Er hielt ein. Sein Blick tauchte verschleiert in die Tiefe des späten
Mittags. Seine Worte fielen dann, als er wieder anhub, heftig, immer
schärfer und in monotoner Geschwindigkeit. Sie fielen, als stünde einer im
Licht in voller Rüstung und schlüge im riesigen Kreisschwung beider Arme
zwei Schwerter pfeifend immer rascher durch die Luft.
Er sagte:
»Es war still geworden, fast tonlos. Manchmal allein in langen brausenden
Linien stürzten schwere Hummeln auf die weiße Ebene der Bäume. Es war lau,
weich, Wasserdampf schwebte in der Luft. Das ließ die Ferne vibrieren und
die Sterne hatten davon etwas feuchten Schimmer. Hügel schob glatt über
Hügel, Linie über Linie schwingend, in die Rheinebene. Bäume sprangen
Abhänge hinauf, in der Nacht hin und her, und standen näher, tänzerisch
zueinandergeneigt. Oben hing der Mond.
Diese Nacht war ungeheuerlich in ihrer Üppigkeit. In ihrer nassen Glut. In
ihrem unheimlich gesteigerten stummen Gebrüll nach Dasein und trunkenster
Fülle des Lebens.
Schwester: ich dachte da mit einemmal blitzhaft an die wüstesten und
größten Dinge meines Lebens.
Ich wußte um Grate im bayrischen Gebirg, die ich spielerisch als Knabe
überrannt hatte. Ich sah den schweren Wahnsinn der afrikanischen Hetzen.
Sah den zerschlagenen beuligen Kopf im Dirnenhaus des Genuesischen
Hafenviertels im Augenblick des Erwachens verzerrt in schmutzigen Kissen.
Ich wußte um das aufschreiende Werben fetzender Granaten, die trunkene
Explosion der Abendschlacht. Ich sah ein Segelboot kentern im Starnberger
See, sah den großen Verzicht eines feinen Mädchenauges (o weinen, weinen),
sah den verwesten Leichnam des Freundes aus der Konfirmation im Park
erhängt, sah das Sterben Maria Anderssons, die ich geliebt habe, die Schöne
und Tanzende, wie einen bunten Vogel. Ich wußte um den Augenblick, der
bewegungslos in der Pupille des Persers hing, als er in einer Pariser
Spielspelunke den Dolch mir über die Achsel in den Rücken schlug -- --
Was wissen Sie, Schwester, was einem Mann schwer und Gefahr ist . . .
Aber ich wußte in dieser Minute: daß ich lächelnd dies alles wiederholen
würde, daß ich singend wie ein Engel van Dycks gegen tausend Mündungen
Kanonen gehen könne . . . statt dieser Minute . . . daß dies alles Erlebte
eine kleine Prüfung, ein verächtlicher Vergleich und ein Geringes und
Unwirkliches an Schwere sei gegen diesen _einen_ Augenblick des Erlebens.
Denn es kam, daß ich vor der tobenden Süßigkeit der Nacht, in der das Leben
dunkel rauschte wie ein verschlossener Schwarm von Bienen, daß ich vor der
ungeheuerlichen Berauschtheit des Daseins mich hinwarf und weinte und
grenzenlos den Tod zu fürchten begann.
Den Tod, der mir eine gemeine Sache, Oberfläche und sehr gering zu schätzen
erschien, wo er mir nahe war wie eine Kugel, ein Gift oder ein Dolch
. . . und es mir blieb . . . in dieser Form . . . auch späterhin. In dieser
Form . . . in dieser Form.
Ich weinte.
Und da schwamm aus dem Schloß das hungrige Begehren einer Geige, hob sich,
klirrte wie ein scharfer Käfer, raste um die Hügel, hieb sich verzweifelt
sehnsuchtsvoll in die starke Brunst der weißen Bäume und kreiste den
Horizont ein in zuckende Tiraden.
Und ich spürte die Hand, welche sie führte, fühlte mit gleichem Gefühl das
weiche Fleisch des jungen Mädchens, das sie spielte, die rasche Berührung
ihrer Brust, ihres streifenden Beines, das erzitternde weiche Fleisch mit
dem silbernen Flaum, die mädchenhafte Weise des wiegenden Gangs, die
königliche Süßigkeit . . . und ich brüllte, Schwester! Ich lief in den Hain
und brüllte: -- Nicht sterben! -- brüllte ich. Riß kleine Zweige und
zerkaute sie, bohrte das Gesicht in überschäumte Äste, betete, fluchte,
weinte . . . es gab keinen Gott, der dies löste.
Ich begriff es nicht: Den Tod belächeln, das Leben fürchten . . .
Aber überall war Tod. Die Blüten brannten furchtbar an den unteren Flächen.
Tausendfach schwoll Blut in der Luft. Eine riesige Spinne krampfte
schnürend das Getanz der Apfelbäume zusammen, sie zitterten unter
entsetztem Schrecken. Regenbogen schnellten durch die Nacht. Mord saß
dunkel im Geäst. Ich ängstete auf der Stirn. Der Mond war mild. Aber die
Sterne bogen sich herum und blitzten kalt wie die Spitzen unzähliger
hingehaltener Schwerter.
Und das Schweigen dehnte sich, als ob es zerreißen müsse, und die
Stummheit, die volle maßlose Trunkenheit der Nacht kam in Bewegung, drehte
einmal um und begann zu kreisen und ward ganz fern am Himmel ein dunkler
Strudel, der sog und sog --
Ich schrie. Hell. Entsetzt und außer mir . . . Ich wollte nicht sterben.