Weiter, weiter! Da drüben liegt ja das Bruch, die Suhle.

Wieder schlägt tiefer Schatten über ihm zusammen. Es ist doch besser in

dieser Dunkelheit. Hier im Bruch weht es kühl, Moorduft liegt über dem

gurgelnden Boden.

Dann tut er sich im schwarzen Ellernwasser nieder. Jetzt hat er

wenigstens vor den Fliegen Ruhe. Sie können nicht an die rote Stelle

in den Flanken, die liegt im Nassen. Es zwingt ihn, die Lichter zu

schließen; den Äser berührt die schlammige Flut. Bei jedem Atemzuge

gurgelt sie und trübt sich von neuem.

So hat er manchen Sommertag gelegen, wenn im Bestande die Hitze, in der

Dickung die Mückenqual zu unerträglich war. Hier fand er stets Frieden

und Kühlung und Schlummer.

Er schläft nicht, aber seine Lider sind in behaglichem Träumen

geschlossen. Er träumt nicht, aber er ist ohne Bewußtsein. Nur das

Kühlende verspürt er, die Feuchtigkeit vor dem Äser.

Ganz still ist der Wald, still wie die Stube, in der ein Wiegenkind

schlummert. Man vernimmt keine Axt, keines Menschen Ruf. Und von Getier

ist nur die Hummel wach, die draußen im Schlag um den Salbei burrt, und

der Schwarzspecht, der in ferner Eichenkrone seinen wehen Einsamschrei

tut.

Aber weit drüben in der Dickung, wo die Schwüle ganz eng

zusammengedrückt liegt, da steht jetzt der graue Mann mit dem grauen

Bart, und an ihm zieht ein glatter Hund, so rot wie ein Hirsch, ein

Hund mit schwermütigen Augen und nachdenklicher Stirn – der Todeshund,

der die Spur des langsamen Sterbens findet und bis ans Ende ausläuft.

Er senkt die Nase tief in die Streu: da liegen rotklebrige Tropfen,

kleine Lachen, aus denen Schwärme funkelnder Fliegen aufbrummen. Allein

Mann wie Hund lassen sich nicht irremachen. Der Graue bückt sich,

prüft, wendet, beriecht die rotgetränkten Fallnadeln. Dann lobt er den

ungeduldigen Gesellmann: »So recht, mein Hund – such verwund’t!«

Dem Hirsche kriecht eisige Starre von den Läufen her immer höher, immer

näher ans Herz heran. Schon sind seine Gelenke steif, nur im Leibe geht

noch kochende Hitze um. Dann erfaßt Kälte auch die Muskeln. Sie tastet

sich spinnebeinig das Rückenmark entlang, umlauert das sprunghaft

schlagende Herz. Plötzlich greift sie zu. Das krallt und krampft,

schwarzes Wasser spritzt von schlagenden Läufen, Schlamm fliegt umher.

Noch einmal hebt der Sterbende das gekrönte Haupt, in der Drossel

raucht’s und gurgelt’s, steil nach unten neigen sich die Stangen –

und nun schießt ein warmer Strom durch den zitternden Leib, die Läufe

strecken sich hart, kleine Wellen schauern an ihnen hin.

Es ist vorbei. Schwer fällt das Haupt ins klatschende Moorwasser: eine

Stange liegt im Schlamm, die andere ragt zackig empor.

Hoch überm Walde steht der heilige Mittag.

Friedrich von Gagern

Auf der Wacht

Mein Vater litt zu jener Zeit an einer langwierigen Krankheit. Es war

selten wer um ihn als sein ältestes Söhnlein. Auch der Jäger Wolf saß

zuweilen neben auf der Ofenbank und freute sich, wenn dem Kranken der

gespendete Wildbraten recht mundete. Und der Wildbraten stellte meinen

Vater richtig soweit wieder her, daß dieser eines Tages, es war im

August um die Zeit des Maria-Himmelfahrtsfestes, zu mir sagte: »Bub,

jetzt werd ich doch endlich wieder was anfangen müssen. Was meinst, zum

Korbflechten wär ich wohl stark genug?«

Und am nächsten Tage gingen wir schon zur Morgenfrühe aus und gegen die

sogenannte Wildwiese hinauf, wo viele Weiden wuchsen. Die Wildwiese war

oben in den hinteren Waldungen. Oft blieb mein Vater unterwegs stehen,

stützte sich auf seinen Stock, schöpfte Luft, und dann fragte er mich

immer, ob ich ein Schnittchen Brot beißen wolle.

Als wir über die Schafhalde hinaufgekommen waren, wo der junge

Lärchenanwuchs noch im Morgentaue stand, sahen wir im Dickichte einen

Mann dahinhuschen, der ein Stück Hochwild über der Achsel trug und

etwas wie ein Schießgewehr hinter sich herschleppte. Er duckte sich so

sehr, daß nur ein paar kohlschwarze Haarfetzen von seinem Haupte zu

sehen waren.

Als diese Gestalt vorüber war, blieb mein Vater wieder stehen und

sagte: »Hast geguckt? Das ist der schwarz’ Toni gewesen.«

Der schwarz’ Toni war ein Mann, vor dem sie überall die Türen

verriegelten.

»Ja, Kind,« sagte der Vater, als wir uns auf den Stamm eines gefallenen

Baumes gesetzt hatten, »ist hart für einen Menschen, dem’s so geht wie

dem Toni. Der hat sein Lebtag nicht Vater und Mutter gesehen. Als Kind

ist er aus dem Findelhause in unsere Gegend gebracht worden. Freilich

nicht aus christlicher Barmherzigkeit, sondern des Geldes wegen, das

für ihn ausgezahlt worden, hat ihn ein Köhlerweib an Kindesstatt

genommen. Halb erwachsen, hat sich der Toni im Wald herumgetrieben,

kein Mensch hat sich an ihn gekehrt; so ist er verwahrlost und

verwildert. Wie das Köhlerweib sieht, der Ziehsohn bringe nur Schande,

so hat sie gesagt: »Toni, du Lump, bei mir bist nimmer daheim!« – »Wo

denn?« hat sie drauf der Toni gefragt, aber überall, wo er angeklopft,

ist ihm die Tür verschlossen gewesen. Mögen ihn die Menschen nicht,

so gibt er sich mit den Tieren ab – verlegt sich aufs Wildern. Vor

einem Jahr hat ihn der Jäger Wolf in das Zuchthaus gebracht; aber jetzt

wieder frei, mag ihm kein Mensch gern begegnen, gleichwohl ich nicht

glaub, daß er wem was zuleide tät. Schlecht, sag ich, ist er nicht,

aber verkommen durch und durch; und so, mein Büblein, wird oft ein

Mensch hinausgestoßen auf die schiefe Straßen, und so rutscht er ab und

kann sich nicht mehr halten.«

Nach diesen Worten schritten wir wieder langsam dahin, und nachdem

wir durch viel Wald und schattendunkle Schluchten gegangen waren,

kamen wir endlich zur Lichtung der Wildwiese. Teilweise lag sie noch

im Schatten des Teufelssteinberges; die Bachweiden aber, die in einer

langen Reihe hin standen und sich über ein stillrieselndes Wässerlein

wölbten, schimmerten in dem lichten Sonnentag, als ob sie alle silberne

Blätter hätten. Die Wiese war bereits gemäht und das Heu fortgebracht;

sehr still und verlassen lag die Matte. An den Rändern wuchsen blaue

Enzianglocken, und es war schon die Zeitlose da.

Wir kamen um die Weidenruten, die am Bache standen. Wir gingen quer

über die Wiese bis hin zum Rande, wo wieder die sehr hohen Fichten

des Waldes begannen und wo ein rot angestrichenes Kreuz stand, dessen

Dachbrettchen reichlich mit Moos bewachsen waren. Hier wollten wir vor

der Arbeit uns ein wenig setzen, auf die Bäume hinausschauen und ein

Stück Brot verzehren.

Aber noch ehe der Vater sich niederließ, sah er lange und unverwandt

auf eine Stelle hin.

Am Fuße einer Weißtanne lag ein Mann. Ein Jägersmann mit einem

Schießgewehr; die Locken gingen ihm über Stirn und Auge, man wußte

nicht, ob er denn wirklich so fest schlafe, als es aussah.

Mein Vater trat endlich hinzu, schob aber mich mit der Hand hinter sich

zurück. Dann sahen wir es: Der Mann lag in einer Blutlache; der aus

einer Halswunde sprudelnde Quell war bereits gestockt.

Mein Vater legte die Hände ineinander und sagte ganz leise: »Jetzt

haben sie da den Jäger Wolf erschlagen!«

Als ich hierauf zu weinen begann, hob mich mein Vater empor zu

seiner Brust; und wie ruhig er auch scheinen wollte, ich hab es doch

wahrgenommen, wie sein Herz so heftig schlug.

Dann untersuchte er den Erschlagenen – die Augen waren gebrochen, die

Lippen fahl wie trocken Erdreich – das Leben war dahin.

»Mit dem Weidenschneiden ist es heute nichts,« sagte mein Vater, »jetzt

muß einer von uns Leute holen, daß sie den Wolfgang wegtragen; und der

andere wird dieweilen dableiben müssen. Einen Toten kann man nicht

allein lassen, solange er nicht im Grabe ruht. Es könnte auch leicht

ein Tier über ihn kommen. Das beste wird sein, ich holpere hinaus in

den Brandgraben zu den Holzknechten, und du setzest dich schön still da

unter das Kreuz.«

Mir gab’s einen Stich im Herzen. Wie konnte mir mein Vater das antun,

mich stundenlang allein lassen im Walde bei einem Toten! Aber ich wußte

den Weg nicht und hätte die Holzknechte nicht gefunden.

»Freilich, Büblein, ist das ein trauriges Warten da,« fuhr er fort,

»aber wachen muß wer dahier, diese christliche Lieb müssen wir dem Wolf

schon erweisen.«

Ich starrte auf den Toten.

Mein Vater zog seine kleine Axt aus dem Gürtel, mit welcher er die

Weidenruten hauen wollte, und fällte nun Äste von den Bäumen und hüllte

den Jägersmann mit Reisig ein. Dann kniete er nieder vor der grünen

Bahre und betete still ein Vaterunser. Und als er sich wieder erhob,

sagte er: »Und jetzt, mein Knabe, tu unserem Mitbruder den Liebesdienst

und wache! Die Axt laß ich dir da, die halt fest. Fuchsen und Raben

können leicht kommen; andere Raubtiere weiß ich in der Gegend nicht.

Bis zu den Weiden dort magst hingehen, aber weiter weg nicht. Ich

will recht eilen; bis die Schatten anheben zu wachsen, wird schon wer

kommen!«

Dann legte er für mich noch Brot unter ein Bäumchen, und dann ging er

davon. Er ging hin quer über die Wiese, wie wir hergegangen waren, und

er verschwand in dem Dunkel des Waldes.

Nun war ich allein auf der umwaldeten Wiese, und das milde Sonnenlicht

war ausgegossen über die einsame Matte, über die glitzernden Weiden und

über den stillen Reiserhügel am Waldrande. Ich wollte nicht hinblicken

auf die seltsame Bahre; ich schritt gegen das Weidengebüsche, aber mein

Auge wendete sich immer wieder zurück zum roten Kreuze und zu dem, was

daneben lag.

Der arme Jäger Wolf! Ich wußte es noch recht gut, wie er vor wenigen

Jahren mit seiner Braut und seinem Hochzeitszuge an unserem Hause

vorübergezogen war. Die Waldhörner und die Böller schallten, daß die

Fenster unseres Hauses klirrten. Der Wolf war ein hübscher Bursche

gewesen; einen großen Strauß trug er auf dem Hut, und ein rotes Band

ging nieder über seinen Nacken, wo jetzt die Blutstrieme war. –

Ich ging den Weidenbüschen entlang. Manches Zweiglein regte sich und

zitterte fort und fort. Hie und da schnellte ein Heupferdchen. Ich bog

die Äste auseinander und blickte in das Wässerlein; das stand still

unter dem dichten Flechtwerke und glitzerte kaum. Ein großgefleckter

Molch kroch hervor und nahm seine Richtung gegen mich; da floh ich

entsetzt davon.

Dann begann ich mit meinen kurzen Schritten die Schatten der Bäume

zu messen – bis diese zu wachsen anheben, kommen die Leute. – Noch

aber wurden sie kürzer und kürzer. Die Sonne stand hoch über dem

Teufelsstein, und über dem Talgrunde lag ein bläulicher Duft.

Ich kehrte wieder zum Kreuze zurück und setzte mich auf den Stein, auf

welchem sonst andächtige Waldwanderer knien. Das Kreuz war hoch und

hatte keinen Heiland. Weit streckte es seine Arme aus, als wollte es

den Wald umfangen.

Ich wendete mich von dem Pfahle und von dem Bahrhügel und sah hin gegen

den Bergrücken des Teufelssteins. Die Himmelsglocke lag in mattem

Blau, kein Vogel und kaum eine Mücke war vernehmbar. Es war ein fast

traumhafter Frühherbstmittag, durchklungen von einer ewigen Stille. –

Wildschützen haben ihn erschossen. Ich ging über die Wiese und sagte

mir, wenn ich zehnmal über die Wiese gegangen sein würde, dann wollte

ich wieder den Schatten messen. Aber der Schatten duckte sich noch mehr

unter die Bäume als früher.

Dann ging ich hin zu der verhüllten Leiche des Weidmannes und stand

lange vor derselben; ich fühlte kaum ein Schauern mehr. Dann setzte ich

mich wieder unter das Kreuz und aß ein Schnittchen Brot. Da hörte ich

plötzlich ein Knistern; ein Reh stand und guckte durch das Gestämme.

Zuletzt kam das Tier gar zu dem Reisighügel heran und schnupperte;

vor diesem Jägersmanne fürchtete es sich nicht mehr. Erst als es den

Pulvergeruch des Gewehrlaufes gewahrt haben mochte, wendete es sich mit

großen Sätzen dem Dickichte zu.

Endlich, als ich wieder den Schatten maß, hatte er sich um ein Weniges

gedehnt. Ich mußte ja doch schon viele Stunden auf der Wildwiese

geweilt haben.

Wie immer, so hatte mein Vater auch diesmal recht. Ich hörte einen

getragenen Schall und Widerhall im Walde. Es nahten Menschen. Doch

nicht die Holzknechte waren es, die um den Wolfgang kommen sollten,

sondern quer über die Wiese her kam ein junges Weib, das trug einen

Korb am Rücken und führte ein etwa dreijähriges Kind am Arm. Sie sangen

ein lustiges Kinderlied, und das kleine Mädchen lachte dabei und hüpfte

flink über das weiche Gras.

Ich erkannte die Nahenden bald, es waren das Weib und das Kind des

erschlagenen Jägers Wolf.

Sie kamen heran, und als sie mich sahen, sagte die Jägerin zum Mädchen:

»Schau, Agatha, da beim Kreuz sitzt ein Bub, der betet ein Vaterunser;

das ist gar ein braver Bub.«

Dann kniete sie hin auf den Stein, legte die Hände zusammen und betete

auch. Das Kind tat desgleichen und war gar ernsthaft dabei.

Mir war unbeschreiblich weh. Wie hätte ich sagen können, was unter dem

Reisig lag! Ich ging abseits gegen die Weiden.

»So, mein Herz,« sagte das Weib hierauf zur Kleinen, »jetzt geh ich

Enziankraut schneiden, du setz dich dieweilen da auf das G’reisigbrett

und brocke dir Zäpfchen ab. Hernach kommt der Vater vom Teufelsstein

herab, und hernach setzen wir uns zusammen und essen den Schottenkäs,

den ich im Korb hab, und hernach hopsen wir lustig miteinander heimzu.«

Und sie setzte das Kind auf den Reisighaufen – auf die Bahrstätte des

Vaters. Dann ging sie mit dem Korb gegen den Wiesenrain, wo Gebüsche

von Enzian standen. Von dort aus rief sie mich an, was ich denn so

allein mache auf der Wildwiese, ob ich mich verirrt hätte oder etwa

Ziegen suchte?

Ich wußte keine Antwort, deutete auf einen großen, schneeweißen

Schmetterling und sagte: »Jetzt schau das Tier an, wie’s herumfliegt;

schau, wie’s fliegt!«

»Bist ein rechter Närrisch, du!« versetzte die Jägerin lachend und ging

an ihre Arbeit.

Die kleine Agatha spielte auf dem Reisighügel, sie zupfte an den

Zweigen und wühlte in denselben und nestelte etwas hervor. Endlich

wurde ihr bang, und sie hub an nach der Mutter zu rufen.

Nach einer Weile kam das Weib heran, da hielt ihm das Kind einen Ring

entgegen und sagte: »Schau, das hab ich gefunden, das ist des Vaters!«

Die Jägerin tat einen hellen Ruf: »Kind, wie kommst du zu diesem Ring?«

Die Kleine lachte vergnügt.

Das Weib hub das Kind auf die Erde, warf einen Blick auf das Gezweige

und stieß einen gellenden Schrei aus. Sie sah durch das Reisig eine

Menschenhand.

Wie wütend stürzte sie hin auf die Schichtung und raffte die grünen

Zweige auseinander – mit Hast und heißer Angst –, dann sank sie zurück

und schlug sich die flachen Hände in das Antlitz. Vor ihr lag im Blute

erstarrt ihr gemordeter Gatte. –

Zur selben Stunde gingen zwei Holzhauer über die Wiese und brachten

eine Tragbahre mit. Zuerst knieten sie vor dem Toten und beteten still,

dann hoben sie ihn auf die Bahre, legten das Gewehr an seine Seite und

trugen ihn davon.

Der Korb blieb stehen bei dem Enziangebüsche, das Weib folgte der

Bahre; es sagte kein Wort, es vergoß keine Träne, es trug das spielende

Mädchen auf dem Arm. Das blasse, starre Angesicht der Gattin, das

rotwangige, helläugige Lockenköpfchen des Kindes hinter der Bahre her –

das mag ich nimmermehr vergessen.

Ich bin auch hinterdrein gegangen. Die Weiden standen in ihrem

wässerigen Schimmer; die Schatten der Tannen lagen hingestreckt

über die ganze Wiese. Das rote Kreuz ragte regungslos im Dunkel des

Waldrandes.

[Illustration]

Die Bahre schwankte dem entfernten Jägerhause zu. Ich ging gegen unser

Gehöfte. Als ich zu demselben hinabkam, führten handfeste Burschen

einen wüst aussehenden Mann herbei. Es war der schwarz’ Toni. Da wir

ihn am Morgen im Lärchenanwuchs gesehen, so hatte mein Vater auf seine

Spur gewiesen. Der Richter kam, und unter der großen Esche, die vor

unserem Hause stand, wurde das Verhör gehalten. Der Toni war geständig,

den Jäger Wolfgang aus Rache erschossen zu haben. Hierauf wurde

der Bursche in Ketten gegen die Stadt geführt, aus der er einst als

Wickelkind gekommen war.

Als ich in die Stube kam, saß mein Vater an seinem Bette. Er war sehr

bewegt, hub mich zu sich auf das Knie und sagte: »Bübel, das ist

ein böser Tag gewesen. Deinetwegen ist mir ein Stein auf dem Herzen

gelegen.«

Wir gingen in jenem Jahre nicht mehr hinauf zur Wildwiese. Seither

aber bin ich wohl mehrmals auf derselben gewesen. Die Weiden glitzern,

die hohen Fichten stehen noch heute – und ihr Schatten schwindet und

wächst, wie das trübe Erdengeschick, und ihr Schatten wächst und

schwindet, wie das menschliche Leben.

Peter Rosegger

Mondwanderung

»Der Förster ging zu Fest und Schmaus!« –

Der Wildschütz zieht in den Wald hinaus.

Es schläft sein Weib mit dem Kind allein,

Es scheint der Mond ins Kämmerlein.

Und wie er scheint auf die weiße Wand,

Da faßt das Kind der Mutter Hand.

»Ach, Mutter, wo bleibt der Vater so lang,

Mir wird so weh, mir wird so bang!«

»Kind, sieh nicht in den Mondenschein,

Schließ deine Augen, schlaf doch ein.«

Der Mondschein zieht die Wand entlang,

Er schimmert auf der Büchse blank.

»Ach, Mutter! und hörst den Schuß du nicht?

Das war des Vaters Büchse nicht!«

»Kind, sieh nicht in den Mondenschein,

Das war ein Traum, schlaf ruhig ein.« –

Der Mond scheint tief ins Kämmerlein

Auf des Vaters Bild mit blassem Schein.

»Herr Jesus Christus im Himmelreich!

O Mutter, der Vater ist totenbleich!«

Und wie die Mutter vom Schlummer erwacht,

Da haben sie tot ihn heimgebracht.

Robert Reinick

Wo Bismarck liegen soll

Nicht in Dom oder Fürstengruft,

Er ruh in Gottes freier Luft

Draußen auf Berg und Halde,

Noch besser tief, tief im Walde;

Widukind lädt ihn zu sich ein:

»Ein Sachse war er, drum ist er _mein_,

Im _Sachsenwald_ soll er begraben sein.«

Der Leib zerfällt, der _Stein_ zerfällt,

Aber der Sachsenwald, der hält,

Und kommen nach dreitausend Jahren

Fremde hier des Weges gefahren

Und sehen, geborgen vorm Licht der Sonnen,

Den Waldgrund in Efeu tief eingesponnen,

Und staunen der Schönheit und jauchzen froh,

So gebietet einer: »Lärmt nicht so! –

_Hier unten liegt Bismarck irgendwo._«

Theodor Fontane

Als die hellen Nächte waren

Der Sommer war heiß gewesen. Das Moos des Waldbodens war fahl und

spröde geworden, und zwischen den Halmgerippen der Gräser sah man auf

den grauen Erdboden. Neben den dürren Nadeln des Waldbodens lagen tote

Ameisen und Käfer. Die Steine in den Betten der Bäche waren trocken und

weiß wie Elfenbein. Wo dazwischen noch ein Tümplein stand, da starb

darin eine Forelle oder ein anderes Tier des Wassers.

Die Luft war dicht, und die Berge – auch die nahen – waren blaß. Die

Sonne war des Morgens rot wie das verdorrte Blatt einer Buche, dann

blaß und glanzlos, so daß man ihr ins Gesicht sehen konnte. Matt kroch

sie hin über die graue Wüste des Himmels, als wäre sie erschöpft vor

Durst. Gegen Abend stiegen häufig scharfgeränderte, glänzende Wolken

auf; die Leute fingen zu hoffen an, aber es kam ein Luftzug, und am

anderen Morgen waren die Wolken vergangen und der nächtliche Tau

aufgesogen.

Draußen im Dorfe wurde ein Bittag um Regen angeordnet. Da strömten

aus unserem Walde die Leute davon, nur der alte Knecht Markus und ich

blieben im einsamen Hause, und der Knecht sagte zu mir: »Wenn das schön

Wetter gar ist, wird’s regnen, was hilft der Bittag! Wenn uns ein

Herrgott hergesetzt hat, so wird er keinen schwachen Kopf haben und

unser vergessen. Und hat er keinen Kopf, so daß er die Welt nur mit den

Händen zusammenstellt und mit den Füßen auseinandertritt, nun, so hat

er auch keine Ohren. Wofür hernach das Geschrei! Sagst du’s nicht auch,

Bübel?«

Leute, was läßt sich drauf sagen! »Der Knecht Markus ist ein alter

Spintisierer« – das läßt sich drauf sagen.

Jetzt sprang der Riegelberger Halter zur Tür herein. Er war vor

Aufregung sprachlos, durch das Fenster wies er mit beiden Zeigefingern

auf den Rücken des Filnbaumwaldes hin. Der Knecht sah es und schlug die

Hände zusammen.

Dort hinter dem Waldrücken stieg ein ungeheurer Wirbel von rotem Rauch

auf und verfinsterte den Himmel.

»Das kann ein Unglück geben!« rief der Markus, langte nach einer Axt

und eilte davon.

Der Rauch flutete immer heftiger auf und wurde immer breiter und

dichter. Ich fing doch das Geschrei an, dem der Knecht keine Bedeutung

beilegen wollte. Es hatte auch keine, wie sich’s wies.

An den sonnigen Lehnen des Filnbaumschlages war’s gewesen, wo das dürre

Gestrüppe lag. Nahe, wo der halbverdorrte Lärchenanwachs begann, war

die Flamme entstanden, kein Mensch wußte wie. Zuerst mochte sie leicht

hingehüpft sein von Reisig zu Reisig, dann empor von Ast zu Ast mit

flatternden Flügeln. Sachte entfaltet das Element seine wilde Gewalt,

seine roten, siegreichen Fahnen. Der Wald wird höher und dichter,

an dem Geäste hängen lange Moosflechten nieder, und die vor wenigen

Jahren von einem schweren Hagelschlage geschädigten Stämme sind harzig

bis hinauf zu den Wipfeln. Hei, wie die feurigen Zungen lechzen und

emporlodern! Und in den Gründen züngeln sie wie ein Schlangengezücht,

und allerseits beginnt sich ein fürchterliches Leben zu entwickeln.

Die wenigen Holzhauer rennen in Verwirrung herum und fluchen und rufen

nach Hilfe. Aber der Wald und seine Hütten sind menschenleer, alles

ist bei der Bittprozession. Bis sie nach Stunden endlich kommen, ist

der Hochwald im Brande. Das ist ein Fiebern und Zittern in der Luft,

ein Krachen und Prasseln weithin; Äste stürzen nieder, Stämme brechen

zusammen und sprühen noch einmal auf in den wogenden Rauch. Neu und

frisch blasen glühende Luftströme durch das Gehölz; die Flammen

erzeugen sich selbst den Sturm, auf dem sie fahren. O gewaltiges,

nimmersattes Element! Es zehrt, so lange es lebt, und lebt, so lange es

zehrt, es verzehrt die Welt, und wenn sie erreichbar, tausend Welten,

und hat nimmer genug. Keine Macht kann so ins Unendliche wachsen wie

das Feuer, darum stellt es der Seher als den letzten Sieg über alles

dar, als den Herrscher in Ewigkeit.

Die Menschen arbeiteten und arbeiteten; manchen trugen sie halb

verbrannt von dannen. Der Knecht Markus sah die Folgen, aber er

jammerte nicht, und er verzagte nicht, er war die stille, die ruhige

Tat. Schon begannen seine harzigen Kleider Feuer zu fangen, da eilte

er hinab zum Bachbett und wälzte sich im Sand, bis sich dieser an alle

Teile seines klebrigen Anzuges gelegt hatte. Nun war er gepanzert.

Äste haute er ab, Bäume hieb er um – o Gott, das schlug nicht an.

Der glühende Strom brauste weiter; die kahlen Äste in der Runde, die

rotnadeligen Zweige harrten schon der nahenden Flammenbraut und huben

noch früher zu brennen an, als sie der erste Kuß erreichte.

Nun suchten die Arbeiter, die von allen Seiten herbeigekommen waren,

den Flammen einen Vorsprung abzugewinnen und ihnen durch breite

Abstockungen eine Grenze zu setzen, aber es teilte sich der Brand in

Arme nach verschiedenen Himmelsgegenden. Zur Abendstunde erhob sich

ein Wind und zerzauste die mächtigen Feuerfahnen in tausend Fetzen und

vervielfältigte überall das Element. Das war ein unheimliches Dröhnen

in den Lüften und ein wunderlich Leuchten hin über das weite Waldland.

Erschöpft und ratlos ließen die Männer ihre Hände sinken, die Weiber

räumten ihre Hütten aus und wußten mit der Habe nicht wohin.

In tiefen Tälern war es noch ruhig, da hörte man nichts als das leise

Flüstern der hohen Tannen, aber der nächtliche Himmel war rosig

und zuweilen flog hoch oben ein Feuerdrache dahin. Dann wieder kam

eine zwitschernde Vogelschar und die heimatlosen Tierchen schossen

planlos umher, und die Rehe und Hirsche kamen erschreckt heran zu den

Menschenwohnungen.

»Wie diesen Tieren geht’s uns allen!« klagte ein Weib, »keine

Menschenmöglichkeit, daß der Wald gerettet wird – alles brennt, alles

brennt! O Christi Heiland – es ist das Jüngste Gericht!«

Tagelang währte der Greuel.

Wald · 第 2 / 5 段