals
machte weder er noch ich die leiseste Anspielung darauf, daß er vor
mehreren Jahren einmal so ernstlich in mein Leben eingegriffen hatte. Es
war, als sei nie etwas früher zwischen uns gewesen, oder als rechne jeder
von uns fest damit, daß der andere das vergessen habe. Es kam, ein- oder
zweimal, sogar vor, daß wir zusammen über die Straße gingen und den Franz
Kromer antrafen, aber wir wechselten keinen Blick, sprachen kein Wort von
ihm.
»Aber wie ist nun das mit dem Willen?« fragte ich. »Du sagst, man hat
keinen freien Willen. Aber dann sagst du wieder, man brauche nur seinen
Willen fest auf etwas zu richten, dann könne man sein Ziel erreichen. Das
stimmt doch nicht! Wenn ich nicht Herr über meinen Willen bin, dann kann
ich ihn ja auch nicht beliebig da- oder dorthin richten.«
Er klopfte mir auf die Schulter. Das tat er stets, wenn ich ihm Freude
machte.
»Gut, daß du fragst!« sagte er lachend. »Man muß immer fragen, man muß
immer zweifeln. Aber die Sache ist sehr einfach. Wenn so ein Nachtfalter
zum Beispiel seinen Willen auf einen Stern oder sonstwohin richten wollte,
so könnte er das nicht. Nur -- er versucht das überhaupt nicht. Er sucht
nur das, was Sinn und Wert für ihn hat, was er braucht, was er unbedingt
haben muß. Und eben da gelingt ihm auch das Unglaubliche -- er entwickelt
einen zauberhaften sechsten Sinn, den kein anderes Tier außer ihm hat!
Unsereiner hat mehr Spielraum, gewiß, und mehr Interessen als ein Tier.
Aber auch wir sind in einem verhältnismäßig recht engen Kreis gebunden und
können nicht darüber hinaus. Ich kann wohl das und das phantasieren, mir
etwa einbilden, ich wolle unbedingt an den Nordpol kommen, oder so etwas,
aber ausführen und genügend stark wollen kann ich das nur, wenn der Wunsch
ganz in mir selber liegt, wenn wirklich mein Wesen ganz von ihm erfüllt
ist. Sobald das der Fall ist, sobald du etwas probierst, was dir von innen
heraus befohlen wird, dann geht es auch, dann kannst du deinen Willen
anspannen wie einen guten Gaul. Wenn ich zum Beispiel mir jetzt vornähme,
ich wolle bewirken, daß unser Herr Pfarrer künftig keine Brille mehr trägt,
so geht das nicht. Das ist bloß eine Spielerei. Aber als ich, damals im
Herbst, den festen Willen bekam, aus meiner Bank da vorne versetzt zu
werden, da ging es ganz gut. Da war plötzlich einer da, der im Alphabet vor
mir kam, und der bisher krank gewesen war, und weil jemand ihm Platz machen
mußte, war natürlich ich der, der es tat, weil eben mein Wille bereit war,
sofort die Gelegenheit zu packen.«
»Ja,« sagte ich, »mir war es damals auch ganz eigentümlich. Von dem
Augenblick an, wo wir uns füreinander interessierten, rücktest du mir immer
näher. Aber wie war das? Anfangs kamst du doch nicht gleich neben mich zu
sitzen, du saßest erst ein paarmal in der Bank da vor mir, nicht? Wie ging
das zu?«
»Das war so: ich wußte selber nicht recht, wohin ich wollte, als ich von
meinem ersten Platz weg begehrte. Ich wußte nur, daß ich weiter hinten
sitzen wollte. Es war mein Wille, zu dir zu kommen, der mir aber noch nicht
bewußt geworden war. Zugleich zog dein eigener Wille mit und half mir. Erst
als ich dann da vor dir saß, kam ich darauf, daß mein Wunsch erst halb
erfüllt sei -- ich merkte, daß ich eigentlich nichts anderes begehrt hatte,
als neben dir zu sitzen.«
»Aber damals ist kein Neuer eingetreten.«
»Nein, aber damals tat ich einfach, was ich wollte, und setzte mich
kurzerhand neben dich. Der Junge, mit dem ich den Platz tauschte, war bloß
verwundert und ließ mich machen. Und der Pfarrer merkte zwar einmal, daß es
da eine Änderung gegeben habe -- überhaupt, jedesmal, wenn er mit mir zu
tun hat, plagt ihn heimlich etwas, er weiß nämlich, daß ich Demian heiße
und daß es nicht stimmt, daß ich mit meinem D im Namen da ganz hinten
unterm S sitze! Aber das dringt nicht bis in sein Bewußtsein, weil mein
Wille dagegen ist, und weil ich ihn immer wieder daran hindere. Er merkt es
immer wieder einmal, daß da etwas nicht stimmt, und sieht mich an und fängt
an zu studieren, der gute Herr. Ich habe da aber ein einfaches Mittel. Ich
seh ihm jedesmal ganz, ganz fest in die Augen. Das vertragen fast alle
Leute schlecht. Sie werden alle unruhig. Wenn du von jemand etwas erreichen
willst, und siehst ihm unerwartet ganz fest in die Augen, und er wird gar
nicht unruhig, dann gib es auf! Du erreichst nichts bei ihm, nie! Aber das
ist sehr selten. Ich weiß eigentlich bloß einen einzigen Menschen, bei dem
es mir nicht hilft.«
»Wer ist das?« fragte ich schnell.
Er sah mich an, mit den etwas verkleinerten Augen, die er in der
Nachdenklichkeit bekam. Dann blickte er weg und gab keine Antwort, und ich
konnte, trotz heftiger Neugierde, die Frage nicht wiederholen.
Ich glaube aber, daß er damals von seiner Mutter sprach. -- Mit ihr schien
er sehr innig zu leben, sprach mir aber nie von ihr, nahm mich nie mit sich
nach Hause. Ich wußte kaum, wie seine Mutter aussah.
* * * * *
Manchmal machte ich damals Versuche, es ihm gleichzutun und meinen Willen
auf etwas so zusammenzuziehen, daß ich es erreichen müsse. Es waren Wünsche
da, die mir dringend genug schienen. Aber es war nichts und ging nicht. Mit
Demian davon zu sprechen, brachte ich nicht über mich. Was ich mir
wünschte, hätte ich ihm nicht gestehen können. Und er fragte auch nicht.
Meine Gläubigkeit in den Fragen der Religion hatte inzwischen manche Lücken
bekommen. Doch unterschied ich mich, in meinem durchaus von Demian
beeinflußten Denken, sehr von denen meiner Mitschüler, welche einen
völligen Unglauben aufzuweisen hatten. Es gab einige solche, und sie ließen
gelegentlich Worte hören, wie daß es lächerlich und menschenunwürdig sei,
an einen Gott zu glauben, und Geschichten wie die von der Dreieinigkeit und
von Jesu unbefleckter Geburt seien einfach zum Lachen, und es sei eine
Schande, daß man heute noch mit diesem Kram hausieren gehe. So dachte ich
keineswegs. Auch wo ich Zweifel hatte, wußte ich doch aus der ganzen
Erfahrung meiner Kindheit genug von der Wirklichkeit eines frommen Lebens,
wie es etwa meine Eltern führten, und daß dies weder etwas Unwürdiges noch
geheuchelt sei. Vielmehr hatte ich vor dem Religiösen nach wie vor die
tiefste Ehrfurcht. Nur hatte Demian mich daran gewöhnt, die Erzählungen und
Glaubenssätze freier, persönlicher, spielerischer, phantasievoller
anzusehen und auszudeuten; wenigstens folgte ich den Deutungen, die er mir
nahelegte, stets gern und mit Genuß. Vieles freilich war mir zu schroff, so
auch die Sache wegen Kain. Und einmal während des Konfirmationsunterrichtes
erschreckte er mich durch eine Auffassung, die womöglich noch kühner war.
Der Lehrer hatte von Golgatha gesprochen. Der biblische Bericht vom Leiden
und Sterben des Heilandes hatte mir seit frühester Zeit tiefen Eindruck
gemacht, manchmal als kleiner Knabe hatte ich, etwa am Karfreitag, nachdem
mein Vater die Leidensgeschichte vorgelesen hatte, innig und ergriffen in
dieser leidvoll schönen, bleichen, gespenstigen und doch ungeheuer
lebendigen Welt gelebt, in Gethsemane und auf Golgatha, und beim Anhören
der Matthäuspassion von Bach hatte mich der düster mächtige Leidensglanz
dieser geheimnisvollen Welt mit allen mystischen Schauern überflutet. Ich
finde heute noch in dieser Musik, und im »actus tragicus«, den Inbegriff
aller Poesie und alles künstlerischen Ausdrucks.
Nun sagte Demian am Schluß jener Stunde nachdenklich zu mir: »Da ist etwas,
Sinclair, was mir nicht gefällt. Lies einmal die Geschichte nach und prüfe
sie auf der Zunge, es ist da etwas, was fad schmeckt. Nämlich die Sache mit
den beiden Schächern. Großartig, wie da die drei Kreuze auf dem Hügel
beieinander stehen! Aber nun diese sentimentale Traktätchengeschichte mit
dem biederen Schächer! Erst war er ein Verbrecher und hat Schandtaten
begangen, weiß Gott was alles, und nun schmilzt er dahin und feiert solche
weinerliche Feste der Besserung und Reue! Was für einen Sinn hat solche
Reue zwei Schritt vom Grabe weg, ich bitte dich? Es ist wieder einmal
nichts als eine richtige Pfaffengeschichte, süßlich und unredlich, mit
Schmalz der Rührung und höchst erbaulichem Hintergrund. Wenn du heute einen
von den beiden Schächern zum Freund wählen müßtest, oder dich besinnen,
welchem von beiden du eher Vertrauen schenken könntest, so ist es doch ganz
gewiß nicht dieser weinerliche Bekehrte. Nein, der andere ist's, der ist
ein Kerl und hat Charakter. Er pfeift auf eine Bekehrung, die ja in seiner
Lage bloß noch ein hübsches Gerede sein kann, er geht seinen Weg zu Ende
und sagt sich nicht im letzten Augenblick feig vom Teufel los, der ihm bis
dahin hat helfen müssen. Er ist ein Charakter, und die Leute von Charakter
kommen in der biblischen Geschichte gern zu kurz. Vielleicht ist er auch
ein Abkömmling von Kain. Meinst du nicht?«
Ich war sehr bestürzt. Hier in der Kreuzigungsgeschichte hatte ich ganz
heimisch zu sein geglaubt, und sah erst jetzt, wie wenig persönlich, mit
wie wenig Vorstellungskraft und Phantasie ich sie angehört und gelesen
hatte. Dennoch klang mir Demians neuer Gedanke fatal und drohte Begriffe in
mir umzuwerfen, auf deren Bestehenbleiben ich glaubte halten zu müssen.
Nein, so konnte man doch nicht mit allem und jedem umspringen, auch mit dem
Heiligsten.
Er merkte meinen Widerstand, wie immer, sofort, noch ehe ich irgend etwas
sagte.
»Ich weiß schon,« sagte er resigniert, »es ist die alte Geschichte. Nur
nicht Ernst machen! Aber ich will dir etwas sagen --: hier ist einer von
den Punkten, wo man den Mangel in dieser Religion sehr deutlich sehen kann.
Es handelt sich darum, daß dieser ganze Gott, alten und neuen Bundes, zwar
eine ausgezeichnete Figur ist, aber nicht das, was er doch eigentlich
vorstellen soll. Er ist das Gute, das Edle, das Väterliche, das Schöne und
auch Hohe, das Sentimentale -- ganz recht! Aber die Welt besteht auch aus
anderem. Und das wird nun alles einfach dem Teufel zugeschrieben, und
dieser ganze Teil der Welt, diese ganze Hälfte wird unterschlagen und
totgeschwiegen. Gerade wie sie Gott als Vater alles Lebens rühmen, aber das
ganze Geschlechtsleben, auf dem das Leben doch beruht, einfach totschweigen
und womöglich für Teufelszeug und sündlich erklären! Ich habe nichts
dagegen, daß man diesen Gott Jehova verehrt, nicht das mindeste. Aber ich
meine, wir sollen _Alles_ verehren und heilig halten, die ganze Welt, nicht
bloß diese künstlich abgetrennte, offizielle Hälfte! Also müssen wir dann
neben dem Gottesdienst auch einen Teufelsdienst haben. Das fände ich
richtig. Oder aber, man müßte sich einen Gott schaffen, der auch den Teufel
in sich einschließt, und vor dem man nicht die Augen zudrücken muß, wenn
die natürlichsten Dinge von der Welt geschehen.«
Er war, gegen seine Art, beinahe heftig geworden, gleich darauf lächelte er
jedoch wieder und drang nicht weiter in mich.
In mir aber trafen diese Worte das Rätsel meiner ganzen Knabenjahre, das
ich jede Stunde in mir trug und von dem ich nie jemandem ein Wort gesagt
hatte. Was Demian da über Gott und Teufel, über die göttlich-offizielle und
die totgeschwiegene teuflische Welt gesagt hatte, das war ja genau mein
eigener Gedanke, mein eigener Mythus, der Gedanke von den beiden Welten
oder Welthälften -- der lichten und der dunkeln. Die Einsicht, daß mein
Problem ein Problem aller Menschen, ein Problem alles Lebens und Denkens
sei, überflog mich plötzlich wie ein heiliger Schatten, und Angst und
Ehrfurcht überkam mich, als ich sah und plötzlich fühlte, wie tief mein
eigenstes, persönliches Leben und Meinen am ewigen Strom der großen Ideen
teilhatte. Die Einsicht war nicht freudig, obwohl irgendwie bestätigend und
beglückend. Sie war hart und schmeckte rauh, weil ein Klang von
Verantwortlichkeit in ihr lag, von Nichtmehrkindseindürfen, von
Alleinstehen.
Ich erzählte, zum erstenmal in meinem Leben ein so tiefes Geheimnis
enthüllend, meinem Kameraden von meiner seit frühesten Kindertagen
bestehenden Auffassung von den »zwei Welten«, und er sah sofort, daß damit
mein tiefstes Fühlen ihm zustimmte und recht gab. Doch war es nicht seine
Art, so etwas auszunützen. Er hörte mit tieferer Aufmerksamkeit zu, als er
sie mir je geschenkt hatte, und sah mir in die Augen, bis ich die meinen
abwenden mußte. Denn ich sah in seinem Blick wieder diese seltsame,
tierhafte Zeitlosigkeit, dies unausdenkliche Alter.
»Wir reden ein andermal mehr davon,« sagte er schonend. »Ich sehe, du
denkst mehr, als du einem sagen kannst. Wenn das nun so ist, dann weißt du
aber auch, daß du nie ganz das gelebt hast, was du dachtest, und das ist
nicht gut. Nur das Denken, das wir leben, hat einen Wert. Du hast gewußt,
daß deine >erlaubte Welt< bloß die Hälfte der Welt war, und du hast
versucht, die zweite Hälfte dir zu unterschlagen, wie es die Pfarrer und
Lehrer tun. Es wird dir nicht glücken! Es glückt keinem, wenn er einmal das
Denken angefangen hat.«
Es traf mich tief.
»Aber,« schrie ich fast, »es gibt doch nun einmal tatsächlich und wirklich
verbotene und häßliche Dinge, das kannst du doch nicht leugnen! Und die
sind nun einmal verboten, und wir müssen auf sie verzichten. Ich weiß ja,
daß es Mord und alle möglichen Laster gibt, aber soll ich denn, bloß weil
es das gibt, hingehen und ein Verbrecher werden?«
»Wir werden heute nicht damit fertig,« begütigte Max. »Du sollst gewiß
nicht totschlagen oder Mädchen lustmorden, nein. Aber du bist noch nicht
dort, wo man einsehen kann, was >erlaubt< und >verboten< eigentlich heißt.
Du hast erst ein Stück von der Wahrheit gespürt. Das andere kommt noch,
verlaß dich drauf! Du hast jetzt zum Beispiel, seit einem Jahr etwa, einen
Trieb in dir, der ist stärker als alle andern, und er gilt für >verboten<.
Die Griechen und viele andere Völker haben im Gegenteil diesen Trieb zu
einer Gottheit gemacht und ihn in großen Festen verehrt. >Verboten< ist
also nichts Ewiges, es kann wechseln. Auch heute darf ja jeder bei einer
Frau schlafen, sobald er mit ihr beim Pfarrer gewesen ist und sie
geheiratet hat. Bei andern Völkern ist das anders, auch heute noch. Darum
muß jeder von uns für sich selber finden, was erlaubt und was verboten --
ihm verboten ist. Man kann niemals etwas Verbotnes tun und kann ein großer
Schuft dabei sein. Und ebenso umgekehrt. -- Eigentlich ist es bloß eine
Frage der Bequemlichkeit! Wer zu bequem ist, um selber zu denken und selber
sein Richter zu sein, der fügt sich eben in die Verbote, wie sie nun einmal
sind. Er hat es leicht. Andere spüren selber Gebote in sich, ihnen sind
Dinge verboten, die jeder Ehrenmann täglich tut, und es sind ihnen andere
Dinge erlaubt, die sonst verpönt sind. Jeder muß für sich selber stehen.«
Er schien plötzlich zu bereuen, so viel gesagt zu haben, und brach ab.
Schon damals konnte ich mit dem Gefühl einigermaßen begreifen, was er dabei
empfand. So angenehm und scheinbar obenhin er nämlich seine Einfälle
vorzubringen pflegte, so konnte er doch ein Gespräch »nur um des Redens
willen«, wie er einmal sagte, in den Tod nicht leiden. Bei mir aber spürte
er, neben dem echten Interesse, zu viel Spiel, zu viel Freude am gescheiten
Schwatzen, oder so etwas, kurz, einen Mangel an vollkommenem Ernst.
* * * * *
Wie ich das letzte Wort wieder lese, das ich geschrieben -- »vollkommener
Ernst« -- fällt eine andere Szene mir plötzlich wieder ein, die
eindringlichste, die ich mit Max Demian in jenen noch halbkindlichen Zeiten
erlebt habe.
Unsere Konfirmation kam heran, und die letzten Stunden des geistlichen
Unterrichts handelten vom Abendmahl. Es war dem Pfarrer wichtig damit, und
er gab sich Mühe, etwas von Weihe und Stimmung war in diesen Stunden wohl
zu verspüren. Allein gerade in diesen paar letzten Unterweisungsstunden
waren meine Gedanken an anderes gebunden, und zwar an die Person meines
Freundes. Indem ich der Konfirmation entgegensah, die uns als die
feierliche Aufnahme in die Gemeinschaft der Kirche erklärt wurde, drängte
sich mir unabweislich der Gedanke auf, daß für mich der Wert dieser etwa
halbjährigen Religionsunterweisung nicht in dem liege, was wir hier gelernt
hatten, sondern in der Nähe und dem Einfluß Demians. Nicht in die Kirche
war ich nun bereit aufgenommen zu werden, sondern in etwas ganz anderes, in
einen Orden des Gedankens und der Persönlichkeit, der irgendwie auf Erden
existieren mußte und als dessen Vertreter oder Boten ich meinen Freund
empfand.
Ich suchte diesen Gedanken zurückzudrängen, es war mir Ernst damit, die
Feier der Konfirmation, trotz allem, mit einer gewissen Würde zu erleben,
und diese schien sich mit meinem neuen Gedanken wenig zu vertragen. Doch
ich mochte tun, was ich wollte, der Gedanke war da, und er verband sich mir
allmählich mit dem an die nahe kirchliche Feier, ich war bereit, sie anders
zu begehen als die andern, sie sollte für mich die Aufnahme in eine
Gedankenwelt bedeuten, wie ich sie in Demian kennengelernt hatte.
In jenen Tagen war es, daß ich wieder einmal lebhaft mit ihm disputierte;
es war gerade vor einer Unterweisungsstunde. Mein Freund war zugeknöpft und
hatte keine Freude an meinen Reden, die wohl ziemlich altklug und
wichtigtuerisch waren.
»Wir reden zu viel,« sagte er mit ungewohntem Ernst. »Das kluge Reden hat
gar keinen Wert, gar keinen. Man kommt nur von sich selber weg. Von sich
selber Wegkommen ist Sünde. Man muß sich in sich selber völlig verkriechen
können wie eine Schildkröte.«
Gleich darauf betraten wir den Schulsaal. Die Stunde begann, ich gab mir
Mühe, aufzumerken, und Demian störte mich darin nicht. Nach einer Weile
begann ich von der Seite her, wo er neben mir saß, etwas Eigentümliches zu
spüren, eine Leere oder Kühle oder etwas dergleichen, so, als sei der Platz
unversehens leer geworden. Als das Gefühl beengend zu werden anfing, drehte
ich mich um.
Da sah ich meinen Freund sitzen, aufrecht und in guter Haltung wie sonst.
Aber er sah dennoch ganz anders aus als sonst, und etwas ging von ihm aus,
etwas umgab ihn, was ich nicht kannte. Ich glaubte, er habe die Augen
geschlossen, sah aber, daß er sie offen hielt. Sie blickten aber nicht, sie
waren nicht sehend, sie waren starr und nach Innen oder in eine große Ferne
gewendet. Vollkommen regungslos saß er da, auch zu atmen schien er nicht,
sein Mund war wie aus Holz oder Stein geschnitten. Sein Gesicht war blaß,
gleichmäßig bleich, wie Stein, und die braunen Haare waren das Lebendigste
an ihm. Seine Hände lagen vor ihm auf der Bank, leblos und still wie
Gegenstände, wie Steine oder Früchte, bleich und regungslos, doch nicht
schlaff, sondern wie feste, gute Hüllen um ein verborgnes starkes Leben.
Der Anblick machte mich zittern. Er ist tot! dachte ich, beinahe sagte ich
es laut. Aber ich wußte, daß er nicht tot sei. Ich hing mit gebanntem Blick
an seinem Gesicht, an dieser blassen, steinernen Maske, und ich fühlte: das
war Demian! Wie er sonst war, wenn er mit mir ging und sprach, das war nur
ein halber Demian, einer der zeitweilig eine Rolle spielte, sich
anbequemte, aus Gefälligkeit mittat. Der wirkliche Demian aber sah so aus,
so wie dieser, so steinern, uralt, tierhaft, steinhaft, schön und kalt, tot
und heimlich voll von unerhörtem Leben. Und um ihn her diese stille Leere,
dieser Äther und Sternenraum, dieser einsame Tod!
»Jetzt ist der ganz in sich hineingegangen,« fühlte ich unter Schauern. Nie
war ich so vereinsamt gewesen. Ich hatte nicht teil an ihm, er war mir
unerreichbar, er war mir ferner, als wenn er auf der fernsten Insel der
Welt gewesen wäre.
Ich begriff kaum, daß niemand außer mir es sehe! Alle mußten hersehen, alle
mußten aufschauern! Aber niemand gab acht auf ihn. Er saß bildhaft und, wie
ich denken mußte, sonderbar götzenhaft steif, eine Fliege setzte sich auf
seine Stirn, lief langsam über Nase und Lippen hinweg -- er zuckte mit
keiner Falte.
Wo, wo war er jetzt? Was dachte er, was fühlte er? War er in einem Himmel,
in einer Hölle?
Es war mir nicht möglich, ihn darüber zu fragen. Als ich ihn, am Ende der
Stunde, wieder leben und atmen sah, als sein Blick meinem begegnete, war er
wie früher. Wo kam er her? Wo war er gewesen? Er schien müde. Sein Gesicht
hatte wieder Farbe, seine Hände bewegten sich wieder, das braune Haar aber
war jetzt glanzlos und wie ermüdet.
In den folgenden Tagen gab ich mich in meinem Schlafzimmer mehrmals einer
neuen Übung hin: ich setzte mich steil auf einen Stuhl, machte die Augen
starr, hielt mich vollkommen regungslos, und wartete, wie lange ich es
aushalten und was ich dabei empfinden werde. Ich wurde jedoch bloß müde und
bekam ein heftiges Jucken in den Augenlidern.
Bald nachher war die Konfirmation, an welche mir keine wichtigen
Erinnerungen geblieben sind.
Es wurde nun alles anders. Die Kindheit fiel um mich her in Trümmer. Die
Eltern sahen mich mit einer gewissen Verlegenheit an. Die Schwestern waren
mir ganz fremd geworden. Eine Ernüchterung verfälschte und verblaßte mir
die gewohnten Gefühle und Freuden, der Garten war ohne Duft, der Wald
lockte nicht, die Welt stand um mich her wie ein Ausverkauf alter Sachen,
fad und reizlos, die Bücher waren Papier, die Musik war ein Geräusch. So
fällt um einen herbstlichen Baum her das Laub, er fühlt es nicht, Regen
rinnt an ihm herab, oder Sonne, oder Frost, und in ihm zieht das Leben sich
langsam ins Engste und Innerste zurück. Er stirbt nicht. Er wartet.
Es war beschlossen worden, daß ich nach den Ferien in eine andere Schule
und zum ersten Male von Hause fortkommen sollte. Zuweilen näherte sich mir
die Mutter mit besonderer Zärtlichkeit, im voraus Abschied nehmend, bemüht,
mir Liebe, Heimweh und Unvergeßlichkeit ins Herz zu zaubern. Demian war
verreist. Ich war allein.
Viertes Kapitel
Beatrice
Ohne meinen Freund wiedergesehen zu haben, fuhr ich am Ende der Ferien nach
St. Meine Eltern kamen beide mit, und übergaben mich mit jeder möglichen
Sorgfalt dem Schutz einer Knabenpension bei einem Lehrer des Gymnasiums.
Sie wären vor Entsetzen erstarrt, wenn sie gewußt hätten, in was für Dinge
sie mich nun hineinwandern ließen.
Die Frage war noch immer, ob mit der Zeit aus mir ein guter Sohn und
brauchbarer Bürger werden könne, oder ob meine Natur auf andere Wege
hindränge. Mein letzter Versuch, im Schatten des väterlichen Hauses und
Geistes glücklich zu sein, hatte lang gedauert, war zeitweise nahezu
geglückt, und schließlich doch völlig gescheitert.
Die merkwürdige Leere und Vereinsamung, die ich während der Ferien nach
meiner Konfirmation zum erstenmal zu fühlen bekam (wie lernte ich sie
später noch kennen, diese Leere, diese dünne Luft!), ging nicht so rasch
vorüber. Der Abschied von der Heimat gelang sonderbar leicht, ich schämte
mich eigentlich, daß ich nicht wehmütiger war, die Schwestern weinten
grundlos, ich konnte es nicht. Ich war über mich selbst erstaunt. Immer war
ich ein gefühlvolles Kind gewesen, und im Grunde ein ziemlich gutes Kind.
Jetzt war ich ganz verwandelt. Ich verhielt mich völlig gleichgültig gegen
die äußere Welt, und war tagelang nur damit beschäftigt, in mich
hineinzuhorchen und die Ströme zu hören, die verbotenen und dunklen Ströme,
die da in mir unterirdisch rauschten. Ich war sehr rasch gewachsen, erst im
letzten halben Jahre, und sah aufgeschossen, mager und unfertig in die
Welt. Die Liebenswürdigkeit des Knaben war ganz von mir geschwunden, ich
fühlte selbst, daß man mich so nicht lieben könne, und liebte mich selber
auch keineswegs. Nach Max Demian hatte ich oft große Sehnsucht; aber nicht
selten haßte ich auch ihn und gab ihm schuld an der Verarmung meines
Lebens, die ich wie eine häßliche Krankheit auf mich nahm.
In unsrem Schülerpensionat wurde ich anfangs weder geliebt noch geachtet,
man hänselte mich erst, zog sich dann von mir zurück, und sah einen
Duckmäuser und unangenehmen Sonderling in mir. Ich gefiel mir in der Rolle,
übertrieb sie noch, und grollte mich in eine Einsamkeit hinein, die nach
außen beständig wie männlichste Weltverachtung aussah, während ich heimlich
oft verzehrenden Anfällen von Wehmut und Verzweiflung unterlag. In der
Schule hatte ich an aufgehäuften Kenntnissen von Zuhause zu zehren, die
Klasse war etwas gegen meine frühere zurück, und ich gewöhnte mir an, meine
Altersgenossen etwas verächtlich als Kinder anzusehen.
Ein Jahr und länger lief das so dahin, auch die ersten Ferienbesuche zu
Hause brachten keine neuen Klänge; ich fuhr gerne wieder weg.
Es war zu Beginn des November. Ich hatte mir angewöhnt, bei jedem Wetter
kleine, denkerische Spaziergänge zu machen, auf denen ich oft eine Art von
Wonne genoß, eine Wonne voll Melancholie, Weltverachtung und
Selbstverachtung. So schlenderte ich eines Abends in der feuchten, nebligen
Dämmerung durch die Umgebung der Stadt, die breite Allee eines öffentlichen
Parkes stand völlig verlassen und lud mich ein, der Weg lag dick voll
gefallener Blätter, in denen ich mit dunkler Wollust mit den Füßen wühlte,
es roch feucht und bitter, die fernen Bäume traten gespenstisch groß und
schattenhaft aus den Nebeln.
Am Ende der Allee blieb ich unschlüssig stehen, starrte in das schwarze
Laub und atmete mit Gier den nassen Duft von Verwitterung und Absterben,
den etwas in mir erwiderte und begrüßte. O wie fad das Leben schmeckte!
Aus einem Nebenwege kam im wehenden Kragenmantel ein Mensch daher, ich
wollte weitergehen, da rief er mich an.
»Halloh, Sinclair!«
Er kam heran, es war Alfons Beck, der Älteste unserer Pension. Ich sah ihn
immer gern und hatte nichts gegen ihn, als daß er mit mir wie mit allen
Jüngeren immer ironisch und onkelhaft war. Er galt für bärenstark, sollte
den Herrn unsrer Pension unter dem Pantoffel haben und war der Held vieler
Gymnasiastengerüchte.
»Was machst denn du hier?« rief er leutselig mit dem Ton, den die Größeren
hatten, wenn sie gelegentlich sich zu einem von uns herabließen. »Na,
wollen wir wetten, du machst Gedichte?«
»Fällt mir nicht ein,« lehnte ich barsch ab.
Er lachte auf, ging neben mir und plauderte, wie ich es gar nicht mehr
gewohnt war.
»Du brauchst nicht Angst zu haben, Sinclair, daß ich das etwa nicht
verstehe. Es hat ja etwas, wenn man so am Abend im Nebel geht, so mit
Herbstgedanken, man macht dann gern Gedichte, ich weiß schon. Von der
sterbenden Natur, natürlich, und von der verlorenen Jugend, die ihr
gleicht. Siehe Heinrich Heine.«
»Ich bin nicht so sentimental,« wehrte ich mich.
»Na, laß gut sein! Aber bei diesem Wetter, scheint mir, tut der Mensch gut,
einen stillen Ort zu suchen, wo es ein Glas Wein oder dergleichen gibt.
Kommst du ein bißchen mit? Ich bin grade ganz allein. -- Oder magst du
nicht? Deinen Verführer möchte ich nicht machen, Lieber, falls du ein
Musterknabe sein solltest.«
Bald darauf saßen wir in einer kleinen Vorstadtkneipe, tranken einen
zweifelhaften Wein und stießen mit den dicken Gläsern an. Es gefiel mir
zuerst wenig, immerhin war es etwas Neues. Bald aber wurde ich, des Weines
ungewohnt, sehr gesprächig. Es war, als sei ein Fenster in mir aufgestoßen,
die Welt schien herein -- wie lang, wie furchtbar lang hatte ich mir nichts
von der Seele geredet! Ich kam ins Phantasieren, und mitten drinne gab ich
die Geschichte von Kain und Abel zum besten!
Beck hörte mir mit Vergnügen zu -- endlich jemand, dem ich etwas gab! Er
klopfte mir auf die Schulter, er nannte mich einen Teufelskerl und ein
geniales Luder, und mir schwoll das Herz hoch auf vor Wonne, angestaute
Bedürfnisse der Rede und Mitteilung schwelgerisch hinströmen zu lassen,
anerkannt zu sein und bei einem Älteren etwas zu gelten. Als er mich ein
geniales Luder nannte, lief mir das Wort wie ein süßer, starker Wein in die
Seele. Die Welt brannte in neuen Farben, Gedanken flossen mir aus hundert
kecken Quellen zu, Geist und Feuer lohte in mir. Wir sprachen über Lehrer
und Kameraden, und mir schien, wir verstünden einander herrlich. Wir
sprachen von den Griechen und vom Heidentum, und Beck wollte mich durchaus
zu Geständnissen über Liebesabenteuer bringen. Da konnte ich nun nicht
mitreden. Erlebt hatte ich nichts, nichts zum Erzählen. Und was ich in mir
gefühlt, konstruiert, phantasiert hatte, das saß zwar brennend in mir, war
aber auch durch den Wein nicht gelöst und mitteilbar geworden. Von den
Mädchen wußte Beck viel mehr, und ich hörte diesen Märchen glühend zu.
Unglaubliches erfuhr ich da, nie für möglich Gehaltenes trat in die platte
Wirklichkeit, schien selbstverständlich. Alfons Beck hatte mit seinen
vielleicht achtzehn Jahren schon Erfahrungen gesammelt. Unter anderen die,
daß es mit den Mädchen so eine Sache sei, sie wollten nichts als schöntun
und Galanterien haben, und das war ja ganz hübsch, aber doch nicht das
Wahre. Da sei mehr Erfolg bei Frauen zu hoffen. Frauen seien viel
gescheiter. Zum Beispiel die Frau Jaggelt, die den Laden mit den
Schulheften und Bleistiften hatte, mit der ließ sich reden, und was hinter
ihrem Ladentisch schon alles geschehen sei, das gehe in kein Buch.
Ich saß tief bezaubert und benommen. Allerdings, ich hätte die Frau Jaggelt
nicht gerade lieben können -- aber immerhin, es war unerhört. Es schienen
da Quellen zu fließen, wenigstens für die Älteren, von denen ich nie
geträumt hatte. Ein falscher Klang war ja dabei, und es schmeckte alles
geringer und alltäglicher als nach meiner Meinung die Liebe schmecken
durfte, -- aber immerhin, es war Wirklichkeit, es war Leben und Abenteuer,
es saß einer neben mir, der es erlebt hatte, dem es selbstverständlich
schien.
Unsere Gespräche waren ein wenig herabgestiegen, hatten etwas verloren. Ich
war auch nicht mehr der geniale kleine Kerl, ich war jetzt bloß noch ein
Knabe, der einem Manne zuhörte. Aber auch so noch -- gegen das, was seit
Monaten und Monaten mein Leben gewesen war, war dies köstlich, war dies
paradiesisch. Außerdem war es, wie ich erst allmählich zu fühlen begann,
verboten, sehr verboten, vom Wirtshaussitzen bis zu dem, was wir sprachen.
Ich jedenfalls schmeckte Geist, schmeckte Revolution darin.
Ich erinnere mich jener Nacht mit größter Deutlichkeit. Als wir beide, spät
an trüb brennenden Gaslaternen vorbei, in der kühlen nassen Nacht unsern
Heimweg nahmen, war ich zum erstenmal betrunken. Es war nicht schön, es war
äußerst qualvoll, und doch hatte auch das noch etwas, einen Reiz, eine
Süßigkeit, war Aufstand und Orgie, war Leben und Geist. Beck nahm sich
meiner tapfer an, obwohl er bitter über mich als blutigen Anfänger schalt,
und er brachte mich, halb getragen, nach Hause, wo es ihm gelang, mich und
sich durch ein offenstehendes Flurfenster einzuschmuggeln.
Mit der Ernüchterung aber, zu der ich nach ganz kurzem toten Schlaf mit
Schmerzen erwachte, kam ein unsinniges Weh über mich. Ich saß im Bette auf,
hatte das Taghemd noch an, meine Kleider und Schuhe lagen am Boden umher
und rochen nach Tabak und Erbrochenem, und zwischen Kopfweh, Übelkeit und
rasendem Durstgefühl kam mir ein Bild vor die Seele, dem ich lange nicht
mehr ins Auge gesehen hatte. Ich sah Heimat und Elternhaus, Vater und
Mutter, Schwestern und Garten, ich sah mein stilles heimatliches
Schlafzimmer, sah die Schule und den Marktplatz, sah Demian und die
Konfirmationsstunden -- und alles dies war licht, alles war von Glanz
umflossen, alles war wunderbar, göttlich und rein, und alles, alles das
hatte -- so wußte ich jetzt -- noch gestern, noch vor Stunden, mir gehört,
auf mich gewartet, und war jetzt, erst jetzt in dieser Stunde, versunken
und verflucht, gehörte mir nicht mehr, stieß mich aus, sah mit Ekel auf
mich! Alles Liebe und Innige, was ich je bis in fernste goldenste
Kindheitsgärten zurück von meinen Eltern erfahren hatte, jeder Kuß der
Mutter, jede Weihnacht, jeder fromme helle Sonntagmorgen daheim, jede Blume
im Garten -- alles war verwüstet, alles hatte ich mit Füßen getreten! Wenn
jetzt Häscher gekommen wären und hätten mich gebunden und als Auswurf und
Tempelschänder zum Galgen geführt, ich wäre einverstanden gewesen, wäre
gern gegangen, hätte es richtig und gut gefunden.
Also so sah ich innerlich aus! Ich, der herumging und die Welt verachtete!
Ich, der stolz im Geist war und Gedanken Demians mitdachte! So sah ich aus,
ein Auswurf und Schweinigel, betrunken und beschmutzt, ekelhaft und gemein,
eine wüste Bestie, von scheußlichen Trieben überrumpelt! So sah ich aus,
ich, der aus jenen Gärten kam, wo alles Reinheit, Glanz und holde Zartheit
war, ich, der ich Musik von Bach und schöne Gedichte geliebt hatte! Ich
hörte noch mit Ekel und Empörung mein eigenes Lachen, ein betrunkenes,
unbeherrschtes, stoßweis und albern herausbrechendes Lachen. Das war Ich!
Trotz allem aber war es beinahe ein Genuß, diese Qualen zu leiden. So lange
war ich blind und stumpf dahingekrochen, so lange hatte mein Herz
geschwiegen und verarmt im Winkel gesessen, daß auch diese Selbstanklagen,
dieses Grauen, dies ganze scheußliche Gefühl der Seele willkommen war. Es
war doch Gefühl, es stiegen doch Flammen, es zuckte doch Herz darin!
Verwirrt empfand ich mitten im Elend etwas wie Befreiung und Frühling.
Indessen ging es, von außen gesehen, tüchtig bergab mit mir. Der erste
Rausch war bald nicht mehr der erste. Es wurde an unsrer Schule viel
gekneipt und Allotria getrieben, ich war einer der Allerjüngsten unter
denen, die mittaten, und bald war ich kein Geduldeter und Kleiner mehr,
sondern ein Anführer und Stern, ein berühmter wagehalsiger Kneipenbesucher.
Ich gehörte wieder einmal ganz der dunkeln Welt, dem Teufel an, und ich
galt in dieser Welt als ein famoser Kerl.
Dabei war mir jammervoll zumute. Ich lebte in einem selbstzerstörerischen
Orgiasmus dahin, und während ich bei den Kameraden für einen Führer und
Teufelskerl, für einen verflucht schneidigen und witzigen Burschen galt,
hatte ich tief in mir eine angstvolle Seele voller Bangnis flattern. Ich
weiß noch, daß mir einmal die Tränen kamen, als ich beim Verlassen einer
Kneipe am Sonntagvormittag auf der Straße Kinder spielen sah, hell und
vergnügt mit frischgekämmtem Haar und in Sonntagskleidern. Und während ich,
zwischen Bierlachen an schmutzigen Tischen geringer Wirtshäuser, meine
Freunde durch unerhörte Zynismen belustigte und oft erschreckte, hatte ich
im verborgenen Herzen Ehrfurcht vor allem, was ich verhöhnte, und lag
innerlich weinend auf den Knien vor meiner Seele, vor meiner Vergangenheit,
vor meiner Mutter, vor Gott.
Daß ich niemals eins wurde mit meinen Begleitern, daß ich unter ihnen
einsam blieb und darum so leiden konnte, das hatte einen guten Grund. Ich
war ein Kneipenheld und Spötter nach dem Herzen der Rohesten, ich zeigte
Geist und zeigte Mut in meinen Gedanken und Reden über Lehrer, Schule,
Eltern, Kirche -- ich hielt auch Zoten stand und wagte etwa selber eine --
aber ich war niemals dabei, wenn meine Kumpane zu Mädchen gingen, ich war
allein und war voll glühender Sehnsucht nach Liebe, hoffnungsloser
Sehnsucht, während ich nach meinen Reden ein abgebrühter Genießer hätte
sein müssen. Niemand war verletzlicher, niemand schamhafter als ich. Und
wenn ich je und je die jungen Bürgermädchen vor mir gehen sah, hübsch und
sauber, licht und anmutig, waren sie mir wunderbare, reine Träume,
tausendmal zu gut und rein für mich. Eine Zeitlang konnte ich auch nicht
mehr in den Papierladen der Frau Jaggelt gehen, weil ich rot wurde, wenn
ich sie ansah und an das dachte, was Alfons Beck mir von ihr erzählt hatte.
Je mehr ich nun auch in meiner neuen Gesellschaft mich fortwährend einsam
und anders wußte, desto weniger kam ich von ihr los. Ich weiß wirklich
nicht mehr, ob das Saufen und Renommieren mir eigentlich jemals Vergnügen
machte, auch gewöhnte ich mich an das Trinken niemals so, daß ich nicht
jedesmal peinliche Folgen gespürt hätte. Es war alles wie ein Zwang. Ich
tat, was ich mußte, weil ich sonst durchaus nicht wußte, was mit mir
beginnen. Ich hatte Furcht vor langem Alleinsein, hatte Angst vor den
vielen zarten, schamhaften, innigen Anwandlungen, zu denen ich mich stets
geneigt fühlte, hatte Angst vor den zarten Liebesgedanken, die mir so oft
kamen.
Eines fehlte mir am meisten -- ein Freund. Es gab zwei oder drei
Mitschüler, die ich sehr gerne sah. Aber sie gehörten zu den Braven, und
meine Laster waren längst niemandem mehr ein Geheimnis. Sie mieden mich.
Ich galt bei allen für einen hoffnungslosen Spieler, dem der Boden unter
den Füßen wankte. Die Lehrer wußten viel von mir, ich war mehrmals streng
bestraft worden, meine schließliche Entlassung aus der Schule war etwas,
worauf man wartete. Ich selbst wußte das, ich war auch schon lange kein
guter Schüler mehr, sondern drückte und schwindelte mich mühsam durch, mit
dem Gefühl, daß das nicht mehr lange dauern könne.
Es gibt viele Wege, auf denen der Gott uns einsam machen und zu uns selber
führen kann. Diesen Weg ging er damals mit mir. Es war wie ein arger Traum.
Über Schmutz und Klebrigkeit, über zerbrochene Biergläser und zynisch
durchschwatzte Nächte weg sehe ich mich, einen gebannten Träumer, ruhelos
und gepeinigt kriechen, einen häßlichen und unsaubern Weg. Es gibt solche
Träume, in denen man, auf dem Weg zur Prinzessin, in Kotlachen, in
Hintergassen voll Gestank und Unrat steckenbleibt. So ging es mir. Auf
diese wenig feine Art war es mir beschieden, einsam zu werden und zwischen
mich und die Kindheit ein verschlossenes Edentor mit erbarmungslos
strahlenden Wächtern zu bringen. Es war ein Beginn, ein Erwachen des
Heimwehs nach mir selber.
Ich erschrak noch und hatte Zuckungen, als zum erstenmal, durch Briefe
meines Pensionsherrn alarmiert, mein Vater in St. erschien und mir
unerwartet gegenübertrat. Als er, gegen Ende jenes Winters, zum zweitenmal
kam, war ich schon hart und gleichgültig, ließ ihn schelten, ließ ihn
bitten, ließ ihn an die Mutter erinnern. Er war zuletzt sehr aufgebracht
und sagte, wenn ich nicht anders werde, lasse er mich mit Schimpf und
Schande von der Schule jagen und stecke mich in eine Besserungsanstalt.
Mochte er! Als er damals abreiste, tat er mir leid, aber er hatte nichts
erreicht, er hatte keinen Weg mehr zu mir gefunden, und für Augenblicke
fühlte ich, es geschehe ihm recht. --
Was aus mir würde, war mir einerlei. Auf meine sonderbare und wenig hübsche
Art, mit meinem Wirtshaussitzen und Auftrumpfen lag ich im Streit mit der
Welt, dies war meine Form, zu protestieren. Ich machte mich dabei kaputt,
und zuweilen sah für mich die Sache etwa so aus: Wenn die Welt Leute wie
mich nicht brauchen konnte, wenn sie für sie keinen besseren Platz, keine
höhern Aufgaben hatte, nun so gingen Leute wie ich eben kaputt. Mochte die
Welt den Schaden haben.
Die Weihnachtsferien jenes Jahres waren recht unerfreulich. Meine Mutter
erschrak, als sie mich wiedersah. Ich war noch mehr gewachsen, und mein
hageres Gesicht sah grau und verwüstet aus, mit schlaffen Zügen und
entzündeten Augenrändern. Der erste Anflug des Schnurrbartes und die
Brille, die ich seit kurzem trug, machten mich ihr noch fremder. Die
Schwestern wichen zurück und kicherten. Es war alles unerquicklich.
Unerquicklich und bitter das Gespräch mit dem Vater in dessen
Studierzimmer, unerquicklich das Begrüßen der paar Verwandten,
unerquicklich vor allem der Weihnachtsabend. Das war, seit ich lebte, in
unsrem Hause der große Tag gewesen, der Abend der Festlichkeit und Liebe,
der Dankbarkeit, der Erneuerung des Bundes zwischen den Eltern und mir.
Diesmal war alles nur bedrückend und verlegenmachend. Wie sonst las mein
Vater das Evangelium von den Hirten auf dem Felde, »die hüteten allda ihre
Herde,« wie sonst standen die Schwestern strahlend vor ihrem Gabentisch,
aber die Stimme des Vaters klang unfroh, und sein Gesicht sah alt und
beengt aus, und die Mutter war traurig, und mir war alles gleich peinlich
und unerwünscht, Gaben und Glückwünsche, Evangelium und Lichterbaum. Die
Lebkuchen rochen süß und strömten dichte Wolken süßerer Erinnerungen aus.
Der Tannenbaum duftete und erzählte von Dingen, die nicht mehr waren. Ich
sehnte das Ende des Abends und der Feiertage herbei.
Es ging den ganzen Winter so weiter. Erst vor kurzem war ich eindringlich
vom Lehrersenat verwarnt und mit dem Ausschluß bedroht worden. Es würde
nicht lang mehr dauern. Nun, meinetwegen.
Einen besonderen Groll hatte ich gegen Max Demian. Den hatte ich nun die
ganze Zeit nicht mehr gesehen. Ich hatte ihm, am Beginn meiner Schülerzeit
in St., zweimal geschrieben, aber keine Antwort bekommen; darum hatte ich
ihn auch in den Ferien nicht besucht.
* * * * *
In demselben Park, wo ich im Herbst mit Alfons Beck zusammengetroffen war,
geschah es im beginnenden Frühling, als eben die Dornhecken grün zu werden
anfingen, daß ein Mädchen mir auffiel. Ich war allein spazierengegangen,
voll von widerlichen Gedanken und Sorgen, denn meine Gesundheit war
schlecht geworden, und außerdem war ich beständig in Geldverlegenheiten,
war Kameraden Beträge schuldig, mußte notwendige Ausgaben erfinden, um
wieder etwas von Hause zu erhalten, und hatte in mehreren Läden Rechnungen
für Zigarren und ähnliche Dinge anwachsen lassen. Nicht daß diese Sorgen
sehr tief gegangen wären -- wenn nächstens einmal mein Hiersein sein Ende
nahm und ich ins Wasser ging oder in die Besserungsanstalt gebracht wurde,
dann kam es auf diese paar Kleinigkeiten auch nimmer an. Aber ich lebte
doch immerzu Aug in Auge mit solchen unschönen Sachen, und litt darunter.
An jenem Frühlingstag im Park begegnete mir eine junge Dame, die mich sehr
anzog. Sie war groß und schlank, elegant gekleidet, und hatte ein kluges
Knabengesicht. Sie gefiel mir sofort, sie gehörte dem Typ an, den ich
liebte, und sie begann meine Phantasien zu beschäftigen. Sie war wohl kaum
viel älter als ich, aber viel fertiger, elegant und wohl umrissen, schon
fast ganz Dame, aber mit einem Anflug von Übermut und Jungenhaftigkeit im
Gesicht, den ich überaus gern hatte.
Es war mir nie geglückt, mich einem Mädchen zu nähern, in das ich verliebt
war, und es glückte mir auch bei dieser nicht. Aber der Eindruck war tiefer
als alle früheren, und der Einfluß dieser Verliebtheit auf mein Leben war
gewaltig.
Plötzlich hatte ich wieder ein Bild vor mir stehen, ein hohes und verehrtes
Bild -- ach, und kein Bedürfnis, kein Drang war so tief und heftig in mir
wie der Wunsch nach Ehrfurcht und Anbetung! Ich gab ihr den Namen Beatrice,
denn von ihr wußte ich, ohne Dante gelesen zu haben, aus einem englischen
Gemälde, dessen Reproduktion ich mir aufbewahrt hatte. Dort war es eine
englisch-präraffaelitische Mädchenfigur, sehr langgliedrig und schlank mit
schmalem langem Kopf und vergeistigten Händen und Zügen. Mein schönes
junges Mädchen glich ihr nicht ganz, obwohl auch sie diese Schlankheit und
Knabenhaftigkeit der Formen zeigte, die ich liebte, und etwas von der
Vergeistigung oder Beseelung des Gesichts.
Ich habe mit Beatrice nicht ein einziges Wort gesprochen. Dennoch hat sie
damals den tiefsten Einfluß auf mich geübt. Sie stellte ihr Bild vor mir
auf, sie öffnete mir ein Heiligtum, sie machte mich zum Beter in einem
Tempel. Von einem Tag auf den andern blieb ich von den Kneipereien und
nächtlichen Streifzügen weg. Ich konnte wieder allein sein, ich las wieder
gern, ich ging wieder gern spazieren.
Die plötzliche Bekehrung trug mir Spott genug ein. Aber ich hatte nun etwas
zu lieben und anzubeten, ich hatte wieder ein Ideal, das Leben war wieder
voll von Ahnung und bunt geheimnisvoller Dämmerung -- das machte mich
unempfindlich. Ich war wieder bei mir selbst zu Hause, obwohl nur als
Sklave und Dienender eines verehrten Bildes.
An jene Zeit kann ich nicht ohne eine gewisse Rührung denken. Wieder
versuchte ich mit innigstem Bemühen, aus Trümmern einer zusammengebrochenen
Lebensperiode mir eine »lichte Welt« zu bauen, wieder lebte ich ganz in dem
einzigen Verlangen, das Dunkle und Böse in mir abzutun und völlig im
Lichten zu weilen, auf Knien vor Göttern. Immerhin war diese jetzige
»lichte Welt« einigermaßen meine eigene Schöpfung; es war nicht mehr ein
Zurückfliehen und Unterkriechen zur Mutter und verantwortungslosen
Geborgenheit, es war ein neuer, von mir selbst erfundener und geforderter
Dienst, mit Verantwortlichkeit und Selbstzucht. Die Geschlechtlichkeit,
unter der ich litt und vor der ich immer und immer auf der Flucht war,
sollte nun in diesem heiligen Feuer zu Geist und Andacht verklärt werden.
Es durfte nichts Finsteres mehr, nichts Häßliches geben, keine
durchstöhnten Nächte, kein Herzklopfen vor unzüchtigen Bildern, kein
Lauschen an verbotenen Pforten, keine Lüsternheit. Statt alles dessen
richtete ich meinen Altar ein, mit dem Bilde Beatricens, und indem ich mich
ihr weihte, weihte ich mich dem Geist und den Göttern. Den Lebensanteil,
den ich den finsteren Mächten entzog, brachte ich den lichten zum Opfer.
Nicht Lust war mein Ziel, sondern Reinheit, nicht Glück, sondern Schönheit
und Geistigkeit.
Dieser Kult der Beatrice änderte mein Leben ganz und gar. Gestern noch ein
frühreifer Zyniker, war ich jetzt ein Tempeldiener, mit dem Ziel, ein
Heiliger zu werden. Ich tat nicht nur das üble Leben ab, an das ich mich
gewöhnt hatte, ich suchte alles zu ändern, suchte Reinheit, Adel und Würde
in alles zu bringen, dachte hieran in Essen und Trinken, Sprache und
Kleidung. Ich begann den Morgen mit kalten Waschungen, zu denen ich mich
anfangs schwer zwingen mußte. Ich benahm mich ernst und würdig, trug mich
aufrecht und machte meinen Gang langsamer und würdiger. Für Zuschauer mag
es komisch ausgesehen haben -- bei mir innen war es lauter Gottesdienst.
Von all den neuen Übungen, in denen ich Ausdruck für meine neue Gesinnung
suchte, wurde eine mir wichtig. Ich begann zu malen. Es fing damit an, daß
das englische Beatricebild, das ich besaß, jenem Mädchen nicht ähnlich
genug war. Ich wollte versuchen, sie für mich zu malen. Mit einer ganz
neuen Freude und Hoffnung trug ich in meinem Zimmer -- ich hatte seit
kurzem ein eigenes -- schönes Papier, Farben und Pinsel zusammen, machte
Palette, Glas, Porzellanschalen, Bleistifte zurecht. Die feinen
Temperafarben in kleinen Tuben, die ich gekauft hatte, entzückten mich. Es
war ein feuriges Chromoxydgrün dabei, das ich noch zu sehen meine, wie es
erstmals in der kleinen weißen Schale aufleuchtete.
Ich begann mit Vorsicht. Ein Gesicht zu malen, war schwer, ich wollte es
erst mit andrem probieren. Ich malte Ornamente, Blumen und kleine
phantasierte Landschaften, einen Baum bei einer Kapelle, eine römische
Brücke mit Zypressen. Manchmal verlor ich mich ganz in dies spielende Tun,
war glücklich wie ein Kind mit einer Farbenschachtel. Schließlich aber
begann ich, Beatrice zu malen.
Einige Blätter mißglückten ganz und wurden weggetan. Je mehr ich mir das
Gesicht des Mädchens vorzustellen suchte, das ich je und je auf der Straße
antraf, desto weniger wollte es gehen. Schließlich tat ich darauf Verzicht
und begann einfach ein Gesicht zu malen, der Phantasie und den Führungen
folgend, die sich aus dem Begonnenen, aus Farbe und Pinsel von selber
ergaben. Es war ein geträumtes Gesicht, das dabei herauskam, und ich war
nicht unzufrieden damit. Doch setzte ich den Versuch sogleich fort, und
jedes neue Blatt sprach etwas deutlicher, kam dem Typ näher, wenn auch
keineswegs der Wirklichkeit.
Mehr und mehr gewöhnte ich mich daran, mit träumerischem Pinsel Linien zu
ziehen und Flächen zu füllen, die ohne Vorbild waren, die sich aus
spielendem Tasten, aus dem Unbewußten ergaben. Endlich machte ich eines
Tages, fast bewußtlos, ein Gesicht fertig, das stärker als die früheren zu
mir sprach. Es war nicht das Gesicht jenes Mädchens, das sollte es auch
längst nimmer sein. Es war etwas anderes, etwas Unwirkliches, doch nicht
minder Wertvolles. Es sah mehr wie ein Jünglingskopf aus als wie ein
Mädchengesicht, das Haar war nicht hellblond wie bei meinem hübschen
Mädchen, sondern braun mit rötlichem Hauch, das Kinn war stark und fest,
der Mund aber rotblühend, das Ganze etwas steif und maskenhaft, aber
eindrücklich und voll von geheimem Leben.
Als ich vor dem fertigen Blatte saß, machte es mir einen seltsamen
Eindruck. Es schien mir eine Art von Götterbild oder heiliger Maske zu
sein, halb männlich, halb weiblich, ohne Alter, ebenso willensstark wie
träumerisch, ebenso starr wie heimlich lebendig. Dies Gesicht hatte mir
etwas zu sagen, es gehörte zu mir, es stellte Forderungen an mich. Und es
hatte Ähnlichkeit mit irgend jemand, ich wußte nicht mit wem.
Das Bildnis begleitete nun eine Weile alle meine Gedanken und teilte mein
Leben. Ich hielt es in einer Schieblade verborgen, niemand sollte es
erwischen und mich damit verhöhnen können. Aber sobald ich allein in meinem
Stübchen war, zog ich das Bild heraus und hatte Umgang mit ihm. Abends
heftete ich es mit einer Nadel mir gegenüber überm Bett an die Tapete, sah
es bis zum Einschlafen an, und morgens fiel mein erster Blick darauf.
Gerade in jener Zeit fing ich wieder an viel zu träumen, wie ich es als
Kind stets getan hatte. Mir schien, ich habe jahrelang keine Träume mehr
gehabt. Jetzt kamen sie wieder, eine ganz neue Art von Bildern, und oft und
oft tauchte das gemalte Bildnis darin auf, lebend und redend, mir
befreundet oder feindlich, manchmal bis zur Fratze verzogen und manchmal
unendlich schön, harmonisch und edel.
Und eines Morgens, als ich aus solchen Träumen erwachte, erkannte ich es
plötzlich. Es sah mich so fabelhaft wohlbekannt an, es schien meinen Namen
zu rufen. Es schien mich zu kennen, wie eine Mutter, schien mir seit allen
Zeiten zugewandt. Mit Herzklopfen starrte ich das Blatt an, die braunen
dichten Haare, den halbweiblichen Mund, die starke Stirn mit der
sonderbaren Helligkeit (es war von selber so aufgetrocknet), und näher und
näher fühlte ich in mir die Erkenntnis, das Wiederfinden, das Wissen.
Ich sprang aus dem Bette, stellte mich vor dem Gesicht auf und sah es aus
nächster Nähe an, gerade in die weit offenen, grünlichen, starren Augen
hinein, von denen das rechte etwas höher als das andere stand. Und mit
einemmal zuckte dies rechte Auge, zuckte leicht und fein, aber deutlich,
und mit diesem Zucken erkannte ich das Bild . . .
Wie hatte ich das erst so spät finden können! Es war Demians Gesicht.
Später verglich ich das Blatt oft und oft mit Demians wirklichen Zügen, wie
ich sie in meinem Gedächtnis fand. Sie waren gar nicht dieselben, obwohl
ähnlich. Aber es war doch Demian.
Einst an einem Frühsommerabend schien die Sonne schräg und rot durch mein
Fenster, das nach Westen blickte. Im Zimmer wurde es dämmerig. Da kam ich
auf den Einfall, das Bildnis Beatricens, oder Demians, mit der Nadel ans
Fensterkreuz zu heften und es anzusehen, wie die Abendsonne hindurch
schien. Das Gesicht verschwamm ohne Umrisse, aber die rötlich umrandeten
Augen, die Helligkeit auf der Stirn und der heftig rote Mund glühten tief
und wild aus der Fläche. Lange saß ich ihm gegenüber, auch als es schon
erloschen war. Und allmählich kam mir ein Gefühl, daß das nicht Beatrice
und nicht Demian sei, sondern -- ich selbst. Das Bild glich mir nicht --
das sollte es auch nicht, fühlte ich -- aber es war das, was mein Leben
ausmachte, es war mein Inneres, mein Schicksal oder mein Dämon. So würde
mein Freund aussehen, wenn ich je wieder einen fände. So würde meine
Geliebte aussehen, wenn ich je eine bekäme. So würde mein Leben und so mein
Tod sein, dies war der Klang und Rhythmus meines Schicksals.
In jenen Wochen hatte ich eine Lektüre begonnen, die mir tieferen Eindruck
machte als alles, was ich früher gelesen. Auch später habe ich selten mehr
Bücher so erlebt, vielleicht nur noch Nietzsche. Es war ein Band Novalis,
mit Briefen und Sentenzen, von denen ich viele nicht verstand und die mich
doch alle unsäglich anzogen und umspannen. Einer von den Sprüchen fiel mir
nun ein. Ich schrieb ihn mit der Feder unter das Bildnis: »Schicksal und
Gemüt sind Namen eines Begriffs.« Das hatte ich nun verstanden.
Das Mädchen, das ich Beatrice nannte, begegnete mir noch oft. Ich fühlte
keine Bewegung mehr dabei, aber stets ein sanftes Übereinstimmen, ein
gefühlhaftes Ahnen: Du bist mit mir verknüpft, aber nicht du, nur dein
Bild; du bist ein Stück von meinem Schicksal.
* * * * *
Meine Sehnsucht nach Max Demian wurde wieder mächtig. Ich wußte nichts von
ihm, seit Jahren nichts. Ein einzigesmal hatte ich ihn in den Ferien
angetroffen. Ich sehe jetzt, daß ich diese kurze Begegnung in meinen
Aufzeichnungen unterschlagen habe, und sehe, daß es aus Scham und Eitelkeit
geschah. Ich muß es nachholen.
Also einmal in den Ferien, als ich mit dem blasierten und stets etwas müden
Gesicht meiner Wirtshauszeit durch meine Vaterstadt schlenderte, meinen
Spazierstock schwang und den Philistern in die alten, gleichgebliebenen,
verachteten Gesichter sah, da kam mir mein ehemaliger Freund entgegen. Kaum
sah ich ihn, so zuckte ich zusammen. Und blitzschnell mußte ich an Franz
Kromer denken. Möchte doch Demian diese Geschichte wirklich vergessen
haben! Es war so unangenehm, diese Verpflichtung gegen ihn zu haben --
eigentlich ja eine dumme Kindergeschichte, aber doch eben eine
Verpflichtung . . .
Er schien zu warten, ob ich ihn grüßen wolle, und als ich es möglichst
gelassen tat, gab er mir die Hand. Das war wieder sein Händedruck! So fest,
warm und doch kühl, männlich!
Er sah mir aufmerksam ins Gesicht und sagte: »Du bist groß geworden,
Sinclair.« Er selbst schien mir ganz unverändert, gleich alt, gleich jung
wie immer.
Er schloß sich mir an, wir machten einen Spaziergang und sprachen über
lauter nebensächliche Dinge, nichts von damals. Es fiel mir ein, daß ich
ihm einst mehrmals geschrieben hatte, ohne eine Antwort zu erhalten. Ach,
möchte er doch auch das vergessen haben, diese dummen, dummen Briefe! Er
sagte nichts davon.
Es gab damals noch keine Beatrice und kein Bildnis, ich war noch mitten in
meiner wüsten Zeit. Vor der Stadt lud ich ihn ein, mit in ein Wirtshaus zu
kommen. Er ging mit. Prahlerisch bestellte ich eine Flasche Wein, schenkte
ein, stieß mit ihm an und zeigte mich mit den studentischen Trinkgebräuchen
sehr vertraut, leerte auch das erste Glas auf einen Zug.
»Du gehst viel ins Wirtshaus?« fragte er mich.
»Ach ja,« sagte ich träge, »was soll man sonst tun? Es ist am Ende immer
noch das Lustigste.«
»Findest du? Es kann schon sein. Etwas daran ist ja sehr schön -- der
Rausch, das Bacchische! Aber ich finde, bei den meisten Leuten, die viel im
Wirtshaus sitzen, ist das ganz verlorengegangen. Mir kommt es so vor, als
sei gerade das Wirtshauslaufen etwas richtig Philisterhaftes. Ja, eine
Nacht lang, mit brennenden Fackeln, zu einem richtigen, schönen Rausch und
Taumel! Aber so immer wieder, ein Schöppchen ums andere, das ist doch wohl
nicht das Wahre? Kannst du dir etwa den Faust vorstellen, wie er Abend für
Abend an einem Stammtisch sitzt?«
Ich trank und schaute ihn feindselig an.
»Ja, es ist eben nicht jeder ein Faust,« sagte ich kurz.
Er sah mich etwas stutzig an.
Dann lachte er mit der alten Frische und Überlegenheit.
»Na, wozu darüber streiten? Jedenfalls ist das Leben eines Säufers oder
Wüstlings vermutlich lebendiger als das des tadellosen Bürgers. Und dann --
ich habe das einmal gelesen -- ist das Leben des Wüstlings eine der besten
Vorbereitungen für den Mystiker. Es sind ja auch immer solche Leute wie der
heilige Augustin, die zu Sehern werden. Der war vorher auch ein Genießer
und Lebemann.«
Ich war mißtrauisch und wollte mich keineswegs von ihm meistern lassen. So
sagte ich blasiert: »Ja, jeder nach seinem Geschmack! Mir ist es, offen
gestanden, gar nicht darum zu tun, ein Seher oder so etwas zu werden.«
Demian blitzte mich aus leicht eingekniffenen Augen wissend an.
»Lieber Sinclair,« sagte er langsam, »es war nicht meine Absicht, dir
Unangenehmes zu sagen. Übrigens -- zu welchem Zweck du jetzt deine Schoppen
trinkst, wissen wir ja beide nicht. Das in dir, was dein Leben macht, weiß
es schon. Es ist so gut, das zu wissen: daß in uns drinnen einer ist, der
alles weiß, alles will, alles besser macht als wir selber. -- Aber verzeih,
ich muß nach Hause.«
Wir nahmen kurzen Abschied. Ich blieb sehr mißmutig sitzen, trank meine
Flasche vollends aus, und fand, als ich gehen wollte, daß Demian sie schon
bezahlt hatte. Das ärgerte mich noch mehr.
Bei dieser kleinen Begebenheit hielten nun meine Gedanken wieder an. Sie
waren voll von Demian. Und die Worte, die er in jenem Gasthaus vor der
Stadt gesagt, kamen in meinem Gedächtnis wieder hervor, seltsam frisch und
unverloren. -- »Es ist so gut, das zu wissen, daß in uns drinnen einer ist,
der alles weiß!«
Ich blickte auf das Bild, das am Fenster hing und ganz erloschen war. Aber
ich sah die Augen noch glühen. Das war der Blick Demians. Oder es war der,
der in mir drinnen war. Der, der alles weiß.
Wie hatte ich Sehnsucht nach Demian! Ich wußte nichts von ihm, er war mir
nicht erreichbar. Ich wußte nur, daß er vermutlich irgendwo studiere und
daß nach dem Abschluß seiner Gymnasiastenzeit seine Mutter unsere Stadt
verlassen habe.
Bis zu meiner Geschichte mit Kromer zurück suchte ich alle Erinnerungen an
Max Demian in mir hervor. Wie vieles klang da wieder auf, was er mir einst
gesagt hatte, und alles hatte heut noch Sinn, war aktuell, ging mich an!
Auch das, was er bei unsrem letzten, so wenig erfreulichen Zusammentreffen
über den Wüstling und den Heiligen gesagt hatte, stand mir plötzlich hell
vor der Seele. War es nicht genau so mit mir gegangen? Hatte ich nicht in
Rausch und Schmutz gelebt, in Betäubung und Verlorenheit, bis mit einem
neuen Lebensantrieb gerade das Gegenteil in mir lebendig geworden war, das
Verlangen nach Reinheit, die Sehnsucht nach dem Heiligen?
So ging ich weiter den Erinnerungen nach, es war längst Nacht geworden und
draußen regnete es. Auch in meinen Erinnerungen hörte ich es regnen, es war
die Stunde unter den Kastanienbäumen, wo er mich einst wegen Franz Kromer
ausgefragt und meine ersten Geheimnisse erraten hatte. Eines ums andre kam
hervor, Gespräche auf dem Schulweg, die Konfirmationsstunden. Und zuletzt
fiel mein allererstes Zusammentreffen mit Max Demian mir ein. Um was hatte
es sich doch da gehandelt? Ich kam nicht gleich darauf, aber ich ließ mir
Zeit, ich war ganz darein versunken. Und nun kam es wieder, auch das. Wir
waren vor unserem Hause gestanden, nachdem er mir seine Meinung über Kain
mitgeteilt hatte. Da hatte er von dem alten verwischten Wappen gesprochen,
das über unsrem Haustor saß, in dem von unten nach oben breiter werdenden
Schlußstein. Er hatte gesagt, es interessiere ihn, und man müsse auf solche
Sachen acht haben.
In der Nacht träumte ich von Demian und von dem Wappen. Es verwandelte sich
beständig, Demian hielt es in Händen, oft war es klein und grau, oft
mächtig groß und vielfarbig, aber er erklärte mir, daß es doch immer ein
und dasselbe sei. Zuletzt aber nötigte er mich, das Wappen zu essen. Als
ich es geschluckt hatte, spürte ich mit ungeheurem Erschrecken, daß der
verschlungene Wappenvogel in mir lebendig sei, mich ausfülle und von innen
zu verzehren beginne. Voller Todesangst fuhr ich auf und erwachte.
Ich wurde munter, es war mitten in der Nacht, und hörte es ins Zimmer
regnen. Ich stand auf, um das Fenster zu schließen, und trat dabei auf
etwas Helles, das am Boden lag. Am Morgen fand ich, daß es mein gemaltes
Blatt war. Es lag in der Nässe am Boden und hatte sich in Wülste geworfen.
Ich spannte es zum Trocknen zwischen Fließblätter in ein schweres Buch. Als
ich am nächsten Tage wieder danach sah, war es getrocknet. Es hatte sich
aber verändert. Der rote Mund war verblaßt und etwas schmäler geworden. Es
war jetzt ganz der Mund Demians.
Ich ging nun daran, ein neues Blatt zu malen, den Wappenvogel. Wie er
eigentlich aussah, wußte ich nicht mehr deutlich, und einiges daran war,
wie ich wußte, auch aus der Nähe nicht gut mehr zu erkennen, da das Ding
alt und oftmals mit Farbe überstrichen worden war. Der Vogel stand oder saß
auf etwas, vielleicht auf einer Blume, oder auf einem Korb oder Nest, oder
auf einer Baumkrone. Ich kümmerte mich nicht darum und fing mit dem an,
wovon ich eine deutliche Vorstellung hatte. Aus einem unklaren Bedürfnis
begann ich gleich mit starken Farben, der Kopf des Vogels war auf meinem
Blatte goldgelb. Je nach Laune machte ich daran weiter und brachte das Ding
in einigen Tagen fertig.
Nun war es ein Raubvogel, mit einem scharfen kühnen Sperberkopf. Er stak
mit halbem Leibe in einer dunkeln Weltkugel, aus der er sich wie aus einem
riesigen Ei heraufarbeitete, auf einem blauen Himmelsgrunde. Wie ich das
Blatt länger betrachtete, schien es mir mehr und mehr, als sei es das
farbige Wappen, wie es in meinem Traum vorgekommen war.
Einen Brief an Demian zu schreiben, wäre mir nicht möglich gewesen, auch
wenn ich gewußt hätte wohin. Ich beschloß aber, in demselben traumhaften
Ahnen, mit dem ich damals alles tat, ihm das Bild mit dem Sperber zu
schicken, mochte es ihn dann erreichen oder nicht. Ich schrieb nichts
darauf, auch nicht meinen Namen, beschnitt die Ränder sorgfältig, kaufte
einen großen Papierumschlag und schrieb meines Freundes ehemalige Adresse
darauf. Dann schickte ich es fort.
Ein Examen kam näher, und ich mußte mehr als sonst für die Schule arbeiten.
Die Lehrer hatten mich wieder zu Gnaden angenommen, seit ich plötzlich
meinen schnöden Wandel geändert hatte. Ein guter Schüler war ich auch jetzt
wohl nicht, aber weder ich noch sonst jemand dachte noch daran, daß vor
einem halben Jahr meine strafweise Entlassung aus der Schule allen
wahrscheinlich gewesen war.
Mein Vater schrieb mir jetzt wieder mehr in dem Ton wie früher, ohne
Vorwürfe und Drohungen. Doch hatte ich keinen Trieb, ihm oder irgend jemand
zu erklären, wie die Wandlung mit mir vor sich gegangen war. Es war ein
Zufall, daß diese Wandlung mit den Wünschen meiner Eltern und Lehrer
übereinstimmte. Diese Wandlung brachte mich nicht zu den andern, näherte
mich niemandem an, machte mich nur einsamer. Sie zielte irgendwohin, zu
Demian, zu einem fernen Schicksal. Ich wußte es selber ja nicht, ich stand
ja mitten drin. Mit Beatrice hatte es angefangen, aber seit einiger Zeit
lebte ich mit meinen gemalten Blättern und meinen Gedanken an Demian in
einer so ganz unwirklichen Welt, daß ich auch sie völlig aus den Augen und
Gedanken verlor. Niemand hätte ich von meinen Träumen, meinen Erwartungen,
meiner inneren Umwandlung ein Wort sagen können, auch nicht, wenn ich
gewollt hätte.
Aber wie hätte ich dies wollen können?
Fünftes Kapitel
Der Vogel kämpft sich aus dem Ei
Mein gemalter Traumvogel war unterwegs und suchte meinen Freund. Auf die
wunderlichste Weise kam mir eine Antwort.
In meiner Schulklasse, an meinem Platz, fand ich einst nach der Pause
zwischen zwei Lektionen einen Zettel in meinem Buch stecken. Er war genau
so gefaltet, wie es bei uns üblich war, wenn Klassengenossen zuweilen
während einer Lektion heimlich einander Billetts zukommen ließen. Mich
wunderte nur, wer mir solch einen Zettel zuschicke, denn ich stand mit
keinem Mitschüler je in solchem Verkehr. Ich dachte, es werde die
Aufforderung zu irgendeinem Schülerspaß sein, an dem ich doch nicht
teilnehmen würde, und legte den Zettel ungelesen vorn in mein Buch. Erst
während der Lektion fiel er mir zufällig wieder in die Hand.
Ich spielte mit dem Papier, entfaltete es gedankenlos und fand einige Worte
darein geschrieben. Ich warf einen Blick darauf, blieb an einem Wort
hängen, erschrak und las, während mein Herz sich vor Schicksal wie in
großer Kälte zusammenzog:
»Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden
will, muß eine Welt zerstören. Der Vogel fliegt zu Gott. Der Gott heißt
Abraxas.«
Ich versank nach dem mehrmaligen Lesen dieser Zeilen in tiefes Nachsinnen.
Es war kein Zweifel möglich, es war Antwort von Demian. Niemand konnte von
dem Vogel wissen, als ich und er. Er hatte mein Bild bekommen. Er hatte
verstanden und half mir deuten. Aber wie hing alles zusammen? Und -- das
plagte mich vor allem -- was hieß Abraxas? Ich hatte das Wort nie gehört
oder gelesen. »Der Gott heißt Abraxas!«
Die Stunde verging, ohne daß ich etwas vom Unterricht hörte. Die nächste
begann, die letzte des Vormittags. Sie wurde von einem ganz jungen
Hilfslehrer gegeben, der erst von der Universität kam und uns schon darum
gefiel, weil er so jung war und sich uns gegenüber keine falsche Würde
anmaßte.
Wir lasen unter Doktor Follens Führung Herodot. Diese Lektüre gehörte zu
den wenigen Schulfächern, die mich interessierten. Aber diesmal war ich
nicht dabei. Ich hatte mechanisch mein Buch aufgeschlagen, folgte aber dem
Übersetzen nicht und blieb in meine Gedanken versunken. Übrigens hatte ich
schon mehrmals die Erfahrung gemacht, wie richtig das war, was Demian mir
damals im geistlichen Unterricht gesagt hatte. Was man stark genug wollte,
das gelang. Wenn ich während des Unterrichts sehr stark mit eigenen
Gedanken beschäftigt war, so konnte ich ruhig sein, daß der Lehrer mich in
Ruhe ließ. Ja, wenn man zerstreut war oder schläfrig, dann stand er
plötzlich da: das war mir auch schon begegnet. Aber wenn man wirklich
dachte, wirklich versunken war, dann war man geschützt. Und auch das mit
dem festen Anblicken hatte ich schon probiert und bewährt gefunden. Damals
zu Demians Zeiten war es mir nicht geglückt, jetzt spürte ich oft, daß man
mit Blicken und Gedanken sehr viel ausrichten konnte.
So saß ich auch jetzt und war weit von Herodot und von der Schule weg. Aber
da schlug unversehens mir die Stimme des Lehrers wie ein Blitz ins
Bewußtsein, daß ich voll Schreck erwachte. Ich hörte seine Stimme, er stand
dicht neben mir, ich glaubte schon, er habe meinen Namen gerufen. Aber er
sah mich nicht an. Ich atmete auf.