Horst verstand. »Wenn wir das beweisen können --«

»Wir beweisen es,« befahl der Generaldirektor. »Er hat dich tätlich

angegriffen. Er hat dich bedroht, falls du nicht seinen Willen tust.«

Erschreckend sagte Horst: »Das ist sogar wahr.« Der Generaldirektor

blühte auf. »Wo sind deine Zeugen?«

»Wie viel bekomme ich?« fragte Kraft, dumpf von hinten. Schon hatte der

Generaldirektor ihn beim Wickel.

»Maulschellen nach Belieben, oder du redest. Was hast du gesehen, wie

kamst du dorthin. Deine Beziehungen zu dem Menschen will ich wissen.«

Kraft, die Gefahr erkennend, leugnete alles. Klinkorum sei es gewesen.

»Gleich nach Horst hat er verhandelt mit dem Balrich.«

»Er ist Mitwisser!« Der Generaldirektor frohlockte. »Vielleicht

Mittäter. Auch ihn hab' ich in der Hand. Los! Wir räumen auf in einem.

Morgen früh die Verhaftung.«

Er hielt sich das Herz.

»Ah! es wurde Zeit. Ich dachte wahrhaftig schon --«. Der Generaldirektor

faßte Fuß seinem Kassenschrank gegenüber. Feierlich nickte er ihm zu.

»Der Brief! Der Brief, der mich enteignen soll! Ihn zurückholen und dort

einsperren, -- damit noch meine spätesten Enkel gewarnt werden durch den

Anblick der entsetzlichen Drohung, die über dem Haupt ihres Ahnen hing.

Dafür bin ich zu allem entschlossen.« Höher gereckt und lauter: »Ich

schwöre es, zu allem; -- denn der mir aufgezwungene Kampf um mein Dasein

rechtfertigt auch das härteste Mittel. Und sollte ich den Brief aus

rauchenden Trümmern hervorziehen . . .« Er brach ab.

»Drei Stunden können wir noch schlafen,« stellte er fest. »Ich brauche

es.«

Zwischen Kraft, der voranging, und Horst, der folgte, machte er sich auf

den Rückweg, durch den weißseidenen Barocksaal und die golden bespannte

Halle. Auf der Treppe wiederholte er noch: »Entschlossen zu allem,« --

da hielt Horst ihn an. Kraft war droben verschwunden. »Erlaube, Papa,«

sagte Horst leichthin. »Nur zu deiner persönlichen Information. Er hat

nichts weiter gewollt, als daß ich seine Schwester heirate.«

Der Generaldirektor sah ihn schroff an. »Ich habe keinen Grund, dir zu

glauben. Wir sind übereingekommen, daß er Geld von dir wollte. Der Wert

geschäftlicher Abschlüsse scheint dir noch nicht klar zu sein.«

Horst schluckte hinunter. »Als Kavalier,« begann er wieder, »empfinde

ich es peinlich --.« Der Generaldirektor machte »Haha! Die Ehre des

Fräulein Balrich. Sie muß wiederhergestellt werden.«

»Nicht mehr und nicht weniger,« sagte der Sohn; er war erbleicht; »und

im Weigerungsfall ist nichts gewonnen, im Gegenteil.«

Der Generaldirektor sah angestrengt in die Augen des Sohnes. Was drohte

hier, oder was ließ sich in Anschlag bringen? Er fragte lieber nicht.

Vielleicht, daß auf eine gewisse Art die Sache sich stillschweigend

abtat. Sicherer und endgiltiger, als durch eine leichte Gefängnisstrafe

des Erpressers. »Ich werde schwer getroffen,« überlegte der

Generaldirektor, »wenn dem Jungen ein Unglück zustößt. Aber bezahlen muß

jeder, und es gibt Geschäfte, die nicht zu teuer liquidiert wären mit

der Darangabe eines Sohnes.« So kaufte man dem Feinde sein Recht ab, und

die Macht verblieb, wo sie war. Der Vater blinzelte, der Sohn erriet

ihn; es durchschnitt ihn kalt . . . Beide zugleich traten voneinander

zurück, -- worauf der Generaldirektor etwas beschleunigt in sein Zimmer

drang.

Der Sohn setzte, obwohl allein in der Weite, das Monokel ein, und in

leidlicher Haltung kehrte er wieder um. Was auch Entscheidendes

vorgefallen war, die Banknote unter der Tür hatte es ihn nicht vergessen

lassen. Da lag sie noch, -- wie er aber hingriff, riß sie aus und war

drüben, bei den Bucks. Eine neue Gefahr. Er kauerte und wagte sich nicht

zu rühren. Dann kam von drüben ein Pfiff -- der bedrohliche Pfiff, den

man in dunklen Nächten wohl hörte, aus einem Graben oder Busch, war man

allein noch unterwegs. Horst begriff, Hans Buck war es, und er drohte.

Er konnte weitersagen, was er erhorcht hatte hinter dieser Tür. Rätlich

war es, ihn stillschweigend abziehen zu lassen mit dem Schein. Horst, in

seiner Lage, sah keinen Anlaß, sich tiefer einzulassen in die

halsbrecherische Politik des Generaldirektors. Noch immer kauernd, zog

er sich sacht zurück.

Hans Buck, der durch das Schlüsselloch dies feststellte, tat einen

Sprung, und dann lief er. Sie konnten ihn fangen wollen, -- rasch fort,

nach hinten durch den Park, den Wald, den Arbeiterwald und querfeldein

über Gausenfeld hin, fliegen zu ihr! In die Stadt, jene Straße, das Haus

und zu ihr! Ihre Arme, ihr Mund! Du hast Geld. Lauf', lauf', mit dem

Geld zu der Liebe!

Er war schon durch den Torweg zwischen den Arbeiterhäusern; die Wiese;

die Landstraße, -- da hielt er an, wollte weiter, stockte -- und trat

endlich doch ein in das große Haus der Armen. Das Tor ward gerade

geöffnet, es dämmerte; sie standen auf, schon waren sie auf den Treppen.

Hans Buck hielt an, wen er traf. Schnell ein Wort, und auch dort eins.

Zurück nun, und zu Klinkorum. Die Lampe Balrichs glomm gelb im Morgen.

An das Fenster gepocht und hastig hinein geraunt, was nottat. Schon lief

er, es spritzte der Kies. Zwischen ihm und ihr nichts mehr als der Lauf.

Er lief, und ihm voran lief sein Herz. Es war schon angelangt, es sah

sie schon, sein Herz sah ihr Gesicht schon, das es so sehr fürchtete um

seiner Schönheit willen, -- und wie sie ihre weißen Arme

auseinanderschlug . . . Plötzlich fand er sich auf der Landstraße, noch

immer hier, kaum hinaus über Klinkorum. Am Himmel, der sich erhellte,

flitzten Schwalben dahin bis über die Stadt, bis über ihr Haus, --

kehrten um, waren zurück und bebten noch. So war sein Herz.

»Wenn ich hinkomme,« fühlte er, »wenn ich noch hinkomme!« Nur dies, dann

nichts mehr. Nach diesem das Ende, was sonst. Ihr Haus, auf das er

zulief, von jenseits lief der Tod auf es zu, -- sie mußten sich treffen

in ihren Armen. Jauchzend lief er auf den Tod zu, der die Liebe war.

Aber kaum eine Stunde, da schlich er hilflos wieder herbei. Sein Herz

war unbeflügelt, in den Staub auf seinem Gesicht rannen Tränen. So kam

er zu der Villa Klinkorum. Im Garten stand Polizei; auch die Familie

Dinkl, die aus ihrem Keller herausstrebte, ward im Zaum gehalten von

einem Schutzmann. Hans Buck gab an, sein Lehrer erwarte ihn, und durfte

hinaufgehn. Droben begegnete er Männern ohne Uniform und mit

schlechteren Gesichtern als die Uniformierten; sie suchten oder lauerten

auf. Ein Höherer stand in dem Studierzimmer vor Klinkorum. Der

Generaldirektor Heßling saß sogar auf dem Schreibtisch und warf Papiere

durcheinander, wer weiß wegen welches Papiers. Beide herrschten

Klinkorum an. Mit Würde hielt er ihnen stand. Den Balrich, den sie

suchten, habe er nicht gesehn. Er wisse nichts von Attentaten des

Balrich. Er, sein Helfershelfer? Er würde lachen, -- wenn er nicht

fürchten müßte, noch mehr verkannt zu werden in seiner staatstreuen

Gesinnung.

Der Generaldirektor sagte schneidend: »Die wird an einem anderen Ort

geprüft werden. Wir haben Zeugen für Ihre staatstreue Gesinnung;« -- und

er zeigte in jenen dunklen Winkel, wo nichts zu erkennen war. Klinkorum

aber, noch immer unerschüttert, ging hin und legte jemandem die Hand auf

die Schulter. Kraft Heßling war es, mit dem er hervorkam. »Zeugen,«

sagte Klinkorum nicht ohne Ironie, »hat jeder, und wäre es nur Gott. So

dunkel sind selbst nicht die verstohlensten Herzenstriebe. Wohlan,

deutscher Jüngling!« Mit einem leichten Schub schickte er Kraft seinem

Vater zu -- und hatte dabei um seinen Haifischrachen einen so

vielsagenden Zug, daß der Generaldirektor ohne weiteres vom Tisch

rutschte. Wohl brachte er noch einige Drohungen hervor, war aber schon

im Rückzug begriffen, mitsamt Kraft und den Kriminalern.

Die Luft war rein; Hans Buck, hinter der Tür, machte Huhu! -- um zu

sehen, wie Klinkorum erschräke. Doch erschrak er nicht, er hob gegen

seinen Schüler den Finger und lehrte: »So hast du denn mit angesehen,

Knabe, was aus den armseligen Machthabern wird, wenn das Wissen gegen

sie aufsteht. Wir Intellektuellen tragen in unserem Geist den

Sprengstoff für sie alle.«

Hiermit entlassen, machte der junge Buck sich aus dem Hause, das er

inzwischen umringt fand, nicht mehr von Polizei, vom Volk, zumeist

Frauen. Sie drangen in den Garten, Dinkls berichteten ihnen, -- und

schon, von ihnen herbeigeholt, liefen Männer über die Wiese. Sie hatten,

von der Arbeit weg, die Fabrik verlassen, sie wollten selbst sich

überzeugen, ob der Heßling es wagte, den Balrich zu verhaften, ihren

Balrich, ihren Führer, den, auf den sie hofften. Denn sie hofften wieder

auf ihn allein. In Gruppen standen sie und sagten halblaut, als würden

sie bewacht: »Er ist der Wahre. Er hat es immer gewußt, der Heßling mit

seiner Gewinnbeteiligung werde uns nur hineinlegen. Jetzt hat er etwas

vorgehabt, wozu verhaften sie ihn sonst.«

»Was wird er vorhaben.« Herbesdörfer wühlte umher. »Den Streik, was

sonst soll uns helfen. Er hat ihn nie gewollt. Will er ihn jetzt, dann

weiß er das Seine, dann los!«

Sie teilten sich, die einen zogen nach der Fabrik, die Genossen zu

holen. Andere, leis eingeweiht von den Frauen, kamen mit in das Haus,

sie verteilten sich über Treppen und Gänge. Den Spitzel Jauner drängten

mehrere in ein Gelaß und versprachen ihm für diesmal das Schlimmste,

falls er sehe oder höre. Es währte lange, bis alle sich wiederfanden,

vor dem Zimmer 101 im Haus B. In seinem alten Zimmer saß Balrich.

Er sah ihnen entgegen, die Hand auf seinem fichtenen Tisch, an einem

Revolver.

»Ich kann hier nur Freunde gebrauchen,« sagte er, die Brauen gefaltet.

»Wenn andere mich hier finden, ich habe etwas zu viel für euch getan,

mir bleibt nur der da.«

Hierauf, so wild sie waren, schwiegen sie, -- bis einer sagte, es sei

nun gleich, so stünd' es um sie alle, sie seien die Seinen. Auf Gedeih

und Verderb, sagte Herbesdörfer. Nicht einer mache flau, sagte Polster.

Da riet er ihnen: die Arbeit niederlegen und still sein. »Keine Gewalt

-- nur warten, bis er tut, was ihr wollt.«

»Tarif!« verlangten sie. »Mindestlohn 28 Mark.« Er riet ihnen:

»Keinen Tarif, aber fünfunddreißig . . . Das tut er nicht? Abwarten! Ich

habe eine Sache mit seinem Sohn.« Eindringlich fragte er umher.

»Ihr glaubt doch nicht, er läßt seinen Sohn im Stich. Wo nichts von ihm

verlangt wird, als daß er euch nicht mehr betrügt und euer Blut saugt,

da sollte er es ausschlagen, seinen Sohn zu retten? Wer glaubt das!«

Ein alter Arbeiter legte auf die Schulter eines jungen seine Hand und

sagte: »Das glaubt keiner.«

»Das gibt es in der Welt nicht,« sagte einer nach dem andern; -- und

einzeln und umsichtig brachen sie auf.

Ein Geräusch hinter dem Bett, Balrich faßte nach der Waffe; aber hervor

kam das Bürschlein. Da lief Balrich hin und umarmte ihn. »Du gutes

Bürschlein! Ohne dich wäre es nun schon aus mit mir.« Aber er fühlte

einen Widerstand. Der junge Reiche wollte dies nicht hören, er machte

sich los.

»Danke mir nicht,« sagte er zornig, mit Augen, groß und von Tränen

schimmernd wie die eines Mädchens. »Nur nebenher und nicht gern habe ich

mich aufgehalten bei den Arbeitern und bei dir. Ich lief zu einer

Anderen --«

Er krümmte sich über den Bettpfosten.

»-- und die war es nicht wert.«

Schluchzen, über dem Bettpfosten. Dann stellte er sich vor ihrem Bruder

auf und fragte:

»Sie hat mich weggeschickt, kannst du es ihr verzeihn, der du mein

Freund bist?«

»Du Bürschlein,« sagte der Bruder mit Nachsicht. Der Siebenzehnjährige

rang die Hände.

»Welch ein Unglück! So ist es denn möglich, daß ein Mädchen nicht fühlt,

kein Mensch, in ihrem ganzen Leben kein Mensch werde so sehr sie lieben!

Ich hätte es nie geglaubt. Für mich geht die Welt unter.«

Der Bruder umspannte seine gerungenen Hände. Es rang auch in ihm, er

sagte gequält: »Laß sie! Du bist der Bessere. Ich liebe sie auch, aber

wir sind nicht gut, wir lieben das Geld.«

Da schäumte der Liebende auf gegen ihn. »Das Geld? Das hatte ich, und

sie wollte es nicht!« Er zeigte den Schein her. »Nicht einmal den, --

und welche würde den ausschlagen. Wir Reichen haben sie erzogen, daß sie

Geld nehmen, warum beschimpfst du nun sie?«

Jetzt weinte der Bruder. Er legte dem Siebenzehnjährigen die Hand auf

die Locken und murmelte: »Du Bürschlein.« Jener warf die Arme zum

Himmel.

»Wir würden geflohen sein und wären in der Welt nun allein. In der Menge

der Menschen nicht einer wüßte um uns. Ich würde arbeiten, harte Arbeit,

schmutzige Arbeit, ich würde arbeiten für sie, um jedes ihrer süßen

Glieder zu bekleiden und ihrem süßen Mund die Nahrung zu bringen. Ich

würde leben für ihre Küsse, -- und wäre es nicht erlaubt, so selig zu

leben, würde ich sterben in ihrem Kuß. Wir wären gestorben, besiegt und

arm; aber so viel Leben, so unvergängliches Glück wäre ausgeströmt aus

uns, daß unsere Dachkammer, lägen wir tot, noch strahlen sollte!«

Er war niedergesunken; vor dem Bett kniete er und sagte sein Herz der

einen, die er sah. Balrich, hinter ihm, fragte mitleidig:

»Warum wollte sie dein Geld nicht?«

Der Knabe stand auf, er sah zu Boden. »Weil es gefährlich sei für mich.

Weil ich es gestohlen habe, und ich solle es zurückgeben. Aber ich weiß

--«

Feindlich richtete er sich auf. »Sie meinte: gefährlich für dich. Ich?

Was kümmere ich sie! Einen Kuß hat sie mir gegeben -- für dich. Aber du

bekommst ihn nicht. Ich behalte ihn, damit ich nicht doch die Lust

verliere, zu sterben.«

Heftig wandte er sich fort. Balrich zog ihn wieder herum. »Was sprichst

du denn!« Der Knabe machte einen Mund, bitter wie ein Greis.

»Du denkst wohl, das alles soll hingehen und vergebens sein? Eines Tages

soll ich sie vergessen haben? Für wie schlecht und feige hältst du mich

denn? Könntest etwa du selbst vergessen, was dein Ziel und Leben ist?«

Hierauf schwieg Balrich. Hans Buck streckte wild die Hand hin. »Sie will

mich nicht, jetzt bin ich dein -- bis an das Ende. Du sollst sehen, was

ich kann.«

Er sah nach, ob niemand horchte.

»Du gehst nicht aus dem Zimmer, niemand wird dich finden, ich bürge dir.

Ich führe sie auf falsche Fährten. Deine Leute sollen wieder so fest

zusammenhalten wie damals, als sie das Geheimnis hatten und Heßling sich

fürchtete.«

»Auch jetzt hat er etwas zu fürchten,« sagte Balrich. Hans Buck

schüttelte den Kopf. »Jetzt treibt er zum äußersten, er kann nicht

anders. Alles treibt zum äußersten, auch du, auch ich. Nicht länger darf

es ohne Gewalt gehen und ohne daß ich sterbe.« Bleich und feierlich; --

aber er faßte sich und sagte mit Beweglichkeit:

»Laß alles mir! Ich melde dir alles, was vorgeht. Durch mich befehligst

du sie. Du sollst nur mich sehen. Ich bin der einzige, der überall

durchkommt, und niemand bemerkt ihn.«

Er flüsterte, spähte, glitt aus der Tür.

Balrich hatte auf seinem Tisch die Bücher, er wollte arbeiten wie immer;

aber ihm klopfte das Herz. Hierher hatte er sie geführt, auf Wegen, die

an soviel Größerem enden sollten, unwissentlich nun doch hierher; und

konnte bei ihnen nicht sein. Gewalt stiften -- und dann zusehen, wie sie

sich vollzog: eine Führerrolle. »Aber ich bin kein Führer; das war. Ich

will nur noch dreinschlagen, es soll nur noch drunter und drüber gehn --

zu welchem Ende? Zu keinem.«

Er versteckte sich hinter dem Vorhang des Fensters. »Die Pfennige, um

die ihr kämpft, sind meine Strafe. Wie sehr habe ich einst euch geliebt,

und das ist nun alles. Wie groß war meine Sendung, und nun die

Pfennige.«

Er sah durch den Vorhang, sie kämpften schwer und täglich schwerer.

Gegenüber am Hause C hing einer der Zettel, worauf die Verwaltung

Stellung nahm zum Streik. Von weitem lesbar ein großes Wort: Erpressung.

Arbeiter standen davor, die ersten Tage lachten sie. Vor der Fabrik hin

und her gingen Streikposten; sie wurden verhaftet für das Verbrechen,

die Arbeitswilligen aufzureizen. Sie mußten im Dunkeln werben, -- indes

auf offener Straße die Herren ihren Kriegsrat hielten, der Heßling und

sein Freund v. Popp. Der Heßling und seine Leute gingen in die

Arbeitervillen, dort wohnten jetzt die fremden Streikbrecher, -- und

brachten ihnen Geschenke. Laßt aber nur einmal zwei Streikende hingehen,

das ist Hausfriedensbruch. Die Gerichte haben Arbeit, und hier denken

sie: was du tun willst, tue gleich. Ein Arbeiter, vorbestraft, stiehlt

eine Wurst, sie kostet anderthalb Jahre. Kleine Kohlenstücke, von den

steifen Fingern der Frauen in ihre Schürze gelesen, sind ein halbes Jahr

wert.

Grau schlichen drunten die Frauen, am gestreckten Arm Kinder

nachschleppend mit hohlen Augen. Wenige Wochen erst, und nicht einer

lachte mehr von den Männern. Vor den Befehlen und Drohungen auf den

Mauern spieen sie aus, aber mit einem Blick rundum nach dem Schutzmann.

Hungere doch, und bleibe stark! Hungere, und behaupte dein Recht! Der

Heßling auf seiner Villa Höhe tafelte mit v. Popp. Dabei verging ihm die

Zeit, -- und inzwischen ließ er in der Fabrik neue Maschinen aufstellen,

Maschinen von einer Art, die man nicht kannte. In einem eigenen Gebäude,

ganz hinten am letzten Hof standen sie, wie ein Geheimnis, eine neue

Gefahr, über die man raunte, die noch mehr aufhetzt.

Als alle schon müde waren, erschien Napoleon Fischer und wollte

vermitteln. Er riet ihnen, anzunehmen, was Heßling bot, dreißig Mark

ohne Tarif. Es sei gerecht; die Partei lehne es ab, Streikgelder zu

geben zugunsten gewissenloser Hetzer. Napoleon wisse, wen er meine. Wo

sei der Mensch, wohin habe er sich verkrochen . . . Dies erfuhr er

nicht, und er ward, zum erstenmal in seinem parlamentarischen Leben, von

seinen Wählern fortgeprügelt. Das Bewußtsein nahm er mit, er habe

gerecht gesprochen, -- und heimlich wußten auch sie es. Dreißig Mark

Mindestlohn, das war mehr als früher. Aber dazwischen lag jener Betrug

der Gewinnbeteiligung, lagen Erbitterung, Gewalt und Hunger. Dazwischen

lag mehr. Wir haben den Kopf erhoben einmal im Leben und haben geglaubt,

nahe bevor, uns und den Kindern bevor stehe der Tag der Gerechtigkeit.

Gezählt seien die Tage der Reichen. Wir wären, mit dem, was so lange sie

uns kosteten, nun selbst bald reich, hätten in gelüfteten Sälen

gemeinsam unser gutes Essen, und Maschinen, die uns gehörten, arbeiteten

für uns. Wir haben geglaubt, es gebe das Glück, und es sei da. Dies

büßet nun, Arme!

Karl Balrich, in seiner Brust das Abbild ihres gemeinsamen Herzens,

fühlte: wir büßen mit Trotz, mit der Verzweiflung unseres Lebens, und

will es Gott, mit unserem Untergang. Vom Feind umringt, stündlich enger

bedrängt und zum Ausbruch bereit, zum Todeskampf, so leben wir. Die

fremden Streikbrecher mit ihren Knütteln marschieren in Reihen und

wollen uns überrennen. Frech höhnen sie uns für ihren Schandlohn, sie

werfen alte Brotrinden nach unseren hungernden Frauen. Da, eines Abends

stellt Polster, der Maschinenmeister, sich auf, bei dem Torweg, wo sie

hindurch müssen. »Ihr Lumpenhunde!« sagt er laut. Keinen hat er hinter

sich als einige Frauen, die vor Schwäche an der Mauer lehnen, die Kinder

in ihren Rockfalten. Was kommt ihn an, den ruhigen Mann? Er steht, die

Fäuste geballt, und läßt sie heran, als sei es nichts und ihn schütze

sein Recht. Gibt sich Halt, der gesetzte Mann, stemmt sich fest auf

seine Beine, die mutig in diesem harten Leben standen. Ihm schlottern

die Kleider seit diesen Wochen, die Wangen hängen ihm grau herab. »Ihr

Lumpenhunde!« Da prallen sie an ihn, entblößt wird sein kahler Kopf,

seine Fäuste stoßen in sie hinein, sie werfen sich auf ihn, er

verschwindet.

Als sie sich zerteilten, lag er da, ein Messer in der Brust, und

röchelte. Balrich droben riß das Fenster auf, er wollte schreien.

Umklammert und zurückgezogen schlug er zu und traf das Bürschlein. »Du

bist gesehen,« sagte es. »Flieh!« Er wollte nicht, aber es drang in ihn.

»Vor der Nacht noch kommen sie und fangen dich. Aber heute nacht geht es

los. Du siehst doch, es kann nicht länger dauern. Willst du den Deinen

in den Arm fallen? Sollen sie niemals dreinschlagen?«

Das Bürschlein drückte ihm die Mütze in die Hand, es spähte aus der Tür:

alles leer, alle drunten bei dem Getöteten. Balrich brach auf. »Du

weißt, wohin,« flüsterte zitternd das Bürschlein; -- so entkam er, über

die Wiese, im Abendgrau.

Er suchte Deckung die Landstraße entlang, machte Umwege in der Stadt

durch die leersten Gassen, schlich hervor, unter ihr Haus . . . Sie

selbst öffnete ihm, zog ihn wortlos bis in das letzte Zimmer und zeigte

ihm das Fenster. »Drunten ist der Hof. Du kannst auf das Waschhaus

springen und über die Mauer.« Dann ihm zugewendet, als träte er jetzt

erst ein: »Daß du gekommen bist!« Da wich sie zurück. »Aber du bist grau

geworden.«

Sie ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Mein lieber Karl!« sagte sie, die

Hand vor dem Mund, »was ist mit dir geschehen.«

Er fragte: »Waren sie schon hier?« Und da sie nickte: »Ich wollte doch

kommen.«

Sie sprang auf. »Ich wußte es! Ich habe dich erwartet, du sollst nun

essen.« Und als sie ihm am Tisch gegenübersaß: »Die ganze Zeit habe ich

Angst gehabt, jetzt nicht mehr. Alles ist gleich, solange wir beisammen

sind.«

Er hatte gegessen, sie schob ihren Stuhl neben seinen. An seine Schulter

gelehnt: »Weißt du noch, wie wir als Kinder in einem umgeworfenen Faß

saßen? Es war unser Haus, wir warteten auf den Mann aus dem Wald, der

uns holen wollte. Ich hatte große Furcht, aber wie tapfer warst du, ich

hoffte nur auf dich.« Sie machte ihr mit dem Leben bekanntes Gesicht.

»Jetzt können wir wieder so spielen. Der Mann aus dem Wald kommt mich zu

holen, -- oder hat er mich schon geholt. Aber du kannst mir nicht

helfen, sie werden dich fangen.«

»Sie werden mich nicht fangen.«

»Du bist schön, wenn du das sagst. Du bist das Beste von mir, ich werde

wohl nie jemand lieb haben, nur dich, immer und wo ich auch ende.«

Plötzlich sah er den Koffer, der dastand. »Sie schicken dich fort! Sie

drohen dir! Alles um meinetwillen.«

»Du aber duldest für mich,« sagte sie feierlich. Beide schwiegen . . .

Da zuckte sie zusammen, sie horchte. Schnell ausgedreht die Lampe; »sie

sind wieder da;« -- und zurück mit ihm in das letzte Zimmer. »Du mußt

nun fort.« Im Fieber des letzten Augenblicks: »Lauf! Aber die Reichen

sind schneller. Auch ich werde ins Gefängnis kommen durch sie. Ich werde

durch sie immer schlechter werden. Vergiß nur du nicht, wer ich war!« An

seinem Hals: »Ich war deine Schwester.«

Hinaus, sie klingelten schon. Der Bruder sah noch die Tür sich schließen

vor ihrem Gesicht. Er fühlte: noch seh' ich sie, noch, noch. Da sah er

sie nicht mehr.

Er sprang aus dem Fenster, entkam über eine Mauer und durch dunkle

Gärten ins Freie. Vor dem Stadttor aus der Kaserne rückte die Truppe

aus, er wußte wohin. Er ließ sie voran und wandte sich laufend nach

Beutendorf. Von weitem loderte ein Schein in der Nacht, und von

Beutendorf läuteten sie. Nun stand das Feuer seitwärts ihm gegenüber.

Läufst du jetzt darauf zu, wohin kommst du? Er wußte es schon, wohin,

und er lief. Von weitem, im Licht des Brandes, sah er etwas sich

bewegen, wie eine wandelnde Mühle: Klinkorum, der um sein brennendes

Haus her die Arme durch den Himmel drehte. Als Balrich unversehens

hinter dem Hause C hervorkam, riß jemand aus, am Boden, wie ein Hase.

Aber bei dem Aufflammen des Balkons, der grade stürzte, erkannte Balrich

den Hasen; es war Jauner, der Spitzel, Dieb, Verräter und Brandstifter.

»Seht ihn laufen!« rief er den Dinkls zu; sie saßen auf gerettetem

Plunder am Grabenrand, starrten in den Brand und wandten sich nicht um.

Der alte Gellert aber, mit nichts Gerettetem als einer Flasche,

schwenkte sie drohend. »Niemand läuft! Gefälligst läuft niemand!«

Balrich ließ den Betrunkenen, er sagte zu Klinkorum, der herbeiirrte:

»Der Brand kommt dem Heßling sehr gelegen. Ihnen muß er jetzt nichts

mehr zahlen, -- und dann mein Brief. Er denkt, dort brennt der Brief,

der ihn enteignen soll.«

»Brennt er denn nicht?« fragte Gellert, viel weniger betrunken als

vorher.

»Sei ein ausgemachter Schurke,« sagte Klinkorum dumpf, »du kannst mehr,

als selbst der heilige Geist.« Die Arme drehend, irrte er weiter.

Gellert rief ihm nach: »Der Heßling, ein Mann wie Gold! Er kauft alles,

was Ihnen übrig bleibt. Er kauft sogar uns unnützes Pack!« -- und

Balrich, der schon fort war, sah ihn noch feixen gegen die Lohe.

Vor sich, unterwegs nach Villa Höhe, fühlte Balrich ein Stampfen, als

schritte sein wildes Herz. Davon dröhnte die Straße, die nun die seine

war, seine einzige, seine letzte. Dorthin! Das Dunkel ward dunkler, es

ballte sich zu einem stürmenden Menschenhaufen, ausgeschleudert wie ein

Arm, stumm wie ein erstickter Schrei, -- der Haufe der Armen. In ihm

verschwand Balrich.

Sie waren tausend, hinter ihnen die Kasernen der Armut, ihre erbrochenen

Gefängnisse, und die Stadt mit den Mächtigen, deren Hand ihnen nachgriff

noch jetzt; hinter ihnen die Soldaten. Sie waren tausend und doch nur

ein Windstoß. Stürmten ausgeschleudert in das Land vor ihnen, das dunkle

und unermeßliche, das sie nicht kannten, und worin andere ihresgleichen

ihnen unbekannt stürmten wie sie, nach einer Villa Höhe, die sie niemals

erreichten. Nie kommen wir hinein, nie wird sie unser; aber dennoch, wir

stürmen. Wir sind beisammen im Sturm, wissen nichts, als unsern Sturm,

nichts vorher, nichts nachher. Halt! da ist Villa Höhe. Wir wären über

sie hinausgestürmt. Das Tor auf! Wir können nicht warten. Warteten zu

lange. Wir sehen das Gitter nicht, stoßen uns blutig, zerstechen uns

beim Hinübersteigen an den Lanzen. In den Garten springen wir, stampfen

in den Beeten, nehmen Anlauf . . . Auweh, Schießen! Kugeln um uns her

schlagen in die Gartenerde. Geteilt den Haufen, und jeder einzeln

tappen, kriechen, rennen wir. Auweh, Schießen! Auch von der Straße. Wir

sind zwischen zwei Feuern. Da hilft nur eins noch, Tapferkeit. Zurück,

das Tor geöffnet, und hindurch zwischen der Truppe und um sich schlagen,

stechen, beißen. Im Dunkeln wissen sie nicht, sind wir es, sind sie es.

Sie schreien: »Licht!« -- aber als nun die Bogenlampe angeht über dem

Tor, sind wir hindurch und weit, bis auf die, die liegen. Auch Soldaten

liegen. Das Maschinengewehr im Garten der Reichen hat nicht

unterschieden zwischen uns und ihnen.

Die Truppe ordnete ihre Reihen. Vom Waldrand kam wüstes Gebrüll, noch

sprangen welche hervor aus den Fichten, wollten es nicht verloren geben,

schimpften, drohten, und einer schoß. Die Truppe legte an. Flucht; --

aber grell beleuchtet ein verwilderter Mensch, nackt die Brust und mit

einer Brille, schleppte etwas heraus auf die Straße -- einen andern, der

schrie und sich wehrte. Ein Schwung, der Kleine flog vor die Gewehre.

Die Truppe gab Feuer. Zwischen Getroffensein und Hinfallen zappelte der

da knieend noch in die Luft und kreischte: »Nicht schießen! Ich bin ein

guter Mann!« Dann fiel er auf den Magen, kratzte den Staub mit den

Füßen, den Händen und war tot, der Spitzel Jauner.

Im Wald riefen sie: »Bravo Herbesdörfer!« -- und stolperten, wohin sie

konnten. Auch Balrich; -- aber da setzte er sich schwer in einen Graben,

neben einen andern, fast auf ihn. Der stöhnte, und schon von seinem

Stöhnen wußte Balrich: das Bürschlein. »Du, Bürschlein?« Er zündete ein

Streichholz an. »Warst bei uns -- und blutest?« Nun sah er auch, das

Bürschlein lag in Ohnmacht. »Blutest für uns,« murmelte er, »ich aber

bin unverwundet,« -- und lud es sich auf. Kroch hervor mit ihm und

tastete nach den Stämmen, damit es sich nicht anschlage. Licht fiel

herein, dort lag Villa Höhe, weiß, verlassen und von der Truppe

abgesperrt. »Ich trag' es hin,« dachte Balrich. »Sollen sie mich haben!«

Schon setzte er den Fuß aus dem Waldrand, da erwachte das Bürschlein.

»Was tust du denn! Fort!« -- und es zog ihm den Kopf in den Nacken, das

Genick würde es ihm gebrochen haben. »Zu dir!« verlangte es. »In das

Haus B!« Und da sie an einen Stein stießen, fiel es wieder in Ohnmacht.

Balrich gehorchte und nahm einen Umweg, es kostete die halbe Nacht.

Umstellt der Wald, die Straße, alles, nur nicht die Kasernen. Wen

sollten sie hier suchen. Noch niemand war heimgekehrt; sogar das Tor

stand offen. Sanft legte er das Bürschlein auf sein Bett, stand davor

und faltete die Hände. Er fühlte: »Das ist nun ein Held. Denn wer zwang

ihn, und was ging es ihn an . . . Sind so die Helden? Dann können wir

Armen auch das nicht sein.«

Da stand er und sah den Knaben an, als habe nicht er ihn die halbe Nacht

getragen und hier gebettet, sah ihn an unter gefalteten Brauen, -- bis

er aufschrak und eilends daranging, den Schlafenden zu verbinden. Es war

geschehen. Nun sagte Balrich vor sich hin: »Ist siebenzehnjährig, ist

reich, und geht mit uns Armen, uns Verzweifelten.« Hierauf, mit noch

geschlossenen Augen, fragte das Bürschlein:

»Verzweifelt? Warst du nicht glücklich?«

Balrich antwortete: »Ja; wie man glücklich ist, wenn endlich der

Selbstmord kommt, nach dem langen Elend.«

Der junge Reiche, die Augen geschlossen, lächelte. »Es war schön -- wie

ein Fest. Wie hatten wir es nur so hell und solche Rosenpforten.«

Balrich legte ihm die Hand auf die heiße Stirn. »Triumph,« sagte der

Fiebernde. »Wir laufen durch den Himmel.«

Balrich sagte: »Wir gehen über die schwere Erde und sind gewiß, nur ihr

Schoß ist unser Ziel.«

»Alles ist unser, die Freiheit, das Glück!«

»Worte,« sagte Balrich. »Wer glaubt daran.«

Da öffnete der Reiche die Augen. Der heiße Rausch in ihnen ward

überwölkt von Trauer. »Ihr glaubt nicht daran? Nicht einmal heute

nacht?«

»Für uns sind keine Götterfeste.«

»Wozu dann stürmtet ihr?«

»Und du?« fragte Balrich. Er stand mahnend da. »Schon hast du

vergessen?«

Auf einmal ward das gerötete Gesicht des Kranken weiß, er flüsterte mit

Grauen: »Leni! Ich wollte sterben für sie, und konnte sie vergessen.«

Um Balrich, der sich schmerzensvoll neigte, warf er die Arme, brach in

Tränen aus an seiner Brust: »Wie wir elend sind!« -- und durch nichts

getrennt, weinten sie.

Der Morgen wollte grauen, Hans schrak auf. »Du mußt fort, sie werden

dich suchen.« Balrich bewegte gleichgültig die Hand. »Wohin? Es ist

unnütz.«

»Mein Rock dort, nimm das Geld heraus --«

Hans stockte; die Miene des Freundes erinnerte ihn daran, welches Geld

er meine. »Gib es deinem Vater,« riet Balrich. »Dein Vater ist dein

Freund.« Da er den Mund des Knaben zucken sah: »Willst du nicht heim?«

Der Knabe senkte den Kopf, er schämte sich; aber er ließ es zu, daß

Balrich ihn ankleidete.

»Schicke hin,« sagte er ihm ins Ohr. »Die Soldaten werden abgezogen sein

und der Heßling noch nicht zurück.«

»War er denn fort? War gar nicht dort in der Nacht?« Balrich lachte auf.

»Wir hätten es wissen können, wir Stürmer.«

»Er ist schlau,« sagte der Knabe; »wenn du ihm begegnest, hüte dich.«

»Jetzt kommt er zurück? Schon gut, ich gehe. Deine Leute werden dich

holen. Lebe wohl, mein Bürschlein, mache es gut.«

»Mache du es gut,« sagte Hans Buck tiefernst. Sie schüttelten einander

die Hände, wie Männer, die weiter nichts sagen müssen.

Balrich schickte ein Kind zu dem Vater des Verwundeten; dann ging er

hinüber nach der Brandstätte. In den Trümmern bewegte sich nur der

Rauch; er sah umher. Die Nacht des Aufruhrs hob sich von diesen

Trümmern, dieser Leere, -- die Streikenden versteckt, fortgekrochen auch

Dinkls, aber Klinkorum dahinten stand mit den Armen kreisend als leere

Windmühle vor all dem Seinen. Balrich ließ ihn laut in die Luft

plappern, er suchte in den Bäumen an der Straße nach einem Versteck.

Hinaufsteigend in die Krone, erkannte er sie. Dies der Ast, an dem er

einst sich erhängen wollte. So hatte es angefangen, und hierher führte

es zurück. Was dazwischen lag, war Kampf, Prüfung, Erliegen und

Aufstehn, Kampf bis aufs Messer und bis zum bittern Ende. Du hast es

vorausgesehen damals, Armer, das Ende sei die Verzweiflung. Wärest du

doch gegangen, schon damals! Jetzt ist es schwer; das ganze Leben, das

du erlittest seitdem, tobt jetzt in dir und sträubt sich gegen den Griff

deiner Hand. Stirbst du, muß es im Kampf sein, und der Feind muß mit!

Er spähte durch die kahlen Zweige. Damals wogten die Kronen und

entsandten den lauen Duft ihrer Blüten. Der Verzweifelte fühlte: »Mir

duften sie nie mehr. Ich soll es nie wieder warm haben, nie wieder satt

sein, kein Weib mehr lieben.« Er entsann sich, nun er am Äußersten war,

nur seiner Sinne noch. Wirf es hin, lauf, rette dich, lebe! Da erscholl

der Schritt.

Heßling ward sichtbar, weit hinten unter den letzten Bäumen, auf der

Straße allein. Balrich hielt sich bereit, er prüfte den Revolver.

Aufgepaßt, keine Schwäche mehr! Das ist der Mensch, der dir einzig im

Weg stand. Hat dich zum Hungern bringen wollen und zum Wahnsinn. Ein

Dieb solltest du sein, ein Zuhälter, solltest gefangen werden und in

Schanden untergehn. Bin hier, aufgepaßt, bin hier! -- und er legte an.

Aber der Heßling verschwand.

Hinter dem Baum dort mußte er stecken! Balrich sprang herab; die Waffe

ausgestreckt, rannte er; -- da stak er fest. Noch dachte er, er sei

gegen ein Hindernis gerannt, zappelte noch und wollte weiter. Dann

erkannte er, von jeder Seite hielt ihn ein Mann. Ein dritter entwand ihm

schon den Revolver; ihm ward es klar, hinter jedem Baum hatte einer

gestanden. Es war wie ein Traum, weithin kamen welche hervor; -- und

erst als er vorn und rückwärts ganz zweifellos beschützt war von

bewaffneten Gestalten in Zivil und mit schlechten Gesichtern, verließ

auch Heßling seine Deckung. Gebläht, gehoben, die Wangen nicht mehr

hängend, die Augen nicht mehr matt, mit Kraft geladen wie je, schritt er

durch das Spalier seiner Garde los auf seinen ohnmächtigen Attentäter.

Da war er, der Mensch, der ihm den Schlaf genommen, ihn verfolgt und

krank gemacht, in gottloser Vermessenheit angetastet hatte sein

Heiligstes, Besitz und Macht, -- da war er zwischen Detektiven, die

Handgelenke kräftig gepackt, und hier halfen keine finsteren Brauen

mehr, man hätte ihm können in das Gesicht spucken.

Indes aber der Sieger den Anblick genoß, stieß der Besiegte rauh aus:

»Lassen Sie mir die Waffe zurückgeben! Ich will mich töten!«

Gelächter der schlechten Gesichter. »Und wen noch?« fragte der

Generaldirektor fein. Balrich stieß aus: »An Ihnen liegt mir nichts

mehr. Nur mich!«

Der Generaldirektor sagte herablassend: »Mensch, ich hätte Sie nicht für

so dumm gehalten. Sehen mich allein, zu Fuß daherkommen und denken in

kindlicher Unschuld, dahinter steckt nichts. Wenigstens haben Sie jetzt

einen wirksamen Abgang.«

Balrich maß ihn. »Sie wollen großtun? Ihren Sohn haben Sie nicht so gut

bewachen lassen. Ihren Sohn hätte ich abschießen dürfen und mich damit

erledigen.« Er sah ihm in die Augen. »Sie rechneten damit.« Worauf

Heßling auswich. Auf einmal schien er nicht mehr so zielbewußt, -- sah

die schlechten Gesichter an, tat schon den Mund auf, damit sie sein

Opfer abführten; aber dann entschloß er sich anders.

»Wollen Sie vernünftig sein?« fragte er, nahe an Balrich. Der Besiegte

sagte: »Was ich getan habe, ist vernünftig.«

»Ich habe mit dem Mann zu reden,« herrschte der Generaldirektor. »Aber

legen Sie ihm Handschellen an.« Dies geschah; darauf Balrich: »Ich mit

Ihnen nichts, oder Sie lassen mir die Hände freimachen.«

Der Generaldirektor wehrte sich, aber Balrich sprach ihm zu: »Wozu soll

ich Sie eigentlich beseitigen. Sie kommen doch mit, wohin ich gehe, auch

ohne Schießen.«

»Drohen gilt nicht!« rief der Generaldirektor, aber er bat die Herren,

dem Menschen die Handschellen vorläufig wieder abzunehmen. Er begab sich

sogar mit ihm abseits, hinter einen Trümmerhaufen der Villa Klinkorum.

Die Organe der bürgerlichen Ordnung sahen es mit Staunen, der

Generaldirektor trat in vertrauliche Verhandlungen mit seinem

Attentäter.

»Augenblicklich lassen Sie mich frei!« verlangte Balrich.

»Augenblicklich geben Sie mir den Brief!« heischte Heßling. Balrich

bemerkte: »Also zweifeln Sie doch, daß er mit verbrannt ist?«

»Gellert schwört ihn ab,« raunte Heßling. »Hat ihn nie gesehen. Ich will

es ihm raten, nach seinen Seitensprüngen mit der kleinen Dinkl. Vor

seiner Abreise habe ich ihm den Brief bezahlt, was er wert ist. Behalten

Sie ihn ruhig.«

»Und die Arbeiter?« fragte Balrich. »Die alles wissen aus seinem Munde?

Und die Sie, Mensch, betrogen haben mit der Gewinnbeteiligung?«

»Von meinem Sohn haben Sie Geld erpreßt;« -- leise, hastig.

»Ihr Dasein, Heßling, ist eine einzige Erpressung.«

»Redensart der Tribüne! Aber ein Mordversuch, mein Lieber . . .«

»Wie viele wollten Sie ermorden, als Sie dem Klinkorum sein Haus

anzündeten?«

Dem Generaldirektor verschlug es den Atem. Inzwischen stieg aus seinen

Trümmern Klinkorum hervor, beschmutzt und zerrissen, in den Händen eine

Flasche. Mit einem großartigen Lächeln begrüßte er seine Gäste. »Auf

gerettetem Kahn,« sagte er und zeigte die Flasche her. »Die Herren

belieben?« Da sie nicht antworteten, tat er selbst einen langen Zug.

»Die Gastfreundschaft und das Studium,« sagte er, Atem schöpfend, »das

war mein Leben.« Er versuchte sich aufzurichten, so majestätisch wie

einst, und seine Zierden hervorzukehren, die sieben Bartsträhnen, den

Spitzbauch in dem klaffenden Wollhemd. Aber er wankte und zitterte.

Dennoch schwang er die Flasche und sprach.

»Generaldirektor unser aller!« rief tönend Klinkorum. »Sie haben

gezeigt, wer Sie sind. Ich kann Sie nur hochachten und verehren. Sie

sind die Ordnung. Sie sind die Macht. Sie sind die Herrlichkeit.«

Klinkorum breitete, sich neigend, die Arme hin. Hierauf feierlich,

getragen von seiner Erkenntnis: »Zu mißbilligen ist der Empörer! Die

Welt kann nur bestehen in Strenge und Ungerechtigkeit. Bereit bin ich,

auszusagen gegen ihn!«

Hier ging dem Generaldirektor vor Spannung der Mund auf. Klinkorum sah

ihm hinein, nicht ohne Ironie; dann nahm er zuerst noch einen Schluck,

worauf er leichthin schloß. »Oder es wenigstens für mich zu behalten,

wer es war, der wie ein Hase davonlief, als mein Haus brannte.«

Auch dies befriedigte den Generaldirektor. Er bekümmerte sich nicht

weiter um Klinkorum; denn erschöpft setzte Klinkorum sich auf seine

Trümmer und nahm nicht mehr teil. Er raunte wieder nahe an Balrich: »Sie

haben verstanden?«

»Aber Sie nicht,« sagte Balrich. »Der tote Jauner redet noch weniger als

der abgebrannte Klinkorum. Aber darum sind Sie noch immer geliefert.«

»Mensch, was wollen Sie!« Der Generaldirektor fing heiser zu kreischen

an. »Ihre Rechnung stimmt. Erpressung! Aufruhr! Mordversuch!«

»Ihre!« schnob Balrich. »Enteignung! Betrug! Brandstiftung!«

»Sollten sich die beiden Rechnungen nicht ausgleichen?« fragte jemand.

Der Rechtsanwalt Buck, sie hatten ihn nicht kommen gesehen. Das Auto

hielt auf der Straße.

»Ich habe meinen Sohn schon geholt,« sagte Buck zu Balrich; und zu

Heßling: »Auch Hans hat etwas abbekommen heute nacht . . . Genug, ich

hörte die Herren verhandeln und biete meine Dienste an.«

»Werden nicht benötigt,« herrschte der Generaldirektor und sah sich

drohend nach seinen Leibwächtern um. »Meine letzte Antwort sind die

Handschellen.«

Aber Buck fiel ihm in den Arm, mit einem unerwarteten Griff. Heßling

erschrak. »Mein Hans sitzt im Wagen,« sagte Buck, leise und fest. »Er

hat von seiner Wunde etwas Fieber, er spricht. Er spricht von einer

Unterredung, die du eines Nachts mit deinen Söhnen gehabt haben sollst,

vor deinem Kassenschrank. Ein Schwur soll sie beendet haben, ein Schwur

von einem Brief und rauchenden Trümmern.«

Der Generaldirektor bäumte sich. »Ich zerschmettere euch!« schnob er.

»Ich werfe euch auf die Straße.« Hierauf aber ward er kleiner und machte

sich ohne Umstände wieder an Balrich heran. »Was wollen Sie noch?«

fragte er sachlich. »Ihren Mordversuch könnte sogar ich nicht aus der

Welt schaffen.«

»Dann bringe ich Sie wegen Brandstiftung ins Zuchthaus,« erwiderte der

Feind, nicht weniger sachlich. Der Generaldirektor verfiel zusehends.

Sein Schwager Buck breitete die Arme aus, um ihn aufzufangen, da hauchte

er: »Was macht das Zuchthaus Ihnen. Aber mir!«

»Die Herren sind beide zu weit gegangen,« bemerkte der Rechtsanwalt.

»Von ihrem Recht zu siegen überzeugt, haben Sie, einer dem andern

zuvorkommend, immer zweifelhaftere Kampfhandlungen begangen, und so

stehen Sie nun da.«

»Ich habe ihn in der Hand,« beteuerte Balrich, den Arm ausreckend.

»Ich ihn,« schnob Heßling und reckte den Arm aus.

»Dann bleibt den Herren nur übrig, die Faustpfänder auszutauschen,« riet

der Rechtsanwalt. Aber sie sträubten sich.

»Ich weiß mehr,« drohte Balrich.

»Ich kann mehr,« behauptete Heßling.

»Lassen Sie mich frei!« verlangte Balrich noch einmal. »Sonst kommen Sie

mit mir.«

Da brüllte der Generaldirektor auf. »Kann ich denn? Sie soll ich laufen

lassen, mit dem was Sie wissen, mit Ihrem Brief, mit Ihren Plänen gegen

mich? Lieber gleich ins Zuchthaus . . . Bleiben Sie hier und kuschen

Sie, dann wollen wir sehen.«

»Lieber ins Zuchthaus,« sagte auch Balrich. Jetzt nahm der

Generaldirektor die Zuflucht zu seinem Schwager. »Ich verspreche dir --«

sagte er dringlich. »Berede ihn! Er soll hierbleiben -- nahe bei mir --

in Gausenfeld -- wie immer. Im Arbeiterhaus dort, im Haus B, als

Arbeiter. Er soll wieder arbeiten in der Fabrik, unter meinen Augen.

Sonst bin ich keine Stunde mehr meines Lebens sicher. Berede ihn!«

Und Buck, der gesonnen hatte, machte sich auf. Watschelnd ging er auf

Balrich zu, nahm ihn beim Arm, und im Bogen einherwandelnd mit ihm,

sprach er. Heßling inzwischen saß auf einem Trümmerhaufen, gegenüber

Klinkorum.

Balrich hörte zu, wollte nicht mehr hören, und mußte doch weiterdenken,

was er vernahm von dieser befreundeten und unerbittlichen Stimme. Er

mußte denken, des Kampfes sei es genug und gut wäre der Friede . . .

Aber alles umsonst gewesen, das erworbene Wissen, die verbrauchte Kraft!

Aber zurück, dorthin wo du anfingst! Kann es sein? . . . Buck sagte:

»Ja. Sie hoffen nicht mehr, zu siegen über Ihre Feinde, die Reichen. Sie

könnten nur noch erwerben und hinausgelangen in ihren Diensten, als

Mitwisser, Helfershelfer --« Buck bewegte den Finger, unbestimmt wohin,

vielleicht auf seine Brust? »Als Verräter,« schloß er. Balrich sagte

noch:

»Und immer ein Besiegter? Nie anders leben bis zum Tode, als im Schatten

dessen, der die Macht hat?«

Da sagte Buck und lenkte schon ein, auf den Generaldirektor zu:

»Die Macht -- das ist mehr als Menschenwerk; das ist uralter Widerstand

gegen unser Atmen, Fühlen, Ersehnen. Das ist der Zwang abwärts, das

Tier, das wir einst waren. Das ist die Erde selbst, in der wir haften.

Frühere Menschen, zu Zeiten, kamen los aus ihr, und künftige werden

loskommen. Wir heutigen nicht. Ergeben wir uns.«

So ging denn Balrich heim, in das Haus B. Nur über eine Wiese brauchte

er zu gehen. -- --

An der Maschine stand wieder der Arbeiter Balrich, aß wieder das Brot

des Heßling, um Kraft zu haben für den Heßling. Vor sechs, den

Rockkragen hinauf und los, den fröstelnden grauen Weg nach der Fabrik,

zu Hunderten schweigend und trabend, Trab hinter sich, vor sich, in

sich, Trab wie Maschinenlauf. Abgerackert zurück am Abend in seinem

Zimmer, wollte er wohl einmal auch denken, sich erinnern, klarstellen;

aber die vielen Geräusche des Hauses übertönten, wie einst, bei weitem

seine Gedanken; und er fand es gut. Gut, einzuschlafen, gut, still zu

sein. Nicht länger ein arbeitender Kopf, von dem die Chimären das

Fleisch nagen. Nur Arbeit unserer Hände bezwingt den Sinn des Lebens, so

daß er weniger furchtbar wird. Der Arbeiter Balrich heiratete das

Mädchen Thilde, nahm sie zu sich mit ihrem Kind, ihrer Mutter, und

ernährte sie alle.

Von da an saß er auch wieder in der Kantine mit den Genossen. Sie sahen

endlich, er war ganz wie sie, niemand mußte vor ihm sich zurückhalten.

Dennoch erfuhr er weder Feindschaft noch Undank. Er fühlte, dankbarer

sind sie mir jetzt, da es vergebens war. Ein Händedruck sagte ihm

manchmal, es ist in Ordnung mit dir und uns. Wir lieben uns, verraten

uns, kämpfen, werden müde, ergeben uns. Wir haben viel gelernt, und

vergessen es schon wieder.

Bei der Taufe ihres Kindes trug Thilde schon ein zweites. Balrich sagte:

»Wir sind Proletarier,« -- und als einziger verstand er das Wort. Da es

ein Sonntag war, ging er und zog aus dem fichtenen Tisch seine

lateinischen Bücher, die wenigen, die dem Brande Klinkorums entgangen

waren. Er sah sie an, die Brust ein wenig beklommen, aber entschlossen,

sie wegzutun und zu vergessen. Wem sie Kraft genug gaben, den Heßling zu

besiegen, der mochte sie lesen. Du hast es doch versucht, durfte Balrich

sich sagen. Hättest du sie gelesen wie Klinkorum, du lasest sie

fruchtlos und zu Unrecht. Das Wissen, das nicht hilft, ist eitel und

schlecht. Der Geist, der nicht handelt, ist strafbarer als die Tötung

keimenden Lebens. Wer denkt, soll auf das Glück der Menschen denken.

Er hatte sich ergeben, -- aber einmal schrieb Leni. Gleich der Duft des

noch geschlossenen Umschlages rührte alles auf in dem Bruder. Was ist

aus ihr geworden? Du bist schuldig, du hast sie verlassen. Für sie

mußtest du weiterkämpfen . . . Aber ihr ging es gut, sogar glänzend,

behauptete sie. Ihr Verkehr in Berlin waren Baroninnen, und sie ging zum

Theater. Er dachte zurück. Kampf ist Kampf, dem Elend entrinnst du auch

so nicht, ohne Blut zu lassen. Ich hätte ihr ein leichteres Leben

zugedacht . . . Der Glanz aber, schrieb sie, freue sie nicht mehr,

gedenke sie ihres lieben Karl. Die Worte warfen ihn nieder, mit der

ganzen Wucht eines verfehlten Lebens. Fremd hier bei Frau und Kind, und

alles verloren! Da weinte er, bis sie ihn fanden.

Weggesteckt den Brief, -- aber als er ihn später noch einmal las,

begegneten ihm Wendungen, die er nicht recht erfaßte. Dahinter stand

wohl eine unbekannte Welt, wie damals im Theater hinter den schwierigen

Reden der Schauspieler. Villa Höhe nannte sie »Provinz«, und sein

höchster Traum für sie war einst doch Villa Höhe. Wie nannte sie heute

wohl ihn selbst? »Schließlich hat jeder sein Leben. Sie hat ihres, und

dies ist nun meins.« Er schrieb ihr plump, sie solle sich nur Geld

sparen, das lustige Leben werde auch nicht immer dauern.

Darauf antwortete sie nicht mehr; und er, wenn er dachte, jetzt seien es

drei, jetzt sechs Wochen, dachte hinzu, es müsse sein. Sie dort oben

wird immer höher steigen, du hier unten sinkst täglich weiter zurück.

Was ihr noch wißt voneinander, soll immer weniger werden. Fünfzig Jahre

könnt ihr fortleben, -- Zeit genug, um zu vergessen, wie es war, als du

sie, die um die ganze Welt getanzt hatte, auf deinen Armen einst trugst

durch den Staub der Landstraße. Sieh, du weinst schon nicht mehr.

Aber träge floß das Leben. Des Kampfes, der doch beendet und verloren

ist, vergißt du nicht und rufst ihn zurück in Sommer und Frieden. Er ist

noch da, eine geheime Unruhe erfüllt die Luft. Was fern liegt, rückt

herbei und läßt dich auffahren, als wollte dir einer an Weib und Kind.

Rußland! das ist der Feind. Frankreich! England! das ist er. Wer fragt

noch nach Heßling. An Heßling konnten wir nicht hinan, -- mit ihm denn

gegen die, die uns überfallen! Dort winkt der Sieg. Krieg muß sein,

damit endlich wir Armen das Glück erraffen, das kein Kampf des Lebens

uns bringen wollte. Heßling zahlt bis 80 Prozent unserer Löhne an die

Familien der Einberufenen. Was Proletarier, was Bourgeois, -- das

Vaterland! Dem Generaldirektor lag es schon längst im Sinn, beizeiten

hat er seine neuen Maschinen aufgestellt. Jetzt machen sie Munition.

Einberufen unter den ersten! Balrich, Dinkl, alle sahen den hohen Tag

der Erfüllung, als wir ausrückten. Durch beflaggte Straßen, Feldküchen

säumten sie, eine Mutter trug uns Blumen nach oder Würste, in der

kleinen roten Faust unserer Schwester hing unser Köfferchen, und sie

weinte in ihre Schürze, indes wir sangen. Wir sangen und hatten auf dem

Helm einen Kranz. Wo unsere Regimentsmusik um die Ecke bog, flogen die

Straßen entlang alle Fenster auf. Die Autos hielten und ließen uns

vorbeimarschieren. Auch am Bahnhof hängen Fahnen und Kränze. Werden wir

noch einmal die sehen, die uns suchen? Wo ist Thilde?

Einsteigen, es kostet nichts. Das Bürschlein ist da, es hat helle,

aufgerissene Augen, hat sich freiwillig gemeldet, es wird nachkommen.

»Paris dürft ihr nehmen, bevor ich dabei bin, aber London noch nicht!

Bitte, noch nicht!« Dinkl macht Witze und faßt schon die zweite Tasse

Fleischsuppe umsonst von einer Dame. Noch kommt Thilde nicht. Welch ein

Gedränge! Wer einander nicht am Arm hat, findet sich nie wieder. Die

Züge entlang Haufen Gepäck, für Beförderung keine Garantie. Geschrei aus

den Zügen: »Sie, Herr Leutnant, nun sorgen Sie doch bitte dafür, daß wir

abfahren, wir wollen die Kerls verdreschen.« Die Bande gelöst, Tränen

und Lachen in einem, Prahlerei und Herzweh, Pfiffe gellen, ein Zug fährt

ab, jemand liegt unter den Rädern, -- keine Garantie; und auch die

Unordnung wirkt begeisternd und selbst das Elend. Wo bleibt Thilde? Auf

einem Sack sitzt, den Rücken rund wie ein Pilz, eine Greisin, sauber und

arm, und ringt die Hände: »Ich hab' ihn nicht mehr gesehn.« Balrich

weiß, wen: Herbesdörfer. Dahin ist er, keinen Spitzel wird er mehr vor

die Gewehre werfen . . . Balrich reicht die Hand seiner Schwester Malli,

nun los! Aber Thilde? Das Kind und Thilde?

Da, von der Stufe des Wagens her, erblickte er Thilde, seine Frau, und

sie ihn. Er ward bleich, schon wie der Tod, so sah sie ihn. In ihrem

braunen Tuch, mit ihrem hohlen grauen Gesicht, auf dem Arm das Kind und

neben dem blonden Haar des Kindes das ihre verstaubt, eine alternde

Arbeiterin, so sah er sie. Er winkte; keine halbe Minute mehr! Mit ihrem

gewölbten Leib hastete sie beschwerlich hindurch. Er winkte, auf einmal

fühlte er: keine halbe Minute mehr, und so vieles drängt. Ich habe sie

nicht genug geliebt, nicht genug die Armut geliebt, unser einfaches

Menschentum, das ebenso gut wie schlimm ist, -- wollten wir nur nicht

hart sein, nicht schonungslos begehrlich, alle, die von oben und daher

auch die von unten, die Schlechten unter uns und auch wir Besseren. Er

fühlte: »Keine halbe Minute mehr, und versäumt ist, so sehr ich auch

kämpfte, das wahre Leben, das nur Vernunft und Güte ist. Wir planten

Kampf, suchten Kampf, lebten Kampf, schon längst bevor wir in diesen

Kampf ziehn. Auf Feindschaft waren wir gestellt, und finden nun Feinde.

Ich hatte teil an meiner Zeit und büße für sie. Dies ist das Ende.«

Nun trafen sich ihre Hände. Die Räder, langsam und unwiderruflich,

machten die erste Drehung. Ein Kuß dem Kind, und ineinandergeschlossen

die beiden harten Hände, diese Sekunde noch und noch diese. Er sagte,

dringend vorgebeugt:

»Alles wird besser, wenn ich wiederkomme.«

Sie, nachhastend, die Angst des ganzen Lebens in ihrem Gesicht und in

der Stimme keinen Trost, sagte:

»Wenn du wiederkommst.«

Die Armen: Ein Roman · 第 22 / 23 题