Eine ErklÄrung, wie sie einer Schrift in einer Vorrede nach der
Gewohnheit vorausgeschickt wird--Über den Zweck, den der Verfasser
sich in ihr vorgesetzt, sowie über die Veranlassungen und das
Verhältnis, worin er sie zu andern frühern oder gleichzeitigen
Behandlungen desselben Gegenstandes zu stehen glaubt--scheint bei
einer philosophischen Schrift nicht nur überflüssig, sondern um der
Natur der Sache willen sogar unpassend und zweckwidrig zu sein. Denn
wie und was von Philosophie in einer Vorrede zu sagen schicklich
wäre--etwa eine historische _Angabe_ der Tendenz und des Standpunkts,
des allgemeinen Inhalts und der Resultate, eine Verbindung von hin
und her sprechenden Behauptungen und Versicherungen über das Wahre--,
kann nicht für die Art und Weise gelten, in der die philosophische
Wahrheit darzustellen sei.--Auch weil die Philosophie wesentlich im
Elemente der Allgemeinheit ist, die das Besondere in sich schließt,
so findet bei ihr mehr als bei andern Wissenschaften der Schein statt,
als ob in dem Zwecke oder den letzten Resultaten die Sache selbst
und sogar in ihrem vollkommenen Wesen ausgedrückt wäre, gegen welches
die Ausführung eigentlich das Unwesentliche sei. In der allgemeinen
Vorstellung hingegen, zum Beispiel was Anatomie sei, etwa die
Kenntnis der Teile des KÖrpers nach ihrem unlebendigen Dasein
betrachtet, ist man überzeugt, die Sache selbst, den Inhalt dieser
Wissenschaft, noch nicht zu besitzen, sondern außerdem um das
Besondere sich bemühen zu müssen.--Ferner ist bei einem solchen
Aggregate von Kenntnissen, das den Namen Wissenschaft nicht mit Recht
führt, eine Konversation über Zweck und dergleichen Allgemeinheiten
nicht von der historischen und begrifflosen Weise verschieden, worin
von dem Inhalte selbst, diesen Nerven, Muskeln und so fort,
gesprochen wird. Bei der Philosophie hingegen würde die Ungleichheit
entstehen, daß von einer solchen Weise Gebrauch gemacht, und diese
doch von ihr selbst als unfähig, die Wahrheit zu fassen, aufgezeigt
würde.
So wird auch durch die Bestimmung des Verhältnisses, das ein
philosophisches Werk zu andern Bestrebungen über denselben Gegenstand
zu haben glaubt, ein fremdartiges Interesse hereingezogen, und das,
worauf es bei der Erkenntnis der Wahrheit ankommt, verdunkelt. So
fest der Meinung der Gegensatz des Wahren und des Falschen wird, so
pflegt sie auch entweder Beistimmung oder Widerspruch gegen ein
vorhandenes philosophisches System zu erwarten, und in einer
Erklärung über ein solches nur entweder das eine oder das andre zu
sehen. Sie begreift die Verschiedenheit philosophischer Systeme
nicht so sehr als die fortschreitende Entwicklung der Wahrheit, als
sie in der Verschiedenheit nur den Widerspruch sieht. Die Knospe
verschwindet in dem Hervorbrechen der Blüte, und man könnte sagen,
daß jene von dieser widerlegt wird, ebenso wird durch die Frucht die
Blüte für ein falsches Dasein der Pflanze erklärt, und als ihre
Wahrheit tritt jene an die Stelle von dieser. Diese Formen
unterscheiden sich nicht nur, sondern verdrängen sich auch als
unverträglich miteinander. Aber ihre flüssige Natur macht sie
zugleich zu Momenten der organischen Einheit, worin sie sich nicht
nur nicht widerstreiten, sondern eins so notwendig als das andere ist,
und diese gleiche Notwendigkeit macht erst das Leben des Ganzen aus.
Aber der Widerspruch gegen ein philosophisches System pflegt teils
sich selbst nicht auf diese Weise zu begreifen, teils auch weiß das
auffassende Bewußtsein gemeinhin nicht, ihn von seiner Einseitigkeit
zu befreien oder frei zu erhalten, und in der Gestalt des streitend
und sich zuwider Scheinenden gegenseitig notwendige Momente zu
erkennen.
Die Foderung von dergleichen Erklärungen sowie die Befriedigungen
derselben scheinen vielleicht das Wesentliche zu betreiben. Worin
könnte mehr das Innere einer philosophischen Schrift ausgesprochen
sein als in den Zwecken und Resultaten derselben, und wodurch diese
bestimmter erkannt werden als durch ihre Verschiedenheit von dem, was
das Zeitalter sonst in derselben Sphäre hervorbringt? Wenn aber ein
solches Tun für mehr als für den Anfang des Erkennens, wenn es für
das wirkliche Erkennen gelten soll, ist es in der Tat zu den
Erfindungen zu rechnen, die Sache selbst zu umgehen, und dieses
beides zu verbinden, den Anschein des Ernstes und Bemühens um sie,
und die wirkliche Ersparung desselben.--Denn die Sache ist nicht in
ihrem _Zwecke_ erschöpft, sondern in ihrer _Ausführung_, noch ist das
_Resultat_ das _wirkliche_ Ganze, sondern es zusammen mit seinem
Werden; der Zweck für sich ist das unlebendige Allgemeine, wie die
Tendenz das bloße Treiben, das seiner Wirklichkeit noch entbehrt, und
das nackte Resultat ist der Leichnam, der sie hinter sich gelassen.
--Ebenso ist die _Verschiedenheit_ vielmehr die _Grenze_ der Sache;
sie ist da, wo die Sache aufhört, oder sie ist das, was diese nicht
ist. Solche Bemühungen mit dem Zwecke oder den Resultaten, sowie mit
den Verschiedenheiten und Beurteilungen des einen und des andern,
sind daher eine leichtere Arbeit, als sie vielleicht scheinen. Denn
statt mit der Sache sich zu befassen, ist solches Tun immer über sie
hinaus, statt in ihr zu verweilen und sich in ihr zu vergessen,
greift solches Wissen immer nach einem Andern, und bleibt vielmehr
bei sich selbst, als daß es bei der Sache ist und sich ihr hingibt.
--Das leichteste ist, was Gehalt und Gediegenheit hat, zu beurteilen,
schwerer, es zu fassen, das schwerste, was beides vereinigt, seine
Darstellung hervorzubringen.
Der Anfang der Bildung und des Herausarbeitens aus der
Unmittelbarkeit des substantiellen Lebens wird immer damit gemacht
werden müssen, Kenntnisse allgemeiner Grundsätze und Gesichtspunkte
zu erwerben, sich nur erst zu dem Gedanken der Sache überhaupt
heraufzuarbeiten, nicht weniger sie mit Gründen zu unterstützen oder
zu widerlegen, die konkrete und reiche Fülle nach Bestimmtheiten
aufzufassen, und ordentlichen Bescheid und ernsthaftes Urteil über
sie zu erteilen zu wissen. Dieser Anfang der Bildung wird aber
zunächst dem Ernste des erfüllten Lebens Platz machen, der in die
Erfahrung der Sache selbst hineinführt, und wenn auch dies noch
hinzukommt, daß der Ernst des Begriffs in ihre Tiefe steigt, so wird
eine solche Kenntnis und Beurteilung in der Konversation ihre
schickliche Stelle behalten.
Die wahre Gestalt, in welcher die Wahrheit existiert, kann allein das
wissenschaftliche System derselben sein. Daran mitzuarbeiten, daß
die Philosophie der Form der Wissenschaft näher komme--dem Ziele,
ihren Namen der _Liebe_ zum _Wissen_ ablegen zu können und
_wirkliches Wissen_ zu sein--, ist es, was ich mir vorgesetzt. Die
innere Notwendigkeit, daß das Wissen Wissenschaft sei, liegt in
seiner Natur, und die befriedigende Erklärung hierüber ist allein die
Darstellung der Philosophie selbst. Die äußere Notwendigkeit aber,
insofern sie, abgesehen von der Zufälligkeit der Person und der
individuellen Veranlassungen, auf eine allgemeine Weise gefaßt wird,
ist dasselbe, was die innere, in der Gestalt, wie die Zeit das Dasein
ihrer Momente vorstellt. Daß die Erhebung der Philosophie zur
Wissenschaft an der Zeit ist, dies aufzuzeigen würde daher die einzig
wahre Rechtfertigung der Versuche sein, die diesen Zweck haben, weil
sie die Notwendigkeit desselben dartun, ja weil sie ihn zugleich
ausführen würde.
Indem die wahre Gestalt der Wahrheit in die Wissenschaftlichkeit
gesetzt wird--oder, was dasselbe ist, indem die Wahrheit behauptet
wird, an dem _Begriffe_ allein das Element ihrer Existenz zu haben--,
so weiß ich, daß dies im Widerspruch mit einer Vorstellung und deren
Folgen zu stehen scheint, welche eine so große Anmaßung als
Ausbreitung in der Überzeugung des Zeitalters hat. Eine Erklärung
über diesen Widerspruch scheint darum nicht überflüssig; wenn sie
auch hier weiter nichts als gleichfalls eine Versicherung, wie das,
gegen was sie geht, sein kann. Wenn nämlich das Wahre nur in
demjenigen oder vielmehr nur als dasjenige existiert, was bald
Anschauung, bald unmittelbares Wissen des Absoluten, Religion, das
Sein--nicht im Zentrum der göttlichen Liebe, sondern das Sein
desselben selbst--genannt wird, so wird von da aus zugleich für die
Darstellung der Philosophie vielmehr das Gegenteil der Form des
Begriffs gefodert. Das Absolute soll nicht begriffen, sondern
gefühlt und angeschaut, nicht sein Begriff, sondern sein Gefühl und
Anschauung sollen das Wort führen und ausgesprochen werden.
Wird die Erscheinung einer solchen Foderung nach ihrem allgemeinem
Zusammenhange aufgefaßt, und auf die Stufe gesehen, worauf der
selbstbewußte Geist gegenwärtig steht, so ist er über das
substantielle Leben, das er sonst im Elemente des Gedankens führte,
hinaus,--über diese Unmittelbarkeit seines Glaubens, über die
Befriedigung und Sicherheit der Gewißheit, welche das Bewußtsein von
seiner Versöhnung mit dem Wesen und dessen allgemeiner, der innern
und äußern, Gegenwart besaß. Er ist nicht nur darüber hinausgegangen,
in das andere Extrem der substanzlosen Reflexion seiner in sich
selbst, sondern auch über diese. Sein wesentliches Leben ist ihm
nicht nur verloren, er ist auch dieses Verlustes, und der Endlichkeit,
die sein Inhalt ist, bewußt. Von den Trebern sich wegwendend, daß
er im Argen liegt, bekennend und darauf schmähend, verlangt er nun
von der Philosophie nicht sowohl das _Wissen_ dessen, was er _ist_,
als zur Herstellung jener Substantialität und der Gediegenheit des
Seins erst wieder durch sie zu gelangen. Diesem Bedürfnisse soll sie
also nicht so sehr die Verschlossenheit der Substanz aufschließen,
und diese zum Selbstbewußtsein erheben--nicht so sehr ihr chaotisches
Bewußtsein zur gedachten Ordnung und zur Einfachheit des Begriffes
zurückbringen, als vielmehr die Sonderungen des Gedankens
zusammenschütten, den unterscheidenden Begriff unterdrücken und das
Gefühl des Wesens herstellen, nicht sowohl _Einsicht_ als _Erbauung_
gewähren. Das Schöne, Heilige, Ewige, die Religion und Liebe sind
der Köder, der gefodert wird, um die Lust zum Anbeißen zu erwecken,
nicht der Begriff, sondern die Ekstase, nicht die kalt
fortschreitende Notwendigkeit der Sache, sondern die gärende
Begeisterung soll die Haltung und fortleitende Ausbreitung des
Reichtums der Substanz sein.
Dieser Foderung entspricht die angestrengte und fast eifernd und
gereizt sich zeigende Bemühung, die Menschen aus der Versunkenheit
ins Sinnliche, Gemeine und Einzelne herauszureißen und ihren Blick zu
den Sternen aufzurichten; als ob sie, des Göttlichen ganz vergessend,
mit Staub und Wasser, wie der Wurm, auf dem Punkte sich zu
befriedigen stünden. Sonst hatten sie einen Himmel mit weitläufigem
Reichtume von Gedanken und Bildern ausgestattet. Von allem, was ist,
lag die Bedeutung in dem Lichtfaden, durch den es an den Himmel
geknüpft war; an ihm, statt in _dieser_ Gegenwart zu verweilen, glitt
der Blick über sie hinaus, zum göttlichen Wesen, zu einer, wenn man
so sagen kann, jenseitigen Gegenwart hinauf. Das Auge des Geistes
mußte mit Zwang auf das Irdische gerichtet und bei ihm festgehalten
werden; und es hat einer langen Zeit bedurft, jene Klarheit, die nur
das Überirdische hatte, in die Dumpfheit und Verworrenheit, worin der
Sinn des Diesseitigen lag, hineinzuarbeiten, und die Aufmerksamkeit
auf das Gegenwärtige als solches, welche _Erfahrung_ genannt wurde,
interessant und geltend zu machen.--Jetzt scheint die Not des
Gegenteils vorhanden, der Sinn so sehr in das Irdische festgewurzelt,
daß es gleicher Gewalt bedarf, ihn darüber zu erheben. Der Geist
zeigt sich so arm, daß er sich, wie in der Sandwüste der Wanderer
nach einem einfachen Trunk Wasser, nur nach dem dürftigen Gefühle des
Göttlichen überhaupt für seine Erquickung zu sehnen scheint. An
diesem, woran dem Geiste genügt, ist die Größe seines Verlustes zu
ermessen.
Diese Genügsamkeit des Empfangens oder Sparsamkeit des Gebens ziemt
jedoch der Wissenschaft nicht. Wer nur die Erbauung sucht, wer seine
irdische Mannigfaltigkeit des Daseins und des Gedankens in Nebel
einzuhüllen und nach dem unbestimmten Genusse dieser unbestimmten
Göttlichkeit verlangt, mag zusehen, wo er dies findet; er wird leicht
selbst sich etwas vorzuschwärmen und damit sich aufzuspreizen die
Mittel finden. Die Philosophie aber muß sich hüten, erbaulich sein
zu wollen.
Noch weniger muß diese Genügsamkeit, die auf die Wissenschaft
Verzicht tut, darauf Anspruch machen, daß solche Begeisterung und
Trübheit etwas Höheres sei als die Wissenschaft. Dieses prophetische
Reden meint gerade so recht im Mittelpunkte und der Tiefe zu bleiben,
blickt verächtlich auf die Bestimmtheit (den *Horos*) und hält sich
absichtlich von dem Begriffe und der Notwendigkeit entfernt, als von
der Reflexion, die nur in der Endlichkeit hause. Wie es aber eine
leere Breite gibt, so auch eine leere Tiefe, wie eine Extension der
Substanz, die sich in endliche Mannigfaltigkeit ergießt, ohne Kraft,
sie zusammenzuhalten--so ist dies eine gehaltlose Intensität, welche
als lautere Kraft ohne Ausbreitung sich haltend, dasselbe ist, was
die Oberflächlichkeit. Die Kraft des Geistes ist nur so groß als
ihre Äußerung, seine Tiefe nur so tief, als er in seiner Auslegung
sich auszubreiten und sich zu verlieren getraut.--Zugleich wenn dies
begrifflose substantielle Wissen die Eigenheit des Selbsts in dem
Wesen versenkt zu haben und wahr und heilig zu philosophieren vorgibt,
so verbirgt es sich, daß es, statt dem Gotte ergeben zu sein, durch
die Verschmähung des Maßes und der Bestimmung vielmehr nur bald in
sich selbst die Zufälligkeit des Inhalts, bald in ihm die eigne
Willkür gewähren läßt.--Indem sie sich dem ungebändigten Gären der
Substanz überlassen, meinen sie, durch die Einhüllung des
Selbstbewußtseins und Aufgeben des Verstands, die _Seinen_ zu sein,
denen Gott die Weisheit im Schlafe gibt; was sie so in der Tat im
Schlafe empfangen und gebären, sind darum auch Träume.
Es ist übrigens nicht schwer, zu sehen, daß unsre Zeit eine Zeit der
Geburt und des Übergangs zu einer neuen Periode ist. Der Geist hat
mit der bisherigen Welt seines Daseins und Vorstellens gebrochen und
steht im Begriffe, es in die Vergangenheit hinab zu versenken, und in
der Arbeit seiner Umgestaltung. Zwar ist er nie in Ruhe, sondern in
immer fortschreitender Bewegung begriffen. Aber wie beim Kinde nach
langer stiller Ernährung der erste Atemzug jene Allmählichkeit des
nur vermehrenden Fortgangs abbricht--ein qualitativer Sprung--und
itzt das Kind geboren ist, so reift der sich bildende Geist langsam
und stille der neuen Gestalt entgegen, löst ein Teilchen des Baues
seiner vorgehenden *Welt* nach dem andern auf, ihr Wanken wird nur
durch einzelne Symptome angedeutet; der Leichtsinn wie die Langeweile,
die im Bestehenden einreißen, die unbestimmte Ahnung eines
Unbekannten sind Vorboten, daß etwas anderes im Anzuge ist. Dies
allmähliche Zerbröckeln, das die Physiognomie des Ganzen nicht
veränderte, wird durch den Aufgang unterbrochen, der, ein Blitz, in
einem Male das Gebilde der neuen Welt hinstellt.
Allein eine vollkommne Wirklichkeit hat dies Neue sowenig als das
eben geborne Kind; und dies ist wesentlich nicht außer acht zu lassen.
Das erste Auftreten ist erst seine Unmittelbarkeit oder sein
Begriff. Sowenig ein Gebäude fertig ist, wenn sein Grund gelegt
worden, sowenig ist der erreichte Begriff des Ganzen das Ganze selbst.
Wo wir eine Eiche in der Kraft ihres Stammes und in der Ausbreitung
ihrer Äste und den Massen ihrer Belaubung zu sehen wünschen, sind wir
nicht zufrieden, wenn uns an dieser Stelle eine Eichel gezeigt wird.
So ist die Wissenschaft, die Krone einer Welt des Geistes, nicht in
ihrem Anfange vollendet. Der Anfang des neuen Geistes ist das
Produkt einer weitläufigen Umwälzung von mannigfaltigen
Bildungsformen, der Preis eines vielfach verschlungnen Weges und
ebenso vielfacher Anstrengung und Bemühung. Er ist das aus der
Sukzession wie aus seiner Ausdehnung in sich zurückgegangene Ganze,
der gewordne _einfache Begriff_ desselben. Die Wirklichkeit dieses
einfachen Ganzen aber besteht darin, daß jene zu Momenten gewordne
Gestaltungen sich wieder von neuem, aber in ihrem neuen Elemente, in
dem gewordenen Sinne entwickeln und Gestaltung geben.
Indem einerseits die erste Erscheinung der neuen Welt nur erst das in
seine _Einfachheit_ verhüllte Ganze oder sein allgemeiner Grund ist,
so ist dem Bewußtsein dagegen der Reichtum des vorhergehenden Daseins
noch in der Erinnerung gegenwärtig. Es vermißt an der neu
erscheinenden Gestalt die Ausbreitung und Besonderung des Inhalts;
noch mehr aber vermißt es die Ausbildung der Form, wodurch die
Unterschiede mit Sicherheit bestimmt und in ihre festen Verhältnisse
geordnet sind. Ohne diese Ausbildung entbehrt die Wissenschaft der
allgemeinen *Verständlichkeit*, und hat den Schein, ein esoterisches
Besitztum einiger Einzelnen zu sein;--ein esoterisches Besitztum:
denn sie ist nur erst in ihrem Begriffe oder ihr Innres vorhanden;
einiger Einzelnen: denn ihre unausgebreitete Erscheinung macht ihr
Dasein zum Einzelnen. Erst was vollkommen bestimmt ist, ist zugleich
exoterisch, begreiflich, und fähig, gelernt und das Eigentum aller zu
sein. Die verständige Form der Wissenschaft ist der allen
dargebotene und für alle gleichgemachte Weg zu ihr, und durch den
Verstand zum vernünftigen Wissen zu gelangen ist die gerechte
Foderung des Bewußtseins, das zur Wissenschaft hinzutritt; denn der
Verstand ist das Denken, das reine Ich überhaupt; und das Verständige
ist das schon Bekannte und das Gemeinschaftliche der Wissenschaft und
des unwissenschaftlichen Bewußtseins, wodurch dieses unmittelbar in
jene einzutreten vermag.
Die Wissenschaft, die erst beginnt, und es also noch weder zur
Vollständigkeit des Details noch zur Vollkommenheit der Form gebracht
hat, ist dem Tadel darüber ausgesetzt. Aber wenn dieser ihr Wesen
treffen soll, so würde er ebenso ungerecht sein, als es unstatthaft
ist, die Foderung jener Ausbildung nicht anerkennen zu wollen.
Dieser Gegensatz scheint der hauptsächlichste Knoten zu sein, an dem
die wissenschaftliche Bildung sich gegenwärtig zerarbeitet und
worüber sie sich noch nicht gehörig versteht. Der eine Teil pocht
auf den Reichtum des Materials und die Verständlichkeit, der andre
verschmäht wenigstens diese und pocht auf die unmittelbare
Vernünftigkeit und Göttlichkeit. Wenn auch jener Teil, es sei durch
die Kraft der Wahrheit allein oder auch durch das Ungestüm des andern,
zum Stillschweigen gebracht ist, und wenn er in Ansehung des Grunds
der Sache sich überwältigt fühlte, so ist er darum in Ansehung jener
Foderungen nicht befriedigt, denn sie sind gerecht, aber nicht
erfüllt. Sein Stillschweigen gehört nur halb dem Siege, halb aber
der Langeweile und Gleichgültigkeit, welche die Folge einer beständig
erregten Erwartung und nicht erfolgten Erfüllung der Versprechungen
zu sein pflegt.
In Ansehung des Inhalts machen die andern sich es wohl zuweilen
leicht genug, eine große Ausdehnung zu haben. Sie ziehen auf ihren
Boden eine Menge Material, nämlich das schon Bekannte und Geordnete,
herein, und indem sie sich vornehmlich mit den Sonderbarkeiten und
Kuriositäten zu tun machen, scheinen sie um so mehr das übrige, womit
das Wissen in seiner Art schon fertig war, zu besitzen, zugleich auch
das noch Ungeregelte zu beherrschen, und somit alles der absoluten
Idee zu unterwerfen, welche hiemit in allem erkannt, und zur
ausgebreiteten Wissenschaft gediehen zu sein scheint. Näher aber
diese Ausbreitung betrachtet, so zeigt sie sich nicht dadurch
zustande gekommen, daß ein und dasselbe sich selbst verschieden
gestaltet hätte, sondern sie ist die gestaltlose Wiederholung des
einen und desselben, das nur an das verschiedene Material äußerlich
angewendet ist, und einen langweiligen Schein der Verschiedenheit
erhält. Die für sich wohl wahre Idee bleibt in der Tat nur immer in
ihrem Anfange stehen, wenn die Entwicklung in nichts als in einer
solchen Wiederholung derselben Formel besteht. Die eine unbewegte
Form vom wissenden Subjekte an dem Vorhandenen herumgeführt, das
Material in dies ruhende Element von außenher eingetaucht, dies ist
so wenig, als willkürliche Einfälle über den Inhalt, die Erfüllung
dessen, was gefodert wird, nämlich der aus sich entspringende
Reichtum und sich selbst bestimmende Unterschied der Gestalten. Es
ist vielmehr ein einfarbiger Formalismus, der nur zum Unterschiede
des Stoffes, und zwar dadurch kommt, weil dieser schon bereitet und
bekannt ist.
Dabei behauptet er diese Eintönigkeit und die abstrakte Allgemeinheit
für das Absolute; er versichert, daß die Ungenügsamkeit mit ihr eine
Unfähigkeit sei, sich des absoluten Standpunktes zu bemächtigen und
auf ihm festzuhalten. Wenn sonst die leere Möglichkeit, sich etwas
auf eine andere Weise vorzustellen, hinreichte, um eine Vorstellung
zu widerlegen, und dieselbe bloße Möglichkeit, der allgemeine Gedanke,
auch den ganzen positiven Wert des wirklichen Erkennens hatte, so
sehen wir hier ebenso der allgemeinen Idee in dieser Form der
Unwirklichkeit allen Wert zugeschrieben, und die Auflösung des
Unterschiedenen und Bestimmten, oder vielmehr das weiter nicht
entwickelte noch an ihm selbst sich rechtfertigende Hinunterwerfen
desselben in den Abgrund des Leeren für spekulative Betrachtungsart
gelten. Irgendein Dasein, wie es im _Absoluten_ ist, betrachten,
besteht hier in nichts anderem, als daß davon gesagt wird, es sei
zwar jetzt von ihm gesprochen worden, als von einem Etwas, im
Absoluten, dem A = A, jedoch gebe es dergleichen gar nicht, sondern
darin sei alles eins. Dies _eine_ Wissen, daß im Absoluten alles
gleich ist, der unterscheidenden und erfüllten oder Erfüllung
suchenden und fodernden Erkenntnis entgegenzusetzen--oder sein
_Absolutes_ für die Nacht auszugeben, worin, wie man zu sagen pflegt,
alle Kühe schwarz sind, ist die Naivität der Leere an Erkenntnis.
--Der Formalismus, den die Philosophie neuerer Zeit verklagt und
geschmäht, und der sich in ihr selbst wieder erzeugte, wird, wenn
auch seine Ungenügsamkeit bekannt und gefühlt ist, aus der
Wissenschaft nicht verschwinden, bis das Erkennen der absoluten
Wirklichkeit sich über seine Natur vollkommen klar geworden ist.--In
der Rücksicht, daß die allgemeine Vorstellung, wenn sie dem, was ein
Versuch ihrer Ausführung ist, vorangeht, das Auffassen der letztern
erleichtert, ist es dienlich, das Ungefähre derselben hier anzudeuten,
in der Absicht zugleich, bei dieser Gelegenheit einige Formen zu
entfernen, deren Gewohnheit ein Hindernis für das philosophische
Erkennen ist.
Es kömmt nach meiner Einsicht, welche sich durch die Darstellung des
Systems selbst rechtfertigen muß, alles darauf an, das Wahre nicht
als _Substanz_, sondern ebensosehr als _Subjekt_ aufzufassen und
auszudrücken. Zugleich ist zu bemerken, daß die Substantialität
sosehr das Allgemeine oder die _Unmittelbarkeit des Wissens_ als
diejenige, welche _Sein_ oder Unmittelbarkeit _für das_ Wissen ist,
in sich schließt.--Wenn, Gott als die _eine_ Substanz zu fassen, das
Zeitalter empörte, worin diese Bestimmung ausgesprochen wurde, so lag
teils der Grund hievon in dem Instinkte, daß darin das
Selbstbewußtsein nur untergegangen, nicht erhalten ist, teils aber
ist das Gegenteil, welches das Denken als Denken festhält, die
_Allgemeinheit_, dieselbe Einfachheit oder ununterschiedne, unbewegte
Substantialität, und wenn drittens das Denken das Sein der Substanz
als solche mit sich vereint und die Unmittelbarkeit oder das
Anschauen als Denken erfaßt, so kömmt es noch darauf an, ob dieses
intellektuelle Anschauen nicht wieder in die träge Einfachheit
zurückfällt, und die Wirklichkeit selbst auf eine unwirkliche Weise
darstellt.
Die lebendige Substanz ist ferner das Sein, welches in Wahrheit
_Subjekt_, oder, was dasselbe heißt, welches in Wahrheit wirklich ist,
nur insofern sie die Bewegung des Sich-selbst-setzens, oder die
Vermittlung des Sich-anders-werdens mit sich selbst ist. Sie ist als
Subjekt die reine _einfache Negativität_, eben dadurch die Entzweiung
des Einfachen, oder die entgegensetzende Verdopplung, welche wieder
die Negation dieser gleichgültigen Verschiedenheit und ihres
Gegensatzes ist; nur diese sich _wiederherstellende_ Gleichheit oder
die Reflexion im Anderssein in sich selbst--nicht eine
_ursprüngliche_ Einheit als solche, oder _unmittelbare_ als solche,
ist das Wahre. Es ist das Werden seiner selbst, der Kreis, der sein
Ende als seinen Zweck voraussetzt und zum Anfange hat, und nur durch
die Ausführung und sein Ende wirklich ist.
Das Leben Gottes und das göttliche Erkennen mag also wohl als ein
Spielen der Liebe mit sich selbst ausgesprochen werden; diese Idee
sinkt zur Erbaulichkeit und selbst zur Fadheit herab, wenn der Ernst,
der Schmerz, die Geduld und Arbeit des Negativen darin fehlt. _An
sich_ ist jenes Leben wohl die ungetrübte Gleichheit und Einheit mit
sich selbst, der es kein Ernst mit dem Anderssein und der Entfremdung,
so wie mit dem Überwinden dieser Entfremdung ist. Aber dies
_An-sich_ ist die abstrakte Allgemeinheit, in welcher von seiner
Natur, _für sich zu sein_, und damit überhaupt von der Selbstbewegung
der Form abgesehen wird. Wenn die Form als dem Wesen gleich
ausgesagt wird, so ist es eben darum ein Mißverstand, zu meinen, daß
das Erkennen sich mit dem An-sich oder dem Wesen begnügen, die Form
aber ersparen könne;--daß der absolute Grundsatz oder die absolute
Anschauung, die Ausführung des erstern oder die Entwicklung der
andern entbehrlich mache. Gerade weil die Form dem Wesen so
wesentlich ist, als es sich selbst, ist es nicht bloß als Wesen, d.h.
als unmittelbare Substanz, oder als reine Selbstanschauung des
Göttlichen zu fassen und auszudrücken, sondern ebensosehr als _Form_
und im ganzen Reichtum der entwickelten Form; dadurch wird es erst
als Wirkliches gefaßt und ausgedrückt.
Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur das durch seine
Entwicklung sich vollendende Wesen. Es ist von dem Absoluten zu
sagen, daß es wesentlich _Resultat_, daß es erst am _Ende_ das ist,
was es in Wahrheit ist; und hierin eben besteht seine Natur,
Wirkliches, Subjekt, oder Sich-selbst-werden, zu sein. So
widersprechend es scheinen mag, daß das Absolute wesentlich als
Resultat zu begreifen sei, so stellt doch eine geringe Überlegung
diesen Schein von Widerspruch zurecht. Der Anfang, das Prinzip, oder
das Absolute, wie es zuerst und unmittelbar ausgesprochen wird, ist
nur das Allgemeine. Sowenig, wenn ich sage: _alle_ Tiere, dies Wort
für eine Zoologie gelten kann, ebenso fällt es auf, daß die Worte des
Göttlichen, Absoluten, Ewigen u.s.w. das nicht aussprechen, was darin
enthalten ist;--und nur solche Worte drücken in der Tat die
Anschauung als das Unmittelbare aus. Was mehr ist, als ein solches
Wort, der Übergang auch nur zu einem Satze, ist _ein Anderswerden_,
das zurückgenommen werden muß, ist eine Vermittlung. Diese aber ist
das, was perhorresziert wird, als ob dadurch, daß mehr aus ihr
gemacht wird denn nur dies, daß sie nichts Absolutes und im Absoluten
gar nicht sei, die absolute Erkenntnis aufgegeben wäre.
Dies Perhorreszieren stammt aber in der Tat aus der Unbekanntschaft
mit der Natur der Vermittlung und des absoluten Erkennens selbst.
Denn die Vermittlung ist nichts anders als die sich bewegende
Sichselbstgleichheit, oder sie ist die Reflexion in sich selbst, das
Moment des fürsichseienden ich, die reine Negativität oder das
_einfache Werden_. Das Ich, oder das Werden überhaupt, dieses
Vermitteln ist um seiner Einfachheit willen eben die werdende
Unmittelbarkeit und das Unmittelbare selbst.--Es ist daher ein
Verkennen der Vernunft, wenn die Reflexion aus dem Wahren
ausgeschlossen und nicht als positives Moment des Absoluten erfaßt
wird. Sie ist es, die das Wahre zum Resultate macht, aber diesen
Gegensatz gegen sein Werden ebenso aufhebt, denn dies Werden ist
ebenso einfach und daher von der Form des Wahren, im Resultate sich
als _einfach_ zu zeigen, nicht verschieden; es ist vielmehr eben dies
Zurückgegangensein in die Einfachheit.--Wenn der Embryo wohl _an
sich_ Mensch ist, so ist er es aber nicht _für sich_; für sich ist er
es nur als gebildete Vernunft, die sich zu dem _gemacht_ hat, was sie
_an sich_ ist. Dies erst ist ihre Wirklichkeit. Aber dies Resultat
ist selbst einfache Unmittelbarkeit, denn es ist die selbstbewußte
Freiheit, die in sich selbst ruht, und den Gegensatz nicht auf die
Seite gebracht hat und ihn da liegen läßt, sondern mit ihm versöhnt
ist.
Das Gesagte kann auch so ausgedrückt werden, daß die Vernunft das
_zweckmäßige Tun_ ist. Die Erhebung der vermeinten Natur über das
mißkannte Denken, und zunächst die Verbannung der äußern
Zweckmäßigkeit hat die Form des _Zwecks_ überhaupt in Mißkredit
gebracht. Allein, wie auch Aristoteles die Natur als das zweckmäßige
Tun bestimmt, der Zweck ist das Unmittelbare, das Ruhende, welches
selbst bewegend oder Subjekt ist. Seine abstrakte Kraft zu bewegen
ist das _Für-sich-sein_ oder die reine Negativität. Das Resultat ist
nur darum dasselbe, was der Anfang, weil der Anfang Zweck ist;--oder
das Wirkliche ist nur darum dasselbe, was sein Begriff, weil das
Unmittelbare als Zweck das Selbst oder die reine Wirklichkeit in ihm
selbst hat. Der ausgeführte Zweck oder das daseiende Wirkliche ist
die Bewegung und das entfaltete Werden; eben diese Unruhe aber ist
das Selbst; und jener Unmittelbarkeit und Einfachheit des Anfangs ist
es darum gleich, weil es das Resultat, das in sich Zurückgekehrte,
--das in sich Zurückgekehrte aber eben das Selbst, und das Selbst die
sich auf sich beziehende Gleichheit und Einfachheit ist.
Das Bedürfnis, das Absolute als _Subjekt_ vorzustellen, bediente sich
der Sätze: _Gott_ ist das Ewige, oder die moralische Weltordnung oder
die Liebe u.s.f. In solchen Sätzen ist das Wahre nur geradezu als
Subjekt gesetzt, nicht aber als die Bewegung des sich
In-sich-selbst-reflektierens dargestellt. Es wird in einem Satze der
Art mit dem Worte: _Gott_ angefangen. Dies für sich ist ein
sinnloser Laut, ein bloßer Name; erst das Prädikat sagt, _was er ist_,
ist seine Erfüllung und Bedeutung; der leere Anfang wird nur in
diesem Ende ein wirkliches Wissen. Insofern ist nicht abzusehen,
warum nicht vom Ewigen, der moralischen Weltordnung u.s.f., oder, wie
die Alten taten, von reinen Begriffen, dem Sein, dem Einen u.s.f.,
von dem, was die Bedeutung ist, allein gesprochen wird, ohne den
sinnlosen Laut noch hinzuzufügen. Aber durch dies Wort wird eben
bezeichnet, daß nicht ein Sein oder Wesen oder Allgemeines überhaupt,
sondern ein in sich Reflektiertes, ein Subjekt gesetzt ist. Allein
zugleich ist dies nur antizipiert. Das Subjekt ist als fester Punkt
angenommen, an den als ihren Halt die Prädikate geheftet sind, durch
eine Bewegung, die dem von ihm Wissenden angehört, und die auch nicht
dafür angesehen wird, dem Punkte selbst anzugehören; durch sie aber
wäre allein der Inhalt als Subjekt dargestellt. In der Art, wie
diese Bewegung beschaffen ist, kann sie ihm nicht angehören; aber
nach Voraussetzung jenes Punkts kann sie auch nicht anders beschaffen,
kann sie nur äußerlich sein. Jene Antizipation, daß das Absolute
Subjekt ist, ist daher nicht nur nicht die Wirklichkeit dieses
Begriffs, sondern macht sie sogar unmöglich, denn jene setzt ihn als
ruhenden Punkt, diese aber ist die Selbstbewegung.
Unter mancherlei Folgerungen, die aus dem Gesagten fließen, kann
diese herausgehoben werden, daß das Wissen nur als Wissenschaft oder
als _System_ wirklich ist und dargestellt werden kann. Daß ferner
ein sogenannter Grundsatz oder Prinzip der Philosophie, wenn es wahr
ist, schon darum auch falsch ist, weil er Grundsatz oder Prinzip ist.
--Es ist deswegen leicht, ihn zu widerlegen. Die Widerlegung besteht
darin, daß sein Mangel aufgezeigt wird; mangelhaft aber ist er, weil
er nur das Allgemeine oder Prinzip, der Anfang, ist. Ist die
Widerlegung gründlich, so ist sie aus ihm selbst genommen und
entwickelt,--nicht durch entgegengesetzte Versicherungen und Einfälle
von außen her bewerkstelligt. Sie würde also eigentlich seine
Entwicklung und somit die Ergänzung seiner Mangelhaftigkeit sein,
wenn sie sich nicht darin verkännte, daß sie ihre _negative_ Seite
allein beachtet, und ihres Fortgangs und Resultates nicht auch nach
seiner _positiven_ Seite bewußt wird.--Die eigentliche _positive_
Ausführung des Anfangs ist zugleich umgekehrt ebensosehr ein
negatives Verhalten gegen ihn, nämlich gegen seine einseitige Form,
erst _unmittelbar_ oder _Zweck_ zu sein. Sie kann somit ebensosehr
als die Widerlegung desjenigen genommen werden, was den _Grund_ des
Systems ausmacht, besser aber als ein Aufzeigen, daß der _Grund_ oder
das Prinzip des Systems in der Tat nur sein _Anfang_ ist.
Daß das Wahre nur als System wirklich, oder daß die Substanz
wesentlich Subjekt ist, ist in der Vorstellung ausgedrückt, welche
das Absolute als _Geist_ ausspricht,--der erhabenste Begriff, und der
der neuern Zeit und ihrer Religion angehört. Das Geistige allein ist
das _Wirkliche_; es ist das Wesen oder _An-sich-seiende_,--das sich
_Verhaltende_ oder Bestimmte, das _Anderssein_ und
_Für-sich-sein_--und in dieser Bestimmtheit oder seinem
Außer-sich-sein in sich selbst Bleibende;--oder es ist _an und für
sich_.--Dies An-und-für-sich-sein aber ist es erst für uns oder _an
sich_, oder es ist die geistige _Substanz_. Es muß dies auch _für
sich selbst_--muß das Wissen von dem Geistigen und das Wissen von
sich als dem Geiste sein; das heißt, es muß sich als _Gegenstand_
sein, aber ebenso unmittelbar als _vermittelter_, das heißt
aufgehobener, in sich reflektierter Gegenstand. Er ist _für sich_
nur für uns, insofern sein geistiger Inhalt durch ihn selbst erzeugt
ist; insofern er aber auch für sich selbst für sich ist, so ist
dieses Selbsterzeugen, der reine Begriff, ihm zugleich das
gegenständliche Element, worin er sein Dasein hat; und er ist auf
diese Weise in seinem Dasein für sich selbst in sich reflektierter
Gegenstand.--Der Geist, der sich so als Geist weiß, ist die
_Wissenschaft_. Sie ist seine Wirklichkeit und das Reich, das er
sich in seinem eigenen Elemente erbaut.
Das reine Selbsterkennen im absoluten Anderssein, dieser Äther _als
solcher_, ist der Grund und Boden der Wissenschaft oder das _Wissen
im Allgemeinen_. Der Anfang der Philosophie macht die Voraussetzung
oder Foderung, daß das Bewußtsein sich in diesem Elemente befinde.
Aber dieses Element hat seine Vollendung und Durchsichtigkeit selbst
nur durch die Bewegung seines Werdens. Es ist die reine Geistigkeit,
oder das Allgemeine, das die Weise der einfachen Unmittelbarkeit hat.
Weil es die Unmittelbarkeit des Geistes, weil die Substanz überhaupt
der Geists ist, ist sie die _verklärte Wesenheit_, die Reflexion, die
selbst einfach oder die Unmittelbarkeit ist, das Sein, das die
Reflexion in sich selbst ist. Die Wissenschaft von ihrer Seite
verlangt vom Selbstbewußtsein, daß es in diesen Äther sich erhoben
habe, um mit ihr und in ihr leben zu können und zu leben. Umgekehrt
hat das Individuum das Recht zu fodern, daß die Wissenschaft ihm die
Leiter wenigstens zu diesem Standpunkte reiche. Sein Recht gründet
sich auf seine absolute Selbstständigkeit, die es in jeder Gestalt
seines Wissens zu besitzen weiß, denn in jeder, sei sie von der
Wissenschaft anerkannt oder nicht, und der Inhalt sei welcher er
wolle, ist es die absolute Form zugleich oder hat die _unmittelbare
Gewißheit_ seiner selbst; und, wenn dieser Ausdruck vorgezogen würde,
damit unbedingtes _Sein_. Wenn der Standpunkt des Bewußtseins, von
gegenständlichen Dingen im Gegensatze gegen sich selbst und von sich
selbst im Gegensatze gegen sie zu wissen, der Wissenschaft als das
_Andre_ gilt--das, worin es bei sich selbst ist, vielmehr als der
Verlust des Geistes--, so ist ihm dagegen das Element der
Wissenschaft eine jenseitige Ferne, worin es nicht mehr sich selbst
besitzt. Jeder von diesen beiden Teilen scheint für den andern das
Verkehrte der Wahrheit zu sein. Daß das natürliche Bewußtsein sich
der Wissenschaft unmittelbar anvertraut, ist ein Versuch, den es, es
weiß nicht von was angezogen, macht, auch einmal auf dem Kopfe zu
gehen; der Zwang, diese ungewohnte Stellung anzunehmen und sich in
ihr zu bewegen, ist eine so unvorbereitete als unnötig scheinende
Gewalt, die ihm angemutet wird, sich anzutun.--Die Wissenschaft sei
an ihr selbst, was sie will, im Verhältnisse zum unmittelbaren
Selbstbewußtsein stellt sie sich als ein Verkehrtes gegen es dar,
oder weil das unmittelbare Selbstbewußtsein das Prinzip der
Wirklichkeit ist, trägt sie, indem es für sich außer ihr ist, die
Form der Unwirklichkeit. Sie hat darum jenes Element mit ihr zu
vereinigen, oder vielmehr zu zeigen, daß und wie es ihr selbst
angehört. Der Wirklichkeit entbehrend, ist sie nur das _An-sich_,
der _Zweck_, der erst noch ein _Innres_, nicht als Geist, nur erst
geistige Substanz ist. Sie hat sich zu äußern und für sich selbst zu
werden, dies heißt nichts anders als: sie hat das Selbstbewußtsein
als eins mit sich zu setzen.
Dies Werden der _Wissenschaft überhaupt_, oder des _Wissens_, ist es,
was diese _Phänomenologie_ des Geistes, als der erste Teil des
Systems derselben, darstellt. Das Wissen, wie es zuerst ist, oder
der _unmittelbare Geist_ ist das Geistlose, oder ist das _sinnliche
Bewußtsein_. Um zum eigentlichen Wissen zu werden, oder das Element
der Wissenschaft, was ihr reiner Begriff ist, zu erzeugen, hat er
durch einen langen Weg sich hindurchzuarbeiten.--Dieses Werden, wie
es in seinem Inhalte und den Gestalten, die sich in ihm zeigen,
aufgestellt ist, erscheint als etwas anderes denn als die Anleitung
des unwissenschaftlichen Bewußtseins zur Wissenschaft; auch etwas
anderes als die Begründung der Wissenschaft;--so ohnehin, als die
Begeisterung, die wie aus der Pistole mit dem absoluten Wissen
unmittelbar anfängt, und mit andern Standpunkten dadurch schon fertig
ist, daß sie keine Notiz davon zu nehmen erklärt.
Die Aufgabe aber, das Individuum von seinem ungebildeten Standpunkte
aus zum Wissen zu führen, war in ihrem allgemeinen Sinn zu fassen,
und das allgemeine Individuum, der Weltgeist, in seiner Bildung zu
betrachten.--Was das Verhältnis beider betrifft, so zeigt sich in dem
allgemeinen Individuum jedes Moment, wie es die konkrete Form und
eigne Gestaltung gewinnt. Das besondre Individuum aber ist der
unvollständige Geist, eine konkrete Gestalt, deren ganzes Dasein
_einer_ Bestimmtheit zufällt, und worin die andern nur in vermischten
Zügen vorhanden sind. In dem Geiste, der höher steht als ein anderer,
ist das niedrigere konkrete Dasein zu einem unscheinbaren Momente
herabgesunken; was vorher die Sache selbst war, ist nur noch eine
Spur; ihre Gestalt ist eingehüllt und eine einfache Schattierung
geworden. Diese Vergangenheit durchläuft das Individuum, dessen
Substanz der höherstehende Geist ist, auf die Art, wie der eine
höhere Wissenschaft vornimmt, die Vorbereitungskenntnisse, die er
längst innehat, um sich ihren Inhalt gegenwärtig zu machen, durchgeht;
er ruft die Erinnerung desselben zurück, ohne darin sein Interesse
und Verweilen zu haben. So durchlauft jeder einzelne auch die
Bildungsstufen des allgemeinen Geistes, aber als vom Geiste schon
abgelegte Gestalten, als Stufen eines Wegs, der ausgearbeitet und
geebnet ist; wie wir in Ansehung der Kenntnisse das, was in frühern
Zeitaltern den reifen Geist der Männer beschäftigte, zu Kenntnissen,
Übungen und selbst Spielen des Knabensalters herabgesunken sehen, und
in dem pädagogischen Fortschreiten die wie im Schattenrisse
nachgezeichnete Geschichte der Bildung der Welt erkennen werden.
Dies vergangne Dasein ist schon erworbnes Eigentum des allgemeinen
Geistes, der die Substanz des Individuums oder seine unorganische
Natur ausmacht.--Die Bildung des Individuums in dieser Rücksicht
besteht, von seiner Seite aus betrachtet, darin, daß es dies
Vorhandne erwerbe, seine unorganische Natur in sich zehre und für
sich in Besitz nehme. Dies ist aber ebensosehr nichts anders, als
daß der allgemeine Geist oder die Substanz sich ihr Selbstbewußtsein
gibt, oder ihr Werden und Reflexion in sich.
Die Wissenschaft stellt diese bildende Bewegung sowohl in ihrer
Ausführlichkeit und Notwendigkeit, als das, was schon zum Momente und
Eigentum des Geists herabgesunken ist, in seiner Gestaltung dar. Das
Ziel ist die Einsicht des Geistes in das, was das Wissen ist. Die
Ungeduld verlangt das Unmögliche, nämlich die Erreichung des Ziels
ohne die Mittel. Einesteils ist die _Länge_ dieses Wegs zu ertragen,
denn jedes Moment ist notwendig,--andernteils bei jedem sich zu
_verweilen_, denn jedes ist selbst eine individuelle ganze Gestalt,
und wird nur absolut betrachtet, insofern seine Bestimmtheit als
Ganzes oder Konkretes, oder das Ganze in der Eigentümlichkeit dieser
Bestimmung betrachtet wird.--Weil die Substanz des Individuums, weil
der Weltgeist die Geduld gehabt, diese Formen in der langen
Ausdehnung der Zeit zu durchgehen und die ungeheure Arbeit der
Weltgeschichte zu übernehmen, und weil er durch keine geringere das
Bewußtsein über sich erreichen konnte, so kann zwar das Individuum
nicht mit weniger seine Substanz begreifen. Inzwischen hat es
zugleich geringere Mühe, weil _an sich_ dies vollbracht,--der Inhalt
schon die zur Möglichkeit getilgte Wirklichkeit und die bezwungne
Unmittelbarkeit ist. Schon ein _Gedachtes_, ist er Eigentum der
Individualität; es ist nicht mehr das _Dasein_ in das _An-sich-sein_,
sondern nur _das An-sich_ in die Form des _Für-sich_-seins umzukehren,
dessen Art näher zu bestimmen ist.
Was dem Individuum an dieser Bewegung erspart ist, ist das Aufheben
des _Daseins_; was aber noch übrig ist, ist die _Vorstellung_ und die
_Bekanntschaft_ mit den Formen. Das in die Substanz zurückgenommne
Dasein ist durch jene erste Negation nur erst _unmittelbar_ in das
Element des Selbsts versetzt; es hat also noch denselben Charakter
der unbegriffnen Unmittelbarkeit oder unbewegten Gleichgültigkeit als
das Dasein selbst, oder es ist nur in die _Vorstellung_ übergegangen.
--Zugleich ist es dadurch ein _Bekanntes_, ein solches, mit dem der
Geist fertig geworden, worin daher seine Tätigkeit und somit sein
Interesse nicht mehr ist. Wenn die Tätigkeit, die mit dem Dasein
fertig wird, die unmittelbare oder daseiende Vermittlung, und hiemit
die Bewegung nur des besondern sich nicht begreifenden Geistes ist,
so ist dagegen das Wissen gegen die hiedurch zustande gekommne
Vorstellung, gegen dies Bekanntsein gerichtet, ist das Tun des
allgemeinen Selbsts und das Interesse des Denkens.
Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es _bekannt_ ist, nicht
erkannt. Es ist die gewöhnlichste Selbsttäuschung wie Täuschung
anderer, beim Erkennen etwas als bekannt vorauszusetzen, und es sich
ebenso gefallen zu lassen; mit allem Hin- und Herreden kommt solches
Wissen, ohne zu wissen, wie ihm geschieht, nicht von der Stelle. Das
Subjekt und Objekt u.s.f., Gott, Natur, der Verstand, die
Sinnlichkeit u.s.f. werden unbesehen als bekannt und als etwas
Gültiges zugrunde gelegt und machen feste Punkte sowohl des Ausgangs
als der Rückkehr aus. Die Bewegung geht zwischen ihnen, die unbewegt
bleiben, hin und her, und somit nur auf ihrer Oberfläche vor. So
besteht auch das Auffassen und Prüfen darin, zu sehen, ob jeder das
von ihnen Gesagte auch in seiner Vorstellung findet, ob es ihm so
scheint und bekannt ist oder nicht.
Das _Analysieren_ einer Vorstellung, wie es sonst getrieben worden,
war schon nichts anderes als das Aufheben der Form ihres Bekanntseins.
Eine Vorstellung in ihre ursprünglichen Elemente auseinanderlegen,
ist das Zurückgehen zu ihren Momenten, die wenigstens nicht die Form
der vorgefundenen Vorstellung haben, sondern das unmittelbare
Eigentum des Selbsts ausmachen. Diese Analyse kömmt zwar nur zu
_Gedanken_, welche selbst bekannte, feste und ruhende Bestimmungen
sind. Aber ein wesentliches Moment ist dies _Geschiedne_,
Unwirkliche selbst; denn nur darum, daß das Konkrete sich scheidet
und zum Unwirklichen macht, ist es das sich Bewegende. Die Tätigkeit
des Scheidens ist die Kraft und Arbeit des _Verstandes_, der
verwundersamsten und größten, oder vielmehr der absoluten Macht. Der
Kreis, der in sich geschlossen ruht, und als Substanz seine Momente
hält, ist das unmittelbare und darum nicht verwundersame Verhältnis.
Aber daß das von seinem Umfange getrennte Akzidentelle als solches,
das gebundne und nur in seinem Zusammenhange mit anderm Wirkliche ein
eigenes Dasein und abgesonderte Freiheit gewinnt, ist die ungeheure
Macht des Negativen; es ist die Energie des Denkens, des reinen Ichs.
Der Tod, wenn wir jene Unwirklichkeit so nennen wollen, ist das
Furchtbarste, und das Tote festzuhalten das, was die größte Kraft
erfodert. Die kraftlose Schönheit haßt den Verstand, weil er ihr
dies zumutet, was sie nicht vermag. Aber nicht das Leben, das sich
vor dem Tode scheut und von der Verwüstung rein bewahrt, sondern das
ihn erträgt und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes. Er
gewinnt seine Wahrheit nur, indem er in der absoluten Zerrissenheit
sich selbst findet. Diese Macht ist er nicht als das Positive,
welches von dem Negativen wegsieht, wie wenn wir von etwas sagen,
dies ist nichts oder falsch, und nun, damit fertig, davon weg zu
irgend etwas anderem übergehen; sondern er ist diese Macht nur, indem
er dem Negativen ins Angesicht schaut, bei ihm verweilt. Dieses
Verweilen ist die Zauberkraft, die es in das Sein umkehrt.--Sie ist
dasselbe, was oben das Subjekt genannt worden, welches darin, daß es
der Bestimmtheit in seinem Elemente Dasein gibt, die abstrakte, d.h.
nur überhaupt _seiende_ Unmittelbarkeit aufhebt, und dadurch die
wahrhafte Substanz ist, das Sein oder die Unmittelbarkeit, welche
nicht die Vermittlung außer ihr hat, sondern diese selbst ist.
Daß das Vorgestellte Eigentum des reinen Selbstbewußtseins wird,
diese Erhebung zur Allgemeinheit überhaupt ist nur die _eine_ Seite,
noch nicht die vollendete Bildung.--Die Art des Studiums der alten
Zeit hat diese Verschiedenheit von dem der neuern, daß jenes die
eigentliche Durchbildung des natürlichen Bewußtseins war. An jedem
Teile seines Daseins sich besonders versuchend und über alles
Vorkommende philosophierend, erzeugte es sich zu einer durch und
durch betätigten Allgemeinheit. In der neuern Zeit hingegen findet
das Individuum die abstrakte Form vorbereitet; die Anstrengung, sie
zu ergreifen und sich zu eigen zu machen, ist mehr das unvermittelte
Hervortreiben des Innern und abgeschnittne Erzeugen des Allgemeinen
als ein Hervorgehen desselben aus dem Konkreten und der
Mannigfaltigkeit des Daseins. Itzt besteht darum die Arbeit nicht so
sehr darin, das Individuum aus der unmittelbaren sinnlichen Weise zu
reinigen und es zur gedachten und denkenden Substanz zu machen, als
vielmehr in dem Entgegengesetzten, durch das Aufheben der festen
bestimmten Gedanken das Allgemeine zu verwirklichen und zu begeistert.
Es ist aber weit schwerer, die festen Gedanken in Flüssigkeit zu
bringen, als das sinnliche Dasein. Der Grund ist das vorhin
Angegebene; jene Bestimmungen haben das Ich, die Macht des Negativen
oder die reine Wirklichkeit zur Substanz und zum Element ihres
Daseins; die sinnlichen Bestimmungen dagegen nur die unmächtige
abstrakte Unmittelbarkeit oder das Sein als solches. Die Gedanken
werden flüssig, indem das reine Denken, diese innere
_Unmittelbarkeit_, sich als Moment erkennt oder indem die reine
Gewißheit seiner selbst von sich abstrahiert;--nicht sich wegläßt,
auf die Seite setzt, sondern das _Fixe_ ihres Sich-selbst-setzens
aufgibt, sowohl das Fixe des reinen Konkreten, welches Ich selbst im
Gegensatze gegen unterschiedenen Inhalt ist,--als das Fixe von
Unterschiedenen, die im Elemente des reinen Denkens gesetzt an jener
Unbedingtheit des Ich Anteil haben. Durch diese Bewegung werden die
reinen Gedanken _Begriffe_, und sind erst, was sie in Wahrheit sind,
Selbstbewegungen, Kreise, das, was ihre Substanz ist, geistige
Wesenheiten.
Diese Bewegung der reinen Wesenheiten macht die Natur der
Wissenschaftlichkeit überhaupt aus. Als der Zusammenhang ihres
Inhalts betrachtet, ist sie die Notwendigkeit und Ausbreitung
desselben zum organischen Ganzen. Der Weg, wodurch der Begriff des
Wissens erreicht wird, wird durch sie gleichfalls ein notwendiges und
vollständiges Werden, so daß diese Vorbereitung aufhört, ein
zufälliges Philosophieren zu sein, das sich an diese und jene
Gegenstände, Verhältnisse und Gedanken des unvollkommenen Bewußtseins,
wie die Zufälligkeit es mit sich bringt, anknüpft, oder durch ein
hin- und hergehendes Räsonnement, Schließen und Folgern aus
bestimmten Gedanken das Wahre zu begründen sucht; sondern dieser Weg
wird durch die Bewegung des Begriffs die vollständige Weltlichkeit
des Bewußtseins in ihrer Notwendigkeit umfassen.
Eine solche Darstellung macht ferner den _ersten_ Teil der
Wissenschaft darum aus, weil das Dasein des Geistes als Erstes nichts
anderes als das Unmittelbare oder der Anfang, der Anfang aber noch
nicht seine Rückkehr in sich ist. Das _Element des unmittelbaren
Daseins_ ist daher die Bestimmtheit, wodurch sich dieser Teil der
Wissenschaft von den andern unterscheidet.--Die Angabe dieses
Unterschiedes führt zur Erörterung einiger festen Gedanken, die
hiebei vorzukommen pflegen.
Das unmittelbare Dasein des Geistes, das _Bewußtsein_, hat die zwei
Momente des Wissens und der dem Wissen negativen Gegenständlichkeit.
Indem in diesem Elemente sich der Geist entwickelt und seine Momente
auslegt, so kommt ihnen dieser Gegensatz zu, und sie treten alle als
Gestalten des Bewußtseins auf. Die Wissenschaft dieses Wegs ist
Wissenschaft der _Erfahrung_, die das Bewußtsein macht; die Substanz
wird betrachtet, wie sie und ihre Bewegung sein Gegenstand ist. Das
Bewußtsein weiß und begreift nichts, als was in seiner Erfahrung ist;
denn was in dieser ist, ist nur die geistige Substanz, und zwar als
_Gegenstand_ ihres Selbsts. Der Geist wird aber Gegenstand, denn er
ist diese Bewegung, _sich_ ein _anderes_, d.h. _Gegenstand seines
Selbsts_ zu werden, und dieses Anderssein aufzuheben. Und die
Erfahrung wird eben diese Bewegung genannt, worin das Unmittelbare,
das Unerfahrne, d. h. das Abstrakte, es sei des sinnlichen Seins oder
des nur gedachten Einfachen, sich entfremdet, und dann aus dieser
Entfremdung zu sich zurückgeht, und hiemit itzt erst in seiner
Wirklichkeit und Wahrheit dargestellt wie auch Eigentum des
Bewußtseins ist.
Die Ungleichheit, die im Bewußtsein zwischen dem Ich und der Substanz,
die sein Gegenstand ist, stattfindet, ist ihr Unterschied, das
_Negative_ überhaupt. Es kann als der _Mangel_ beider angesehen
werden, ist aber ihre Seele oder das Bewegende derselben; weswegen
einige Alte das _Leere_ als das Bewegende begriffen, indem sie das
Bewegende zwar als das _Negative_, aber dieses noch nicht als das
Selbst erfaßten.--Wenn nun dies Negative zunächst als Ungleichheit
des Ichs zum Gegenstande erscheint, so ist es ebensosehr die
Ungleichheit der Substanz zu sich selbst. Was außer ihr vorzugehen,
eine Tätigkeit gegen sie zu sein scheint, ist ihr eigenes Tun, und
sie zeigt sich wesentlich Subjekt zu sein. Indem sie dies vollkommen
gezeigt, hat der Geist sein Dasein seinem Wesen gleich gemacht; er
ist sich Gegenstand, wie er ist, und das abstrakte Element der
Unmittelbarkeit und der Trennung des Wissens und der Wahrheit ist
überwunden. Das Sein ist absolut vermittelt;--es ist substantieller
Inhalt, der ebenso unmittelbar Eigentum des Ich, selbstisch oder der
Begriff ist. Hiemit beschließt sich die Phänomenologie des Geistes.
Was er in ihr sich bereitet, ist das Element des Wissens. In diesem
breiten sich nun die Momente des Geistes in der _Form der
Einfachheit_ aus, die ihren Gegenstand als sich selbst weiß. Sie
fallen nicht mehr in den Gegensatz des Seins und Wissens auseinander,
sondern bleiben in der Einfachheit des Wissens, sind das Wahre in der
Form des Wahren, und ihre Verschiedenheit ist nur Verschiedenheit des
Inhalts. Ihre Bewegung, die sich in diesem Elemente zum Ganzen
organisiert, ist die _Logik_ oder _spekulative Philosophie_.
Weil nun jenes System der Erfahrung des Geistes nur die _Erscheinung_
desselben befaßt, so scheint der Fortgang von ihm zur Wissenschaft
des _Wahren_, das in der _Gestalt_ des _Wahren_ ist, bloß negativ zu
sein, und man könnte mit dem Negativen als dem _Falschen_ verschont
bleiben wollen und verlangen, ohne weiteres zur Wahrheit geführt zu
werden; wozu sich mit dem Falschen abgeben?--Wovon schon oben die
Rede war, daß sogleich mit der Wissenschaft sollte angefangen werden,
darauf ist hier nach der Seite zu antworten, welche Beschaffenheit es
mit dem Negativen als _Falschem_ überhaupt hat. Die Vorstellungen
hierüber hindern vornehmlich den Eingang zur Wahrheit. Dies wird
Veranlassung geben, vom mathematischen Erkennen zu sprechen, welches
das unphilosophische Wissen als das Ideal ansieht, das zu erreichen
die Philosophie streben müßte, bisher aber vergeblich gestrebt habe.
Das _Wahre_ und _Falsche_ gehört zu den bestimmten Gedanken, die
bewegungslos für eigne Wesen gelten, deren eines drüben, das andre
hüben ohne Gemeinschaft mit dem andern isoliert und fest steht.
Dagegen muß behauptet werden, daß die Wahrheit nicht eine ausgeprägte
Münze ist, die fertig gegeben und so eingestrichen werden kann. Noch
_gibt_ es ein Falsches, sowenig es ein Böses gibt. So schlimm zwar
als der Teufel ist das Böse und Falsche nicht, denn als dieser sind
sie sogar zum besondern _Subjekte_ gemacht; als Falsches und Böses
sind sie nur _Allgemeine_, haben aber doch eigne Wesenheit
gegeneinander.--Das Falsche, denn nur von ihm ist hier die Rede, wäre
das Andre, das Negative der Substanz, die als Inhalt des Wissens das
Wahre ist. Aber die Substanz ist selbst wesentlich das Negative,
teils als Unterscheidung und Bestimmung des Inhalts, teils als ein
_einfaches_ Unterscheiden, d.h. als Selbst und Wissen überhaupt. Man
kann wohl falsch wissen. Es wird etwas falsch gewußt, heißt, das
Wissen ist in Ungleichheit mit seiner Substanz. Allein eben diese
Ungleichheit ist das Unterscheiden überhaupt, das wesentliches Moment
ist. Es wird aus dieser Unterscheidung wohl ihre Gleichheit, und
diese gewordene Gleichheit ist die Wahrheit. Aber sie ist nicht so
Wahrheit, als ob die Ungleichheit weggeworfen worden wäre, wie die
Schlacke vom reinen Metall, auch nicht einmal so, wie das Werkzeug
von dem fertigen Gefäße wegbleibt, sondern die Ungleichheit ist als
das Negative, als das Selbst im Wahren als solchem selbst noch
unmittelbar vorhanden. Es kann jedoch darum nicht gesagt werden, daß
das _Falsche_ ein Moment oder gar einen Bestandteil des Wahren
ausmache. Daß an jedem Falschen etwas Wahres sei--in diesem
Ausdrucke gelten beide, wie Öl und Wasser, die unmischbar nur
äußerlich verbunden sind. Gerade um der Bedeutung willen, das Moment
des _vollkommenen Andersseins_ zu bezeichnen, müssen ihre Ausdrücke
da, wo ihr Anderssein aufgehoben ist, nicht mehr gebraucht werden.
So wie der Ausdruck der _Einheit_ des Subjekts und Objekts, des
Endlichen und Unendlichen, des Seins und Denkens u.s.f. das
Ungeschickte hat, daß Objekt und Subjekt u.s.f. das bedeuten, was
_sie außer ihrer Einheit_ sind, in der Einheit also nicht als das
gemeint sind, was ihr Ausdruck sagt, ebenso ist das Falsche nicht
mehr als Falsches ein Moment der Wahrheit.
Der _Dogmatismus_ der Denkungsart im Wissen und im Studium der
Philosophie ist nichts anderes als die Meinung, daß das Wahre in
einem Satze, der ein festes Resultat oder auch der unmittelbar gewußt
wird, bestehe. Auf solche Fragen: wann Cäsar geboren worden, wie
viele Toisen ein Stadium und welches betrug u.s.f., soll eine _nette_
Antwort gegeben werden, ebenso wie es bestimmt wahr ist, daß das
Quadrat der Hypotenuse gleich der Summe der Quadrate der beiden
übrigen Seiten des rechtwinklichten Dreiecks ist. Aber die Natur
einer solchen sogenannten Wahrheit ist verschieden von der Natur
philosophischer Wahrheiten.
In Ansehung der _historischen_ Wahrheiten, um ihrer kurz zu erwähnen,
insofern nämlich das rein Historische derselben betrachtet wird, wird
leicht zugegeben, daß sie das einzelne Dasein, einen Inhalt nach der
Seite seiner Zufälligkeit und Willkür, Bestimmungen desselben, die
nicht notwendig sind, betreffen.--Selbst aber solche nackte
Wahrheiten wie die als Beispiel angeführte sind nicht ohne die
Bewegung des Selbstbewußtseins. Um eine derselben zu kennen, muß
viel verglichen, auch in Büchern nachgeschlagen oder, auf welche
Weise es sei, untersucht werden; auch bei einer unmittelbaren
Anschauung wird erst die Kenntnis derselben mit ihren Gründen für
etwas gehalten, das wahren Wert habe, obgleich eigentlich nur das
nackte Resultat das sein soll, um das es zu tun sei.
Was die _mathematischen_ Wahrheiten betrifft, so würde noch weniger
der für einen Geometer gehalten werden, der die Theoreme Euklids
_auswendig_ wüßte, ohne ihre Beweise, ohne sie, wie man im Gegensatze
sich ausdrücken könne, _inwendig_ zu wissen. Ebenso würde die
Kenntnis, die einer durch Messung vieler rechtwinklichten Dreiecke
sich erwürbe, daß ihre Seiten das bekannte Verhältnis zueinander
haben, für unbefriedigend gehalten werden. Die _Wesentlichkeit_ des
Beweises hat jedoch auch beim mathematischen Erkennen noch nicht die
Bedeutung und Natur, Moment des Resultates selbst zu sein, sondern in
diesem ist er vielmehr vorbei und verschwunden. Als Resultat ist
zwar das Theorem _ein als wahr eingesehenes_. Aber dieser
hinzugekommene Umstand betrifft nicht seinen Inhalt, sondern nur das
Verhältnis zum Subjekt; die Bewegung des mathematischen Beweises
gehört nicht dem an, was Gegenstand ist, sondern ist ein der Sache
_äußerliches_ Tun. So zerlegt sich die Natur des rechtwinklichten
Dreiecks nicht selbst so, wie es in der Konstruktion dargestellt wird,
die für den Beweis des Satzes, der sein Verhältnis ausdrückt, nötig
ist; das ganze Hervorbringen des Resultats ist ein Gang und Mittel
des Erkennens.--Auch im philosophischen Erkennen ist das Werden des
_Daseins_ als Daseins verschieden von dem Werden des _Wesens_ oder
der innern Natur der Sache. Aber das philosophische Erkennen enthält
erstens beides, da hingegen das mathematische nur das Werden des
_Daseins_, d.h. des _Seins_ der Natur der Sache im _Erkennen_ als
solchem darstellt. Fürs andre vereinigt jenes auch diese beiden
besondern Bewegungen. Das innre Entstehen oder das Werden der
Substanz ist ungetrennt Übergehen in das Äußere oder in das Dasein,
Sein für anderes; und umgekehrt ist das Werden des Daseins das
Sich-zurücknehmen ins Wesen. Die Bewegung ist so der gedoppelte
Prozeß und Werden des Ganzen, daß zugleich ein jedes das andre setzt
und jedes darum auch beide als zwei Ansichten an ihm hat; sie
zusammen machen dadurch das Ganze, daß sie sich selbst auflösen und
zu seinen Momenten machen.
Im mathematischen Erkennen ist die Einsicht ein für die Sache
äußerliches Tun; es folgt daraus, daß die wahre Sache dadurch
verändert wird. Das Mittel, Konstruktion und Beweis, enthält daher
wohl wahre Sätze; aber ebensosehr muß gesagt werden, daß der Inhalt
falsch ist. Das Dreieck wird in dem obigen Beispiele zerrissen und
seine Teile zu andern Figuren, die die Konstruktion an ihm entstehen
läßt, geschlagen. Erst am Ende wird das Dreieck wiederhergestellt,
um das es eigentlich zu tun ist, das im Fortgange aus den Augen
verloren wurde, und nur in Stücken, die andern Ganzen angehörten,
vorkam.--Hier sehen wir also auch die Negativität des Inhalts
eintreten, welche eine Falschheit desselben ebensogut genannt werden
müßte als in der Bewegung des Begriffs das Verschwinden der
festgemeinten Gedanken.
Die eigentliche Mangelhaftigkeit dieses Erkennens aber betrifft
sowohl das Erkennen selbst als seinen Stoff überhaupt.--Was das
Erkennen betrifft, so wird vors erste die Notwendigkeit der
Konstruktion nicht eingesehen. Sie geht nicht aus dem Begriffe des
Theorems hervor, sondern wird geboten, und man hat dieser Vorschrift,
gerade diese Linien, deren unendliche andere gezogen werden könnten,
zu ziehen, blindlings zu gehorchen, ohne etwas weiter zu wissen, als
den guten Glauben zu haben, daß dies zu Führung des Beweises
zweckmäßig sein werde. Hintennach zeigt sich denn auch diese
Zweckmäßigkeit, die deswegen nur eine äußerliche ist, weil sie sich
erst hintennach, beim Beweise, zeigt.--Ebenso geht dieser einen Weg,
der irgendwo anfängt, man weiß noch nicht in welcher Beziehung auf
das Resultat, das herauskommen soll. Sein Fortgang nimmt _diese_
Bestimmungen und Beziehungen auf und läßt andre liegen, ohne daß man
unmittelbar einsehe, nach welcher Notwendigkeit; ein äußerer Zweck
regiert diese Bewegung.
Die _Evidenz_ dieses mangelhaften Erkennens, auf welche die
Mathematik stolz ist, und womit sie sich auch gegen die Philosophie
brüstet, beruht allein auf der Armut ihres _Zwecks_ und der
Mangelhaftigkeit ihres _Stoffs_, und ist darum von einer Art, die die
Philosophie verschmähen muß.--Ihr _Zweck_ oder Begriff ist die
_Größe_. Dies ist gerade das unwesentliche, begrifflose Verhältnis.
Die Bewegung des Wissens geht darum auf der Oberfläche vor, berührt
nicht die Sache selbst, nicht das Wesen oder den Begriff, und ist
deswegen kein Begreifen.--Der _Stoff_, über den die Mathematik den
erfreulichen Schatz von Wahrheiten gewährt, ist der _Raum_ und das
_Eins_. Der Raum ist das Dasein, worin der Begriff seine
Unterschiede einschreibt, als in ein leeres, totes Element, worin sie
ebenso unbewegt und leblos sind. Das _Wirkliche_ ist nicht ein
Räumliches, wie es in der Mathematik betrachtet wird; Mit solcher
Unwirklichkeit, als die Dinge der Mathematik sind, gibt sich weder
das konkrete sinnliche Anschauen noch die Philosophie ab. In solchem
unwirklichen Elemente gibt es denn auch nur unwirkliches Wahres, d.h.
fixierte, tote Sätze; bei jedem derselben kann aufgehört werden; der
folgende fängt für sich von neuem an, ohne daß der erste sich selbst
zum andern fortbewegte und ohne daß auf diese Weise ein notwendiger
Zusammenhang durch die Natur der Sache selbst entstünde.--Auch läuft
um jenes Prinzips und Elements willen--und hierin besteht das
Formelle der mathematischen Evidenz--das Wissen an der Linie der
_Gleichheit_ fort. Denn das Tote, weil es sich nicht selbst bewegt,
kommt nicht zu Unterschieden des Wesens, nicht zur wesentlichen
Entgegensetzung oder Ungleichheit, daher nicht zum Übergange des
Entgegengesetzten in das Entgegengesetzte, nicht zur qualitativen,
immanenten, nicht zur Selbstbewegung. Denn es ist die Größe, der
unwesentliche Unterschied, den die Mathematik allein betrachtet. Daß
es der Begriff ist, der den Raum in seine Dimensionen entzweit und
die Verbindungen derselben und in denselben bestimmt, davon
abstrahiert sie; sie betrachtet z.B. nicht das Verhältnis der Linie
zur Fläche; und wo sie den Durchmesser des Kreises mit der Peripherie
vergleicht, stößt sie auf die Inkommensurabilität derselben, d.h. ein
Verhältnis des Begriffs, ein Unendliches, das ihrer Bestimmung
entflieht.
Die immanente, sogenannte reine Mathematik stellt auch nicht die
_Zeit_ als Zeit dem Raume gegenüber, als den zweiten Stoff ihrer
Betrachtung. Die angewandte handelt wohl von ihr, wie von der
Bewegung, auch sonst andern wirklichen Dingen, sie nimmt aber die
synthetischen, d.h. Sätze ihrer Verhältnisse, die durch ihren
Begriff bestimmt sind, aus der Erfahrung auf, und wendet nur auf
diese Voraussetzungen ihre Formeln an. Daß die sogenannten Beweise
solcher Sätze, als der vom Gleichgewichte des Hebels, dem
Verhältnisse des Raums und der Zeit in der Bewegung des Fallens u.s.f.
, welche sie häufig gibt, für Beweise gegeben und angenommen werden,
ist selbst nur ein Beweis, wie groß das Bedürfnis des Beweisens für
das Erkennen ist, weil es, wo es nicht mehr hat, auch den leeren
Schein desselben achtet und eine Zufriedenheit dadurch gewinnt. Eine
Kritik jener Beweise würde ebenso merkwürdig als belehrend sein, um
die Mathematik teils von diesem falschen Putze zu reinigen, teils
ihre Grenze zu zeigen, und daraus die Notwendigkeit eines andern
Wissens.--Was die _Zeit_ betrifft, von der man meinen sollte, daß sie,
zum Gegenstücke gegen den Raum, den Stoff des andern Teils der
reinen Mathematik ausmachen würde, so ist sie der daseiende Begriff
selbst. Das Prinzip der _Größe_, des begrifflosen Unterschiedes, und
das Prinzip der _Gleichheit_, der abstrakten unlebendigen Einheit,
vermag es nicht, sich mit jener reinen Unruhe des Lebens und
absoluten Unterscheidung zu befassen. Diese Negativität wird daher
nur als paralysiert, nämlich als das _Eins_, zum zweiten Stoffe
dieses Erkennens, das, ein äußerliches Tun, das Sichselbstbewegende
zum Stoffe herabsetzt, um nun an ihm einen gleichgültigen,
äußerlichen unlebendigen Inhalt zu haben.
Die Philosophie dagegen betrachtet nicht _unwesentliche_ Bestimmung,
sondern sie, insofern sie wesentliche ist; nicht das Abstrakte oder
Unwirkliche ist ihr Element und Inhalt, sondern das _Wirkliche_, sich
selbst Setzende und in sich Lebende, das Dasein in seinem Begriffe.
Es ist der Prozeß, der sich seine Momente erzeugt und durchläuft, und
diese ganze Bewegung macht das Positive und seine Wahrheit aus.
Diese schließt also ebensosehr das Negative in sich, dasjenige, was
das Falsche genannt werden würde, wenn es als ein solches betrachtet
werden könnte, von dem zu abstrahieren sei. Das Verschwindende ist
vielmehr selbst als wesentlich zu betrachten, nicht in der Bestimmung
eines Festen, das vom Wahren abgeschnitten, außer ihm, man weiß nicht
wo, liegenzulassen sei, sowie auch das Wahre nicht als das auf der
andern Seite ruhende, tote Positive. Die Erscheinung ist das
Entstehen und Vergehen, das selbst nicht entsteht und vergeht,
sondern an sich ist, und die Wirklichkeit und Bewegung des Lebens der
Wahrheit ausmacht. Das Wahre ist so der bacchantische Taumel, an dem
kein Glied nicht trunken ist, und weil jedes, indem es sich absondert,
ebenso unmittelbar auflöst,--ist er ebenso die durchsichtige und
einfache Ruhe. In dem Gerichte jener Bewegung bestehen zwar die
einzelnen Gestalten des Geistes wie die bestimmten Gedanken nicht,
aber sie sind so sehr auch positive notwendige Momente, als sie
negativ und verschwindend sind.--In dem _Ganzen_ der Bewegung, es als
Ruhe aufgefaßt, ist dasjenige, was sich in ihr unterscheidet und
besonderes Dasein gibt, als ein solches, das sich _erinnert_,
aufbewahrt, dessen Dasein das Wissen von sich selbst ist, wie dieses
ebenso unmittelbar Dasein ist.
Von der _Methode_ dieser Bewegung oder der Wissenschaft könnte es
nötig scheinen, voraus das Mehrere anzugeben. Ihr Begriff liegt aber
schon in dem Gesagten, und ihre eigentliche Darstellung gehört der
Logik an oder ist vielmehr diese selbst. Denn die Methode ist nichts
anderes als der Bau des Ganzen in seiner reinen Wesenheit aufgestellt.
Von dem hierüber bisher Gangbaren aber müssen wir das Bewußtsein
haben, daß auch das System der sich auf das, was philosophische
Methode ist, beziehenden Vorstellungen einer verschollenen Bildung
angehört.--Wenn dies etwa renommistisch oder revolutionär lauten
sollte, von welchem Tone ich mich entfernt weiß, so ist zu bedenken,
daß der wissenschaftliche Staat, den die Mathematik herlieh--von
Erklärungen, Einteilungen, Axiomen, Reihen von Theoremen, ihren
Beweisen, Grundsätzen und dem Folgern und Schließen aus ihnen--,
schon in der Meinung selbst wenigstens _veraltet_ ist. Wenn auch
seine Untauglichkeit nicht deutlich eingesehen wird, so wird doch
kein oder wenig Gebrauch mehr davon gemacht, und wenn er nicht an
sich gemißbilligt wird, doch nicht geliebt. Und wir müssen das
Vorurteil für das Vortreffliche haben, daß es sich in den Gebrauch
setze und beliebt mache. Es ist aber nicht schwer einzusehen, daß
die Manier, einen Satz aufzustellen, Gründe für ihn anzuführen und
den entgegengesetzten durch Gründe ebenso zu widerlegen, nicht die
Form ist, in der die Wahrheit auftreten kann. Die Wahrheit ist die
Bewegung ihrer an ihr selbst, jene Methode aber ist das Erkennen, das
dem Stoffe äußerlich ist. Darum ist sie der Mathematik, die, wie
bemerkt, das begriffslose Verhältnis der Größe zu ihrem Prinzip und
den toten Raum wie das ebenso tote Eins zu ihrem Stoffe hat,
eigentümlich und muß ihr gelassen werden. Auch mag sie in freierer
Manier, das heißt, mehr mit Willkür und Zufälligkeit gemischt, im
gemeinen Leben, in einer Konversation oder historischen Belehrung
mehr der Neugierde als der Erkenntnis, wie ungefähr auch eine Vorrede
ist, bleiben. Im gemeinen Leben hat das Bewußtsein Kenntnisse,
Erfahrungen, sinnliche Konkretionen, auch Gedanken, Grundsätze,
überhaupt solches zu seinem Inhalte, das als ein Vorhandenes oder als
ein festes ruhendes Sein oder Wesen gilt. Es läuft teils daran fort,
teils unterbricht es den Zusammenhang durch die freie Willkür über
solchen Inhalt, und verhält sich als ein äußerliches Bestimmen und
Handhaben desselben. Es führt ihn auf irgend etwas Gewisses, sei es
auch nur die Empfindung des Augenblicks, zurück, und die Überzeugung
ist befriedigt, wenn sie auf einem ihr bekannten Ruhepunkte angelangt
ist.
Wenn aber die Notwendigkeit des Begriffs den losern Gang der
räsonierenden Konversation wie den steifern des wissenschaftlichen
Gepränges verbannt, so ist schon oben erinnert worden, daß seine
Stelle nicht durch die Unmethode des Ahndens und der Begeisterung und
die Willkür des prophetischen Redens ersetzt werden soll, welches
nicht jene Wissenschaftlichkeit nur, sondern die Wissenschaftlichkeit
überhaupt verachtet.
Ebensowenig ist--nachdem die Kantische, noch erst durch den Instinkt
wiedergefundne, noch tote, noch unbegriffne _Triplizität_ zu ihrer
absoluten Bedeutung erhoben, damit die wahrhafte Form in ihrem
wahrhaften Inhalte zugleich aufgestellt und der Begriff der
Wissenschaft hervorgegangen ist--derjenige Gebrauch dieser Form für
etwas Wissenschaftliches zu halten, durch den wir sie zum leblosen
Schema, zu einem eigentlichen Scheinen, und die wissenschaftliche
Organisation zur Tabelle herabgebracht sehen.--Dieser Formalismus,
von dem oben schon im allgemeinen gesprochen, und dessen Manier wir
hier näher angeben wollen, meint die Natur und das Leben einer
Gestalt begriffen und ausgesprochen zu haben, wenn er von ihr eine
Bestimmung des Schemas als Prädikat ausgesagt--es sei die
Subjektivität oder Objektivität, oder auch der Magnetismus, die
Elektrizität und so fort, die Kontraktion oder Expansion, der Osten
oder Westen und dergleichen, was sich ins Unendliche vervielfältigen
läßt, weil nach dieser Weise jede Bestimmung oder Gestalt bei der
andern wieder als Form oder Moment des Schemas gebraucht werden und
jede dankbar der andern denselben Dienst leisten kann;--ein Zirkel
von Gegenseitigkeit, wodurch man nicht erfährt, was die Sache selbst,
weder was die eine noch die andre ist. Es werden dabei teils
sinnliche Bestimmungen aus der gemeinen Anschauung aufgenommen, die
freilich etwas anderes _bedeuten_ sollen, als sie sagen, teils wird
das an sich bedeutende, die reinen Bestimmungen des Gedankens, wie
Subjekt, Objekt, Substanz, Ursache, das Allgemeine u.s.f. gerade so
unbesehen und unkritisch gebraucht wie im gemeinen Leben und wie
Stärken und Schwächen, Expansion und Kontraktion; so daß jene
Metaphysik so unwissenschaftlich ist als diese sinnlichen
Vorstellungen.
Statt des innern Lebens und der Selbstbewegung seines Daseins wird
nun eine solche einfache Bestimmtheit von der Anschauung, das heißt
hier dem sinnlichen Wissen, nach einer oberflächlichen Analogie
ausgesprochen und diese äußerliche und leere Anwendung der Formel die
_Konstruktion_ genannt.--Es ist mit solchem Formalismus derselbe Fall
als mit jedem. Wie stumpf müßte der Kopf sein, dem nicht in einer
Viertelstunde die Theorie, daß es asthenische, sthenische und
indirekt asthenische Krankheiten und ebenso viele Heilplane gebe,
beigebracht, und der nicht, da ein solcher Unterricht noch vor kurzem
dazu hinreichte, aus einem Routinier in dieser kleinen Zeit in einen
theoretischen Arzt verwandelt werden könnte? Wenn der
naturphilosophische Formalismus etwa lehrt, der Verstand sei die
Elektrizität oder das Tier sei der Stickstoff, oder auch _gleich_ dem
Süd oder Nord und so fort, oder repräsentiere ihn, so nackt, wie es
hier ausgedrückt ist, oder auch mit mehr Terminologie zusammengebraut,
so mag über solche Kraft, die das weit entlegen Scheinende
zusammengreift, und über die Gewalt, die das ruhende Sinnliche durch
diese Verbindung erleidet, und die ihm dadurch den Schein eines
Begriffes erteilt, die Hauptsache aber, den Begriff selbst oder die
Bedeutung der sinnlichen Vorstellung auszusprechen erspart--es mag
hierüber die Unerfahrenheit in ein bewunderndes Staunen geraten,
darin eine tiefe Genialität verehren; sowie an der Heiterkeit solcher
Bestimmungen, da sie den abstrakten Begriff durch Anschauliches
ersetzen und erfreulicher machen, sich ergötzen und sich selbst zu
der geahndeten Seelenverwandtschaft mit solchem herrlichem Tun Glück
wünschen. Der Pfiff einer solchen Weisheit ist so bald erlernt, als
es leicht ist, ihn auszuüben; seine Wiederholung wird, wenn er
bekannt ist, so unerträglich als die Wiederholung einer eingesehenen
Taschenspielerkunst. Das Instrument dieses gleichtönigen Formalismus
ist nicht schwerer zu handhaben als die Palette eines Malers, auf der
sich nur zwei Farben befinden würden, etwa Rot und Grün, um mit jener
eine Fläche anzufärben, wenn ein historisches Stück, mit dieser, wenn
eine Landschaft verlangt wäre.--Es würde schwer zu entscheiden sein,
was dabei größer ist, die Behaglichkeit, mit der alles, was im Himmel,
auf Erden und unter der Erden ist, mit solcher Farbenbrühe
angetüncht wird, oder die Einbildung auf die Vortrefflichkeit dieses
Universalmittels; die eine unterstützt die andere. Was diese Methode,
allem Himmlischen und Irdischen, allen natürlichen und geistigen
Gestalten die paar Bestimmungen des allgemeinen Schemas aufzukleben
und auf diese Weise alles einzurangieren, hervorbringt, ist nichts
Geringeres als ein sonnenklarer Bericht über den Organismus des
Universums, nämlich eine Tabelle, die einem Skelette mit angeklebten
Zettelchen oder den Reihen verschloßner Büchsen mit ihren
aufgehefteten Etiketten in einer Gewürzkrämerbude gleicht, die so
deutlich als das eine und das andre ist, und wie dort von den Knochen
Fleisch und Blut weggenommen, hier aber die eben auch nicht lebendige
Sache in den Büchsen verborgen ist, auch das lebendige Wesen der
Sache weggelassen oder verborgen hat.--Daß sich diese Manier zugleich
zur einfarbigen absoluten Malerei vollendet, indem sie auch, der
Unterschiede des Schemas sich schämend, sie als der Reflexion
angehörig in der Leerheit des Absoluten versenkt, auf daß die reine
Identität, das formlose Weiße hergestellt werde, ist oben schon
bemerkt worden. Jene Gleichfärbigkeit des Schemas und seiner
leblosen Bestimmungen und diese absolute Identität, und das Übergehen
von einem zum andern, ist eines gleich toter Verstand als das andere,
und gleich äußerliches Erkennen.
Das Vortreffliche kann aber dem Schicksale nicht nur nicht entgehen,
so entlebt und entgeistet zu werden und, so geschunden, seine Haut
vom leblosen Wissen und dessen Eitelkeit umgenommen zu sehen.
Vielmehr ist noch in diesem Schicksale selbst die Gewalt, welche es
auf die Gemüter, wenn nicht auf Geister, ausübt, zu erkennen, so wie
die Herausbildung zur Allgemeinheit und Bestimmtheit der Form, in der
seine Vollendung besteht, und die es allein möglich macht, daß diese
Allgemeinheit zur Oberflächlichkeit gebraucht wird.
Die Wissenschaft darf sich nur durch das eigne Leben des Begriffs
organisieren; in ihr ist die Bestimmtheit, welche aus dem Schema
äußerlich dem Dasein aufgeklebt wird, die sich selbst bewegende Seele
des erfüllten Inhalts. Die Bewegung des Seienden ist, sich
einesteils ein Anders und so zu seinem immanenten Inhalte zu werden;
andernteils nimmt es diese Entfaltung oder dies sein Dasein in sich
zurück, das heißt, macht sich selbst zu einem _Momente_ und
vereinfacht sich zur Bestimmtheit. In jener Bewegung ist die
_Negativität_ das Unterscheiden und das Setzen des _Daseins_; in
diesem Zurückgehen in sich ist sie das Werden der _bestimmten
Einfachheit_. Auf diese Weise ist es, daß der Inhalt seine
Bestimmtheit nicht von einem andern empfangen und aufgeheftet zeigt,
sondern er gibt sie sich selbst und rangiert sich aus sich zum
Momente und zu einer Stelle des Ganzen. Der tabellarische Verstand
behält für sich die Notwendigkeit und den Begriff des Inhalts, das,
was das Konkrete, die Wirklichkeit und lebendige Bewegung der Sache
ausmacht, die er rangiert, oder vielmehr behält er dies nicht für
sich, sondern kennt es nicht; denn wenn er diese Einsicht hätte,
würde er sie wohl zeigen. Er kennt nicht einmal das Bedürfnis
derselben; sonst würde er sein Schematisieren unterlassen oder
wenigstens sich nicht mehr damit wissen als mit einer Inhaltsanzeige;
er gibt nur die Inhaltsanzeige, den Inhalt selbst aber liefert er
nicht.--Wenn die Bestimmtheit, auch eine solche wie zum Beispiel
Magnetismus, eine an sich konkrete oder wirkliche ist, so ist sie
doch zu etwas Totem herabgesunken, da sie von einem andern Dasein nur
prädiziert und nicht als immanentes Leben dieses Daseins, oder wie
sie in diesem ihre einheimische und eigentümliche Selbsterzeugung und
Darstellung hat, erkannt ist. Diese Hauptsache hinzuzufügen überläßt
der formelle Verstand den Andern.--Statt in den immanenten Inhalt der
Sache einzugehen, übersieht er immer das Ganze und steht über dem
einzelnen Dasein, von dem er spricht, das heißt, er sieht es gar
nicht. Das wissenschaftliche Erkennen erfodert aber vielmehr, sich
dem Leben des Gegenstandes zu übergeben, oder, was dasselbe ist, die
innere Notwendigkeit desselben vor sich zu haben und auszusprechen.
Sich so in seinen Gegenstand vertiefend, vergißt es jener Übersicht,
welche nur die Reflexion des Wissens aus dem Inhalte in sich selbst
ist. Aber in die Materie versenkt und in deren Bewegung fortgehend,
kommt es in sich selbst zurück, aber nicht eher als darin, daß die
Erfüllung oder der Inhalt sich in sich zurücknimmt, zur Bestimmtheit
vereinfacht, sich selbst zu _einer_ Seite eines Daseins herabsetzt
und in seine höhere Wahrheit übergeht. Dadurch emergiert das
einfache sich übersehende Ganze selbst aus dem Reichtume, worin seine
Reflexion verloren schien.
Dadurch überhaupt, daß, wie es oben ausgedrückt wurde, die Substanz
an ihr selbst Subjekt ist, ist aller Inhalt seine eigene Reflexion in
sich. Das Bestehen oder die Substanz eines Daseins ist die
Sichselbstgleichheit; denn seine Ungleichheit mit sich wäre seine
Auflösung. Die Sichselbstgleichheit aber ist die reine Abstraktion;
diese aber ist das _Denken_. Wenn ich sage _Qualität_, sage ich die
einfache Bestimmtheit; durch die Qualität ist ein Dasein von einem
andern unterschieden, oder ist ein Dasein; es ist für sich selbst,
oder es besteht durch diese Einfachheit mit sich. Aber dadurch ist
es wesentlich der _Gedanke_.--Hierin ist es begriffen, daß das Sein
Denken ist; hierein fällt die Einsicht, die dem gewöhnlichen
begrifflosen Sprechen von der Identität des Denkens und Seins
abzugehen pflegt.--Dadurch nun, daß das Bestehen des Daseins die
Sichselbstgleichheit oder die reine Abstraktion ist, ist es die
Abstraktion seiner von sich selbst, oder es ist selbst seine
Ungleichheit mit sich und seine Auflösung,--seine eigne Innerlichkeit
und Zurücknahme in sich,--sein Werden.--Durch diese Natur des
Seienden und insofern das Seiende diese Natur für das Wissen hat, ist
dieses nicht die Tätigkeit, die den Inhalt als ein Fremdes handhabt,
nicht die Reflexion in sich aus dem Inhalte heraus; die Wissenschaft
ist nicht jener Idealismus, der an die Stelle des _behauptenden_
Dogmatismus als ein _versichernder Dogmatismus_ oder der
_Dogmatismus_ der _Gewißheit seiner selbst_ trat,--sondern indem das
Wissen den Inhalt in seine eigne Innerlichkeit zurückgehen sieht, ist
seine Tätigkeit vielmehr sowohl versenkt in ihn, denn sie ist das
immanente Selbst des Inhalts, als zugleich in sich zurückgekehrt,
denn sie ist die reine Sichselbstgleichheit im Anderssein; so ist sie
die List, die, der Tätigkeit sich zu enthalten scheinend, zusieht,
wie die Bestimmtheit und ihr konkretes Leben, darin eben, daß es
seine Selbsterhaltung und besonderes Interesse zu treiben vermeint,
das Verkehrte, sich selbst auflösendes und zum Momente des Ganzen
machendes Tun ist.
Wenn oben die Bedeutung des _Verstandes_ nach der Seite des
Selbstbewußtseins der Substanz angegeben wurde, so erhellt aus dem
hier Gesagten seine Bedeutung nach der Bestimmung derselben als
Seiender.--Das Dasein ist Qualität, sich selbst gleiche Bestimmtheit
oder bestimmte Einfachheit, bestimmter Gedanke; dies ist der Verstand
des Daseins. Dadurch ist es *Nus*, als für welchen Anaxagoras zuerst
das Wesen erkannte. Die nach ihm begriffen bestimmter die Natur des
Daseins als *Eidos* oder *Idea*; das heißt, _bestimmte Allgemeinheit,
Art_. Der Ausdruck _Art_ scheint etwa zu gemein und zu wenig für die
Ideen, für das Schöne und Heilige und Ewige zu sein, die zu dieser
Zeit grassieren. Aber in der Tat drückt die Idee nicht mehr noch
weniger aus als Art. Allein wir sehen itzt oft einen Ausdruck, der
einen Begriff bestimmt bezeichnet, verschmäht und einen andern
vorgezogen, der, wenn es auch nur darum ist, weil er einer fremden
Sprache angehört, den Begriff in Nebel einhüllt und damit erbaulicher
lautet.--Eben darin, daß das Dasein als Art bestimmt ist, ist es
einfacher Gedanke; der *Nus*, die Einfachheit, ist die Substanz. Um
ihrer Einfachheit oder Sichselbstgleichheit willen erscheint sie als
fest und bleibend. Aber diese Sichselbstgleichheit ist ebenso
Negativität; dadurch geht jenes feste Dasein in seine Auflösung über.
Die Bestimmtheit scheint zuerst es nur dadurch zu sein, daß sie sich
auf _Andres_ bezieht, und ihre Bewegung ihr durch eine fremde Gewalt
angetan zu werden; aber daß sie ihr Anderssein selbst an ihr hat und
Selbstbewegung ist, dies ist eben in jener _Einfachheit_ des Denkens
selbst enthalten; denn diese ist der sich selbst bewegende und
unterscheidende Gedanke, und die eigene Innerlichkeit, der reine
_Begriff_. So ist also die _Verständigkeit_ ein Werden, und als dies
Werden ist sie die _Vernünftigkeit_.
In dieser Natur dessen, was ist, in seinem Sein sein Begriff zu sein,
ist es, daß überhaupt die _logische Notwendigkeit_ besteht; sie
allein ist das Vernünftige und der Rhythmus des organischen Ganzen,
sie ist ebensosehr _Wissen_ des Inhalts, als der Inhalt Begriff und
Wesen ist--oder sie allein ist das _Spekulative_.--Die konkrete
Gestalt, sich selbst bewegend, macht sich zur einfachen Bestimmtheit,
damit erhebt sie sich zur logischen Form und ist in ihrer
Wesentlichkeit; ihr konkretes Dasein ist nur diese Bewegung und ist
unmittelbar logisches Dasein. Es ist darum unnötig, dem konkreten
Inhalt den Formalismus äußerlich anzutun; jener ist an ihm selbst das
Übergehen in diesen, der aber aufhört, dieser äußerliche Formalismus
zu sein, weil die Form das einheimische Werden des konkreten Inhalts
selbst ist.
Diese Natur der wissenschaftlichen Methode, teils von dem Inhalte
ungetrennt zu sein, teils sich durch sich selbst ihren Rhythmus zu
bestimmen, hat, wie schon erinnert, in der spekulativen Philosophie
ihre eigentliche Darstellung.--Das hier Gesagte drückt zwar den
Begriff aus, kann aber für nicht mehr als für eine antizipierte
Versicherung gelten. Ihre Wahrheit liegt nicht in dieser zum Teil
erzählenden Exposition; und ist darum auch ebensowenig widerlegt,
wenn dagegen versichert wird, dem sei nicht so, sondern es verhalte
sich damit so und so, wenn gewohnte Vorstellungen als ausgemachte und
bekannte Wahrheiten in Erinnrung gebracht und hererzählt, oder auch
aus dem Schreine des innern göttlichen Anschauens Neues aufgetischt
und versichert wird.--Eine solche Aufnahme pflegt die erste Reaktion
des Wissens, dem etwas unbekannt war, dagegen zu sein, um die
Freiheit und eigne Einsicht, die eigne Autorität gegen die fremde,
denn unter dieser Gestalt erscheint das itzt zuerst Aufgenommene, zu
retten--auch um den Schein und die Art von Schande, die darin liegen
soll, daß etwas gelernt worden sei, wegzuschaffen, so wie bei der
Beifall gebenden Annahme des Unbekannten die Reaktion derselben Art
in dem besteht, was in einer andren Sphäre das ultrarevolutionäre
Reden und Handeln war.
Worauf es deswegen bei dem _Studium_ der _Wissenschaft_ ankommt, ist
die Anstrengung des Begriffs auf sich zu nehmen. Sie erfodert die
Aufmerksamkeit auf ihn als solchen, auf die einfachen Bestimmungen,
zum Beispiel des _An-sich-seins_, des _Für-sich-seins_, der
_Sichselbstgleichheit_ und so fort; denn diese sind solche reine
Selbstbewegungen, die man Seelen nennen könnte, wenn nicht ihr
Begriff etwas Höheres bezeichnete als diese. Der Gewohnheit, an
Vorstellungen fortzulaufen, ist die Unterbrechung derselben durch den
Begriff ebenso lästig als dem formalen Denken, das in unwirklichen
Gedanken hin und her räsoniert. Jene Gewohnheit ist ein materielles
Denken zu nennen, ein zufälliges Bewußtsein, das in den Stoff nur
versenkt ist, welchem es daher sauer ankömmt, aus der Materie
zugleich sein Selbst rein herauszuheben und bei sich zu sein. Das
andere, das Räsonieren, hingegen ist die Freiheit von dem Inhalt und
die Eitelkeit über ihn; ihr wird die Anstrengung zugemutet, diese
Freiheit aufzugeben, und statt das willkürlich bewegende Prinzip des
Inhalts zu sein, diese Freiheit in ihn zu versenken, ihn durch seine
eigne Natur, das heißt, durch das Selbst als das seinige, sich
bewegen zu lassen und diese Bewegung zu betrachten. Sich des eignen
Einfallens in den immanenten Rhythmus der Begriffe entschlagen, in
ihn nicht durch die Willkür und sonst erworbene Weisheit eingreifen,
diese Enthaltsamkeit ist selbst ein wesentliches Moment der
Aufmerksamkeit auf den Begriff.
Es sind an dem räsonierenden Verhalten die beiden Seiten bemerklicher
zu machen, nach welchen das begreifende Denken ihm entgegengesetzt
ist.--Teils verhält sich jenes negativ gegen den aufgefaßten Inhalt,
weiß ihn zu widerlegen und zunichte zu machen. Daß dem nicht so sei,
diese Einsicht ist das bloß _Negative_, es ist das Letzte, das nicht
selbst über sich hinaus zu einem neuen Inhalt geht, sondern um wieder
einen Inhalt zu haben, muß etwas *Anderes* irgendwoher vorgenommen
werden. Es ist die Reflexion in das leere Ich, die Eitelkeit seines
Wissens.--Diese Eitelkeit drückt aber nicht nur dies aus, daß dieser
Inhalt eitel, sondern auch, daß diese Einsicht selbst es ist; denn
sie ist das Negative, das nicht das Positive in sich erblickt.
Dadurch, daß diese Reflexion ihre Negativität selbst nicht zum
Inhalte gewinnt, ist sie überhaupt nicht in der Sache, sondern immer
darüber hinaus; sie bildet sich deswegen ein, mit der Behauptung der
Leere immer weiter zu sein als eine inhaltsreiche Einsicht. Dagegen,
wie vorhin gezeigt, gehört im begreifenden Denken das Negative dem
Inhalte selbst an und ist sowohl als seine _immanente_ Bewegung und
Bestimmung wie als _Ganzes_ derselben das _Positive_. Als Resultat
aufgefaßt, ist es das aus dieser Bewegung herkommende, das
_bestimmte_ Negative, und hiemit ebenso ein positiver Inhalt.
In Ansehung dessen aber, daß solches Denken einen Inhalt hat, es sei
der Vorstellungen oder Gedanken oder der Vermischung beider, hat es
eine andre Seite, die ihm das Begreifen erschwert. Die merkwürdige
Natur derselben hängt mit dem oben angegebenen Wesen der Idee selbst
enge zusammen, oder drückt sie vielmehr aus, wie sie als die Bewegung
erscheint, die denkendes Auffassen ist.--Wie nämlich in seinem
negativen Verhalten, wovon soeben die Rede war, das räsonierende
Denken selber das Selbst ist, in das der Inhalt zurückgeht, so ist
dagegen in seinem positiven Erkennen das Selbst ein vorgestelltes
_Subjekt_, worauf sich der Inhalt als Akzidens und Prädikat bezieht.
Dies Subjekt macht die Basis aus, an die er geknüpft wird und auf der
die Bewegung hin und wider läuft. Anders verhält es sich im
begreifenden Denken. Indem der Begriff das eigene Selbst des
Gegenstandes ist, das sich als _sein Werden_ darstellt, ist es nicht
ein ruhendes Subjekt, das unbewegt die Akzidenzen trägt, sondern der
sich bewegende und seine Bestimmungen in sich zurücknehmende Begriff.
In dieser Bewegung geht jenes ruhende Subjekt selbst zugrunde; es
geht in die Unterschiede und Inhalt ein und macht vielmehr die
Bestimmtheit, das heißt, den unterschiednen Inhalt wie die Bewegung
desselben aus, statt ihr gegenüberstehen zu bleiben. Der feste Boden,
den das Räsonieren an dem ruhenden Subjekte hat, schwankt also, und
nur diese Bewegung selbst wird der Gegenstand. Das Subjekt, das
seinen Inhalt erfüllt, hört auf, über diesen hinauszugehen, und kann
nicht noch andre Prädikate oder Akzidenzen haben. Die Zerstreutheit
des Inhalts ist umgekehrt dadurch unter das Selbst gebunden; er ist
nicht das Allgemeine, das frei vom Subjekte mehrern zukäme. Der
Inhalt ist somit in der Tat nicht mehr Prädikat des Subjekts, sondern
ist die Substanz, ist das Wesen und der Begriff dessen, wovon die
Rede ist. Das vorstellende Denken, da seine Natur ist, an den
Akzidenzen oder Prädikaten fortzulaufen, und mit Recht, weil sie
nicht mehr als Prädikate und Akzidenzen sind, über sie hinauszugehen,
wird, indem das, was im Satze die Form eines Prädikats hat, die
Substanz selbst ist, in seinem Fortlaufen gehemmt. Es erleidet, es
so vorzustellen, einen Gegenstoß. Vom Subjekte anfangend, als ob
dieses zum Grunde liegen bliebe, findet es, indem das Prädikat
vielmehr die Substanz ist, das Subjekt zum Prädikat übergegangen und
hiemit aufgehoben; und indem so das, was Prädikat zu sein scheint,
zur ganzen und selbstständigen Masse geworden, kann das Denken nicht
frei herumirren, sondern ist durch diese Schwere aufgehalten.--Sonst
ist zuerst das Subjekt als das _gegenständliche_ fixe Selbst zugrunde
gelegt; von hier aus geht die notwendige Bewegung zur
Mannigfaltigkeit der Bestimmungen oder der Prädikate fort; hier tritt
an die Stelle jenes Subjekts das wissende Ich selbst ein, und ist das
Verknüpfen der Prädikate und das sie haltende Subjekt. Indem aber
jenes erste Subjekt in die Bestimmungen selbst eingeht und ihre Seele
ist, findet das zweite Subjekt, nämlich das wissende, jenes, mit dem
es schon fertig sein und worüber hinaus es in sich zurückgehen will,
noch im Prädikate vor, und statt in dem Bewegen des Prädikats das
Tuende, als Räsonieren, ob jenem dies oder jenes Prädikat beizulegen
wäre, sein zu können, hat es vielmehr mit dem Selbst des Inhalts noch
zu tun, soll nicht für sich, sondern mit diesem zusammensein.
Formell kann das Gesagte so ausgedrückt werden, daß die Natur des
Urteils oder Satzes überhaupt, die den Unterschied des Subjekts und
Prädikats in sich schließt, durch den spekulativen Satz zerstört wird,
und der identische Satz, zu dem der erstere wird, den Gegenstoß zu
jenem Verhältnisse enthält.--Dieser Konflikt der Form eines Satzes
überhaupt und der sie zerstörenden Einheit des Begriffs ist dem
ähnlich, der im Rhythmus zwischen dem Metrum und dem Akzente
stattfindet. Der Rhythmus resultiert aus der schwebenden Mitte und
Vereinigung beider. So soll auch im philosophischen Satze die
Identität des Subjekts und Prädikats den Unterschied derselben, den
die Form des Satzes ausdrückt, nicht vernichten, sondern ihre Einheit
als eine Harmonie hervorgehen. Die Form des Satzes ist die
Erscheinung des bestimmten Sinnes oder der Akzent, der seine
Erfüllung unterscheidet; daß aber das Prädikat die Substanz ausdrückt
und das Subjekt selbst ins Allgemeine fällt, ist die _Einheit_, worin
jener Akzent verklingt.
Um das Gesagte durch Beispiele zu erläutern, so ist in dem Satz:
_Gott ist das Sein_, das Prädikat _das_ Sein; es hat substantielle
Bedeutung, in der das Subjekt zerfließt. Sein soll hier nicht
Prädikat, sondern das Wesen sein; dadurch scheint Gott aufzuhören,
das zu sein, was er durch die Stellung des Satzes ist, nämlich das
feste Subjekt.--Das Denken, statt im Übergange vom Subjekte zum
Prädikate weiterzukommen, fühlt sich, da das Subjekt verlorengeht,
vielmehr gehemmt und zu dem Gedanken des Subjekts, weil es dasselbe
vermißt, zurückgeworfen; oder es findet, da das Prädikat selbst als
ein Subjekt, als _das_ Sein, als das _Wesen_ ausgesprochen ist,
welches die Natur des Subjekts erschöpft, das Subjekt unmittelbar
auch im Prädikate; und nun, statt daß es im Prädikate in sich
gegangen die freie Stellung des Räsonierens erhielte, ist es in den
Inhalt noch vertieft, oder wenigstens ist die Foderung vorhanden, in
ihn vertieft zu sein.--So auch wenn gesagt wird: das _Wirkliche_ ist
das _Allgemeine_, so vergeht das Wirkliche als Subjekt, in seinem
Prädikate. Das Allgemeine soll nicht nur die Bedeutung des Prädikats
haben, so daß der Satz dies aussagte, das Wirkliche sei allgemein,
sondern das Allgemeine soll das Wesen des Wirklichen ausdrücken.--Das
Denken verliert daher so sehr seinen festen gegenständlichen Boden,
den es am Subjekte hatte, als es im Prädikate darauf zurückgeworfen
wird, und in diesem nicht in sich, sondern in das Subjekt des Inhalts
zurückgeht.