Die aufgewiesene Dynamik des Umbruchs in Wissenschaft und Philosophie
steht im Zusammenhang mit der zugrundeliegenden Struktur jener
Lebenspraxis, die die Abkehr von der Schriftkultur herbeigeführt hat.
Beide weisen eine Rationalität auf, die die praktischen Erfahrungen
zu überzeugenden Schlußfolgerungen (gelegentlich auch logische
Schlüsse genannt) und zu Aussagen über zukünftige Ereignisse (in
Natur und Gesellschaft), bis hin zu deren Beeinflussung und Kontrolle
führt. Rationalität hängt insofern mit Effizienz zusammen, als sie
bei der Auswahl der Mittel zur Erreichung bestimmter Zwecke mitwirkt
oder bei der Abwägung der Voraussetzungen, die zu bestimmten
Handlungsweisen führt. Rationalität ist zielorientiert. Vernunft
dagegen ist wertorientiert; sie begleitet den Menschen bei der
Entfaltung seiner Identität unter dem Gesichtspunkt der
Angemessenheit. Rationalität und Vernunft bedingen sich gegenseitig.
An den Achsen richtig und falsch, gut und schlecht wird menschliches
Handeln und Empfinden in der unter dem Schutz der Schriftkultur
entworfenen Matrix von Leben und Arbeit dargestellt.
Der Prozeß, in dem Rationalität und Vernunft zu Merkmalen der
menschlichen Selbstkonstituierung werden, ist lang und mühsam.
Menschen, die sich in unterschiedlichen Lebenszusammenhängen
bestimmen, gehen ein Netz von Abhängigkeiten und Verbindungen ein.
In einer begrenzten Skala des Daseins finden Vernunft und
Rationalität zusammen. Sie entwickelten sich jedoch bald schon
unabhängig voneinander, bereits in den frühen Siedlungs- und
Bewirtschaftungsformen wurde man sich der Unterschiede in den Zielen
und Mitteln beider Prinzipien bewußt, bis dann in der Kulturphase, in
der Werkzeuge und andere Gegenstände hergestellt wurden, Vernunft und
Rationalität getrennte Wege einschlugen. Mit dem Aufkommen der
Wissenschaften schließlich gerieten beide nicht selten in Konflikt
miteinander: Manches kann richtig, muß aber nicht gleichzeitig gut
sein. Es gibt eine Rationalität (zielorientiert auf Vermehrung von
Besitz und Vermeidung von Verlust gerichtet), die sich den Anschein
der Vernunft gibt--Handlungen zur Unterstützung jener Kräfte, die
Natur und Materie unter Kontrolle bringen. Parallel zur Wissenschaft
manifestierten sich Magie und Aberglaube--Alchemie, Astrologie,
Zahlenmystik--mit dem Ziel, den sich nach den Maßstäben des Guten
entfaltenden Menschen mit der ihn behausenden Welt zu versöhnen.
In einigen Kulturkreisen förderte die Rationalität einen Hang, die
Natur zu bearbeiten, zu verändern und letztendlich zu
beherrschen--also: die Natur einem gewünschten Ordnungsprinzip zu
unterwerfen. Die Vernunft hingegen suchte nach praktischen
Möglichkeiten, das Verhältnis zwischen Mensch und Natur zu
harmonisieren.
Die Schrift diente beiden. In ihr wurde Sprache zu einer Gußform für
neue Erfahrungen, einem Hort für Wissen und einem wirksamen
Instrument zur Evaluation und Selbstevaluation. Fast alle auf die
Schrift hinführenden menschlichen Leistungen ergaben sich aus den
schriftlichen Formen der Identitätskonstituierung. Die
wissenschaftliche Revolution und die Neubestimmung der
Geisteswissenschaften (besonders der Philosophie) im 16. und 17.
Jahrhundert sind fest in der Lebenspraxis verwurzelt, die notwendig
zur Schrift hinführte. Diese Entwicklung wird üblicherweise mit drei
Errungenschaften verknüpft:
1. der Entstehung eines neuen Weltbildes, das sich wissenschaftlich
in der heliozentrischen Astronomie und philosophisch als radikal
verändertes, diesseitsorientiertes Menschenbild äußerte;
2. der mathematischen Beschreibung von Bewegung;
3. einer neuen Begrifflichkeit für die Mechanik.
Die in diesen Leistungen zutage tretende naturwissenschaftliche und
humanistische Erneuerung gab den eigentlichen Anschub für die
industrielle Revolution. Der Wandel von der Agrarwirtschaft als
Ausdruck einer relativ begrenzten Bevölkerungs- und Arbeitsskala zu
industrieller Produktion erhöhte die Effizienz in einer Größenordnung,
die die in jener Zeit erreichte kritische Masse der
Menschheitsentwicklung widerspiegelt.