Geh' nicht fort!
Was tun? Die Entlassung ernst nehmen? Sie war es schwerlich. Wollte
Heßling den Brief seines Vaters schon vergessen und alle Drohungen in
den Wind schlagen, -- übrigblieben die Arbeiter. »Die hat er nicht, die
habe ich. Was ich ihnen biete, er kann es nicht.«
In der Frühe endlich fand er Ruhe und wollte arbeiten; aber da trat in
seine Tür der Rechtsanwalt Buck. Balrich stand nicht auf.
»Ich sehe, daß Sie sich wundern,« sagte Buck und setzte sich auf das
Bett. »Sie wundern sich grundlos. Ich habe Ihnen schon immer gesagt, daß
ich mich zum Märtyrer nicht geboren fühle.«
Er machte es sich bequem, tat wie ein alter Bohémien, der zu einem
jüngeren kommt. Balrich blieb steif.
»Ihre Art, es zu treiben, mag ich nicht,« sagte er. Buck wandte sanft
ein:
»Sie kennen sie aber nur durch mich selbst.«
»Das Wissen nützt nichts. Bessern Sie sich!« sagte der Arbeiter; und dem
anderen, der lächeln wollte, verging das Lächeln. Die Augen gesenkt,
leise brachte er vor:
»Ich wollte Ihnen sagen, Sie täten gut, sogleich hier auszuziehen, mit
allen Ihren Leuten.«
»Das habe ich mir selbst überlegt, und danke dafür. Was kann er gegen
mich machen. Der Streik ist ihm sicher -- und Schlimmeres!«
Buck schüttelte den Kopf, so heimlich, als sähe jemand zu. Heßling habe
sich etwas ausgedacht, raunte er, mit Blicken nach der Tür; damit werde
er die Arbeiter zum besten halten -- vorläufig; »Ihre Zeit kommt wieder.
Sehr bald; die Arbeiter brauchen den Unrat nur zu riechen. Bis dahin
treten Sie einen strategischen Rückzug an!«
Balrich, unter finsteren Brauen, maß ihn lange.
»Wer sagt mir,« äußerte er, die Silben abteilend, »daß Sie nicht von ihm
kommen?«
Hiernach sah Buck eine Weile seine Kniee an, seufzte und stand auf.
»Nichts zu machen,« damit wollte er gehen. Balrich holte ihn zurück.
»Nein. Dafür halte ich Sie nicht.« Und rauh: »Dann soll ich gehen, bevor
ich hinaus muß?«
»Mit Ihren Leuten,« ergänzte Buck. »Er hat sie sich alle nennen lassen,
gleich gestern. Mit Ihren beiden Brüdern, Ihren beiden Schwestern, Ihrem
Schwager, den Kindern, dem alten Gellert, und dem alten Dinkl.
Ausgenommen sind die Verwandten Ihres Schwagers.«
»Polsters? Wohl wegen des Inspektors Salzmann, der mit der Frau etwas
hat.«
»Sie sehen, wie die Tugend belohnt wird,« bemerkte Buck und wollte sich
ein wenig freuen, doch ließ er es.
»Alle werden Sie leben müssen,« sagte er. »Das wird schwer sein,
besonders für Sie selbst, mit Ihrem Studium. Auf mich dürfen Sie leider
nicht rechnen.«
Das läge ihm fern, brummte Balrich. Trotzdem erklärte Buck ihm noch, daß
er ihm auf keine Weise von Heßling unbemerkt etwas zukommen lassen
könne: »Und Sie kennen meine Feigheit,« sagte er ironisch, -- worauf er
ging. Balrich dachte: er überlege sich wohl nicht, daß man ihn hier
könne gesehen haben.
Dann weckte er seine jungen Brüder, wir müssen fort, und machte sich auf
zu Dinkls, wir müssen fort, entlassen sind wir. Malli erhob ein Jammern.
Dinkl stellte den Fuß vor und drohte, das werde man sehen. »Wo ist
Leni,« fragte der Bruder; schon seit den ersten Eröffnungen Bucks dachte
er im Grunde nur: Was wird aus Leni . . . Sie schlief noch. Er atmete
auf, -- als hätte sie schon wissen können und könnte schon getan haben,
was er fürchtete, so sehr fürchtete.
Was Dinkl betraf, er war seiner Sache gewiß. Heßling mochte noch eine
Weile Schindluder treiben mit uns, seine Zeit war doch herum und
Gausenfeld gehörte uns. Daß er uns austrieb, bewies nur, wie sehr er
Angst hatte. Auch der alte Gellert, der hierüber sich einfand, war
überraschender Weise die Zuversicht selbst. Er machte sich anheischig,
bei Klinkorum Unterkunft zu schaffen für alle. Klinkorum habe auf
Heßling einen Haß!
Dies erwies sich sogleich als richtig. Der Professor erlaubte dem
Gellert, in das Souterrain aufzunehmen, wen er wollte. Seinem Schüler
Balrich räumte er sogar eine Kammer im Erdgeschoß ein.
Sie zogen um, als gerade die Arbeiter in die Fabrik aufbrachen. Umringt
mußten sie anhalten mit ihren Karren auf dem Weg um die Wiese. Das
Karussell ward aufeinandergenommen. Dinkl, den Arm erhoben, rief aus:
»Wie die Zigeuner packen wir zusammen, Genossen! Aber was unser ist,
bleibt unser, und bald macht ein anderer den Zigeuner.« Alle stimmten
murrend bei.
Da ward ein Anschlag entdeckt, zwischen den Häusern A und B im Torbogen
ein großer gelber Zettel, darauf sollte etwas stehen, von der
Generaldirektion. »Natürlich wegen Balrich,« sagten sie rückwärts. »Wer
streikt wegen Balrich, wird auch entlassen. Das findet sich, zuerst
streiken!« Und sie riefen: »Ausstand erklären!« Vorn aber, in dem
Torbogen, riefen sie etwas anderes; und je mehr Leute sich
hineindrängten und gelesen hatten, um so viele weniger riefen noch
Ausstand.
Herbesdörfer kam zurück, er sagte zu Balrich:
»Er hat sich etwas ausgedacht. Wer dich im Stich läßt, bekommt die
Gewinnbeteiligung.«
Balrich fuhr auf. »So weit ist er? Gewinnbeteiligung? Dann gibt er bald
noch mehr her. Wer will mich jetzt noch im Stich lassen!«
Sie sahen ihn zweifelnd an. Er selbst wagte kaum zu glauben, was er
sagte. »Solche Angst hat er seit gestern. Schickt mich fort zum Schein,
und tut doch was ich will.« Der Sieg, fühlte er, wäre zu leicht, dafür
daß er so ungeheuer wäre . . . Er sprang, brach durch bis in den Bogen,
las . . . Laut lachend kam er zurück. Sie drängten herbei, warum er
lache; sie waren es nicht gewohnt von ihm.
»Eure Löhne sollen gedrückt werden! . . . Das habt ihr nicht gelesen;
natürlich, ist auch ganz klein gedruckt.«
»Aber die Gewinnbeteiligung!«
»Die ist groß gedruckt. Ob sie aber an die kleingedruckten Löhne
heranreicht? Muß überhaupt ein Gewinn kommen?«
Dies erbitterte sie.
»Gausenfeld! Hunderttausende werden verdient!«
»Auch wenn ihr beteiligt seid?«
Da wurden Stimmen halblaut, die sagten, er sei neidisch. Sobald er sie
hörte, schwieg er. Sie wollten glauben, nur glauben: ihm oder dem
Heßling. Wer ihnen das nähere Glück versprach, dem glaubten sie.
Der Maschinenmeister Polster stellte sich wohlhäbig auf und lehrte: »Die
Gewinnbeteiligung ist eins der wirksamsten Mittel zur Hebung des
Arbeiterstandes und das wirksamste Mittel zur Versöhnung von Arbeiter
und Unternehmer.« Er wußte den Anschlag schon auswendig.
Herbesdörfer erwiderte ihm:
»Den Unternehmer kennen wir.«
Dies machte viele stutzig; -- und eben jetzt wagte der Jauner sich
hervor: Die Herren dort oben hätten ihn zwar falsch beschuldigt und
beinahe einsperren lassen, hier aber müsse er sagen Hut ab! Worauf viele
erwiderten: Schnauze! -- und ernüchtert den Weg zur Fabrik antraten.
Einige sagten zu Balrich:
»Wenn es wirklich etwas ist mit der Beteiligung, es ist noch nicht
alles. Wir brauchen dich weiter, Balrich.«
Händeschütteln. »Hoch Balrich!« Auch »Ausstand!« ward gerufen. Er aber
sagte ihnen:
»Laßt das nur! Ich weiß den Weg! Abwarten!«
Und er zog seinen Karren weiter; hinter ihm Dinkl und Malli mit den
ihren, auf einem das Letztgeborene; und am Schluß schoben die jungen
Brüder Balrichs. Die Kinder nebenher; Leni war nicht mehr zu sehen; --
so führte der alte Gellert sie in ihr neues Heim.
Es waren zwei Zimmer mit Fenstern in der Höhe des Erdbodens. Die Kammer
im Parterre, nach Norden auf das Haus C hinaus, war nicht weniger
dunkel, nur trockener. Balrich arbeitete darin, schlafen aber mußte dort
Leni. Sie hatte sogleich eine Stellung als Modistin und kam erst abends
heim. Dinkl, ebenso schnell, kam bei der Städtischen Abfuhr unter; Malli
durfte ihm sein Essen einfach auf die Landstraße hinaustragen. Sie
selbst tat die groben Arbeiten bei Klinkorum, alle hatten ihr Auskommen,
Gellert sogar mehr Wände anzustreichen als sonst.
Ja; -- aber Dunkelheit, alles feucht, und der Geruch nach Unrat, den
Dinkl heimbrachte, als sei es die Essenz von Gausenfeld, seines Elends,
langfristigen Elends. Balrich, der droben Horaz las, hörte unter sich
die Dinklschen Kinder einander quälen und Schmutzereien treiben.
Zuweilen kam Gellert, man wußte nicht wann, denn er machte Schicht nach
Belieben; betrank sich und gab Schnaps auch den Kindern. Dann,
regelmäßig, vergaß er sich noch weiter. Balrich hörte von oben, wie sie
kreischten, vor ihm hinausflüchteten, und das Einjährige, das sie fallen
ließen, schrie dann, bis Malli kam . . . Balrich schämte sich, er ging
dem alten Lumpen aus dem Weg, um nicht sprechen zu müssen. Nur seiner
Schwester sagte er, sie solle achtgeben; was für Augen mache schon die
elfjährige Liesel! Da weinte sie bitter und senkte ihren grauen Kopf.
Sie wußte noch mehr als er; was aber soll werden, quartiert der Gellert
uns aus.
»Dann verdiene ich es euch, für eine bessere Wohnung,« erwiderte er, und
sogleich ging er hinauf zu Klinkorum: die angebotenen Nachhilfestunden,
jetzt sei er bereit, sie zu übernehmen. Er hatte bisher nur so viele
gehabt, daß sein Unterhalt bezahlt war, jetzt belegte er damit den
ganzen Tag, Klinkorum verschaffte sie ihm mühelos; -- und Balrich saß
wieder die Nächte bei der Lampe.
Er tat es für Leni. Die Dinklschen Kinder waren das Ärgste nicht.
Unerträglich war es, hier Leni zu sehen, wie sie daherkam, schnell,
leicht, in ihrem Mantel, der einen Pelz imitierte, ihrem Modehut, auf
den Stöckeln, die Schenkel abgezeichnet unter dem raschelnden Rock, --
und schon im Garten bekam sie eine widerwillige Miene die Stufen
hinunter zu der Tür, die aussah wie ein wackliger Kleiderschrank,
schritt sie vorsichtig, um in keinen Kot zu treten; mit
Selbstüberwindung nahm ihre weiß behandschuhte Hand den Griff . . . Der
Bruder ging mit ihr aus, er führte sie zum Essen. So wenige Augenblicke
wie möglich sollte sie in der Höhle der Armen sein. Eines Abends dann,
als sie das Zimmer im Erdgeschoß betrat, fand sie es neu möbliert, in
Weiß, mit rosa Vorhängen am Bett und über dem Toilettenspiegel. Eine
Minute staunte sie; dann wandte sie sich um, in der Tür stand der
Bruder; und er sah, sie hatte mit ihm Mitleid. Da wußte er, nichts half
mehr, und seine größte Furcht, eben jetzt, da er auch dies noch gegen
sie versucht hatte, traf sie ein.
Seine Schwester umarmte ihn, als dankte sie. Aber er wußte, sie erbat
Verzeihung und nahm Abschied. Er wollte nicht heucheln. »Geh nicht
fort!« sagte er rauh und so flehentlich. Ihre Augen waren voll Tränen,
ihre Goldaugen; sie stammelte:
»Wenn ich könnte. Der Weg ist so weit. Am Abend die Arbeit dauert oft
lange.« -- Im Schluchzen küßte sie ihn: damit er dies hinnehme, nicht
frage.
Drunten an einem geöffneten Kellerfenster saß er und horchte, ob bei ihr
es still würde. Der alte Gellert schimpfte, weil es ihn fror im Bett
. . . Und als es still war droben, begann er schon auf ihr Erwachen zu
horchen. Noch längst nicht Tag, -- war dies ein anderes Geräusch als das
vom Wind, Ästeknacken oder dem Rieseln in den Wänden? Doch! Die Tür
geht. Im Garten springt ein Kiesel. Auf, ihr nach! Hasten, fliegen
wollen und das Gefühl haben, du steckest im Boden, nie mehr erreichest
du die, die fortgeht.
Das Gitter fällt, sie hört den Verfolger, sie läuft . . . Ein Sprung, er
hält sie. Auf der Landstraße, kalt und noch vor Morgengrauen, standen
die Geschwister und suchten ihre Gesichter, das Leiden und den Haß
darin, um die sie wußten, die sie nicht sahen. Der Bruder griff nach der
Schachtel in ihrer Hand, sie zerrten. Er, im zerren:
»Du grade, für die ich es tue -- alles tue. Sie verleugnen mich, sie
gehn mit Heßling. Du aber mit dem Sohn.«
»Nein!« schrie sie entsetzt.
»Ich weiß, wohin du gehst in der Stadt. Du bist schon nicht mehr im
Geschäft, keine Arbeiterin mehr, du bist --«
Leni, beschwörend dazwischen:
»Es ist alles nicht wahr!«
»Du bist seine Hure!«
Sie schluchzte, ein letztes Mal. Plötzlich hart: »Dann ist es wahr
. . . Jetzt laß mich!«
Sie ging; aber er blieb an ihrer Seite und beschimpfte sie weiter. Sie
antwortete.
»Betrüger du! Betrügst die Leute um ihr Leben. Ich soll wohl werden wie
Malli?«
Da schlug er nach ihr, aber schlug in die Luft. Dort lief sie, nur noch
ein Schatten in der Nacht. Er rief ihr nach: »Du hast mich immer nur
belogen,« -- machte kehrt und redete doch weiter, als sei sie noch da.
Aber sie war fort. Fort das Rascheln hinter ihm, wenn er vertieft saß.
Vorüber die Begegnungen, er auf dem Weg zu einer Stunde, sie zu einer
Kundin, und zwei Straßen weit gingen sie zusammen. Kaum ihren Rücken
fing er jetzt auf, schon war sie dahin um die Ecke. Dahin, tödliche
Verräterin! Dahin, süße Schwester! -- und er saß in dem Zimmer, das sie
verschmäht hatte und an dem er abzahlte, saß und wollte nichts wissen,
als was in diesen verachteten Büchern stand.
Er verachtete die Bücher, welchen Ersatz konnten sie ihm noch bringen
statt der Verlorenen, welche Rache ihn lehren für ihr Geschick! . . .
Damit nicht alles umsonst sei, sorgte er besser für seine zwei jungen
Brüder, gab Unterhalt und Lehrgeld, wenn sie nur hinausgelangten, dieser
in einer Buchhandlung, der andere als Monteur. Sie sollten ihm nicht
sagen, wie Leni, er betrüge sie um ihr Leben. Da allen sein Werk zu lang
währte, -- diese beiden mochten kleine hartherzige Bürger werden und
Pfennige fuchsen. Er sah, nichts anderes ersehnten die Genossen, alle,
wie sie waren, für nichts anderes lebten sie. Die Gerechtigkeit? Das
Glück aller? Ein gefüllter Bauch war ihnen lieber. Nicht einmal,
wahrhaft zu hassen, seid ihr stark genug! Gehaßt hätten sie den Heßling?
Und er braucht nur das Wort Gewinnbeteiligung hinzuschreiben, da glauben
sie so gern ihm, wie vorher mir. Erfahre, armer Mensch, daß du zwecklos
kämpfest! Sie brauchen dich nicht, viel lieber wollen sie betrogen sein.
Was immer du tust, mach ab mit dir und deinem Haß. Du hast nur ihn.
Das Gewissen sagte ihm, er verleumde sie; ruchlos und verstiegen sei die
Forderung, sie sollten, nur um seinetwillen, alles hinwerfen, streiken,
hungern. Er selbst hatte es ihnen widerraten, und wartete dennoch
darauf. War die Schuld bei seiner Beschäftigung? den Büchern, die nicht
vom Brot, immer nur von Ideen wußten und ihn langsam abtrennten von
seiner Klasse -- ihn in seinem bürgerlichen Zimmer, seinem schwarzen
Rock, ihn mit seinem Denken, das keinen Ausgleich mehr hatte durch die
körperliche Arbeit . . . Kein Arbeiter mehr! -- und er fing an, ihnen
auszuweichen. Heimkehrend aus der Stadt von seinem Broterwerb, drückte
er sich in den Garten, in das Haus, und hörte nicht, riefen sie ihm
nach. Er sah den Heßling um das Haus Klinkorum her gewisse verdächtige
Wege gehn, aber ihn verlangte es nicht, ihn abzufangen. Er eilte vorüber
an Buck, den er nicht achtete, an den Genossen, die ihn im Stich ließen,
und vermied trotzig die Begegnung mit dem jungen Hans, so oft auch das
Bürschlein ihm nachlief oder an seine Tür klopfte. Einmal verlegte es
sich darauf, durch die Tür zu sprechen; Balrich hörte: »Leni«; da
vertrieb er es, mit einem Unflat geschriener Worte. Nachher dachte er:
»Schade. Es war ein gutes Bürschlein.« Aber die Leidenschaft seines
Menschenhasses war stärker. Er erinnerte sich wohl des jungen Blonden in
dem Irrenhaus, der ihm gesagt hatte: »Lieben Sie denn?« Er wollte es
nicht; und er glaubte sich stärker so.
Da kam im Dezembersturm seine Schwester Malli, brach ein bei ihm, schlug
um sich, fiel hin und heulte zum Entsetzen. Geschehen war es mit der
Liesel und dem Alten. Eben noch ein Kind, und jetzt? »Wir waren doch so
gut daran hier!« jammerte Malli. »Jetzt müssen wir fort.« Diese Worte
erbitterten ihn mehr als das andere.
Er ging mit hinunter. Das Kind war davongelaufen, der alte Gellert hatte
sich ins Bett gelegt, spielte den Kranken und sprach weinerlich. »Reiche
mir doch nur den Wacholder her, sonst ist es aus,« -- und die Mutter
mußte ihn mit Schnaps tränken. Da Balrich gegen ihn losbrüllte, verkroch
er sich vollends unter das karierte Bett; nur seine tränenden Äuglein
zeigten sich noch, und er wimmerte: »Weiß schon, ihr seid herzliche
Leute, haltet euch zum alten Gellert und rührt euch nicht fort.« Er
zwinkerte sie an. »Gebacken und gebraten zusammen, da drückt jeder ein
Auge zu.«
Balrich spie nach ihm, der Alte duckte den Kopf in die Federn. Balrich
schrie: »Für deinen Stall hier, wenn wir fortziehen, schaffe ich uns
noch eine Menschenwohnung.«
Gellert sagte zerknirscht:
»Das wird wahr sein. Auch Arbeit schaffst du der Malli, dem Dinkl, und
dir deine Stunden. Wen geht es an? Wer hat dir geschenkt so lange? Doch
nicht der Buck, der arme Herr.«
Er zwinkerte nur; Balrich aber, erbleicht, stand mit Mühe noch fest.
»Nimm ruhig den Stuhl,« sagte der Alte und kroch aus dem Bett, wobei es
sich erwies, daß er angekleidet war. Er streckte die langen Beine von
sich, das Greisengesichtchen mit den violetten Sprüngen zeigte wieder
Mut. Listig gab er zu verstehen: »Für den alten Gellert hat aber mancher
ein Herz übrig, nicht ihr bloß. Der liebe alte Gellert braucht nur
einmal seinen Namen zu schreiben, dann hat er Geld bis an das Ende
seiner Tage.«
Balrich, die Fäuste geballt, stürzte vor, der Alte wollte zurück in das
Bett; aber Balrich packte ihn an, er schüttelte ihn. »Tu es doch!
Verrate uns! Verkaufe dem Heßling unsere Rechte! Liefere sie aus, deine
Klassengenossen, und zieh ab mit dem Blutgeld!«
»Gib acht, was du selbst tust!« Der Alte höhnte noch im Ersticken: »Wenn
erst die liebe Seel entfleucht, was habt ihr dann?«
Balrich stieß ihn fort, beide brachten sich in Ordnung. Der Alte, mit
Ächzen:
»Der Buck, der Klinkorum, alle die Herren wollen es dem Heßling
anstreichen. Stelle dich nicht dumm, die sind es, die machen dich zum
Advokaten. Ist aber der alte Gellert tot und sein Recht verfallen, wozu
noch der Advokat.«
Balrich ergab sich; ja, er wußte es, hätte er es noch niemals sich
eingestanden. Gebrochen wich er gegen die Tür zurück, -- sie sprang weit
auf im Sturm, Herbesdörfer und Polster kamen, sie wollten den Balrich
hier überraschen. Schon hatten sie draußen gehört von einem Krach im
Hause Dinkl, die Kinder draußen schwatzten.
»Und Dinkl!« jammerte Malli, in neuem Entsetzen. »Wenn er draufkommt,
erschlägt er mich.«
Sie wollte sich anvertrauen und Trost suchen bei den Gästen; aber
Gellert, wieder ganz auf der Höhe, warf sie hinaus.