Ich gehöre zu den Menschen, denen das vorwitzige Aburteilen und nichtige
Klugschwätzen eilfertiger Reisender über fremde Länder, Völker,
Einrichtungen und Sitten durchaus zuwider ist. Wenn ich mich nun
gleichwohl verleiten ließ, nach einem Aufenthalt von nur drei Monaten,
dennoch meine Reiseeindrücke aus den Vereinigten Staaten zu Papier zu
bringen und sogar in Buchform herauszugeben, so muß ich wohl meinem
Unterfangen selber einen Passierschein schreiben, damit ernsthafte Leute
ihm nicht von vornherein den Zutritt in den Bereich ihrer Aufmerksamkeit
verweigern.
Ich wurde als Gast der _Germanistic Society of America_ zu einer Reihe von
Vorlesungen und Vorträgen an neunzehn Universitäten und Colleges, sowie in
zahlreichen deutschen Vereinen eingeladen und hielt mich von Anfang
November 1910 bis Mitte Februar 1911 in den östlichen, nördlichen und
mittelwestlichen Staaten auf. Die oft gerühmte großartige und herzliche
Gastfreundschaft nicht nur meiner deutschen Landsleute, sondern auch der
für deutsche Kultur und insonderheit deutsche Dichtung interessierten
akademischen Kreise des Landes, sorgte in überaus umsichtiger Weise dafür,
daß wir – denn meine reizendere Hälfte begleitete mich samt ihrer
tatbereiten Laute – in all den zahlreichen großen und kleinen Städten, die
wir berührten, möglichst viel und möglichst Eigenartiges und Bedeutsames
von dem wunderreichen Lande zu sehen bekamen. Nun ist man ja im
allgemeinen, und zwar mit gutem Recht, geneigt, die programmäßigen
Vorführungen, die liebenswürdige Komitees hastig vorbei sausenden
Ehrengästen zuliebe von den Sitten und Gebräuchen der Einwohner
veranstalten, nicht gerade für die sichersten Quellen ernsthafter
Belehrung zu halten und sich vergnüglich ins Fäustchen zu lachen, wenn der
also Gefeierte hinterher dankbaren und kindlichen Gemüts all dies
freundliche Geflunker für bare Münze nimmt und daraufhin mit wichtiger
Kennermiene seinen begeisterten Bericht erstattet. Selbstverständlich
wurde ich wie jeder andere prominente Reisende schon bei der Einfahrt in
den Hafen von New York von den das Schiff enternden Reportern gefragt, wie
mir Amerika gefiele; selbstverständlich begleitete mich diese
unvermeidliche Frage von Station zu Station, und selbstverständlich
machten die Herren Reporter, je nach ihrem Witz und ihrer stilistischen
Begabung, aus meinen verlegenen, dürftigen Antworten in ihren Interviews,
was ihnen gut dünkte. Ich wurde auch gleich in den ersten Tagen nach
meiner Ankunft gefragt, ob ich gedächte, ein Buch über Amerika zu
schreiben, und habe diese Zumutung damals mit ehrlichem Erschrecken weit
von mir gewiesen. So lange ich unter dem verwirrenden Eindruck der täglich
und stündlich in buntester Abwechslung am Auge vorüberhastenden, einander
überstürzenden Erlebnisse und Begegnungen stand, erschien es mir auch
wirklich ein unmögliches Unterfangen, diese Eindrücke auch nur
beschreibend zu einem deutlichen Bilde zu gestalten, viel weniger darüber
ein Urteil von einigem Wert zu formulieren. Daß ich nicht völlig die Tinte
würde halten können, daß vielmehr unfehlbar aus meinen Betrachtungen durch
das Fenster des Expreßzuges ein paar Feuilletons herausspringen würden,
lag ja freilich bei meiner berufsmäßigen Zugehörigkeit zur Schreiberzunft
nahe; aber den Mut und die Lust zu einer erschöpfenden Bearbeitung meiner
Reisebeute gewann ich doch erst allmählich in der stillen Beschaulichkeit
meines fruchtbaren Darmstädter Poetenwinkels. Ich schrieb erst einmal
kunterbunt alles zusammen, was mein Gedächtnis und meine Notizen mir von
Gehörtem und Geschautem bewahrten, und was mir schon drüben weiteren
Nachdenkens wert erschienen war. Und dann schleppte ich mir einen Stoß
guter Bücher über die Vereinigten Staaten zusammen, verglich die darin
niedergelegten Anschauungen eingeborener und ausländischer Kenner des
Landes und bewährter Beobachter mit den Eindrücken, die ich selbst
empfangen, und erst nach Beendigung dieser klärenden Vorarbeit begann ich
mich für berechtigt zu halten, dem großen Publikum, das bei einer
gerechten Beurteilung der neuen Welt interessiert ist, meine Meinung
aufzutischen.
Es versteht sich wohl von selbst, daß ich mir trotz dieser gewissenhaften
Vorbereitung durchaus nicht einbilde, mein Urteil könnte neben dem
eingeborener gründlicher Kenner des Landes oder ernsthafter
wissenschaftlicher Forscher ausschlaggebend in Betracht kommen; darum habe
ich schon im Titel meines Buches den Nachdruck auf den _Dichter_ gelegt.
Ein Dichter ist, wenn anders er ein wirklich berufener genannt werden
darf, „zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt“. Sein Schauen ist freilich
ein anderes als das des gelehrten Forschers: während dieser geradlinig
rückwärts oder voraus sieht oder senkrecht in die Tiefe bohrt, schweift
des Dichters Auge über den ganzen Horizont rund um und erfaßt dennoch im
Vorübergleiten eine ganze Menge bedeutsamer Einzelheiten der nächsten
Umgebung. Sein Geist liebt es, Brücken zu schlagen vom Kleinsten zum
Größten. Mögen diese Brücken oft auch luftig genug, mehr aus bunten
Regenbogenfarben als aus soliden Balken zusammengezimmert sein, wertlos
ist darum die dichterische Betrachtungsweise gewiß nicht; denn oft ahnt er
mit dem sicheren Instinkt des schöpferischen Geistes große, bedeutsame
Zusammenhänge, die dem scharfen Auge des Forschers verborgen bleiben, weil
dem sein Gewissen nicht erlaubt, bei seinen Feststellungen unbekannte
Größen in Rechnung zu setzen. Den Vorzug der dichterischen Intuition und
den guten Blick eines geschulten Beobachters nehme ich für mich in
Anspruch, ohne jedoch Straflosigkeit für dichterische Freiheit zu
beanspruchen. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich durch glänzende
Äußerlichkeiten leicht blenden lassen, auch nicht zu den mißtrauischen
Duckmäusern und Leisetretern. Ich habe es mir ernstlich angelegen sein
lassen, drüben in dem merkwürdigen Lande der unbedingten Gegenwart, wo es
irgend anging, die Meinung gescheiter, mir zuverlässig erscheinender
Menschen einzuholen, um meine eignen Beobachtungen zu vervollständigen, zu
klären und zu berichtigen. Dabei ist es mir nun allerdings überaus häufig
begegnet, daß der Sachverständige B., der, sagen wir 25 Jahre im Lande
war, den Sachverständigen A., der 27 Jahre im Lande war, für einen
ausgemachten Esel erklärte, und daß der Sachverständige C., der 50 Jahre
im Lande war, zur Entscheidung aufgerufen, beiden als elenden Grünhörnern
jede Berechtigung zum Urteilen absprach. Es ist nun eine alte Erfahrung,
die jeder mit einem klaren Blick begabte gebildete Reisende schon
bestätigt gefunden haben wird, daß sich der Eingeborene eines Landes oft
gerade der auffallendsten Eigentümlichkeiten desselben nicht bewußt ist,
weil ihm eben der Maßstab zur Vergleichung fehlt und weil ihm naturgemäß
das Gewohnte als das Selbstverständliche erscheint. Ebenso verliert auch
der Einwanderer, je länger er in dem neuen Lande weilt, desto mehr den
Blick für seine Besonderheit. Ihm dünkt vieles Neue bedeutsam, weil er es
unter seinen Augen erst entstehen sah und nicht mehr weiß, daß man drüben
in der alten Heimat vielleicht schon längst über den betreffenden Zustand
hinaus gekommen ist, während ihm Dinge, die dem Fremden als höchst
eigenartig auffallen, nicht mehr der Beobachtung wert erscheinen, weil sie
für ihn Alltäglichkeiten geworden sind. Aus diesem Grunde können selbst
des flüchtigen Besuchers erste Eindrücke von ganz erheblicher Bedeutung
werden. Es ist auch ganz verkehrt, etwa nur Zahlen oder offizielle
Dokumente als wissenschaftlich beweiskräftig anzunehmen, denn mit Hilfe
der Statistik kann man bekanntlich ebenso wie mit Hilfe der Etymologie
alles Beliebige beweisen, und daß behördliche Urkunden auch nicht immer
direkt aus göttlicher Inspiration hervorgehen, dürfte wohl zugegeben
werden. Es bleibt also unter allen Umständen für das dichterische Schauen
ein weites Feld ersprießlicher Tätigkeit übrig. Und der _Forscher_, der
den _Seher_ verachtet, gleicht dem Querkopf, der bei Mondschein im
Kalender die Laterne zu Hause läßt, auch wenn dicke Wolken das freundliche
Gestirn dauernd verfinstern.
Ein wie schwieriges, unter Umständen sogar lebensgefährliches Unterfangen
es sei, auch mit dem ernstlichsten Bemühen um Gerechtigkeit über
Jung-Amerika zu schreiben, das sollte ich aber erst aus der Wirkung
erfahren, die meine Zeitungsfeuilletons drüben taten. Ich habe, was wohl
niemand einem Poeten verargen wird, ernsthafte Dinge ernst und minder
bedeutsame Äußerlichkeiten lustig behandelt und mich auch
selbstverständlich nicht geniert, in der humoristischen Betrachtungsweise
der heiteren Wirkung zuliebe keck zu übertreiben und nötigenfalls sogar
ein Weniges dazu zu lügen, in der sicheren Erwartung, daß der
amerikanische Humor, der ja bekanntlich in der grotesken Übertreibung sich
am besten gefällt, gerade an diesen heiteren Episoden Gefallen finden
würde. Darin scheine ich mich jedoch gründlich getäuscht zu haben, und
Henry F. Urban, der humoristische Entdecker Dollaricas und unzweifelhaft
genaue Kenner seiner Bewohner, dürfte doch wohl recht haben mit seiner
Behauptung, daß der richtige Dollaricaner keinen Sinn für Satire habe,
wenigstens nicht sofern sie sich auf ihn selbst und sein Land bezieht. So
erklärt sich auch die für uns merkwürdige Erscheinung, daß dieses so
humorbegabte und zu derben Späßen aufgelegte Volk noch keine politischen
Witzblätter besitzt. Der Dollaricaner sieht eben fortwährend vor seinen
Augen die Wüstenei sich in üppiges Fruchtland verwandeln, Riesenstädte aus
elenden Ansiedlungen sich quasi über Nacht entwickeln, eine luxuriöse
Tipptopp-Kultur urplötzlich, wie den glänzenden Schmetterling aus der
unscheinbaren Puppe, aus dem Chaos herausschlüpfen – da ist es freilich
begreiflich, daß sein Herz von unbändigem Stolze auf sein Wunderland und
auf die Tatkraft seiner Bewohner geschwellt ist. Dieser schöne Stolz geht
nun aber so weit, daß er jeden für einen verleumderischen Schurken
erklärt, der nicht alles und jedes für vollkommen und unvergleichlich
hält, was die Vereinigten Staaten hervorbringen, und daß er nicht nur dem
ausländischen Beobachter, sondern auch seinen eignen Landsleuten jede
kritische Anwandlung fürchterlich übel nimmt. Die englischen Zeitungen
haben sich vornehmlich an meine Späße und Übertreibungen gehalten und mich
wie gänzlich humorblinde Pedanten auf kleine Unrichtigkeiten festgenagelt
und darum ihrem Publikum als unwissenden, leichtfertigen Verleumder
hingestellt; meine ehemaligen deutschen Landsleute aber haben sogar
Entrüstungsmeetings abgehalten, weil ich mich der Feststellung der
auffallenden Tatsache nicht enthalten konnte, daß sie im allgemeinen an
körperlichen Vorzügen hinter den Yankees zurückstehen, und daß sie nicht
verstanden haben, sich rechtzeitig den politischen und gesellschaftlichen
Einfluß zu sichern, den sie nicht nur durch ihr zahlenmäßiges Übergewicht,
sondern auch als hervorragendste Kulturträger rechtens zu beanspruchen
gehabt hätten. Für diese Missetat haben mich zahlreiche
deutsch-amerikanische Blätter, vornehmlich minder beträchtliche
Provinzorgane, mit den liebenswürdigsten Schmeichelnamen bedacht, unter
denen wohl ‚krummer Hund‘ noch der mildeste war, und zahlreiche
Privatpersonen haben mich brieflich ihrer vorzüglichsten Tiefachtung
versichert und mir sogar mit Mord und Totschlag gedroht, falls ich die
Dreistigkeit haben sollte, abermals in Hoboken zu landen. Nun, ich darf
mir wohl erlauben, diese seltsamen Blüten patriotischer Entrüstung nicht
allzu tragisch zu nehmen, da außer solchen robusten Kundgebungen mir doch
auch zahlreiche bedingte oder unbedingte Zustimmungen zugingen, welche im
Gegensatz zu jener Knüppelpolemik durchweg aus den oberen geistigen
Regionen herstammten. Ich habe übrigens die in jenem Aufsatz über die
Yankeerasse, der so viel böses Blut gemacht hat, niedergelegten Ansichten
in verschiedenen anderen Kapiteln dieses Buches begründet und erweitert.
Es versteht sich von selbst, daß ich jedem dankbar sein werde, der mir
beweist, daß ich da und dort derb daneben gehauen habe, und werde es mir
zur Pflicht machen, Irrtümer zu berichtigen, soweit etwaige Neuauflagen
die Gelegenheit dazu geben sollten.
Zusammenfassend betone ich also noch einmal, daß dies Buch weder
wissenschaftlichen Wert beansprucht, noch etwa ein Führer für Reisende
sein soll, dagegen auch mehr als nur unterhaltendes Geplauder zu geben
beabsichtigt. Es ist für uns Europäer von größter Wichtigkeit, uns klare
Vorstellungen von diesem Lande ohne Vergangenheit zu verschaffen, das für
uns einen Spiegel unserer eignen Zukunft darstellt. Nach den Vereinigten
Staaten zu reisen bedeutet für den wißbegierigen Europäer soviel, wie es
für die Unschuld vom Lande bedeutet, zur Kartenschlägerin zu gehen, nur
mit dem Unterschiede, daß das, was wir drüben über unsere Zukunft
erfahren, kein plumper Schwindel, sondern unentrinnbare Wahrheit ist. Je
mehr wir mit unserer Vergangenheit aufräumen, je rückhaltloser wir uns von
dem reißenden Strome der modernen Entwicklung mit forttragen lassen, desto
sicherer werden sich unsere Zustände und unser Charakter amerikanisieren;
und darum ist es gut, wenn wir uns das Wunderland der Gegenwart so genau
wie möglich betrachten, und darum hat jeder, dem eine gute Beobachtung und
ein gesundes Urteil zu Gebote steht, das Recht und sogar die Pflicht, über
Dollarica auszusagen, was irgend er davon zu wissen glaubt.
Ich kann dies Vorwort nicht beschließen, ohne meinen verehrten Gönnern und
neugewonnenen lieben Freunden da drüben, vornehmlich der Germanistic
Society, den örtlichen Veranstaltern meiner Vorträge, den leitenden
Persönlichkeiten der deutschen Vereine, sowie den beiden so umsichtigen
und eifrigen Managern meiner Rundreise, den Herren Professor Rudolf Tombo
jun. und Paul C. Holter, meinen aufrichtigsten Dank auszusprechen für die
herzliche Anteilnahme, die sie meiner Person und meinem Schaffen zuteil
werden ließen, wie für die große Mühe, die sie so erfolgreich aufwendeten,
um mir in der kurzen Zeit diese reiche Fülle von Eindrücken zu
verschaffen.
_Darmstadt_, im Oktober 1911.
*Ernst Ludwig Freiherr von Wolzogen.*