Ultima ratio

Die Kinder schrieen tosend vor dem großen Arbeiterhaus, rannten,

zappelten, prügelten sich; nur polterten sie nicht mehr gegen den Zaun

der Villa Klinkorum, denn die Planken waren jetzt bedeckt mit

Stacheldraht. Die alten Männer, die nicht mehr arbeiteten, wärmten sich

an der Mauer, in der Sonne des Vorfrühlings. Dann wuchsen die Schatten,

die Greise verschwanden mit den Kindern, von der Arbeit kamen die, die

Kraft hatten; -- nur Balrich verharrte noch immer in dem feuchten

Garten, ging und stand, grübelte, horchte. Malli drinnen im Keller saß

beisammen mit Thilde, sie bejammerten das Geschick und wurden erzürnt,

übertönte sie einmal das Lachen der Kleinen. Der alte Gellert lachte mit

den Kleinen.

Da streckte Balrich den Kopf durch einen Busch; nun galt es, dort kam

er. Horst Heßling kam daher, ohne Monokel, mit einem dummen Gesicht, und

sein Gang sah aus wie stotternd vor Verlegenheit. Dies war der Moment!

Balrich tat einen Gleitschritt, unvorhergesehen stand er vor ihm.

»Sie haben mich erwartet,« sagte er rauh. »Früher oder später. Jetzt bin

ich da und fordere. Heiraten Sie meine Schwester!«

Horst Heßling lächelte schlaff, als sagte er: »Hätte ich sonst keine

Sorgen!« Dann gab er sich einen Ruck, sogar nach dem Monokel faßte er

und bemerkte: »Komisch, das müßte doch ihr selbst einfallen.«

»Oder Ihnen,« sagte Balrich. »Denn Sie haben die Schuld.« Er ließ sich

nicht unterbrechen. »Nur Sie! -- obwohl sie schon vorher nicht mehr

unschuldig war. Ein Reicher kann keine Unschuld verlangen. Aber was ihr

geschieht und was immer aus ihr wird, kommt alles auf Sie; denn Sie --«

Die gekrampften Fäuste hob er bis unter das Gesicht des Andern.

»-- sind der, den sie liebt.«

Horst Heßling fuhr zurück. »Sie sind außer sich,« sagte er und wollte

weiter. Balrich, ihm nach mit einem Sprung, warf ihn an den Schultern

herum. Horst Heßling war plötzlich tiefrot, den Angreifer stieß er fort.

»Achtung! Hier ist mein Stockdegen;« -- und er zog ihn. »Ich bin in

Notwehr.«

»Lump!« sagte Balrich. »Feigling!« Mit Schimpfworten wich er vor den

gereizten Ausfällen des Feindes zurück, immer zurück, bis an die Planke.

Da, ein Schlag, der Degen klirrte und fiel hin, die Handgelenke des

Feindes wanden sich unter den Fäusten Balrichs.

»Los!« sagte Balrich. »Stoßen Sie mich in den Stacheldraht! Wer übt

jetzt Notwehr? Mit den Stichen im Nacken darf ich Sie totschlagen.«

Horst Heßling sah es ein, er hörte auf, sich zu winden. »Verhandeln

wir!« keuchte er, worauf Balrich ihn losließ. Sogleich hatte der Reiche

wieder seine überlegene Fresse. »Hunderttausend,« warf er hin. Balrich

schnob: »Heiraten!«

»Hunderttausend. Ich fange dort an, wo mein Vater aufgehört hat.«

»Ihr Vater hat beileibe nicht aufgehört. Er bietet mir noch ganz

Gausenfeld.«

»Also ganz Gausenfeld,« bot der Sohn, korrekt und höhnisch. Balrich

schnob:

»Wenn Sie auch könnten, es wäre noch nicht genug. Heiraten!«

»Ihre Schwester ist mehr wert als ganz Gausenfeld?« -- Hierbei streckte

er den Kopf vor, um das Gesicht des Bruders zu unterscheiden in der

Dämmerung. Der Bruder schrie auf. »Das wissen Sie noch nicht?«

Leise, schnell und mit Knirschen sprach er.

»Wenn Sie es nicht wissen, müssen Sie es lernen. Heiraten Sie nicht

Leni, soll Ihr Leben, verstehen Sie mich, Ihr ganzes Leben nur noch

Angst sein. In kurzem bin ich Student, dann fordere ich Sie; aber Sie

dürfen nicht sterben, nur Krüppel werden sollen Sie. Versuchen Sie

nicht, zu lachen! Sie sind der Feigste nicht, ich weiß. Gegen mich aber

können Sie nichts, denn ich will, hören Sie, ich will.«

Da der Feind zurückbebte, folgte er ihm mit dem Körper.

»Sie sollen mich finden, wo immer Sie zu atmen wagen. Stückweis sollen

Sie absterben unter meiner Hand. Sie sollen erfahren, was einer kann,

der nur noch lebt, um Ihr Feind zu sein.«

»Prahlerei,« stammelte der Feind, aber er wich, wie vor einem Feuer.

»Auch Sie,« stammelte er, »haben etwas zu verlieren.«

»Aber gerächt ist meine Schwester.«

»Was nützt es Ihnen?«

Balrich, aufgereckt:

»So lieb werden Sie nie jemand haben, daß Sie mich verstehen.«

Da sah er im Schatten den Feind kleiner werden. Horst Heßling fragte,

raunend:

»Wie sollen wir es denn machen?«

»Ihre Sache, Geld zu beschaffen.«

»Sie haben gesehen, in welchem Zustand ich aus der Stadt kam. Die

Wucherer lassen sich kaum noch hinhalten.«

»Ihre Sache,« wiederholte Balrich. »Beschaffen Sie Geld, fahren Sie nach

England mit meiner Schwester, heiraten Sie sie!«

Eine schwankende Handbewegung, der Reiche sagte:

»Ich will es versuchen.«

»Und glauben Sie nicht, Sie könnten mir entkommen! Ich treffe Sie noch

im hintersten Versteck der Erde -- leichter als hier. Ich habe mich aus

der Lohnsklaverei befreit, sagen Sie sich das! Wo sind für den die

Grenzen.«

Vor sich hin sagte der Sohn: »Was bleibt übrig, ich breche in die Kasse

ein.«

»Und Sie reisen erst, wenn kein Verdacht gegen uns mehr aufkommen kann.«

»Gegen uns,« wiederholte Horst Heßling, von unten. Dann wuchs er wieder.

»Aber wieviel verlangen Sie eigentlich selbst?«

»Sie bekommen keinen Fußtritt. Meinem Schwager gebe ich keinen.« Und

Balrich drehte sich schroff um.

Er wollte um die Ecke, da vertrat ihm den Weg ein machtvoller Wuchs.

»Ei ei,« sagte die Schattengestalt Klinkorums. »Erpresser, Mordbube und

Dieb, ei ei! Das wäre nun der Prophete.«

Balrich, überrascht, sah ihn eine Art Tanz beginnen, als wackelte ein

Turm . . . Aber Klinkorum bezwang sich, er senkte die Hand auf die

Schulter Balrichs. »Mein Sohn!« rief er aus.

Erschreckt durch dies sein Bekenntnis, horchte er in das Dunkel, es

schwieg tief. Da legte er los.

»Sohn meines Geistes! Hast ererbt von mir, was ich als Letztes, Tiefstes

in mir trug, den Haß der Mächtigen, die Todfeindschaft gegen die Macht.«

Er umfaßte auch die zweite Schulter Balrichs.

»Sohn! Was hat sie aus mir gemacht. Ein Narr ich, ein Spielzeug der

Reichen, -- ich, der Intellektuelle! Der Geist selbst ihr Spielzeug,

verhöhnt und benutzt! Räche mich! Ich werde gelebt haben durch dich!«

Hier fiel er vollends über Balrich her; auf der Wange Balrichs schallte

ein Kuß. Balrich ließ es vorbeigehen. Dann sagte er:

»Tue ich es aber, wer weiß, so verleugnen Sie mich.«

»Nie! Bei den Flügeln des heiligen Geistes, nie!«

Wie ein Turm in der Nacht. Balrich tastete sich um ihn herum und schnell

zur Pforte. Noch nicht erreicht, und einem Vorsprung im Zaun, entstieg

noch einer.

»Ich habe den Drang, Ihnen zu sagen --« Es war Kraft Heßling.

»-- daß ich meinen Bruder nur mißbilligen kann. Er ist nicht feinfühlig,

nicht edelgesinnt. In Ihnen vermute ich eine verwandte Seele.«

Da Balrich zweifelte, woran er sei, beteuerte Kraft: »Sie dürfen mir

glauben. Nie wäre ich so unzart gewesen, Ihre Schwester zu verführen.«

Allerdings. In dieser Beziehung war ihm zu glauben. »Was wollen Sie

denn?« fragte Balrich.

»Ihnen helfen, Sie Lieber.«

»Die Reichen sind verrückt,« dachte Balrich. »Kommst du ihnen mit

Gewalt, geben sie nicht nur ihr Geld her, sondern sogar ihr Herz.«

Kraft versuchte seiner hohlen Stimme Wohllaut zu verleihen. »Ihnen ist

es doch wohl lieber, wenn man nicht erst die Kasse erbrechen muß? Da

weiß ich nun Rat. Mein Bruder Horst weiß sich keinen mehr, er ist

verkauft an die Weiber. Ich aber habe Ersparnisse.«

»Und Sie wollen ihm helfen,« stellte Balrich fest, »daß er handeln kann

wie ein anständiger Mensch.«

»Das ist schön, nicht wahr? Ich liebe so sehr die Schönheit der

Menschen, die seelische -- und auch die des Körpers,« -- wobei, Kraft,

leicht rankend, den Arm um die Schulter Balrichs schlang. Balrich

schüttelte ihn ab, Kraft lispelte noch: »Darf ich denn nicht den

Freundeslohn erhoffen?« -- da hatte er eine Ohrfeige, und sofort drohte

er dem Seelenfreund, ihn anzuzeigen auf der Stelle, zu zeugen gegen ihn,

ihn zu vernichten. Hierbei lief er schon.

Kraft eilte heim, in Finsternis gehüllt und seine Rache bedenkend. Der

Mut, den sein stärkerer Bruder hier nicht hatte, Kraft fand ihn in

seiner enttäuschten Liebe . . . Er meldete sich krank und ging ohne

Essen schlafen. Stundenlang harrte er in Geduld, bis Horst kam. Horst

tat, als entkleidete er sich, wobei er aber Blicke auf den Schläfer

warf. Kraft atmete seufzend, darauf gab Horst es auf, sich zu

verstellen, zog das Jackett wieder an, und beim Mondschein wartete nun

auch er. Das letzte Licht in der Fassade war erloschen, da machte er

sich auf, in biegsamen Hausschuhen.

Kraft, kaum war sein Bruder fort über die Treppe, schlug einen anderen

Weg ein. Das Schlafzimmer betrat er unhörbar, woraus das Stöhnen seines

Vaters drang. Die Lampe brannte auf dem Betttisch des Generaldirektors,

sie beschien sein vom Traum zerrüttetes Gesicht; mit dumpfem Murmeln aus

seinen Lippen kamen Worte, kamen Zahlen . . . Da lief ein jäher

Schrecken durch alle Massen seines schlafenden Leibes, hoch fuhr er, und

gestützt auf beide Hände, starrte er weiß. Wie zum Angriff krümmte dort

sich ein schwarzer Mensch. »Lieber Gott!« hauchte er und sank hin.

Kraft sagte heiser: »Papa;« da sah der Vater ihn sich an, den

schwarzseidenen Schlafanzug, die hohlen Augen und den Schatten unter der

Höckernase, -- worauf er in Zorn geriet und noch nachträglich zu dem

Revolver griff. Kraft, erfüllt von seinem Geschäft, wich keinen

Fußbreit. »Komm, Papa!« sagte er beharrlich und winkte langsam, winkte

knochig. »Komm, Papa, du sollst dich wundern.«

Der Generaldirektor, ohne mehr zu erfahren, stand endlich auf und

folgte. Kraft, eins mit der Dunkelheit, führte ihn an der Hand über die

Treppe. Drunten schien der Mond in die golden bespannte Halle. Kraft

wich ihm aus; die Wände entlang schlichen sie in den weißseidenen

Barocksaal. Hier nun, grauenvoll, lag Lampenschimmer! Aus der

angelehnten Tür fiel er, vom Herrenzimmer! Der Generaldirektor wollte

einwurzeln, Kraft riß ihn mit. Der eine lang und schwarz, überquellend

aus seinem weißen Hemd der andere, so traten sie auf. Horst sah ihnen

entgegen, mit dummem Gesicht. Er stand halb versteckt hinter der

geöffneten Schiebetür, die das Allerheiligste barg, mit dem

Kassenschrank, -- und der Kassenschrank klaffte, und in den Fingern

Horsts zitterten Banknoten.

Der Generaldirektor, bei diesem Anblick, ward ein Anderer. Sicherheit

und Tatkraft prägten sein Gesicht, »Hände hoch!« rief er stark und erhob

den Revolver.

»Pardon,« äußerte Horst, »ich bin es nur.«

Der Generaldirektor, der hieran nicht zweifelte, trat sachlich vor, er

untersuchte den Kassenschrank.

»Unverletzt,« sagte er. »Wie hast du das gemacht?«

Horst konnte sich der Auskunft nicht entziehen. Er hatte die Zahl, die

den Kassenschrank öffnete, aus dem Schlaf seines Vaters erlauscht, aus

dem von seinem Feind beschwerten Schlaf des Arbeitgebers -- schon

längst. »Schon längst?« Denn Horst, dessen erlaubte Hilfsquellen nicht

ausreichten, sah keineswegs erst seit heute der Tat in die Augen, die

nun vorlag. Er zeigte keine unangemessene Reue, er beklagte nur, in

männlicher Form, die Kargheit der ihm gewährten Lebenshaltung. Der

Generaldirektor, als Antwort, entnahm dem Kassenschrank ein Buch,

stellte Ziffern zusammen und nannte eine Summe, der er zuzutrauen

schien, sie werde Horst zum Wanken bringen. Horst aber wankte nicht.

Statt seiner fiel der Vater in einen Klubsessel, er seufzte auf, ganz

Vater.

»Was schiert mich das Geld, soll es nehmen wer will, nur gerade du! Mein

Sohn ein Einbrecher! Mein Ältester ein Dieb! Nagel zu meinem Sarge, nur

noch totschlagen mußt du jemanden, dann liegt deine Verbrecherlaufbahn

abgeschlossen hinter dir.«

Dies hörte der Sohn mit aller gebotenen Achtung an. Dem Vater hingen die

Arme wie abgehackt von den Lehnen, er war so tief verfallen in seinem

Klubsessel, daß der Bauch auf dem Sitz lag wie ein Luftkissen. Da er

sich wiederholte und von neuem bei dem Geld anfing, das jeder nehmen

könne, sah Horst diesen Teil der Zeremonie für beendet an und

beschäftigte sich damit, die Banknoten in den Geldschrank einzuordnen.

Eine Note entfiel ihm, flatterte fort und glitt unter eine Tür -- die

Verbindungstür nach der Wohnung der Bucks. Horst ließ sie vorläufig dort

liegen, in Voraussicht jedes möglichen Verlaufes, den der Auftritt des

Vaters etwa nahm.

»Und alles wäre noch verzeihlich,« winselte der Vater, »hätte mein Sohn

nicht als Kanal für die Vergeudung meines Besitzes jene Person gewählt.

Denn glaube nur nicht, dein Vater täuschte sich über den Grad deiner

Gemütlosigkeit. Die Schwester meines ärgsten Feindes, gerade um

ihretwillen hast du den Kassenschrank deines leiblichen Vaters nicht

mehr für heilig erachtet.«

Endlich etwas Neues, Horst sah die Möglichkeit, das unfruchtbare Feld

der Gefühle zu verlassen. »Ich muß dich aufmerksam machen, Papa,«

äußerte er, »daß deine Informiertheit, so sehr ich sie bewundere, hier

gerade in der Hauptsache versagt: Der Posten, auf den du anspielst, hat

in meinem Haushalt eine verhältnismäßig unbedeutende Rolle gespielt;

Ehrenwort. Bei weitem das meiste nahm andere und ich darf sagen,

rühmlichere Wege.«

»Welche?« fragte der Vater, aber weiter zu gehen in seinen Eröffnungen,

erklärte Horst aus Kavaliersgründen für unzulässig. Kraft sagte

höhnisch: »Ich kann vielleicht aushelfen«; aber ein Griff, und Horst

schickte ihn in einen entfernten Winkel. Dort ward seine hohle Stimme

verschlungen von dem Gepolter der Möbel, die sein Vater in Bewegung

setzte. Denn der Vater winselte nicht mehr, sondern brüllte, und

aufgesprungen warf er mit den Möbeln. Horst, dem gegenüber, fand es um

so leichter Kavalier zu bleiben. Schon sein korrekter Jackettanzug

setzte ihn in Vorteil vor den schwach Bekleideten . . . Da erschien, von

dem Lärmen angelockt, in einem Schlafrock mit Spitzenschleppe Guste, die

Gattin und Mutter. Sie sah, ahnte, griff ein.

»Es ist die kleine Anklam, daß du es nur endlich weißt, du Ärmster,«

herrschte sie. »Nun also, da machst du andere Augen. Von meinen Söhnen

wirst du nicht erleben, daß sie sich wegwerfen!«

Die Armen: Ein Roman · 第 20 / 23 题