Balrich höhnisch: »Die Gewinnbeteiligung!«

»Ist das wirksamste Mittel, --« setzte Polster ein, und er sagte den

Anschlag her; auch erläuterte er die Folgen. »Wir werden uns stehen, als

ob jeder einzelne ein eigenes kleines Geschäft hätte, -- und dabei keine

Verantwortung.«

»Euer Traum,« sagte Balrich. Herbesdörfer stammelte wild:

»Hätte kein einziger eine Verantwortung, du, Balrich, hast sie! Soll

Betrug und Schmutz sein wie vorher? Eher« -- er stierte und stammelte --

»mußt du, Balrich, die Fabrik anzünden.«

Balrich stieß sich von der Wand ab und stand.

»Dafür habe ich nicht gekämpft,« sagte er drohend. Herbesdörfer war

erstaunt.

»Nicht für uns?«

»Laßt es euch gesagt sein, meinen Weg kenne ich, was schiert mich euer

ganzer Betrieb.« Damit ging er hinaus.

»Verräter!« rief Herbesdörfer ihm nach.

»Vernünftiger Mensch,« sagte Polster.

Balrich, in der Jacke und barhäuptig, drang vor gegen den Sturm. »Die

bekommen mich nicht,« sagte er laut. »Ich, anzünden und in das Zuchthaus

für die? Sie möchten mich ganz fortschaffen, das ist es. Ich störe sie

in ihrer Zufriedenheit; da schicken sie mir den Pinsel Herbesdörfer.« Er

lachte auf. »Das glaube ich euch, auch euer Genosse Heßling würde mich

gern fortschaffen, ich komme ihm noch auf seine heimlichen Gänge.«

Da stieß er an jemand. Der alte Dinkl war es. Zerfranzter Umhang

flatternd im Sturm und am erfrorenen Finger das Blechgefäß, schlich er

sich in die Kantine, betteln. Sein Hut flog fort bei dem Anprall,

Balrich sprang und brachte ihn, -- ein kleiner alter Hut, so schlecht

wie die weggeworfenen in den Gräben, aber schwer, sonderbar schwer:

Balrich begriff, von dem vielen Staub, der dem alten Dinkl an den Kopf

geweht war auf den weiten Straßen und sich vermischt hatte mit dem

Wasser, hervorgetreten aus seinem Kopf. Der Greis sagte demütig:

»Viel Ehre, Herr;« -- und Balrich erinnerte sich, als er ein Junge war,

hatte dieser ihn einst geschlagen. Da sagte er: »Ich habe Geld für Sie

von Ihrem Sohn,« und gab ihm, was er bei sich trug. Weiter irrend dachte

er: »Sie sind zu elend, was will ich von ihnen. Wir sind viel zu elend,

wer darf fordern oder rechten.«

Er sah, er war wie alle. Nicht seine Sendung hatte ihn anders gemacht,

die Prüfungen nicht, noch der Kampf des Geistes. Geklammert bleibst du

an die Not des Lebens, Armer. Dir ist versagt der Aufschwung, dich zu

opfern, Armer. Bevor du dich empörst, müssen vor dir und hinter dir die

Gewehre starren und die Wahl muß heißen: sterben oder sterben. Sonst

lebst du weiter von jedem Brot. Sie werfen es dir hin, du darfst nicht

fragen, wer und woher. »Wozu wirft der Buck mir das Brot hin, bezahlt

den Klinkorum und den Gellert? Einen Versuch macht er, ein Kunststück.

Denkt sich, was heißt Kampf oder Recht oder Sieg; aber es ärgert

manchen, und ein Arbeiter soll Jurist werden. Dann werden wir sehen, was

noch übrig ist von seinem Ideal.«

Er schrie in den Sturm vor Qual.

»Das Ideal im Hause Gellert! In sauberen Pfützen schwimmt es. Vor gar

nichts muß es den grausen, der es herausfischt.«

Von den Schneefeldern sauste ihm eisige Nässe entgegen. Dahinten im

Arbeiterwald entschwand eine Gestalt, -- kaum streifte er ihren Umriß.

Er ging, verloren in seinen Zusammenbruch.

»Zwei Jahre bald, da fand ich hier die arme Thilde. Sie hatte viel

Kummer; ich machte sie glücklich. Das war etwas. Seitdem, was hab' ich

vollbracht?«

Er besann seinen Kampf und wie er nun stehe. »Gut,« sagte er grimmig,

»wenn man genug hat am Träumen. Die Wirklichkeit aber? Der feste Boden

zum Kämpfen? Ein altes Stückchen Papier in meiner Brusttasche ist alles;

das soll zum Schwert werden und die Welt niederringen, zum Evangelium

und sie umwälzen.« Alle die Mächte, aufgetürmt zwischen ihm und dem

Feind, sie erschienen ihm erst jetzt leibhaftig. Dort hindurch! -- und

du bist nichts, als der verstobene Funke eines Gedankens.

Er stand, hielt sich den Kopf und stöhnte. »Was war es mit mir? So

hatten sie recht, daß sie mich dorthin schickten, wo der junge Blonde so

mitleidig war, mir meinen Wahn zu erlauben? Namenloser Wahn!«

Er rang um den Glauben, der ihn verließ. Er erblickte ihn unter den

Zügen Lenis, und sie wandte sich ab. »Geh nicht fort!« rief er wieder,

die Arme hingereckt. Aber auch dieses Mal ging sie.

Am Waldrand die kahlen Äste kreischten im Sturm; erst drinnen ward es

stiller: kalte Moderluft; den Schritten widerstand die zähe Masse

verfaulten Laubes. Dort unten der See, dünn beeist, und im Wind auf

seiner Decke kreisend Blätter und schwarze Zweiglein -- kreisend und

dann verschwindend in den Löchern. Da streifte in solcher Wüste sein

Blick einen menschlichen Umriß, Thilde; -- er hatte sie nicht erkannt

vorhin und doch schon gewußt um sie. Die Bank war schwarz von Nässe, an

dem Pfad beim See. Sie hatte, zusammengekrümmt, ihr schwarzes Tuch bis

über das Haar gerafft. Auf der grauen Fläche des Eises erschien ihm ihr

graues Profil. Bleichen Himmel um sich, standen Bäume darin wie

Trauergäste.

Er wollte rufen und tat es nicht, sah sie Schultern und Knie noch tiefer

beugen, und wollte es nicht glauben. Jetzt sank sie zu Boden -- bog die

Arme und ließ das Tuch entgleiten, schaudernd, als würfe sie mehr ab.

Der Wind trug es ins Wasser; und sie, auf die Brust gelegt, rutschte

hin, wie aus Durst, oder als glaubte sie, dort sei ein Bett.

Er lief; er meinte auch, daß er schreie und nur der Wind mache, daß sie

nichts hörte. Hinab warf er sich den Abhang, fiel in eine Grube voll

braunen Schnees, arbeitete sich hervor, stürzte dahin . . . Ihr Gesicht

und auch schon die Brust waren im Wasser gelegen. Eissplitter hatten ihr

die Wange zerschnitten. Er brachte sie zu sich, zog unter der Jacke

seine Wollweste aus, trocknete und bedeckte sie, führte sie zurück auf

die Bank. Ihr breitknochiges, hohles Gesicht blickte unbeteiligt, noch

nicht zurückgekehrt von dort. Er nahm ihre harte, kalte Hand. Er starrte

dorthin, wie sie; so saßen sie lange, stumm. Leise sich nähernd legte er

über sie den Arm und flüsterte rauh:

»Tu mir es nicht an!«

»Dir?« sagte sie, aufstehend. Aber er mußte sie stützen. Kaum auf ebener

Straße, machte sie sich los von ihm. Er sah an ihr hin und sah sie

verändert, die Brust gesunken, den Leib hoch zugespitzt.

»Darum?« fragte er.

»Darum,« sagte sie gradeaus in die Luft. »Es sollte nicht hungern. Es

sollte nicht schlechter daran sein als das andere, im Friedhof.«

»Hungerst du denn, Thilde?«

»Du wolltest es nicht wissen,« sagte sie hart, -- und er senkte die

Stirn, er trat fort von ihrer Seite. Ich bin ihr ausgewichen. Ich wollte

es nicht wissen, daß auch sie entlassen war um meinetwillen und Not litt

mit dem Kind, das von mir ist. Ich handle wie mein ärgster Feind, ein

Bourgeois handelt nicht schlechter. Was wird aus mir!

Er fand kein Wort, das zu sprechen er wert wäre. Sie langten an bei der

Hütte auf weitem Feld, da fiel sie nieder. Er trug sie auf das Bett

unter der Treppe, wartete sie und blieb, bis sie schlief. Er ging Essen

zu holen, gab den Hausleuten Geld und versprach ihnen mehr. Alles ihr.

Er hatte nicht zu arbeiten für die, die gegangen war, noch für jene, die

ihn verrieten, und auch für sich nicht, seit er ohne Glauben war. Für

diese.

Sie war erwacht und hatte gegessen, da sagte er: »Ich will dich

heiraten, Thilde.«

Sie blieb hart. »Das tust du nicht.« Er sagte es bittend noch einmal.

Zuletzt ergab sie sich, ward sanft, weinte, und nun mußte er schwören,

daß er sie liebhabe. Er schwur es, und sie nahm es hin. Dann ging er, im

Herzen gewiß, daß er gelogen habe und, vollends der Liebe verlustig,

verdammt sei zum Haß.

Eines Abends, früher in der Dunkelheit heimkehrend, stieß er auf

Heßling. Der Generaldirektor in Person stand wartend im Garten

Klinkorums. Sein Auto hielt neben dem Haus, im Schatten der Mauer, als

hätte er es versteckt. Einen Zweiten sah Balrich verschwinden, er

dachte, es sei Gellert, schon wieder habe der Reiche ihn versucht. Auch

fiel es ihm ein, daß letzthin in seinem Schreibtisch, wie er heimkam,

die Papiere anders lagen als er sie gelegt hatte. Er trat drohend ein.

Heßling, wider Erwarten, drückte sich nicht, er kam entschlossen unter

dem beschneiten Busch hervor und keuchte:

»Mensch, wie lange treiben Sie sich hier noch umher?«

»Und Sie, Mensch?« erwiderte der Arbeiter und ging den Weg weiter, als

stände niemand darauf. Heßling taumelte unter seinem Anprall in den

Busch zurück, -- indes droben ein Fenster klirrte. Die Stimme Klinkorums

erscholl: »So ist es nicht zu machen, Herr Geheimrat,« rief sie, -- und

aus dunkler Höhe, aber einen ungewissen Glorienschein um das redende

Haupt, tönte sie fort, in eintöniger Größe.

»Der Reiche hat sich vergriffen am heiligsten Menschentum -- und will

nicht einmal bezahlen.«

»Doch,« rief der Reiche.

»Aber nicht reell,« tönte die unerbittliche Richterstimme. »Darum wehe!

Der Rächer steht hinter dir!«

Die Stimme sagte du. Auch Balrich ward von ihr geduzt.

»Du aber, mein Rächer, packe zu, pack ihn an!« Dies wartete der Reiche

nicht ab, er nahm Reißaus.

Balrich sah jäh: »Auch um den steht es nicht gut.« Er hatte gemeint, das

sei ein Sieger, -- da er selbst doch besiegt war. Aber sind wir besiegt,

wenn der Sieger Furcht hat? Der Heßling hat nun die Gewalt, ich bin

verlassen, ihm glauben sie. Nur glaubt er sich selbst nicht. Die Sieger

wissen, sie bleiben es nicht. Sie müssen immer schlechter werden, damit

sie es eine Weile noch bleiben. Abhängen von Gellert und mit Klinkorum

einen dunklen Handel haben: sieht so der Sieg aus, um was kämpft man?

Indessen glühte es auf, durch den kahlen Garten, als bräche Feuer aus.

Klinkorum stürzte auf seinen Balkon hinaus, und Balrich, der umkehrte,

sah es lodern über die Wiese her: Fackeln. Da schmetterte auch

Blechmusik los, zum Empfang des Autos; denn mit vielem Schnauben hatte

es sich aus dem Feldweg losgearbeitet und kam zum Vorschein. Es fuhr

langsam, voran die Musik, und die Fackeln umringten es. Welch sieghafter

Anblick; Heßling, aus dem Wagen heraus den Zylinderhut hebend und sein

überall hin dankendes Gesicht, glutüberflogen wie von den Bränden einer

Schlacht! Die Arbeiter, grell ausgeschnitten aus der Nacht, mit toten

Schatten unter den Wangenknochen und hölzern klappenden Mündern,

brüllten ihm zu. Vorn brüllte Jauner, und Polster hinten, in der Mitte

aber brüllte der Sohn Kraft. Eine geschwenkte Fackel warf Streiflichter

in sein wankendes Gebiß, in die Nasenlöcher, gebläht, um den Geruch

dieser Menge von Männern aufzunehmen, -- und wohin verlangten seine

verstörten Augen? Zu Balrich; ihn suchte er, ihm winkte seine schwache

Hand, ihm selbstvergessen jauchzte der Sohn Kraft . . . »Abgesehen, ich

weiß, ist es auf mich,« sagte Balrich. »Die ganze Mache doch nur auf

mich!« Das Gebrüll um den Heßling verfing sich in dem der Musik, Takt

ward das Stampfen, dahin zog Heßling, welch sieghafter Anblick!

Jemand war im Schatten zurückgeblieben, Herbesdörfer; er trat zu

Balrich. »Da hast du es,« stammelte er wild. »Du hast ihm kein Feuer

machen wollen, jetzt machen die es ihm. Einen Fackelzug dem edlen

Spender der Gewinnbeteiligung. Was willst du tun. Mit den niedrigen

Löhnen beziehen sie heute mehr als sonst mit den höheren. Da fährt er

hin auf sein Fürstenschloß und hat uns alle in der Tasche.«

»Da hat er etwas Rechtes,« sagte Balrich und trat fort, in die Nacht,

die sich schloß.

Der Generaldirektor hielt noch, von der Terrasse seiner Villa Höhe, ein

berauschter Herrscher, die Ansprache, befahl Bier für alle aufzufahren

in den Räumen der Dienerschaft und rühmte noch feierlich vor den Seinen

das Hochgefühl der Verantwortung, die er trage. Dann aber, er hatte mit

seinen Söhnen »die Runde« gemacht und im Haus nach den Selbstschüssen

gesehen, schloß auch um ihn sich die Nacht.

Er lag im Bett und geschwellt bedachte er, daß die Liebe des Volkes wert

sei was sie koste. Ergreifend diese Menschen in ihrem Vertrauen, die

Gewinnbeteiligung werde dauern, das Leben friedlich und glücklich

bleiben. Ach! so war es nicht gewollt von Gott. »Ich wäre reif, erledigt

zu werden, verstände ich mein Interesse so schlecht. Was sie sich

wünschen, würde das in meiner Person verkörperte Ganze verzwergen, ich

aber bin von meinem Gewissen verpflichtet, es zu erweitern, immer zu

erweitern, mag der einzelne bestehen oder nicht. Was zählt, ist nur das

Ganze; das Ganze um seiner selbst willen; und ich bin das Ganze.«

Dem einzelnen, erklärlicherweise, machte allein der Zwang dies

begreiflich. Waren jene großen Kinder ergreifend, nicht weniger waren

sie gefährlich, denn der Glaube an Frieden und Glück ist äußerst

gefährlich. Sie waren, bis sie verstanden was nottat, noch rauhe Wege zu

führen, vielleicht blutige. Inzwischen trage der Verantwortliche Sorge,

ihren Wahn einzuschläfern durch eine Gewinnbeteiligung. Schon haben sie

den Aufwiegler vergessen -- vergessen den, der ihnen das Ganze

versprach, und das Ganze als Mittel zum Frieden und Glück!

Der Generaldirektor drehte das Licht an und ab, es half nicht, er selbst

vergaß nicht jenen. Dahinten saß er, ein heller Punkt in der Nacht, saß

wach und arbeitete für den alten Brief in seiner Tasche. Ein Wisch

Papier, zum Lachen wertlos vor der angesammelten Macht, die besteht, --

aber wenn Tausende eines Tages in seinem Namen das Recht anriefen, was

gab es dagegen? Es gab die Aussperrung, v. Popp, das Zuchthaus. Das war

nicht genug. Er hatte immer geglaubt, es sei genug, -- bis jener kam.

Der mußte fort, um jeden Preis. Freilich, Klinkorum, der ihn

beherbergte, erriet die Lage und verlangte für seine Baracke jetzt einen

Betrag, -- wer ihn bezahlt hätte, gestand offen ein, er fürchte sich

. . . Aber er mußte fort zum Heil des Ganzen, und damit nicht länger ein

Phantom umgehe, das sie Recht nannten -- ungreifbar, verderblich den

Gemütern, wesenlos vor der Macht, die besteht, und dennoch sie lähmend.

Grausig, träumte ächzend der Generaldirektor, als sie noch ihr Geheimnis

behüteten, mystische Sage vom Erbrecht der Enterbten, überliefert durch

einen alten Tunichtgut, vertreten von dem Arbeiter, der Latein lernt.

Man ging wie auf geladenen Minen, kein Schritt ohne Angst. Jetzt wissen

wir. Die Minen sind entladen, der geheime Feind ein Nachhilfslehrer im

blanken Gehrock. Die Welt kann nur die Achseln zucken, würdest du

glauben. Statt dessen --

»Statt dessen!« stöhnte der Aufgeschreckte; -- und er sah Gesichter,

hörte Stimmen, er kämpfte in seinem zerwühlten Bett gegen den Alpdruck

der Gerüchte, die ihm zugingen, den Stachel der Fragen, die man stellte,

gegen die Verleumdungen und ihren würgenden Griff. Viel Feind, viel

Ehr'! Aber wenn jeder, der ihm die Hand drückte und noch der an seinem

Tisch zum Gichtkranken gewordene v. Popp ihn als bedroht hinstellte,

seinen Besitzstand anzweifelte und in Gausenfeld, diesem ehernen Fels,

nichts Festgegründetes mehr sehen wollte: dann kam ein Augenblick -- und

war er nicht schon da? Bei den Verhandlungen über große Aufträge, ja,

mit den Behörden, gebrauchten die Gegner die Waffe, die jener Arbeiter

in der Tasche trug. In seiner eigenen Aktionärsversammlung war es

erwähnt worden. Dies war nicht Mystik mehr, nicht Utopie; die

Wirklichkeit selbst will dir an den Hals. Herangewühlt haben sich die

Feinde. Katilinarische Existenzen reißen an sich, was heilig in deine

Hand gelegt ist, Besitz und Macht!

Der Generaldirektor warf die Decke ab und trank Wasser. Er wußte

Bescheid um solche Existenzen und was die Begehrlichkeit, so arm sie

sei, vermag, -- die Lebensgier. Da bringt man die Beneideten wegen eines

Wortes ins Gefängnis und enteignet sie. Was du selbst gekonnt hast, wird

auch jener können! . . . Jetzt klapperte er, das Fieber kam . . . Damals

warst du jung, jetzt ist er es. Der Feind schwingt das Messer, was

rettet dich noch. Komm ihm zuvor, kein Mittel, das nicht gut wäre!

Bluten soll er! Auf ihn!

Der Generaldirektor drückte den Knopf, er läutete Sturm. Indes im Hause

ein Laufen begann, wappnete er sich mit der geballten Seidendecke,

schwang ein Rasiermesser und brüllte »Auf ihn!« Frau und Söhne, die ihn

in ganz erschöpftem Zustand vorfanden, schickten zum Arzt. Das Auto

raste.

Balrich, wach sitzend, hörte es rasen, sein Lichtkegel fiel in die

Finsternis und zerfiel, -- und so schnell und so klar wußte Balrich:

jetzt ängstigt sich der Feind. Dies gilt dir, -- wie zuletzt nur dir der

Fackelzug galt. Der Reiche hat alles für sich, er liegt auf dem Grab der

Gerechtigkeit wie ein Tier aus Stein, zu schwer, um es fortzuwälzen.

Aber das Tier, obwohl aus Stein, hat Angst, gern würde es dir dein Recht

abkaufen. »Ihm war es ernst mit den Hunderttausend, die er bot; ich kann

sie haben.«

Da stand er auf und drückte sich in den Winkel. Das Recht deiner Brüder

verkaufen, -- dahin führten dich deine Zweifel. Zum eigenen lichtscheuen

Vorteil! Für das Recht nicht mehr kämpfen, es nur gebrauchen wie einen

Dietrich -- und sein, wozu sie dich machen, ein Erpresser! . . . Er

hielt sich die Stirn. »Das dachte nicht ich! Aber ich muß doch schlau

werden wie er. Ich kann ihm eine Fälschung verkaufen, oder kann heimlich

Zeugen bestellen zu dem Handel, dann halte ich ihn. Jedes Mittel ist

gut. Das Messer in seinen Bauch!«

Die Nacht inzwischen verging, die auch dem anderen verging.

Am Tag in der Stadt hatte Balrich wieder einmal den Hans Buck hinter

sich, das Bürschlein ließ sich nicht abschütteln. »Ich kann dir etwas

verraten,« sagte es. »Er hat Angst.«

»Lassen Sie mich in Ruhe!« verlangte Balrich. Das Bürschlein sagte

trotzdem Du.

»Es geht dich an. Er gibt her, was du willst.«

»Er soll nur hergeben, was mein Recht ist.«

»Hunderttausend Mark hat er wieder gesagt.«

Balrich fuhr auf. »Du lügst!« worauf das Bürschlein befriedigt lächelte.

»Du weißt es also noch. Nimm sie!«

Rauh drohend sagte Balrich: »Auf solche Gedanken kommt nur ein reiches

Bürschlein.« Haßerfüllt gegen seine eigenen Nachtgedanken stieß er

hervor:

»Diebe seid ihr, jeder für sich. Mein Recht ist das Recht aller!«

Da ward der Sechzehnjährige rot und sagte fest:

»Sei nicht zu stolz! Du sollst noch sehen, ob ich schlechter bin als du.

Ein Enterbter bin ich auch, und ich hasse den Heßling. Du aber --«

Er reckte sich.

»-- kannst nur noch hassen. Du liebst niemand.«

Jetzt versuchte Balrich nicht mehr zu entkommen, er ging ganz langsam.

»Nicht einmal sie,« sagte leise der Knabe.

»Hast du sie gesehen?« fragte der Bruder, auch leise. »Geht es ihr denn

schlecht?«

Er war bei dem Haus, wo er eine Stunde geben sollte, aber er ging

vorüber. Der Knabe flüsterte jagend sein brünstiges Geheimnis.

»Ich würde für sie betteln oder die Leute anfallen. Ich liebe sie, wie

noch kein Mensch geliebt hat. Wenn ich von weitem sie kommen sehe,

zittern mir die Knie; ich bin schon hingefallen, wo sie ging. Vorüber --

da lauf' ich, will sie packen und forttragen. Um vier Jahre älter zu

sein als ich bin, gäbe ich den ganzen Rest meines Lebens! Du weißt noch

nicht, was ich tue. Nachts schleiche ich mich in das Haus und liege vor

ihrer Tür.«

»Sie läßt dich nicht ein?« fragte der Bruder angstvoll; denn er fragte

für sich.

»Ich war bei ihr. Ihr wurden die Sachen verkauft, Möbel und Kleider. Er

gibt ihr nichts mehr. Er hat nichts mehr. Er liebt sie nicht, der

Schuft. Im Gedränge kam ich mit hinein. Ich sah sie weinen wegen eines

Kleides und habe es mit meiner Uhr bezahlt, damit sie es behielt. Da hat

sie mich umarmt.«

Der Knabe blieb stehen, bleich und die Augen geschlossen.

»Dann hat sie mich fortgejagt.«

»Warum?« fragte der Bruder. Der Knabe machte plötzlich lange Schritte.

»Ich weiß es nicht,« sagte er hastig, -- aber er hatte es vor Augen, wie

sie ihn fortstieß und ihm nachrief: »Dich kann ich nicht brauchen, du

hast nichts!« . . . Er sagte:

»Weil ich bezahlt hatte«; -- und bei dem Wort zu ihren Ehren war es ihm,

als küßte er sie.

Plötzlich mit Zorn: »Du aber, ihr Bruder, kannst Geld haben und bringst

es ihr nicht. Was weißt du also!«

Dabei lief er schon, -- lief davon. Der Zurückgebliebene dachte: »Weiß

ich denn nichts? Das Bürschlein wüßte mehr? Es spricht, als habe es den

Trojanischen Krieg gesehen, und sei selbst ein Held, der für Helena

stirbt. Was nützt es Leni . . .

Aber alle sind für sie in die Unterwelt gestiegen, Ajax, der so stark

war, Hektor, der so schön war, -- und endlich kam wohl auch sie. Soll es

nicht für sie sein, wozu dann all mein Bemühn!«

Er sah, es war schwer, lange, lange und gar das Leben lang nach einem

Gedanken zu zielen, und inzwischen, abseits von unserem einzigen Weg

altern und verderben die, die wir lieben sollten. Der Versucher kam

nachts, er sagte nur immer, daß es kein Recht und kein Gewissen gäbe vor

dem Leben, seinem und ihrem. Bei Tage, neu erstarkt, fürchtete er

einzig, sie wiederzusehen.

Nach Neujahr 1914 ließ er sich zum letzten Mal von Klinkorum prüfen.

Hiernach hielt Klinkorum ihn, ungewöhnlicherweise, zurück, er ließ sogar

Kaffee bringen; und dann eröffnete er dem Schüler, seine Gönner seien

besorgt um ihn. Er sehe überanstrengt aus und stehe nun vor dem Examen.

In den drei Monaten, die fehlten, habe er soviel zu lernen, wie andere

in dem ganzen letzten Jahr. Klinkorum wolle ihm keine übertriebenen

Hoffnungen machen. Nach seinen schulmännischen Erfahrungen --. Hierüber

verbreitete er sich. Als Balrich ihn unterbrach, schnappte er nach Luft

und sagte: »Ach so. Sie bekommen ein Theaterbillett.«

Was das solle? Zur Ablenkung und Auffrischung. Klinkorum würde es nicht

empfohlen haben, aber die Gönner --. Welche Gönner? Nun, sie seien unter

den Vätern seiner jungen Schüler. Balrich aber erriet wohl, wie immer

war es Buck. Vielleicht konnte auch Klinkorum dies nur erraten. Der

Professor rief ihm nach über die Treppe: »Auch einen neuen Anzug

bekommen Sie.«

Neu gekleidet begab Balrich sich in das Apollo-Theater. Es hatte schon

im Vestibül geschliffene Spiegel nebst vergoldeten Stukkaturen, und

unter diesen die Hauptrollen spielten Kronen und Füllhörner. Der Platz

sodann, der ihm auf die Nennung seines Namens an der Kasse ausgefolgt

ward, war ein Balkonplatz, der teuerste im Hause, -- was ihn zuerst sehr

drückte, als sei es Hohn und Versuchung. Die Treppe war weich belegt und

ganz flach, man kam hinauf wie von selbst. Die warme Luft, schon im Gang

vor den Logen, duftete. Den Duft verbreiteten die Damen, die aus ihren

Pelzen mit nackten Schultern hervorkamen. Von weicher Hand wird dir der

Mantel abgenommen; sanft, hinter einer Tür, die nicht klappt, läßt dich

der glatte Diener in deinen samtenen Sessel. Lau und wohlverwahrt wie im

Bade sitzt man. Ein jeder hier bewegt sich gelassen, niemals kann es ihm

fehlen. Die Herren im Frack erstiegen heimisch die Stufen zu den rot

gepolsterten Logen, sie küßten den Damen die langen Handschuhe, und

wurden diese abgestreift, die beängstigend weißen Hände. Manche Dame

neigte sich so dreist hervor, als hätte sie gar nichts zu fürchten für

ihre Blöße; und an ihren langen Perlenketten spielten sie alle so satt

und unachtsam, als könnte in alle Ewigkeit niemand sie ihnen entreißen.

»Ihr seid nicht so sicher, wie ihr denkt,« dachte Balrich -- und wich

ihnen doch aus, wenn sie das Lorgnon auf ihn richteten. Buck hatte ihn

wohl hergeschickt, damit er sich seine Opfer ansehe? Oder sollte er nur

irre gemacht werden -- irrer noch, als schon so vieles ihn machte?

An ihm wollte einer vorbei. Um Platz zu machen, stand er auf, fand sich

nicht schnell genug in die Lage und drehte sich um, -- was jener übel zu

nehmen schien. Er wartete, bis Balrich wieder Front machte und musterte

ihn mit toten Augen frech durch sein Monokel. Balrich zeigte finstere

Brauen und eine Faust, worauf der Herr, den Versuch zu lächeln in seinen

starren Mundfalten, weiter ging. »Ihr seid reif,« dachte Balrich. »Doch

gut, daß ich hier sitze, einer von uns, auf deren Kosten ihr euer

freches Leben führt.« Das Orchester begann zu spielen in seinen Haß

hinein, das reizte noch mehr. Den leeren Sessel neben ihm wollte jemand

aus der Reihe ziehen, aber Balrich lag auf der Balustrade und rührte

sich nicht. »Na wollen Sie oder wollen Sie nicht?« sagte da zornig eine

Stimme -- ihn lähmte der Schrecken -- die Stimme Lenis. Sie schob ihn

fort, daß es krachte; »hat man das erlebt,« sagte sie, so kam sie auf

ihren Platz. Hier aber machte sie plötzlich »Ach!« -- und warf sich zur

Seite, als suchte sie zu fliehen. Inzwischen ging der Vorhang auf.

Da zeigte es sich, daß die Bühne nur eine Fortsetzung des Saales war.

Zwischen feinen Möbeln bewegten sich dort dieselben Herren und Damen,

benahmen sich wie diese hier und redeten. Was sie redeten, schien fein

zu sein wie die Möbel, es schien feiner als es in Wirklichkeit bei

Heßlings gehört ward, und war wohl auch unterhaltend und leicht,

wenigstens für sie, die es so hurtig sprachen und verstanden. Balrich

folgte nur langsam, war immer in Gefahr, den Faden zu verlieren, und

kaum daß er die Gefahr einen Augenblick überlegte, hatte er ihn wirklich

verloren. »Ich stehe vor dem Abiturium,« überlegte er; »und ich habe

nicht nur gelernt, habe auch erlebt. Hat der Herr mit den Mundfalten so

viel erlebt? Dennoch kann er folgen. Sie haben etwas, das ich nicht

ersetzen kann« . . . Eingeschüchtert hielt er still, -- indes neben ihm

Leni immer unruhiger ward. Endlich wandte sie den Kopf nach ihm, zog ihn

aber zurück und sagte laut zu sich selbst:

»Was ist hier denn los heute? Wo sind die Amerikaner?«

»Welche Amerikaner?« fragte Balrich, bevor er es bedacht hatte.

»Die komischen. Hier wird wohl jemand begraben?«

»Kann sein,« sagte Balrich, um zu schließen. Aber ihr schien das

Gespräch nun angeknüpft. Sie sah ihn an.

»Zu merkwürdig doch. Ich komme her, weil ich denke, hier ist noch das

Variété, sonst komme ich natürlich nicht her, -- und da sitzt du.«

Auch er fand dies merkwürdig, mehr als sie es wissen konnte in ihrem

leichteren Herzen; aber da er sich nicht rührte, mußte sie weiter

versuchen. »Wie das Leben spielt,« sagte sie, schüchtern lächelnd; und

sogleich, damit nur das Gespräch nicht einschlafe:

»Bist du mir noch böse?«

Auch er sah nun hin, in ihr Gesicht, das sie verführerisch machte. Aber

da erschrak es; sie sah, er weinte. »Karl!« rief sie unterdrückt. Nie

hatte sie ihn weinen gesehen. Und flehentlich: »Wenn ich gewußt hätte,

so sehr geht es dir nach, ich hätte es nicht getan.«

»Doch,« sagte er und sah sie immer an. »Aber nicht das geht mir nach.

Mir geht es nach, daß ich dir nicht soll helfen können.«

Sie begriff, er hatte erfahren, wie es mit ihr stand. Er fühlte, sie sei

nun gedemütigt. Beide ratlos, sahen sie auf die Bühne, wo mittlerweile

ein Herr und eine Dame aufeinander losgingen, bis er die Tür warf und

sie hinfiel.

»Was haben sie?« flüsterte Leni. »Sie sind doch reich?«

Statt seiner Antwort fiel der Vorhang, -- und nun es hell ward, schrak

links von ihm jemand auf, er sah hin, eine Dame, halb alt und noch schön

-- wie die Frau Buck; und auch verstört und schmerzensreich wie jetzt

diese, hatte die Mutter des Bürschleins wohl schon ausgesehen . . . Leni

zog ihn am Arm und raunte:

»Sieh her, der Mensch mit den Leichenaugen.«

Balrich überzeugte sich, daß der Herr von vorhin ihn anstarrte.

»Der ist hier, weil ich hier bin,« raunte Leni. »Ich brauche nur zu

pfeifen,« sagte sie schon lauter und spitzte wirklich nach dem dort die

Lippen. Er lächelte wie eine Maske, und Leni sagte erfreut:

»Du siehst, auf einen, der sich dünn macht, kommt es nicht an.« Schnell

fragte Balrich: »Dann liebst du den Heßling nicht?« Hierüber erschrak

sie. Ihre schönen Goldaugen zuckten, er hatte Mitleid mit ihr, noch

bevor sie sprach. Sie sagte aber, ergeben wie eine Magd:

»Einen lieben? Das darf ich noch nicht. Das darf ich erst, wenn ich

reich bin.«

Worauf sie zum erstenmal die Augen senkte.

»Man weiß doch schon viel,« murmelte sie, und hiernach schwieg er. Eine

lange Weile, dann erst bemerkte sie, daß die Musik längst aufgehört

hatte und daß auf der Bühne wieder gespielt ward. Die Herren und Damen

gingen durcheinander, drehten und rieben sich wie die Teile einer

Maschine, -- die man aber kennen mußte. Jeder hatte mit jedem etwas vor;

und obwohl doch alles nur Worte waren, lauerten vorgeblich überall die

aufreibendsten Schwierigkeiten und Gefahren. Hörte man jenen Herrn mit

seinen Markzigarren, diese schmuckbedeckte Dame, es ließ sich für sie

kaum leben. »Warum? Was wollen sie,« fragte Balrich. Leni hatte wohl

schon Wind bekommen, sie erklärte:

»Es juckt sie innerlich -- sie suchen einander die Flöhe ab.«

Dazu lachte sie höhnisch, und ihr Bruder lachte mit. Links von ihm die

Dame, bei der man an Frau Buck dachte, beugte sich vor und zischte ihm

in das Gesicht. Leni, um ihn zu rächen, zischte zurück. Halblaut machten

sie sich so lange lustig über die Alte, bis auch der zweite Akt aus war

und sie sich eilends davon machte.

Dies erhöhte die Stimmung der Geschwister. »Bin ich schön?« fragte Leni;

und in ihrem Kleid, das die reichen Frauen genau nachahmte, machte sie

schaukelnde Schritte, die Arme vom Leibe, das Gesicht in der Luft, --

als spaziere sie noch durch Gausenfeld, am Sonntag, wenn alle ihre

Verehrer unterwegs waren. Der Bruder lachte, tief überzeugt. Ob sie

schön war! Bedeckt die Hüften und die Schenkel mit gestickten

Silberblumen, die Büste prahlerisch glänzend aus den Spitzen und

falschen Perlen, das Gesicht aber, nie hatte es so freche Farben gehabt.

Der Bruder unwillkürlich schaukelte wie sie und trug den Kopf hoch.

Einige Gänse an ihrem Wege wollten Gesichter schneiden und die zu ihnen

gehörigen Hämmel wollten aufmucken; da machte der Bruder seine drohenden

Brauen und die Ellenbogen hielt er steif, so ging es. Die Schwester

sagte:

»Ich kaufe uns Bier. Die Alte dort, mit dem massierten Busen, hat es auf

dich abgesehen. Sie denken, dich halte ich mir aus. Du kannst dein Glück

machen,« worauf er leichtsinnig mitlachte.

»Wir müssen grade so gemein werden wie sie,« sagte die Schwester, in dem

spiegelnden Foyer, weithin reiche Leute. »Du willst ihr Recht studieren,

damit du sie enteignen kannst. Auch ich tue nichts, was ihre eignen

Weiber nicht schon tun. Die Nichte des Generals --«

»Die Anklam?«

»Die hat eine andere Klaue.«

Flüchtig sah sie ihre geschminkten Nägel an.

»Solche Rechnungen, bei Gott, hat er für mich nicht bezahlt. Ich habe

ihm, zu meiner Strafe, die Quittungen gestohlen und lese sie manchmal.«

Zweites Glockenzeichen, das Gedränge lief ab, noch blieben die

Geschwister. Da sah er ihre gefärbte Lippe wanken, auf den schwarzen

Rand der Augen trat ein heller Tropfen. Hilfesuchend griff sie nach

seinem Arm, -- und ihm sagte ihr Zittern, dieser kurze Atem, die Hast:

sie liebt jenen Mann! Was immer sie tut, was aus ihr noch wird, die

Schuld hat der Mann. Nur ihn hat sie geliebt -- und hat durch ihn nun

schon ein Herz, das nur noch haßt.

Brüderliches Schicksal! Erschreckend wie ein Vorzeichen! Stumm

aneinander gedrängt hasteten sie durch den leeren Gang und kamen als

letzte auf ihre Plätze. Da fragte die Schwester noch einmal wie zu

Anfang:

»Bist du mir noch bös?« -- aber er hörte es diesmal, als fragte sie:

»Jetzt, da du weißt? Jetzt, da du sogar vorausweißt?«

Er ergriff ihre Hand. Auf der Bühne trugen sie nachgerade schon Trauer,

infolge von Schmerzen, die man nicht begreifen konnte, -- und waren sie

es wert, daß man sie begriff? Meine Schwester, sah Balrich, liebt einen

Reichen. Er hat sie gehabt. Jetzt verläßt er sie, denn sie ist arm

. . . Er stieß hervor:

»Er soll dich heiraten! Sonst --!«

»Was sonst?« Sie lächelte erfahren. »Auch ich habe schon auf ihn

schießen wollen -- erst heute früh. Und abends bin ich hier. Das Leben

spielt,« sagte sie nachlässig. Er sagte streng:

»Das soll es nicht. Komm heim! Du mußt wieder heimkommen!«

»Und du, würdest du wieder in die Fabrik gehen? Ich kann nicht mehr so

werden wie Malli.«

Er wollte widersprechen, sie ließ ihn nicht. »Heirate doch Thilde!« Er

versicherte, er tue es, aber darauf achtete sie nicht. »Wir können uns

die Hand reichen!« Hochtrabend streckte sie ihm die Hand hin. Er wandte

sich zornig ab. Bevor sie es sich versahen, war das Theater aus.

»Was denn,« machte Leni. »Die Schauspielerin ist wirklich ins Wasser

gegangen?«

»Mit einem Autopelz,« sagte Balrich. »Damit es nicht so kalt ist.«

Er wußte, wie man ins Wasser geht. Es war zu schwer für die Reichen

. . . Nun sie aber aufstanden, sah er rückwärts unter den Logen die Dame

noch sitzen, die ihn an Frau Buck erinnerte. Vor ihm und seiner

Schwester hatte sie sich dorthin geflüchtet, saß als letzte noch da und

sah auf den geschlossenen Vorhang . . . Da sie nahe vorbeikamen: nein,

sie sah nicht, auch ihre Augen waren geschlossen, und aus den Lidern

hervor weinte sie.

Er brachte Leni zu einem Mietsauto. Sie sagte:

»Nun, es war schön. Es war doch etwas anderes . . . Fährst du nicht

mit?«

Da er es ablehnte, sagte sie, wieder einmal demütig:

»Also auf ein anderes Mal. Alles kommt, wie es muß.«

Trotzdem wartete sie noch. In seine Augen spähend endlich wagte sie sich

heraus.

»Du weißt, wenn du vielleicht Geld brauchst --«

Da sie die Antwort schon las, sprach sie schnell weiter. »Obwohl erst

gestern bei mir der Gerichtsvollzieher war.«

Sie lachte; und damit es ihr leichter sei, lachte auch er. So fuhr sie.

Balrich, nach Gausenfeld wandernd, das Gesicht zerschnitten von der

Eisluft, dachte: »Warum weinte die Frau? . . . Die ins Wasser ging in

dem Stück, war eine Junge. Weinte die Alte, weil sie selbst einmal fast

gegangen wäre? Oder im Gegenteil, weil sie nie den Mut gehabt hat? Was

fehlt ihr? Hat sie wirklich ihr ganzes Leben verfehlt, obwohl sie doch

reich ist?« Eine andere Welt, dir unzugänglich; nur dieses siehst du,

auch die dort leiden. So wären sie denn nicht die Unwissenden, auf jeden

Fall Glücklichen. Was immer sie wirken oder tun, das Leiden würde selbst

sie rechtfertigen, du hast es jetzt schwerer, ihre Vernichtung zu

wollen.

Da erschrak er tief. Du hast nun schon erfahren, daß die Nächsten dich

verlassen und daß es unmöglich ist, mit ihnen eins zu sein. Du weißt

schon, der Sieg -- der Sieg, für den du doch lebst, bleibt immer

zweifelhaft und ist nichtswürdig. Du weißt, dein Kampf hat dich nicht

besser gemacht. Jetzt sollst du auch noch lernen, daß die Feinde so viel

Recht haben wie du . . .

Er war in seinem Zimmer, aber er machte nicht Licht, und noch im Dunkeln

verhüllte er sein Gesicht. So stand es, so und nicht anders trat er

nächstens in die Prüfung ein, jene Schulprobe, die für die meisten vor

allen ihren Lebensproben liegt.

Fortan arbeitete er schwerer als sonst und um so heftiger. Er wollte

nichts wissen von den Schmerzen, die ihm den Kopf in Reifen spannten,

noch von den schlaflosen Stunden der Todesangst. Er sagte: »Ich will

nicht wehrlos werden. Sie sollen mich nicht entwaffnen. Mögen sie

leiden, sie sind dafür bezahlt! Ihr Leiden ist nicht genug, sie müssen

gutmachen! Herausgerissen aus ihren Samtlogen, sollen sie werden wie

alle. Mit allen aber soll es besser werden. Vielleicht, im Grunde hat

dann auch die Dame es besser, die im Theater geweint hat.«

Und nachdem er aufgetrumpft hatte und um sich gedroht in seiner

Einsamkeit, kam es endlich doch so, daß er sich hinbeugte und weinte.

Auch er, wie jene Fremde, weinte, weil wir zu sterben nicht wagen, zu

sterben nicht einmal wünschen, wennschon wir erkannt haben. Beweine uns

Armen, und auch die Reichen! Du wendest nicht ihr Geschick, und unser

Elend ist unsterblich. Herausgerissen diese aus den Logen des Übermuts,

werden andere sich hineinsetzen. Die Armut aber ist mehr, viel mehr, als

ein Gesetz der Wirtschaft; die Seele will sie.

Nie hatte er sich so schwach gefühlt, -- da sprachen draußen vor dem

Hause bekümmerte Genossen ihn an. Sie hatten, nach der ersten Üppigkeit,

nun weniger mit der Gewinnbeteiligung als früher ohne sie. Das Geschäft

ging reißend zurück. Sie waren betrogen und darbten wie nie.

Herbesdörfer verlangte den Ausstand, Polster wollte noch hoffen; wer sie

hetzte, war Gellert. »Bedankt euch bei dem Balrich! Er hat euch die

Gewinnbeteiligung verschafft, er bringt euch noch weiter fort!«

Balrich zuckte auf, er wollte rufen: »Der Alte sinnt nur, euch zu

verkaufen!« Aber er selbst? Worauf hatte er selbst schon gesonnen?

. . . Er stammelte demütig:

»Ich habe mich wohl geirrt und es falsch gemacht. Wollt ihr, so gehe ich

und bitte den Heßling, er möge es sein lassen wie früher.«

»Das wird uns helfen!« murrten sie.

»Er verhöhnt uns noch!« stieß wie einen Tierlaut der Herbesdörfer

hervor. Sie drängten Balrich in den Feldweg, wo das Automobil des

Generaldirektors sich bereit gehalten hatte, damals für den Fackelzug.

Der Jauner war da und stieß mit. Gegen die Mauer warfen sie den

Verlassenen, sprangen zurück und hoben Steine auf. Nach demselben Stein

griffen Herbesdörfer der Fanatiker und der Spitzel Jauner. Balrich hielt

still und wartete. Aber Polster mit Dinkl riß ihre schon erhobenen Arme

herab.

Balrich trat wieder unter sie, mit der festen Miene, die sie kannten.

»Sogar jetzt noch bin ich mit euch. Euer Recht habt ihr abgelegt und

mich verlassen.«

»Wenn unsere Kinder Hunger leiden! Ein feines Recht!«

Polster, vernünftig und breitbeinig, faßte ihr Geschrei in richtige

Worte.

»Du, Balrich, denkst nicht mehr wie wir. Du hast etwas gelernt, brauchst

nicht zu sorgen, und willst durch dick und dünn, weil du eine Idee hast.

Wir aber sollen hungern für deine Idee.«

»Nein!« rief Balrich.

»Hättest du einem einzigen geholfen auf der Stelle, wir würden mehr von

dir halten, als selbst wenn du uns alle endlich reich machst in zwanzig

Jahren.«

»Es ist wahr!« riefen sie. »Nimm, was du kriegst!«

Da sagte auch Balrich: »Es ist wahr«; und zur Bekräftigung ging er mit

ihnen trinken.

Als Erster heraustretend aus der Kantine, stieß er auf Napoleon Fischer.

Der Abgeordnete machte sein weltkundigstes Gesicht.

»Da sind wir,« sagte er. »Ich muß den Karren aus dem Dreck ziehen, worin

Sie ihn verfahren haben, Sie junges Talent.«

Er grinste, -- und Balrich sah ihn schon wieder auf der Tribüne,

geschäftsmäßig keifend, in seinem Herzen aber kaltblütig und ganz ohne

Glauben. Der Abgeordnete seinerseits hatte Balrich gemustert.

»Sie haben wohl auch schon manches erlebt diesen Winter?« fragte er, mit

einem falschen Blick.

Balrich nickte. Auch schon! Dies alles erlebte man demnach

üblicherweise: Sendung, Verrat, Erkenntnis und Abdankung, -- bis endlich

du dich darein ergibst, nur eben dein Schäfchen zu scheren, gewöhnlicher

Mensch, der du bist . . . Er bäumte sich auf.

»Sie aber lügen! Sie halten uns Arme hin, und Ihr Geschäft ist Tücke.

Sonst würden Sie sagen: Glaubt nichts, aber handelt!«

Napoleon Fischer lehnte ab.

»Dann wäre ich kein zielbewußter Sozialdemokrat, sondern gradezu ein

Anarchist.«

»Das bin ich!« sagte Balrich.

Die Armen: Ein Roman · 第 18 / 23 题