Von schwerem Entsetzen geschüttelt wand er die Arme durch die Luft. Seine
Augen wurden rund, kugelhaft und fast wie Glas und starrten über die Ebene.
Er keuchte und deutete vor sich: »Geben Sie mir diesen Stein.«
Ihm schien die Schwelle eines seltsamen Unterbewußtseins durchstoßen. Er
hatte alle die Wochen nur ein Leben gehabt, das seine Wurzeln hatte in
seiner letzten Krankheit. Wohl wußte er die Dinge und Vorgänge der Zeit und
seines Lebens auch vorher. Aber in diesem Augenblick schien es ihm, daß
eine dünne Haut darüber gewesen sei und daß ihm die Erkenntnis nach deren
Platzen nun erst neu, groß und unendlich furchtbar wieder zuströme.
Er nahm den Stein, den ihm die Pflegende reichte. Er war sehr schwer und
kantig. Er drückte seine Hände hinein, hielt ihn an die Stirn, hob und
prüfte ihn und legte ihn fest auf das Knie. Er empfand, wie die Angst vor
der plötzlichen Leere um ihn herum schwinde und wie das Gewicht des realen
Steins ihn wieder an das natürliche Leben und die geliebte Erde
(prometheisch) zurückriß.
Dann warf er den Stein weg und sagte:
»Schwester, Sie kennen das nicht. Sie kennen das nicht, daß der Himmel
plötzlich ein Abgrund scheint und entflieht und die Erde unter Ihnen sanft
entweicht und am Horizont ein Strudel unermeßlich aufgeht und beginnt Sie
aufzusaugen, der Sie sich schon langsam zu drehen scheinen. Schwester,
bleiben Sie sitzen. Es könnte mich sehr stören, wenn Sie sich bewegten.
Hören Sie: ich war niemals feig . . . nie . . .«
Sie bewegte ihr stilles Gesicht hin und her.
»Sie denken an meine Auszeichnungen,« schrie er sie an. »Nein. Sagen Sie
nichts. Daran sollen Sie nicht denken. Das liegt außerhalb meiner
Betrachtung. Bleiben Sie sitzen. Sie sollen an meine Seele und Ihren Mut
denken. Können Sie das? He -- -- --«
Sie sagte, ihr sei das Leben keine so besondere Sache, daß sie nicht auch
dies vermöge.
Da fing er an zu weinen, wurde sehr still und flüsterte: »Sie haben
unrecht, Schwester . . . es ist alles . . . al . . . es -- --«
Er schluchzte mit einem zerreißend stillen Laut.
Darauf begann er wieder zu sprechen, kalt und hart.
Seine Stimme flog aus seinem Munde, als sei sie durch ihn, beziehungslos zu
den Lippen, die sie formten, aus irgendeiner dunklen Ferne geflossen. Sein
Kopf hob sich bleich und edel über der Kante des Stuhls, und die Haut der
Schläfen zitterte über dem blauen Geäder.
»Mitteldeutschland . . . Schwester, beim zweiten Rücktransport von der
Front nach der Passion von fünf durchlegenen Lazaretten . . .
Mitteldeutschland im Westen . . . und es war Mai . . . das ist fabelhaft.
Der Rhein war nicht fern. Himmel seidig und bebte vor Blau.
Wir waren da fast alles Offiziere im letzten Stadium des Genesens aus böser
Erkrankung wie hier fast . . . nur anders, süßer -- unbeschreiblicher. Es
war ein modernes Schloß mit säuligen Bogen und Wiener Keramik, mein Gott.
Dahinter Wälder und überall herum schweifige Hügel und Täler, leicht
gesenkt. Es gab eine phantastische Hygiene. Marmor, weißes Gemöbel,
Staubsektoren, Sonnenfenster, Duschen von oben, Duschen von unten. Es gab
einen unendlichen von Weite ausgedehnten blauen Tanzsaal mit einem großen
glänzenden Flügel. Pariser Millionäre hatten diesen strenglinigen Tempel
gebaut und ihn einer südamerikanischen Tänzerin gegeben, die da die
schönsten Mädchen Europas in die gleitende Form körperlicher Musik hinein
erzog. Die Mädchen waren in einer nahen Stadt damals.
Die Kirschblüte kam. Die unzähligen Bäume beschwebten sich weiß. Es flaggte
drei Tage. Dann ging das flaumige Strahlen in einem wahnsinnigen Wind zum
Teufel. Ich liebe diese Blüte nicht. Sie ist zu weich. Kennen Sie
worpswedische Maler?
Nein, -- ja, Schwester, was soll Ihnen Kunst, was soll Ihnen Bildnis?
O Nebensache, o Nebensache! Leben ist hundsföttisch mehr, ich weiß.
Nun ebenso schwach, so zag, ekelhaft überfein ist diese Blüte wie Zweige,
gemalt von diesen Menschen, hypertrophierten Empfindungsdestillatoren des
Seins. Leben ist breiter, saftiger, spritzender, Schwester: Weinernte am
Rhein, Heringsfang in Holland, bürgerliches Schmausen im Elsaß . . .
Dann brachen alle Apfelbäume aus. Unten die Blüten ein wenig rot, oben
kräftig weiß. Die Hügelkette war zum Platzen voll von ihnen. Manchmal
standen sie wie Haine zusammen. Ich liebe sie.