Vaters Sünde, der Mutter Fluch,
von
H. Clauren.
Dresden, 1823,
in der Arnoldischen Buchhandlung.
Der Admiralitätsrath kam von der Session, und lächelte freundlich, als
Hulda ihm, wie gewöhnlich, Hut und Stock abnehmend, versicherte, daß es
mit der Mutter recht leidlich gehe; sie hofft, setzte das Mädchen mit
kindlicher Freude hinzu: heute wieder mit uns essen zu können; suche
sie da nur möglichst aufzuheitern; sie bedarf dessen in ihrer jetzigen
Stimmung mehr, als aller Arznei; ich habe alles Ersinnliche gethan, um
sie ein wenig zu zerstreuen, und sie hat sich diesen Morgen viel besser
befunden, als die ganze letzte Zeit über.
Der Vater küßte das holde Kind auf die Stirn, und ging mit bejahendem
Kopfnicken, auf den Zehen, in das Krankenzimmer der Mutter.
Hulda ließ in diesem den kleinen Tisch nur mit drei Gedecken belegen
und die Mutter nahm an demselben ihren Platz. Hulda faltete die Hände
und sprach, nach des frommen Hauses alter Sitte, das Gebet zu dem, der
seine Welt mit Liebe nähret, laut; in ihrem himmelwärts gehobenen
Blick, in dem Tone ihrer Worte sah und hörte man die freudige Rührung,
daß die geliebte Mutter sich auf dem Wege der Wiedergenesung, und
seit vielen Monaten, heute zum ersten Male, in der Mitte des trauten
Familienkreises befand.
Dem Vater trieb das Mädchen mit seiner einfachen, herzlichen Weise,
Thränen in die Augen. Er reichte schweigend dem lieblichen Kinde, nach
dem Gebete, die Hand, und zog die Rechte der Gattinn an seine Lippen.
Diese aber ließ die stille Feier ihres Genesungfestes unerwiedert,
tadelte das Essen, und warf der armen Hulda, die sich in sorglicher
Auswahl des Beßten erschöpft hatte, Mangel an Aufmerksamkeit vor; sie
würde, die ganze Tischzeit über, diesen Mißton festgehalten haben, wenn
nicht der Vater, der Bitte des Mädchens eingedenk, die finstern Grillen
der Leidenden immer abzulenken verstanden und, zu ihrer Aufheiterung,
das Gespräch auf allerlei Gegenstände geleitet hätte. Die frohe Laune
und die Gemüthlichkeit ohnehin selbst, ward ihm diese Aufgabe nicht
schwer, zumal heute, wo ihm, wie Hulda schon bei der zweiten Schüssel
bemerkt hatte, beständig ein leichtes Lächeln um die Lippen schwebte;
wie sie den Vater kannte, mußte ihm auf jedem Fall etwas komisches
begegnet seyn, was sein Inneres noch angenehm beschäftigte, und als sie
ihm, da er wieder einmal vor sich heimlich lächelte, ihre Vermuthung
mittheilte, meinte er, daß sie nicht unrecht habe.
Er erzählte jetzt, daß schon seit länger denn vierzehn Tagen, ihm,
allemal, wenn er Mittags aus der Session komme, ein junger Mensch, auf
einer und derselben Stelle, unweit der Hauptwache, begegne; Beiden sey
das aufgefallen, sie hätten bisher allemal, jeder für seine Rechnung,
ein wenig gelacht und heute habe der junge Mensch höflich den Hut
gezogen, und höchst freundlich gegrüßt, er, der Vater aber, mitten im
Gegenkomplimente, über das Spaßhafte des täglichen Zusammentreffens,
sich nicht enthalten können, laut aufzulachen. Ich sehe uns, setzte er
scherzend hinzu, wenn das lange so fort geht, noch am Ende die dicksten
Freunde werden.
Diese Worte, so unbedeutend sie jetzt klangen, so gewichtig, so
eisenschwer wurden sie in der Folge. Manches Wort mag so in den Kreisen
der Menschen, kaum gehört, verhallen, was ihnen der Schlüssel zu den
Geheimnissen ihrer ganzen Zukunft seyn könnte. Wohl uns, daß es so ist.
Du bist morgen, fuhr er, zu Hulda gewendet, fort: bei Linsings auf
dem Balle. Der Alte kennt die ganze Stadt; gewiß weiß der, wer der
junge Mann ist; frag’ ihn doch; der Mensch kann vier- fünfundzwanzig
höchstens alt seyn, und das kaum. --
Hulda legte, mit komischer Naivität, den Zeigefinger der Rechten, an
das Daumen-Spitzchen der linken Hand, als wolle sie die beschriebenen
Eigenschaften des Fraglichen, an den Fingern abzählen, --