+Majas Gefangenschaft bei der Spinne+
Nach dieser Begegnung mit der Fliege Puck war der kleinen Maja nicht
sonderlich froh zumute. Sie konnte sich unmöglich denken, daß Puck in
allem recht haben sollte, was sie über den Menschen gesagt hatte und wie
sie sich zu ihm stellte. Maja dachte so ganz anders vom Menschen. Sie
hatte ein hohes und schönes Bild von ihm und sträubte sich dagegen,
etwas Geringes und Lächerliches von ihm zu glauben. Aber sie wagte es
doch nicht, sich in seine Behausung zu begeben. Wie sollte sie wissen,
ob es ihm angenehm war, und um alles in der Welt wollte sie niemandem
zur Last fallen. Sie dachte noch einmal über alles nach, was Kassandra
ihr erzählt hatte: »Die Menschen sind gut und weise«, hatte sie ihr
gesagt. »Sie sind sehr stark und mächtig, aber sie mißbrauchen ihre
Kräfte nicht, sondern überall, wo sie hinkommen, entsteht Ordnung und
Wohlstand. Sie sind dem Volk der Bienen wohlgesinnt, darum vertrauen wir
Bienen uns ihrem Schutz an und teilen unseren Honig mit ihnen. Sie
lassen uns genug für den Winter und sorgen dafür, daß der Frost und die
große Schar der Feinde, die wir unter den Tieren haben, uns nicht stören
oder vernichten. Es gibt wenig freie Tiere in der Welt, die solch ein
Verhältnis von Freundschaft und freiwilliger Dienstbarkeit mit den
Menschen eingegangen sind. Du wirst immer wieder unter den Insekten
Stimmen hören, die dem Menschen Böses nachsagen. Höre nicht auf sie.
Wenn ein betörtes Bienenvolk sich einmal in die Wildnis begibt und sein
Heil ohne den Menschen versucht, geht es rasch zugrunde. Es gibt zu
viele Wesen, die Verlangen nach unserm Honig tragen, und oft ist ein
ganzer Staat ruchlos vernichtet worden, mit seinen Bauten und seiner
Brut, nur weil ein unvernünftiges Tier seine Begierde nach dem Honig
stillen wollte.« So hatte ihr Kassandra damals erzählt, und solange sich
Maja nicht vom Gegenteil überzeugt hatte, wollte sie an die Wahrheit
dieser Worte glauben.
Es war schon Nachmittag geworden, und die Sonne stand hinter den
Obstbäumen eines großen Gemüsegartens, den Maja durchflog. Die Bäume
waren längst verblüht, aber die kleine Biene entsann sich noch gut, sie
alle in ihrem leuchtenden Glanz von unzähligen Blüten gesehen zu haben,
die sich heller als das Licht und betörend rein und lieblich gegen den
blauen Himmel emporgehoben hatten. Der süße Duft und der lichte Schimmer
hatten sie zu einer Seligkeit berauscht, die sie in ihrem Leben niemals
vergessen wollte.
Sie dachte nun im Dahinfliegen darüber nach, daß das alles wiederkommen
sollte, und ihr Herz wurde weit vor Glück über die Herrlichkeit der
großen Erde, auf der sie leben durfte.
Am Ende des Gartens schimmerten die weißen Sternenbüschel des Jasmin,
mit ihren zarten gelben Angesichtern, mitten im Strahlenkranz von reinem
Weiß. Der sanfte Wind trug ihr den süßen Duft entgegen. Und gab es nicht
auch noch Linden, die in dieser Jahreszeit in voller Blüte standen? Und
Maja dachte beglückt an die großen, ernsten Linden, in deren Wipfel bis
zuletzt das rötliche Glühen der Abendsonne stand.
Sie flog zwischen Brombeerranken hindurch, die schon grüne Beeren
angesetzt hatten, aber auch noch Blüten trugen. Als sie wieder empor
wollte, um zum Jasmin zu gelangen, legte sich plötzlich etwas
Fremdartiges über ihre Stirn und über ihre Schultern, ebenso rasch
bedeckte es die Flügel, so daß sie wie gelähmt wurden und Maja in dem
seltsamen Wunder dieser fremden Erscheinung das Bewußtsein hatte,
plötzlich in ihrem Flug gehemmt zu sein und das Gefühl, zu fallen,
kraftlos niederzufallen, als hielte eine heimliche, böse Gewalt ihre
Fühler, ihre Beine und ihre Flügel in unsichtbarer Gefangenschaft. Aber
sie fiel nicht. Obgleich sie ihre Flügel nicht mehr bewegen konnte,
schwebte sie doch, wunderbar weich und zart und nachgiebig hielt es sie,
hob sie ein wenig, senkte sie wieder und trieb sie hin und her, als
spielte ein sanfter Wind mit einem gelösten Blatt.
Die kleine Maja überkam ein Gefühl von Beängstigung, aber recht fürchten
konnte sie sich noch nicht, da sie weder Schmerzen empfand, noch
eigentlich ein Unbehagen verspürte. Nur seltsam war es, ganz seltsam,
und dahinter lauerte etwas Böses. Sie wollte doch sehn, daß sie weiter
kam. Wenn sie sich recht anstrengte, so würde es ihr sicher gelingen.
Da sah sie quer über ihrer Brust einen unendlich feinen, dehnbaren
Silberfaden, und als sie rasch und in heißem Schreck danach griff, blieb
er an ihrer Hand hängen, klebte fest und ließ sich nicht mehr lösen. Und
dort lief ein zweiter Silberfaden über ihre Schulter, zog sich über die
Flügel hin und verband sie miteinander, so daß sie sie nicht mehr heben
konnte. Und dort und dort, überall in der Luft und über ihren Körper hin
liefen diese hellen, glitzernden, klebrigen Fäden.
Die kleine Maja schrie laut auf vor Entsetzen, denn nun hatte sie
erkannt, was ihr geschehn war und wo sie sich befand. Sie war im Netz
der Spinne.
Ihr Weinen und Rufen scholl laut und angstvoll in die stille sommerliche
Runde, in der der Sonnenschein auf goldgrünen Blättern blinkte, in der
Insekten hin und her flogen und Vögel sich durch die Luft warfen. Ganz
nah duftete der Jasmin im Blau. Dorthin hatte sie gewollt, nun war es
mit ihr zu Ende.
Ein kleiner bläulicher Schmetterling, der braune Pünktchen, die wie
Kupfer schimmerten, auf seinen Flügeln hatte, kam ganz dicht an Maja
vorüber.
»Ach Arme«, rief er, als er das Jammern der kleinen Maja hörte und sie
verzweifelt im Netz der Spinne zappeln sah. »Möchte Ihnen der Tod leicht
werden, Sie Liebe. Ich kann Ihnen nicht helfen. Auch mich trifft es
einmal, vielleicht schon diese Nacht. Aber noch ist es schön für mich.
Leben Sie wohl, vergessen Sie die Sonne nicht in Ihrem tiefen
Todesschlaf.«
Und er schaukelte weiter, ganz betäubt vom Blühn und von der Sonne und
von seiner Lebensseligkeit.
Der kleinen Maja stürzten die Tränen aus den Augen, und sie verlor allen
Halt und jede Gefaßtheit. Hin und her stieß sie sich mit ihren
gefesselten Flügeln und Beinchen, schrie und summte, so laut sie konnte,
und rief um Hilfe und wußte nicht wen. Und dabei verwickelte sie sich
immer fester in das Netz. Ach, nun gingen ihr in ihrer großen Angst die
Warnungen Kassandras durch den Sinn: »Hüte dich vor dem Netz der Spinne,
in ihrer Gewalt erleiden wir den grausamsten Tod. Sie ist herzlos und
tückisch und läßt niemanden wieder frei.«
Ihre Todesangst wurde zur Verzweiflung, mit ihren letzten Kräften machte
sie eine gewaltige Anstrengung, aber obgleich sie die Empfindung hatte,
als risse irgendwo eines der langen, stärkeren Tragseile, in denen
das Netz hing, so spürte sie doch das furchtbare Verhängnis des
Spinnennetzes, das darin bestand, daß es um so gefährlicher wirkte,
je mehr man sich darin bewegte.
Als sie in völliger Erschöpfung einen Augenblick innehielt, sah sie
unter einem großen Brombeerblatt, ganz in ihrer Nähe, die Spinne sitzen.
Ihr Entsetzen war unbeschreiblich, als sie das große Ungeheuer ganz
ernst und still wie zu einem Sprung geduckt unter dem Blatt hocken sah.
Die Spinne sah mit bösen funkelnden Augen auf die kleine Maja, in einer
boshaften Geduld und grauenhaft kaltblütig.
Maja stieß einen lauten Schrei aus. Ihr war, als habe sie noch niemals
so voller Angst aufgeschrien. Schlimmer konnte auch der Tod selbst nicht
aussehen, als dieses graue, behaarte Ungetüm mit seinem bösen Gebiß und
den hochstehenden Beinen, in denen der plumpe Körper wie in einem
Gestell hockte. Und nun gleich würde sie zustürmen, und mit ihrem Leben
war es zu Ende.
Da befiel Maja ein furchtbarer Zorn, wie sie ihn niemals gefühlt hatte.
Sie stieß ihren hellen, bösen Kampfruf aus, den alle Tiere kennen und
fürchten, und vergaß ihre Angst und ihr Herzeleid und war nur noch
darauf aus, ihr Leben so teuer als möglich zu verkaufen.
»Sie werden Ihre Hinterlist mit dem Tode büßen«, schrie sie der Spinne
entgegen. »Kommen Sie nur her, um mich zu töten, Sie werden erfahren,
was eine Biene vermag.«
Die Spinne rührte sich nicht. Es war wirklich außerordentlich unheimlich
und hätte sicher auch größere Tiere geängstigt, als die kleine Maja
eines war.
Mit der Kraft ihres Zorns machte sie eine letzte verzweifelte
Anstrengung. Knack! Da riß über ihr ein langer Faden, der das Netz an
einer Seite hielt. Es war sicher für kleine Mücken oder Fliegen
berechnet und nicht für so große Insekten, wie es Bienen sind. Aber Maja
verwickelte sich nur noch ärger.
Da glitt die Spinne mit einem Ruck näher, ganz dicht bis an die kleine
Maja heran, auf einem einzigen Faden, an dem sie mit den beweglichen
Beinen heranturnte, so daß ihr Körper nach unten hing.
»Was berechtigt Sie dazu, mir mein Netz zu zerstören?« sagte sie mit
krächzender Stimme zu Maja. »Was wollen Sie hier? Ist die Welt nicht
groß genug? Was stören Sie eine friedliche Einsiedlerin?«
Das hatte die kleine Maja nicht erwartet. Nein, das wirklich nicht.
»Es war ein Versehen«, rief sie, und zitterte vor Glück und Hoffnung.
So häßlich die Spinne auch war, so schien sie doch keine bösen Absichten
zu haben. »Ich habe leider Ihr Netz nicht beachtet und habe mich
verwickelt. Ach, entschuldigen Sie.«
Die Spinne kam etwas näher.
»Sie sind ja eine ganz dralle kleine Person«, sagte sie, und ließ sich
abwechselnd erst mit dem einen, dann mit dem andern Bein etwas los. Der
Faden schwankte. Es war wirklich erstaunlich, daß ein so dünner Faden
die große Spinne trug.
»Ach, helfen Sie mir los,« bat Maja, »ich will mich erkenntlich zeigen,
so gut ich kann.«
»Deshalb bin ich gekommen«, sagte die Spinne und lächelte merkwürdig.
Trotz dieses Lächelns sah sie heimtückisch und böse aus. »Sie zerstören
mir ja mit Ihrem Gezappel das ganze Netz. Wenn Sie einen Augenblick
stillhalten, will ich Sie befreien.«
»Vielen, vielen Dank«, rief Maja.
Die Spinne war nun ganz dicht neben ihr. Sie überzeugte sich genau, wie
fest Maja sich schon verwickelt hatte.
»Wie ist es mit dem Stachel?« fragte sie.
Nein, wie böse und garstig sah sie aus. Maja schüttelte es ordentlich
vor Entsetzen, wenn sie daran dachte, daß die Spinne sie nun berühren
wollte. Aber sie sagte so freundlich, als sie vermochte:
»Machen Sie sich wegen meines Stachels keine Sorge. Ich werde ihn
einziehn und dann verletzt sich niemand daran.«
»Das bitte ich mir aus«, sagte die Spinne. »Also! Aufgepaßt! Still
gehalten! Es ist wirklich schade um mein Netz.«
Die kleine Maja hielt still. Sie fühlte sich plötzlich herumgewirbelt,
immer auf demselben Fleck, so daß ihr ganz schwindlig zumute wurde. Sie
mußte die Augen schließen, und ihr wurde übel. -- Aber was war das?!
Entsetzt riß sie die Augen auf. Sie war über und über eingewickelt von
einem ganz frischen klebrigen Faden, den die Spinne bei sich gehabt
haben mußte.
»O du lieber Gott«, sagte die kleine Maja leise und mit bebender Stimme.
Mehr sagte sie nicht. Nun war es zu Ende. Nun erkannte sie die
Hinterlist der Spinne. Nun erst war sie gefangen, nun gab es kein
Entrinnen mehr. Sie konnte keinen Flügel, kein Glied ihres Körpers mehr
bewegen.
Ihr Zorn und ihre Wut waren verflogen, nur eine große Traurigkeit kam
über ihr Herz. Ich habe nicht gewußt, daß es soviel Schlechtigkeit und
Bosheit in der Welt gibt, dachte sie. Nun kommt meine tiefe Todesnacht,
leb' wohl, helle Sonne, lebt wohl, meine lieben Gefährten, warum hab'
ich euch verlassen? Lebt alle wohl. Ich muß sterben.
Die Spinne saß vorsichtig ein wenig beiseit. Sie fürchtete sich immer
noch vor dem Stachel der kleinen Maja.
»Nun?« fragte sie spöttisch, »wie befinden Sie sich, meine Kleine?«
Maja war zu stolz, dieser Falschen noch zu antworten. Nur nach einer
Weile, als sie glaubte, ihre Traurigkeit nicht mehr ertragen zu können,
sagte sie:
»Töten Sie mich bitte gleich.«
»I wo,« sagte die Spinne und verknotete ein paar zerrissene Fäden,
»meinen Sie, ich wäre so dumm wie Sie? Sterben tun Sie sowieso, wenn man
Sie nur lange genug hängen läßt, und ich kann Ihnen Ihr Blut auch noch
aussaugen, wenn Sie nicht mehr stechen können. Es ist nur schade, daß
Sie nicht mehr sehen können, wie Sie mein schönes Netz zugerichtet
haben, dann würden Sie Ihren Tod wenigstens als gerecht empfinden.«
Sie ließ sich blitzschnell bis an die Erde nieder, legte das Ende des
neugesponnenen Fadens um einen kleinen Stein und zog es fest an.
Dann kam sie wieder herauf, ergriff das feste Seil, an dem die
eingewickelte Maja hing, und schleppte es langsam mit ihrer Gefangenen
fort.
»Sie kommen in den Schatten, meine Liebe,« sagte sie, »damit die Sonne
Sie nicht austrocknet. Da oben wirken Sie mir auch zu abschreckend auf
andere Leutchen, die nicht aufpassen können. Und die Grasmücken kommen
auch zuweilen auf den Gedanken, mein Netz zu plündern. Und damit Sie
wissen, mit wem Sie zu tun haben: Ich heiße Thekla, von der Familie der
Kreuzspinnen. Ihren Namen brauchen Sie mir nicht zu nennen, er ist
gleichgültig, ein fetter Bissen sind Sie jedenfalls.«
Da hing nun die kleine Maja tief im Schattendunkel des Brombeerbusches
dicht über der Erde, der Grausamkeit der Spinne hilflos überliefert, die
vorhatte, sie langsam verhungern zu lassen. Da sie mit dem Köpfchen nach
unten hing, fühlte sie bald, daß sie diese schreckliche Lage nicht lange
aushalten würde. Sie wimmerte leise vor sich hin, und ihre Hilferufe
wurden immer schwächer. Wer auch sollte ihr helfen? Die Ihren daheim
wußten nichts von dem Leid, das ihr widerfahren war, und konnten nicht
zu ihrer Befreiung herbeieilen.
Da hörte sie plötzlich unter sich im Gras jemanden mißmutig brummen, und
sie verstand die Worte:
»Ich komme, das genügt für alle, um Platz zu machen!«
Ihr geängstigtes Herz begann stürmisch zu klopfen, denn sie erkannte an
der Stimme sogleich den Mistkäfer Kurt, den sie damals bei der Grille
Iffi belauscht hatte, und dem sie geholfen hatte, sich aus seiner bösen
Lage wieder aufzurichten.
»Kurt,« rief sie, so laut sie konnte, »lieber Kurt!«
»Machen Sie Platz«, rief der blaue Kurt, der es in der Tat war.
»Ich bin Ihnen ja nicht im Weg, Kurt,« rief Maja, »ach, ich hänge hier
über Ihnen, die Spinne hat mich gefangen.«
»Aber wer sind Sie denn?« fragte Kurt. »Ich bin sehr bekannt, überall,
das werden Sie jetzt voraussichtlich zugeben?«
»Ich bin die Biene Maja. O bitte, bitte, helfen Sie mir!«
»Maja? Maja? -- Ach, ich erinnere mich. Sie lernten mich vor einigen
Wochen kennen. Sapperlot, Sie sind allerdings in einer fatalen Lage, das
muß ich zugeben, da ist freilich meine Hilfe nötig. Da ich
augenblicklich Zeit habe, werde ich sie Ihnen nicht verweigern.«
»O lieber Kurt! Können Sie diese Fäden zerreißen?«
»Diese Fäden? Wollen Sie mich beleidigen?« Kurt schlug mit der Hand auf
die Muskeln seines Arms. »Sehen Sie her, Kleine, das ist so gut wie
reinster Stahl! So was an Kraft finden Sie so leicht nicht wieder. Ich
nehme andere Dinge auf mich, als ein paar Spinnweben zu zerschmettern.
Sie werden Ihr Wunder erleben.«
Er kroch an dem Blatt empor, ergriff den Faden, an dem die kleine Maja
hing, hielt sich daran fest und ließ dann das Blatt los. Der Faden riß
und beide fielen zu Boden.
»Das wäre der Anfang«, sagte Kurt. »Aber Sie zittern ja, kleine Maja,
ach Arme, wie blaß Sie sind. Wer wird sich denn so vor dem Tode
fürchten? Dem Tod muß man ruhig ins Auge sehn, wie ich es zu tun pflege.
So, nun werde ich Sie auspacken.«
Es war der kleinen Biene unmöglich, ein Wort zu sprechen. Helle
Freudentränen liefen ihr über die Wangen. Sie sollte frei werden, sie
sollte wieder im Sonnenschein fliegen, wohin sie wollte, sie sollte
leben.
Da sah sie über sich die Spinne die Brombeerranke herunterkommen.
»Kurt,« schrie sie, »die Spinne kommt!«
Kurt ließ sich nicht stören, er lachte nur vor sich hin. Er war
allerdings ein außerordentlich starker Käfer.
»Die überlegt es sich noch«, sagte er ruhig.
Aber da erklang schon die böse krächzende Stimme über ihnen:
»Räuber! Zu Hilfe! Man beraubt mich. Was haben Sie dicker Lümmel mit
meiner Beute zu schaffen?!«
»Regen Sie sich nicht auf, Madame«, sagte Kurt. »Ich werde mich wohl
noch mit meiner Freundin unterhalten dürfen. Wenn Sie noch ein Wort
sagen, was mir nicht gefällt, so zerreiße ich Ihnen Ihr ganzes Netz.
Nun? Warum sind Sie denn plötzlich so schweigsam?«
»Ich bin eine geschlagene Frau«, antwortete die Spinne.
»Das tut nichts zur Sache«, meinte Kurt. »Jetzt machen Sie, daß Sie
weiterkommen!«
Die Spinne warf einen haßerfüllten und giftigen Blick auf Kurt, aber
dann sah sie zu ihrem Netz empor und überlegte sich die Sache. Langsam
kehrte sie um und schalt leise und grimmig vor sich hin. Da nützte
allerdings kein Biß und kein Stich, gegen einen solchen Panzer, wie Kurt
ihn trug, war nicht anzukommen.
Sie klagte auf das heftigste über die Ungerechtigkeit der Umwelt und
versteckte sich für alle Fälle vorläufig in einem welken Blatt, von dem
aus sie ihr Netz übersehen konnte.
Inzwischen war Kurt unten mit der Befreiung der kleinen Maja zu Ende.
Er hatte die Gewebe zerrissen, ihre Flügel und Beinchen befreit, und
den Rest konnte sie nun selbst übernehmen. Sie putzte sich froh und
glücklich, wenn auch nur langsam, weil sie sehr geschwächt war von ihrer
Angst und immer noch zitterte.
»Sie müssen es vergessen,« sagte Kurt, »dann hört das Zittern auf.
Versuchen Sie mal, ob Sie fliegen können.«
Maja erhob sich mit leisem Summen, es ging vortrefflich, und sie
erkannte zu ihrer Freude, daß keins ihrer Glieder beschädigt war. Sie
flog langsam bis zu den Jasminbüschen hinauf, trank gierig von dem
duftenden Honigsaft, den sie in großer Fülle fand, und kehrte dann zu
Kurt zurück, der das Brombeergebüsch verlassen hatte und im Gras saß.
»Ich danke Ihnen von ganzem Herzen«, sagte Maja, tief ergriffen vom
Glück ihrer neuen Freiheit.
»Es ist schon sehr dankenswert, was ich getan habe,« meinte Kurt, »aber
ich bin immer so. Nun fliegen Sie nur weiter. Ich würde Ihnen raten,
sich heute abend früh aufs Ohr zu legen. Haben Sie weit bis nach Haus?«
»Nein,« antwortete Maja, »nur ein paar Minuten, ich wohne am Buchenwald.
Leben Sie wohl, Kurt, ich werde Sie nie vergessen. Nie will ich Sie
vergessen in meinem ganzen Leben.«