Sehr freundliche, dunkelblaue Augen, --

Hulda stand am Mittelfinger, aber in beide kleine Hände schlug, wie aus

ungesehenen Wetterwolken, ein leises Zittern, daß sie damit unter den

Tisch fuhr, und nicht weiter zählte; denn der Vater, der jetzt von der

römischen Nase, von dem Grübchen im Kinn, von den perlweißen Zähnen im

wohlgeformten Munde, von dem kräftigen Aeußeren, der freien stolzen

Haltung, und der blühenden Gesundheit des jungen Menschen sprach, und

den einfachen Geschmack seiner eleganten Kleidung und den Schnee seiner

Wäsche lobte, mahlte den nämlichen allerliebsten jungen Mann, der --

sie glühte im ganzen Gesichtchen, und wagte nicht, die Augen vom Teller

aufzuschlagen; die Mutter aber ward kreideweiß, legte den Kopf in den

hohen Lehnstuhl zurück, und die todtenblassen Lippen lispelten leise:

nichts weiter, wenn ihr nicht wollt, daß ich sterben soll.

Hulda und der Vater sprangen auf; Letzterer holte das Riechfläschchen

und Hulda trocknete der Angegriffenen den kalten Schweiß, der ihr in

glänzenden Tropfen auf der Stirne stand. Man brachte die Kranke wieder

zu Bette, und beide stimmten in der Meinung überein, daß die Mutter

sich zu zeitig herausgewagt habe, und daß der eben sich ereignete

Zufall, Wirkung ihrer noch zu großen Körperschwäche sey.

Den Nachmittag befand sich die Mutter zwar wieder etwas besser; aber,

wenn sich Hulda ihrem Lager näherte, fand sie die Leidende fast immer

in Thränen, und fragte sie, was dem Mütterchen fehle, so entgegnete

dieses mit milder Freundlichkeit, sie solle sich darüber nicht

beunruhigen, es werde wohl bald vorübergehen; dem gepreßten Herzen thue

es zuweilen wohl, sich still ausweinen zu können, und so hätte sie auch

jetzt eine Art von Erleichterung darin gefunden; daher ihr gegenwärtig

viel wohler sey, als vorhin.

Mein Mütterchen, sagte Hulda, mit weicher Stimme, und beugte sich

zu ihr herab: dem gepreßten Herzen? -- was fehlt Dir? was hast Du?

vielleicht können wir helfen; Du weißt ja, wir --

Aber die Mutter verneinte schweigend, streichelte die rosige Wange des

süßen Kindes, und bat, sie allein zu lassen, um ein wenig zu schlafen.

Hulda ging in den Garten hinab, setzte sich auf den Balkon des

Saales, von dem aus sie die herrlichste Aussicht auf den Hafen,

und rechts auf den grünen Riesenspiegel des unermeßlichen Meeres

hatte, und wollte arbeiten; aber der junge Mensch -- das braune

Lockenhaar, die veilchenblauen Augen, die frischen Lippen, und

wenn diese sich lächelnd öffneten, der Schmelz der blendendweißen

Zähne, und das Schelmengrübchen in Wange und Kinn -- waren es die

leisen Abendlüftchen, die aus den geheimen Tiefen des Meeres

herüberflogen und die Blumen auf ihrem Balkon und die leichte Hülle

ihres Busens säuselnd durchkühlten, oder waren es die ersten Schauer

der jungfräulichen Liebe, -- es überhauchte sie auf einmal ein so

wunderbares Frösteln durch Blut und Adern, daß sie die Hand auf das

drängende Herz legte, und sich, ohne Worte, fragte, was das sey.

Der junge Mensch, es mußte ein Fremder seyn, denn früher hatte sie ihn

nie bemerkt; am vorigen Sonntage hatte er, in der Kirche, ihr gegenüber

gesessen, und kein Auge von ihr verwandt; zwei Tage später war sie

ausgegangen, um einige Kleinigkeiten in einer Modehandlung zu kaufen;

nicht zwei Minuten, und der hübsche Fremde tritt ein, und fragt nach

französischen Blumen. Der Wohllaut seiner Stimme, das Fremdländische

seiner Aussprache, -- lächelnd sprach sie ihm halblaut nach. Hier

oben auf dem Balkon hörte sie ja Niemand. Sie ärgerte sich noch, daß

sie nicht, unter irgend einem Vorwande, länger in dem Kaufgewölbe

geblieben; sie schämte sich, daß, als der Fremde weggegangen, sie

wieder zurückgekehrt war, um auch so ein Bouquet von brennender Liebe

zu verlangen, als der Herr eben eins gekauft hatte; sie freute sich,

daß die Modehändlerinn erwähnte, wie der Herr das Bouquet zwar gewählt,

dasselbe aber, weil es, nach seiner Meinung, nicht brennend roth genug

gewesen, nicht gekauft habe; sie lachte heimlich, daß sie nun auch das

Roth der Blumen zu blaß gefunden, und sie darum auch nicht genommen,

und sie beruhigte sich, daß -- lag denn darin nicht der offenbare

Beweis, daß er, lediglich und einzig und allein, um ihretwillen, in

das Putzgewölbe gekommen war; hätte er das Bouquet gekauft, -- sie

beugte sich tiefer auf ihre Nätherei nieder, denn es war, als führe

ihr ein schmerzlicher Dolchstich mitten durch das Herz -- hätte er die

Blumen gekauft, so müßte er Jemand gehabt haben, dem er sie schenke,

aber so -- sie sah wieder freundlich auf, -- und lachte leicht hin in

die grünen Wogen des fast windstillen Meeres -- denn daß er ihr, und

nur ihr zu Gefallen gegangen war, das lag ja am Tage; brennende Liebe

hatte er verlangt! Er konnte ja nicht deutlicher reden! dieß Roth --

alle Pariser Blumenfabrikanten waren nicht im Stande, es schöner zu

liefern -- dieß Roth schien ihm noch nicht brennend genug. Gestern,

als er vor dem Hause vorbeiging, -- wäre nur nicht Hafen-Kapitains

Linchen gewesen, -- hätte sie so gern das Fenster ein wenig geöffnet,

denn der Mutter ist frische Luft im Zimmer zuweilen recht zuträglich;

aber so mußte sie hinter dem Vorhange blos ein Bischen lauschen,

denn Linchen, das dumme Ding drüben, stand in dem Erker, wie vom

bösen Schicksal hinbestellt, das hätte den Augenblick gewußt, was es

bedeute, und wahrhaftig, das Mädchen wäre auch stockblind gewesen,

wenn es das nicht gemerkt hätte, denn mit unverwandtem Blicke auf das

Fenster, geht er, als wollte und müßte er die Scheiben mit den Augen

durchbohren; der alte Kohlenträger schreit zweimal, Platz da, Platz

da, noch ein Schritt, da stößt der lange Kohlensack, der weit über

den Kopf des tief gebückten Trägers hervorragt, den Stillverzückten

in das Gesicht; dieser prallt rechts, rennt den alten Gipsitaliener,

der sein ganzes Büsten- und Figuren-Magazin von Kaisern, Königen,

Gelehrten und Grazien, auf einem langen Brete, auf der Schulter

trägt, mit sich nieder, reißt im Stolpern den Markt-Tisch der dicken

böhmischen Glashändlerinn an der Ecke, sammt dem ganzen Kram, über

den Haufen, und schlüpft, fast auf allen Vieren weiter turkelnd, in

die, zum Glück offenstehende Apotheke; beschwichtiget hier, wie später

das Hausmädchen berichtete, die ungestümen und mehr denn heidnischen

Entschädigungforderungen des italienischen Gipsmannes und der

böhmischen Glasfrau, mit ungezähltem Golde, und entzieht sich, durch

eine wohlthätige Seitenthür die in das Nebengäßchen, dem, um Gips- und

Glas-Ruinen zusammengeströmten Janhagel von Matrosen und Straßenjungen.

Sie mußte noch kichern, wenn sie an die verwünschte Scene dachte, aber

über Hafenkapitains einfältige Lina konnte sie sich ärgern. Diese

hatte sich zum Fenster heraus gelegt, und vor Lachen gerade heraus

geschrien. Gott! die ging nun doch eigentlich die Geschichte auch nicht

im Mindesten etwas an; und in dem lauten Lachen, in dem Herauslegen,

lag so etwas Gemeines, so etwas Schadenfrohes; das Mädchen war ihr

lange schon zuwider gewesen, aber jetzt konnte sie es gar nicht mehr

ausstehen. Die Böhmin aber und der Italiener schienen recht gute

Menschen zu seyn; Beide hatten, nach des Hausmädchens Rapport, in der

Apotheke gemeint, dergleichen Unfälle könnten dem beßten Menschen

begegnen, und es wäre nur ein wahres Glück, daß der hübsche Herr

keinen Schaden genommen habe, denn um ein solches junges liebes Blut,

wäre es doch ewig Schade gewesen.

Und nun heute, muß der Vater von dem Menschen bei Tische anfangen; denn

daß das der nämliche war, litt gar keinen Zweifel. Sie -- sie selbst,

sollte sich nach ihm erkundigen. Das konnte sie ja nicht; ja wenn das

abscheuliche Rothwerden nicht wäre. Der alte Handels-Gerichts-Director

Linsing, wenn der sie dazu ansah, mit seinem blinzelnden Blick, er

stand ganz lebendig vor ihr, das eine Auge ganz zu, und das andere

so scharf auf sie gerichtet, -- nein, sie konnte gewiß kein Wort

herausbringen; er mußte bestimmt denken, sie frage mehr im eigenen, als

in des Vaters Namen. Und dann, die Linsingschen Mädchen! Hätten die nur

etwas der Art ergattert, sie hätten sie zu Tode gequält. Wissen mochte

sie es wohl freilich gern, und der alte Linsing, der Director, konnte

ihr alles wahrscheinlich ganz genau sagen; des Mannes Haus stand allen

Fremden offen; wer nur das Weichbild der Stadt betrat, und nicht ganz

ohne alle Bekanntschaft kam, war in diesem gastfreundlichen Hause

eingeführt; sie probirte drei- viermal, wie sie fragen wollte, ohne

Verdacht zu erregen, aber -- nein es ging nicht; sie stockte jetzt

schon, wenn ihre Lippen, von der ganzen Welt ungehört, die Anmuth des

Mannes, in Worten aussprechen sollten, dessen Namen zu wissen, der

Vater begehre; wie sollte sie sich getrauen, dieses Wagestück der

jungfräulichen Liebe, im Kreise einer Familie zu vollführen, die, bei

ihrem Scharfsinn in dergleichen kleinen Neckereien, das Verfängliche

ihrer schüchternen Rede, gleich aus der ersten Sylbe -- Was ist das?

-- da unten im Hafen, auf dem amerikanischen Dreimaster? so wahr

der Herr lebt, da stand der junge Fremde auf dem Verdeck. Er hing

nachläßig den einen Fuß über die Laufplanken, welche den Raum für die

Finknetze umzäunen; dann sprach er, den linken Arm um den Besahnsmast

geschlungen, mit dem Steuermann; ging hierauf mit diesem und sah nach

dem Bug und nach dem Vorspill, stieg, es verging ihr der Athem, auf

die Spitze des Kraanbalkens, lief, flink wie ein Eichhörnchen, auf das

Bugspriet hinaus, setzte auf die Riegel des Galjons herab, kletterte,

trotz der beßten Katze, vom Vorsteven weiter hinauf, und hatte dem

Steuermanne überall etwas zu zeigen und zu weisen; und dieser nickte,

immer den Hut in der Hand, sehr ehrerbietig, daß es schier aussah, als

sey das amerikanische Prachtschiff des jungen Mannes Eigenthum.

Gar nicht übel, so ein Schiffchen, sagte lächelnd Hulda halb laut, und

weidete sich an dem Anblick des jungen stattlichen Schiffsherrn; bisher

hatte sie ihn immer im schwarzen Frack gesehen, jetzt -- bestimmt hatte

er gar kein Logis in der Stadt gemiethet, sondern wohnte, wie das in

den Seehäfen wohl gewöhnlich ist, in der Kajüte seines Dreimasters --

jetzt hatte er es sich bequem gemacht, und sich in sein seemännisches

Negligee geworfen; die Tracht stand ihm, meinte Hulda, die in ihrer

ungesehenen blumenumdufteten Höhe kein Auge von dem frischen, kräftigen

Seefahrer verwendete, wunderhübsch. Jacke und Beinkleider von seidenem

streifigen Zeuche; um den Hals ein schottisches Tuch geschlungen,

dessen leicht geschürzter Knoten auf die offene Brust herabhing; so

stand er vom Abendglanze der untergehenden Sonne mild umflossen, und

horchte den melodischen Gesängen zu, die auf dem Deck seines Schiffes,

vier brandschwarze Neger in ihrer Landessprache recht sinnig begonnen,

und lachte über das von dem Deck des neben ihm liegenden Fahrzeuges,

emporgellende Gezwitscher der tausend und aber tausend goldgelben

Kanarienvögel, die in dem blühenden Orangenwalde, mit dem sie heute

erst von den Kanarischen Inseln angekommen waren, frei herumschwärmten,

und immer schärfer schrieen, je lauter die Neger sangen.

Im Saale stand -- der Herr Amerikaner zwischen den schwarzen Sängern

und den gelben Schreiern, er sah gar zu niedlich aus, sie mußte ihn

einmal recht betrachten, es sah sie ja Niemand hier, -- im Saale stand

ein kleines Fernrohr des Vaters; sie schlüpfte hinein, holte es, kam

wieder heraus, baute sich auf ihrem Nähtischchen ein kleines Versteck

von recht groß buschigen Levkoitöpfen, streckte dann ihr Fernröhrchen

dazwischen und lugte, im Geheimen nun überselig, herab, und -- sah

nichts, denn der Gesuchte war von seinem Verdecke verschwunden.

Sie überflog rasch mit einem Blick den ganzen Hafen, ob er sich etwa

unterdessen in ein Boot geworfen habe, und sich an das Land setzen

lasse; aber der ganze Hafen war zwar mit solchen kleinen hin und her

gehenden Dingern, wie bedeckt, doch der, dem sie nachspähte, fand sich

in keinem; der Mensch geht am Ende, sagte sie, mit dem Auge wieder

vor ihrem Fernrohr: mit den Hühnern zu Bette! aber an solch einem

himmlischen Abend, sich jetzt schon schlafen zu legen, nein das ist ja

nicht -- sie fuhr in diesem Augenblicke mit dem Rohre an der Seitenwand

seines Schiffes herab, da -- als schlüge der Blitz ihr das verwünschte

Ding aus der Hand, so erschrak sie, und fuhr mit einem lauten Ach, in

die Höhe; denn in der einen Geschützpforte des obern Verdecks, hatte

der Schelm, hinten im Dunkeln gestanden, ein ellenlanges Telescop vor

sich, und dieses gerade auf sie gerichtet; mit diesem Goliath von

Telescop langte er sich alle, Millionen Meilen weite Sterne vom Himmel

herunter, wie genau mußte er sie hier oben nicht beobachtet haben. Wie

mochte er lachen, als er sah, wie sie hinter den Levkoibüschen stecke

und ihn auf dem Verdecke suchte -- was mußte er von ihr -- nein, sie

konnte um keinen Preis länger oben bleiben; sie fühlte, ihre Wangen

glühten, wie Feuer, und angezogen war sie heute auch nicht besonders;

auf eine solche Special-Musterung, wie der da unten, hinter seinen

Stauchweegers, über sie hielt, hatte sie sich heute freilich nicht

eingerichtet; sie packte ihre Nätherei, mit der sie diesen Abend nicht

weit gekommen war, wieder zusammen; er stand -- sie warf nur einen

halben Viertelsseitenblick hinab, und erkannte, mit bloßen Augen, das

große Spährohr, das jetzt, über eine brabanter Elle lang, aus der

Geschützpforte hervorragte, -- er stand noch immer da, und wenn sie

gleich nicht in Abrede stellte, daß sie in seinem Benehmen, sich mit

dem langen Dinge nicht vor seinen Matrosen und allen Leuten, auf das

Verdeck zu stellen, eine Art von Zartheit finden müsse; so meinte

sie doch auf der andern Seite, daß er die ganze Sternguckerei hätte

unterweges lassen können, denn wenn das einer ihrer Bekannten, von

denen beständig mehrere am Bord bald dieses, bald jenes Schiffes im

Hafen sich befanden, gewahrte, so wäre in den ersten vier und zwanzig

Stunden, in der ganzen Stadt herum, daß -- Gott! der Mensch stand immer

noch da; sie hatte nur herab geschielt, aber das Rohr war auf sie

gestellt, als hätte es der erste Zieler der Welt gerichtet; sie ward

so unnennbar süß befangen, daß sie, vor heimlichem Lachen, sich über

das unausstehliche dicke Rohr, gar nicht recht ärgern konnte. Lange

schon hätte sie vom Balkon gehen können, aber es gab noch erschrecklich

viel dort oben zu schäftern; der Nähtisch war so staubig, der mußte

abgewischt werden; die Blumen in den Töpfen -- nein der Vater mußte mit

dem Gärtner wirklich einmal ein recht ernstlich Wort reden; da war auch

nicht ein Stock ausgeputzt, keiner angebunden, keiner -- sie nahm einen

Topf nach dem andern vor und hatte tausend Arbeit. Das gigantische

Rohr, es stand wahrhaftig noch unverrückt. Anfangs war ihr die Sache

verdrüßlich gewesen, jetzt, meinte sie bei sich selbst, fange sie an,

ihr Spaß zu machen.

Die kleinen goldgefiederten Insulaner waren unterdessen müde geworden

und hatten unter den Orangenblüthen, deren aromatischer Duft die

ganze Atmosphäre durchwürzte, ihre Nesterchen gesucht; auf dem

schwarzbetheerten Grönlandsfahrer links weiter unten, streckten die

thranigen Matrosen sich der Länge nach, unter dem Fockmast zur Ruhe;

die Neger auf der amerikanischen Fregatte sangen der scheidenden

Sonne, die eben, ihre Brüder und Schwestern zu wecken, hinab sank,

die wehmüthigsten Melodieen der Sehnsucht und Liebe nach, und immer

stiller und lautloser ward es im Hafen; im Westen aber flammte das

Feuergold der Himmlischen, und bekantete die dunkeln Nachtwolken,

die tief unten am Horizonte dem Meere entstiegen, mit glühenden

Säumen. Die indischen weichen Lieder der Schwarzen, klangen in Huldas

Herzen seltsam wieder; ihr entzückter Blick staunte schweigend in die

unbeschreibliche Pracht der Abendfeier; die Nachtwinde, die auf der

gränzenlosen Fläche des Meeresspiegels, ihr eigenes Spiel treiben,

jagten das leichte, golddurchblitzte Abendgewölk vor sich her, daß sich

daraus oft wunderbare Gestalten bildeten, deren Deutung die Sinnige,

ohne die Phantasie sehr anzustrengen, leicht zu finden vermeinte. Die

Eisberge, die sich dort in das Unermeßliche hinaufthürmten, mit den

zwei riesenmäßigen Bären und der tiefe Schnee -- nun, daß das auf

Nordamerika zielte, und zwar auf das alleroberste am Nordpol selbst,

das lag wohl außer Zweifel. Der ungeheure Wasserfall von mehr denn 4000

Fuß in der Breite, mit seinen Tafel-Felsen, und seinen Staubwolken, und

Strudeln und Wirbeln, -- das war der furchtbare Katarakt des +Niagara+,

durch den in jeder Minute 700,000 Tonnen Wasser, von unermeßlicher

Höhe, unter donnerndem Getöse herabstürzen; die schwarzen kleinen

Thiere, rechts unter dem Cran-berries-[1] Gebüsche, das waren gewiß die

pechschwarzen Eichhörnchen, die oft in einem Tage zu 50,000 durch den

St. Lorenzostrom schwimmen. Die Thürme und die herrliche große Kuppel,

das war das Jesuiten-Kollegium und das Franziskaner-Kloster und das

neue Schloß zu Quebeck; sie kannte den Prospect aus dem trefflichen

Kupferstich, der im Putzzimmer des englischen Konsuls hing; der

dichte hohe Laubwald im Hintergrunde links -- auch dieser mußte ein

amerikanischer seyn, denn dort nur prangen die Wälder, wie sie gelesen

hatte, in solchem bunten Farbenspiel. Aber tiefer unten am Himmel stand

auf dem Gipfel eines gigantischen Granitberges, eine dürre menschliche

Gestalt; Beinkleider, Stiefeln und Strümpfe von Seehundsfellen; ein

Hemde von Seerabenhaut; schwarze dünne straffe Haare; ein großer Kopf;

dünne Beine, und die Farbe des Gesichts olivengrün. -- Richtig,

sagte sie lachend: das ist ein Eskimo auf Labrador, also auch ein

Amerikaner! Der Glimmerschiefer dort an der nackten Felswand; die

schönen himmelblauen +Hypersthene+, der Polarfuchs, der Papagaytaucher,

richtig, richtig, das sind alles heimische Dinge jenes Welttheils; in

der Zeichnung von Upernamik,[2] die wir neulich vom Onkel aus Herrnhut

bekamen, ist das alles bis auf die geringste Kleinigkeit da. Jetzt

bildete sich ein Kr -- ja es ward aus düstern Wolken ein langes hohes

Kreuz! sie erschrack im Geheimsten ihrer Seele über das sonderbare

Zeichen des Leidens, und schüttelte sinnend den Kopf, und sagte

heimlich, weg, weg, denn sie konnte kaum mehr hinsehen, in das magische

Zauberspiel, so ganz eigen erschien ihr das bedeutsame Marterholz, das

fest und unbeweglich dastand, als sey es für die Ewigkeit gezimmert;

es wich nicht und wankte nicht, und unten am Stamme gestaltete sich

auf dunstigem Nebellager, eine weibliche Figur, die, je länger Hulda

hinsah, sich immer mehr und mehr der wolkigen Schleier enthüllte, bis

denn endlich die Mutter in kolossaler Größe, aus dem dunkeln Chaos

heraustrat, angethan mit einem milchweißen Sterbekleide, über dem

Haupte einen goldlichten Heiligenschein; ihre Linke ruhte auf einem

Monumente von weißlich grauem Gestein; ihre Rechte aber hielt sie

furchtbar drohend, in die Höhe gehoben. --

Mein Mütterchen, rief Hulda seltsam ergriffen: was zürnt mir deine

sanfte Liebe? was deutet der graue Grabstein, das weiße Sterbegewand,

und der goldige Reif? und -- das Kreuz, das entsetzliche Kreuz! will es

denn noch immer nicht weichen? --

Es ward dem Mädchen angst und wehe in der gepreßten Brust; es konnte

den Blick nicht mehr hinrichten in die gespenstigen Bilder; sie wendete

sich, und erfreute sich an der herrlichen Abendbeleuchtung, in der die

alte gothische Sophienkirche, drüben über dem Hafen, prangte; alle die

langen Fenster waren lauter flimmernde Goldspiegel; das braunrothe

Gemäuer schien mit Metall überzogen, und in der dunkelblauen Abendluft

blitzte der große Knopf am himmelhohen Thurme, wie -- ja, sie hatte

nach dem Amerikaner wirklich nicht wieder sehen wollen, am wenigsten

jetzt, aber daß ihr Blick, als sie nach der Spitze des Sophienthurms

hinauf sah, beim Mastkorb[3] des amerikanischen Dreimasters vorbei

streifte, und daß in diesem, der junge Wagehals, fröhlich und

wohlgemuth saß, davor konnte sie nicht. Er hatte das heimtückische

lange Sehrohr mit oben, und ergötzte sich an der Aussicht rund um. Der

Mastbaum war bestimmt über 100 Fuß hoch,[4] und der Mensch beinelte

da oben mit beiden Füßen, und trieb allerlei Kurzweil, als säße er im

Sopha; er -- nein sie konnte nicht mehr hinsehen; sie waren sich Beide

jetzt einander so nahe, und der dreuste Patron gab seinen Wunsch, in

der luftigen Höhe hier oben, eine kleine scherzhafte Unterhaltung

anzuknüpfen, so deutlich zu erkennen, daß sie nur durch geschwindes

Wegwenden vermeiden konnte, nicht von ihm im nächsten Augenblicke

freundnachbarlich begrüßt zu werden. Doch ein wenig heimlich und

verstohlen hinüber zu schielen, versagte sie sich nicht; der junge

muthige Seelöwe -- er war gar zu hübsch.

Das Gebilde der Nachtwolken am Abendhimmel, war unterdessen gänzlich

verschwunden, nur das Kreuz war noch etwas sichtbar, doch nicht

mehr so düster und schwarzdunkel, wie vorhin; es schwebte, vom

letzten Strahlen-Glanze der scheidenden Sonne durchglüht, tiefer im

Hintergrunde, und zerfloß allmählich in unermeßlicher Ferne, vor

Huldas Augen, in die Feierpracht des milden Lichts, das in rosiger

Herrlichkeit, jetzt rein und klar, im gränzenlosen Raume flammte, und

sich in den ruhigen Wogen des unübersehbaren Meeres wiederspiegelte;

Milliarden Silbersternchen schillerten auf der ewig sich hebenden

und senkenden chrysoprasgrünen Fläche, und hüpften in die weißen

Schaumwellen der sanften Brandung, verschwanden und waren im Nu

wieder tausendfältig da, und Hulda hob, verloren im Entzücken des

unbeschreiblich großen Schauspiels, das Auge zu dem, der über den

Wolken thront, und legte die Hände, gefaltet, auf das in süßer

Vollkommenheit klopfende Herz.

Auf der äußersten Höhe der See, am Horizonte, hatte sie schon lange

einen schwarzen Punkt gewahrt; er war jetzt näher gekommen, hatte

geschossen, die Flagge in Schau wehen lassen und aufgebraßt,[5] und die

Lotsen eilten in ihren Booten hinaus, um den englischen Brigkutter, der

sich aus jenem schwarzen Pünktlein nach und nach geformt hatte, in den

Hafen zu bugsiren.

Als der Kutter das Hafenfort passirte, begrüßte ihn dieses mit seinem

Geschütz; sämmtliche vor Anker liegende Fahrzeuge bewillkommten es mit

dem gewöhnlichen Hurrah, und der junge Freund im Mastkorbe, schnitt

ihm, aus läppischem Muthwillen, die tiefsten Komplimente hinab, so daß

Hulda über den komischen Menschen laut -- ach nein -- das Hähnlein

im Korbe ward keck -- mitten unter den Bücklingen, die er dem Kutter

machte, warf der junge Herr Amerikaner, -- sie hatte es wohl gesehen,

-- der Nachbarinn auf dem Balkon, ein halb Dutzend Küsse zu. An den

Ufern des Missisippi mochte das vielleicht Mode seyn, aber nicht hier

zu Lande; sie flüchtete in den Saal zurück, eilte, ohne das Unheil,

welches der englische Kutter ihr brachte, zu ahnen, auf ihr Zimmer;

drängte das Gesicht, auf dem, -- sie wußte selbst nicht warum, --

Freude, Muthwille, Lachen und Ausgelassenheit, aus allen Zügen blitzte,

vor dem Spiegel in die Schranken des Ernstes zurück, und ging, nachdem

sich das Roth, das ihr der Aerger über den vorwitzigen Nachbar im

Mastkorbe, auf die Wangen gegossen, ein wenig verloren hatte, zur

Mutter.

Diese befand sich über alle Erwartung wohl; sie scherzte, seit mehreren

Wochen zum ersten Male, wieder mit Hulda; sie streichelte ihr die

Wange; sie liebkos’te das holde Kind mit den zartesten Namen und

betrachtete es fast unverwandten Blickes, mit sichtbarem Wohlgefallen.

Hulda konnte sich die auffallende Umwandlung platterdings nicht

erklären; sie frug die Mutter, ob in ihrer Abwesenheit etwas

vorgefallen sey, was die glückliche heitere Stimmung bewirkte, allein

die Mutter erwiederte lachend: soll ich mich meines Kindes nicht

freuen? Du bist so fromm und gut; Du bist so frisch und gesund, so

groß, und -- die Mutter darf das ja dem bescheidenen Kinde in das

Gesicht sagen, und so hübsch geworden, und wer dich vor ein paar Jahren

sah, und Dir jetzt wieder begegnet, kennt Dich nicht mehr. Wie lange

wird es werden, und ich flechte Dir den Brautkranz in’s Haar!

Der lieblichen Hulda flog alles Blut in die Wangen; davon hatte die

Mutter im Leben noch nicht gesprochen. Man hatte sie immer noch wie

ein Kind behandelt; die Mutter hatte sie, noch vor wenigen Tagen, ihr

Kälbchen geheißen, und gefragt, wenn sie denn einmal die Kinderschuhe

ausziehen werde, und jetzt -- vom Brautkranz! -- sollte unterdessen

etwa der wilde Mensch, der Amerikaner -- aber der war ja seit heute

Mittag nicht von seinem Verdeck gekommen, der saß ja bestimmt noch in

seinem Korbe. Nein, das war nicht möglich!

Es sollte mich, fuhr die Mutter freundlich fort: nichts glücklicher

machen, als wenn ich noch die Seligkeit haben sollte, Dich vor meinem

Hinscheiden, an der Seite eines recht wackern Mannes zu sehen.

Dem Mädchen verging der Athem. Das Gesicht brannte ihm, wie Feuer!

Der Dreimaster, das Kreuz, die drohende Mutter, das Sterbegewand,

der englische Kutter, der Grabstein, alles wirrte sich ihr in dem

Augenblick vor die Seele; sie wollte sich zum Scherz zwingen, und der

Mutter versichern, daß es mit dem Brautkranz noch lange Zeit habe, aber

-- kein Wort konnte sie über die Lippen bringen. Hatte der Mensch mit

dem braunen Lockenkopfe und den veilchenblauen Augen -- denn keinen

andern konnte die Mutter meinen, weil kein anderer auf der ganzen Welt

in ihrem jungfräulichen, vor wenigen Minuten noch fest verschlossenen

Herzen lebte -- hatte der vielleicht durch einen Dritten -- nein aber

so rasend konnte er, wenn sie ihm auch, nach seinem Benehmen, alle

Tollheiten zutrauen mußte, doch nicht seyn.

Schenkt mir der liebe Herr Gott, setzte die Mutter ernster werdend

hinzu: meine Gesundheit wieder, und fristet er mir mein Leben, so

gehört es zu dessen einziger Glückseligkeit, daß ich Dich in der Nähe

behalte. Mütter, die das Liebste ihres Herzens, ihre Kinder, aus dem

Hause in die weite Welt ziehen sehen, büßen mehr denn die Hälfte ihres

ganzen Lebensglücks unwiederbringlich ein. Du bist jetzt in den Jahren,

meine herzensliebe Hulda, daß Du meine Freundin seyn kannst; hier, das

weißt Du, mein Kind, ist niemand, dem diese Stelle zu Theil ward. Die

Männer gehören dem Getriebe der Geschäfte, der halben Welt; und meine

Sophie, meine treue Schwester, haben sie zweitausend Meilen weit von

mir weggeführt. Die wußte -- sie sprach leiser, ihre Stimme ward weich

und stille Thränen traten ihr in das lebensmüde Auge -- die wußte

alles; meinen Kummer und meinen Schmerz; auch meine Freuden wußte sie;

ihr Gatte führte sie mit sich aus meinen Armen über das Weltmeer, und

so habe ich seitdem zwanzig lange Jahre allein gestanden, bis Du jetzt

heranwuchsest, um mir den Rest meiner Tage durch Deine Freundschaft,

Deine Liebe zu versüßen, und mir die Augen, wenn sie im Tode sich

brechen, zum ewigen Schlummer zu schließen. Nicht wahr mein einziges,

mein süßes Kind, Du gehst nicht von mir?

Nein mein Mütterchen, rief Hulda tief bewegt, und dachte in diesem

Augenblicke an nichts, als an die heilige Pflicht, die der Vater

dessen, der die Kindlein zu sich kommen ließ, um sie zu segnen, in die

fromme Brust jedes guten Menschen gelegt hat. Sie wollte noch etwas

sagen, aber die Mutter unterbrach sie mitten in der Rede.

Der Vater, hob sie an, und es war, als verhalte sie die Miene des

Verdrusses mit Mühe: der Vater gab Dir heute den Auftrag, Dich nach

dem jungen Fremden -- sie hielt inne, und legte die Hand krampfhaft

zuckend, sich auf die Augen -- nach dem jungen Fremden zu erkundigen.

Thue das nicht, Hulda, Männer sind in dergleichen Fällen leichter,

unzarter; Du aber wirst fühlen, daß sich das nicht schickt; der alte

Director, Du kennst ihn, und besonders die Linsing’schen Mädchen -- sie

machte ein Gesicht, als seyen ihr letztere unbeschreiblich zuwider --

bestimmt dächten diese, Du fragtest aus ganz besonderen Ursachen nach

dem -- nach dem Menschen.

Der armen Hulda flog ein geheimes Zittern durch alle Glieder, als

die Mutter des Klettervirtuosen auf dem Rösterwerk gedachte; um nur

davon abzukommen, und um -- sie konnte aus dem Gesichte der Mutter

nicht recht klug werden; es mußte ihr jemand von dem Unbekannten etwas

gesagt haben, und um also zu erfahren, wer etwa mit der Mutter sprach,

fragte sie, nach der Versicherung, daß sie, auch ohne die freundliche

Erinnerung der Mutter, die Frage nach dem Fremden, bei Directors

nicht gethan haben würde, querfeldein, ob unterdessen, daß sie im

Garten arbeitete, Jemand bei der Mutter war; diese aber erwiederte

halb lächelnd: kein Mensch, und versicherte, sie habe fast die ganze

Zeit geschlafen, sey vor wenigen Augenblicken erst erwacht und -- sie

betonte das Wort, -- +gleich+ mit dem Gefühle der angenehmsten

Erheiterung.

Kurz darauf erzählte die Köchinn, welcher Hulda, zum Abendessen,

mehreres heraus gab, wie sie sich vorhin über Maklers Suschen ärgerte;

das kam, fuhr sie, der Schiffssprache wohl kundig, fort: das kam die

Treppe herauf gebraus’t, wie ein fliegender Sturmwind zwischen den

Wendekreisen. Ich bat höflich, die Segel back zu brassen, weil die Frau

Admiralitätsräthinn schlafe; Orkan-Suschen aber blieb beim steifen

Winde, verlangte dringend, mit der Frau Räthinn zu sprechen, that

erschrecklich fröhlich, als habe es, wer weiß, was vor eine glatte

Fahrt, setzte alle Segel bei und mudderte gerades Weges in die Stube.

Aber keine fünf Minuten, so wendete der Schnellsegler durch den Wind,

und fuhr von dannen, woher er kam.

Hulda stutzte!

Was war das! die Mutter, sonst die Wahrheit selbst, hatte auf die

Frage, ob Jemand bei ihr war, geantwortet, kein Mensch! und doch war

Suschen -- was konnte das Mädchen bei der Mutter gewollt haben? was

konnte das so dringende Geschäft gewesen seyn? sollte der Mensch

mit dem langen Sehrohr -- der Mutter sonderbare Aeußerung über das

Heirathen, -- aber -- einfältiger Gedanke; so etwas -- wenn auch

Suschen in +seinem+ Auftrage gekommen wäre, so etwas macht sich

doch nicht in solcher Eil, in solcher Hast ab. Zwar -- das Mädchen

konnte ja blos einen Brief von ihm bringen -- doch -- nein, die Liebe

ist unausstehlich! sie macht alles möglich, sie setzt sich über alles

weg; das Allerunwahrscheinlichste wird dem liebenden Glauben zur

unumstößlichen Thatsache. Suschen war ein dummes gutherziges Ding; der

junge Fremde hatte sich, seiner Geschäfte wegen, bei dem Vater, dem

Schiffsmakler gemeldet; das Gespräch war auf dieß und jenes gekommen,

am Ende auch auf den Herrn Admiralitätsrath Splügen, und dessen Jungfer

Tochter; der Herr Fremde hatte -- denn +der+ konnte sich nicht

verstellen, das hatte ihm Hulda nun schon abgemerkt, -- geäußert, daß

er dieser Hulda Splügen gar nicht gram sey, Mamsell Suschen, die sich

nur zu gern in alles mengte, hatte in ihrer lieben Unbefangenheit sich

erboten --

Der Vater lachte laut auf, denn, eben von seiner Erholung zu Hause

gekommen, hatte er auf dem Flur der Tochter schon lange zugesehen, die,

in Gedanken verloren, wie eine Bildsäule stand, das Wachslicht dicht

vor das Näschen hielt und, mit beiden Augen starr in das milde Licht

schauend, die Flammengluth nicht ahnete, zu der die ersten Liebesfunken

in der geheimsten Tiefe ihres Innern, binnen wenigen Stunden,

emporgelodert waren.

Hulda erschrak über die unvermuthete Nähe des Vaters und sein

ironisches Lachen so heftig, daß das Licht auslöschte, und das war auch

recht gut, denn sonst hätte der Vater den Scharlach gewahren müssen,

der sich über das Zaubergesichtchen der liebholden Träumerinn, mit

Blitzesschnelle ergossen hatte.

Sie ging zurück, das Licht wieder anzuzünden, und als sie es brachte,

war der Vater, der vorhin so fröhlich geschienen hatte, verstimmt und

befangen; er sah den Liebling seines Herzens mit ungewissem Blicke

an, ging im Zimmer auf und ab, gab seiner Frau die Hand, schüttelte

schweigend den Kopf, sagte still vor sich hin, nein, -- nein, und ging

in sein Kabinet.

Was war dem Vater? fragte Hulda besorglich -- die Mutter aber

entgegnete, nichts, Kind, Du weißt ja, wie die Männer sind.

Hulda schwieg, aber es ward ihr, sie konnte sich selbst nicht sagen,

warum, bange in der beklommenen Brust, denn ohne Bedeutung war des

Vaters: nein, nein! und der Mutter unterdrückte Verdrüßlichkeit nicht;

und daß sie im Spiele war, lag klar am Tage; der Vater sah sie gar zu

sonderbar an. Am Ende -- ganz gewiß hatte die Mutter den Brief, den ihr

Suschen brachte, und in welchem der da unten im Hafen ihrer erwähnte,

dem Vater mitgetheilt, und dieser zu dem Antrage des Tollkühnen, sein

einziges Kind ihm mit nach Amerika zu geben, -- das vorbedeutende nein,

nein gesagt -- aber das konnte es ja auch nicht seyn! denn der Mutter

schien dieses hingeworfene nein nein, gar nicht recht! -- Je mehr sie

sich alle Umstände zusammensetzte, desto verwirrter ward sie in ihrer

Logik; und sie zagte jetzt dem Abendbrode entgegen, wo sie zwischen den

beiden räthselvollen Aeltern sitzen sollte, ohne zu wissen, woran sie

sey. Sie glaubte, die Mutter werde wegen des Unfalles von heute Mittag,

nicht mit zu Tische gehen, aber, als wolle diese Vater und Tochter

absichtlich mit einander nicht allein lassen, sie behauptete, daß ihr

recht wohl sey, und kam.

Der Vater -- das war so seine Art, wenn er mit der Mutter eine kleine

vorübergehende Unannehmlichkeit gehabt hatte, -- entfernte sich auf

einige Minuten in sein Kabinet, kam dann mit erzwungener Laune zurück,

gedachte des Vorfalls mit keiner Sylbe weiter, und bemühte sich, das

gute Vernehmen, durch erkünstelte Heiterkeit, möglichst bald wieder

herzustellen; der Vater brachte seinen, in aller Geschwindigkeit

zusammengestoppelten Humor mit zu Tische; wenn er aber, mitten im

Gespräch, Hulda ansah, dann schien dieser es immer, als wenn sein Blick

ihr verstohlen sagen wollte, mein armes Kind, wenn Du doch wüßtest, was

sie mit dir vorhätten. Doch späterhin, als er die Galle, die in ihm

mochte rege werden, mit seinem vortrefflichen Loignon verdünnte, schien

er das Krüppelchen, was ihm das Schicksal, vor dem Traualtare, an sein

Lebensglück gebunden hatte, auf einige Augenblicke wieder vergessen zu

haben; er ward freundlicher, und erzählte von den Begebnissen des Tages

mit seiner gewohnten Lebhaftigkeit und fröhlichen Laune.

Apropos, begann er unter andern, zu Hulda gewendet: Du brauchst Dich

morgen bei Direktors nach dem jungen Fremden nicht zu erkundigen. Hulda

schlug die Augen auf den Teller nieder, und ärgerte sich über sich

selbst, denn schon dieß einzige Wort jagte ihr eine stechende Röthe

auf die Wangen; die Mutter aber legte Messer und Gabel weg, als vergehe

ihr Essen und Trinken.

Beides bemerkte der Vater nicht, und berichtete nun, daß der junge

Mann aus Mexiko sey. Ich weiß jetzt alles, fuhr er fort: er ist am

Bord seines eigenen Schiffes, mit einer reichen Ladung von Vanille,

Seide, Balsam und Kakao, aus dem Südseehafen Acapulco in See gegangen,

und will hier Leinwand, als Rückfracht nehmen. Am Isthmus von Panama

hat er weitläufige Kolonien; und aus den undurchdringlichen Wäldern

seiner Heimath, versieht er mit Schiffsbauholz die Häfen von Veracrux

und ganz Nordamerika. Mit den Tschipewäern, den Missuriern und den

Biberindianern oben am Eismeere und mit den Huronen und Algonkinen in

Kanada, hat er einen ausgebreiteten Handel mit Pelzwaaren, und von

Yukatan an der Hondurasbai zieht er jährlich ungeheure Quantitäten

Kampecheholz, mit dem ihr violett färbt, und unsere Aerzte die Ruhr

vertreiben; und an den unerschöpflichen Gold- und Silbergruben seines

Vaterlandes, deren Ausbeute jährlich 23 Millionen Piaster beträgt,

hat er einen namhaften Antheil; seht Kinder, das ist ein Kaufmännchen,

gegen den die Krämer unserer kleinbürgerlichen Seestadt sich alle

verstecken müssen. Das Schiff, mit dem er gekommen ist, heißt, wie Du

Frauchen, Antoinette, und --

Der Mutter ward wieder übel und wehe; sie lehnte sich in den Sessel

zurück, wehrte mit der Hand, als wolle sie sagen: nichts mehr, nichts

mehr davon, und verlangte zu Bette. Sie rief zweimal Hulda, dem

Dienstmädchen zu klingeln, aber diese war ja in Acapulco, und sah ihn

mit seiner Vanille und Seide, mit seinem Kakao und Balsam, dort die

Anker lichten, und durchwandelte mit ihm seine Pflanzungen auf der

Erdenge von Panama und hüllte sich in die prächtigsten Pelze, die er

bei den Huronen und Biberindianern so eben erkauft hatte, und nahm sich

vor, von nun an nichts als violett zu tragen, weil aus +seinen+

Händen die Farbe kam; selbst ein wenig Ruhr hätte sie nicht übel

genommen, denn +er+ war es ja, der ihr das Heilmittel dagegen, aus

dem fernen Welttheil brachte.

Aber Hulda, Du sollst ja der Babette klingeln; sagte der Vater

verwundert, und sah der Stillverzückten in das starr auf einen Punkt

vor sich hin geheftete Auge.

Gleich, gleich! entgegnete das Mädchen, aus seinen seligen Träumen

schnell auffahrend, eilte, statt zur Klingelschnur am Sopha, auf den

Flur hinaus, und zog an der Thürklingel, daß alle Domestiken zusammen

kamen und, in der Meinung, ein Fremder läute den rasenden Sturm, von

Ferne schon riefen: nun, nun, nur sachte, wir sind ja nicht taub.

Hulda aber war über das laut schellende Gebimmel der dummen Glocke,

die, einmal so heftig in Bewegung gesetzt, nicht wieder schweigen

wollte, längst wieder zu sich gekommen, und flüchtete, um dem Gefrage

der Aeltern und der Leute, die sie alle für halb verrückt ansehen

mußten, aus dem Wege zu gehen, in den Garten.

Nein, sagte sie zu sich selbst, das muß anders werden; das taugt

nicht. Bei Gott, ich finge an, selbst an meinem Verstande zu zweifeln,

wenn das länger so fortgehen sollte. Er muß heraus aus dem Kopfe

und aus -- sie wollte hinzusetzen, und aus dem Herzen, aber in dem

Augenblick ertönte ein mit ungemeiner Zartheit geblasener Flötenaccord;

schmeichelnde Nachtlüftchen trugen ihn ihr zum lauschenden Ohr, und

säuselten ihr zu: das ist von ihm.

Des Vaters Sünde, der Mutter Fluch · 第 6 / 15 题