„Warum soll ich ausdrücklich sagen, meine Geliebten, was sich von
selbst versteht? Ich bin aus meiner Bahn geschritten, und ich soll
nicht wieder hinein. Ein feindseliger Dämon, der Macht über mich
gewonnen, scheint mich von außen zu hindern, hätte ich mich auch mit
mir selbst wieder zur Einigkeit gefunden.
Ganz rein war mein Vorsatz, Eduarden zu entsagen, mich von ihm zu
entfernen. Ihm hofft ich nicht wieder zu begegnen. Es ist anders
geworden; er stand selbst gegen seinen eigenen Willen vor mir. Mein
Versprechen, mich mit ihm in keine Unterredung einzulassen, habe ich
vielleicht zu buchstäblich genommen und gedeutet. Nach Gefühl und
Gewissen des Augenblicks schwieg ich, verstummt ich vor dem Freunde,
und nun habe ich nichts mehr zu sagen. Ein strenges Ordensgelübde,
welches den, der es mit Überlegung eingeht, vielleicht unbequem
ängstiget, habe ich zufällig, vom Gefühl gedrungen, über mich genommen.
Laßt mich darin beharren, solange mir das Herz gebietet. Beruft keine
Mittelsperson! Dringt nicht in mich, daß ich reden, daß ich mehr Speise
und Trank genießen soll, als ich höchstens bedarf. Helft mir durch
Nachsicht und Geduld über diese Zeit hinweg. Ich bin jung, die Jugend
stellt sich unversehens wieder her. Duldet mich in eurer Gegenwart,
erfreut mich durch eure Liebe, belehrt mich durch eure Unterhaltung;
aber mein Innres überlaßt mir selbst!“
Die längst vorbereitete Abreise der Männer unterblieb, weil jenes
auswärtige Geschäft des Majors sich verzögerte. Wie erwünscht für
Eduard! Nun durch Ottiliens Blatt aufs neue angeregt, durch ihre
trostvollen, hoffnunggebenden Worte wieder ermutigt und zu standhaftem
Ausharren berechtigt, erklärte er auf einmal, er werde sich nicht
entfernen. „Wie töricht“, rief er aus, „das Unentbehrlichste,
Notwendigste vorsätzlich, voreilig wegzuwerfen, das, wenn uns auch der
Verlust bedroht, vielleicht noch zu erhalten wäre! Und was soll es
heißen? Doch nur, daß der Mensch ja scheine, wollen, wählen zu können.
So habe ich oft, beherrscht von solchem albernen Dünkel, Stunden, ja
Tage zu früh mich von Freunden losgerissen, um nur nicht von dem
letzten, unausweichlichen Termin entschieden gezwungen zu werden.
Diesmal aber will ich bleiben. Warum soll ich mich entfernen? Ist sie
nicht schon von mir entfernt? Es fällt mir nicht ein, ihre Hand zu
fassen, sie an mein Herz zu drücken; sogar darf ich es nicht denken, es
schaudert mir. Sie hat sich nicht von mir weg, sie hat sich über mich
weg gehoben“.
Und so blieb er, wie er wollte, wie er mußte. Aber auch dem Behagen
glich nichts, wenn er sich mit ihr zusammenfand. Und so war auch ihr
dieselbe Empfindung geblieben; auch sie konnte sich dieser seligen
Notwendigkeit nicht entziehen. Nach wie vor übten sie eine
unbeschreibliche, fast magische Anziehungskraft gegeneinander aus. Sie
wohnten unter Einem Dache; aber selbst ohne gerade aneinander zu
denken, mit andern Dingen beschäftigt, von der Gesellschaft hin und her
gezogen, näherten sie sich einander. Fanden sie sich in Einem Saale, so
dauerte es nicht lange, und sie standen, sie saßen nebeneinader. Nur
die nächste Nähe konnte sie beruhigen, aber auch völlig beruhigen, und
diese Nähe war genug; nicht eines Blickes, nicht eines Wortes, keiner
Gebärde, keiner Berührung bedurfte es, nur des reinen Zusammenseins.
Dann waren es nicht zwei Menschen, es war nur Ein Mensch im
bewußtlosen, vollkommnen Behagen, mit sich selbst zufrieden und mit der
Welt. Ja, hätte man eins von beiden am letzten Ende der Wohnung
festgehalten, das andere hätte sich nach und nach von selbst, ohne
Vorsatz, zu ihm hinbewegt. Das Leben war ihnen ein Rätsel, dessen
Auflösung sie nur miteinander fanden.
Ottilie war durchaus heiter und gelassen, so daß man sich über sie
völlig beruhigen konnte. Sie entfernte sich wenig aus der Gesellschaft,
nur hatte sie es erlangt, allein zu speisen. Niemand als Nanny bediente
sie.
Was einem jeden Menschen gewöhnlich begegnet, wiederholt sich mehr, als
man glaubt, weil seine Natur hiezu die nächste Bestimmung gibt.
Charakter, Individualität, Neigung, Richtung, Örtlichkeit, Umgebungen
und Gewohnheiten bilden zusammen ein Ganzes, in welchem jeder Mensch
wie in einem Elemente, in einer Atmosphäre schwimmt, worin es ihm
allein bequem und behaglich ist. Und so finden wir die Menschen, über
deren Veränderlichkeit so viele Klage geführt wird, nach vielen Jahren
zu unserm Erstaunen unverändert und nach äußern und innern unendlichen
Anregungen unveränderlich.
So bewegte sich auch in dem täglichen Zusammenleben unserer Freunde
fast alles wieder in dem alten Gleise. Noch immer äußerte Ottilie
stillschweigend durch manche Gefälligkeit ihr zuvorkommendes Wesen, und
so jedes nach seiner Art. Auf diese Weise zeigte sich der häusliche
Zirkel als ein Scheinbild des vorigen Lebens, und der Wahn, als ob noch
alles beim alten sei, war verzeihlich.
Die herbstlichen Tage, an Länge jenen Frühlingstagen gleich, riefen die
Gesellschaft um eben die Stunde aus dem Freien ins Haus zurück. Der
Schmuck an Früchten und Blumen, der dieser Zeit eigen ist, ließ
glauben, als wenn es der Herbst jenes ersten Frühlings wäre; die
Zwischenzeit war ins Vergessen gefallen. Denn nun blühten die Blumen,
dergleichen man in jenen ersten Tagen auch gesäet hatte; nun reiften
Früchte an den Bäumen, die man damals blühen gesehen.
Der Major ging ab und zu; auch Mittler ließ sich öfter sehen. Die
Abendsitzungen waren meistens regelmäßig. Eduard las gewöhnlich,
lebhafter, gefühlvoller, besser, ja sogar heiterer, wenn man will, als
jemals. Es war, als wenn er, so gut durch Fröhlichkeit als durch
Gefühl, Ottiliens Erstarren wieder beleben, ihr Schweigen wieder
auflösen wollte. Er setzte sich wie vormals, daß sie ihm ins Buch sehen
konnte, ja er ward unruhig, zerstreut, wenn sie nicht hineinsah, wenn
er nicht gewiß war, daß sie seinen Worten mit ihren Augen folgte.
Jedes unerfreuliche, unbequeme Gefühl der mittleren Zeit war
ausgelöscht. Keines trug mehr dem andern etwas nach; jede Art von
Bitterkeit war verschwunden. Der Major begleitete mit der Violine das
Klavierspiel Charlottens, so wie Eduards Flöte mit Ottiliens Behandlung
des Saiteninstruments wieder wie vormals zusammentraf. So rückte man
dem Geburtstage Eduards näher, dessen Feier man vor einem Jahre nicht
erreicht hatte. Er sollte ohne Festlichkeit in stillem, freundlichem
Behagen diesmal gefeiert werden. So war man, halb stillschweigend halb
ausdrücklich, miteinander übereingekommen. Doch je näher diese Epoche
heranrückte, vermehrte sich das Feierliche in Ottiliens Wesen, das man
bisher mehr empfunden als bemerkt hatte. Sie schien im Garten oft die
Blumen zu mustern; sie hatte dem Gärtner angedeutet, die Sommergewächse
aller Art zu schonen, und sich besonders bei den Astern aufgehalten,
die gerade dieses Jahr in unmäßiger Menge blühten.