Demian

Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend

von

Hermann Hesse

1921

S. Fischer / Verlag / Berlin

27.--36. Auflage

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten

Copyright 1919 S. Fischer, Verlag, Berlin

Ich wollte ja nichts als das zu leben

versuchen, was von selber aus mir heraus

wollte. Warum war das so sehr schwer?

Um meine Geschichte zu erzählen, muß ich weit vorn anfangen. Ich müßte,

wäre es mir möglich, noch viel weiter zurück gehen, bis in die allerersten

Jahre meiner Kindheit und noch über sie hinaus in die Ferne meiner Herkunft

zurück.

Die Dichter, wenn sie Romane schreiben, pflegen so zu tun, als seien sie

Gott und könnten irgendeine Menschengeschichte ganz und gar überblicken und

begreifen und sie so darstellen, wie wenn Gott sie sich selber erzählte,

ohne alle Schleier, überall wesentlich. Das kann ich nicht, so wenig wie

die Dichter es können. Meine Geschichte aber ist mir wichtiger als

irgendeinem Dichter die seinige; denn sie ist meine eigene, und sie ist die

Geschichte eines Menschen -- nicht eines erfundenen, eines möglichen, eines

idealen oder sonstwie nicht vorhandenen, sondern eines wirklichen,

einmaligen, lebenden Menschen. Was das ist, ein wirklicher lebender Mensch,

das weiß man heute allerdings weniger als jemals, und man schießt denn auch

die Menschen, deren jeder ein kostbarer, einmaliger Versuch der Natur ist,

zu Mengen tot. Wären wir nicht noch mehr als einmalige Menschen, könnte man

jeden von uns wirklich mit einer Flintenkugel ganz und gar aus der Welt

schaffen, so hätte es keinen Sinn mehr, Geschichten zu erzählen. Jeder

Mensch aber ist nicht nur er selber, er ist auch der einmalige, ganz

besondere, in jedem Fall wichtige und merkwürdige Punkt, wo die

Erscheinungen der Welt sich kreuzen, nur einmal so und nie wieder. Darum

ist jedes Menschen Geschichte wichtig, ewig, göttlich, darum ist jeder

Mensch, solange er irgend lebt und den Willen der Natur erfüllt, wunderbar

und jeder Aufmerksamkeit würdig. In jedem ist der Geist Gestalt geworden,

in jedem leidet die Kreatur, in jedem wird ein Erlöser gekreuzigt.

Wenige wissen heute, was der Mensch ist. Viele fühlen es, und sterben darum

leichter, wie ich leichter sterben werde, wenn ich diese Geschichte

fertiggeschrieben habe.

Einen Wissenden darf ich mich nicht nennen. Ich war ein Suchender und bin

es noch, aber ich suche nicht mehr auf den Sternen und in den Büchern, ich

beginne die Lehren zu hören, die mein Blut in mir rauscht. Meine Geschichte

ist nicht angenehm, sie ist nicht süß und harmonisch wie die erfundenen

Geschichten, sie schmeckt nach Unsinn und Verwirrung, nach Wahnsinn und

Traum wie das Leben aller Menschen, die sich nicht mehr belügen wollen.

Das Leben jedes Menschen ist ein Weg zu sich selber hin, der Versuch eines

Weges, die Andeutung eines Pfades. Kein Mensch ist jemals ganz und gar er

selbst gewesen; jeder strebt dennoch, es zu werden, einer dumpf, einer

lichter, jeder wie er kann. Jeder trägt Reste von seiner Geburt, Schleim

und Eischalen einer Urwelt, bis zum Ende mit sich hin. Mancher wird niemals

Mensch, bleibt Frosch, bleibt Eidechse, bleibt Ameise. Mancher ist oben

Mensch und unten Fisch. Aber jeder ist ein Wurf der Natur nach dem Menschen

hin. Uns allen sind die Herkünfte gemeinsam, die Mütter, wir alle kommen

aus demselben Schlunde; aber jeder strebt, ein Versuch und Wurf aus den

Tiefen, seinem eigenen Ziele zu. Wir können einander verstehen; aber deuten

kann jeder nur sich selbst.

Erstes Kapitel

Zwei Welten

Ich beginne meine Geschichte mit einem Erlebnisse der Zeit, wo ich etwa

zehn bis elf Jahre alt war und in die Lateinschule unseres Städtchens ging.

Viel duftet mir da entgegen und rührt mich von innen mit Weh und mit

wohligen Schauern an, dunkle Gassen und helle, Häuser und Türme, Uhrschläge

und Menschengesichter, Stuben voll Wohnlichkeit und warmem Behagen, Stuben

voll Geheimnis und tiefer Gespensterfurcht. Es riecht nach warmer Enge,

nach Kaninchen und Dienstmägden, nach Hausmitteln und getrocknetem Obst.

Zwei Welten liefen dort durcheinander, von zwei Polen her kamen Tag und

Nacht.

Die eine Welt war das Vaterhaus, aber sie war sogar noch enger, sie umfaßte

eigentlich nur meine Eltern. Diese Welt war mir großenteils wohlbekannt,

sie hieß Mutter und Vater, sie hieß Liebe und Strenge, Vorbild und Schule.

Zu dieser Welt gehörte milder Glanz, Klarheit und Sauberkeit, hier waren

sanfte freundliche Reden, gewaschene Hände, reine Kleider, gute Sitten

daheim. Hier wurde der Morgenchoral gesungen, hier wurde Weihnacht

gefeiert. In dieser Welt gab es gerade Linien und Wege, die in die Zukunft

führten, es gab Pflicht und Schuld, schlechtes Gewissen und Beichte,

Verzeihung und gute Vorsätze, Liebe und Verehrung, Bibelwort und Weisheit.

Zu dieser Welt mußte unsre Zukunft gehören, so mußte sie klar und reinlich,

schön und geordnet sein.

Die andere Welt indessen begann schon mitten in unsrem eigenen Hause und

war völlig anders, roch anders, sprach anders, versprach und forderte

andres. In dieser zweiten Welt gab es Dienstmägde und Handwerksburschen,

Geistergeschichten und Skandalgerüchte, es gab da eine bunte Flut von

ungeheuren, lockenden, furchtbaren, rätselhaften Dingen, Sachen wie

Schlachthaus und Gefängnis, Betrunkene und keifende Weiber, gebärende Kühe,

gestürzte Pferde, Erzählungen von Einbrüchen, Totschlägen, Selbstmorden.

Alle diese schönen und grauenhaften, wilden und grausamen Sachen gab es

ringsum, in der nächsten Gasse, im nächsten Haus, Polizeidiener und

Landstreicher liefen herum, Betrunkene schlugen ihre Weiber, Knäuel von

jungen Mädchen quollen abends aus Fabriken, alte Frauen konnten einen

bezaubern und krank machen, Räuber wohnten im Wald, Brandstifter wurden von

Landjägern gefangen -- überall quoll und duftete diese zweite, heftige

Welt, überall, nur nicht in unsern Zimmern, wo Mutter und Vater waren. Und

das war sehr gut. Es war wunderbar, daß es hier bei uns Frieden, Ordnung

und Ruhe gab, Pflicht und gutes Gewissen, Verzeihung und Liebe -- und

wunderbar, daß es auch alles das andere gab, alles das Laute und Grelle,

Düstere und Gewaltsame, dem man doch mit einem Sprung zur Mutter entfliehen

konnte.

Und das Seltsamste war, wie die beiden Welten aneinander grenzten, wie nah

sie beisammen waren! Zum Beispiel unsre Dienstmagd Lina, wenn sie am Abend

bei der Andacht in der Wohnstube bei der Türe saß und mit ihrer hellen

Stimme das Lied mitsang, die gewaschenen Hände auf die glattgestrichene

Schürze gelegt, dann gehörte sie ganz zu Vater und Mutter, zu uns, ins

Helle und Richtige. Gleich darauf in der Küche oder im Holzstall, wenn sie

mir die Geschichte vom Männlein ohne Kopf erzählte, oder wenn sie beim

Metzger im kleinen Laden mit den Nachbarweibern Streit hatte, dann war sie

eine andre, gehörte zur andern Welt, war von Geheimnis umgeben. Und so war

es mit allem, am meisten mit mir selber. Gewiß, ich gehörte zur hellen und

richtigen Welt, ich war meiner Eltern Kind, aber wohin ich Auge und Ohr

richtete, überall war das andere da, und ich lebte auch im andern, obwohl

es mir oft fremd und unheimlich war, obwohl man dort regelmäßig ein

schlechtes Gewissen und Angst bekam. Ich lebte sogar zuzeiten am

allerliebsten in der verbotenen Welt, und oft war die Heimkehr ins Helle --

so notwendig und gut sie sein mochte -- fast wie eine Rückkehr ins weniger

Schöne, ins Langweiligere und Ödere. Manchmal wußte ich: mein Ziel im Leben

war, so wie mein Vater und meine Mutter zu werden, so hell und rein, so

überlegen und geordnet; aber bis dahin war der Weg weit, bis dahin mußte

man Schulen absitzen und studieren und Proben und Prüfungen ablegen, und

der Weg führte immerzu an der anderen, dunkleren Welt vorbei, durch sie

hindurch, und es war gar nicht unmöglich, daß man bei ihr blieb und in ihr

versank. Es gab Geschichten von verlorenen Söhnen, denen es so gegangen

war, ich hatte sie mit Leidenschaft gelesen. Da war stets die Heimkehr zum

Vater und zum Guten so erlösend und großartig, ich empfand durchaus, daß

dies allein das Richtige, Gute und Wünschenswerte sei, und dennoch war der

Teil der Geschichte, der unter den Bösen und Verlorenen spielte, weitaus

der lockendere, und wenn man es hätte sagen und gestehen dürfen, war es

eigentlich manchmal geradezu schade, daß der Verlorene Buße tat und wieder

gefunden wurde. Aber das sagte man nicht und dachte es auch nicht. Es war

nur irgendwie vorhanden, als eine Ahnung oder Möglichkeit, ganz unten im

Gefühl. Wenn ich mir den Teufel vorstellte, so konnte ich ihn mir ganz gut

auf der Straße unten denken, verkleidet oder offen, oder auf dem Jahrmarkt,

oder in einem Wirtshaus, aber niemals bei uns daheim.

Meine Schwestern gehörten ebenfalls zur hellen Welt. Sie waren, wie mir oft

schien, im Wesen näher bei Vater und Mutter, sie waren besser, gesitteter,

fehlerloser als ich. Sie hatten Mängel, sie hatten Unarten, aber mir

schien, das ging nicht sehr tief, das war nicht wie bei mir, wo die

Berührung mit dem Bösen oft so schwer und peinigend wurde, wo die dunkle

Welt viel näher stand. Die Schwestern waren, gleich den Eltern, zu schonen

und zu achten, und wenn man mit ihnen Streit gehabt hatte, war man nachher

vor dem eigenen Gewissen immer der Schlechte, der Anstifter, der, der um

Verzeihung bitten mußte. Denn in den Schwestern beleidigte man die Eltern,

das Gute und Gebietende. Es gab Geheimnisse, die ich mit den verworfensten

Gassenbuben weit eher teilen konnte als mit meinen Schwestern. An guten

Tagen, wenn es licht war und das Gewissen in Ordnung, da war es oft

köstlich, mit den Schwestern zu spielen, gut und artig mit ihnen zu sein

und sich selbst in einem braven, edlen Schein zu sehen. So mußte es sein,

wenn man ein Engel war! Das war das Höchste, was wir wußten, und wir

dachten es uns süß und wunderbar, Engel zu sein, umgeben von einem lichten

Klang und Duft wie Weihnacht und Glück. O wie selten gelangen solche

Stunden und Tage! Oft war ich beim Spiel, bei guten, harmlosen, erlaubten

Spielen, von einer Leidenschaft und Heftigkeit, die den Schwestern zu viel

wurde, die zu Streit und Unglück führte, und wenn dann der Zorn über mich

kam, war ich schrecklich und tat und sagte Dinge, deren Verworfenheit ich,

noch während ich sie tat und sagte, tief und brennend empfand. Dann kamen

arge, finstere Stunden der Reue und Zerknirschung, und dann der wehe

Augenblick, wo ich um Verzeihung bat, und dann wieder ein Strahl der Helle,

ein stilles, dankbares Glück ohne Zwiespalt, für Stunden oder Augenblicke.

Ich ging in die Lateinschule, der Sohn des Bürgermeisters und des

Oberförsters waren in meiner Klasse und kamen zuweilen zu mir, wilde Buben

und dennoch Angehörige der guten, erlaubten Welt. Trotzdem hatte ich nahe

Beziehungen zu Nachbarsknaben, Schülern der Volksschule, die wir sonst

verachteten. Mit einem von ihnen muß ich meine Erzählung beginnen.

An einem freien Nachmittag -- ich war wenig mehr als zehn Jahre alt --

trieb ich mich mit zwei Knaben aus der Nachbarschaft herum. Da kam ein

größerer dazu, ein kräftiger und roher Junge von etwa dreizehn Jahren, ein

Volksschüler, der Sohn eines Schneiders. Sein Vater war ein Trinker und die

ganze Familie stand in schlechtem Ruf. Franz Kromer war mir wohl bekannt,

ich hatte Furcht vor ihm, und es gefiel mir nicht, als er jetzt zu uns

stieß. Er hatte schon männliche Manieren und ahmte den Gang und die

Redensarten der jungen Fabrikburschen nach. Unter seiner Anführung stiegen

wir neben der Brücke ans Ufer hinab und verbargen uns vor der Welt unterm

ersten Brückenbogen. Das schmale Ufer zwischen der gewölbten Brückenwand

und dem träg fließenden Wasser bestand aus lauter Abfällen, aus Scherben

und Gerümpel, wirren Bündeln von verrostetem Eisendraht und anderem

Kehricht. Man fand dort zuweilen brauchbare Sachen; wir mußten unter Franz

Kromers Führung die Strecke absuchen und ihm zeigen, was wir fanden. Dann

steckte er es entweder zu sich oder warf es ins Wasser hinaus. Er hieß uns

darauf achten, ob Sachen aus Blei, Messing oder Zinn darunter wären, die

steckte er alle zu sich, auch einen alten Kamm aus Horn. Ich fühlte mich in

seiner Gesellschaft sehr beklommen, nicht weil ich wußte, daß mein Vater

mir diesen Umgang verbieten würde, wenn er davon wüßte, sondern aus Angst

vor Franz selber. Ich war froh, daß er mich nahm und behandelte wie die

andern. Er befahl, und wir gehorchten, es war, als sei das ein alter

Brauch, obwohl ich das erstemal mit ihm zusammen war.

Schließlich setzten wir uns an den Boden. Franz spuckte ins Wasser und sah

aus wie ein Mann; er spuckte durch eine Zahnlücke und traf, wohin er

wollte. Es begann ein Gespräch, und die Knaben kamen ins Rühmen und Großtun

mit allerlei Schülerheldentaten und bösen Streichen. Ich schwieg und

fürchtete doch, gerade durch mein Schweigen aufzufallen und den Zorn des

Kromer auf mich zu lenken. Meine beiden Kameraden waren von Anfang an von

mir abgerückt und hatten sich zu ihm bekannt, ich war ein Fremdling unter

ihnen und fühlte, daß meine Kleidung und Art für sie herausfordernd sei.

Als Lateinschüler und Herrensöhnchen konnte Franz mich unmöglich lieben,

und die beiden andern, das fühlte ich wohl, würden mich, sobald es darauf

ankäme, verleugnen und im Stich lassen.

Endlich begann ich, aus lauter Angst, auch zu erzählen. Ich erfand eine

große Räubergeschichte, zu deren Helden ich mich machte. In einem Garten

bei der Eckmühle, erzählte ich, hätte ich mit einem Kameraden bei Nacht

einen ganzen Sack voll Äpfel gestohlen, und nicht etwa gewöhnliche, sondern

lauter feinste Reinetten und Goldparmänen, die besten Sorten. Aus den

Gefahren des Augenblicks flüchtete ich mich in diese Geschichte, das

Erfinden und Erzählen war mir geläufig. Um nur nicht gleich wieder

aufzuhören und vielleicht in Schlimmeres verwickelt zu werden, ließ ich

meine ganze Kunst glänzen. Einer von uns, erzählte ich, hatte immer

Schildwache stehen müssen, während der andre im Baum war und die Äpfel

herunterwarf, und der Sack sei so schwer gewesen, daß wir ihn zuletzt

wieder öffnen und die Hälfte zurücklassen mußten, aber wir kamen nach einer

halben Stunde wieder und holten auch sie noch.

Als ich fertig war, hoffte ich auf einigen Beifall, ich war zuletzt warm

geworden und hatte mich am Fabulieren berauscht. Die beiden Kleinern

schwiegen abwartend, Franz Kromer aber sah mich aus halb zugekniffenen

Augen durchdringend an und fragte mit drohender Stimme: »Ist das wahr?«

»Jawohl,« sagte ich.

»Also wirklich und wahrhaftig?«

»Ja, wirklich und wahrhaftig,« beteuerte ich trotzig, während ich innerlich

vor Angst erstickte.

»Kannst du schwören?«

Ich erschrak sehr, aber ich sagte sofort Ja.

»Also sag: Bei Gott und Seligkeit!«

Demian: Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend · 第 1 / 7 题